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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Gestylte Geschichte

Gestylte Geschichte

Gestylte Geschichte
Vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern
Mit Essays von Hermann Glaser und Michael Salewski

Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1989, 315 Seiten (zus. mit R. Gries/V. Ilgen), ISBN 3924550360

Gestylte Geschichte ISBN 3924550360Warum die Fünfziger Jahre in den Achtzigern Hochkonjunktur haben…

Kanzler Kohl im Kabinenroller: Was treibt den Enkel dazu, sich hinter den Lenker des Messerschmidt-Vehikels zu zwängen, von dem die Werbung 1954 behauptete: „Er kippt nicht”?

Helmut Kohl ist keine Ausnahme: in den achtziger Jahren feiert die Adenauer-Ära fröhliche Urständ. „Geschichte”, hier: die Geschichte der Fünfziger Jahre, wird zu einem Alltags- und Gegenwarts-Phänomen: sie wird als Droge den Defiziten unserer Zeit entgegengestellt.

Diese alltägliche Aneignungen von Geschichte werden nicht schriftlich, sondern in Form von Bildern vermittelt. Die Analyse dieser Geschichtsbilder führt nicht nur in die Vergangenheit, sondern gerät überdies zur Archäologie der Gegenwart.

Die Autoren sind den umlaufenden Geschichtsbildern von jener Epoche auf ungewöhnliche art nachgegangen. Aussagekräftige Bilder der fünfziger Bilder der fünfziger Jahre manifestieren sich beispielsweise im Modellbau, werden in vielfältiger Weise von der Werbung aufgegriffen und von Politikern wie Helmut Kohl und Norbert Blüm benutzt.

Geschichte wird in der entwickelten Konsumgesellschaft gebraucht und verbraucht, gestylte und verkauft. Geschichte wird als „Heimat” zum Konsumgut.

Rezensionen:

Badische Neueste Nachrichten BNN, Karlsruhe 16./17. Juni 1990:

„Dann fliegt der Ruhm der Ahnen und ehr­würdigen Väter
Über die Söhne und Kinder bis zu den Enkeln hinunter,
Die das Erbe verwal­ten, heute, und wenn ihre Kräfte
Zu erlahmen drohen im Tagesgeschäft ihrer Pflichten,
Len­ken sie gerne den Blick zurück auf die fünfziger Jahre,
Schauen die Bilder wieder, empfangen die Losung, und dankbar
Der erinnerten Mu­ster wirken sie gleich schon erfrischter.”

So lauten Anfangszeilen im „Schöpfungsmy­thos” vom Nachkriegsjahrzehnt; einer Leseinsel, die das dreiköpfige Autorenteam in ihr Buch „Gestylte Geschichte” eingebaut hat. Die fünfzi­ger Jahre stehen dabei nur als ein Beispiel; der Befund greift weiter aus: Vergangenes erscheint in rückblickenden Betrachtungen immer vergröbert, verfälscht ‑ zurechtgemacht, eben gestylt. Doch „Gestylte Geschichte” bedeutet noch mehr: Die jeweilige Zubereitung von Zeiträumen, von (Trug)bildern längst überlebter Gesell­schaftsform samt ihrer scheinbar so homogenen kollektiven Befindlichkeit, dient dem Styling der aktuellen Botschaft, ob in Werbung, oder Po­litik: Geschichte wird verarbeitet, um dem Konsumenten mittels einer auf Harmonie und Ge­borgenheit gestylten Vergangenheit in einer zer­rissenen Gegenwart eine überschaubare Zukunft zu bieten.

Die Autoren gehen bei dieser Analyse metho­disch neue Wege. Die Alltagsgeschichte des klei­nen Mannes beziehungsweise die Bilder, die da­von in einer gestylten Geschichtsklitterung hän­genbleiben, werden beleuchtet. Sie zeigen auf, wie die Schimäre idyllischer Einfachheit als Zugpferd beim Verkauf auch. der politischen Ware bewusst und unbewusst eingesetzt wird. Der Zeitgeist, dem die mentalen Bilder von Ge­schichte wie austauschbare PuzzIestücke eingebaut, sind, greift in einer orientierungslos wa­bernden und vom verselbständigten Fortschritt gefährdeten Moderne auf „die gute alte Zeit” zurück: Die Epoche der Großväter, die „falschen Fünfziger”, verkaufen die Enkel als Modell für eine „schöne neue Welt”. Styling ist alles, Ge­schichte nicht mehr vergänglich, sondern zum jeweiligen Gebrauch neu verwertbar.

Essays zweier führender Vertreter der deut­schen Historikerzunft erweitern den Gegenstand der Untersuchung, ohne Aussagen zu verwischen. Hermann Glaser variiert das Thema, in­dem er einen Rückgriff auf das 19. Jahrhundert macht, und Michael Salewski, indem er in einem Ausgriff nach vom die Vergangenheit im Spie­gelbild der Science‑fiction beleuchtet. Überhaupt fasziniert der offene Aufbau des Buches der drei Freiburger Kulturwissenschaftler. Auf mehreren Bahnen, ob in streng analysierender Wissen­schaftsprosa, in plauderndem Erzählen von Wirklichkeit oder im in hexametrischer Form gegossenen Mythos vom „Goldenen Zeitalter der Bundesrepublik” wird das Thema eingekreist.

Dabei findet der Leser immer neue Wege zu dem das herkömmliche Geschichtsverständnis spaltenden Kern der These: Geschichte ist der
Steinbruch für die Bildhauer jeder Zeit. Das Styling der Vergangenheit sagt mehr über die Befindlichkeit von heute als über das Sein von
gestern aus.

HORIZONT, Zeitung für Werbung und Medien, Nr. 41, 13. Oktober 1989:
Lust auf die Fünfziger
Der alltägliche Umgang mit Geschichtsbildern

Von Wolfgang Jendsch

Die Zeichen der Zeit stehen auf Rückblick. Den vergan­genheitssüchtigen Zeitgenossen wird in konsumfreundlichen Häppchen zubereitet und mit gro­ßem Tamtam präsentiert, was sie aus zweitausend Jahren abendländischer Geschichte auch ­nur entfernt ansprechen könnte. Eine ganz spezielle Epoche scheint dem Revival‑Streben zumindest in der Bun­desrepublik wie auf den Leib ge­schneidert zu sein: die berühmt‑be­rüchtigten fünfziger Jahre.
Der selektive Griff in die Mottenkiste

Jeder, der hierzulande nur irgend­wie up to date erscheinen möchte, bedient sich des selektiven Griffs in die weitgeöffnete Mottenkiste der Adenauer‑Ära. Bundeskanzler Hel­mut Kohl versuchte, sich auf der Hannover‑Messe 1988 in einen Messerschmidt‑Kabinenroller zu zwängen; Heinz Erhard, jener rund­lich‑freundliche Schalk, der das Bild des spießig‑miefigen Bundesbürgers der Wirtschaftswunderzeit so hin­tersinnig verkörpern konnte, reizt wieder die Lachmuskeln der Enkel in avantgardistischen Programmki­nos, und die dynamischen Nachfol­ger der „Null‑Bock‑Generation” su­chen auf Flohmärkten verzweifelt nach Humphrey‑Bogart‑Trench­coats und angestaubten Tütenlam­pen aus der Nierentisch‑Periode.

Kein Wunder, dass auch wir Wer­bemenschen seit geraumer Zeit die Epoche der „Golden Fifties” als vielversprechenden Reklame‑Back­ground für die Produkte unserer Kunden entdeckt haben: Da fliegen die Petticoats von pferdebeschwanz­ten Teenagern bei heißen Rock­-around‑the‑clock‑Rhythmen aus ei­nem High‑tech‑Radio von Philips, da demonstriert Romika die Trittfe­stigkeit seiner Leichtlaufschuhe auf granitenem Fünfziger‑Jahre‑Kopf­steinpflaster, da cremt die Autopfle­gefirma Johnson eine Borgward­-Isabella mit Spezialwachs auf Hoch­glanz und konserviert ihn so für das nächste Jahrtausend, und auch der Kaffeeröster Jacobs mag bei der Ein­führung der neuen Marke „Swing” nicht auf die Hilfe eines schwarzen Porsche‑A‑Cabrios aus jenen sagen­umwobenen Tagen verzichten. Und natürlich, auch die Lucky‑Strike ist wieder da in alter Frische, jene Zigarette, die neben der Chesterfield ­einst die Währungseinheit der bizo­nalen Deutschen darstellte! In den Fünfzigern womöglich banale Alltagsgegenstände, erscheinen die Ver­satzstücke jener Epoche heute als Symbole einer positiv gewerteten Zeitspanne, denn „…unter den For­men, wie sich Menschen an Ge­schichte orientieren, spielt die Ori­entierung über das Symbol eine wichtige Rolle”. (Rolf Schörken). Der mentale Zu‑ und Rückgriff be­fördert den Gegenstand zum Sym­bol, indem er ihn mit Sinn erfüllt, ihn in ein überzeitliches und über­räumliches Gespinst von Ideen und Gefühlen verpackt.

Ein rosafarbener Marilyn‑Mon­roe‑Cadillac ist zunächst nichts an­deres als ein Auto, strahlt aber in unserem Verständnis weit mehr aus: Unbegrenztheit und Aufbruch, Lasz­ivität, aber auch Unschuld, Ameri­can Dream und Abenteuer. Die Verwendung eines solchen Wagens in vielen Anzeigenkampa­gnen zeigt denn auch den kollektiv­positiv besetzten Symbolgehalt, auf den jeder Art‑Director - unabhängig vom Sujet „Fünfziger Jahre” - gezwungen ist zu rekurrieren. In ih­rer materialreichen Studie geht das Autorenteam aus Freiburg, die All­tags‑ und Kulturhistoriker Rainer Gries, Volker Ilgen und Dr. Dirk Schindelbeck neue Wege. Sie defi­nieren das Geflecht, in dem die Symbole eingebunden sind, als „Ge­schichtsbilder”. Erinnerungen zählen dazu, Asso­ziationen, Gefühlsgemengelagen, Ideologeme und Fetzen von Ge­schichtsschreibung.
Der Modellbau spiegelt eine Idylle in Plastik

Diese mentalen „Bilder” spiegeln sich nach Ansicht der Autoren in visualisierter Form wider, etwa ei­nem Foto innerhalb einer Anzeige, auf dem ein 50er‑Jahre‑Ensemble arrangiert ist. Der Begriff „Geschichtsbild” hat für sie also doppel­te Bedeutung. Folgerichtig begreifen sie die zwei Bilder, das mental‑diffu­se und das visualisiert‑konkrete, als aufeinander bezogene Kommunika­tionssituationen, die es aufzulösen gilt, um so die mentalen Gehalte und die bewusst‑unbewussten Zielvorstellungen ihrer Produzenten ausloten zu können.

Das Buch nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn Schritt für Schritt in das „Wesen” von Ge­schichtsbildern ein. Zunächst wer­den deskriptiv einzelne Versatzstücke des vorherrschenden Bildes von den fünfziger Jahren entfaltet, das mehr oder minder homogene Quali­tät zu besitzen scheint, wie die Auto­ren in ihrer Arbeitshypothese for­mulieren: „Sitzen mit dem Kanzler tatsächlich Ökofreaks, Yuppies, Elvis‑Fans, Oma und Enkel ein­trächtig glücklich im Kabinenrol­ler?” Mittels einer ungewöhnlichen Quelle, nämlich dem Modellbau, versuchen die Autoren dieser Frage nachzugehen. Gerade im Modellbau scheint wie bei keinem anderen industriellen Produkt das Fünfziger-­Jahre‑Bild konkret fassbar zu sein, ist es doch in des Wortes wahrster Bedeutung hier zu Plastik geworden!

Die Autoren schälen aus dem En­semble der Häuschen und Beschil­derungen „en miniature” signifikan­te Versatzstücke des Fünfziger‑Jah­re‑Mythos heraus, die für die Mo­dellhersteller zweifelsohne zumin­dest zum konsumtiven Alltagsleben der fünfziger Jahre zählen: wir fin­den ein Sissi‑Kino, eine Milchbar, einen Gemüse‑Kiosk, eine Tankstel­le, einen Metzgerladen, mehrere Handwerksbetriebe, Adenauer‑Pla­kate und Maggi‑Schilder. Es entsteht vor unseren Augen das „Bild” einer kleinen, idyllischen Stadt vorindu­strieller Prägung und spitzwegscher Beschaulichkeit.

Das Freiburger Team bezeichnet diese Versatzstücke als „Örtlichkei­ten”, als Mark‑ und Ecksteine des Fünfziger‑Jahre‑Bildes. In einem zweiten Schritt wird das so gewonnene Bild an­hand weiterer Aneignungen, zum Beispiel in der Politik, über­prüft. Die wesentliche Aneignung findet jedoch in der Werbung statt. Hier zeigt sich, dass der von den Autoren erarbeitete „Örtlichkei­ten”‑Kanon trägt: auch die Bilder, die von der Werbung entworfen wer­den, sind den Modellbaubildern in­härent.
Heimat ist jederzeit an jedem Ort herstellbar

Das Ergebnis ist im Grunde nicht überraschend, werden die fünfziger Jahre doch in allen kommerziellen Aneignungen idyllisiert und harmonisiert. Die „Örtlichkeiten” struktu­rieren „Heimat”, denn „Heimat”-­Gefühle soll die Vorstellung vom Jahrzehnt des „motorisierten Bie­dermeier” (Erich Kästner) wecken, um in einer unüberschaubaren Welt Halt zu verleihen und Geborgenheit zu spenden. Die These, die von den Autoren aufgestellt wird, lautet daher: „Hei­mat ist jederzeit an jedem Ort von jedermann durch Einsatz bestimm­ter mythisch befrachteter Versatzstücke, zu Symbolen aufgestiegener Gegenstände herstellbar ‑ auch und gerade in den Medien und in der Werbung!”
Hier, und das ist eine Kritik an der vorgelegten Arbeit, wären weitere Überprüfungen zum Beispiel an den entsprechenden Entwürfen des „Weltersatzes Fernsehen” hilfreich gewesen. Wünschenswert wäre dar­über hinaus ein Register und ein Literaturverzeichnis, doch kann dieses kleine „Manko” den positiven Ge­samteindruck kaum beeinträchtigen.

Kulturpolitische Mitteilungen nr. 52 I/91
Es gibt Bücher, die sperren sich dem schnellen Zugriff des Rezensenten und damit der einfachen Interpretation. So auch im vorliegenden Fall, wo theoretischer Ansatz und Konsistenz der Darstel­lung dem sozialgeschichtlich geschulten Historiker ebenso wie dem interessierten Laien einige Probleme aufgeben dürften. Wer also eine Geschichte der bundesre­publikanischen Alltagskultur und ihrer politisch‑ökonomischen Indienstnahme erwartet, wird genauso enttäuscht wie jemand, der glaubt, nur ein politisch­-historisches Lesebuch vor sich zu haben.

Die vorliegende Publikation ist eigentlich alles: bundesrepublikanische Kultur‑,
Politik‑ und Wirtschaftsgeschichte und doch wiederum alles nur etwas. Das
Buch ähnelt einem Baukasten, der sich weigert, zusammengestellt zu werden; es
liefert immer neue Versatzstücke und Bausteine, die das fertige Mosaik aber nur
erahnen lassen. Doch gerade das macht „Gestylte Geschichte“ ebenso spannend
wie anstrengend.

Ausgehend von eher grundsätzlich the­oretischen Überlegungen zu ‚Geschichte als historische Kulturwissenschaft’ widmet sich das Buch zunächst augenfälli­gen ‚Formen inszenierter Geschichte’, wie sie in den zahllosen Stadtfesten, Rittertur­
nieren, Kramermärkten, wie überhaupt in der Renaissance der Historie in Ost­
und Westdeutschland – sei es als posi­tive Erbaneignung, sei es als Ausdruck
des Verlusts von sinnstiftender Heimat – fröhliche Urstände feiern. Sodann erfolgt
der reflektierende Rückgriff auf die fünfziger Jahre anhand ausgewählter, durch­
weg methodisch interessanter Einzelbei­spiele. Ob nun das in der heutigen
(Eisenbahn‑)Modellweit ventilierte Bild der 50er Jahre, der Rückgriff der Werbung
auf den Mythos des scheinbar unbeküm­merten Wiederaufbaus oder die aktuelle politische Indienstnahme des Adenauer-­Nimbus dabei im Mittelpunkt stehen, die Aussage ist ebenso klar wie einleuchtend: Geschichte wird inszeniert, weil sie angesichts der kulturpessimistischen Ge­genwart zumindest die „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing) verspricht, wie Hermann Glaser in seinem mitaufgenommenen Essay „Der Rückgriff auf das 19. Jahrhundert“ betont. Daß diese Funktionalisierung der Geschichte auch vor der Zukunft nicht haltmacht, beweist zudem Michael Saiewski, dessen Replik auf den Science‑Fiction‑Roman unter dem Titel „Der Ausgriff nach vorn“ schließlich das Ende der Veröffentlichung markiert.

Fazit: „Gestylte Geschichte“ liefert einen gewichtigen Beitrag zur Erkenntnis des kulturhistorischen Stylings dieser Ge­sellschaft. Diese Erkenntnis erschließt sich jedoch nicht gleichsam naturwüchsig, sondern verlangt Grenzgänger zwischen Kultur, Politik und Geschichte, die auch den Umweg nicht scheuen, um zum Ziel zu gelangen. Für diese allerdings ist das Buch in seinem Konnex von Kultur und Gesellschaft mehr als lohnenswert. (F K.)

SÜDKURIER Nr. 58, 10. März 1990:
Mit Sissi gegen den Frust
Freiburger Historiker über „gestylte Geschichtsschreibung”

„Er kippt nicht”, behauptete die Firma Messerschmitt 1954 von ihrem Kabinenroller. 1988, auf der Hannover‑Messe, zwängte sich Bundeskanz­ler Helmut Kohl in das dort ausgestell­te alte Messerschmitt‑Modell. Ein zufälliger Ausflug in die fünfziger Jahre? Nein, sagen die Freiburger Autoren Rainer Gries, Volker Ilgen und Dirk Schindelbeck: Kohl hole sich aus den 50ern die ideologische Geborgenheit, die er in den 80er Jahren nicht mehr finde. ‑

Kippt auch Kohl nicht, weil er im­mer wieder geschickt am Klischee der 50er Jahre anknüpft? Weil er ideologi­sche Versatzstücke aus der damals angeblich heilen Welt ‑ wie Sissi­-Filme und Heimatschnulzen ‑ gegen Umweltkatastrophen, Drogenpro­bleme, Arbeitslosigkeit und Renten­krise hält, um sozusagen mit Sissi gegen den „Frust“ der 80er vorzu­gehen?
Das ist die These des Autoren­teams: Gestylte Geschichte lege sich wie Zuckerguss über Gräben und Ris­se der Gegenwart. Die Schaber und Sonden, mit denen die Freiburger den Zuckerguss abkratzen und untersu­chen, holen sie sich aus den Werk­zeugkästen französischer und italieni­scher Historiker. Sie rücken damit zunächst dem Vorurteil auf den Leib, dass man Geschichte noch einmal zei­gen könne, wie sie wirklich gewesen war. Die „scharfe Trennlinie zwi­schen Gegenwart und Vergangenheit“, die viele Historiker ziehen, ge­höre ins Reich der Märchen ‑ eine Zwecklüge, mit der sich viele Histori­ker ein scheinbar neutrales, erhöhtes Plätzchen sowohl über den Köpfen der Gewesenen wie auch der Heutigen sichern wollen. Geschichte sei viel­mehr eine „Serie von Diskursen“, ein Mosaik aus Geschichtsbildern, das sich die Historiker nach Interessen, Launen und Geschmack der Gegen­wart zusammensetzten.

Diese Geschichtsbilder nehmen sich die Autoren vor. Genüsslich zerlegen sie Krämermärkte und Rittertur­niere, schlendern durch bundesdeut­sche „historische“ Handwerkergäss­chen und die Husemannstraße im Osten Berlins, wo die ehemaligen DDR‑Oberen auch ein bisschen Zuckerbäcker spielen wollten ‑ wie Kom­munalpolitiker und Geschäftsleute in Frankfurt oder Hildesheim, die in der „historischen“ Römerzeile oder im „alten“ Knochenhauerhaus das Klischee einer „guten alten Zeit“ mit Schöner Wohnen, Kultur und Kommerz unter einem Dach zusammenge­bracht haben.

Immer wieder kehren unsere drei Autoren in die fünfziger Jahre zurück –
in die große Zeit der Tankwarte beispielsweise, die mit ihren Firmenuniformen und mit dem Benzingeruch einen Hauch von weiter Welfin die auto‑mobile Wachstumsgesellschaft brachten. Borgwards Lloyd war für die junge BRD in den 50er Jahren, was bis vor kurzem der „Trabi“ in der DDR darstellte. Nicht mehr mit Panzern und Kübelwagen, sondern mit den „Leu­koplastbombern“ von Lloyd und natürlich mit „VauWeh“ began­nen die Deutschen fremde Länder zu er­obern. Italien, das Land der Capri‑Fi­scher, war besonders beliebt. Die Cola­-Werbung gab das US-­Freizeitmotto vor: „Mach mal Pause“.

Die Zukunft der bundesdeutschen 80er Jahre liegt nicht nur für Helmut Kohl in der Vergangenheit, auch die Modellbauer draußen im Lande lieben Kleinstadtstraßen und Handwerkerhöfe der 50er Jahre. Die Spielzeugwelt, die kleine und große Modelleisenbahnfans zwischen Weichen und Züge stellen, haben die Freiburger Historiker als Geschichtsquelle entdeckt: Aus Metzgerei‑Modellen und Miniatur‑Kinos erschließen sie Mentalitäten und kulturelle Machtverhält­nisse.

Was die Modellbauer nicht interes­siert, ist auch für Helmut Kohl und seinen Sozialminister Blüm ‑ auch er ein Fan der Fünfziger ‑ kein Thema: die hohe Arbeitslosigkeit in der Früh­zeit der Republik, heftige Arbeits­kämpfe, Halbstarke und Aufrü­stungsgegner, die Ausgrenzung politi­scher Minderheiten oder Bebop als kultureller Vor‑Schein der kommen­den wilderen Jahrzehnte.

Der frühere Bundespräsident Gu­stav Heinemann hingegen wollte, dass Historiker und Geschichtsinitiativen in der deutschen Geschichte diejenigen Kräfte suchen, „die dafür ge­kämpft und gelebt haben, dass das deutsche Volk mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann“.

Weit zurückgegriffen haben die drei Autoren mit ihrem eigenen Schlusska­pitel: fühlt sich der Leser, nachdem er das Buch durchgearbeitet hat, ein biss­chen „reif für die Insel“, so braucht er nicht nach Capri zu fahren; er findet am Schluss eine von den Autoren selbst so ausgewiesene „Leseinsel“: Im antiken Versmaß lassen die drei Historiker die 50er Jahre noch einmal als „Schöpfungsmythos und Goldenes Zeitalter“ vorbeiziehen ‑ besser und gekonnter kann man Klischeebilder von Vergangenheit nicht freilegen.

Alfred Georg Frei

Paul Assall und Rolf Wiggershaus in der Sendung
„Das politische Buch“, SWF 2 am 16.9.1990, 17‑18 Uhr
:
Wiggershaus: „Bröckelnde Fassaden vor dem Nichts oder gestylte Fassaden vor Stahlbeton ‑ das ist, wörtlich wie metaphorisch ge­nommen die Alternative. Dieser Eindruck drängt sich einem auf, wenn man durch BRD und DDR reist. Es ist kaum ein Ereignis denk­bar, das das Selbstbewußtsein und das gute Gewissen der prosperie­renden und entsprechend zum Ruin der Erde beitragenden westdeut­schen Zweidrittel‑Gesellschaft besser hätte stärken können als die Ereignisse in Osteuropa und insbesondere in der DDR.”

Assall: „Obwohl vor der Wende erschienen und ein Stück Gegen­wartsanalyse, eine Analyse der fünfziger Jahre oder ‘Warum die fünf ziger Jahre in den achtzigern Hochkonjunktur haben’ , ist diese Studie durch die Ereignisse seit dem 9. November keineswegs über­holt, denn sie macht wesentliche Elemente der Mentalität deutlich, die die Reaktion auf jene Ereignisse bestimmt hat und weiter be­stimmen wird.

Wiggershaus: „Semiotik und Mentalitätengeschichtsschreibung kom­binierend tun die Autoren das, wozu sie sich auch auf Autoren der zwanziger und dreißiger Jahre wie Siegfried Kracauer hätten beru­fen können. Aus unscheinbaren Oberflächenäußerungen, unbeachteten Banalitäten erschließen sie die Befindlichkeit ihrer Zeit. Die un­scheinbaren Oberflächenäußerungen, auf die sich ihr Blick richtet, sind der Modellbau und die Werbung. Bilder von den fünfziger Jah­ren, wie sie in Modellbauten und Werbeanzeigen der achtziger Jahre zutage treten, werden zum Leitfaden für eine Archäologie der Ge­genwart. Das Buch ist als eine Art Lesebuch aufgebaut, enthält so­gar ein amüsantes, Homer nachempfundenes Epos über die westdeut­sche Nachkriegsgeschichte und abschließend Essays zweier Gastauto­ren, Hermann Glaser und Michael Salewski. Das Zentrum aber bilden detaillierte Analysen einer Reihe von Modellbauszenen und von Wer­beanzeigen zusammen mit einem Abschnitt über die Kategorie der ‘Heimat’ . Was ist zum Beispiel attraktiv an einer Modellbauszene, die ein Trümmergrundstück mit Wahlplakatwand und Bagger zeigt? Die Autoren in ihrer Interpretation:

„Wie wichtig das Signal ‘Adenauerkopf’ in diesem Szenario ist, läßt sich ermessen, wenn wir uns das Trümmergrund­stück einmal ohne Plakatwand und Bagger denken. Ohne deren zeitliche und örtliche Verankerungen wäre das zerstörte Haus nur ein sinnfälliges Symbol für Krieg. Plakatwand und Bagger indessen deuten die Ruine in positivem Sinne um, verorten sie im Westen, geben ihr das Gepräge des Überwundenen und laden sie mit Hoffnung auf, ja machen es möglich, daß sie heute als ein Stück unserer Legitimation und Identität angesehen werden kann. Wird auch noch ein gewaltiges Stück an Aufbauarbeit zu leisten sein, das für die Trümmerjahre relevante Aufräumwerkzeug, der Löffelbagger ist ein­satzbereit, der personifizierte Konsens Adenauer trägt. Somit unterstreicht paradoxerweise gerade das defizitäre Szenario besonders entschieden die Stabilität der Verhältnisse im westlichen Deutschland der fortgeschrittenen fünfziger Jahre.“ (S. 118)

Wiggershaus: „Auch die Ruine selber ist aufschlußreich. Es ist nicht die eines x‑beliebigen Hauses, das Eingangsportal demon­striert, daß es sich hier um ein Gebäude aus der Gründerzeit des Zweiten Reichs, der Hohenzollernmonarchie, handelt. Der Glanz des Großbürgerlich‑ und Großdeutsch‑Repräsentativen strahlt davon aus. So wird die Adenauerzeit zur Wiederaufnahme und Fortsetzung großer deutscher Geschichte, die durch das Verhängnis des Dritten Reichs unterbrochen, aber nicht abgebrochen oder nachhaltig gestört wur­de. Aus dem Ensemble derartiger Interpretationen ergibt sich ein Muster, das den Autoren eine fundierte Antwort auf die Frage er­laubt, welche Funktion also die Bilder der fünfziger Jahre für die achtziger hatten, was diese selektiven, gestylten Geschichtsbilder über die Befindlichkeit unserer Gegenwart aussagen. Die entschei­denden Stichworte dieses Musters sind die Unschuld, der Schwung und die Überschaubarkeit des Anfangs, an denen die Gegenwart partizi­pieren möchte, indem sie sich in der Kontinuität dieses Anfangs sieht. Was einst als das jüngst Vergangene zumindest für die Jüngeren altmodisch, trist und lächerlich war, ist in einer Zeit, in der der Fortschrittsmythos gebrochen ist und vor allem Jüngere dem Alten Reize abgewinnen, zu etwas kollektiv Geschätztem geworden.”

„Von all den guten alten Zeiten, die auf dem Historienmarkt feilgeboten werden, sind die fünfziger Jahre uns die nächsten. Ohne Scham und Kontinuitätsverlust kann sich hier die Bundesrepublik erstmals selbst zitieren. Der Traum vom ‘Genuß ohne Reue’, wie ein Werbeslogan der Zeit es treffend ausdrückte, scheint da auch für uns wieder erreichbar.” (S.133)

Wiggershaus: „Der Umgang mit den fünfziger Jahren ist aber letztlich ‑ und das sichert den Analysen von Gries, Ilgen und Schindelbeck Relevanz über die Konjunktur von Versatzstücken der fünfziger Jahre hinaus ‑ nur Teil einer Haltung, die eine verhäng­nisvolle Rolle spielte seit dem 19. Jahrhundert, seit der in Deutschland relativ spät einsetzenden und dann umso rascher und radikaler vollzogenen Industriealisierung und Modernisierung. Es ist, wie es Walter Benjamin einmal formulierte, der Blick auf die Technik aus der Gartenlaube. Es geht bei dieser Haltung darum, un­gezähmte Kommerzialisierung und Technisierung zu verschleiern und zu kompensieren durch Idylle, durch Herzenswärmer. Das technische Knowhow der Gegenwart hat die serielle Fertigung von Fünfziger­-Jahre‑ bzw. Heimat‑Partikeln perfektioniert. “Heimat”, so die Au­toren in einem pointierten Resumee:

„Heimat, als Atomsphäregarant geradezu unverzichtbar geworden, verwandelt freudloses Einkaufen und Konsumieren in behagliche Einkaufserlebnisse. Das Design unserer Ladenpassagen mit ihren künstlich eingezogenen Winkeln und Nischen, Brunnen und Hydroinseln komponiert eine virtuose Show aus Wärme‑ und Vertrautheitsmustern. DIN‑Heimaten ersetzen die Heimat.’ (S. 145)

Wiggershaus: „Das sollte uns nachdenklich und bescheiden machen beim Vergleich der bröckelnden Fassaden des Ostens mit den gestyl­ten Fassaden des Westens.”

(Ungekürzte Transskription der Bandaufzeichnung)

Volker Panzer im ZDF‑Kulturmagazin ASPEKTE:
„Die fünfziger Jahre als Heimat‑Rohmasse für die Jetzt‑Zeit: Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ‑ also auch der Modellbauer ‑ ist diese Epoche einge­graben als erste, bei der man kein schlechtes Ge­wissen zu haben braucht. Der Hoffnungsschimmer des Aufbaus wird in einem einzigen Sinnbild ausgedrückt: Konrad Adenauer.
Nicht Streiks, nicht Arbeitslosigkeit, nicht Atom­rüstung bleiben (im Modellbau) als nachbauwürdig haf­ten, sondern Ikonen, Klischees. Was damals gesät wur­de, kann, wer über den Tellerrand der Geschichte blickt, heute ernten…“

Hannes Keil im ZDF‑Kulturmagazin ASPEKTE:
„Drei Freiburger Wissenschaftler sind auf die originelle ‑ oder wie manche meinen, abwegige ‑ Idee gekommen, wie man die fünfziger Jahre gleichsam ‚über die Bande’ erforschen kann. Tausende von Fans basteln nämlich mit Hilfe von Modellbaukästen den äußeren Schein vergangener Epochen nach, und auf diesem Ge­biet sind die Fünfziger der absolute Renner.”

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 23. Februar 2009 11:16
Themengebiet: Publikationen