Der Kapitalismus siegt!

© 1990 Dirk Schindelbeck

Neulich kommen wir doch - Ines und ich - in der Albert-Schweitzer-Straße an der Menschen­handlung vor­bei, da sagt Ines: „Och, sieh doch nur mal, der da hinten in der Ecke im Laufstall. Der kleine braune… ist der nicht süß? Ist bestimmt ein Inder oder so…” - „Ja, ja, ich seh schon…” brummle ich und will Ines weiterschieben, aber sie bleibt störrisch stehen, drückt wie ein Schulmädchen ihre Nase an der Schaufensterscheibe platt, gestikuliert wild, winkt: „Lass ihn uns doch nur mal ansehen. Sieh nur, was der für schöne schwarze Augen hat! Und wie lieb der lacht!” Also gehen wir in das Geschäft, und ich will noch sagen: „Aber kaufen tun wir diesmal nichts, nur ansehen!”, doch mir schwant schon, dass die nächste halbe Stunde recht unkalkulier­bar sein wird. „Das verdammte System ist schuld!” denke ich bei mir und gehe mit Ines ins Ge­schäft.

Der widerlich freundliche Verkäufer zeigt uns, was der Kleine schon alles kann: Daumenlutschen, mit einem Löffel auf einen Tisch schlagen usw. Mich langweilt es, aber Ines ist ganz hingerissen. „Queruleser!” sagt der Verkäufer, „die sind jetzt ganz stark im Kommen. Wir haben schon vier Stück diese Woche verkauft. Sehen Sie nur mal allein die Haare - was der für Haare hat. Wie dicht die schon jetzt sind! Wenn der mal größer wird, was meinen Sie, was der für einen Locken­kopf bekommt. Und die Haut! Weich wie Samt, glänzend wie Bronze! Der braucht nie ins Sola­rium. An dem verdienen die keinen müden Euro!”

Ines sagt vor lauter Begeisterung schon nichts mehr und starrt nur verzückt auf den kleinen Kerl. Also muss ich wohl etwas vorbringen: „Aber die Sterblichkeitsrate. Die ist doch bei denen immer unheimlich hoch, keine Hygiene dort, dann der Klimawechsel…” - „Bei uns bekommen Sie auf jeden einzelnen Kopf eine Geld-zurück-Garantie von einem Jahr, und die umfasst Gesund­heits- und Erbmassegutachten, Wachstumserwartungskurve, Intelligenzmindeststandard. Aller­dings: die Pflege bleibt Ihnen überlassen, da können wir natürlich nichts garantieren.”

„Weiß ich schon,” sage ich entnervt zum Verkäufer, und zu Ines: „Aber wir haben doch schon drei. Und wir haben doch gar keinen Platz mehr… Und die andern fressen uns ja jetzt schon die Haare vom Kopf, obwohl sie noch gar nicht ausgewachsen sind. Wie soll das denn weitergehen? Und überleg mal: Wenn du nur zwei Stunden rechnest für Pflegeaufwand für jeden pro Tag, dann sind das ja jetzt schon zwei mal drei, also sechs Stunden. Und wenn noch einer dazu kommt…” - „Aber die beschäftigen sich doch miteinander,” meint Ines, „ob drei oder vier, das ist doch kaum ein Unterschied…” - „…ganz wunderbar,” fährt der Verkäufer genüsslich fort, „diese Art ist ganz wunderbar. Ich beobachte sie ja dauernd. Die sind nicht nur sozial, die sind sogar schon kooperativ. Ich seh es ja mehrmals am Tag, wie sie ihre Rasseln regelrecht austau­schen nach bestimmten, ja man muss wohl sagen, Gesetzen und Übereinkünften.” - „Nein,” sage ich, „und nochmals nein. Wir haben schon drei, vier sind einfach zuviel.”

Jetzt ist Ines richtiggehend sauer und hält sich nicht mehr zurück: „Du Menschenfeind! Du kin­derverachtender Egoist!” Auch der Verkäufer sieht mich vorwurfsvoll an. Aber er wäre ja kein Verkäufer, wenn er nicht auch jetzt etwas Passendes zu sagen wüsste: „Ich kann Ihnen nur sa­gen: Mit dieser Sorte haben wir überhaupt noch keine Probleme gehabt. Sie sind, obwohl aus den besten Elternhäusern, unglaublich anspruchslos und extrem wenig pflegeaufwendig. Das ist uns immer wieder bestätigt worden. Und es hat bislang auch noch keinen einzigen Umtausch gege­ben.” Und sein Gesicht erstarrt wieder wie ein Stück vorgeformtes Plastik, das in die Ausgangslage zurückschnappt wie zu einem vorher eingestellten, ekelhaft süßlichen Dauerlä­cheln. Ich spüre, dass mein Widerstand gegen das, was hier ablaufen soll, zu bröckeln beginnt, und verlege mich auf Hinhaltetaktik. „Können wir es uns denn nicht noch mal überlegen, zu Hause, in aller Ruhe?” sage ich, mit einem Anflug charmanten Lächelns, zu Ines, sie aber kontert gnadenlos: „Kannst Du denn überhaupt nicht mehr spontan sein? In den kleinen Kerl muss man sich doch auf Anhieb verlieben…”

Das hört der Verkäufer natürlich gern, und er setzt hinzu, es seien überhaupt die letzten dieser Art, die sie noch vorrätig hätten, und außerdem hätten sich gerade für den kleinen Schramil schon andere Kunden sehr lebhaft interessiert, und dann sei es zur Zeit recht schwierig, neue nachgeliefert zu bekommen wegen der innenpolitischen Schwierigkeiten vor Ort, ja, und außer­dem stehe natürlich in allernächster Zeit eine Preiserhöhung ins Haus, das sei schon jetzt abzu­sehen, erst recht aber, wenn die Regierung wechsle, was sich abzuzeichnen beginne, weil dann neben den Bestechungsgeldern für die neu eingesetzten Beamten ja weiterhin die Schweigegel­der für die dann entlassenen Beamten gezahlt werden müssten. All das zusammen bedeute, dass der nette kleine Schramil quasi ein Sonderangebot, ein echtes Schnäppchen sei. „Du siehst es,” springt Ines ein, „wir tun auch was für die Menschen dort. Wir entlasten sie nicht nur von ihrem Kinderreichtum, sondern geben ihnen auch noch eine kleine Ruhestandshilfe.”

Ich spüre, wie der Verkäufer innerlich grinst, und er holt zum entscheidenden Schlag aus. Ge­rade in der heutigen Zeit, angesichts des Überhangs von alten Menschen in unserem Lande und der damit verbundenen Rentenfinanzierungsproblematik müsse eigentlich jeder ernsthaft daran gehen, nachrückende und damit rentensichernde Generationen, sofern sie nicht aus eigenen Res­sourcen auf Sollstärke zu bringen seien, so doch dann wenigstens aus anderen Quellen aufzusto­cken. Dies sei ja im Grund die staatsbürgerliche Pflicht eines jeden, der selbst einmal Rente beanspruchen wolle. Und außerdem: das große internationale Sozialwerk „Aus Arm mach Reich!”, ja wo wäre es denn, wenn da nicht möglichst viele mitmachten, Verantwortung zeigten, sich in die Pflicht nehmen ließen usw. usw.

Ich kann diesen Verkäufer nicht mehr ertragen, ich verlasse vorzeitig die Menschenhandlung. Ich musste mir solche Phrasen schon bei den drei andern anhören, und den dritten, ich erinnere mich noch genau, haben wir damals nur gekauft, weil uns diese Argumente besonders überzeugt hatten. Aber heute nicht mehr! Das Argument ist, wie meine Geduld, endgültig verbraucht. Ich lasse mir nichts mehr vormachen. Vor dem Laden zünde ich mir eine Zigarette an und warte auf Ines.

Freudestrahlend erscheint sie nach ein paar Minuten, den kleinen Schramil in einem Sportkin­derwagen. „Ja, warum denn noch einen Kinderwagen? Wir haben doch schon zwei zu Hause!” - „Kannst du mir etwa verraten, wie wir den Kleinen nach Hause schaffen sollen?” - „Ich denke, er kann schon alles, laufen, klettern, Treppen steigen…” - „Du bist aber auch wirklich naiv! Man sollte kaum glauben, dass du Vater von drei Kindern bist…”

Wir treten den Heimweg an. Wenn ich ihn so von der Seite betrachte, scheint er mir eigentlich kein übler Bursche zu sein, der kleine Schramil. Ich fang an ihn zu pieksen. Er quiekt, es macht ihm Spaß. Irgendwie sitzen mir die Gedanken heute quer im Kopf und finden den richtigen Aus­druck nicht. Es ist halt mal wieder passiert. Und Ines geht wie verzaubert neben uns her…

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Sonntag, 17. Mai 2009 6:49
Themengebiet: Kurzgeschichten