Jagd auf den Sarotti-Mohr
Jagd auf den Sarotti-Mohr
Von der Leidenschaft des Sammelns
Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1997, 214 Seiten (zus. mit Volker Ilgen), ISBN 3596134854
In der Beziehungsgeschichte zwischen dem Menschen und den Dingen ist Sammeln, die Urhandlung allen Bewahrens, die vermutlich intensivste. Doch wenn, wie die Demoskopen festgestellt haben, fast jede (r) Zweite heute sammelt, reicht der individualpsychologische Blick („phallisch - narzißtische Persönlichkeiten“) allein nicht mehr aus. Sammeln heute ist ebenso gut ein Wirtschaftsfaktor wie ein Stück Alltagskultur.
So wuchs allein die innerhalb von nur drei Jahren entstandene Gemeinde der Ü-Ei-Figurensammler in den neunziger Jahren auf 800.000 Personen. Christie’s versteigert ein Reklame-Emailschild der Jahrhundertwende für 30.000 €. In einer gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung sind 15 verschiedene Teddybär-Spezialzeitschriften erhältlich. Zahlen, die Fragen aufwerfen.
Was gibt der Durchschnittsammler für seine Leidenschaft aus? Warum sammeln Frauen anders – und anderes – als Männer? Wann und warum entsteht oder stirbt ein Sammelgebiet?
Warum wurde Deutschland zwischen 1977 und 1983 zur professionellen Sammelnation? Welche Rolle spielt der Flohmarkt, die Entstehung von Preiskatalogen, die Sammelgemeinde und deren Rituale?
In einer unterhaltsamen, multimedialen Tour d’ horizont versucht das Buch, solchen Fragen auf den Grund zu gehen und Sammelkultur als Spiegelbild gesellschaftlichen Wandels zu begreifen. Eine Auswahl von Texten aus diesem Buch finden Sie hier.
Rezensionen
Berliner Lesezeichen, Heft 10, 2000, S. 114/15
Daniela Ziegler
Wie viel Sammlung braucht der Mensch?
Der Mensch sammelt bekanntlich. In grauer Vorzeit sammelte er Beeren, Kräuter und Wurzeln, schon immer sammelt er Erfahrungen und ab und an sich selbst bei Gottesdienst und Meditation. Briefmarken sammelt man nicht nur aus Interesse an fremden Ländern, sondern durchaus auch zu erotischen Zwecken: „Möchtest du meine Briefmarkensammlung anschauen?“ Eine Freundin meiner Mutter sammelt Steiff‑Tiere und eine Kollegin Porzellan‑Eulen.
Seit ich das Buch der beiden Autoren und Faktensammler gelesen habe, weiß ich, daß auch ich mit einigem Vorbehalt zu den Sammlerinnen gezählt werden kann. Mein Lebtag würde ich mich nicht von meinem pastellfarbenen Melitta‑Service aus den 50ern trennen. Selbstverständlich benutze ich es nicht, niemals. Mit dieser sentimentalen Vorliebe gehöre ich zur großen Sammlergemeinde der Melitta‑Erzeugnisse. Die Firma in Minden an der Weser profitiert davon. Bessere Werbung kann es nicht geben.
Fast jede/r tut es also. Aber warum bloß?
„Arme Gesellschaften sammeln nicht, oder sie sammeln, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt… Insofern ist die Frage, wie viel Sammlung der Mensch brauche, immer auch eine Frage, die an das Kollektiv zurückgegeben werden kann: Wie viel Sammlung braucht eine Gesellschaft, die ihre Zerstreuungsindustrie nur noch schwer ertragen kann und die sich unablässig zu Tode amüsiert?” Sammlung als Ausgleich zu Zerstreuung also.
Aber auch Rückwärtsträumen in eine als ideal erlebte Kindheit, denn ‑ wie die Autoren sagen ‑ auf Sammlerbörsen läßt sich „empirisch nachvollziehen, daß Sammeln der ewige Männer‑Selbstversuch bleibt, mit dem Erwerb der Droge Kindheitstraum aus dem Zwang der Gegenwart, erwachsen sein zu müssen, auszubrechen“. Ein Traum, den im übrigen auch Frauen träumen. Wenn ich da an mein 50er‑Jahre‑Melitta‑Serviee denke …
Überhaupt haben alte Werbung bzw. die Erzeugnisse bestimmter Firmen bei Sammlern einen hohen Stellenwert (siehe „Überall singt man’s im Chor, vielen Dank Sarotti‑Mohr!“, „Das Ei des Ferrero“, „Leben und Taten der Wikinger“. Der sammelnde Pfarrer von Gstaad („Bahnhofsmission am Zauberberg. Die Emailschilder‑Kollektion des Pfarrers von Gstaad“) nimmt zum Beispiel gern Emailschilder oder andere Werbeobjekte mit in den Gottesdienst, als Anschauungsmaterial bei der Predigt. Alte Werbung „…erinnert viele Leute an ihre Jugend und läßt sie von daher schon aus Nostalgie aufhorchen.”
Andere Themen des Buches sind die Büsten‑Sammlung der Walhalla und ein sehr spannender und lesenswerter Bericht über das Zusammentragen von Originalen aus dem DDR‑Alltag (”Zschopauer Tagebuchblätter. Als Sozialistica‑Sammler im deutschen Osten.“).
Kein Buch zum Schwelgen, sondern eine kulturgeschichtliche Betrachtung, die sich mit vielen schlauen Analysen um kritische Distanz zum Phänomen „Sammeln“ bemüht. So erfahren wir, daß der Sammler ‑ aus psychoanalytischer Sicht – „auf der analen Stufe stehen(bleibe), da seine Beziehung zu Menschen wie Objekten gestört“ sei: Die libidinöse Bindung, die er zu seinesgleichen nicht eingehen könne, erwarte er von den Objekten. Da genitale „Geschlechtsbeziehung und Sammeln sich gegenseitig“ ausschlössen, entstehe „zwanghaftes Verhalten.“
Das hört man nicht gerne. Tröstlich ist, daß die Autoren sich selbst als Sammler „outen“, womit man mit der eigenen mangelnden libidinösen Bindung an seine Mitmenschen zum Glück nicht alleine ist … (Wer gründet mit mir eine Selbsthilfegruppe anonymer Sammler?)
DARMSTÄDTER ECHO vom 23. 2. 1998, Seite 25
Von Sammeltassen und Überraschungseiern
Unterhaltsame Berichte über einen Volkssport / Von Holger Schlodder
Ob Bierdeckel oder Blechspielzeug Objekt der Begierde sind, banale Massenartikel oder Raritäten ‑ Sammeln ist ein Alltagsphänomen, und ‑ ein verkanntes dazu. Irgendwie hält man leidenschaftliche Sammler ja immer noch für Käuze, die Zeit, Geld (und nicht selten auch den Famflienfrieden) für ein verschrobenes Hobby opfern. Doch was ist eigentlich dabei, wenn der Chefarzt sich eine Kollektion alter Radioapparate zulegt, die er erfindungsreich repariert um sich am herzerwärmenden Aufglühen der Röhren zu erfreuen? Mit welchem Recht will man sich mokieren über den Schweizer Geistlichen, dessen Sammlung emaillierter Werbeschilder inzwischen auf einen Wert von 100 000 Franken angewachsen ist? Längst darf man sich ohne Imageverlust als Liebhaber von Automodellen outen. Und wer dann einmal bei einem Sammler alter Lurchi‑Heftchen oder Eisenbahnerdienstmützen die mühsam zusammengetragenen Schätze hat besichtigen dürfen, kann nur seinen Respekt bekunden vor dieser Ausdauer und dem hier akkumulierten Expertenwissen. Im Verein organisiert sind nicht nur Philatelisten und Bibliophile, auch die deutschen Kaffeerahmdeckelsammler haben sich zwecks Förderung Ihres Anliegens inzwischen mit Vorstand und Statuten zusammengeschlossen.
Zeit also, sich zu fragen, was es mit dem Sammeln auf sich hat. Wer wüßte bessere Antworten auf diese Fragen als die beiden Kulturwissenschaftler Volker Ilgen und Dirk Schindelbeck, die in Freiburg ein in seiner Art wohl einmaliges kultur- und werbegeschichtliches Archiv betreiben? Sie sind also auch selbst Sammler. Und zu einem der amüsantesten Kapitel ihres Buches gehört Ilgens Erfahrungsbericht über seine Fahndungen nach markanten realsozialistischen Frinnerungsstücken im deutschen Osten. Wie er da von der Gattin eines abgewickelten Russischprofessors zwar nicht den Mantel der Geschichte, aber immerhin ein Hostessen‑Kostüm zu erwerben hofft, das sie seinerzeit beim Treffen Brandt‑Stoph in Erfurt trug ‑ das ist ein Stück Realsatire vom Feinsten.
Ilgen und Schindelbeck verstehen sich als Sozialforscher, denen im Grunde kein Material zu trivial ist, um daraus nicht Rückschlüsse auf Mentalitäten, kollektive Befindlichkeiten und deren untergründige Veränderüng zu ziehen. Anders als die Individualpsychologie, die sich wegen des unübersehbaren Suchtcharakters schon frühzeitig mit dieser raffenden und hegenden Tätigkeit befaßt hat, interessieren sich Ilgen und Schindelbeck vor allem dafür, was gesammelt wird und wie. Und so haben sie sich umgesehen in Hobbykellern und auf Sammlerbörsen, haben Fachzeitschriften und Kataloge studiert und die feinen Unterschiede und abgestufte Grade der Vornehmheit untersucht, die es auch beim Sammeln gibt.
Eine Sammlung (etwa die in dem Buch beschriebene von Reklamebildern) kann zuweilen wie eine sozialgeschichtliche Dokumentation gelesen werden. Und es ist auch ein Indikator für die Verfaßtheit des Wirtschaftssystems, welche Warengruppen der Überschußproduktion durch eine Sammlungsbewegung ihres schnöden Gebrauchswertes enthoben und geadelt werden. Den Herstellern macht das zuweilen nicht nur Freude: Der Fabrikant der Schokoladen‑Oberraschungseier mag sich einerseits die Hände reiben über den Umsatzzuwachs, den er mit seinen süß umhüllten Plastikfiguren in Sammlerkreisen erzielt hat. Andereseits ist dem Schoko‑Riesen dieser Rummel aber gar nicht recht, weil er befürchten muß, daß sein Produkt als Spielzeug mit vollen 15 Prozent besteuert wird (statt der bisher sieben für Süßwaren) und die schlafenden Argusaugen der Finanzbeamten will man nicht unbedingt wecken. Auch die Sammler von Stilblüten kommen in dem flott geschriebenen und auf seine lockere Art informativen Buch auf ihre Kosten.
Der Kult um den Inhalt der Schokoloadeneier ist nach Ilgen / Schindelbeck übrigens symptomatisch für das Sammelfleber der postmodernen neunziger Jahre: Was aus dem Nichts entsteht eine Sammlerszene. die sich sofort ihr kommunikatives Netzwerk schafft, mit Katalog, Homepage hin Internet und eigenen Tausch‑ und Distributionswegen. Der Flohmarkt hingegen ist. wie die Autoren eindrucksvoll belegen, längst nicht mehr das, was er mal war. Die gelassene Tapeziertisch‑Anarchie ist mehr und mehr verbissenem Feilschen gewichen.
Kommerziafisierung also auch in Sammlerkreisen. Dazu paßt dann das jüngste Gerücht, deutsche Dentallabors seien dazu übergegangen, die be hrten Figuren aus den gerraschungseiern zu fälschen. Da bekommt man am Ende statt billiger Fernost‑Ware deutsche Wertarbeit untergejubelt.
Frankfurt Allgemeine Zeitung, 12. November 1997, Feuilleton S. 43
Nicht ohne meinen Seestern.
Was Sammlern das Leben verleidet und was sie erfreut
Die moderne Gesellschaft präsentiert sich als Ensemble vereinzelter Einzelwesen. Den Anspruch auf einen individuellen Lebensstil realisiert der Mensch dabei vorrangig in seiner Freizeit: hier wird der Buchhalter zum Bodybuilder, die Telegrammbotin zur Mundartdichterin und mein Onkel sammelwütig. Die Pluralität der Lebensstile meint vielerorts nichts anderes als die Differenz der Hobbywelten, mit denen der Mensch den anomischen Zuständen zu trotzen versucht.
Harry Nutt hat in seiner kleinen Reise durch die Freizeitlandschaft darauf hingewiesen (in: Merkur 6/1997), daß der Körper in den Hobbywelten eine zentrale Rolle spielt. Die Fülle der verschiedenen Sportdisziplinen, die Vielfalt ihrer Fachzeitschriften und die Popularität einzelner Sportler belegen diese These. Fit for fun und Spaß am Extremen, das sind die Maximen, nach denen ein Großteil der Bevölkerung seine Freizeit gestaltet. Turnvater Jahn hätte dies freilich entzückt, denn ist der Volkskörper gesund, freut sich die Wirtschaft. Doch ferner gibt es noch eine Freizeiterbauung, die im direkten Vergleich geradezu ätherisch wirkt: die Sammelleidenschaft. Volker Ilgen und Dirk Schindelbeck näherten sich dieser Passion in ihrem Buch »Jagd auf den Sarotti-Mohr« kenntnisreich und auf vielen Wegen.
Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird gesammelt! Von der klassischen Briefmarke über exklusives Geschirr bis hin zur ordinären Coca Cola-Dose. Aber nicht alles ist eigentlich für alle, dies zeigen Ilgen und Schindelbeck konkret bei der Betrachung verschiedenster Sammeldomänen. Das Sozialprofil eines Sammlers von Emailwerbeschildern unterscheidet sich so deutlich von dem eines Sammlers von Zuckerstücken oder Überraschungseierfiguren, und auch hier bestätigt sich Pierre Bourdieus Annahme, daß Geschmack stets Ausdruck der jeweiligen Schicht- bzw. Klassenlage ist. Gleichfalls spielen noch andere Kategorien bei der Wahl des jeweiligen Sammelobjektes eine Rolle, etwa die regionale Herkunft oder das Geschlecht: »Porzellan oder Stoff sind aus leicht nachvollziehbaren Gründen Frauen unendlich viel näher als Männern, die von allen Objekten aus Metall stark angezogen werden«.
Die Autoren beschreiben zudem, wie gewisse Sammelgüter von der Wirtschaft regelrecht entworfen und vermarktet werden. Die Compagnie Liebig beispielsweise, die den von Justus von Liebig entwickelten Fleischextrakt vertrieb, suchte solange nach einer Möglichkeit, die Attraktivität ihres Produktes zu steigern, bis man 1875 auf die Idee verfiel, die Einsendung einer gewissen Anzahl von abgelösten Dosenbanderolen mit aufwendig gestalteten, 11 x 7 cm kleinen und durchnumerierten Chromolithografien zu honorieren. Diese Sammelbilder, die Vorbilder der heutigen trading cards, mit den kunterbuntesten Motiven aus Kultur, Sport und Politik entwickelten sich innerhalb kürzester Zeit zu einem wahren Tauschschlager. Viele Leute erwarben Liebigs Fleischextrakt nur noch wegen der Werbezugaben; rasch entstand eine Sammlerszene mit speziellen Katalogen und Fachzeitschriften - in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts sogar das »Erste Liebig-Bilder-Special-Geschäft«.
Das Prinzip, Industriegüter durch ihre Limitierung und Numerierung begehrenswerter zu machen, funktioniert bis heute, ganz gleich ob bei Hard Rock Café-Pins oder Kaffeerahmdeckeln - wenngleich dies nicht unbedingt bedeutet, daß die Objekte dadurch wirklich selten sind. Die Explosion und der kurze Zeit später einsetzende Verfall der Telefonkartenpreise vor einigen Jahren machen deutlich, was passiert, wenn sich ein Produkt zu sehr an den Interessen eines Sammlermarktes orientiert. Die ‘raren’ Karten, die man früher per Abonnement für ein Vielfaches des eigentlichen Preises beziehen konnte, werden so heute weit unter dem Nominalwert gehandelt. Und überhaupt entpuppen sich viele erhoffte ‘Wertanlagen’ später bloß als Entsorgungsproblem für die Erben.
Obwohl die Autoren auch diese Kehrseiten kennen und benennen, geht es ihnen nicht darum, die Sammelleidenschaft bloßzustellen; vielmehr präsentieren sie sich selber als begeisterte Sammler von Wiking-Modellautos und Sozialistica und versuchen, die besondere Faszination des Sammelns in all seinen Facetten anhand von Interviews, Aufsätzen und persönlichen Erfahrungsberichten weiterzugeben. Entstanden ist so ein vielschichtiges Buch, an dessen Ende fast jeder Leser erkennen wird, daß auch in ihm ein ‘Sammler und Jäger’ steckt - ganz gleich ob er nun Gold, Macht oder Blechspielzeug hortet.
Marc Degens
AOL Bücherbrief
Besonders an den Wochenenden werden die SammlerInnen aktiv. Auf rund 500 Flohmärkten, 400 Sonntagsmärkten, kleineren Dorf‑ oder Kirchenbasaren oder privaten Märkten zu wohltätigen Zwecken, wird gehandelt, was die Geldbörse hergibt. Wem der Sinn danach ist, der kann in einem Radius von maximal 30 Kilometern um seinen Wohnort herum an jedem Wochenende um die zehn Flohmärkte abgrasen. Als Faustregel gilt: Je ländlicher die Region, desto weitmaschiger das Netz. Woher kommt jedoch die Sammelleidenschaft, auf welche Bereiche erstreckt sie sich und wer ist damit „infiziert“? Wer Antworten auf diese Fragen haben möchte, der greife zu diesem Buch, zu dem es in der Einleitung heißt: „Die Sammelleidenschaft ist ein verkanntes Alltagsphänomen unserer Zeit. Dabei zeigt doch schon eine kleine Umfrage im Bekanntenkreis, daß fast jede(r) einem Hobby frönt: Der eine sammelt mit wachsender Begeisterung Blechspielzeug aus Kaisers Zeiten, die andere hängt ihr Herz an bibliophile Erstausgaben, und ein dritter ist stolz, wenn er am Sonntag ein Röhrenradio wieder zum Laufen bringt. Für Nachschub scheint gesorgt, geht doch die Zahl der heute auch schon an Wochentagen stattfindenden Flohmärkte, Sammelbörsen oder Sonderaktionen allein in Deutschland in die Tausende.“ Das Buch nähert sich dem Phänomen Sammeln auf verschiedenen Wegen. Zunächst gibt es Antwort auf die Frage nach den Ursprüngen des Sammelns im modernen Sinne: „Ob, Sammeln museal und somit stellvertretend für eine Gesellschaft in ihrer Zeit geschieht oder als Sinnstiftung für ein Individuum herhalten soll ‑ Sammeln, die Urhandlung allen Bewahrens, muß wohl immer auch Seelenarbeit sein. So sammeln Frauen anders (und anderes) als Männer. So entstehen Sammelgebiete, werden für ganze Generationen lebensprägend und sterben wieder ab.” Ein lohnenswertes Buch, das übrigens nicht nur gelesen, sondern selbstverständlich auch gesammelt werden kann.
Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 1998
Die Schuldigkeit des Sarotti‑Mohrs
Ausführliche Studien zur Leidenschaft des Sammelns
Der Sammelleidenschaft, einem lange verkanntem, langsam mit steigendem Interesse bedachten Alltagsphänomen unserer Zeit, will diese Untersuchung endlich die nötige Beachtung zukommen lassen. Die Autoren sind mit der Materie bestens vertraut, sind selbst Sammler: Volker Ilgen sammelt als Historiker und Journalist Material für das Kultur‑ und Werbegeschichtliche Archiv in Freiburg. Dirk Schindelbeck, Philosoph, Literaturwissenschaftler und Verseverfasser, arbeitet zur Zeit an einer deutsch‑deutschen Kommunikationsgeschichte der Nachkriegszeit. Beide untersuchen mit Akribie und Lust den Umgang der Sammlergemeinden untereinander, die Struktur ihrer Mitglieder, die Beschaffung und Archivierung des Sammlergutes ‑ und haben dabei allerhand wissenswerte Tatsachen ermittelt.
Eine Kollektion von Überraschungs-Eiern, erklären sie, kann zum Beispiel ebensoviel über den Zustand unserer Gesellschaft aussagen wie über den Menschen, der sie in seiner Wohnung ausgestellt hat. Das gesellschaftlich Relevante beim Ü‑Ei ‑ dies der entsprechende Fachausdruck für dieses Objekt, das am Anfang mancher Sammlertätigkeit steht ‑ besteht darin, daß es die Angst der Käufer vor dem Dickwerden beschwichtigt. Da es hohl ist, enthält es weniger Schokoladenmasse, statt dessen aber eine Extraportion Spielzeug.
Sehr genau werden die Ursprünge und die Weiterentwicklung dieser spielerischen Inhalte diagnostiziert und auf ihren Sammlerwert hin untersucht. Angesichts der rasanten Zunahme zwielichtiger Praktiken bei vielen Händlern und inzwischen auch nicht wenigen Sammlern und Kunden”, so erklären die Autoren weiter, sei das Ü‑Ei “gar kein schlechter Indikator für den moralischen Pegelstand der neunziger Jahre im (Noch‑)Wohlstandsdeutschland”: im Reich der Sammler nämlich, so muß man lesen, gehört ein Maß von Kleinkriminalität inzwischen zum Alltag.
Und wie verhält es sich mit den Sammlern von Macht und Ansehen oder den Sammlern von Bildungs‑ oder Vergnügungserlebnissen? Wie bestimmen solche Leidenschaften, anerkannt oder unentdeckt, das Sein und das Bewußtsein? Auch dazu findet sich Lesens‑ und Wissenswertes in dieser Sammlung. Wir erfahren, wie das Sammeln von Wiking-Modellautos eng zusammenhängt mit einem Stück der Wirtschafts‑ und Technik‑, der Sozial‑ und Alltagsgeschichte der Bundesrepublik. Es wird klar, weshalb jemand, der die Abdeckungen von Kaffeerahmportionen sammelt, in der Schweiz Deckeli genannt, kein Lexikon mehr braucht, und wie es mit dem Status des Kaffeerahmdeckel‑ und Zuckerstückchensammelns in Deutschland steht. Auch wie die Walhalla, die mit den Abbildungen großer Deutscher über der Donau thront, unter dem Aspekt des Sammelsuriums einzustufen ist, wird angedeutet ‑ dazu, wie sich die Büstensprache und das Image der Büsten‑Halter oder ‑Inhaber bis zum heutigen Tag verändert hat. Wie könnte, mit dieser Frage endet die Exkursion, Walhallas Zukunft aussehen?
Selbstverständlich fehlt nicht die Phänomenologie jener Sammler und Jäger, die sich dem Titelträger des Buches, dem Sarotti‑Mohren, verschrieben haben. Und viele sachlich wertvolle und amüsante Abbildungen stützen die Aussagen über Sammlerträume und ‑traumata und den homo collectans als einen Typen seiner Zeit.
BIRGIT WEIDINGER