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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Im Land des Sammelns

Im Land des Sammelns

Einleitung

© 1997 Dirk Schindelbeck

Der folgende Text stammt aus dem von Volker Ilgen und mir verfassten Taschenbuch “Jagd auf den Sarotti-Mohr. Von der Leidenschaft des Sammelns”. Auch wenn er inzwischen zwölf Jahre alt ist, dürfte er, was das Phänomen Sammeln als solches betrifft, noch immer Gültigkeit haben.

„Caroline hat ein wunderschönes Fleckchen gefunden. Den ganzen Morgen war sie so fleißig und hat für ihre Tante einen großen Korb voll duftender, bunter Blumen gepflückt. Fordern Sie Caroline heute noch unverbindlich zum Kennenlernen an. Portofrei. In dem günstigen Vorzugspreis von DM 278 ist die Gartenbank und der Korb voller Blumen schon inbegriffen.”

Den massiven Gefühlsangriff auf Millionen deutscher Mutterherzen, den die kleine Caroline des „Puppen Kunstarchivs” unternimmt, hätte Hedwig Courths Mahler vor einhundert Jahren kaum besser formulieren können. Täglich erscheinen viele solcher Anzeigen in auflagestarken Illustrierten und Fernsehmagazinen. In einem seit Jahren boomenden Sammelmarkt gehen offenbar noch so süßlich falsche Töne durch, solange die Botschaft dieselbe bleibt: Sammeln, ob Puppen „Skulpturen”, alte Radios oder Oblaten Waffeleisen, gehört zu den letzten Sinnstiftungen in sinnarmer Zeit!

Hier erschließen sich Reiche, zu denen Unbefugte keinen Zutritt haben, hier stellt sich, im intimen Kontakt mit den Relikten einer eigenen Welt, jenes stille Glück ein, das ausschließlich dem eigenen Daseinsentwurf dienstbar gemacht werden kann. Und das zuweilen sich meldende schlechte Gewissen, letztlich nur für sich selbst anzuhäufen und ein beträchtliches Maß an Lebensenergie von Geld gar nicht zu reden der Familie, dem Ehepartner, dem Beruf zu entziehen, wird in den Annoncen immer wieder elegant mit dem Argument der „Wertanlage” abgefangen: Mit der Zeit entstehe ein Museum in privater Hand, dessen Objekte, durch Echtheitszertifikat und limitierte Auflage ausgewiesen, sich jederzeit in bare Münze zurückverwandeln ließen.sammeln255

Längst ist Sammeln als legitimer Ausdruck von Privatheit Teil unserer modernen Lebenswelt. Der Zeitgenosse, auf der Suche nach einem ihm zusagenden Ambiente, ist auf den Geschmack geeigneter „Identitätspräsentationen” gekommen, um sein Selbst angemessen auszustellen und die eigene Biographie, wie es der Volkskundler Konrad Köstlin formuliert, „zu besammeln”. Um dieses Ziel zu erreichen, sind heute die unterschiedlichsten Objekte recht, wenn auch nicht gleichermaßen billig. Jene Puppen-„Skulptur” zum Beispiel bleibt ein speziell für diesen Bedarf hergestelltes Massenprodukt, das Exklusivität vorgibt, ohne exklusiv zu sein. Freilich ist solches „Sammeln im Abonnement” nur die eine Seite des die Gesellschaft durchziehenden Phänomens: Die andere ist die Jagd nach der exquisiten Rarität. Dafür steht die im Titel unseres Buches genannte Werbefigur des Sarotti Mohren: kein Wochenendmagazin kommt schließlich mehr ohne seine Sammlerstory aus; und längst ist dabei der voyeuristische Blick, mit welchem früher der „komische Sammler Kauz” belächelt wurde, einem respektvollen Interesse gewichen. Unser Sarotti-Mohr teilt der Gesellschaft offenbar etwas mit, was sie selbst berührt vielleicht weil es ihr längst verlorengegangen ist. Da nimmt es nicht wunder, dass die Jagd auf eine solche Trophäe ihrerseits zu einem Gesellschaftsspiel geworden ist, in dem nur die (Trick )Reichen die Nase vorn behalten können.

In den folgenden Streifzügen sind wir dem Sammeln in vielerlei Gestalten und Facetten auf der Spur. Die konkrete Beschäftigung mit dem einzelnen Sammelgebiet schien uns dabei der natürliche Weg. Von hier aus ließen sich sowohl der Vergleich zu anderen Sammelgebieten herstellen als auch dessen individuelle und kollektive Dimensionen ausloten. Es hat uns zunächst verwundert, dass so etwas nicht schon früher unternommen worden ist: Vielleicht hat sich immer wieder die psychologisch interessante Figur des Sammlers so sehr nach vorn geschoben, dass alle anderen interessanten Aspekte davon verschüttet worden sind. Sammeln wird zwar jeweils meist individuell betrieben, ist aber gleichwohl als kollektives Phänomen ernst zu nehmen. Schon der Sammel-Markt, als Indikator für Intensität und Lebendigkeit eines Sammelgebiets, erlaubt aufschlussreiche Befunde über den Zustand der Gesellschaft und ihren Wandel. Ähnliches gilt für die vielen Spezial Zeitschriften, welche, zum Teil in beeindruckenden Auflagenhöhen, die Interessen der Sammler zu bedienen wissen. Solche Phänomene sind in Büchern über das Sammeln in der Regel nicht einmal eine Anmerkung wert - ebenso wenig, dass es aufblühende und sterbende Sammelgebiete gibt, wie groß eine Sammlergemeinde ist, wie sich die Struktur ihrer Mitglieder (männlich wie weiblich) und deren Dynamik darstellt, wie diese miteinander umgehen und welche Kommunikation sie pflegen, wie das Sammelgut beschafft, archiviert, ausgestellt, getauscht wird und vieles andere mehr.

Bei unseren Streifzügen in die deutsche Sammelwirklichkeit haben wir uns dieses bislang so vernachlässigten ökonomischen und (kultur )historischen Blicks bevorzugt bedient. Dass sich beim Eintauchen in die speziellen und zum Teil absonderlichen Welten nicht nur amüsante, sondern auch bedenkenswerte Erkenntnisse ergeben haben, möchten wir hoffen. Private Sammlungen stehen immer im Zeitbezug und reflektieren Befindlichkeiten, die nicht nur die sammelnden Menschen selbst betreffen: Eine Kollektion von Überraschungs Eiern sagt ebensoviel über den Zustand unserer Gesellschaft aus wie über den Menschen, der sie in seiner Wohnung ausgestellt hat.

Wer etwas unkonventioneller über das Sammeln nachdenkt, stellt fest, dass es nicht einmal einen materiellen Ausdruck haben muss: Viele Sammlungen, die Menschen anhäufen, werden als solche gar nicht wahrgenommen. Da gibt es die Sammler von Macht und Ansehen wie auch die Sammler von Bildungs oder Vergnügungserlebnissen. Und der Philosoph selbst, sofern er nicht als Sammler von Weisheit angesehen werden will, wird nicht einmal bestreiten können, ein Sammler seiner Denkbemühungen zu sein. Sammeln gehört zum anthropologischen Grundbestand des Individuums doch es reflektiert auch immer den historischen Ort einer Gesellschaft. In Günter Eichs Gedicht „Inventur” von 1947 beispielsweise erscheint so etwas wie die (An )Sammlung für den bloßen Lebensvollzug. Nach zwölf Jahren Barbarei sind nur wenige Werkzeuge der Zivilisation übriggeblieben: „Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen. Konservenbüchse: Mein Teller, mein Becher, ich hab in das Weißblech den Namen geritzt.” Was als magere Bilanz erscheint, ist ein Kernbestand, der wieder wachsen wird. Die Sammlung dieser Dinge ist ein Äquivalent für die innere Gesammeltheit des Menschen, der sich anhand ihrer seiner selbst vergewissert. Was nüchtern betrachtet nicht mehr als eine bloße Anhäufung ist, wird in dem Moment, wo ein sie aus oder erwählendes Bewusstsein hinzutritt, eine Sammlung, symbolisch geadelt. Zugleich aber und das ist die gewissermaßen „objektive” Dimension scheint hinter dieser subjektiv poetischen Wahrnehmung das materielle wie seelische Elend der unmittelbaren Nachkriegszeit auf.

Wenn wir, unter dem Eindruck dieses Beispiels, nun versuchen, Wesen und Charakter des ernsthaften Sammelns zu definieren, stellen wir schnell fest, dass die seelische Fracht, die sich in der Sammlung manifestiert, aus den Objekten selbst nicht unmittelbar abgeleitet werden kann. Nun sollte man sich allerdings hüten, vorschnell in eine individualpsychologische Betrachtung zu verfallen. Wie die Eichsche Grundausstattung spiegeln auch heutige private Sammlungen kollektive Befindlichkeiten und Sehnsüchte. Ordnung und Übersicht, Beständigkeit und Vertrautheit: Überzeitliche, archaische Qualitäten scheinen sich sammelnd nicht nur wieder einzustellen, sondern konservieren zu lassen. Sammelnd gelingt offenbar ein erfolgreiches Sich zur Wehr Setzen gegen das zunehmende Abdriften der (Lebens )Welt in virtuelle Horizonte. Jede Sammlung gewährt ihrem Schöpfer das melancholische Gefühl, letzter Kulturhandelnder in einer sich auflösenden Welt zu sein: Den Untergang des Abendlandes ein Gedanke, welcher dem gemeinen, in der alltäglichen Bilderflut ertrinkenden Zeitgenossen noch nie beizubringen war empfindet er ebenso schmerzhaft wie lustvoll. Insofern mutet der Sammler als Typ an wie ein Kind des letzten Jahrhunderts, in welchem ja die Summe der abendländischen Kultur von der Antike bis hin zur deutschen Klassik und Romantik gezogen wurde und sich der Begriff des Bildungsbürgers, der in der Welt dieser Schätze zu Hause ist, erst entwickelte. In diesem Sinne ist es zu interpretieren, wenn Reliquien des Sozialismus, noch vor wenigen Jahren eiligst „entsorgt”, heute von manchen Ostdeutschen wieder zurückgekauft werden: private Installationen des Unwiederbringlichen.

Gerade wenn Sammeln so starke alltagskulturelle Momente an sich trägt und tendenziell von jedermann ausgeübt wird oder werden kann, ist die moderne Konsumgesellschaft selbst und ihre Geschichte immer mit angesprochen. Im Akkumulieren ihrer Alltags-Gegenstände spiegelt sich schon per se die Idee von Überfluss oder gar Luxus, wie sie für die Gesellschaft einer bestimmten Epoche konstituierend war oder (noch) ist. Arme Gesellschaften sammeln nicht, oder sie sammeln, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt, anders und Anderes. Insofern ist die Frage, wieviel Sammlung der Mensch brauche, auch immer eine Frage, die an das Kollektiv zurückgegeben werden kann: Wieviel Sammlung braucht eine Gesellschaft, die ihre Zerstreuungsindustrie nur noch schwer ertragen kann und die sich, um es mit Neil Postman zu sagen, unablässig zu Tode amüsiert?

Dass das Ganze mehr sei als seine Elemente, war nicht nur die Überzeugung antiker Denker seit Platon. Noch Goethe, der ja des öfteren Sammler als glückliche Menschen bezeichnete, teilte diesen Glauben vor dem Hintergrund eines als belebt empfundenen Kosmos. Hier fand er die Gewissheit, dass, wenn ein Teil zum anderen komme, aus angehäuftem Chaos Organisation entstünde und sich »ein gegliedertes Gebilde« entwickle. Wenn er sich Sammlungen von Mineralien und Pflanzen anlegte, tat er dies in enzyklopädischer Absicht, um sich ein Instrument zur Selbsterziehung zu schaffen: Es ging ihm um das verborgene Naturgeheimnis, um dessen Verwandlung in ein Gleichnis, das seinem anschauenden Denken entsprach. Fremd hingegen waren ihm Suche oder gar Sucht nach einer wie immer auch definierten Vollständigkeit wie auch das Konservieren einzelner Stücke.

Gleichwohl war Goethes Auffassung einer Sammlung zutiefst vom pädagogischen Prinzip selbstbezogener Persönlichkeitsbildung geprägt, der phänomenologisch betrachtet einen Wurzel des Sammelns im modernen Sinne. Als deren zweite lassen sich die exotischen Kabinette anführen, wie sie sich, in der Nachfolge adliger Kunstsammlungen früherer Jahrhunderte, in Königs und Fürstenhäusern seit dem sechzehnten Jahrhundert zunehmender Beliebtheit erfreuten. Möbel, Bilder und Gegenstände aus dem Orient oder (später) aus China, kaleidoskopartig zu ganzen Zimmern arrangiert, erlaubten das Eintauchen in eine andere Welt. Hier war die leitende Sammel Idee nicht, wie beim enzyklopädischen Zugriff, die Erklärung der Phänomene und des Menschen durch ein sie verbindendes Ordnungssystem, sondern die Fremdartigkeit des Themas lieferte aus sich selbst heraus die kompositorische Idee. Freilich dienten solche Arrangements immer herrschaftlicher Präsentation und Repräsentation; und schließlich war auch der Gedanke, den Nachkommen ein Lehr und Anschauungswerk zu hinterlassen, ein treibendes Motiv bei der Anlage solcher Guckkästen Dioramen.

Natürlich lässt sich der Weg zum modernen Sammeln auch motivationsgeschichtlich nachzeichnen: Dann ergeben sich Phasenmodelle, wie sie etwa der Philosoph Odo Marquard aufgestellt hat. Epochen des Sammelns fallen mit Epochen kollektiver Weltaneignung in eins. Im Laufe der Menschheitsgeschichte wird, an der Schwelle zur Neuzeit, aus dem zunächst »vorsorgenden Sammeln« im Sinne eines Nahrungsspeichers ein »entdeckendes Sammeln«. In ihm dokumentiert sich die ihrer selbst bewusst gewordene Subjektivität: Es bildet sich der moderne, naturwissenschaftlich strukturierte Blick auf die Dinge heraus. In dem Maße, wie seit etwa 1750 der Sinn für historisch repräsentative Objekte zunehmend erwacht und, wie Marquard bemerkt, »die menschliche Weltaneignung auseinander(tritt) in Labor und Museum« , entsteht das »bewahrende Sammeln«, so wie es uns noch heute geläufig ist und in jedem Museum gegenübertritt.

sammeln256So richtig diese Beobachtungen in ihrem Kern auch sind, so wenig differenziert erscheinen sie, wenn die Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte zur Debatte steht. Dies betrifft sowohl das sammelnde Subjekt, also alle diejenigen, die nun auch zu Sammlern werden (dürfen), als auch das Sammelgut selbst. Zum einen entdeckt der weniger begüterte normale Bürger das Sammeln als Möglichkeit individueller Betätigung mit sinnstiftender Dimension, zum anderen verändert sich das Sammelgut infolge der industriellen Revolution. Weder die Natur noch der exotische Gegenstand liefert nunmehr das Sammelgut, sondern industriell und seriell hergestellte Gegenstände bekommen innerhalb weniger Jahre eine Dignität, die sie außerhalb ihres Gebrauchswerts sammelnswert erscheinen lassen. Eine für diesen Verschiebungsprozess aufschlussreiche Beobachtung teilt Walter Benjamin mit, der über den »großen Sammler Pachinger«, einen für absonderliche Vorlieben bekannten Kauz, berichtet, selbiger habe, als er eines Tages über den Stachus ging, sich gebückt, um etwas aufzuheben: »Es lag da etwas, wonach er wochenlang gefahndet hatte: der Fehldruck eines Straßenbahnbillets, das nur für ein paar Stunden im Verkehr gewesen war. «

Was Benjamin, in dem Bestreben, die Wurzeln der Moderne im 19. Jahrhundert freizulegen, vor gut fünfzig Jahren staunend zur Kenntnis nahm: der Reiz der Serie samt ihren Abweichungen als Sammelgegenstand, scheint den Inbegriff des Sammelns schlechthin auszumachen. Es ging nicht mehr darum, sich sammelnd Welt anzueignen, sondern sammelnswertes Gut so in die Sphäre subjektiver Verfügungsgewalt hineinzunehmen, dass es vor der Welt draußen gesichert, um nicht zu sagen gerettet, erschien. Dies gelang durch Überführung der versammelten Gegenstände in ein abstraktes System autonomen Anspruchs, wie es in nuce der Urtyp des modernen Sammlers ausbildete: der Briefmarken und Münzenfreund. Sein Sammelgut ist als gültiges Zahlungsmittel durch den aufgedruckten oder aufgeprägten Wert objektive Größe und gesellschaftskonstituierende Macht: Eben dieser wird nun kraft seiner Sammler Autorität außer Funktion gesetzt und in ein privates Ordnungssystem überführt. Zum einen sicherlich mit der Intention einer Wertbevorratung für schlechte Zeiten angelegt, regierte und präsentierte zum andern nun ein ästhetisch ausgerichteter Kompositionsgeist, der mit Fug und Recht als diktatorisch bezeichnet werden kann, das Sammelgut.

Wie sich in der Folge Sammlungen dieses modernen Typs weiterentwickelt und ausgebreitet haben, mutet, aus der Retrospektive gesehen, an wie eine ungeheure Akzeleration. Auf der einen Seite wird wie bei den Kaufmannsbildern der Jahrhundertwende schon anbieterseitig immer mehr Sammelgut seriellen Charakters produziert und gezielt >vertrieben<. Auf der anderen Seite werden immer mehr Alltagsgegenstände von vornherein ihrer ursprünglichen Funktion beraubt und zu Sammelgut erhoben. Seltsamerweise werden diese Prozesse in volkswirtschaftlichen Theorien nicht einmal wahrgenommen: Güter, so hören wir unablässig seit Wilhelm Vershofen, dem bis heute gern zitierten Nestor der deutschen Volkswirtschaftslehre, würden ausschließlich zum Zwecke ihres Verbrauchs produziert. Sie erfüllten ihre Funktion, indem sie einen Mangel beseitigten: Allein aus ihrer relativen Knappheit definiere sich ihr volkswirtschaftlicher Wert. Indem sie verbraucht würden, seien sie dem Kreislauf des Marktes entnommen und »untergegangen«. Der nicht verbrauchende, sondern sammelnde Verbraucher war in diesem System nicht vorgesehen.

Natürlich wurden die Defizite dieser Theorie nicht erkannt, solange die Frage nach dem Wert der Alltagsdinge noch nicht kontrovers diskutiert wurde. So können die »langen fünfziger Jahre« (Wolfgang Abelshauser), welche, mentalitätsgeschichtlich verstanden, in der Bundesrepublik bis zum Ende der Sechziger andauerten, als eine Phase erfolgreicher Konditionierung und Disziplinierung auch kollektiver Werthaltungen betrachtet werden: Es bestand Konsens darüber, dass eine möglichst hohe Wachstumsrate erwünscht, vollständiger Verbrauch »normal« und die anschließende Entsorgung des Verbrauchten nachgerade Pflicht war.

Sowohl durch den von der Studentenbewegung ausgehenden kritischen Impuls als auch durch die von dem Ökologen Dennis Meadows verkündete These von den »Grenzen des Wachstums« formierte sich Anfang der siebziger Jahre eine Haltung, welche die industrialisierte Welt hersteller wie abnehmerseitig stark beeinflussen sollte. Produktionsweise und Lebensstil der Industriegesellschaft wurden plötzlich nicht mehr allein nach der Denkungsart des Kalten Krieges gesellschafts und wirtschaftsideologisch geschieden, sondern >fundamentaler< von den global begrenzten Ressourcen her in Frage gestellt. So gewann, was seriell nicht mehr hergestellt werden konnte oder wurde, gemessen an dem, was überall erhältlich war, schnell an Attraktivität: Das Alte und Verstaubte, bei Großmutter noch Alltagsgegenstand, offenbarte auf einmal nicht wahrgenommene Sinndimensionen. Es konnte mit Patina bezaubern und für Heimat, Ursprünglichkeit oder Wärme stehen. Das Aufkommen der Floh und Trödelmärkte in diesen Jahren ist davon mehr als nur Zeugnis. Plötzlich entstanden Orte, an welchen der selbstbewusst gewordene Verbraucher sich gegen das >verordnete< Angebot des normalen Marktes sperren und aus seiner ihm zugewiesenen Rolle als Nur Abnehmer ausbrechen konnte. Hier war plötzlich der Freiraum gegeben, wo das Wort >neu< nicht mehr automatisch Synonym für >besser< oder >Fortschritt< war. Im Gegenteil: wo die Parole »used is beautiful« galt, ließ sich latent vorhandenes Unbehagen an der Wegwerfgesellschaft nicht nur artikulieren, sondern in (Protest )Handlung umsetzen: Kunden konnten zu Anbietern werden und die bislang festgeschriebene Rollenzuweisung >Produzenten hier Verbraucher da< auflösen.

Dass eine Überflussgesellschaft aufgrund ihrer ständig anwachsenden Überschussproduktion in relativ kurzer Zeit auch ein hohes Maß an Überdruss produzieren musste, war wenig verwunderlich. Schnell einsetzende Wertverschiebungsprozesse waren die natürliche Folge; sie formulierten sich gerade in solch randständigen Sphären wie dem Flohmarkt: Hier bildete sich eine private Öffentlichkeit oder gar zivile Anarchie gegen das herrschende Markt und Verbrauchssystem aus. Es sollte in der Folge den emotionalen Wurzelboden der noch heute bestehenden Sammelkultur mit bereiten.

Ab der Mitte der siebziger Jahre, etwa zwischen 1977 und 1984, in der auslaufenden Ära Schmidt und der einsetzenden Ära Kohl, entstehen viele neue Sammelgebiete im alltagskulturellen Bereich, werden andere gesellschaftsfähig, bilden sich in vielen Sammelgebieten kommunikative Netzwerke aus, kurz die Bundesrepublik wird zu einer professionellen Sammelnation. Nicht von ungefähr beginnt sich in dieser Phase auch >die Epoche< zunehmend selbst zu diskutieren, sich als Postmoderne zu deuten und bald auch zu stilisieren. Die Dimension kollektiver Rückwendung ist nicht mehr abzuleugnen, sie wird als >Sehnsucht nach dem Gestern, als >Nostalgie< zum konstituierenden Element der Gesellschaft selbst, wenig später politikfähig und manifestiert sich schließlich ab den frühen achtziger Jahren in einem Boom an Museumsneugründungen mit spezifisch alltagsrelevanter Thematik.

Natürlich sollen neben den angerissenen gesellschaftlichen Prozessen die individualpsychischen Momente nicht verschwiegen werden, die den einzelnen zum Sammler machen oder werden lassen. Das pathologische Bild dieses Zeitgenossen, wie es in der psychoanalytischen Literatur stereotyp entworfen wird, erscheint allerdings korrekturbedürftig. Die Erfahrungen, die wir gemacht haben, bestätigen den glasig verzückten Blick des Sammlers vor dem Objekt seiner Begierde nicht. Im Gegenteil: Unsere Gesprächspartner zeigten sich als eher nüchterne Menschen, die, ihrer finanziellen wie zeitlichen Grenzen sehr bewusst, stets den Aufwand, den sie für ihre Sammlung zwangsläufig treiben mussten, ins Verhältnis zu ihrem Gewinn zu setzen sehr wohl imstande waren.

Dessen ungeachtet ist Sammeln als Suchtphänomen im Einzelfall nicht von der Hand zu weisen. Mitunter erzählt es grausame oder verrückte Geschichten von Glück, Leid und Entzug. Der Kunsthistoriker Wolfgang Sager, der Porträts von Kunst Sammlern zusammengestellt hat, spricht im Untertitel seines Buches schlicht von Besessenen. Wer sie sucht, wird Symptome dieser Art leicht finden und unschwer diagnostizieren. Am ehesten lassen sie sich als »manisch« klassifizieren, und der Begriff »Zwangscharakter«, wie er auf die Verhaltensweise von Spielern, Kleptomanen oder kaufwütigen Menschen zutrifft, scheint nicht schlecht gewählt. Dass die Besessenheitsskala im Einzelfall nach oben hin durchaus offen sein kann, zeigt der bekannte Fall der Gebrüder Schlumpff im elsässischen Mulhouse, die ihre eigene Firma in den Ruin trieben bei dem Versuch, eine Sammlung einzigartiger alter Automobile aufzubauen.

Der psychoanalytische Diskurs über das Sammeln entzündet sich immer wieder am Begriff »Leidenschaft«, meist noch mit Zusätzen wie »hemmungslos« oder »unbändig« versehen. Gern wird das vermeintliche Glücksgefühl, das der Sammler empfinde, mit der Intensität von Erlebnissen in lebensbedrohenden Grenzsituationen, etwa im Krieg, gleichgesetzt. Aus Sicht der Psychoanalytiker machen solche Überzeichnungen natürlich Sinn, da sich nach ihrer Auffassung der homo collectans ja durch »umgeleitete Urtriebe« definiert. Das Erleben, welches der Sammler in seiner Sammlung suche, bleibe jedoch auf der analen Stufe stehen, da seine Beziehung zu Menschen wie Objekten gestört sei: Die libidinöse Bindung, die er zu seinesgleichen nicht eingehen könne, erwarte er von den Objekten. Da genitale Geschlechtsbeziehung und Sammeln sich gegenseitig ausschlössen, entstehe zwanghaftes Verhalten. Folglich werde die Sammlung für den Sammler zu einem Instrument der Selbstbespiegelung, worin dieser vor allem seine Einzigartigkeit genieße: »im Endergebnis«, so Freud, »sammelt man immer sich selbst«.

Dass der Sammler, gleich einem Autisten, ausweglos um sich selber kreise, meint auch Werner Muensterberger, der die jüngste psychoanalytisch ausgerichtete Studie über das Sammeln verfasst hat. Für ihn ist der Sammler eine »phallisch narzißtische Persönlichkeit«, die aus ihrer Sammlung einen »vergleichweise hohen Grad an Ich Stützung« erfährt. Nur in der selbstentworfenen Welt findet sie, was ihr im Umgang mit ihresgleichen nicht mehr gelingt: »Garantie für emotionalen Rückhalt«. Dies geht bis hinauf zur »imaginären Selbstrettung«. In demselben Maße wie die Beziehung zu Menschen herabgewertet wird, steigt die symbolische Bedeutung der versammelten Gegenstände ins Unermessliche: »Jeder Zuerwerb, sei er gefunden, gegeben, gekauft, entdeckt oder gar gestohlen, trägt den Stempel eines Versprechens, einer magischen Entschädigung an sich. Man kann es als den augenblickshaften symbolischen Versuch der Selbstheilung einer immer gegenwärtigen Enttäuschung verstehen. «

Aus unserer Sicht ergiebiger, da konkreter an der Wirklichkeit des Sammelns orientiert, erscheint uns das morphologisch ausgerichtete System der Typen und Motivationen zu sein, wie es etwa der Sozialpsychologe Uwe Volker Segeth vorschlägt. Er unterscheidet sechs Grundmotive: Neugier, Nachahmung, Ehrgeiz, Übertrumpfen, Heimlichkeit und Gleichberechtigung. Entsprechend der Antriebsmomente ordnen sich ihnen Charakterbilder einzelner Sammlertypen zu: Da gibt es den Frustrierten, der nach Kompensation strebt, den aus Zufall sammelnden Dilettanten, den Nervösen, der sich sammelnd beruhigt, den gierig dumpfen Raffer, den spekulierenden Anleger, den harm und bewusstlosen Mitläufer und schließlich den suchenden Forscher. Mit Hilfe einer solchen Motivationslehre lässt sich eine Sammlung sehr wohl abklopfen und ermessen, wes Geistes Kind sie ist.

Jenseits des psychoanalytischen Diskurses seien wenigstens einige Momente, die das Beziehungsgefüge zwischen Individuum und Sammlung konstituieren, erwähnt. Schon eingangs wurde ja der biographische Impetus, »sich selbst zu besammeln«, angesprochen: Umgekehrt dokumentiert eine Sammlung Brüche und Kontinuitäten im Lebenszyklus des Individuums. Was Außenstehende immer besonders interessiert, ist ihre Initial Zündung, ihre Anfangs Geschichte. Meist erstaunt, dass diese lebensprägende Weichenstellung sehr viel unspektakulärer erfolgte als angenommen: Die Anfangs Geschichte in ihrer dramatischen Version mit starken kompensatorischen Momenten, aus schmerzhaften Verlusterfahrungen, abgründigen Beziehungs oder Lebenskrisen erwachsen, ist eigentlich eher die Ausnahme. Viel häufiger findet sich der Nachahmungseffekt, oder es werden aus Souvenir Jägern Sammler, wird aus dem Sport des Entwendens von Handtüchern aus Hotels eine dauerhafte und sich kultivierende Mensch Ding-Beziehung.

Eine in Sammlerbiographien häufig anzutreffende Verlaufsfigur ist die Wiederkehr mentaler Prägungen aus Jugendtagen. Wo der Keim zum Sammeln, der dann während der Pubertät und der Suche nach einem tragenden Lebenskonzept verschüttet schien, früh gelegt wurde, geschieht es fast zwangsläufig, dass im Lebensalter von 35 oder 40 Jahren das einst gelegte Strukturmuster sich wieder geltend macht. Dass die (Rück )Besinnung auf das Sammeln gerade in diesem Lebensabschnitt bevorzugt erfolgt, kommt nicht von ungefähr. Der berufliche Werdegang ist in diesem Alter meist klar definiert, es ist die Zeit der mittleren Lebenskrise (midlife crisis) mit einer verstärkten Suche nach neuen Sinndimensionen. Und so wird mit gesteigerter Energie (und nun auch entsprechenden finanziellen Möglichkeiten) der Aufbau einer ernsthaften Sammlung vorangetrieben.

Natürlich können auch unmittelbar zwischenmenschliche Beziehungen eine Sammlung beflügeln, beispielsweise wenn diese Ausdruck einer gemeinsamen Lebensgeschichte von Ehepaaren wird, sowohl in der >positiven< Variante als Symbiose >zu dritt< (vor allem bei Kinderlosigkeit), aber auch in der ausschließenden Variante als Eifersuchtsdrama und Ehekrieg nach Strindbergschem Muster exemplarisch im Fall der Ehefrau, die, frustriert über zuwenig Zuwendung und die stets wachsende Grafiksammlung ihres Mannes, verzweifelt die Boutiquen der Umgegend leer kauft und eine stattliche >Gegen Sammlung< an Kleidungsstücken zusammenträgt.

Von fundamentaler Wichtigkeit im Sammlerleben sind die Lehr , Lern und >Wander-Jahre mit ihren Erfahrungen der Akquise, der Bewertung von Sammelgut, dem Katalogisieren oder dem Ausprobieren von Ordnungs und Präsentationssystemen. Ein entscheidender Punkt ist immer die Frage der Geldmittel, die für den Aufbau der Sammlung erübrigt werden können. Nicht selten werden Sammler über diesem Problem zu Finanzexperten; andere legen ganze Arsenale von Tauschmaterialien an, werden zu Händlern und melden gar ein Kleingewerbe an. Unverzichtbar ist natürlich auch die Kenntnis der einschlägigen Techniken und Tricks, die dem sammlerischen Vorankommen dienen, beispielsweise um gegenüber Konkurrenten die Nase vorn behalten zu können oder gegenüber Fälschungen gewappnet zu sein.

Fast zwangsläufig stellt sich im Laufe der Zeit ein Professionalisierungseffekt ein. Frühere Sammlungen, einst vielleicht ernsthaft betrieben, erscheinen nun, aus der Retrospektive, wie Probesammlungen oder Präludien für die heutige echte Sammlung mit lebenslanger Perspektive. Diese (Selbst )Bewusstseinsstufe wird meist schon dann erreicht, wenn es gelingt, das Sammeln rubrizierend zu begleiten. Der echte Sammler scheut weder Mittel noch Wege, sich Kenntnisse aller Art zu verschaffen. Hinter jeder mit solchem Ernst betriebenen Sammlung steht also wenigstens eine zweite, die man als komplementären Wissens Schatz bezeichnen könnte ‘ Allein die Handbibliotheken mancher Sammler stellen oft beachtliche Spezialsammlungen dar.

Der Kontakt mit der Szene führt mit der Zeit zur Ausbildung einer speziellen >Antenne<, mit deren Hilfe der Sammler Witterung aufnimmt, wie und wo ihm fehlende Stücke mit hoher Wahrscheinlichkeit zu finden sind. Schon ein flüchtiger Blick in eine Halle, in der eine Börse stattfindet, ein kurzer Rundgang über einen Flohmarkt belehren ihn über die Möglichkeiten, die sich ihm eröffnen. Doch selbst dann, wenn der Beutezug ausbleibt, muss die Anfahrt nicht vergeblich» gewesen sein, Eine neue Einschätzung über den Markt, ein begonnenes oder fortgeführtes Gespräch mit Sammlerkollegen oder die Bekanntschaft eines weiteren Händlers können sich in Zukunft als fruchtbringend erweisen.

Ein eigenes Kapitel im Sammlerleben sind die Außenbeziehungen zu natürlichen >Freunden< und >Feinden<. Zu ersteren gehören die Kontakte zur Sammlergemeinde, über deren Netzwerk sich nicht selten Freundschaften von lebenslanger Dauer bilden. Sammelgemeinden sind meist weit mehr als bloße Interessengemeinschaften zur Komplettierung der Sammlungen ihrer Einzelmitglieder, sondern stehen im Rang einer moralischen Instanz. Findet der Sammler unter Gleichgesinnten den Ort der Ehrlichkeit und des Vertrauens, wo er jederzeit auf Rat und Verständnis hoffen kann, so ist das Verhältnis zu vielen Händlern von Misstrauen oder doch wenigstens Skepsis geprägt. Diese unterhalten zu den Objekten ja in der Regel auch keine im platonischen Sinne erotische Beziehung wie der Sammler, sondern lediglich eine merkantile. Was unter dieser Prämisse zwischen Händler und Sammler stattfindet, ist nicht weniger als ein psychologischer Dauerkrieg. Fortlaufend versucht der Händler, den Sammler zu >enttarnen<, um das wahre Ausmaß seiner Besessenheit in einen möglichst hohen Gewinn umzumünzen. Der Sammler seinerseits ist bestrebt, sich nicht (zu schnell) dekuvrieren zu lassen, und lernt mit der Zeit die notwendigen Pokerface Attitüden souverän anzuwenden.

Nicht nur von seinen Jagden kehrt der Sammler am Ende immer nach Hause zurück, auch sein Lebenszyklus endet einmal hier. Schon eine Sammlung, die abgeschlossen ist, weil der Mensch, dem sie sich verdankt, sich aus ihr zurückgezogen hat, mutet gespenstisch an: Um wie vieles mehr die Sammlung, deren Schöpfer dann wirklich gestorben ist! In der Wahrnehmung des ernsthaften Sammlers gehört seine Sammlung und das biblische Wort ist hier nicht fehl am Platz zu »den letzten Dingen«. Der Wettlauf ist aussichtslos: Während die Sammlung sich komplettiert, verrinnt sein Leben. Fatal daran ist, dass gerade in ihrer Versammeltheit ihm die Sammlung zu einer Art zweitem Körper geworden ist, dem dasselbe Schicksal beschieden sein wird wie ihrem Erzeuger auch: zu zerfallen. Es kommt zur entscheidenden Frage, ob sein Werk >in gute Hände< übergeben werden kann, sein Geist mithin fortlebt, oder ob es gewinnbringend veräußert werden soll, was im Regelfall der Zerstörung gleichkommt. Die Erben sind erwiesenermaßen oft die denkbar schlechtesten Sachwalter.

Was macht eine Sammlung zur Sammlung? Zunächst und vor allem ist sie ein komplexes Gefüge aus Beständigkeit und Rastlosigkeit: Sie ruht und sie ruht nicht. Als das Konstante an ihr erscheint die Ordnungsidee, wie sie sich im archivierten und/oder exponierten Sammelgut als Spiegelbild manifestiert. Die versammelten Gegenstände erscheinen ausgerichtet, in die »denkbar engste Beziehung zu ihresgleichen« (Walter Benjamin) gestellt. Zugleich aber zeigt sich in ihr eine Art endogener Wachstumszwang. Vieles, was Elias Canetti über die Gesetze der (Menschen )Masse ausgeführt hat, scheint auch die innere Gesetzmäßigkeit von Sammlungen zu beschreiben. Dennoch ist es die Verlässlichkeit einer durch jeden neuen Zuwachs sich immer wieder bewährenden Anschauung, die der Sammler so schätzt und dankbar entgegennimmt; schließlich fließt damit ein Teil der investierten Energie und Treue immer wieder zurück.

Die inneren Verhältnisse einer Sammlung erwachsen aus ihrer materialen bzw. thematischen Homogenität; diese wiederum sind die Ursache für geschlechtsspezifische Vorlieben. Porzellan oder Stoff sind aus leicht nachvollziehbaren Gründen Frauen unendlich viel näher als Männern, die von allen Objekten aus Metall stark angezogen werden; dementsprechenden Ausdruck finden weibliche bzw. männliche Materialvorlieben in spezifisch aus dem Bereich des Haushalts oder der Technik verorteten Sammelgebieten. Die Stofflichkeit eines bestimmten Sammelguts ist aber nicht nur eine Frage des Genus, sondern auch der sozialen Herkunft. Es gibt beim Sammeln nicht nur die berühmten »feinen Unterschiede«, sondern ausgesprochene Grade der Vornehmheit, da sich schon durch sein Material ein Sammelgebiet als edel oder weniger edel erweist. Es muss nicht gleich die Marmorbüsten Sammlung der Walhalla sein: Kein Emailschildersammler käme auch nur entfernt auf die Idee, sich mit Überraschungs Ei Sammlern gemein zu machen. Dass Sammelgebiete beliebig sein sollen, dass nach Gusto alle alles sammeln können, wie es Uwe Volker Segeth behauptet, trifft in keiner Weise zu. Im Gegenteil: Die Trennungen und Zuordnungen sind nicht nur möglich, sondern scharf und präzise und erlauben handfeste Befunde über die Gesellschaft in ihrem sozialen Wandel.

Die Materialität des Sammelguts ist auch für die Entwicklung einzelner Sammelgemeinden von prägender Bedeutung. Menschen mit einer starken Affinität zum Papier wie beispielsweise die Buch und Briefmarkensammler haben von früher Jugend an ihre Wahrnehmungskonventionen an diesem Material geschult und ihr Weltverständnis daran entwickelt. Mit diesen ästhetischen Erfahrungen und Vorlieben ausgestattet tendieren sie dazu, die Erlebnisse, die ihnen zugleich auch die Wertwelten ihrer Zeit eröffneten, in ihren Sammlungen festzuschreiben. Soziologen würden dieses Phänomen mit Hilfe des Begriffs Sammlerkohorte beschreiben. Für nicht wenige Sammelgebiete heißt das: Sie sterben aus, wenn ihre Protagonisten sterben. Natürlich lassen sich auf der Grundlage solcher Befunde auch halbwegs sichere Zukunftsprognosen stellen, was für die Hersteller von modernen Massensammelobjekten wichtig ist. Die typische Vertreterin der heute etwa 4000 deutschen Schneekugelsammlerinnen im Lande ist zwischen 20 und 35 Jahre alt und unverheiratet. Welche Potentiale dieser Markt in Zukunft eröffnet, lässt sich aus solchen Zahlen unschwer ableiten.

Gelingt es in der Konsum und Kommunikationsgesellschaft heutiger Prägung erscheint dies in immer kürzeren Intervallen möglich , ein Massensammelgebiet regelrecht zu >inszenieren<, so haben findige Medien Unternehmer oder Verleger daran ihren gehörigen Anteil. Mit ihren Preiskatalogen machen sie das schnelle Geld, indem sie jene Öffentlichkeit herstellen, die ein Sammelgebiet erst zu einem Massensammelgebiet macht. Der damit einhergehende Prozess endet in der Regel jedoch kontraproduktiv. Wie am Beispiel der Telefonkarten deutlich wird, folgt einer schnellen und starken Ausweitung des Sammelgebiets mit einem sich rapide ausdifferenzierenden Angebot die irreversible Übersättigung des Sammelvolks: Innerhalb von Monaten fällt das Gebiet wie ein missratener Kuchen in sich zusammen. Die Grundbedingung aller Sammelkultur, die Bewahrung von Knappheit, ist den in der kapitalistischen Markwirtschaft herrschenden Wachstumsgesetzen nicht adäquat.

Diese Prozesse pflegen allerdings den klugen und umsichtigen Sammler kaum zu tangieren, da dieser sowieso das abgeschlossene Sammelgebiet schätzt, wo solche Zusammenbrüche nicht zu befürchten sind. Freilich tragen auch Sammlungen, von denen sich mit Recht behaupten lässt, sie seien qualitätvolle Unikate, Wachstumsdynamiken, allerdings endogener Natur, in sich. Bei Sammlungen von voluminösen Objekten kommt zwangsläufig irgendwann der Punkt der Explosion: Die Rede ist von dem Mann, der im Keller eines Kegelsportheims 6000 alte Radioapparate zusammengetragen hat und nun, da ihm die Räume gekündigt werden, nicht weiß, wo sich dieser Schatz fortan beherbergen lässt. In seiner Not wendet er sich hilfesuchend an seine Gemeinde mit der Bitte um Übernahme durch Einrichtung eines Museums.

Wenn Privatsammlungen auf diese Weise explodieren, endet dies für die betroffenen Sammler, die es mit ihrem Bildungs oder Konservierungsauftrag gegenüber der Öffentlichkeit doch so gut meinen, meist in einer tiefen Frustration. Solange der Lebenstraum vom eigenen Museum nur ein fernes Irgendwann bezeichnet und dessen Realisierungschancen noch nicht einmal ernsthaft geprüft worden sind, solange ist diese Motivation hochwillkommen und eine der stärksten Antriebsmomente für fast alle Sammler. Tritt aber ein Fall wie der beschriebene ein, muss das Lebenswerk zwangsläufig publik gemacht werden in der Hoffnung, das wankelmütige öffentliche Interesse dafür einnehmen zu können. Damit ist die maximale Stufe eines privaten Sammler Coming-Outs erreicht, dem nach einem kurzen publizistischen Spektakel in der Regel nicht nur eine um so tiefere Enttäuschung folgt, sondern das Aus der Sammlung selbst.

Nur wenn von einer privaten Sammlung behauptet und durch Sachverständigen Expertisen untermauert werden kann, sie habe eine außerordentliche Exklusivität oder doch wenigstens eine überregionale Bedeutung erreicht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die öffentliche Hand die private Akkumulationsleistung honoriert. Das vielleicht bekannteste Beispiel erfolgreicher (Kommunal )Politik mit Hilfe einer Sammlung ist die berühmte Sammlung Ludwig in Köln, seit langem Teil des Walraff Richartz-Museums. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es immer wieder Gemäldesammler sind, die als selbsternannte Kunstwarte am ehesten glaubhaft machen können, dass sie, treuhänderisch und stellvertretend für die überforderte öffentliche Verwaltung, unter großem persönlichen Einsatz und unter Aufbietung gewaltiger Summen das Kulturgut der Nation retten: Als kleine Kompensation sei ein aus öffentlichen Mitteln erstelltes Haus mit entsprechendem Namen das mindeste, das der bescheidene Diener am nationalen Erbe als Denkmal für seine Leistung erwarten dürfe.

Mit diesen Ausführungen möchten wir den kursorischen Überblick über das Sammeln und seine Facetten beschließen. Wenn auch nicht alle Aspekte dieses unsere moderne Lebenswelt so prägenden Phänomens in der ihnen zustehenden Breite und Gewichtung angesprochen werden konnten, so hoffen wir doch, dass es wenigstens die wichtigsten waren. Aktuell ist das Thema in jedem Fall: Fast jeder zweite unter uns, weit über 30 Millionen Menschen in diesem Land, sammelt. Wir selbst natürlich auch.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Dienstag, 19. Mai 2009 7:50
Themengebiet: Sammelfieber