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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Dahinter steckt immer ein kluger Kopf. Die Büsten-Sammlung der Walhalla

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf. Die Büsten-Sammlung der Walhalla

© 1997 Dirk Schindelbeck

Der folgende Text stammt aus dem von Volker Ilgen und mir verfassten Taschenbuch “Jagd auf den Sarotti-Mohr. Von der Leidenschaft des Sammelns”. Inzwischen sind einige andere Büsten - wie etwa die von Sophie Scholl - in die Walhalla eingezogen. Doch auch wenn der Text inzwischen zwölf Jahre alt ist, dürfte er, was das Phänomen des Walhalla-Projekts an sich betrifft,  noch Gültigkeit besitzen. Er endet als Satire, indem er das fiktive Projekt einer DDR-Walhalla darstellt.

Die klassischen Orte der Sammlung sind Kirchen und sakrale Stätten. Verwandeln soll sich der Mensch, abstreifen die Schlacken seines profanen Lebens. Und wenn er auch nicht mehr, der nervöse Genosse unserer Zeit, zum Unio mystica Erlebnis im Sinne eines Meister Eckart fähig ist, so möge er doch wenigstens, im Angesicht des Tabernakels oder als Zeuge einer heiligen Handlung, noch nachempfinden, was Besinnung sei, und durch ein devotes Gesicht zum Ausdruck bringen. Denn in der Ruhe liegt ja, wie wir beständig vom Osten hören und, wären wir nur ein wenig besser in der eigenen Geschichte zu Hause, auch aus dem westlichen Erdkreis hätten hören können, die Kraft. Gleichviel, die Botschaft gilt als Appell: Wer zur Sammlung, zur Konzentration fähig ist, der findet zu sich selbst. Die Walhalla, bekannter Tempel deutscher Ehren, zehn Kilometer östlich von Regensburg, 105 Meter hoch auf dem Bräuberg oberhalb des kleinen Fleckens Donaustauf am Nordufer des Flusses gelegen, ist ein solcher Ort, der vom Eintretenden Sammlung verlangt, weil er innen Sammlung bietet.

Einst eroberte man die Walhalla von Süden her, auch wenn der Baedeker von 1895 schon die moderne »Dampfstraßenbahn« zu empfehlen wusste. Der Besucher kam vom Fluss oder aus der weiten Ebene heran, überquerte die Steinerne Brücke, nahm die Anstrengung auf sich, die 358 Marmorstufen des gestaffelten Unterbaus, auf dem der eigentliche Tempel ruht, zu ersteigen. Selbst die Annäherung war Teil eines Kalküls, zu dem auch die wechselnden Perspektiven beitrugen, von der mehrfach gewendeten Freitreppe erzeugt, mal zum dorischen Peripteros mit seinem stolzen Fries hinauf, mal zurück ins Tal oder zur Salvator Kapelle auf dem Hügel gegenüber, seinem christlichen Kontrapunkt. Der Gegensatz zwischen einer bewaldeten deutschen Hügellandschaft und einer darin platzierten neugriechischen Tempelarchitektur ist im letzten Jahrhundert lebhaft empfunden worden. Landschaftsmaler bis hin zu William Turner ließen sich davon inspirieren, schätzten und interpretierten ihn als eine mit Bedacht gesetzte und sich wieder lösende Spannung von Kunst und Natur.

Heute, da die Walhalla nur von wenigen Besuchern erstiegen wird, hat sich dieser Reiz weitgehend verloren. Der Parkplatz, 1937 eingerichtet, liegt gut versteckt am Seitenhang und kann von den auf der Autobahn heranrollenden Touristen nicht eingesehen und als Makel empfunden werden. Der bequeme Zugang von hinten hat dafür nicht nur den Besucherumschlag auf über 200 000 Personen pro Jahr erhöht, sondern auch den Wochenend und Ausflugsverkehr enorm anschwellen lassen. Es ist ein ziemlich gemischtes Volk, das sich durch die Walhalla schiebt oder in ihrem Schatten relaxt. Da findet sich der Angestellte, der nach Dienstschluss mal eben auf den Bräuberg fährt, die schlagende Regensburger Stundentenverbindung, die bei Fackelschein ihre Mensuren ficht, die Motorradgang, die ihre nächtlichen Gelage auf den Treppen veranstaltet, oder die Schulklasse, die froh ist, wenn es nach der Besichtigung am Andenken Shop endlich Eis gibt, wobei sogar noch vom Automaten, der Zwei Pfennig Münzen zu Walhalla Talern schlägt, ein bleibenderer Eindruck mitgenommen wird als vom Tempel selbst.

Alles Müller, oder was?

Die Idee der Walhalla ist Bauwerk und Sammlung zugleich: ein Haus für eine Sammlung von Köpfen in Stein. Zurückverfolgen lässt sie sich bis in das Jahr 1807, als der junge Kronprinz Ludwig 1. von Bayern erstmals die Errichtung eines Ehrentempels mit »fünfzig rühmlichst ausgezeichneten Teutschen« erwogen hatte. Damals, in jenen »Tagen von Deutschlands tieffster Schmach«, war er selbst, durch die Rheinbund Politik seines Vaters an die Seite Napoleons, dessen Truppen soeben Preußen niedergeworfen hatten, gezwungen worden und um so tiefer verletzten und beschämten ihn Demütigung und Erniedrigung durch den Korsen, als er, Divisionskommandeur in Napoleons Diensten, sogar gegen sein geliebtes Bruderland Österreich kämpfen musste. Als geeigneten Platz für ein solches Monument nationalen Stolzes schwebte ihm zunächst der Englische Garten in München vor, wenngleich an dessen Realisierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht im entferntesten zu denken war: »für einen Kronprinzen zu kostspielig…« Doch der großen Vision tat dies keinen Abbruch: »Das Gebäude die Abbildung großer Deutscher enthaltend, muss groß werden, nicht bloß kollossal an Raum. Größe muss in der Bauart sein, hohe Einfachheit, verbunden mit Pracht, spreche sein Ganzes aus, würdig werdend dem Zwecke. «

Zunächst machte sich Ludwig an das Sammeln von Büsten. Zusammen mit Johann Georg von Dillis, dem Direktor der Münchner Kunstsammlungen, suchte er die Ateliers Berliner Bildhauer auf, um bei den beiden Schadows, bei Rauch, Tieck und Wichmann Aufträge dafür zu vergeben. Schnell erwies sich die vorgesehene Anzahl von 50 Walhalla Helden als zu niedrig und wurde schon Anfang 1808 auf 90 bis 100 erweitert. Im Sommer des Jahres bereiste er zu Fuß die Schweiz und bestellte in Basel auch Büsten großer Schweizer. Immer wieder über Namensverzeichnissen möglicher Kandidaten brütend, erwog und verwarf er, ließ sie von Männern mit Sachverstand gegenlesen und verbessern. Ein Schweizer war es auch, den Ludwig »um ein Verzeichnis derer, die er für würdig hält«, anging: den durch seine Universalgeschichte bekannt gewordenen Schaffhauser Historiker Johannes von Müller. Als Bezugsgröße für das Wunschbild nationalen Größentraums konnten natürlich nicht die politischen Grenzen der zerstückten deutschen Länder dienen, sondern allein die viel weiter sich erstreckenden Grenzen des deutschen Sprachraums: »Teutscher Zunge zu seyn wird erfordert, um Walhallas Genosse werden zu können. Auf die Wohnsitze kommt es nicht an. Kein Stand, auch das weibliche Geschlecht nicht, ist ausgeschlossen. Gleichheit besteht in Walhalla.«

Mit dem jungen Kronprinzen und seinem Büstenberater hatten sich zwei romantische Phantasten gefunden. Schrieb der Historiker: »Es ist groß, Durchlauchtigster Prinz, den schönen Gedanken der Walhalla der Zierden des Vaterlandes nicht vernachlässigt zu haben. Väter und Enkel, wenn im Schatten der Sinn noch waltet, und wenn, wie wir hoffen, der teutsche Stamm noch für die Zukunft grünt, Väter, sage ich, werden es Ihnen danken, edelster der Wittelsbacher, zu einer Zeit, welche uns selbst zu zerreißen drohte, des Vaterlands eingedenk gewesen zu sein. « Auch der Prinz konnte sich kaum genugtun in Lobeshymnen über seinen Historiker: »Habe ich sie alle festgesetzt, welche einst aufgestellt werden, sende ich Ihnen das Verzeichnis, und dann erfüllen Sie einen Wunsch, lebhaft und lange gehegt, eine Beschreibung seiner Bewohner von Johannes von Müller, Walhallas herrlichster Glanz! « Doch der Historiker verstarb im Juni 1809 und sollte die Aufstellung seiner eigenen Büste (Nr. 33, angefertigt von Schadow 1808) nicht mehr erleben; der Helden Katalog »Walhallas Genossen«, von Ludwig 1829 höchstselbst verfasst, erschien zur Eröffnung dreizehn Jahre später.

Weitere 21 Büsten wurden zwischen 1812 und 1819 in Carrara vollendet, unter anderen diejenige Goethes durch Christian Friedrich Tieck (1776-1851), einen Schüler Schadows. »Tieck«, so schrieb Dillis aus Rom, »gehört unter die Künstler, welche die schönsten Büsten verfertigen eine Büste, den Goethe vorstellend, ist außerordentlich schön und im besten Stil gearbeitet.« Doch gerade der deutsche Dichterfürst, als Walhallenser zum taufrischen Musenjüngling umgemeißelt, war im realen Leben ein schwieriges Modell. Johann Gottfried Schadow, von dem immerhin 14 Büsten (gegenüber 22 von Tieck, jeweils 7 von seinen Schülern Rauch und von Lossow) im Ruhm Tempel stammen, wusste davon ein Lied zu singen. Seit 1802 hatte er sich an Goethe Bildnissen versucht, doch der Dichter fühlte sich vom Bildner nie so dargestellt, wie er sich selbst gern gesehen hätte, und das Verhältnis zwischen den beiden Künstlern endete in unversöhnlichem Streit.

Als Ludwig 1825 den Thron bestieg, waren für das Walhalla-Projekt mehr als sechzig Büsten vollendet. Mit dem Tage ihrer Einweihung war die Sammlung schließlich auf 96 Brustbilder, neben 64 Inschriftentafeln sagenumwobener Helden der Vorzeit, von Menschen »teutscher Zunge« angewachsen. Tafeln sind in den gut 150 Jahren danach keine mehr, lediglich 27 Büsten dazugekommen. »Echte Größe«, so der Biograph Ludwigs 1., Michael Dirrigl, sei bei den Diskussionen zwischen Ludwig und von Müller stets »das Leitziel« gewesen. Die Zahl der abgelehnten Bewerber ist Legion; schon von Müller empfand die Größe des Humanisten Conrad Celtis oder Aloys Senefelders, des Erfinders des Steindrucks, als nicht ausreichend. Insofern ist die Schar der very important persons schon eine königliche Sammlung zu nennen, wenngleich neben Marmor Preisen und Bildhauer Honoraren sicherlich auch Platzprobleme ihre Rolle in diesem Konzept gespielt haben. Nur 12 freie Plätze (immerhin gut für 60 Jahre) stehen im Augenblick noch zur Verfügung, ohne dass in der Halle gerückt und umsortiert werden müsste.

Man gönnt sich ja sonst nichts

Über 30 Jahre sollte es dauern, ehe die Marmor Gesellschaft in die Pracht Herberge auf dem Bräuberg einziehen konnte. 1814, nach den Befreiungskriegen, verwarf Ludwig die bisherigen Bauplanungen als zu klein. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, bei dem über 50 Entwürfe eingereicht und auch ein Sieger ermittelt wurde. Doch zwei Jahre später waren dessen Ergebnisse schon Makulatur, denn inzwischen hatte Ludwig mit Leo von Klenze, dem bayrischen Schinkel, seinen Leib und Hofarchitekten gefunden, der ihm halb München aufbauen und in ein deutsches Athen verwandeln sollte, wovon die Glyptothek, Alte und Neue Pinakothek, aber auch die umgestaltete und vollendete Befreiungshalle (1863) in Kehlheim monumentale Zeugnisse geben. Innerhalb dieses Systems ludovicischer »Andacht Tempel« nahm die Walhalla den gewissermaßen außenpolitischen Platz ein. Sollte in ihr die großdeutsche Vision vorscheinen, so war ihr Gegenstück, die Ruhmeshalle an der Theresienwiese in München mit der Schwanthalerschen Kollossal Bavaria davor eher als eine Regional Walhalla gedacht. Von den 70 geplant waren einmal 200 hier aufgestellten Größen (unter anderen Ludwig Thoma und Rudolf Diesel) erhielt und erhält in der »germanischen Walhalla« niemand ein Bleiberecht.

1819 kam in die Bauplatzfrage Bewegung; München stand nicht mehr zur Diskussion, da, so die neue Überzeugung, ein solches Bauwerk freigestellt sein müsse und »schwerlich in eine Stadt zu stehen kömmt«. 1826 hatte sich Ludwig definitiv auf den Platz oberhalb von Donaustauf festgelegt. Schon über der Donau zu thronen hat etwas Eigenes; war doch der Nibelungenstrom immer gut als poetisches Bild einer kolonialen Option auf des Ostens Süden und der Ludwig Kanal, das Rhein Main Donau Projekt, schon immer mehr als ein Traum der Ingenieure. Schon 1821 waren von Klenzes Entwürfe von Ludwig genehmigt worden: »Rein griechisch aufgefasst ist die große Idee, der Himmel für abgeschiedene verdienstvolle Männer mit dem reichen Gewölbe, von außen umgeben mit dem rein griechisch dorischen Säulengang auf einportragenden Stufen, damit er von weitem schon hervorragt, der Tempel und nicht in die Erde versinkt. Diesen großen Gedanken noch mehr erhebend, muss das umgebende Erdreich den Wanderer dahin schon sanft emportragen.«

Am 18. Oktober 1830, dem Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig, wurde dann endlich der Grundstein gelegt, auf den Tag genau zwölf Jahre später erfolgte, eine frühe Son et Lumière Veranstaltung unter Einsatz bengalischer Beleuchtung, die familiär gehaltene Einweihung der Ruhmeshalle durch eine Rede Minister Schenks und eine knappe Erwiderung des Königs: »Möchte Walhalla förderlich seyn der Erstarkung und Vermehrung deutschen Sinnes. Möchten alle Deutschen, welchen Stammes sie auch immer seyen, immer fühlen, daß sie ein gemeinsames Vaterland haben, ein Vaterland, auf das sie stolz seyn können; und jeder trage bei, soviel er vermag, zu dessen Verherrlichung. « 2 277 853 Gulden (heute etwa 71 Millionen DM) waren in den Tempel geflossen, angeblich ganz aus königlichen Privatmitteln aufgebracht.

Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause

Stolz ragt der Profanbau im Sakraldesign mit seinen 52 kanellierten Säulen seither auf, ein deutscher Parthenon, der sein Athener Vorbild in den Ausmaßen nur um wenige Zentimeter verfehlt.Die südliche Giebelgruppe, von Ludwig Michael Schwanthaler nach Entwürfen Christian Daniel Rauchs gefertigt, beschwört die Einheit der Nation und schildert die Errichtung des Deutschen Bundes nach der napoleonischen Fremdherrschaft als Siegesfeier. Der allegorischen Figur der Germania eilen die anderen deutschen Stämme entgegen. Im Fries auf der Nordseite findet sich das bildnerische Gegenstück: die Abwehrschlacht im Teutoburger Wald durch Hermann den Cherusker.
Nichts wäre der Bau ohne seinen Inhalt. Er schützt, eine begehbare Vitrine, die in ihr aufgebaute Dauer Ausstellung ohne Magazin und Archiv. Ionische Säulen verleihen dem Innenraum, so der amtliche Führer, »eine heitere Grundstimmung«. Siegesgöttinnen unterteilen und gliedern die Reihe der aufgestellten Büsten. Das oben umlaufende, über 80 Meter lange Fries zeigt in acht bildlichen Darstellungen die Geschichte der Germanen, von der Einwanderung bis hin zu ihrer Christianisierung. 14 Walküren aus Donaumarmor fungieren als Karyatiden und scheinen das Dach zu tragen. Die Kassettendecke unterteilt ein blaues Himmelszelt, in dem goldene Sterne funkeln, in quadratische Segmente: Dahinter darf Walhall, das germanische Elysium, die Ruhestätte der Krieger und Könige vermutet werden. Als Ludwig des fertigen Bauwerks ansichtig wurde, soll er seinem Architekten zugerufen haben: »Herrlich, herrlich, Klenze, prachtvoll, klassisch und schön, wie ich jemals etwas sah! «

Jedoch die romantische Phantasmagorie, über Jahrzehnte hin beharrlich verfolgt, war schon vor ihrer endgültigen Verwirklichung ein leibhaftiger Anachronismus. Zu dem Zeitpunkt, wo in der Walhalla immer noch Lorbeer und Eichenlaub den Maßstab allen irdischen Strebens vorstellen sollten, hatten bereits tiefgreifende gesellschaftliche und technologische Umbrüche ein Proletariat der Straße erzeugt, stampften in den Fabriken die Dampfmaschinen und trieben die Entzauberung der Welt voran. Leo von Klenze erinnert sich in einem Tagebucheintrag schon 1837 an rapide aufkeimendes königliches Unbehagen; auf einmal sei bei Ludwig »ein politisches Manschetten Fieber rücksichtlich der Walhalla eingetreten, welches jeden Gedanken entfernte, der diesem Bauwerke irgend eine politische Wichtigkeit oder Bedeutung hätte geben können«. Auch in Hinsicht auf das, was sich im Norden des deutschen Bundes tat, hatte der Bayern König allen Grund, an der großdeutschen Botschaft seiner Walhalla zu zweifeln. Im Jahr ihrer Eröffnung fand das Kölner Dombaufest statt kein kleines Fanal für die Entstehung eines national monumentalen Kontrapunkts; zur gleichen Zeit wurden in Berlin andere Projekte angeschoben; da hatte der Architekt Anton Hallmann den Plan einer »National Geschichtshalle«, welche als integraler Bestandteil eines neuen preußischen Regierungssitzes dienen und mitten »im Leben der Nation« wurzeln sollte, der Öffentlichkeit vorgestellt, nicht ohne zugleich kritische Bemerkungen über die Walhalla als einen »poetischen« und vom »Treiben des Lebens« abgelösten Gedanken fallen zu lassen. Es sollte die spätere Ruhmeshalle im Berliner Zeughaus, ein »Denkmal der uralten deutschen Wehrkraft und der kampfreichen Menschenalter« werden.

Triumph krönt die Figur

Seitdem die Walhalla durch ihre Kopfgeburten den Anspruch erhebt, den Begriff deutscher Größe zu (re )präsentieren, steht sie in der öffentlichen Diskussion. Wie sich beim Länderspiel jeder Familienvater als verkannter Bundestrainer zu gerieren pflegt, so gibt es seither kaum einen Besucher, der nicht mindestens einen weiteren großen Deutschen vermisste. Schon bei der Garde der Klassiker erhitzen sich die Gemüter. Da wird etwa Hegel genannt, durch den der Weltgeist ja bekanntlich deutsch spricht und sogar die Dreifaltigkeit zu einem deutschen Patent wurde. Doch der Schwabe begab sich in preußische Dienste und wurde Professor, womit seine Walhalla Anwartschaft vermutlich beendet war. Oder Ludwig Uhland, volkstümlich wie keiner, diese geniale Synthese von Poesie und Politik! Doch was jeder Dorfbürgermeister seit hundert Jahren tapfer beherzigt keine Gemeinde ohne Uhlandstraße! , gilt unter Walhalla Maßstäben offensichtlich nicht. Schon eher nachzuvollziehen ist, daß für so wüste Genies wie Heinrich von Kleist oder Caspar David Friedrich kein Platz in der Walhalla sein kann. In dieser Beziehung unverschämt viel Glück hatte Gottfried August Bürger (Büste Nr. 19). Offenbar waren weder sein unsteter Lebenswandel den Auguren bekannt noch die zeitgenössische Text Exegese in der Lage, den Auftritt einer gewissen Frau Schnips in einem seiner Gedichte, die sich durch lauten Unflat gegenüber Schlüsselverwalter Petrus ihr ewiges Bleiberecht im Himmel erkläffte, angemessen zu interpretieren. Goethe, als Berater hinzugezogen, hätte das besser gewusst und die Büste des Blasphemikers für alle Zeit aus der heiligen Halle entfernt. Und der Kopf eines Thomas Mann, scharfkantig und fast platzend vor Ironie, wäre für manchen der hier versammelten Herren der reine Sprengstoff, für Raphael Mengs (Büste Nr. 122) etwa, den klassizistischen Maler, den heute keiner mehr kennt oder kennen muss. Stefan George indessen, schon als faltenwerfender Charakterkopf eine bildhauerische Herausforderung erster Ordnung, wäre als schreitender Versficator nationaler Sendung (»land dem viel verheissung noch inne wohnt. . . «) kein ’schlechter Walhallenser geworden hätte, ja hätte er nicht so nah am Rhein gebaut. Zu viel Rhein, zu wenig Donau: das probate Verdikt scheint bis heute, trotz eifriger Lobbyistenarbeit, auch den Alten von Rhöndorf verhindert zu haben.

Solcherart Büsten Spekulationen machen bis heute den Reiz der Walhalla aus. Doch was die Auguren bewegt und leitet, war noch nie für das öffentliche Ohr bestimmt. Heute werden beim Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst Vorschläge zur Aufstellung neuer Büsten eingereicht. Kandidaten zu empfehlen ist grundsätzlich jedem Bürger gestattet, ebenso Vereinen oder Organisationen. Die Eingangsbedingung ist Geld: 50 000 DM müssen bereitgestellt sein, um bei einem möglichen Zuschlag den Bildhauer in Arbeit und Lohn zu setzen. Der bayerische Staat mag sich an diesen Kosten nicht beteiligen (die Unterhalts und Sanierungskosten betragen schließlich ein Vielfaches). 50 bis 60 Namen sind es, über deren Walhalla Eignung in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in geheimer Sitzung in Abständen von jeweils etwa fünf Jahren beraten wird. Der Wunsch Kandidat wird der Ministerrunde der bayerischen Staatsregierung zur Vorlage gebracht, die dann mit einfacher Mehrheit über dessen Verbüstung entscheidet.

Da ihre Zahl noch immer begrenzt ist (123), verändert jeder neu in die Walhalla einziehende Kopf das Sammlungskonzept nicht unerheblich. Wenngleich die Uridee des Monarchen (Verhältnis Adlige zu Klerus und Bürgertum 10 : 3 : 3) bis heute weitgehend erhalten blieb, so beginnt sie sich doch durch den Einzug der bürgerlichen Helden allmählich zu überformen, vor allem seit in den letzten fünfzig Jahren die Büsten Sammlung zum Spielfeld einflussreicher Privatleute geworden ist. Dessen ungeachtet scheitern auch heute noch die Kandidaten reihenweise. So beeindruckten die Auguren weder die 4000 Unterschriften einer Bürger Aktion »Götz von Berlichingen in die Walhalla« in den siebziger Jahren, noch half es diversen Flugsportvereinen, die zur Amtszeit von Franz Josef Strauss die Aufstellung einer Otto Lilienthal Büste durchzudrücken dachten, auf ein Machtwort des begeisterten Hobby Fliegers zu spekulieren. Man darf gespannt sein, wie das Projekt ausgehen wird, welches derzeit in einer Münchner Konzernetage verfolgt wird und die Aufstellung Werner von Siemens’ favorisiert. Gerade mit der Truppe der deutschen Tüftler tat man sich bisher äußerst schwer: Die verschmierten Hände eines Robert Bunsen oder Carl Benz beleidigen vielleicht den Carrara Marmor prima sorte. Immerhin konnte auf Henne Gensfleisch alias Gutenberg, den Verbreiter deutschen Kulturguts, schlecht verzichtet werden. Wer hingegen mit Teleskopen zu hantieren wusste, selbst ein Sinnbild des per aspera ad astra wie ein Kepler, Kopernikus oder Herschel, der findet naturgemäß noch immer leichter Einlass in die heilige Halle.

Tendenzen, dem öffentlichen Interesse nicht nur zu genügen, sondern dieses vorwegeilend widerzuspiegeln, sind durchaus zu erkennen. So bedauert inzwischen sogar der amtliche Führer die eklatante Unterrepräsentanz großer Frauengestalten. Mehr Ruhm Gerechtigkeit scheint sich dagegen auf der Reihe der Marmorgesichter ablesen zu lassen, wenn der landsmannschaftliche Proporz in Anschlag kommt. Wer weiß, vielleicht steckt der Teufel ja auch im Detail und verhindert im Einzelfall längst fällige Verbüstung.

Ich bin so frei

Schon vor der Einweihung der Walhalla erwies sich, so gut sie auch immer gemeint war, die Büstenauswahl der beiden Schwarmgeister als handfestes Politikum. Seit 1832 war bekannt, dass auch von Martin Luther ein Kopfbildnis existierte. Doch Rom nahe Kreise um Ludwig, Jesuiten im Kabinett Abel, Kardinal Reisach mitsamt dem fundamental katholischen Görres Clan hatten eine mächtige Anti Luther Koalition ausgebildet, so dass die Einweihungsfeier der Walhalla ohne den Reformator über die Bühne ging. Doch so groß der Aufschrei in der Presse auch war, Schriftsteller wie Heinrich Heine, als Walhalla Madigmacher (»marmorne Schädelstätte«) mehrfach hervorgetreten, oder Hoffmann von Fallersleben zu spitzen Federn griffen, die Luther Zensur funktionierte. Es sollte noch volle fünf Jahre dauern, ehe die Reformation auch die Walhalla erreichte. Und letztlich verdankte sich seine Aufstellung gar dem Laster des Königs, genauer: den Reizen der Dame Lola Montez. Zugunsten ihres Verbleibs in München hatte Ludwig die dagegen heftig opponierenden Ultramontanen letztlich entlassen und das liberal protestantische »Ministerium Morgenröte« eingesetzt. Endlich war die Luther Blockade aufgehoben, klammheimlich wurde seine Büste im Ruhm Tempel aufgestellt, allwo sie dann eines Morgens im Jahr 1847 zu besichtigen war.

Nachdem der König, in der Folge der Ereignisse der 1848er Revolution, zugunsten seines Sohnes abgedankt hatte, widmete er sich seinem Lieblingsmetier, der Kunst. Die Aufstockung der Genossenschar um vier Köpfe (Erzherzog Karl, Feldmarschall Radetzky, Friedrich Schelling, Ludwig van Beethoven) zwischen 1853 und 1866 ist noch sein Werk, bis mit seinem Tode die Büstengesellschaft ohne Kurator war. In seinem Testament hatte er verfügt: »Würde, was Gott verhüten möge, der deutsche Bund aufhören, so fällt die Walhalla an Bayern als Staatseigentum. Würde später wiederum ein Bund Deutschland vereinigen, würde Walhalla wiederum Eigentum Deutschlands. «

Kleine Pause, kleine Stärkung

Nicht nur für Bayern waren seit 1848 unsichere Zeiten angebrochen. Gegen das wirtschaftlich wie militärisch schnell erstarkende Preußen hatte das Königreich, das sich noch immer, in völliger Verkennung seiner Möglichkeiten, als dritte Macht in Mitteleuropa empfand, stets mehr zu Österreich hin tendiert, bis es 1866 in die kriegerische Auseinandersetzung zwischen den beiden Hegemonialmächten hineingezogen wurde und Preußen unterlag. Erst der einsame Entschluss Ludwigs 11., 1870 im deutsch französischen Kriege auf preußischer Seite mitzumarschieren, brachte Bewegung in die bis dahin noch unentschiedene nationale Frage, machte dafür das Königreich zum Teil des neugegründeten Deutschen Reiches. Doch da die Walhalla nur unter der Maßgabe, als Nationaldenkmal innerhalb eines großdeutschen Bundes zu fungieren, den Besitzer wechseln sollte, war ihre entsprechende Verwendung im nunmehr kleindeutschen Staat blockiert. Überdies hinzugekommen, war doch wenigstens Sachse. Auch verkörperte er eine Bringschuld: 1905 war von Königin Elisabeth Carmen Sylvia von Rumänien im Gästebuch sein Fehlen angemahnt worden.
Liberaler, ja mit einem Stich von Kühnheit, muten die Komplettierungsaktionen deutscher Größe in den zwanziger Jahren an; so 1925, als, ein absolutes Novum, ein Chemiker, der Erfinder des Kunstdüngers, der Ernährer der deutschen Volksmassen, Justus von Liebig zu den Walhalla Genossen stieß. Drei Jahre später wurden gleich zwei Kandidaten enthüllt, ein zudem überaus ungleiches Paar: Franz Schubert und Turnvater Jahn. So zerbrechlich der eine als Mensch und Künstler war, so kraftmeierisch hatte der andere die Massenertüchtigung des Volkskörpers zum Glaubenskrieg erhoben.
1931 sollte eine späte Genugtuung? auch Joseph Görres, der Begründer des >Rheinischen Merkur< und des politischen Katholizismus in Deutschland, hier Aufstellung finden. Dass seine Büste dem angefeindeten Luther ziemlich genau gegenüber postiert wurde und seither beide einander fest in die leeren MarmorAugen blicken, ist ein hübsches Apercu in der ironischen Geschichte der Walhalla.

Ich und mein Magnum

Niemals zuvor aber und niemals danach wurde die Aufnahme einer neuen Walhalla Büste so sehr zum politischen Instrument vergewaltigt wie im Fall Bruckners 1937. Mit ihr wurde symbolisch schon der Anschluss Österreichs vorweggenommen, der ja de facto erst ein Dreivierteljahr später stattfinden sollte. Am Samstag, dem 5. Juni, dem Tag vor der Zeremonie, porträtierte der Völkische Beobachter den österreichischen Komponisten: »Der Türmer ungeheurer Klangmassen wird selbst Turmwart und Turm der deutschen Ostmark. Sein Weckruf wie sein Glaube heißt Deutschland.« Seine Eindeutschung folgte auf dem Fuße: »Das Blut Anton Bruckners aber ist, wie seine Gestalt, die mit ihrem gewaltigen Langschädel und der für die nordische Rasse charakteristischen Einbuchtung am Hinterkopf als germanisch bezeichnet werden muss, urdeutsch.« Hitler hatte seinen Auftritt in der Walhalla bestens inszenieren lassen. Vor dem Bau, jetzt »Ehrentempel des Dritten Reiches«, waren durch Albert Speer zwei 23 m hohe Fahnenmasten mit dem Reichsadler errichtet worden. Anwesend war auch ein Gesandter der österreichischen Regierung, als der Einzug nach Walhall mit Bruckners »Germanenzug«, dargeboten von »vereinigten deutschen und österreichischen Chören«, begann. Artig sprachen zunächst Gauleiter Wächtler und der bayerische Ministerpräsident Siebert vom deutschen Vermächtnis, das sich jetzt dank der nationalsozialistischen Bewegung erfülle. Es folgte Goebbels mit einer längeren Rede, worin er den Bogen zu Richard Wagner spannte, unter dessen Eindruck der Österreicher Bruckner ja erst erwacht sei und sich zu eigener Meisterschaft entwickelt habe. Hitler, dem bei dieser Gelegenheit gleich die Bruckner Medaille überreicht wurde, ließ das Kopfbildnis durch Reichskammermusikpräsident Professor Raabe enthüllen. Als einzige, so der Völkische Beobachter, »ist die Statue Anton Bruckners mit der Hakenkreuzfahne umkleidet, zum Zeichen, dass diese Büste die erste ist, die im Dritten Reich auf Beschluss des Führers in dieser Ehrenhalle der großen Deutschen Aufstellung gefunden hat«.

Dass in der Bruckner Büste sich die Züge Hitlers verstecken, nehmen die heutigen Besucher natürlich nicht wahr, wenngleich die Person des größten Feldherrn aller Zeiten die Gemüter auf dem Grunde immer noch heftig bewegt. Josefa Beutl, seit 1978 im Kartenverkauf der Walhalla beschäftigt, erzählt, dass seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und einem stetig anschwellenden Strom von Besuchern aus den neuen Bundesländern immer wieder nach der Büste des Führers gefragt werde, der abschlägige Bescheid auf den Gesichtern dann Spuren großer Enttäuschung hinterlasse. Dafür dürfte sich ein anderer Büsten-Traum der Walhalla Pilger leichter realisieren lassen, sobald nur die nötige Mindestablagerungszeit von 20 Jahren verstrichen ist. Diese Bedingung muss Franz Josef Strauss noch erfüllen, denn da die Walhalla 1962 endgültig in das Eigentum des Freistaates Bayern überging und als Bundes Nationaldenkmal seit dem 9. November 1989 endgültig obsolet geworden ist, dürfte sich für Lokalmatador Strauss eine entsprechende Büsten Lobby wohl beschaffen lassen.

Mehr Demokratie wagen

Gleichwohl erscheinen die Hineinführungen neuer Walhalla Genossen unter bundesrepublikanischen Verhältnissen moderat und unverfänglich. Kein Militär, nicht einmal ein Politiker war bislang darunter, Künstler und zunehmend auch Wissenschaftler erhielten den Zuschlag. Auch hat die Büsten Sprache der neuen Helden sich freigemacht vom getragenen Pathos des letzten Jahrhunderts. Nach Max Reger, der 1948 kam, ist Adalbert Stifter, 1954 enthüllt, ein gutes Beispiel einer bereits an Ernst Barlach orientierten Stilisierung. Musterhaft unpolitisch war die Heimholung Joseph von Eichendorffs 1957 in den Tempel. Erst die neue Nüchternheit der sechziger Jahre ließ ein Manko deutlich hervortreten: Die Fraktion der Mediziner und Chemiker war über Jahrzehnte sträflich vergessen worden: Die Aufstellung der Bildnisse Konrad Röntgens 1959 und Max von Pettenkofers 1962 mochten den aus dem Gleichgewicht geratenen Proporz wieder herstellen. Nach dem Frühkapitalisten und Sozialsiedlungserbauer Jakob Fugger 1967 fand 1973 ein deutsch österreichisches Pärchen hier Aufstellung; Jean Paul und Richard Strauss. 1978 folgte Carl Maria von Weber. 1983 fand der bislang erste und einzige Brillenträger zu Walhallas Genossen Einlass: Gregor Johann Mendel, wobei die sudetendeutschen Landsmannschaften für ihren Matador solide Lobbyarbeit geleistet hatten.

Einen bislang einzigartigen Versuch selbstironischer Büstik bot der zuletzt (1990) enthüllte Kopf. Es war zwar nicht das berühmtberüchtigte Pressefoto von Albert Einstein zur Vorlage genommen worden, wo er der Welt zeigte, wie relativ (theoretisch) egal sie ihm war doch sein glänzend polierter Marmor Kopf wirkt seitdem wie ein listiger Uhu, ein schräger Vogel, der die anderen Genossen heimlich verlacht. Freilich hat die Tatsache, dass mit ihm ein Genosse jüdischer Herkunft enthüllt wurde, manchen neonazistischen Drohbrief zur Folge gehabt , gleichwohl war seine Aufstellung sicherlich ein Zeichen, über eine enge nationalistische Denkmalsinterpretation hinaus, aktiver an einem Erbe mitzuarbeiten, als es in den hundertundfünfzig Jahren zuvor der Fall gewesen war.

Wie ernst ist die Walhalla und ihre Sammlung zu nehmen, angesichts des Talk show gewohnten, modernen Rezipienten, der, selbst ein Ausbund an Kreativität, für gewöhnlich mit seinem Genie auf einem ganz persönlichen Level verkehrt? Von den bundesdeutschen Staatsoberhäuptern hat allein Theodor Heuss die Walhalla besucht. Das war 1959. Selbst anlässlich ihres 150jährigen Jubiläums 1992 hat sich Bundesprominenz auffällig zurückgehalten. Es scheint, dass sich in einer vollcomputerisiert pluralen Gesellschaft Pathos kaum glaubhaft kommunizieren lässt. Die Walhalla als das »bedeutendste deutsche Nationaldenkmal« (Jörg Träger) zu interpretieren, erscheint überzogen, allenfalls vom kunsthistorischen Standpunkt aus nachzuvollziehen. Zu komplex erscheinen die Wert Verschiebungen, zu fragmentarisch und vorläufig die Identitäten, die eine ins Internet katapultierte moderne Gesellschaft fortwährend entwickelt und hinter sich lässt. Da war sogar noch der Sozialismus von anderem Kaliber.

Epilog

1999, der 50. Jahrestag der Republik. Es ist ein klarer Herbsttag an diesem 7. Oktober; noch einmal steht die Sonne über Sachsen leicht und warm. Auf einer Anhöhe des Elbsandsteingebirges gelegen, grüßt die »Ruhmeshalle des Volkes« schon von weitem: ein mächtiger weißer Bau. Wir nähern uns rasch und erblicken auf den Flügeltüren des Eingangsportals die Worte: »Der Kommunismus hat gesiegt, weil er wahr ist!« Dass die stützenden Pilaster unter dem Tübke Fries wegen anhaltender Materialknappheit aus wetterbeständigem Duroplast hergestellt wurden, hat bis heute noch keine Besucherdelegation gestört, da geschickte Absperrungsmaßnahmen von vornherein jegliches Berühren zu verhindern wissen. Hingegen sind die ebenso bewährten wie praktischen WBS 70 Magerbetonelemente (im Volksmund »Platte« genannt), aus denen der Baukörper errichtet wurde, eine bewusste Reverenz an das Material der arbeitenden Massen.

Die Berichterstattung der Aktuellen Kamera läuft. Egon Krenz, der in die Jahre gekommene Nachfolger des legendären Erich Honecker, schreitet mit ausgewählten Mitgliedern des Politbüros, unter ihnen Außenminister Bisky und die junge Kultusministerin Sarah Wagenknecht, die Stufen hinauf zum Portal. Schon der Aufgang erinnert an eine große Tribüne, unterhalb verläuft die Aufmarsch Magistrale, Straße des Volkes genannt. Hier werden in einer Stunde die Jungen Pioniere vorbeidefilieren und die Wachbataillone der Nationalen Volksarmee mit ihren zum Dauer Stechschritt ausgebildeten Eliteeinheiten. Folgen darf heute ins Innere der Halle dem Ministerpräsidenten und seiner Politbürocrew niemand außer der Aktuellen Kamera. Drinnen verharrt die Gruppe zunächst vor den Büsten von Karl Marx und Friedrich Engels, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg , dann heben sie alle leicht den Kopf, denn etwas erhöht findet sich Lenin, von seiner Geisteshaltung her schon immer ein deutscher Revolutionär (zumindest während seiner Zugfahrt nach Saßnitz). Neben ihm figuriert Martin Luther, der dem ausgebeuteten Volk die Sprache brachte und so dessen gerechte Sache vertrat. Kurz nickt Egon Krenz den anderen zu, und weiter schreitet die Gruppe zu den Büsten der historischen Klassenkämpfer. Da stehen Spartakus, der Organisator der Sklavenunruhen im antiken Rom; Jürg Ratgeb, der Führer des Bauernaufstandes; Savonarola, der sich kühn gegen den Papst stellte; Klaus Störtebecker und Godeke Michels, die die frühkapitalistischen Monopole der Hanse das Fürchten lehrten. An der Reihe der toten Helden geht es vorbei, die für die Befreiung vom Hitlerfaschismus ihr Leben gaben: Hans Beimler und Ernst »Teddy« Thälmann mit überaus realistisch wiedergegebener Marmor Mütze. Es folgen, Kopf an Kopf gereiht, die Arbeiter der Stirn: Goethe und Schiller, die unverzichtbaren; Ernst Moritz Arndt, der Dichter der Freiheitsbriefe; Lenz und Büchner, Herwegh und Freiligrath, natürlich Bert Brecht und schließlich, auf einem vorspringenden Büstenhalter, Johannes R. Becher und Anna Seghers, ihnen zur Linken Kurt Bartels (Kuba genannt) und Max Zimmering, die Dichter des Liedguts der Arbeiterklasse. Aus der sogenannten hellen Ecke grüßt freundlich August Bebel, neben ihm die Matadore des Aufbaus Frieda Hockauf und Adolf Henneke. Zuversicht und Stolz durchziehen die Züge des Präsidenten und seines Politbüros, als sie neben ihren Büsten auch noch deren beste Arbeitsergebnisse auf einer Ehrentafel erblicken. Abgerundet wird die Gruppe der Produktiv Helden durch die Bildnisse der Neuerer, Seifert mit seiner Methode, die Fehlzeiten im Betrieb zu senken, und Makarowsky, welcher durch eine operative Rechenfigur die Standzeiten leerer Güterwaggons auf den Verschiebebahnhöfen entscheidend herabzudrücken wusste.

Am Ende des Rundgangs im Pantheon findet sich die Ahnenreihe der Repräsentanten des demokratischen Deutschland, in dem das Volk, vertreten durch die Partei der Arbeiterklasse, der legitime Souverän ist. Vor ihnen verharrt, ernst und still, Egon Krenz lange. Doch was niemand ahnt: Die Größe des Ulbricht-Kopfes war seine Idee gewesen, inklusive ihres Ersatz Materials (Gießharz, marmoriert bemalt). Welch harte Kämpfe hatte es darum gegeben! Gegen die Kulturkommission hatte er sich durchzusetzen gewusst. Doch auf einmal umspielt ein leises Lächeln die Züge des Generalsekretärs. Und stand nicht auch Pieck, den er mochte, wohlproportioniert neben dem schlampig herausgehauenen Schädel Schabowskis? Aber das Schrumpfköpfchen Ulbrichts, gnomenhaft, Spitzbart übertrieben, das war schon Spitze! Ach, er selbst musste ja morgen schon wieder Modell stehen im Atelier, eine anstrengende Stunde in strammer Haltung, beschwerlich, beschwerlich, doch leider unausweichlich, denn die ansteigende Reihe in der Größe der Präsidentenbüsten hatte er ja selbst verfügt.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 20. Mai 2009 7:23
Themengebiet: Sammelfieber