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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Niemand ist besser für Deutschland![1]

Niemand ist besser für Deutschland![1]

Lehrgedicht über Masse und Demokratie [2]

zur bebilderten Fassung (PDF, 23 S.)

© 2009 Dirk Schindelbeck

Niemand spricht mehr, kein Mensch! Es schickt ein riesiger Rechner,
worauf er Zugriff hat aus dem Speicher, in endloser Schleife
Bilder- und Audiodaten ins weltweite Netzwerk, gebündelt
und in bestechender Qualität - und in Millisekunden
steht die Botschaft auf sämtlichen Bildschirmen draußen im Lande,
wo sie auf Netzhäute trifft, in Hirne und Seelen sich festsetzt,
wo sie jetzt Anstoß erregen könnte - indessen bleibt’s ruhig.
Niemand widerspricht. Es bleibt alles ruhig an diesem
Abend, wie auch am Abend zuvor, in den Wochen und Jahren.
Niemand fühlt sich getroffen. Und diese Sendung, das zeigen
deutlich die Einschaltquoten seit Jahren, wird gerne gesehen:
„Melodien für Millionen”, vermischt mit den Sprüchen der Werbung:
„Geht nicht, gibt’s nicht!”, „Nichts ist unmöglich!”, „Heute ein König!”.
Ruhig verläuft der Abend, die Botschaft verteilt sich wie Feinstaub
gleichmäßig über das Land, ein Mehltau, den niemand mehr wahrnimmt.
Nur ein paar Techniker kontrollieren den Ablauf der Sendung,
während jene, die für den Inhalt verantwortlich zeichnen,
ihre Freizeit genießen in Miami oder San Remo.

Wieder versinkt das Land in den Medienschlaf, und es schlafen
alle die Niemands da draußen, die namenlosen, es schlummert
tief auch das „Volksempfinden”. Zwischen der Herrschaftselite
und der Masse des Volks vollzieht sich lautlos, was Friede
nicht genannt zu werden verdient, was jedoch aus Gewohnheit
dank bewährter Formeln, subtiler Beruhigungsfloskeln,
untermischt mit Versprechen von Wohlstand und Freiheit stabil ist.
Wenige sind es, die so zu vielen sprechen: Sie haben
Mittel und Wege zu kommunizieren, in Presse und Fernsehn
ihre Botschaft, verpackt in Kaskaden von Bildern und Sprüchen
dauerhaft auszustreun ins Gehirn der schweigenden Masse.[3]

Ihre Aktivitäten verstärken sie meistens im Wahlkampf;
plötzlich sind die Partei-Zentralen von Hektik ergriffen.
Ein und aus gehen Demoskopen und Soziologen:
Wie die Gesellschaft sich wandelt, wie neue soziale Milieus sich
im Verborgenen bilden[4], was wiederum Rückschlüsse zulässt
auf veränderte Präferenzen in dem Verhalten der Wähler,
solches wird jetzt mit größtem Intresse zur Kenntnis genommen.
Auch PR-Berater und Werbeleute sind ständig im Hause,
konzipieren die phänomenale Wahlkampf-Kampagne
unter dem einen Ziel: Am entscheidenden Stichtag den vielen
draußen ihr Kreuz zu entlocken, das „Ja” an der richtigen Stelle.
Dabei wird viel investiert in treffende Formeln und Slogans,
die so gemeinverständlich als möglich und trotzdem prägnant sind,
doch am Ende ergibt sich, wieder recht platt und bescheiden,
meist nur ein Spruch wie dieser: „Niemand ist besser für Deutschland!”
welcher auf Riesenplakaten samt Bild des Topkandidaten,
unanständig pompös bald an jeder Kreuzung zu sehn ist.

„Wie gewinnen wir denn das öffentliche Vertrauen?
Wie erreichen wir es, dass die große Masse der Wähler
Zutrauen fasst zur Person unsres Kandidaten, zu seiner
einzigartigen Qualität als Mensch und als Fachmann?
Letztlich ist ja belanglos, ob wir einen Markenartikel,
eine Dienstleistung oder politischen Inhalt bewerben:
Eine Partei ist so gut oder schlecht wie die Dose Tomaten,
die im Supermarkt im Regal liegt. Was dort der Nachkauf,
ist hier die Wiederwahl. Woher soll die Oma in Straubing,
woher Lieschen Niemand in Riesa beurteilen können,
welche Qualität Politik hat? Die kennt ja noch nicht mal
unseren Außenminister - die kennt nur ‚Wohlstand für alle!’” [5]

Dies ist normal: so normal, dass niemand ernsthaft mehr nachfragt.
Unvorstellbar dagegen erscheint, dass es umgekehrt abläuft,
dass die vielen das Wort ergreifend zu wenigen sprechen.
Denn wenn bei vielen der Leidensdruck steigt, das Verhältnis
zwischen Herrschenden zu Beherrschten brüchig und morsch wird,
weil die großen Versprechen auf Jahre nicht eingelöst wurden,
keine Zukunft mehr greifbar erscheint, keine Alternative[6],
dafür Kontrollen, Repressionen, Schikanen sich häufen,
dann kommt Bewegung in die Masse, dann zeigt sich, was niemand
vorher für möglich gehalten hätte. Am Anfang wagt einer
zaghaft sich aus der Menge heraus, was ein zweiter mit Hoffnung
sieht, ein Dritter und Vierter, auf einmal sind’s ihrer schon zehne.
Seltsam standhaft stehen sie da, ein Häuflein. Ihr Beispiel
aber gibt anderen Mut. Auf einmal wächst was, die Luft ist
angespannt wie noch nie zuvor. Dann strömen herbei sie:
Nichtse, schüchtern und schwach und stehen da wie die Würstchen
ohne Mandat und Vermögen - aber mit was für Vermögen![7]

Frühling kamen und Sommer, da konnt’ es noch niemand ermessen,[8]
wie sich verwandeln sollten im östlichen Deutschland die Menschen,
welche Kraft ihnen zuwuchs zur riesigen Massenerhebung.
Dabei war alles beim Alten geblieben im östlichen Deutschland
äußerlich, keine Erneuerung spürbar, es ging den gewohnten
sozialistischen Gang das Leben, die Nischengesellschaft
hatte sich arrangiert und abgefunden, die Datsche
und bescheidner Konsum regierten den Alltag der meisten.

Wer die Betriebe aber von innen kannte, der wusste:
Mühsam wurde die Produktion noch am Leben gehalten,
improvisiert und geflickt, wo immer es ging, denn es fehlte
an Ersatzteilen ständig: So wurde weitergewurstelt
Jahr um Jahr, auf Verschleiß die Anlagen schrottreif gefahren.
Wie viele Jahre würde es so noch fortlaufen können?
Niemand sprach offen darüber, doch fühlten und sahen es alle:
Dieser Staat war bankrott und seine Wirtschaft am Ende.
Manch einer machte sich Luft in Sarkasmus, goss Spott aus
über den ‚heiligen’ Plan, die Unmöglichkeit ihn zu erfüllen
ohne Material - ein System des komplettes Versagens.[9]

Mitte August - es rumorte im Land schon - hatte sich Erich
Honecker eigens nach Erfurt begeben, das Muster des ersten
hier im Land produzierten Computerchips zu bewundern.
In dem volkseignen Betrieb begrüßten sie den Genossen
und den Vorsitzenden der Partei mit herzlichen Worten;
Honecker nahm das Wunderding in die Hand und beschwor es
in der ihm eigenen Art: „Den Sozialismus in seinem
Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!” Wie applaudierte
da die Belegschaft ob dieses welthistorischen Ausspruchs![10]

Doch was als Zukunftsvision bei früheren Generationen[11]
in den Köpfen lebendig gewesen war: in heiligem Eifer
eine Gesellschaft im sozialistischen Geist zu errichten,
für sie zu kämpfen, selbstlos, auch ohne persönlichen Vorteil,
weil man erfüllt war von großen Ideen und großen Versprechen,
alles war Makulatur längst, bewegte und kümmerte keinen.
Taub und zutiefst verstockt gegen ewig dieselben Parolen
der Propaganda, die Leiersprüche der Agitatoren,
grüßte so mancher in der Brigade die Arbeitskollegen
morgens schon mit der Frage „Braun oder weiß?”[12] Wie marode
waren nicht nur Maschinen, oft auch die Menschen geworden!

Gierig sog man dafür die Botschaften auf aus dem Westen,
sah im Fernsehn Produkte aus fremden, glitzernden Welten:
Videorecorder[13], Computer und protzige Luxuskarossen,
und verglich sie beschämt mit dem ärmlichen eigenen Dasein.
Auch im Urlaub erlebte man es, wie wenig man wert war
als ein Bürger der DDR, wenn westdeutsche D-Mark
selbst in den Ländern der sozialistischen Staatengemeinschaft
gierig genommen wurden, man selbst hinten anstehen musste.
All die Zurücksetzung wäre noch immer erträglich gewesen
ohne die Repressionen durch lungernde Stasi-Gestalten.
Überall sah man sie an den Ecken, man roch sie, man spürte
ihre Präsenz überall. Kein Gang durch die Stadt, keine Feier,
kein privates Gespräch, bei dem man versichert sein konnte,
dass es nicht abgehört wurde. Wer einmal nur an sie geraten,
oft aus nichtigen Gründen, der war geprägt für sein Leben.
Wie viele fragten sich dann: Wem habe ich das zu verdanken?
Wer hat mich denunziert, verraten, ans Messer geliefert?
Wer konnte wem noch vertrauen? Die Schwester dem Bruder? Die Eltern
ihrem Sohn? Seiner Schreibkraft der Leiter eines Betriebes?

Aber es war nicht stehen geblieben das Rad der Geschichte,
Gorbatschow war auf die politische Bühne getreten:
Was für eine Erscheinung! Welch neuer Ton! Seine Botschaft,
Perestroika, Glasnost, sie traf die Menschen im Tiefsten.
Eingefroren dagegen die Riege der alten Genossen,
all die Axens und Hagers, Honeckers, Mielkes und Mittags[14],
unfähig sich zu erneuern, den Geist der Zeit zu erfassen!

Mai war’s geworden, als erstmals DDR-Bürger im Ausland
auf einer Urlaubsreise spontan sich entschlossen zu fliehen.
Und es fielen die Sperranlagen des Eisernen Vorhangs
in den Wochen darauf, und noch während die Nachricht herumging,
planten immer mehr Urlauber, die am Plattensee campten
mit ihren Zelten oder im Trabi durch Budapest fuhren,
ihren ultimativen Ausbruch aus Honeckers Deutschland.

Unser Reporter berichtet: „Sternklare Nacht über Deutschen,
die sich an der Grenze entlang pirschen, plötzlich ein Lichtschein:
Angstsekunde, der Posten dreht sich gelangweilt zur Seite
und behelligt die Leute nicht mehr, sie fliehen ins Dunkel.”[15]

Dort aber wuchs der Unmut. Ausreiseanträge in Massen
wurden gestellt und Visabegehren, doch träge wie immer
mahlte die Bürokratie in Honeckers Staat - oder gar nicht.
Hoffnung konnten nur jene haben, die schon im Urlaub
in der Tschechei, in Ungarn oder Rumänien waren.
Ihnen war alles egal jetzt! Familie, Freunde und Heimat,
das zu verlassen bedeutete nichts; vom Wunsch nur getrieben
„Jetzt oder nie! Nur weg aus der DDR!”[16] in der Hoffnung,
ihre Ausreise schnell zu erzwingen, drängten die Menschen
in die Bonner Botschaften, so in Prag und in Warschau
oder in Budapest. Da kampierten Familien auf Gängen,
auf den Treppen, im Garten, im nassen Schlafsack die Männer.

„Flüchtlinge stürmten Botschaft! Kinder niedergetrampelt.
Frauen fielen ohnmächtig vom Zaun!” beschreibt der Reporter[17]
diese bewegenden Szenen, bis endlich der Außenminister
Genscher einflog aus Bonn und in harten Gesprächen erreichte,
auszulösen die Leute, doch die Lage entspannte sich kurz nur.

Und mit Flüchtlingen voll war schon wieder das Botschaftsgelände.
Und das Deutschland im Osten glich einem riesigen Kessel,
in dem der Druck sich ständig erhöhte. Hier spürte es jeder:
So ging es nicht mehr weiter, so war es nicht zu ertragen,
fehlten doch schon in vielen Betrieben, Schulen und Ämtern
Freunde und Arbeitskollegen. Rapide entleerte das Land sich,
doch eine Lösung war Flucht nur für manche. Für alle die andern,
welche bei ihren Freunden, in ihrer gewohnten Umgebung
leben wollten, war sie es nicht. Doch wo war die Lösung?

Montag: Nikolaikirche in Leipzig. Friedensgebete
gab es schon längere Zeit, seit den frühen achtziger Jahren,
als gegen Marschflugkörper und neue Abwehrraketen
Montag für Montag ein Häuflein betete, lange belächelt.
Nun war September gekommen, das große Schaufenster Leipzig
präsentierte sich wieder vor aller Welt mit der Messe.
Damit waren nun Korrespondenten aus anderen Ländern
hier in der Stadt, um Berichte zu liefern. Und sie bemerkten
plötzlich einen doppelten Chor wie im alten Theater:
Wo die einen noch riefen „Wir wollen raus!”, so skandierten
„Wir bleiben hier!” die andern dagegen. Es wurde dies Schauspiel
über die Medien vermittelt, und so geschah’s, dass die Masse
erstmals sich ins Gesicht sah, und plötzlich stand diese Losung
„Wir sind das Volk!” im Raum: nicht „Elemente” noch „Rowdys”[18],
Unruhestifter, so wie das Regime es behauptete, hier stand
der Souverän auf, die Macht der Arbeiter und auch der Bauern
selbst. Aus der Kirche traten die Menschen hinaus in den Abend,
sehr gefasst und mit Mut, wenn auch mit pochendem Herzen,
schauten in die versteinten Gesichter der Volkspolizisten:
Wen der Stasi herausgriff, wer zugeführt[19] wurde, der rief sein
„Wir sind das Volk!” noch laut heraus mit dem Mut der Verzweiflung,
schon von Sicherheitskräften umrahmt. Und der Körper aus Menschen,
fühlte es instinktiv jetzt: Zusammenbleiben ist Stärke.

Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.[20]

Also formierte sich langsam ein Zug, zusammengehalten
von einer Mischung aus Lust und Angst bei jedem, der mitlief.
Damit begann es zu brodeln auf den Straßen von Leipzig
Montag für Montag, Fanal für alle, die oben und unten.
Schon das Wissen im Vorfeld erzeugte knisternde Spannung
immer montags: Dann kam sie, die Masse. Verunsichert waren
bald die Organe des Staats, die hofften, es würden
irgendwann ermüden vom Demonstrieren die Menschen.

Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.

Diesmal marschierte der Trupp die Grimmaische Straße hinunter
vor bis zur Ampelanlage. Hier zeigten die Lichter grad Rot an,
und der riesige Pulk verharrte, besann sich, verschnaufte,
bis das grüne Männlein erschien. Jetzt kehrte der Zug sich
endlich um nach links, dem Hauptbahnhof zu, gewann Breite
auf dem Leipziger Ring; hinzu strömten immer mehr Menschen.
Straßenbahnen, steckengeblieben, wurden von ihren
Fahrern verlassen, die reihten sich ein und riefen die Losung:
„Schließt euch an!” und „Keine Gewalt!” und an die Adresse
der Polizisten: „Schämt euch!”, und diese schwiegen betreten.
In ihren Händen erstarben ihnen die Knüppel zu Steckchen.
Montag für Montag zeigten die Niemands so ihre Seele
kurz nach siebzehn Uhr; dann wuchs und schwoll ihre Macht an,
wurde die Straße zur Bühne für einen riesigen Bandwurm.

Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.

Rotten sich Niemands so zusammen, dann wollen sie wachsen,
wollen weiter und siegen. Ob bei strömendem Regen
oder bei schneidender Kälte, sie kommen, bar jeglicher Führung,
sehen der Staatsmacht ins Auge Montag für Montag, sie kommen:
Tausend Anfang September, dann vier-, dann achttausend Köpfe,
dreimal so viele am zweiten Oktober. Die Masse, wie magisch
halb aus Lust, halb aus Angst getrieben, ist wieder gewachsen.
Und so brodelte es in den trüben Straßen von Leipzig;
schon das Wissen im Vorfeld erzeugt eine knisternde Spannung
montags: Da ist sie, die Masse, gewachsen, hilflos verharren
die Organe des Staats mit schwindender Hoffnung daneben,
dass diese Menge sich auflösen würde. Im Gegenteil: endlich
ist in die Trostlosigkeit der grauen zerbrochnen Fassaden
Leipzigs das Leben zurückgekehrt, die traurigsten Viertel
sind zur Brutstatt geworden eines Jahrhundertgefühles.

Weiter und weiter schob sich der riesige Lindwurm aus Menschen
Montag für Montag, vorbei an Bahnhof und Fußgängerbrücke,
um am neunten Oktober erstmals nach Süden zu schwenken.
In den Köpfen all jener, die heut sich zusammengerottet,
stehen noch frisch die Bilder vom Samstag, dem siebten Oktober,
als am vierzigsten Jahrestag die Geburtstags-Parade[21]
an der Ehrentribüne, auf welcher Gorbatschow saß und
Erich Honecker, stramm im Stechschritt vorbeizog. Mechanisch,
puppenhaft grüßte der Greis, der Parteivorsitzende, als sich
Gorbatschow zu ihm beugte mit den prophetischen Worten:
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!” Doch so was
wollte Erich nicht hören. Gespenstisch wirkte die Szene.

Erich Honecker nahm auch den Aufstand nicht ernst. Woher kam denn
all dieser Unmut, die Wut, die Renitenz dieser Leute?
Das war das Werk von Bonns bezahlten Agenten, kein Zweifel.[22]
Vierzig Jahre bestand dieser Staat schon, das bessere Deutschland:
seine DDR, die sich Stückchen für Stückchen nach oben
weiterentwickelt hatte, ein Staat, der im Ausland geachtet
war und im Sport eine Macht. Hier hatte jeder zu essen,
billige Fahrkarten, Wohnraum, Heizung: Arbeit vor allem.
hier wo nicht Schlotbarone, Ausbeuter, Rüstungskonzerne[23]
die Politik bestimmten mit ihren Profitinteressen,
hier war der Hort der sozialen Sicherheit und des Friedens.
Waren nicht vierzig Jahre der schönste Beweis, dass ein Staat, der
seine Errungenschaften des sozialistischen Weges
immer verteidigt hatte zum Wohl seiner Bürger und somit
allseits gefestigt[24] war, ein Naturrecht auf Fortbestand hatte?

Jetzt am neunten Oktober ist alles anders; ein jeder
fühlt, die Masse ist riesig wie nie! Ihre Kraft spüren alle,
aber es hat auch jeder bemerkt, welch gewaltiger Aufmarsch
in allen Nebenstraßen an Volkspolizei und Soldaten
längst erfolgt ist: gepanzerte Lastwagen, Kampfhunde, Waffen.


Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Niemand behält mehr die Fassung. Niemand spricht jetzt für alle.
Niemand reckt seine Faust den Stasi-Leuten entgegen.

Angst kriecht in sie hinein bis zum Grund; doch sie laufen,
instinktiv drängen und schließen sie sich noch enger zusammen,
während sie laufen. Die kessen Parolen, Slogans und Sprüche,
sie sind verstummt. In solcher Hochspannung laufen sie weiter,
dass man minutenlang gar nichts hört als das Schlurfen der Schritte[25];
Langsam kriecht weiter der Zug zum gespenstisch daliegenden schwarzen
Riesengebäude, im Volksmund nur „Runde Ecke” geheißen:
Dies ist die Stasizentrale von Leipzig. Stumm und bedrohlich
liegt der gewaltige Bau vor ihnen. Was wird nur passieren,
wenn aus den Nebenstraßen plötzlich Bewaffnete rücken,
Teilnehmer festnehmen, abführen, unter dem Einsatz von Panzern?
Wie auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking ein Blutbad?
Meter um Meter schiebt der Trupp sich hin zum Gebäude.
Tausende halten die Luft an, beobachten Fenster und Türen -


Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Niemand behält mehr die Fassung. Niemand spricht jetzt für alle.
Niemand reckt seine Faust den Stasi-Leuten entgegen.
Niemand schreit auf. Niemand ist außer sich. Niemand skandiert hier:
„Keine Gewalt!” und „Reiht euch ein!” - Antwortet Niemand?

doch es passiert nichts, nichts regt sich, alles bleibt ruhig.
Dabei weiß es jeder, dass hinter der schwarzen Fassade
Einsatzkräfte massiert sind, um auf Befehl von ganz oben
zuzuschlagen. Doch nichts: verbarrikadiert das Gebäude.
Nach Sekunden begreifen die ersten die Lage - und plötzlich
explodiert der Jubel. Als ob mit Urkraft ein Pfropfen
abspringt von einem Gefäß, in welchem es lange gegärt hat,
bricht sich Befreiung Bahn. Tief atmen, tief auf die Menschen:
„Keine Gewalt!” gegen „Wir sind das Volk!” Selbst auf Seiten der Staatsmacht
hat man den Willen, den heiligen Ernst dieser Menschen begriffen!

Niemand steht auf. Niemand wagt es, sich zu erheben. Es traut sich
niemand aus der Reserve. Niemand zeigt Widerstand offen.
Niemand bleibt mehr im Dunkeln. Niemand taucht auf aus dem Dunkel.
Niemand ahnt, was da kommt. Und niemand ist davor gewappnet.
Niemand erkühnt sich. Niemand ist aufgebracht, aber niemand
will mehr ein Niemand bleiben an diesem Montag in Leipzig.
Niemand behält mehr die Fassung. Niemand spricht jetzt für alle.
Niemand reckt seine Faust den Stasi-Leuten entgegen.
Niemand schreit auf. Niemand ist außer sich. Niemand skandiert hier:
„Keine Gewalt!” und „Reiht euch ein!” - Antwortet Niemand?
Niemand fasst großen Mut und steht auf. Der Souverän ist
Niemand. Niemand sonst. Und Niemand ist besser für Deutschland.

Siebzigtausend haben den Durchbruch gewagt und gewonnen -
Wer wollte gegen Siebzigtausend ein Blutbad riskieren,
vor der Geschichte dastehn als Urheber eines Massakers?
Und die Menschen, sie feiern ausgelassen die Nacht durch
ihren symbolischen Sieg bis zum anderen Tag: diese erste
friedliche Revolution in der langen deutschen Geschichte!

Was für ein Gefühl! Den aufrechten Gang und die eigene Sprache
wieder zu finden, nach so vielen Jahren in lähmender Knechtschaft,
Angst und Repression vor dem Staatsapparat und dem Stasi!
Montag für Montag kommen die Menschen fortan zusammen
auf ihr Straßenfest. Eine halbe Million sind es schließlich[26],
jetzt gibt es nicht nur Sprüche, jetzt tauchen auch Transparente
auf, zu Dutzenden erst, dann zu Hunderten: „Priviligierte
aller Länder, beseitigt euch!” und „Dem Volke zum Wohle,
Stasi in die Kohle!”[27] Krampfhaft versucht das Regime schon,
sich an der Macht zu halten durch raschen Austausch von Köpfen:
Honecker wird durch Krenz ersetzt. Wie lacht da die Straße!
Was sie von diesem Manöver halten, sagen die Menschen:
„Schnürt ein Krenzlein auch sein Ränzlein?” unmissverständlich.[28]
Alles wird angesprochen, phantasievoll, was sie bedrückt hat
auf immer neuen Transparenten von Montag zu Montag:

„Neues Forum zulassen!” - „Freie Wahlen!” - „Bestrafung
aller alten Genossen!” -  „Visafrei reisen ins Ausland!”
„Demokratie - jetzt oder nie!” - „Eine saubere Umwelt!”
“Vorschlag für den Ersten Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei!”

Täglich wächst so der Druck der Straße auf das Regime an,
bis dies endlich erkennt: Keine Zusage und kein Versprechen,
auch kein Austausch von Köpfen kann diese Massenerhebung
jetzt noch stoppen. Und also verkündet Politbüromitglied
Günter Schabowski am Abend des neunten November lakonisch,
jedermann dürfe nun reisen, die Mauer sei offen, passierbar.
Was für ein Schlag ins Herz. Ins tiefste Gefühl! Mit nur einem
Satz annulliert, makuliert die Politik von Jahrzehnten![29]
Doch den Menschen ist’s gleich. In überschäumender Freude
stauen sich vor den Schlagbäumen Massen, um „rüber zu machen”[30],
hautnah selbst das andere Deutschland zu sehn. Und so liegen
Ost- und Westdeutsche sich in den Armen, wildfremde Menschen.
Keiner findet mehr Worte, zu mächtig sind die Gefühle.
Tausende, Hunderttausende stammeln immer nur „Wahnsinn!”

Schon am Montag darauf marschieren sie wieder in Leipzig,
aber wie aufgewühlt durch Träume und neue Visionen!
Zaghaft taucht auf, was sich rasend vermehrt: Transparente
„Deutschland - einig Vaterland!”, auch wenn manche schon warnen
vor dem Vierten Reich, dem großdeutschen Wahn, es erscheinen
ohne Zirkel und Ährenkranz[31] die Farben von Deutschland -
und sie breiten sich aus von Montag zu Montag zu Montag.
Ende November beherrscht das Fahnenmeer schon die Straße.
Aus dem „Wir sind das Volk!” ist „Wir sind ein Volk!” geworden!
Wie galoppierte die Zeit! Wer’s miterlebte, der fasste
sich an den Kopf wie benommen, als sei ein Wunder geschehen.

Nichts hatten diese Menschen vorher ersehnt und erhofft als
endlich ein Leben zu führen ohne Angst und Kontrolle,
ohne die Repressionen im Alltag, befreit von der Stasi-
Krake, die überall lauerte, frei von Willkür und Allmacht
dieses Staatsapparats und seiner Parteifunktionäre.
Dies war der ehrliche Antrieb gewesen. Politiker aber,
Machtarchitekten von Haus aus, nutzten die Gunst dieser Wochen
und bedienten die Emotionen der Ostdeutschen passend,
leiteten sie in Kanäle, bevor die Menschen nur merkten,
dass sie beherrschbar wurden - für Jahre und für Jahrzehnte.

„Freuen Sie sich auf einen herrlichen Ausflug! Wir fahren
Sie im Luxus-Bus auf die dunklen Höhen des Schwarzwalds.
Sehen Sie Deutschlands höchste Wasserfälle in Triberg,
weiter geht’s nach Furtwangen ins Deutsche Uhrenmuseum.
Einkehr danach im zünftigen Gasthof mit Kaffee und Kuchen,
wertvollen Haushaltstipps und Vorstellung neuer Produkte.
Frühbucher aufgepasst! Sie erhalten Willkommensgeschenke!”

Kohl, der mächtige Kanzler zum Beispiel, historisch gebildet,
sah diese Massenerregung. Er schaute nur in die Gesichter,
Menschenkenntnis brauchte er kaum, die Mangelsyndrome[32]
standen auf diesen Mienen nur allzu deutlich geschrieben;
Also fiel rasch der Beschluss, die aufgestauten Gefühle
nicht sich selbst zu überlassen. Die Stunde war günstig,
und erfahren der Kanzler, gestählt in vertrackten Debatten,
ausgepfiffen so oft von wüsten Chaoten, er wusste,
wie man Stimmung erzeugt und die schwankende Meinung der Menge
auf das ‚richtige’ Konto bucht. Mit einskommsechs Milliarden
D-Mark Begrüßungsgeld, ein verschwindender Posten im Haushalt,
ließ sich den Drüben-Leutchen ein Leben in Freiheit und Wohlstand,
wie auf Rosen gebettet, versprechen. Dieses Pro-Kopf-Geld,
einhundert D-Mark, wahrlich, das ließ sich keiner entgehen:
„Let’s go west!” und en masse. Und die Heldenstädter[33], sie kamen,
schichteten Opas und Enkel bis unter das Dach ihrer Trabis,
steckten singend im fröhlichsten Stau der deutschen Geschichte,
fielen ein in westdeutsche Städte und staunten mit großen
Kinderaugen und streunten durch glitzernde Einkaufspassagen
zwischen riesigen Warenbergen hindurch, und man hörte
immer wieder nur eins: „Wie wurden wir alle betrogen!”[34]

Alles super!” - „Test the West!” - „Man gönnt sich ja sonst nichts!”

Sollen wir preisen - so preiswert sie war! - die ‚ruhmreiche’ Handlung
des Begrüßungsgelds? Es wärmte für Tage die Herzen
zwischen Deutschen in Ost und West, in der kurzen Berührung
schienen die Hand des Gebers und die des Nehmers verschmolzen
fast wie im Sozialismus, in seinen schönsten Symbolen.
Weihnachten kam, und es weinten völlig verwandelte Menschen.

„Die Polizei bittet DDR-Besucher mit Trabis, ausschließlich
ausgeschilderte Parkplätze „Park and Ride” zu benutzen.
Kostenlos ist von dort der Transport mit städtischen Bussen.
Kostenlos Thermometer, Lupen, Kaffee und auch T-Shirts
gibt es bei Fielmann in Hamburg, Lübeck und Helmstedt,
ja, und zum Eins-zu-eins-Geldtausch zehntausend Kilo Bananen.”[35]

Seither ist vieles geschehen im wiedervereinigten Deutschland:
Zwanzig Jahre gingen ins Land, es lernten die Menschen
nach den euphorischen Wochen sehr vieles übereinander;
äußerst schmerzhaft war manche Lektion, die Erkenntnis vor allem,
wie groß die Unterschiede aufgrund der Lebensgeschichten
in den beiden Gesellschaften sind und lange noch bleiben.
Ferner: Wie funktioniert ein System, dessen Kern Konkurrenz ist?
Was ist ein Werbespruch wert? Wann ist Vertrauen, wann Argwohn
angebracht und aufgrund von was für Signalen und Zeichen?
Aber was können wir heute im Einheits-Deutschland von ihnen,
Heldenstädtern von einst, für unsere Gegenwart lernen?

Stellt euch versuchsweise vor, die Menschen in Leipzig, sie hätten
Sprüche, wie sie heute geordert werden bei Werbe-
leuten, PR-Agenturen, von sich gegeben, sie hätten
also gerufen ‚Yes, we can!’ oder ‚Nichts ist unmöglich!’
oder sogar ‚Wir sind doch nicht blöd!’ und ‚Heute ein König!’,
‚Alles für diesen Moment!’ und ‚Leistung aus Leidenschaft!’ - welche
Selbstentlarvung von Blasensprüchen wär’ das gewesen!
Hier aber gab’s keine Einbläser mehr, war ernsthaft und ehrlich
jeder Missstand benannt, zu Satz und Wahrheit geworden;
hier hatte deutlich und klar das Volk sein Votum gegeben.

„Leistung aus Leidenschaft”[36] war das fürwahr, obgleich diese Masse
nicht im Nadelstreifen erschien, als sie „Wir sind das Volk!” rief.
Machen wir also den Praxistest, ein Bewusstsein zu schaffen
für die Struktur und den ‚Geist’ von falschen Werbeversprechen.
Denn wenn die Masse spricht, das haben wir eben gesehen,
klingt es anders, als wenn die Elite nur vorgibt, sie spräche
ganz im Sinne der Masse. Dann will sie ihr etwas verkaufen,
will ihre Stimme, ihr Geld, ihr Einverständnis, um eigne
Politik zu betreiben. Die Richtschnur lautet „Cui bono?”[37]
Die Methode lautet: Erinnern, bewahren, was damals
Menschen in Leipzig riefen, mit Sprüchen von heute vergleichen.

Denn schon wieder ist Wahlzeit, schon wieder werden Versprechen
glanzvoll in Szene gesetzt, gewienert, gepudert, auf dass sie
möglichst glaubwürdig wirken mitsamt der Person, die sie ausspricht.
Wie ein Versprechen sich anfühlt, das Massen bannt und im Zaum hält,
durften wir unlängst erleben, als das gewaltige Ausmaß
der globalen Finanzkrise erstmals öffentlich wurde.
Vor die Presse traten die Kanzlerin und der Minister
der Finanzen, versichernd mit Treuherz-Mienen den Leuten:
„Niemand verliert seine Einlagen. Die Regierung verbürgt es.”

Was ist Regierungskunst? Die Massen zu steuern, die Dosis
der Beruhigungspillen zu steigern sogleich, wenn Gefahr droht?
Niemals darf eins ja passieren: Kleinsparer stürmen die Banken,
voll in Panik, ihr Geld wäre längst von windigen Brokern
in Immobilien versenkt in Amerika oder in Spanien
und sie schrien im Chor: „Unsre Guthaben her!” ja, sie würfen
all ihre Wertpapiere, die Sparbücher weg, um ihr Bares
eiligst nach Hause zu retten, ums im Winkel des Sparstrumpfs
zu verstecken, in Briefmarkenalben und Suppenterrinen.
Was für ein Super-Gau! Es versiegte der Geldfluss,
Mittel, Kredite zu geben, wären kaum mehr vorhanden:
Alles bräche zusammen. Die Weltwirtschaft, sie versänke
in die Steinzeit zurück und könnte nur Tauschhandel treiben,
von den sozialen Folgen, den Aufständen gar nicht zu reden,
denn wenn das Volk einmal rast, dann ist es nicht mehr zu steuern.

Neunzehnhundertundeinunddreißig: Trauma für immer,
als nach Verlusten im Kreditgeschäft die Danatbank,
überrannt von Einlegern, die ihre Guthaben wollten
sämtliche Schalter plötzlich schloss. Das Vertrauen der Kunden
brach damit völlig zusammen, bestürmte Kreditinstitute
konnten nicht mehr als ein Fünftel der Einlagen wiedererstatten.
Die Regierung, welche die Garantie übernahm, sie verfügte
Bankfeiertage zu nehmen und Schließung sämtlicher Schalter.

Puh, noch mal gut gegangen! Die Massen, sie lassen ihr Geld brav
bei den Banken. Kein Chaos! Keine Revolte! Die Banker
danken der Kanzlerin herzlich abends an der Hotelbar,
wenn die Kameras fort sind. Chapeau! Das Geld bleibt bei ihnen.
Kommunikation wie gehabt: Elite an Masse.
Also noch einmal die Szene, die Herrschende trennt von Beherrschten,
jetzt aber anders gelesen unter „Cui Bono?”-Aspekten:
Vor die Presse treten die Kanzlerin und der Minister
der Finanzen, verkünden mit Treuherz-Mienen den Leuten:
„Niemand verliert seine Einlagen. Die Regierung verbürgt es.”
Scheinbar im Sinne der Sparer, in Wahrheit im Sinne der Banken
geht es zuerst und im Kern um die Rettung des Wirtschaftssystems, das
ohne jene Billionen an Guthaben einfacher Leute
direkt zusammenbräche. Die Reihenfolge ist wichtig.

Keine so schlechte Übung für den kommenden Wahlkampf,
wenn mit Slogans wie diesen: „Niemand ist besser für Deutschland!”,
„Aufschwung, Fortschritt und Freiheit!”, „Sicherheit, Zukunft und Frieden!”
und den geschönten Visagen politischer Topkandidaten,
unanständig pompös die Plakate über uns hängen!

Wann kommt er wieder, der Tag, wo das Volk ergreift seine Stimme
wie an jenen Montagen damals in Leipzig? Dann zeigt sich
wieder in ihrer einfachen Würde die Wahrheit, die lange
Jahre hindurch unter windigen Blasen zugedeckt war und
von geschönten Versprechen erdrückt wurde, die als
Gier-gesteuerter Blasebalg ungestraft ungehemmt Lügen
in die Hirne versenkten vom schöneren Leben für alle:
„Niemand wird falsch beraten! Niemand bietet mehr Zinsen!
Niemand ist besser für Deutschland!” bis irgendwann Niemand
wieder aufsteht, die Straße beherrscht für Stunden und Tage
und der Wahrheit den Raum zurückerobert für kurze
aufgeklärte Momente im großen Buch der Geschichte.


[1]Dieses hexametrische Lehrgedicht ist als ein Gegenstück zu meinem Text „Schöpfungsmythos und Goldenes Zeitalter. Unsere Nachkriegsgeschichte als Heldenepos” (http://www.schulstiftung-freiburg.de/de/forum/index.php?sid=&psid=&id=31&artikel=171) konzipiert. Beide sollen später als integrale Bestandteile in eine deutsche Nachkriegsgeschichte in Form eines epischen Großwerks eingehen, das erstmals alle Möglichkeiten der klassischen Gattung - von der Idylle über die Satire bis zur Elegie als adäquaten Erzählfiguren von Zeit und Geschichte - zusammenführen und durchspielen soll. Schon die Tatsache, dass es seit mehr als 150 Jahren kein vollendetes Lehrgedicht eines deutschen Autors in Hexametern gibt, ist Grund genug, die ungeheuren, aber überhaupt nicht mehr zur Diskussion stehenden literarischen Möglichkeiten auszuprobieren.
Der letzte, der sich an ein Lehrgedicht heranwagte, war Bertolt Brecht in seinem Fragment gebliebenen Text „Das Manifest” von 1947, das den Gang der sozialen und weltwirtschaftlichen Gesamtentwicklung zum Thema hat. Schon der Titel ist eine bewusste Hommage an Karl Marx und dessen Werk „Das Kapital”. In seiner poetischen Adaption versucht Brecht die Hauptzüge der Marxschen historischen Analyse von Kapital und Arbeit samt der Herausbildung des auf materiellen Gewinn orientierten Bürgertums bzw. des Kapitalismus wiederzugeben. Inspiriert zu dieser Art der Verarbeitung hat ihn der römische Dichter Titus Lucrezius Carus (98 - 55 v. Chr.) resp. dessen Werk „De rerum natura”. Nicht nur die Idee des Lehrgedichts, sondern auch dessen Diktion versucht Brecht zu imitieren, vor allem den hohen Ton zu treffen, von dem er offenbar meinte, dass er genuiner Bestandteil der Gattung sei - und scheiterte daran. Somit sind die etwa 450 Verse des Gedichts - trotz immer wieder aufblitzender poetischer Kraft - Fragment geblieben. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Gedichte, Bd. 3, S. 916. Aus demselben Grund ist auch Thomas Mann in seinem „Gesang vom Kindchen” (1916) am Hexameter gescheitert. Auch er meinte, die Gattung - diesmal die auf Theokrit und Vergil zurückgehende Idylle - bedienen zu müssen durch Verwendung des stehenden Beiworts („der listenreiche Odysseus”; „die verständige Mutter” usw.). Was bei Goethe („Hermann und Dorothea”; 1797) oder Mörike („Idylle vom Bodensee”; 1846) noch funktionierte, funktioniert bei Thomas Mann nicht mehr.
Dies wissend, habe ich mich bemüht, den Hexameter möglichst natürlich zu handhaben. Dies war - zu meinem wachsenden Erstaunen - viel problemloser möglich, als ich zunächst befürchtete. Der Grund liegt in den reichen Flexionsendungen des Deutschen, das neben dem Altgriechischen und dem Lateinischen die wohl einzige (mir bekannte) Sprache ist, die für den Hexameter wie prädestiniert erscheint.
Ich habe mich außerdem bemüht, dem Lehrgedicht als Gattung das „Zopfig-Unpoetische” (Karl Büchner) zu nehmen - vor allem durch Einführung einer zweiten Stimme in seiner „Partitur”. Diese kursiv daherkommende Textteile - ich nenne sie Rechte-Maus-Tasten-Texte - bieten in ihren „Gegenchören” Versinnbildlichungen, Einwürfe, Realitätspartikel oder auch nur „Bonus-Material” zur Hauptstimme des Obertextes.
[2] Ulrich von Huttens (1488-1523) bekannte Elegie „Ille ego sum nemo” von 1509/17 befasst sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Mensch-Seins. Augenfällig ist das anaphorische
Nemo, das sich durch 41 von insgesamt 156 Versen zieht. Anhand des personifizierten Niemand wird ex negatio geschildert, welche Un-Möglichkeiten menschliches Dasein mit sich bringt. Thematisiert werden die physische und die intellektuelle Endlichkeit des Menschen, seine Leidenschaften und Laster und die Vergänglichkeit alles Materiellen. Der Kunstgriff mit dem zum handelnden Subjekt erhobenen Nemo ermöglicht es, Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben. Mit der Idee, den Niemand zu einer handelnden Person zu machen, greift Hutten nicht nur auf mittelalterliche Vorbilder zurück, sondern insbesondere auch auf die Odyssee Homers (Neunter Gesang, Vers 367ff.), als Odysseus, nachdem er den Riesen Polyphem betrunken gemacht hatte und dieser von ihm seinen Namen erfahren will, antwortet:
„Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,
Meine Mutter, mein Vater, und alle meine Gesellen.
Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren…”
Insofern stellt mein Gedicht auch eine Hommage an Ulrich von Hutten dar: „Niemand”, d.h. die Gesichtslosen, die Masse „steht auf”. Dieser Aufstand wird auch optisch versinnbildlicht.
[3] Vgl. hierzu: Rainer Gries/Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck: „Ins Gehirn der Masse kriechen!” Werbung und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 1995.
[4] Die Sinus-Studie ist eine aus der Lebensweltforschung erwachsene Theorie, die den Wandel verschiedener sozialer Milieus über eine Matrix zu erfassen sucht, welche deren soziale Stellung (z.B. „traditionsloses Arbeitermilieu”) mit der vorherrschen Werthaltung in dieser Gruppe in Beziehung setzt.
[5] Diese fiktive Rede eines Werbefachmanns entspricht der Denkweise und Mentalität dieser Spezies durchaus, ist sie doch nach wie vor von der Wirkung ihres Tuns überzeugt und offenbart in ihrer Selbsteinschätzung allzu gern ein Elite-Bewusstsein gegenüber den von ihr zu Beeinflussenden. In diesem Falle ist der sprechende Protagonist ein Jünger des noch immer als „Urfaust der deutschen Werbung” geltenden Hans Domizlaff (1892-1971), dem ehemaligen Berater Reemtsmas. Zu Hans Domizlaff vgl.: Dirk Schindelbeck: Hand Domizlaff. Oder Die Ästhetik der Macht. Eines Werberaters Geschichte, in: Geschichtswerkstatt, Heft 25, 1992, S. 33-49.
[6] 1976 wurde - neben Rolf Biermann - auch Rudolf Bahro aus der DDR „ausgebürgert”, weil er in seinem Buch „Die Alternative” das Modell einer besseren DDR aufzuzeigen versucht hatte.
[7] Hier wird bewusst mit dem semantischen Doppelsinn des Begriffs Vermögen (Geld/Potenz) gespielt.
[8] Vgl. für die folgende Darstellung der Leipziger Massendynamik meinen Text: Jeder bringt noch einen mit. Die Leipziger Montagsdemonstrationen und der Prozess der deutschen Wiedervereinigung. Ein massenpsychologisches Lehrstück, in FORUM-Schulstiftung 43, 2005, S.25-49 http://www.schulstiftung-freiburg.de/de/forum/index.php?sid=&psid=&id=32&artikel=187
[9] Vgl. hierzu die absurde Geschichte, wie ein Handwerksmeister im vogtländischen Schleiz zwischen 1985 und 1988 verzweifelt versuchte, über die örtliche Versorgungswirtschaft und andere Stellen bis hinauf zum Staatsrat der DDR eine gebrauchten Lieferwagen zu erhalten, was letztlich am Zuteilungssystem scheiterte: Dirk Schindelbeck: Der gebrauchte Lieferwagen. Der absurde Briefwechsel eines Handwerksmeisters mit Staatsorganen der DDR, in: Damals. Das Magazin für Geschichte und Kultur, Heft 9/2008, S. 65-69.
[10] André Beyermann: Staatsauftrag: „Höchstintegration”. Thüringen und das Mikroelektronik-Programm der DDR, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 1999. Vgl. auch: Dirk Schindelbeck: Marken, Moden und Kampagnen. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte (Kapitel „40 Jahre Konsum im Osten”), Darmstadt 2003, S. 138
[11] Vgl. hierzu: Annegret Schüle/Thomas Ahbe/Rainer Gries (Hg.): Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur, Leipzig 2006
[12] braun= Wilthener Weinbrand; weiß= Nordhäuser Doppelkorn
[13] Vgl. hierzu: Dirk Schindelbeck: „Der Sozialismus in seinem Lauf”. Alltagskulturelle und lebensweltliche Aspekte des Konsums in der DDR während der Ära Honecker, in: Rolf Walter (Hg.): Geschichte des Konsums. Erträge der 20. Arbeitstagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 23.- 26. April 2003 in Greifswald, Stuttgart 2005, S. 367-377.
[14] Hermann Axen, Kurt Hager, Erich Mielke und Günter Mittag waren allesamt hohe Funktionäre im SED-Staat, Mitglieder des Politbüros des ZK der SED oder wie Mielke Chef der Staatssicherheit.
[15] Vgl. Bild-Zeitung vom 12. Mai 1989
[16] Neues Forum (Hrsg.): Jetzt oder nie - Demokratie! Leipziger Herbst 89. Zeugnisse, Gespräche, Dokumente. Mit einem Vorwort von Rolf Heinrich, München 1989
[17] Vgl. Bild-Zeitung vom 6. September 1989
[18] „Rowdy” gehörte zur Nomenklatur der Feinbildbegriffe des DDR-Amtsdeutsch. Vgl. dazu das 1969 erschienene „Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen des MfS zur ‚politisch-operativen Arbeit’” (hg. vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), Berlin 1993.
[19] „zuführen” = typischer Begriff aus dem DDR-Amtsdeutsch für „in Polizeigewahrsam nehmen”.
[20] Die nun anwachsende Masse wird (in Analogie zu Ulrich von Huttens eingangs erwähntem Gedicht) ebenfalls aus der Negation - und überdies auch optisch nachzuvollziehen - entwickelt.
[21] Vgl. hierzu Monika Gibas, Rainer Gries, Barbara Jakoby, Doris Müller (Hg.): Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999.
[22] In einer im „Neuen Deutschland” veröffentlichten Mitteilung der Presseabteilung des Ministeriums des Innern vom 11. Oktober 1989 heißt es: „Es ist nachgewiesen, dass westliche Korrespondenten die Volkspolizei nicht nur verleumden, sondern dass sie zu den Organisatoren und Aufwieglern gehörten. So viele ‚Zufälle’, immer gerade dann vor Ort zu sein, wenn sich Randalierer zusammenrotten, kann es gar nicht geben! Diese ‚Berichterstatter’ gaben den Unruhestiftern Rückhalt und konkrete Anleitung zum Handeln. Sie wurden sogar selbst zu Störern der gesetzlichen Ordnung. Wegen dieser massiven Einmischung mussten ihnen die Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt werden.” zit. nach: Frank Schumann (Hg.): 100 Tage, die die DDR erschütterten, Berlin 1990, S. 66.
[23] Hier handelt es sich noch um die Propagandatermini aus dem Kalten Krieg. Vgl. hierzu: Monika Gibas/Dirk Schindelbeck: „Die Heimat hat sich schön gemacht!” 1959: Fallstudien zur deutsch-deutschen Propagandageschichte (= Comparativ, Zeitschrift für vergleichende Geschichtswissenschaft, Nr. 3/1994), Leipzig 1994
[24] „allseits gefestigt” - ebenfalls ein typischer Ausdruck aus dem DDR-Amtsdeutsch
[25] Vgl. hierzu auch Erich Loest: Nikolaikirche. Roman, Leipzig 1995, S. 513f.
[26] Die höchste Zahl an Demonstranten wurde mit etwa 500.000 Personen am 6. November registriert.
[27] Alle Parolen und Transparentsprüche sind dem von Wolfgang Schneider herausgegebenen „Leipziger Demontagebuch” entnommen, Leipzig 1990.
[28] Ebda.
[29] Die Politik der Abschottung, die mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 einsetzte, Vgl. hierzu Dirk Schindelbeck: „Bauwerk der Unmenschlichkeit (über den Bau der Berliner Mauer im August 1961), in: DAMALS. Das aktuelle Magazin für Kultur und Geschichte, S. 8-11
[30] „Rüber machen” war der volkstümliche Ausdruck für Republikflucht
[31] Die in der Bundesrepublik als „Spalterflagge” diskreditierte Fahne der DDR mit Zirkel und Ährenkranz wurde - im Gegensatz zur Nationalhymne von J.R. Becher - erst zum 10. Jahrestag der DDR, also im Oktober 1959 eingeführt. Vgl. hierzu Dieter Vorsteher (Hg.): Parteiauftrag: Ein neues Deutschland, Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR. Berlin 1997.
[32] Dass man um seine Konsummöglichkeiten 28 Jahre lang betrogen worden sei, gehörte zu den ersten Erfahrungen im massenhaften Kontakt mit dem Westen. Zu den Mangelsyndromen des DDR-Bürgers hat sich der Sozialpsychologe Hans-Joachim Maaz in seinem Buch „ Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR”, Berlin 1990, ausführlich geäußert.
[33] Schon bald nach dem 9. Oktober galt Leipzig als „die Heldenstadt” der DDR, was sich selbst auf den Ortsschildern niederschlug.
[34] Dass die deutsche Revolution im Supermarkt endete, ist von vielen Intellektuellen schon früh beklagt worden, von Prominenten wie dem Schriftsteller Stefan Heym ebenso wie Teilnehmern der Leipziger Montagdemonstrationen selbst wie etwa dem Studenten Jens Behrens: „Als die Leute plötzlich mit dem Westen: mit ALDI, dem billigen Kaffee, den tollen Autos und sonst was konfrontiert waren, ohne zu wissen, womit das erkauft ist, da wars eigentlich mit einer Demokratisierung als Lernprozess vorbei.” Zit. Nach B. Lindner/ R. Grüneberger (Hg.): Demonteure. Biographien des Leipziger Herbst, Bielefeld 1992, S. 235.
[35] Vgl. Bild-Zeitung vom 16. November 1989
[36] aktueller Werbeslogan der Deutschen Bank
[37] Cui bono? = lat. Wem nützt es, bzw. Wer steckt dahinter?

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Donnerstag, 31. Dezember 2009 13:52
Themengebiet: Balladen/Eklogen, Deutschlandgedichte