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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Hochzeitscherz

Hochzeitscherz

Johann Christian Günther (1695-1723)
(nach Anleitung des Lateinischen aus dem Johannes Secundo)

Da habt ihr die Zeugin vorn ewigen Bunde,
Da kommt nun, da ist nun die selige Stunde,
Da schickt sie die Vorsicht, da wälzt sie der Lauf
Des milden Gestirnes von Osten herauf,
Die Stunde der Wollust, die Freundin vom Lachen,
Die Mutter voll niedlich und kützlicher Sachen,
Die Stunde, worinnen die reichliche Glut
Die Schätze der flüchtigen Jugend vertut,
Die Stunde, worinnen Umarmung und Schmeicheln,
Behagliches Schäkern, empfindliches Heucheln
Und stärkender Atem und brünstiger Wind
Und redliches Schnäbeln verschwenderisch sind,
Die Stunde, dergleichen wohl Götter begehrten,
Die Venus und Juno kaum schöner gewährten,
Die Amors Verwaltung der lebenden Welt
Am Tage der Ehren kaum besser bestellt,
Die Stunde, die Venus nicht zierlicher schmücket,
Die Stunde, die Hymen nicht reicher beschicket,
Sobald er ein Mägdgen, das grauer und blüht
Dem Schoße der närrischen Mutter entzieht
Und solches, wie schwer sich die Alte bequemet,
Und solches, wie sehr sich die jüngere schämet,
Der männlichen Inbrunst zur Aufsicht vertraut.
O glücklicher Jüngling! O selige Braut!
O glücklicher Bräutgam, dem Ausschlag und Lieben
Die Ruder der Sehnsucht in Hafen getrieben!
Eröffne den Busen, so weit du nur wilt,
Er wird dir mit englischer Schönheit gefüllt.
Ihr Antlitz beschämet die große Dione,
Verdienet die Hälfte von Jupiters Krone
Und gleicht sich der Göttin mit Panzer und Spieß,
Die ehmals die heilige Stirne verließ.
O ließen sich jetzo drei zankende Frauen
Nebst deiner Vermählten am Ida beschauen!
O sollte noch einmal sein bergichter Hain
Vier nackenden Schönen ein Musterplatz sein,
So schwör ich bei allem, was lebet und liebet,
Wo anders der Paris Gerechtigkeit übet,
Daß diese, dein Engel, den Apfel gewinnt.
O glücklicher Jüngling! O himmlisches Kind!
O seltenes Beispiel der glücklichsten Bräute!
Nun ruht dir dein heißes Verlangen zur Seite;
Es labt dich dein Liebstes, es schenkt dir die Gunst
Der weisen Vorsehung die würdigste Brunst.
Es schüttert, es freut sich dein doppeltes Bette,
Als wenn es des Glückes Empfindlichkeit hätte.
Nun liebe den Lieben, nun drück und behalt
Den willigen Sklaven in süßer Gewalt!
Es reizt ihn der Aufruhr der blühenden Lüste,
Der jauchzenden Hügel, der hüpfenden Brüste,
Es zieht ihn der Haare gewaltiges Gold,
In welche die Sonn’ ihren Hauptschmuck gerollt,
Es brennt ihn der Augen verschwiegnes Geschwätze;
Nun jagt er die Freiheit, nun lauft er ins Netze.
Er trug sich mit Wünschen, verblich in der Glut
Und lechzte nach Quellen benötigter Flut.
Jetzt schilt er des Tages beschwerliche Länge,
Jetzt wird ihm der Kleider Gefängnüs zu enge;
Er dehnt sich, er wartet, er sehnet und schreit
Ach, komm doch, du Auge der nächtlichen Zeit!
Schweig, hitziger Jüngling, du brauchst wohl die Kräfte;
Dein Seufzen vertrocknet die nützlichen Säfte;
Vertröste die Sehnsucht und stille den Schmerz.
Der weichlichen Venus bricht selbsten das Herz,
Ihr Mitleid erhöret der ihrigen Plagen,
Ihr Mitleid erhört schon dein ängstliches Klagen.
Die Sonne beschleunigt den Abzug und sinkt,
Nachdem sie vorhero dem Bruder gewinkt.
Der Hesperus, dessen versilberte Wangen
Der innig Verliebte mit Regung empfangen,
Betritt den Gesichtskreis der obersten Welt
Und führet die Sterne durchs ewige Feld.
Nun schleichet dein Schätzchen mit wankendem Schritte,
Nun schleicht sie zu Bette, nun mißt sie die Tritte.
O welche Veränderung droht ihr der Ort!
Auf! Künftiger Ehmann, und mache dich fort
Und laß sie nicht etwan im Kranze zurücke!
Sie zittert, sie bebet, verkleinert die Blicke
Vor Warten der Dinge, die jetzo geschehn.
Sie grämt sich zu fühlen und scheut sich zu sehn,
Verhüllet den Wohlstand der züchtigen Röte;
Und bin ich im Lieben kein fremder Poete,
So mein ich, es lock’ ihr der nahe Verlust
Die frühe Bereuung aus Augen und Brust.
Verfolge sie kühnlich und laß dich nicht irren,
Betäub ihr die Seufzer durch Küssen und Kirren.
Verschluck ihr den Kummer, verzehr ihr die Pein
Und sauge die Tränen der Jungfrauschaft ein!
Empfängt nun der Brautpfiehl die reizenden Glieder
Und zieht dich ihr artiges Lager darnieder,
So bist du vergnügter und glücklicher dran,
Als böte dir Mogol sein Kronengold an.
Ich wenigstens wäre noch besser zufrieden,
Als wenn mir gleich Anna drei Reiche beschieden.
Hier mache das Vorspiel, hier spitze die Hand
Und bringe das Hauptwerk der Wollust instand.
Erhitze die Adern durch sanftes Bewegen
Und klatsch ihr die Backen mit freundlichen Schlägen
Und küß ihr die Augen und netz ihr das Kinn.
Bald grüble von weitem, bald wälze dich hin,
Bald strecke den Vorwitz der listigen Finger,
Bald kneipe die runden und wallenden Dinger
Und küsse nach vieler Erfindung und Art
Und forsche, was Amor am tiefsten verwahrt.
Besinn ich mich richtig, so wird sie dich strafen,
So dichtet sie anfangs ein nötiges Schlafen,
So nennt sie dich lose, so zückt sie und rückt,
So weit sich’s im Bette der Breite nach schickt.
Sie droht dir und droht nur, sie will sich erbosen,
Sie stemmt sich, den Angriff zurücke zu stoßen:
Sie wehrt sich mit Tränen, sie krümmt sich und spricht
Und weinet darzwischen: Ach, tu es doch nicht!
Doch tu es nur immer und halt ihr die Armen,
Denn hieher gehört nicht des Nächsten Erbarmen.
Sie streitet, du streitest, ihr streitet zugleich;
Durch Streiten und Kämpfen mehrt Venus ihr Reich,
Durch Streiten und Kämpfen wächst Kypripors Stärke.
Die Stunden verfließen, drum schreite zum Werke
Und brauche, sobald du den Vorteil erlernst,
Den lieblichen Notzwang, den scherzenden Ernst.
Erhasche den weichen und fliehenden Nacken,
Es mag auch sein Widerstand noch so sehr knacken,
Und prüfe die Schönheit der ganzen Person;
Ein Diener der Liebe besichtigt den Lohn.
Bald senke dich unten, bald breite dich oben,
Verwechsle die Glieder, versuche die Proben,
Sei immer geschäftig und überall da
Und bring es dem ehrlichen Kinde so nah,
Bis hinten am Rücken und vornen am Leibe
Kein einziges Fleckchen entschuldiget bleibe.
Vom Nacken zum Halse, vom Halse zur Brust,
Hier bläst dir ein Zephir die Fäuste voll Lust,
Noch tiefer, noch weiter, noch mehr zu ergründen,
Ich darf es nicht nennen, du wirst es wohl finden.
Hierunter hat Venus ein Wunder versenkt
Und Flammen und Funken zusammen vermengt.
Umgib es mit tausend ersinnlichen Spielen,
Es läßt sich nicht nennen, es läßt sich nur fühlen.
O würde dem Dichter das Muster gebracht!
Er hätte den Abriß natürlich gemacht.
Vergiß auch nicht Amors beredtes Gefallen,
Die schlüpfrigen Reden, das zärtliche Lallen;
Hier zieren die Fehler der Sprache den Mund,
Hier tut sich die geile Gelehrsamkeit kund.
Verbeßre das Stammlen, verbeiß und vermische
Das buhlrische Spritzeln, das geile Gezische;
So girren die Täuber, so lispelt der West
Wenn Mittag und Sommer die Wälder verläßt.
Sobald nun die Pfeile des mächtigen Knaben
Den kindischen Ekel gebändiget haben,
So gibt sie es näher, so gibt sie sich drein,
Im Purpur der Keuschheit gefällig zu sein.
Drauf flicht sie wohl selber die fleischlichen Schlingen;
Sie weigert sich fälschlich, du sollst sie nur zwingen,
Denn so überwunden heißt siegreich gemacht.
O dreimal und drüber bestätigte Nacht!
Jetzt wird dir der Nektar am herrlichsten schmecken,
Jetzt wird dir ihr Mäulchen erst Hunger erwecken,
Ihr Mäulchen, der Erstling so baldiger Frucht,
Von welcher kein Räuber zu kosten gesucht.
Nun lernt sich die furchtsame Schönheit bequemen,
Entzückung zu geben, Entzückung zu nehmen.
O selige Ruhe! O himmlisches Bild,
Das gleiche Vergnügung mit gleicher vergilt!
Jetzt hauchen die Lippen ein kräftiges Leben,
Jetzt suchen die Seelen am Gaumen zu kleben,
Jetzt taumelt der einmal begierige Geist,
Wohin ihn die blinde Gelegenheit reißt.
O Himmel, was hör ich vor geizige Küsse!
O Himmel, was rauschen vor kräftige Flüsse!
O Himmel, wie kützelt das züngelnde Spiel!
O Liebe, wie machst du der Freuden so viel!
Jetzt nimmt sie dem Finger, o sollt er mich rühren!
Die künstliche Freiheit herumzuspazieren.
Jetzt dehnt sie den Zeiger, jetzt zieht sie ihn zu.
O dreimal und drüber beseligte Ruh!
Ergreift doch, ruft Amor, ergreift doch die Waffen!
Mein Bräutgam soll köstliche Beute verschaffen.
Nun mache dich fertig und tritt ins Gewehr,
Die friedliche Feindin rückt plötzlicher her.
Bemüh dich, die schleudernde Lanze zu senken,
Ihr christlicher Blutdurst begehrt sich zu tränken.
Jetzt springt sie, jetzt schnappt sie, jetzt reißt sie sich los,
Erlaub ihr doch endlich den sehnlichen Stoß!
Begleite den Nachdruck mit Haften und Händen,
Befördre die Arbeit der hurtigen Lenden,
Versüß es dem Mägdgen, gewähr ihr den Mann,
Und streich’ ihr die Nieren, bis keines mehr kann,
Bis Geister und Glieder verschäumen und weichen,
Bis Nerven und Brüste sich legen und keuchen,
Bis Nebel und Schlafen das Auge verstellt
Und Schlummer und Ohnmacht den Willen befällt.
O schwenkt doch noch öfters die brünstigen Schenkel,
Zieht ähnliche Kinder, zeugt Neffen und Enkel,
Damit sie, bricht endlich das Alter herein,
Verdrießlichen Jahren ein Zeitvertreib sein.
Sie stützen euch künftig den biegenden Rücken,
Sie werden euch unter den Sorgen erquicken
Und, wenn sie euch langsam als Leichen beschaun,
Nach eurem Exempel die Nachwelt erbaun.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 2. Januar 2009 11:26
Themengebiet: Dokumentationen