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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Empedokles oder die Hybris des Wissens

Empedokles oder die Hybris des Wissens

Trauerspiel in drei Akten

© 1978 Dirk Schindelbeck

Personen:
Empedokles von Agrigent, Philosoph, Naturwissenschaftler und Arzt
Eutychia, Pflegetochter des Leonidas, Priesterin
Glaukos, Sohn des Leonidas, Verlobter der Eutychia, Schüler von Empedokles
Leonidas, Glaukos Vater, Dorfältester
Bote


I. Akt

1. Szene (Eutychia; Glaukos)
Glaukos: Sei, Eutychia, Mädchen, mir gegrüßt!
Eutychia: Sei du auch, lieber Glaukos, mir gegrüßt!
Glaukos: Mit Freuden seh ich dich an jeden Tage
in meiner Brust nicht nur, im neuen Hause wohnen,
zu langsam, ach, will nur die Zeit verrinnen,
bis uns erst endlich das Gesetz verbindet.
Eutychia: Brautleute sind wir, Glaukos! Doch ich fürchte,
so lang die Not noch in dem Lande ist,
wird Vater unsern Bund noch nicht bekräftgen.
Glaukos: Mir eilt die innre Neigung dem Gesetze
unendlich vor, und jeder Tag, der kommt,
vergrößert mir die Spanne zwischen beiden.
Eutychia: O Glaukos, nimm es dankbar an, wenn dir die Prüfung
zuteil wird, trag ich’s gerne doch und sehe
die Neigung zu dir in der zarten Fessel
von Tag zu Tage dichter werden.
Glaukos: Doch
es sind schon lange Monde jetzt, da er
dich mir versprach, und lange Monde liegt
die Not auf uns. Warum soll beides sich zugleich
denn wenden. Durch den schönen Bund doch könnten
der äußern Not wir innres Glück entgegensetzen.
Eutychia: Dein Vater denkt auf Sicherheit, mein Glaukos.
und ist ein Mann, der viel auf Rechtes hält.
Glaukos: Ich weiß es, hab mich immer gern gebeugt
dem Alter. Heut doch kommt es mir sehr hart
vor meine Seele, daß ich meine ganze Neigung
verborgen halten soll.
Eutychia: O Glaukos, ist die erste,
die ernste Prüfung, die dir auferlegt ist,
der schönen Leidenschaft, die dich beseelt,
noch unverträglich? Aber dulden mußt du’s
um desto mehr, daß du dir selber später
den Zügel halten kannst, und deinem Vater ähnlich,
ein Mann von Recht und edler Gradheit wirst.
Glaukos: Ach, Eutychia! Dieses steht mir fern an,
denkt meine Seele doch der Liebe nur
und ziehet ihren Kreis von dort ins Weite.
Eutychia: Mein Glaukos, schön ist deine Rede, farbig
spricht deine Neigung sich dem Mädchen aus,
doch halte dich auch in der Weite stark.
Glaukos: Ach, Eutychia, wenn du wüßtest, wie
du mir die Pflicht nun in die Seele legest!
Ja, in die Weite, auf die Hügel soll
ich gehen, Vaters Herden nachzuschaun,
doch sei gewiß, ich komme bald zurück!
Eutychia: O G1aukos, lieber, sei auch du gewiß,
daß du allein nicht auf den Hügeln wandelst.
(Glaukos ab)

2. Szene

Eutychia: (allein)
Erhabne Götter!
Ewig wandelnde ihr über den Wolken,
ewig bewegende ihr des Meeres,
ewig fruchtbringende ihr der Erde.
Leichten Fußes und leichter Hände
habt ihr des schönen Lebens so viel,
haltet am starken Zügel die ungemessene Gabe
herabzustreuen sie unter die Menschengeschlechter.
Euch ruf ich, erhabne Götter!
Wendet euer geduldiges Auge nieder
auf dieses schmale Opfer, es zeichnet
tiefster Mangel den dorrenden Boden, doch gütig
nehmet auf unsre Bitte im Opferdampfe.
Den Strahl der glutsengenden Sonne, haltet ihn an,
die Wolken, sendet sie her von den hohen Bergen!
Große Götter, euch ruf ich, erhabne,
ewig wandelnde ihr in den Wolken,
schenket doch Lindrung der alten Erde.
(sie tritt vom Stein weg.)

Kein Lüftchen regt sich! Still ist selbst das Meer
und legt die Wellen matter an den Strand.
Der Bäume breite Wipfel und die Gräser,
sie haben lang schon eines Tranks nicht mehr;
o welche Dürre geißelt dieses Land!
Und Tag um Tag steht brütender die Sonne
auf diesem Flecken, der nur Qual noch kennt
und aufreißt, seiner Last sich zu entladen,
die leere Furche nach dem Himmel öffnend.
Wie schön es war, vorm Monde noch zu wandeln
hier unter Vaters dichten Ölbaumhainen,
der stets erneuten Quelle zuzuschaun,
hinab zum Strand, wo lustig Well auf Welle
anspülte Muscheln, feine bunte Kiesel,
den Schritt zu führen und am Mittag wieder
zu lagern unterm lichten Traubendach.
Es ist nicht mehr! Der Ort ist umgewandelt.
Still steht der Pflug, der Landmann schaut zum Himmel
und findet ihn von Regenwolken leer.
Da wütet tiefe Sorge ihm im Hirn
um Frau und Kinder, rastlos geht er hin
und her, weiß er, die Brunnen liegen trocken,
und selbst der tiefste vor dem Ort, er gibt
nur becherweis noch Wasser ab. Bald auch wird
er ganz versiegen. Liegt ein Fieber ohne Schweiß
schon jetzt auf uns, wie soll es werden noch?
Ja, sollen wir den liebgewordnen Flecken fliehen,
die schönen Gärten, die wir mühsam angepflanzt,
soll all das unsre Mühe nicht mehr lohnen?
O gute Götter, meidet ihr den Ort?
Seid ihr mit denen, die ihn schon verließen,
die aus der Stadt gezogen sind mit aller Habe
zu fernen Freunden, sogar übers Meer.
Wieviele sind es schon zu dieser Stunde?
wieviele werdens noch in diesen Tagen?
Dann bleibe ich am Ende noch allein
mit denen hier, die mir die nächsten sind,
Leonidas, mein teurer Pflegevater
und Glaukos auch, sein Sohn, sie werden bleiben.

3. Szene

(Leonidas; Eutychia)
Leonidas: Ach, Eutychia, gutes Wesen, sag,
was gehst du hier, was schickst du deine Klage
aus niedern Büschen zu den Göttern auf’?
Hier ist der Ort nicht, Götter anzurufen!
Eutychia: lch tat’s auch nicht. Ich öffnete mich nur,
um vor dem Steine desto fester zu erscheinen.
Ein Herz, das volle, abervolle Klage spürt,
es kann nicht stetig vor dem Altarsteine,
fern von dem Leben, drin es selbst doch Wurzel hat,
geformte Worte an den Himmel richten.
es muß sich seiner Lasten mal entladen.
Verzeiht, mein gütiger Herr und Pflegevater,
dass ihr in meiner Schwachheit mich hier traft
wo ich nicht ganz den Dienst, den anbefohlnen, tue.
Leonidas: War’ s denn nicht klag, was dich zum Tempel führte?
Eutychia: Nein, Vater, nein! es war die Bitt allein,
die fromme Bitte an die großen Götter,
die feuchte Regenwolke herzusenden.
Leonidas: Ist beids nicht einer Seele, Klag und Bitte?
Und glaubst du denn, die Götter hörten wenger
das was du diesen Bäumen anvertrauest
als das, was du am Steine ihnen gibst.
Eutychia: Versteht mich recht, mein Vater. Niemals kann ich
das Heilige durch Leidenschaften schmälen.
Wenn die Bedrückung in des Menschen Herz
den Weg sich sucht, als Klage kann sie frei sein,
doch vor dem Steine leg ich all das ab,
was einer heißen Leidenschaft entspringt,
denn was nicht so gereinigt wie nur möglich
den Göttern anbefohlen wird, das hat nicht Platz
vor jenem Steine dort.
Leonidas: Wie sollen sie das Ausmaß
der Seelennot, die einen jeden hier
den Busen untergräbt, ans Herz sich frisst,
denn wissen, wenn aus deinem Munde nicht?
Durch dich nur spricht doch eines jeden Stimme,
Dir ist das Amt, des ganzen Ortes Klage
in deinen Mund zu sammeln. Drum erweitre
dein Herz, und fühle nach, was einem jeden
bedrängt, und heb es in der Mund, und nicht verkleinre,
was deiner Bitte ganzer Umfang wäre.
Eutychia: Leonidas, ihr seid der Herr an diesem Orte.
ihr sorgt euch um das Wohl der Anbewohner,
euch drückt mehr Sorge wohl als jeden einzelnen,
der bangend nur für eigen Weib und Kinder lebt.
Ihr aber sorgt für alle noch dazu
und gönnt euch nichts, was nur euch selber hülfe.
Drum habt ihr auch Gewalten hier vor Ort,
die keinem andern anstehn, euch allein.
doch dringet nicht in dieses Heilige ein,
denn hier gilt anders Recht und alter Brauch.
und macht mich nicht zum Diener eure Nöte.
Denn wie ihr vordringt, überhebt ihr euch.
Das kleinere Vertrauen offenbart sich,
legt offen sich und stellt sich bald ins gleiche,
das größre aber weiß und schweiget stille.
Die Götter werden unsre Not erkennen,
des bin ich sicher.
Leonidas: (Pause) Eutychia!
Eutychia: Und wie ihr auch die Klage weiten wolltet
so schwillt sie gleich der Welle uferlos,
und findet blinde Leidenschaft darein,
entsetzlich kann es für uns alle werden.
Hier gilt nicht, ein unendlich großes Leid
unendlich klagend scheinbar aufzuwiegen,
hier gilt allein zu bitten. Und ein Maß
bleibt hier bestehn, wenn alles um uns bricht.
Leonidas: Nun gut, mein Mädchen! Tu, was dir dein Herz
befiehlt.
Eutychia: Ich tu, wie ich den Götterdienst gelernt.
Leonidas: Doch hör, ich ließ ein neues Opfer richten.
Eutychia: lch will es gerne weihen. Rauch, er steige,
und trag den Göttern Wohlgerüche zu.
Sie mögen unsre Bitte drin vernehmen. (ab)

4. Szene

Leonidas: (allein)
O dürft ich klagen, mein Geschöpf, wie du!
den stillen Schatten, stillen Winkel suchen
anrufen Götter, himmelschreien „Götter”,
der Klag ihr Recht und volles Maß nur geben!
Allein, mir steht die Leichterung nicht an,
ich darf mir die Befreiung nicht gestatten,
ich darf es nicht, ich habe mannhaft auszuhalten!
gleich wie ich doch mein ganzes Leben hier,
mein ganzes Wirken hier verbrachte, eins und fest.
ein guter erster Diener dieses Orts.
So hab ich auch als erster durchgestanden
Vielfalten an Gefahr: Beim großen Brande einst
wo durcheinander alle Bürger irrrten,
einander gar den Weg zum Brunn verbauten ,
und niemand sah, was links, was rechts, nur Flammen,
da bahnt ich mir den Weg durch die Verstörten,
und als dann Eimer bald auf Eimer flog,
war gleich der Brand gelöscht, die Bürger ruhig.
Und später, in dem Kriege, wo die Angst
umherging, einen jeden schüttelte,
verstörte, ließ ich Mauern richten, um
den Feinden, den Belagerern zu wehren.
Das waren äußre Kämpfe. Nun jedoch
Liegt scheinbar Frieden über dieser Stätte;
wie trügerisch. Es gärt der Kampf im Stillen
in jeder Brust, die ich hier um mich sehe.
Mein Amt, das mir der Würde Kraft gegeben,
nun halte mich auch heute in der Schranke,
der erste hier zu sein, das Mögliche
zu tun, dass sich dies Unheil von uns wende.
Denn der Bewohner armer Rest, wer hielte
sie noch zusammen, wenn die erste Stütze nicht?
(Pause)
Der Weiber Macht liegt in der Klage, doch der Mann
muss stur sich halten, stur auf Rettung sinnen,
er darf sich niemals auf dem Boden winden,
muss stehen, stehen bleiben, was auch komme,
und stehend noch muss er zusammenbrechen.

5. Szene

Leonidas: He Bote du, was schleichst du dort?
Bote: Mein Herr,
ich sucht euch auf der Straße, in dem Hause.
Leonidas: Du fandest mich. Was gibt’s. Berichte! Was
erregt dich so?
Bote: Mein Herr, verzeiht, daß ich nicht besser
die Unruh meines Herzens euch verberge,
wie ich sie damals barg, als ich euch ließ.
Ihr wisst, da ging ich fort, es ist zwei Tage
nicht her, in unsrer Insel schönen Westen.
In meinen Schmerz verkrümmt macht ich mich auf
den trüben Ort zu lassen, trübe Orte
zu sehen wieder auf der Wanderschaft.
Wie viel an toten Bäumen, toten Tieren
ich sehen mußte, Herr, ihr glaubt es nicht.
Doch hielt ich mich im Innern fest und brach nicht aus.
Doch heute komm ich wieder, der Verheißung,
der Hoffnung voll, der Freude fast.
Leonidas: So sprich.
Bote: So hört, mein Herr. Ihr trugt mir auf,
nach Selinunt zu gehen. Wohl, so tat ich,
und wie ich mich von fern dem Orte nähere,
den mich die staubge Straße durch verbrannte
Felder und öde Flecken führte, seh ich -
ich seh die Regenwolke überm Orte.
O wie beschleunge ich den lahmen Schritt,
o welche Freude fühlte da mein Herz !
und weiter geh ich zwischen grünen Hainen
und komm durchs Tor der schönen Stätte endlich.
Ich trete auf den Markplatz, fast geblendet
bin ich, da liegen tausend, abertausend
und noch mal tausend Blumen aufgehäuft.
Man hat ein Fest gerichtet, und es hallt
ein Name von den Mauern zu den Toren
und von den Häusern zu den Türmen wieder.
Empedokles, so hör ich rufen alle,
Empedokles, die Kinder jubeln, Greise,
der ganze Ort hallt von Empedokles.
Ich wende mich an einen im Gedränge
und frage ihn, was dieses mir bedeute.
Er sieht mich an, er glüht und sagt.
Du weißt es nicht? Dir kam die Kunde nicht?
Empedokles, den Göttergleichen, kennst du nicht?
Er ist es, er allein, dem dieser Ort
die Rettung dankt, ihm ist dies Fest gegeben!
Die Götter lieben ihn, sie kommen zu uns nieder
um seinetwegen, brachten Frucht dem Ort.
O wenn du wüßtest, wie wir vorher litten!
Der Himmel lag in Zwietracht mit der Erde.
Unendlich lag die Last auf Mensch und Vieh,
und keine Gnade zeigte sich von oben.
Wund war die Erde, und die Wunde brannte,
und ausgedörret waren alle unsre Seelen.
Leonidas: O spare hier die Mühe der Beschreibung,
die Qualen kenn ich, brauche nicht ihr Bild.
Bote: Ich dringe weiter in den Mann, er sagt,
und wie wir schon die Todesschatten fühlen,
kommt, sieh, ein Mann in diese arme Stadt.
Ihm eilt der Ruf vorweg, gelehrt zu sein.
In Einsamkeit hab er sein halbes Leben
verbracht, in engster Einheit mit Natur.
Sein Ohr hab er an jedes Windessäuseln
an jeden Wellenschlag gewöhnt, sein Auge
sel frei und heiter, friedlicher versenkt
in heimliche Betrachtung unsrer Sonne
und der Gestirne und des stillen Monds.
Er habe lang Geheimissen gelauscht
und endlich sie ergründet, und die Götter,
sie hätten seines Strebens sich erfreut
und hätten ihm die ganze Gnad gegeben,
die sie den Menschen früher ausgespendet.
Er sei der Götter Liebling worden, er
sei unter Menschen noch der einzige,
dem sie vertrauten, weil er ihnen ähnlich.
Und dieser kam, an leichtem Stabe kam er.
Nun hort das Wunder! Wie er doch die Stadt betritt,
beginnt der Himmel plötzlich sich zu neigen,
es ziehen Wolken an den Bergen auf
und senken sich geschwinde in das Tal,
und er steht auf dem Markplatz, sieh, da fällt
ein sanfter Regen auf die dürre Ebne.
In Windeseile breitet sich die Kunde,
die Menschen strömen auf den Markplatz hin
und breiten ihre Arme nach dem Himmel,
ein jeder will die ersten Tropfen fangen,
ein jeder will die staubgen Hände netzen,
die Mütter tragen Kinder auf den Armen
und halten sie hoch über sich, und wie
der Staub nun wieder in die Ritzen flüchtet,
die Dächer nass sind und die Bäume atmen,
sieht staunend man den Fremdling unter sich,
denn niemand war seit Monden hergekommen.
Man weiß nicht, wer er ist, man fragt, bis einer
es sagt: Es ist Empedokles, der hochgelehrte,
Empedokles, von dem man sagt, er stehe
im Bunde mit der heiligen Natur.
Empedokles, den alle Götter lieben.
Empedolkes, sie haben ihn gesandt,
sie schickten einen ihrer auf die Erde,
Empedokles, der Göttergleiche kam,
und mit ihm kam der Regen, unsre Rettung.
Da fallen alle vor ihm nieder,
nur er allein steht aufrecht in der Mitte.
man huldigt ihm, er läßt’s geschehn…
Leonidas: Nicht weiter.
Du stellst mir Bilder rauschend vor die Seele.
Es ist genug, wenn dort der Regen fiel.
Es peinigt den Beladnen, schon zu hören
von andrer Glück, nicht braucht es Überschwang
der Rede, die dem einen Menschen gilt.
Bote: Herr, so wie ich’s sag, ist’s dort geschehen.
Leonidas: Ein Mensch, der einen Ort betritt, ein Regen,
zu gleicher Zeit herniedergehend, sind nicht eins.
Wir sind uns selbst genausoviel wie jene
in Selinunt, vermögen mehr nicht, weniger
als Menschen je vermögen. Halte das !
Bote: Mein Herr, ihr urteilt aus der Ferne, kennet nicht
den weisen Mann Empedokles. Dort gäb es niemand
der eurer Rede willig Glauben schenkte.
Leonidas: (überlegt)
Du kennest diesen Mann, Du sahst ihn, sprachst ihn.
Bote: lch sah ihn wohl, allein ich sprach ihn nicht.
Die ersten Bürger jenes Orts umringten ihn,
für einen Boten ward nicht Raum genug.
Leonidas: Du sagtest, seit des Manns Erscheinen
in Selinunt sei dieser schon bekannt gewesen
es eilten ihm die guten Reden vor,
er sei der Götter Liebling, sei begünstigt?
Bote: So ist es, guter Herr. Er ist bekannt
im ganzen Griechenland, auf allen Inseln.
Sein Nam wird voller Ehrfurcht ausgesprochen.
Auch hat der Glaube sich befestigt,
die Götter hätten dieses Mannes Stirne
gezeichnet, und die alten Bräuche gölten.
nicht mehr.
Leonidas: So willst du sagen, Eutychia
versehe ihren Dienst in falscher Weise?
Bote: Den Anschein hat es, guter Herr.
Leonidas: Dann weh uns.
Verweile dich den Augenblick, ich muß mich fassen.
(der Bote tritt zurück)
Wie hilflos wir in unsrer Armut sind,
und blind in ihr uns wie im Kreise drehen,
des Übels Lösung im Bekannten suchend,
wir merkens nicht und haben nicht das Maß.
Doch sehen wir die Bilder eines Lebens,
das voll und reich ist, vor uns hingebreitet,
so fühlen wir uns doppelt ohne Hoffnung
und eingeschlossen in das eng-begrenzte,
darin wir vorher halb noch Ruhe fanden.
Nun ist kein Frieden mehr; nun heißt es Aufbruch!
Nun fühlt die Seele neue Kräfte schwellen,
den Mangel einzuholen, festzubinden.
Ach, hoffentlich sind es nicht Gaukelbilder,
die sich dem Suchenden nur reizend zeigen,
die letzte Kraft ihm heimlich stehlen, um
in desto tiefern Schlund ihn dann hinabzustoßen.
Was hilft’ s. Ist einem nur die Linderung verlockend
vors Aug gestellt, man gibt sich endlich hin
und sagt sich los von jedem andern Wege.
Empedokles heißt dieser Mann. Ich will
und muß der Rede Glauben schenken, nichts
verbleibt mir sonst, die Meinen noch zu retten.
Doch solch ein Mann, der Kraft hat, Macht, dem Götter
beistehen sollen, was wird er verlangen:
wie wird man ihn an diesen Flecken bringen?
Arm bin ich, leer sind meine Speicher, leer
und hohl ist mein Besitz, ich selber bin’s.
Was helfen mir die schönen Flächen Lands,
wenn es verwüstet ist, wenn seiner Herden
wohl über Nacht kein einzges Stück mehr lebt.
Wie gräßlich steigt mir das im Busen auf…
Ein Plan, verschwommen noch. O nein, ich packe
Ihn jetzt noch nicht, ich packe, nein ich packe
es nicht!
Da packt es mich. O Eutychia,
du gutes Mädchen, musst du das erdulden,
du mir durch zarte Dankbarkeit verbunden:
O was verlange ich von dir, dein Pflegevater,
als Lohn dafür, dass ich dich dich aufgezogen,
der armen Waisen Dach und Brot gegeben?
Wie wirst du dieses feste Herz verwandelt finden,
dess einzger Stolz doch seine Gradheit war!
O Eutychia, was tu ich dir an!
wie kann ich dir beweisen, dass Vertrauen
in dieser Brust nicht umgewendet ist?
Wohl! (er wendet sich zum Boten)
Bote! Geh stracks nach Selinunt und such
Empedokles, ihn selbst. Berichte
von unsrer Not ihm. Bitte ihn zu kommen.
Und biete ihm den Lohn, den ich dir sage.
ihm wird es wenig scheinen, doch uns ist es viel!
Mit Gütern können wir ihn nicht bezahlen,
das was wir haben, macht uns selbst nicht satt.
doch sind gleichwohl bereit wir, unser Leben
in seinen Dienst, in seine starke Hand
zu legen! lch, ich bin’s, ich werde gerne
sein Diener, Knecht, sein Untergebner sein.
und biete (Pause) Eutychia ihm zur Frau.
Bote: Mein Herr, ihr habt sie Glaukos schon gegeben.
Leonidas: Tu, was ich sage! Eile dich, und komm
vor Abend noch mit diesem Manne wieder.
Wenn nicht, so sind wir hoffnungslos verloren.
(Bote ab)
Euch zwei, ihr meine Liebsten, ach ich hätte
so gerne euch auf Lebenszeit verbunden.
Nun muss ich lösen, was ich selbst verband.

6. Szene

(Eutychia trägt einen Stapel Holz vorüber)
Eutychia: Seht dieses Holz, mein Pflegevater, seht!
Von selbst will’s fast verbrennen, so sehr fehlt es
am Opferrauche, den die Götter lieben!
Leonidas: Ach, leg es ab, das Holz und komme her.
Ich habe Nachrichten, mein gutes Mädchen.
Gewaltige Verändrung wird uns werden.
Eutychia: So sagt, Leonidas, ich werd euch hören.
Leonidas: Ach, wen so Großes uns auf einmal trifft,
erschlägt es jeden wohlgesetzten Anfang,
den man der Rede gern und gut gegeben.
Eutychia: Ich kenne euch als Mann von großem Mute,
stark seid ihr, fest, so geht es ruhig an!
Leonidas: Ja, also soll es dieses Feste bleiben,
denn über mich ist’s wie von Fels hereingebrochen.
Was ich erbaute, liegt in Stücken schon,
wozu ich meine Hände lieh, ein Einiges
zu stärken und zu fördern, sieh, es bricht.
Eutychia: Wie vieles gibt’s, das wir zerbrochen glauben
und steht am Morgen doch in Einheit auf.
Leonidas: Der gute Glaube lebt in deinem Kreise,
die eine Seele formt zerbrochne Tat
in Wendung auf sich selbst zur Einheit wieder.
Doch wo die Kräfte miteinander ringen
auf kleiner Fläche, da gilt Stoß und Schlag.
So ist es, wo wir stehen, wo wir wandeln
und um uns Dinge, Menschen, Taten sind.
Da finden sich die Wege wohl gekreuzt
und manche führen nur verzogen weiter,
wiewohl wir auch das Auge gerne kehrten
zur selben Sonne, die uns allen leuchtet.
Eutychia: Ich freu mich eurer Worte, guter Mann,
dass ihr den Fuß nicht übereilig setzt,
doch auch der Sonne einen Lauf verfolgt.
Leonidas: Doch liegt auf mir die Last des Handelns, Mädchen.
Wenn ich mich nur bewege, was bewegt
sich da nicht alles mit, wer lebt und leidet
nicht so, wie ich es schon zuvor getan!
Eutychia: So habt ihr wohl gehandelt, Pflegevater
und könnt die Ruhe doch darin nicht finden.
O sprecht, was euch bedrückt, ich werde liebend
der Seele ganze Kraft euch bieten, wo
zu heben nicht, die Last euch doch zu teilen.
Leonidas: O Eutychia, nein, das wirst du hier nicht können,
denn du, dein Schicksal, das ist’s, was mich drückt.
Ich habe deines Lebens Teil genommen
und schlage dich in tiefere Beschränkung
als ich es jemals tat, o Eutychia!
Eutychia: Leonidas, so sprecht, eröffnet mir’s.
Nicht fühl ich der Beschränkung enge Fessel
wie sie ein andrer fühlen würde, nein
ich kann darin nur schöner noch gedeihen.
Leonidas: Und wirst du das noch sagen, wenn du hörst,
wie ich mit deinem, meinem Leben heut
verfuhr, wie wenig mir es galt und wie
ich opferte, was mir das erste war:
O Eutychia, Mädchen, hör und richte:
Ich habe unsre Freiheit hingegeben!
Eutychia: Wie meint ihr, strenger Herr?
Leonidas: Du, meines Sohnes
zukünftge Braut, das warst du einmal, Mädchen.
Ich bitte dich, den Mann zu lassen, den
du liebst, und einen andern anzunehmen.
(Eutychia schweigt)
O sag! Wie wankelsinnig scheint der alte
Leonidas, den du für fest hieltst, jetzt.
Wie zittern plötzlich seine graden Hände!
Wie kommt er hergebeugt und hingebogen
zu fordern, was nicht seins ist, niemals war!
Eutychia: Ach, haltet ein, mein Pflegevater, bitte.
Ihr seid so klein nicht wie ihr scheinen wollt.
Für solche Tat habt ihr der Gründe viele,
die fern von eurem eignen Lohne stehen.
Ihr sagt, ihr habt die Freiheit hingegeben?
Leonidas: Dem Manne, dem ich dich zum Weib versprach.
Ich werde fürderhin sein alter Knecht sein.
Eutychia: So tatet selbst ihr ein noch größers Opfer
als das, was ihr von mir verlangt.
Wenn Mann und Weib dasselbe Lager teilen,
denselben Tisch, so schlaft ihr auf dem Boden,
seid mit den Knechten eins und fern vom Herrn.
Leonidas: Nicht greift es meinen Frieden ernstlich an.
Ich gab die äußre Freiheit nur, doch dich,
die das Gesetz erst an den Gatten bindet,
als zart Geliebten ihn zu ehren, du musst
der Seele ganze Regung ihm vertrauen.
(Eutychia schweigt)
Ach, sage, Kind, zerreißt es nicht dein Herz?
Eutychia: Mein guter Herr! Welch tiefe Dankbarkeit
mich euch verbindet, die ihr die arme Waise
schön auferzogen habt, mit so viel Gaben
begünstigt und gehalten hier in Frieden;
Ihr habt kein Maß und konntets nie ermessen.
So lass mich heute davon Zeichen bringen.
und ob ich gleich den Mann nicht kenne, den
an Glaukos statt Ihr zu dem zukünftgen wähltet,
Und auch nicht weiß, was seinen Sinn gelenkt
ich nehm ihn an, mein Herz wird gegen ihn
in stillem Reichtum seine Tage heitern;
Denn ihr seid bei mir, bindet euch an ihn,
wie ihr’s von mir verlangt, das gilt mir mehr
als ein Beweis für eure Vaterliebe.
Leonidas: Wie kannst du also sprechen, Mädchen? Ist’s
denn eines Weibes höchstes nicht, dem Manne,
dem einzgen, zu gehören, den sie wählte?
Wie kannst du diesen schnellen Wechsel dulden?
Eutychia: Seht ihr, ihr habt mir Glaukos zugesprochen.
Ich nahm ihn an, wir wechselten die Neigung
er sehr nach außen, ich doch blieb im Stillen.
und wußte nur, daß ihm mein Herz sehr nah war:
Doch ists bis jetzt nicht fest und nicht besiegelt.
Leonidas: Du bist ein seltenes Geschöpf!
Eutychia: Ich bin
wohl eine Frucht, die unter ihrer Schale
verborgen liegt und die sich niemals öffnet.
Ja mehr, sie kennt selbst dies Bestreben nicht.
Seht, meine Schale, die heißt Dankbarkeit,
und was in ihr nur lebt, ist euer Wunsch,
und euer Wunsch ist meine ganze Liebe.
Leonidas: O Eutychia, welch ein eng Gefäß
ein hart Gefäß ist deine Seele, schwillt
darin die Neigung selbst nach innen, bricht
nicht aus, wie sie’s bei tausend Weibern täte.
und darin bist du glücklich?
Eutychia: Ja, mein Herr.
Ich weiß, dass meines Herzens Fülle ganz
dem sein wird, den ihr ausersehen. Sagt
mir jetzt doch, wer er ist und wie er heißt.
Leonidas: Empedokles heißt dieser Mann. Er ist
ein hochgelehrter Mensch, ganz Griechenland
kennt ihn.
Eutychia: Und was soll Glaukos hören?
Er nimmt es gar zu hitzig auf.
Leonidas: Wir sehen.

7. Szene

(Leonidas; Glaukos )
Glaukos: Grad, Vater, komm ich von den Hirten her.
Wie jammern mich die Menschen, Vater, darben,
wenn wirs nicht kennen, diese kennen es.
Und du bist hier und siehst es nicht mit an!
Leonidas: Ich brauche nicht zu sehen, was ich weiß!
Glaukos: O nein! Was alle brauchen, Vater, Hilfe,
das ists, doch nirgendwo ist auch nur
der Schimmer einer Hoffnung noch zu sehen!
wir haben lange ausgehalten tatenlos,
wir haben unsern Ort wohl festgehalten,
so wie wir konnten, unser Leben ganz
vertrauend auf die Götter, hier gelassen.
doch nun ist unser Maß erschöpft, Geduld
hört da auf, wo’s das Leben selber trifft.
Leonidas: Glaukos, du redest viel und irr.
Glaukos: Und du?
Du schweigst und wendest deine Blicke ab.
Du könntest’s selbst nicht tragen, Vater.
Geh, geh auch du hinauf und sieh die Herden,
die letzten Stücke unsrer Herde heut verdursten.
Auch ich hab mit der Hoffnung nicht gegeizt,
sie gern und willig ausgetragen, doch erschöpft
nur bin ich worden. Wohl, wir taten,
wir taten alle unsre Pflicht, und was so heißt,
doch jetzt wird niemand uns das Recht bestreiten,
hier von dem Orte - Vater, Vater, laß uns gehn.
Leonidas: Nein!
Glaukos: Ha, wie starr ist doch dein Geist!
Was hält uns denn noch hier? Der Opferstein,
die halbzerfallnen, alten Hütten? Nichts!
O laß uns gehn zu einem schönern Ort.
Leonidas: Ich sage nein. Ich duld es nicht. Wir sind
so hart nicht an der Grenze, wie du glaubst,
und Hoffnung ist noch wach in unsrer Brust.
Glaukos: O weh! Du leidest dich zu Tode, Eutychia,
sie auch! Doch merkst du nicht, hier gilt nur Tat.
Die Götter haben diesen Ort verlassen! Wenn
wir jetzt nicht fliehen, können wir’s vor Schwäche
nie mehr. Wir werden elend hier verdursten.
Du aber stehst hier, Eutychia betet!
Wie Steine seid ihr, trocken, ohne Herz.
Leonidas: O glaube nicht, dass ich nichts tue.
Glaukos: Ha, eure Hoffnung wird nicht alt.
Leonidas: So höre:
Ich ließ nach einem hochberühmten Manne
ausschicken. Bald wird er kommen, und er heißt
Empedokles, der Liebling der Natur, der Götter.
Glaukos: Wie bin gebunden ich von den Gebundenen!
Leonidas: Er kommt hierher, er selbst, der Bote bringt ihn
vor Mitternacht in unsre Hütte.
Glaukos: Weh mir,
wie steigen dort die Todesschatten auf!
Leonidas: Den Himmel wird der große Mann beschwören!
In Selinunt kam Regen auf die Stadt,
sobald er nur den Fuß in sie gesetzt hat.
Glaukos: An einen Pfahl gebunden steh ich! Wellen
umspülen meine Füße.
Leonidas: Glaukos, höre.
Da dieser Mann so groß ist, und ich ihn
herlocken mußte, daß er Regen bringe, gab ich,
ich gab ihm Eutychia hin zur Frau.
Glaukos: Ja, Eutychia ist’s. Aus weißem Marmor,
da wandelt sie durch Säulenhallen hin.
Leonidas: So sag doch, Glaukos, Sohn, verletzt’s nicht
dein Tiefstes, nun das Mädchen abzutreten!
Glaukos: Sie ist ein Tempelstein, so glatt und schön.
wer will sie binden, sie ist überall,
Leonidas: So bist du wohl bereit, sie hinzugeben?
Glaukos: O Vater, sieh, sie kennt mich nicht, sie kommt
und geht vorüber.
Leonidas: Was geschieht dir, Glaukos !
Glaukos: O Todesschatten, legt euch euch linde
und gebt mir Kühlung vor der grausen Sonne!
O kühlt mein Haupt! Die weißen Steine und Gewänder,
nehmt sie hinweg, macht, daß die Welle netze
den müden Fuß und spielt auf ihm ein wenig.
So ist es besser, als wenn mir die Bilder
wie glühende vor meiner Seele liegen
und die ich nicht erlangen kann.
Leonidas: O Glaukos,
komm, geh ins Haus und ruhe dich, ein
ein feuchtes Lager ist dir dort bereitet.
(beide ab)

8. Szene

(Der Bote mit Empedokles, später Leonidas)
Bote: O wartet hier ein wenig, edler Herr.
Ich gehe eilend meinen Herrn zu suchen. (ab)
Empedokles: Welch armer Flecken. Dahin musst es kommen,
dass ich, um meines Denkens ganze Frucht
zu bergen, die verlassensten Gefilde
der Insel suchen muß. (sieht sich um )
Wohlan! Ein einfach Leben
im Gleichlauf ruhiger und stiller Tage
ist mir das liebste jetzt. Der Mensch wird sesshaft,
eh er sich umsieht, lebt in seinem Winkel,
viel sicherer und liebender vor allem
Zudringlichen, das ihm entreißen will,
was noch nicht seins ist. O das Halbe,
das nur ein Neues ist, ein Reizendes,
das wurd mir eifrig aus der Hand gerissen,
indes die ersten, mühsamsten Gedanken
den Hüter nicht, den Liebenden nicht finden.
So soll man mich denn auch nicht finden, das
Getön des Markts umgebe mich nicht mehr,
hier bin ich sicher nun vor meinem Ruhm.
(Der Bote und Leonidas kommen aus der Hütte;
Leonidas verneigt sich)
Mein edler Herr. Verzeiht dem armen Manne
wenn seiner Zunge dumpfe Laute euerm Ohr
nicht wohlgefällig sind. Doch sollt Ihr wissen:
Er schätzt sich überglücklich, euch allhier
in seiner schlechten Hütte zu bewirten.
O mögt ihr’s hier nicht unerträglich finden
wie viele vor euch, die den Ort verließen.
Empedokles: Wie heißest Du?
Leonidas: Leonidas, mein edler Herr.
Ich bin’s, der sich zum Knechte Ihnen bietet.
Empedokles: Ich nehme eure Dienste willig an,
doch seid nicht übereifrig, bitt ich euch.
denn was ich hier als allererstes suche
ist Ruhe, mich dem Denken mehr zu widmen
als mir es anderswo gelingen will.
Leonidas: Das sollt ihr wohl bekommen. Nehmt als Bürgen
mich selbst dafür. Kein Laut, kein Lärmen
soll eure denkende Betrachtung stören.
Empedokles: Auch dachte ich, nach langen Jahren steter
Wanderschart sesshart hier zu werden, endlich
die Tage friedlich, heiter zu genießen.
Leonidas: Wie hoffte ich im Stillen, solchen Wunsch
von euch zu hören, großer Mann. Es sei,
wie ihr es wünscht, euch alles so bereitet.
Empedokles: So sollt ihr mich nicht undankbarer finden
An meinen Werken sollt ihr den gemessnen
Anteil wohl haben, und ich werd nicht sparen,
euch von den Dingen, die ich weiß, zu geben.
Leonidas: Willkommen denn, mein Herr, willlkommen hier!
Empedokles: Ich danke eurer freundlichen Aufnahme.
Doch bin ich müde von dem langen Wege.
Leonidas: So tretet ein in meine kleine Hütte.
Schon lang sind Tisch und Lager euch gerichtet!
(alle ab)

II Akt

1. Szene

Glaukos: (taumelt aus dem Haus)
Wie wundert mich das alles! Ist hier nichts
von jenen Bildern, die mich quälten, übrig?
Sind doch die Bäume jung, ein Blühendes
ist um mich her, die Quellen sprudeln, Fische,
goldglänzende, sie spiegeln sich darin.
Der Erde graue Falten sind belebt,
ein Duft von frischem Gras liegt auf dem Ort.
O ja, dies ist das Land, das ich doch suchte,
dies herrliche, dies ewig junge Land.
Inmitten dieses Jungen ist man jung,
die Nacht ist tot, die uns das Alter brachte!
Wie gut, daß wir von jenem Orte flohen,
wo jedes lag in Dürre und Verwüstung.
Schnell trug der Nachen uns vom Ufer fort,
wir schifften sicher zwischen Felsen hin
und langten an am seligen Gestade.
O welcher Tausch ist uns nun hier bereitet,
o welche Fülle schmiegt sich hier uns an.
O Vater, Vater, siehst du nicht die Wellen,
die freundlich sich an dem Gestade brechen,
die volle Muschel in die Hand uns spülen?
O Vater, hörst du nicht! Wach auf vom Schlaf
und sieh dies herrlich schöne Land umher!
Wir sind hier in der seligen Gefilde,
hier ist die Not nicht, lastet nicht die Sorge.
O Vater, guter Vater, hast du’s nicht gewünscht,
das schwere alte Joch von dir zu werfen,
Ich will dich wecken, Vater, von dem Schlaf,
der uns umfing und zu vernichten drohte!
Steh auf und sieh und freu dich! Vater! Vater!
(Er geht in die Hütte)

2. Szene

Eutychia: (vor dem Opfersteine knieend)
Große Götter, erhabne,
wachende ihr im stillen Mond,
wärmende ihr in der hohen Sonne,
feuchtende ihr in der kühlen Welle,
euch ruf ich, erhabne Götter:
Die Winde habt ihr geleitet, den sanften Regen
herzuwehen des nachts und über die Häupter
leidender Menschen auszuschütten.
Euch ruf ich, erhabne Götter,
nehmet den Dank an des armen Geschlechtes;
Nieder fielen Tau und guter Regen,
Erquickung ward der dorrenden Erde,
Freude wird werden den leidenden Menschen.
O daß ich euch nur ein Gleiches schickte,
o daß mir die Tränen quöllen im Rauche ,
die linde Wolke sie zu euch trage,
Dankestränen, ihr Götter, Freudentränen.

3. Szene

(Glaukos, Leonidas, Empedokles, Eutychia später)
Glaukos: Sieh, Vater, sieh!
Leonidas: (hebt die Hände) Wahr ist es, Regen, Regen!
Es fiel ein Regen aufs geplagte Land
und Regen weitet mein verdorrtes Herz!
Es fließt, es fließt so herrlich, alles Leben
von Blut und Wasser leer, es füllt sich neu.
Die Pflanzen quellen duftender empor
als ich sie je gesehn, o Regen, Regen,
lass dich umfassen, guter guter Bote.
Empedokles: Als ich die Furche gestern liegen sah,
der Erde Poren rund und weit gedehnt,
da wollt mir scheinen, als sei bereit nun,
des Wassers größte Fülle aufzunehmen.
Leonidas: Die Fülle fass ich nicht und bin doch selbst so voll,
ich muß mich meinem eignen Glücke weiten!
O welch Gefühl nährt diese alte Brust!
O sähen es nur alle die Bewohner,
die von uns gingen, schal und ohne Hoffnung.
Ach, muss ich denn das Glück mit wenig Menschen
nur teilen? Alle, alle könnte ich umfassen
und hätte allen reichlich auszuspenden
und jedem seine Hütte und sein Feld
aufs neu zu geben.
Glaukos: Vater, sieh den Schiffer!
der uns in seinem Kahne fuhr…
Leonidas: Verzeiht, mein Herr!
Verzeihet meinem Übermaß der Freude,
die nur sie selbst war und die erste Wurzel
des eignen Glücks vergaß. Verzeiht, mein Herr.
Euch sei der Dank, ja, euch allein, der Ihr die Götter
uns hergebracht habt und den schönen Segen!
Wie kann ich euch nur meinen Dank erzeigen?
Wie kann ich es, mein edler Herr, sagt an?
Nehmt ihr es an, was euch der Bot versprach?
Empedokles: Ich kam, um dieses freundlich anzunehmen,
doch will ich euch als Knecht nicht, nur: ein Schüler
sollt ihr mir sein und mit mir alle Pfade
des Wissens um Natur und Gottheit auch
beschreiten dürfen. Doch das Mädchen,
davon der Bote sprach, nehm ich zum Weib.
Glaukos: O Vater, er bekam den Lohn am Ufer,
am andern Ufer schon.
Leonidas. Mein Glaukos, höre,
hol Eutychia her und eile dich.
Glaukos: Es ist nicht recht, sie in dem Kahn zu lassen.
Empedokles: Gar seltsam redet dieser euer Sohn.
hat er zu wenig Speise oder falsche
zu sich genommen, hatt er nicht des Tranks?
Leonidas: Ich glaube es, mein großer Herr, schon heut
wird er von allem Doppeltes bekommen.
Die Trauben wurden über Nacht so schwer,
die Brunnen wurden über Nacht so voll,
der Atem der Natur wird stündlich lauter.
In allen Lebewesen herrscht der Friede
und alle sind sich wieder nah und einig.
(Eutychia kommt hinzu)
Ich kann die Sonne wieder lieben!
Eutychia: O nein, wir sollten unsrer Liebe Maß
nicht danach wählen, wie sie uns belastet
und wie sie uns in unsrer Freiheit lässt,
ob sie sich aufdrängt oder ferne bleibt ,
sie darf nicht wanken, muß sie selber bleiben.
Empedokles: Gar wohl gefällt mir dieses Mädchens Rede:
Sie scheinet fest zu sein und doch verwegen.
Leonidas: Sie ist es, edler Herr. O nehmet dieses Weib
als eures an. Sie sei auf ewig Euer!
Sie heißet Eutychia!
Glaukos: Vater, Vater,
o lasst sie nicht beim Fährmann drunten, hol
herauf auch sie, gib ihr von unserm Glück.
Eutychia: Mein lieber Glaukos, was ist dir geschehn?
wähl doch des Baumes Schatten, ruhe dich!
Mein edler Herr! Hier steh ich vor euch, ein
nur schwaches Weib. Mein guter Pflegevater
hat mich euch zudacht, und ich bin freundlich
und guten Willens gegen euch gesinnt.
Was ihr von mir verlangt, ich will es leisten
und zärtlich euch in meinem Busen hegen.
Glaukos: O Vater, sieh! Er stößt vom Ufer ab
und führet Eutychia mit zurück.
O Vater, rette, rette sie und berge
die Hilflose auf diesen sichern Strand!
( Er stellt sich zwischen Empedokles und sie, fasst sie am Arm)
Eutychia: Mein lieber Glaukos! Was bedrückt dich? Was
liegt schwerer Decke gleich auf deiner Seele?
Glaukos: Der Fährmann, Eutychia, sieh ihn an!
Er schiffte uns an dieses holde Ufer
und fordert Lohn nun. Dich will ich zurück
ins Dunkle nehmen. Nein, ich duld es nicht!
(drängt Empedokles zurück)
Leonidas: Er träumt, mein Herr.
Empedokles: Leonidas, nicht das!
Ihr bindet ihn und legt ihn in die Hütte.
Krank ist er, Fieber zeichnet seine Stirn.
Leonidas: O nein! Mein einzger Sohn, und krank
jetzt, wo sich alles wunderbar gewendet
liegt er danieder, er, der Blühende
soll dieses Blühende nicht mehr genießen!
(Leonidas will ihn binden)
Glaukos: Nein, nein, mein Vater, was tut ihr mit mir?
Eutychia: Leonidas, nicht bindet ihn. Mein lieber Glaukos
komm, leg dich in die Hütte, sieh, ein Lager
werd ich dir alldort aufbereiten, frische Tücher
dir auf die Stirne legen, Geist und Seele
mit frischem gutern Wasser kühlen. Glaukos,
komm, folge mir, du sollst der Pflege haben.
Glaukos: Nein, nein, ich muss euch alle retten.
Auch dies Gestade kennet die Gefahren
(reißt sich los)
Empedokles: So binde ihn, Leonidas, und du, mein künftges Weib,
tu, was der angestammten Mittel sind,
reich ihm die kühlen Tücher, doch nicht gib
ihm Mittel ein, die ich nicht vorher prüfe.
(Leonidas bindet ihn, Eutychia mit Glaukos in die Hütte)
Leonidas: Mein edler Herr, nicht seht ihr mich hier stark,
wie mir mein Amt befiehlt. Es wogt und wühlt
mir fürchterliche Angst den Busen um.
Jetzt, wo hier allles wunderbar gelöst schien,
der ganze Flecken frei und heiter neu
aus langem Fieber in den Tag sich hob,
erfrischter Welle, neuer Sonn entgegen,
da fühl ich schrecklich diese Trennung:
Mein guter Sohn, mein einzger, hat den klaren Sinn
verloren. O wie schwach ist doch der Mensch!
Wenn Krankheit ihm sein Liebstes niederwirft,
er wendet sich und blicket in die Weite,
nach oben auch und sucht die Heilung dort,
wo Licht ist und die Todesschatten fern sind.
da beugt er endlich seine schwachen Knie,
macht tausend Gänge, jeglichen umsonst
und weiß nicht mehr, wie ihm die Hilfe nahe.
Mein edler Herr, wie dank ich euch, die Wolke
ist eurem Haupte bis hierher gefolgt,
allein zu spät, mein Sohn erlebt’s nicht mehr.
Und alle Freude, die mich euch verband,
die uns verband am neu erstandnen Orte,
beklemmet mir die Brust aufs Neue wieder.
Mich seh ich hier erhoben, ihn danieder
bald liegen. O wären wir gemeinsam
im selben Untergange uns nur nah,
verbunden im gemeinsam grausen Schicksal.
So bleibt uns nichts, uns selber zu erretten,
nur stille das Gebet nach oben schicken.
Ich werde Eutychia weisen, neue Opfer
zu weihen, selbst will ich den Sohn nun pflegen.
Empedokles: Ihr seid zu schnell, Leonidas. Bewegung
die diesen Ort ergriff, hat gleichfalls euch
ergriffen. Ihr seid nicht fest mehr, wie ihr schienet.
O fanget euch und gebt euch der Verzweiflung,
der Freude nicht ganz rückhaltlos zu eigen.
Ihr seid verblendet, habt das Maß verloren.
und trauet nur dem einen, nur dem Augensinn.
Auch fehlt euch die Erfahrung mit der Krankheit.
Ihr sahet nichts und waret noch im Weiten,
wo mancherlei und vielerart Gebrechen
sich finden. Aber ich hab viel gesehen
und vieles auch erprobt, im Groß und Kleinen
und viele gingen von mir fort geheilt.
Leonidas: So kennt ihr euch nicht nur mit den Gewalten
des Himmels und der Erd aus, seid ein Arzt?
O sprecht!
Empedokles: S’ ist beides einer einzgen Wurzel doch.
Die Kenntnis der Natur ist Kenntnis ihrer Wesen!
Leonidas: So sagt: Gibt es noch Rettung für den Sohn?
Empedokles: Es gibt. So geh und sammle Kräuter,
die ich dir vor dein innres Auge stelle,
verschiedendste, so du am Boden findest,
am Hange und in frischer Quellen Nähe.
Leonidas: Und Eutychia wird ein still Gebet
am Steine zu den Göttern senden.
Empedokles: Die Götter gaben in den Pflanzen Kunde
von dem, was sie an ewgem Leben haben.
Und wer sie kennt, weiß ihre Schößlinge
zu sammeln, wie die Götter ihm geboten.
Leonidas: O großer Herr, ich kenne nicht die Wege,
auf denen ihr gemessnen Schrittes wandelt
in jedem Strauch, in jeder Ackerblume
der Götter gute Lehre euch entnehmt,
doch sagt mir doch, ob so zu handeln recht ist,
ob wir uns also handelnd nicht vergehen.
Empedokles: Die Götter lieben jeden tätgen Mann,
sie haben schöne Zeichen ihm gesendet,
und wer sie gut, wer die Natur versteht,
ist ihnen nah und handelt wohlgefällig.
Leonidas: Doch dürfen wir die Wege denn beschreiten,
die ihnen vorgegeben sind, um für uns selber
heilkräftige Pflanzen zu erlangen?
Verlangen wir zuviel nicht, wenn wir gleich
die Hand ausstrecken, wo sie uns geschenk wird
Empedokles: Gerade darin zeigt sich ihre große Liebe,
daß wir die Gaben, die sie uns verborgen
an unsers eng begrenzten Lebens Strand
gelegt, auch nicht verschmähen, doch ergreifen.
Doch ist uns jetzt die Zeit nicht zugegeben,
uns lange nich zu verweilen. Deinen Sohn
werd ich mir ansehn nun, und dir bezeichnen
die Mittel, die er braucht, um zu genesen.
(Beide ins Haus)

4. Szene

Eutychia: (aus der Hütte, an ihnen vorbei)
Ach armer Glaukos. Deine starren Glieder
sie jammern mich, der Frost der dich ganz schüttelt!
Matt blickt dein Auge in den schönen Tag
aus einer Welt, die nicht die unsre ist.
Da mangelt jedes Wollen, jede Hilfe
den deinen, die dich gern erleichtert hätten
und mit dir trügen, was dir aufgegeben.

5. Szene

Leonidas: (aus der Hütte)
O Hoffnung, Hoffnung, senke dich herab,
Eutychia: Was ist euch?
Leonidas: Empdekoles, der edle Mann,
dein Bräutigam, lässt mir die Keime
der Hoffnung auf zu neuem Leben blühen.
Er schickt mich fort, ihm Kräuter herzuschaffen,
und Glaukos, sagt er, wird davon genesen!
Eutychia: Und was er sagt, ist deinem Fuß Befehl?
Leonidas: Mein Sohn braucht Hilfe, darum tu ich es!
Eutychia: Und gebt Vertraun, ihm, ihm ganz allein?
Leonidas: O sieh doch, Mädchen, damals, als mein Weib,
als Glaukos Mutter von uns schied, war’ s nicht
ein ähnlich Fieber, das sie von uns nahm:
und haben wir nicht alles schön geleistet?
Hast du den Opferdienst nicht gut versehen?
Doch standen wir gelähmt wohl vor uns selber
tatlos und fromm, wie wir es immer waren!
Eutychia: So war es gut! Dass Mutter von uns ging
es war der Götter Wille ganz allein!
Leonidas: Doch sieh mich an, mein Mädchen, wie mir da
das Herz beklommen in dem Busen schlug,
die Hand, die ihre Festigkeit erwarb,
im festem Griff, sie zuckte wild. Doch hieß
ich dich den Opferdienst verrichten. Allein
soll heute mir mein Sohn nicht von der Seite,
und alles, alles will ich tun, so sollst du
das tun, wozu dein Amt dich hier bestimmt.
Ich aber will ein andres tun, ein Doppeltes:
Gebet und Tat, heut soll uns beides dienen.
Eutychia: Und für die Tat wählst du Empedokles,
und mich für das Gebet, ist’s so?
Leonidas: Mein Kind,
das schlimmste für den Mann ist, wenn er nicht
mehr handeln kann, wenn alles vor ihm flieht,
wenn jedes Ruder, das er gern ergriffe,
wenn jeder Spaten gar zerbrochen liegt.
Das kehrt ihm seinen Busen um und um,
zur Säule sieht er seinen Körper werden.
und wenn er noch, wie ich hier vor dem Ort,
die Last der Seinen gern und willig trug
und nicht mehr wenden darf, was ihm doch ansteht,
aus Pflicht und Liebe, herzlicher Verbindung,
so zehrt’s ihn leer, sein Eigenstes ist fern:
O nein, heut muß ich handeln, und ich tu es gern,
wiewohl du beten sollst und Opfer weihen:
Eutychia: Empedokles ist also nun der Herr,
und du sein Diener und der meine:
Leonidas: So sagt ich Dirs zuvor.
Eutychia: und sprachst von äußrer Bande,
von äußrer Fessel nur. Doch zieht die Hoffnung,
die falsche trügerische Hoffnung dich nun fort
dein lnnres folgt ihm willig in die Ferne,
wo du nicht bist, wo du nur Fremder bist!
Leonidas: Um dieses Nahe hier zu retten, Mädchen!
Eutychia: In Räume dringst du, die dir nicht gehören!
Leonidas: Die doch Empedokles sein eigen nennt!
Eutychia: Was traust du diesem Manne alles zu!
Leonidas: Ich trau nicht ihm, ich traue seinem Bunde
mit unsern Göttern, Eutychia!
Eutychia: Leonidas, so mäßigt euch, nicht sagt solch Wort
vor einer Tempeldienerin, ob ihr’ s auch denket.
Leonidas: Ich war dir immer ehrlich zugetan.
und hab kein falsches Wort zu dir gesprochen,
und wie ich dieses sag, so mein ich’s.
Eutychia: Verborgen haltet’s in dem Busen, ob
die Götter auch gleich wissen was ihr denket,
doch lieben sie die Mäßigung an euch.
Leonidas: Ach, Eutychia, dir ist eine Pflicht nur,
doch mir sind viele, die einander reißen.
Du sagst mir nicht, daß du nicht volle Hilfe
von mir erhältst, und kein Bewohner sagt es.
Mit wieviel Stricken bin ich hier befestigt,
und ob ich gleich auch ziehe nach dem einen,
dem schönen Ziel, daß mich so feste bindet,
wie’s dir geschieht und dir die Ruhe gibt,
nicht kann es mir gelingen, nie und nimmer.
Was du verlangst, kannst nur du selbst erfüllen.
Eutychia: So geht denn hin, Leonidas, und sammelt,
doch haltet klein die großen Reden, tut,
den Göttern, bitt ich, dieses doch zuliebe!
(Leonidas ab)

6. Szene

(Empedokles kommt aus der Hütte, Eutychia)
Empedokles: Sei mir gegrüßt, mein Mädchen, meine Braut!
Jetzt ist die Zeit, mit dir allein zu sprechen.
Eutychia: Wie geht es Glaukos? Liegt er ruhig, schläft
er gar, und kühlen ihn die Tücher?
Empedokles: So ist’s.
Das hohe Fieber scheint nun abgesenkt
für’s erste. Leise Worte spricht er manchmal.
Eutychia: Was sagt er, guter Herr?
Empedokles: Er murmelt unverständlich.
‘Gefahr’ nur konnt ich seiner Red entnehmen.
doch ist dies nur ein Wahn und ohne Deutung.
Eutychia: O wenn das Fieber einen Körper schwächt,
bewegt der Geist sich oft aus ihm heraus
und spricht viel Wahres. Und wir sollten nicht
gering die Zeichen achten, guter Herr.
Empedokles: Wohl kaum. Der Geist ist ihm verwirret.
und hält im Körper seinen Platz nicht mehr
und alle Sinne stürzen auf ihn ein
und überwältgen ihn.
Eutychia: Doch gibt es alte Rede…
Empedokles. Die gibt es wohl, von eben solchem Geist
wie seiner jetzt ist, kam er auf uns nieder.
Eutychia: O Herr, was sagt ihr da! Ihr wisset nicht
der Orte dunklen Sinn, den uns die Zeiten
an dies lebendige Gestade spülten!
Empedokles: Doch diese Worte sind des dunklen Sinns,
des kranken Sinnes Bilder, die ich oft
am kranken Körper schon gesehen habe.
Es ist ein Mangel, das ist offenkundig,
und Mangel sucht in andere Gefilde,
wo Nahrung ist, entschieden auszuweichen.
Eutychia: Was wissen wir von Mangel und von Reichtum?
Empedokles: Wohl einiges! wie sich die Bilder fügten
eins an das andre, und in ihnen gleiches
vorscheinig ward, so traten die Gedanken
in gleicher Weise gegen sie heran.
Eutychia: Was meint ihr, edler Herr?
Empedokles: Glaukos hat
ein Fieber, das ich oft gesehen, Zeichen
auf seiner Haut, sie künden mir davon.
Doch dies ist heilbar, wenn man richtig gegen
die Krankheit höchst genau gestimmte Mittel
herbeiholt und sie ihm zu trinken gibt.
Eutychia: Das wisset ihr?
Empedokles: Ich weiß es, denn ich sah es oft.
Gar viele sind im großen Selinunt
mit selbigem Gebrechen vorgetreten,
weil Kunde ging, daß ich die Krankheit meistre
durch Mischung vieler Kräuter miteinander
davon die Zahlen mir durch lange Übung
bekannt sind, schlag ich Krankheit in den Bann.
Eutychia: So seid es Ihr, es sind die Kräuter nicht.
Empedokles: Es ist die Kenntnis, die dem Forschenden
zuteil wird, der sich liebend umgesehen
der ganz sein Aug, sein Ohr, die Zunge auch
der Regung göttlicher Natur geliehen.
und wenn er dann nach vielen Jahren stiller
und enger Liebe zu den vielerlei Gestalten
von diesen sich entfernt, aufs neue wieder,
so ist ihm manch Geheimnis nun bekannt.
Was undurchdringlich schien, es lichtet sich
mit einem Mal und liegt in einer Helle.
So ging es mir, und Kenntnis ist der Lohn.
Eutychia: O nehmt ihn nicht zu früh, o fürchtet ihn!
Denn was uns an Geheimnissen umgibt
ist solcher Art nicht, dass wenn sich der Mensch
hier vorzudringen wagt mit größter Mühe,
ihm eben diese Mühe dann vergelte
und ihn in Lohn und Macht und Ansehn setze!
Empedokles: Den Lohn hab ich noch nie für mich gewollt.
Doch allen Menschen ist die Kenntnis dienlich.
Wie Glaukos gleich, sobald Leonidas
die Kräuter bringt, die ich ihm angewiesen,
erfrischt vom Lager aufstehn wird, gesund
sich in der Welle baden kann, die Frucht
vom Baume gern pflückt, die er jetzt nicht isst,
so sind schon viele vor ihm doch gesundet!
Eutychia: O Herr, sagt dies nicht vorher, nachher sagt’s.
Empedokles: Es wird geschehn wie’s oft zuvor geschah! -
Doch sieh, dort kommt Leonidas, er bringt,
was ich ihm auftrug, ohne Fehl uns her!
Eutychia: Mein Herr, ich wende mich, verrichte mein Geschäft.
Empedokles: Und ich das meine, gutes Mädchen!
(Leonidas kommt, beide ab in die Hütte)

7. Szene

Eutychia: Ich spüre Drohendes um uns herum!
Wie bin ich doch, ein armes Weib, geschlagen
in Sinne, feinre, als die Männer haben.
Da kommt’s mir vor, ich sehe vieles klar
und kann es doch nicht sagen, ihre Tat
ist immer laut, erwärmt sich nicht am Wort,
am leisen wenger noch, das mir nur ansteht
und ungehört geht alles in den Wind.
wie Aufbruch ist es nun, die alten Grenzen
die uns im Sturme jeglichen Geschäfts
so sicher hielten, wanken, und nur er,
der Steuermann, wächst riesiger empor.
Bald klammert alles sich an ihn, er wird
die Mitte mehr und mehr von diesem Kreise!
O diese Sicherheit, die nur an ihm bald hängt!
O hätt ich doch ein kräftig warnend Zeichen,
die meinen zu erwecken, und den Mann,
der nun der meine ist, so groß auch er
aus dem bescheidnen Kreise sich erhebt,
o könnt ich ihm des Menschen Grenze weisen.
O könnt ich uns die Bande doch befestgen
und groß errichten Zeichen, daß sie uns
nicht Zwang ist, niemals war und auch nicht sein wird,
dass sie uns schöne friedliche Versichrung war.

8. Szene

(Empedokles mit Glaukos aus der Hütte)
Empedokles: Nun sieh dir, Glaukos, diesen Ort doch an!
Glaukos: Wie ist hier jeder Reichtum ausgespendet,
es kann der Ort nicht sein, den ich verließ.
Empedokles: Er ist es, und du warst nicht fort, du lagst
mit bösem Fieber in der Hütte nieder.
Glaukos: Wer seid ihr, Fremder? Ich erkenn euch nicht,
und doch ist mir, ich hätt euch schon gesehn.
Empedokles: Empedokles, so ist mein Name, und ich kam
herüber gestern grad von Selinunt.
Glaukos: Sagt mir, wo ist mein Vater? Kennt ihr ihn?
Und habt ihr ihn gesehn? Ich möchte doch
die herrliche Verwandlung, die dem Ort
geschah, auch zeigen. Er soll mir vor allem
den schönsten Anteil haben, soll erwachend
das um uns neu Erwachte mit genießen
und sich gleich mir an allem freuen können!
Empedokles: Er ist noch in der Hütte, seiner Pflege
und Eutychias dankst du die Genesung.
Glaukos: O Vater, Vater, kommt herbei und sieh
und glaube, was du siehst: Die alte Not
hat endlich Ende, wir sind neu lebendig.
Leonidas: (aus der Hütte)
So ist es wahrlich, großer Herr, geschehn,
ist wirklich, was ihr sagtet, eingetroffen:
O Dank, o tausend Dank euch, edler Herr.
Glaukos: Was sagt ihr, Vater, diesem Fremden? Kannst
du dich nicht freuen. Sieh doch, sieh, und staune
sieh diesen Segen um uns her und freue dich.
Leonidas: O Glaukos: Wohl, du lagst geblendet,
ein Fieber lag auf deinem düstern Auge:
wir haben all dies Herrliche zuvor gesehn
und wissen, wem wir dafür danken. Ihm,
ihm ganz allein, den du jetzt vor dir siehst.
Es ist Empedokles, ein großer Mann,
der größte Mann im ganzen Griechenland,
der weiseste und der den Göttern liebste:
O danke ihm, mein Sohn, denn deine Krankheit,
dieselbige, woran die Mutter einst gestorben,
hat er durch Kräuter aus dem Leib getrieben.
O danke ihm. Versäum es nicht.
Glaukos: Mein Vater,
so hab ich euch noch niemals sprechen hören.
Er scheint ein Mensch wie wir zu sein, nicht mehr.
Leonidas: Er steht im Bunde mit den Göttern, kennt
die gütige Natur auf das Genaueste.
Er ist ein Lehrer, ist ein Wissender.
Glaukos: Und dies ist wahr? Ihr sagt es, Vater?
Leonidas: Es ist.
Glaukos: O selig wir, daß wir Euch hier begrüßen,
willkommen, edler Herr Empedokles.
Empedokles: Gern bin ich hier, bei Menschen, die mich lieben,
bei denen, wo der große Sinn der Worte
des Wissens auch, das sie durch mich erhalten,
bewegt wird und nicht ausgeschlagen wird.
Glaukos: Ich war so krank wie Mutter, sagt ihr?
O denk ich ihrer noch und seh ihr liebes Bild,
ihr Siechen, ihre Stille auf dem Lager!
O hätten wir Euch damals schon gekannt,
was hätten wir gegeben sie zu retten!
Leonidas: Das erste, was uns ist: uns selbst.
Glaukos: O dann - dann will ich eurem Geiste gerne dienen.
Empedokles: Nicht mir dienst du, du dienst dem edlen Triebe
des Wissens.
Glaukos: Lehre also, lehre mich.
Empedokles: Höre zuerst von den vier Grundwurzeln aller Dinge:
Zeus, der Schimmernde, Hera, die Leben verleihende,
und Hades und Nestis, die aus ihren Tränen
sterblichen Quell entspringen läßt.
Er also ist das Feuer, sie die Luft,
Hades die Erde und Nestis das Wasser.
und so ist auch die Quelle der irdischen Dinge,
so viele uns in ihrer unendlichen Fülle
bekannt geworden sind, nirgendwo anders
als in den Elementen zu suchen. Laß dir darüber
durch keinerlei Trug den Verstand benebeln,
und merke dir das genau.
Glaukos: Und dies ist ähnlich in der Natur zu treffen?
Empedokles: Dieselben Grundstoffe werden zu Haaren und Blättern
und der Vögel dichtem Gefieder
und zu Schuppen auf starken Gliedern.
So ist es der Fall bei den Schalen
der schwergepanzerten Meeresbewohner, vor allem der
Meerschnecken und der steinschaligen Schildkröten.
Da kannst du den Grundstoff zuoberst auf der Haut lagern sehen.
Glaukos: Und was sind wir? Sind wir aus gleichem Stoffe?
Empedokles: Als aber die Erde in dem vollkommenen Hafen der Liebe
Anker gegangen war, traf sie mit ihnen -
dem Feuer, dem Wasser und der hell leuchtenden Luft -
in ungefähr gleichem Verhältnis zusammen,
sei es ein wenig stärker oder schwacher
gegenüber der Mehrzahl. Daraus entstand
das Blut und die andern Arten des Fleisches. Und sie
empfing in machtigen Tiegeln von den acht Teilen
zwei vom Glanze der Nestis und vier vom Gotte des Feuers:
da entstanden die weißen Knochen,
die durch den Leim der Harmonie
wunderbar zusammengefügt wurden.
Glaukos: Und wie kommt eins zu andern, wie geschieht
Verbindung zwischen den Stoffen, daß Gestalten
wie wir es, sind hervortreten können?
Empedokles: Zweierlei will ich dir sagen; denn bald wächst
ein einziges Sein aus Mehrerem zusammen,
bald wird es wieder Mehreres aus Einem.
Zwiefach der sterblichen Dinge Entstehung,
zweifach auch ihr Dahinschwinden. Denn die Vereinigung
aller Dinge erzeugt und zerstört die eine; die andere aber,
kaum herangewachsen, fließt davon,
wenn die Elemente sich wieder scheiden.
Und dieser fortwährende Wechsel hört niemals auf:
bald kommt alles durch Lieb in Eins zusammen,
bald scheiden sich alle Dinge voneinander
durch den Haß des Streites - sofern nun auf diese Weise
Eins aus Mehrerem hervorgeht und wieder
aus der Spaltung des Einen Mehreres hervorgeht,
insofern entstehen alle Dinge und haben kein ewiges Leben;
insofern aber ihr ständiger Wechsel niemals aufhört,
insofern sind sie ewig unerschüttert im Kreislauf.
Glaukos: Und wir sind also entstanden wie du sagst!
Empedokles: Wohlan, hör auf meine Worte, denn Lernen
stärkt den Verstand. Wie ich schon vorher gesagt habe,
als ich das Ziel meiner Rede kundtat:
zweierlei will ich dir sagen: Entstehung gibt es von keinem
einzigen all der sterblichen Dinge
noch ein Ende im verderblichen Tode. Nein:
Nur Mischung gibt es und wieder Trennung
des Gemischten. Das Wort Entstehung gibt es nur
bei den Menschen. Dies schaue du mit dem Geist
und sitze nicht da mit staunenden Augen,
und vernimm meiner Lehre untrüglichen Gang.
Die aber behaupten, wenn sich beim Menschen
die Elemente mischen und ans Licht treten
oder beim Geschlechte der wilden Tiere
oder der Bäume pder der vögel, dann entstände etwas;
wenn sich aber die Elemente wieder trennen,
dann reden sie vom unseligen Tode. zu dieser Rede
haben sie kein Recht, die Toren. Sie haben keine
langen Gedanken, denn es ist unmöglich, dass etwas
aus gar nicht Vorhandenem entsteht, und ebenso ist es
unmöglich und unerhört, daß etwas, was vorhanden ist,
schlechthin zugrunde gehen könnte.
Glaukos: O lehre mich, warum gar viele Dinge
sich mischen lassen, andre aber nicht.
Empedokles: Denn freundlich verbunden mit all ihren Teilen
sind alle diese Elemente: Sonne, Erde,
Himmel und Meer, soviele von ihnen weithin
verschlagen in der irdischen Welt gewachsen sind.
Und ebenso ist alles, was zur Mischung mehr geeignet ist,
einander verwandt und durch Liebe verbunden,
Feindschaft dagegen alles, was nach Ursprung, Mischung
und ausgeprägten Gestalten weit voneinander unterschieden ist,
völlig ungewohnt, sich zu verbinden, und gar unglückselig
nach dem willen des Streites, dem es seinen Ursprung verdankt,
Glaukos: Wisst ihr auch, mein Herr, von unsrer Erde
die so groß ist, von ihr selbst zu sagen?
Empedokles: Auch deshalb kam ich an diesen Ort. lch will
ein Lehrgedicht darüber schreiben.
Glaukos: O Vater, hörst du, ein Gedicht schreibt er,
die schöne Lehre endlich zu befestigen.
Empedokles: So sei das Große, auch das Kleine will ich
ergründen, warum sich ein Eisen
dem andern nähert, wie der Mensch sieht und vieles mehr.
Glaukos: O Dank, mein Herr, o tausend Dank. Und nehmt
mich gütig zu euerm Schüler an.
Empedokles: Kennenlernen wirst du alle Heilmittel,
soviele es gibt als Abwehr gegen Krankheit und Alter,
denn für dich allein werde ich dies alles erfüllen.
Zur Ruhe bringen wirst du der unermüdlichen Winde
Gewalt, die auf die Erde losstürzen und mit ihrem Wehen
die Saaten ausdörren. und umgekehrt wirst du,
wenn du willst, Winde herbeiführen, die den Schaden
wieder gutmachen. Machen wirst du aus dunklem Regenschauer
den Menschen förderliche Trockenheit, machen aber auch
aus sommerlicher Dürre baumernährendes kühles Naß,
das dem Himmel entströmt; und aus dem Hades wirst du
wieder heraufführen gestorbnen Mannes Kraft.
nun aber laß mich gehen auf den Hügel, nachzudenken. (Empedokles ab)

9. Szene

(Glaukos, Leonidas)
Glaukos: Wie fühl ich mich, mein Vater! ist mir doch
als taumelte mein Geist, gleich als ich krank war,
und doch ist dieses anders. In die Höhe
bin ich gezogen wie noch nie zuvor.
Leonidas: Der Mann spricht eine Sprache, die uns fremd ist
daraus nur glitzend uns die Worte treffen.
Glaukos: Und wie sie treffen! Hörst du Vater, was er
an mir erfüllen will? Zum Herren der Natur
will er mich sanft und groß hinauferziehen.
Sein Schüler soll ich werden, alles was
er Jahr um Jahr gedacht und angesammelt,
das soll ich alles weitertragen dürfen.
Und ob ich selbst noch grad sein Schüler bin,
seh ich mich schon der Lehrer sein von tausend,
von abertausend Schülern, die begierig
die großen alten Worte zart bewegen.
O, Vater, sag, wie kam der Mann hierher?
Leonidas: Ich bat ihn durch den Boten, herzukommen.
Glaukos: Und weshalb will er seiner Lehre Frucht
an mir erfüllt sehn? Ich begreif es nicht.
Leonidas: Das tat er frei. Allein dass er uns kam,
hab ich ihm einiges zum Lohn versprochen.
lch bot ihm meine Dienste willig an
und bot - o lieber Glaukos, ach du warst
in jenem Augenblick von Krankheit schon geschüttelt,
dass du nicht hören konntest, was ich sagte,
was ich getan und nicht nur mir Verzicht,
auch dir schon auferlegt…
Glaukos: So sagt es, Vater.
Leonidas: Ich bot ihm Eutychia an zum Weib.
Glaukos: Du botest?
Leonidas: Ja, ich tat’s.
Glaukos: Eutychia?
Wir waren uns seit Monden schon versprochen.
Du wolltest’s selbst mit deiner Hand besiegeln!
Leonidas: Ich weiß, mein Lieber, und mich drückt die Schuld.
Glaukos: Das arme Mädchen, ihre zarte Liebe
war mir bislang das Schönste noch gewesen.
Wie nahm sie s auf?
Leonidas: Gelassen.
Glaukos: Nein, mein Vater
das kannst du nicht. Und er? Empedokles.
Leonidas: Er nahm sie an.
Glaukos: O Vater, dies ist, ach es
reißt das Herz mir in dem Busen um,
das Liebste herzugeben, das ich habe..
Leonidas: Und sonst hast du nichts mehr?
Glaukos: Ja, Vater,
die Liebe, die sich nun nicht üben darf
an ihr, und doch ein Teil des innern ist,
das mir doch einwohnt und sich äußern muss,
ich werd sie ihm, ihm selber antragen.
Glaukos: Ja, hoch und heilig will ich’s euch versprechen,
dass mir die Liebe, die mich ihr verband
in neue Bahnen gehen soll, in größre.
In seinem Geiste soll sie nunmehr ruhen,
in seinen Worten ihre Nahrung finden.
Schon trifft mich der Verlust nicht, der Verzicht
entkleidet sich als herrlichster Gewinn.
Wohl! Einges hat der Mensch im Leben stets
noch aufzugeben. Wohl, wohl dem, der aufzugeben hat:
er kann nur schöner, kann nur größer werden.
und leicht ist dies Gepäck, so herrlich leicht
und aller Sorge, aller Kleinlichkeit
so fern.
Leonidas: O Glaukos, bremse dich!
Glaukos: O nein,
vorhin noch konnt ich es mit großer Mühe.
doch nun nicht mehr. Zu neuen Ufern auf,
mein Geist, begib dich auf die große Reise
und kehre mir so bald nicht mehr zurück.

III. Akt

1. Szene

(Glaukos, Leonidas)
Glaukos: O ist es wahr, mein Vater, sag!
Leonidas: Es ist!
Glaukos: Mein Herz drängt sich an seines an, und beide
sind wir die Sehenden der schönen Welt.
Nicht um uns selbst, doch um des Eifers Willen,
der sich der Welt und ihrem Sinn bemächtigt,
so leben wir, die Schauenden, beglückt.
Ein Strahl fiel er auf unsern Flecken nieder
und bindet uns zusammen, führt uns auf
gemäßen Wegen in ein neues Land,
ein größers, schöners, fruchtbar-weites Land.
O Vater, sprich, und teile mein Gefühl.
Leonidas: Geöffnet ist dem jungen Menschen sein
Gefühl wohl in die Welt gerichtet, meines
indessen muß bewahren, was es hat.
Glaukos: Doch wenn uns ein unendlich Hohes hier
zu eigen wird, mußt du’s ergreifen! Zögre nicht!
Leonidas: Ich hab dem Tage meine Kraft zu geben.
Glaukos: Bislang war mir die Forderung des Tags
das höchste, das ich nicht einmal begriff.
Ich tat es wohl, doch stand der Sinn mir fern.
Doch aus dem Jüngling endlich wird der Mann,
ausgreifend will er leisten, will er bilden.
Leonidas: Sieh, dies ist meines nicht. Ich bin zu alt.
Glaukos: Und alle Grenze, die ich vorher nicht
nur einmal sah, ist weit, weit unter mir.
Ich glaube fast schon Fliegender zu sein,
am Zügel gehen unter mir die Dinge.
Nun fühl ich, fühl des Wissens schöne Frucht.
Welch edlen Trieb hat dieser Mann entfacht!
Aus engem Umkreis, aus begrenztem Leben
hebt er mich weit empor, ich kenne nun
die Wege der Geschöpfe, ihre Pfade
wie sie sich bilden und hinuntergehen
und schöner aufstehn, jegliches für sich.
Leonidas: O greife nicht zu weit, und nimm es an,
nimm es hinzu, doch gib nicht alles Alte auf.
Glaukos: Gern tu ich’s, Vater, gern! Für diese Höhe
hab ich verzichtet auf das Mädchen gar.
Leonidas: Doch musst du unbedingt nicht folgen, Glaukos
Glaukos: Ich folg ihm unbegingt.
Leonidas: Nicht unbedingt,
Es gibt noch Fordrung, die steht außerhalb.
Glaukos: Ich will ein Ganzes werden, Vater, und ich weiß,
hier endlich findet meine Seele Kraft dazu.
Leonidas: O teile dich, mein Sohn, nicht folge allem
ins letzte nach, dass du dich nicht verlierst.
O halte dich.
Glaukos: Ich will ein Ganzes werden.
Du aber bist mit Halbem schon zufrieden,
du hast dich abgeschieden von den Dingen.
Ich aber will ergreifen, wozu mir
die Kraft nun über Nacht gewachsen ist!
Leonidas: Wir können nie das Ganze je besitzen.
Glaukos: Wir nicht, mit ihm jedoch wohl schon.
Entgegen nun den Göttern, ganz entgegen!
Denn wie die Jugend zu dem Geiste kommt,
sind beide schnell in herrlichster Verbindung,
da hält nichts mehr die Kräfte auf, es wachsen
an allen Enden neue Glieder, Füße, Arme
die schneller sind und sicherer dann greifen
als jene kurzen, erdgebornen Glieder.
Ich gebe, was ihm fehlt, und er gibt mir,
und bin ich alt und nehme seine Stelle,
wird sich die Jugend wieder an mich drängen
wie ich an ihn jetzt. Herrliche Geschlechter
die seh ich vor mir wandeln in die Zukunft
und ohne Angst und ohne Sorge sind sie,
und unter ihnen ist das Land bereitet,
sie gehen drüber, völlig herrschen sie:
Ihr edler Gang, ihr schönes Wenden ist
dann tausend Völkern göttliches Bestreben,
gleich ihnen sich zu fassen, sich zu bilden.
So geht es fort, die Kette wächst und wächst
und näher kommen sie den Göttern stets.
Ja, ein Geschlecht türmt sich mit Lust aufs andre,
und schließlich reichen Göttern sie die Hände.

2. Szene

Eutychia:
Große erhahne Götter,
die ihr das Unheil kennet, das Glück
und alles was den Menschen an Freude geschiehet
an Schwerz und Leid und die Tage ihnen bestimmt habt
einen um den andern und jegliches Dulden und Tun
in schwerer Schale richtet und euern Ratschluss
auf die unheilige Erde sendet
heimzuführen die Tat und zu läutern schuldiges Wesen,
o hört mich, erhabne Götter, denn nicht ist
Ausgleich uns vergönnt gegen euch, und nicht reicht
jemals menschliche Hand hinauf in eure Bezirke.
Sehet, wir können nicht sühnen die Schuld gegen euch,
die grässliche, die doch unter uns wächst.
und so bitt ich euch, erhabne Götter,
die ihr das Fehlende gabt zur Trockenheit,
die ihr Gesundes brachtet dem kranken Körper,
gebet noch einmal den schönen Ausgleich den Menschen,
denn hart liegt der Geist am Geiste, es will
Stolzes an Stolzes geraten, und unerbittlich
drohet Streit mit unendlichem Jammer.
O gute unendliche Götter, o gebet
noch einmal den Ausgleich unter die lvlenschen.
(sie tritt vom Stein weg)

Der Rauch stieg in die Höhe gestern Abend
gradauf und in den wolkenlosen Himmel.
Genug? Nicht war’s genug. Grad als ich neue Scheite
nachlegen wollte, rief Leonidas mich an
und stellte mir das Neue vor die Seele.
Ich trat zu ihm und schürte nicht den Rauch.
O weh! O dreimal Weh! Was hab ich da getan,
was nicht? So will ich’s dreifach strenger halten
nunmehr, und wenn’s auf mir alleine liegt.
Jawohl, nunmehr allein. Denn langsam spür ich,
dass sie das Opfer mir zwar willig geben,
doch kommt’s nicht mehr aus starker Seele,
sie geben es alleine nicht, sie denken
woanders hin, und lässig wird’s gerichtet.
Es kommt nicht mehr vom Hierzen, lebt am Rande
und lebt im neuen Götzen fort.

3. Szene

Empedokles: (kommt hinzu)
Du machst den Opferdienst, mein Mädchen.!
Eutychia: Gern mach ich ihn und weil es Pflicht ist, Herr.
Empedokles: Und opfert ihr vom Fleische?
Eutychia: Manch zartes Lamm und mancher Stier hat wild
sein Leben hier gelassen.
Empedokles: Wollt ihr nicht endlich Einhalt gebieten dem scheußlichen Morden?
Fühlt ihr nicht, daß ihr einander zerfleischt in finsterem Wahne?
Eutychia: So ist’s uns doch gegeben, wird’s gehalten.
Empedokles: Da schlachtet der Vater in arger Verblendung
den lieben Sohn, der seine Gestalt gewandelt hat,
und spricht dabei noch ein Gebet: Die Knechte aber zögern,
den sie Anflehenden zu opfern. Der aber hört nicht
auf sein Wimmern, schlachtet ihn und bereitet
so in seinem Hause ein gräßliches Mahl. So ergreift
der Sohn den Vater und die Tochter die Mutter,
rauben ihnen das Leben und verschlingen das Fleisch der Verwandten.
Eutychia: Was sagt ihr Herr, von wandelnder Gestalt.
Wisst ihr um Tiere und um Menschen alles?
Empedokles: lch war ja schon einst Knabe, Mädchen, Strauch,
Vogel und aus dem Meere emportauchender stummer Fisch.
Eutychia: O sprecht nicht weiter, was ihr wart,
was aller Menschen Los auch sei, verborgen haltet’s
und sagt nicht, wie das Lebende Gestalt gewinnt.
Empedokles: Unter den Tieren werden sie zu Löwen,
die in den Bergen hausen und auf der nackten Erde
lagern, unter den schön belaubten Bäumen aber zum Lorbeer.
Zuletzt aber werden sie zu Sehern, Sängern und Ärzten
und Führern unter den erdbewohnenden Menschen,
und von da wachsen sie empor zu Göttern. Sie sind dann
der anderen unsterblichen Herdgenossen,
sitzen am selben Tisch mit ihnen, menschlichem Jammer
entrückt, in unerschöpflicher Kraft. (ab)

4. Szene

Eutychia: O Götter, was wird hier gespielt? Wie dehnt
der dreiste Geist sich unermesslich aus,
und was sich selbst ihm nicht zur Nahrung reicht,
das schlingt er wild, und sei’s ein Heiligtum!
Wohin, wohin wird sich der Hochmut noch
Erdreisten? Jetzt schon dringt er vor wie wild,
mit seiner Eitelkeit den Stein besudelnd.
O Götter, schickt mir doch die helfende,
die Hand, die endlich Einhalt hier gebietet!
Ich will doch tragen was ich tragen kann,
doch nicht die Tat, o Götter, nicht die Tat!
Wohl, es ist wahr. Er liebt mich nicht, er liebt
sich selber nur, den Steigenden. O Glaukos, du
hast mir dein Zärtlichstes stets in den Tag gegeben,
ich nahm es hin, ich achtete es so klein,
so nahm ich’s hin, als sei es schon gewöhnlich.
doch jetzt im Mangel fühl ich seinen Wert!
(Pause)

Doch dieses kann ich tragen, wohl, ich kann.
Ich lernte den Verzicht, wie sehr er beißt
wie sehr das Säumnis buhlt, es trifft mich nicht.
Fahr hin, o meine Liebe, glücklich hin,
ich bleib allein im stillen Haus zurück,
so wollt ich es, so dachte ich es zu tun.
Doch nun reißt man an alen Pfosten gar,
man bricht hinein, die dreiste Tat, der Frevel,
reißt an die Gegenwart, was lang bestand,
schön außer uns bestand und prägt sein Siegel
ihm auf. O weh, o fürchterlichtes Weh!
O Götter, nehmt von mir die Last der Tat!
in euerm Namen lasst das Wort mich führen,
dass Mächtige, dass alle Herzen selbst
ein einig Heilges wieder in sich tragen, doch
macht mich doch nicht zur sündgen Buhlerin,
die ohne Scheu das Heilige herausputzt,
zur offnen Schau auf alle Märkte stellt,
dass es sich wiege zu dem Reigentanz des Markts,
ein reizend Weib, ein Dirnenkind. O weh.
Sie müssen selbst das Heilige doch kennen.
Sie müssen es. Doch muss ich gehn und fragen.
Leonidas: (kommt hinzu)
O gute Eutychia, seh ich dich
verstört hier? Deine Züge sprechen Kummer.
Eutychia: Den schönen Frieden seh ich jäh gestört,
die Ruhe, die der alte Glaube gab,
ist aufgewühlt, und es ist
Empedokles, o Pflegevater, der
in diese Reiche einzudringen denkt.
Leonidas: Nicht er, mein Mädchen, aber sein Gedanke .
Eutychia: Sei’s der Gedanke auch, er selber wird
noch diesem folgen, eh sich sich bedenkt.
Leonidas: Doch alles, was er tut, ist wohlbedacht.
Für eignen Nutzen hat er nie gelebt.
Ihm war das Wissen stets das erste Ziel.
Eutychia: Doch hört, er will die Opfer jetzt verbieten,
kein Blut soll mehr auf unserm Steine fließen.
Die Tiere hätten Seelen, und man dürfe sie
nicht schlachten und den Göttern weihen.
Leonidas: Du siehst, was dieser Mann doch weiß !
Eutychia: Er glaubt das, was er dreist zu wissen meint.
Der Glaube ist des Menschen lnnerstes,
das Wissen aber reicht sich ihm heran
wie bunte Würfel, glänzende, vor ihm,
und mit dem Glauben dringt es in die Seele
und zieht sie ihm heraus, in tausend Dinge,
in tausend Fratzen gibt sie sich heraus.
O halte fest die Hülle der Bewahrung.
Wir ruhten doch so schön im alten Glauben,
ein großer Friede lag er über uns,
sein Wert war eins, wir waren eins in ihm,
und jetzt kommt dieser Mann daher und sagt:
Ach, wenn das erste Ruhende in uns
bewegt wird, ist nichts da mehr, das es fasse.
O sähest du doch nur noch dieses ein!
Leonidas: Viel Hilfe nahte uns von außen. Nicht
an diesem Ort ist sie uns doch erwachsen.
Mit unsern Lasten blieben wir allein
unwissend, arm und ohne allen Mut.
Da kam er her, Empedokles, und plötzlich
ist’s hier gegründet, Leben hat uns wieder.
so wie wir vorher suchten, alle Pfade
abschritten, die aus unsrer Not nicht führten,
er kannte Wege, unsre Not zu wenden,
und schöner sind wir, größer auferstanden.
Eutychia: Wir sind es nicht. Der Ort erlitt Verändrung.
Leonidas: Wir selbst sind freier nun zum Werk. Wir können
in unsren Händen eignes Schicksal halten.
Er wird uns lehren, wie wir uns bewegen,
und freier drängt Zukünftges sich heran.
Eutychia: Ich seh euch kleiner nur, abhängiger von ihm.
Leonidas: Bedenk dich doch und fasse diesen Mann.
Tritt nah an ihn heran, beachte sein
Verdienst. Soll alles denn, was er geliebt,
die langen Jahre, die er einsam war,
mit Fleiß und Mut sich der Natur gewidmet,
fern von den Siedlungen und ihren Freuden
denn nichts und gar nichts gelten? Sagst du mir
ein ähnliches, wie tief würd es mich kränken,
das was ich bin, sei nichts, was aufgebaut
hier vor uns liegt, des braven Mannes Taten
sie seien sämtlich wert nicht der Beachtung?
Gerade du, die er zum Weibe gütig nimmt,
die glücklichste der Töchter Griechenlands
hofft ich dich nun zu sehen, und nun schmerzt
dein Sträuben gegen ihn mich umso mehr.
Eutychia: Doch dieses ist’s nicht, und ich sagt es dir,
daß ich als Weib ihm gerne folgen wolle,
doch als Bewahrerin werd ich es niemals können.
Leonidas: O stürz dich nicht in selbstgezeugtes Unglück.
Eutychia: S e i n Unglück hoff ich abzuwenden. Er ist’s,
der weit sich überhebt, nach Dingen greift,
die keinem Menschen anstehn.
Leonidas: O lass
ihm jenes doch, dem seine Liebe gilt.
Bewahre doch den Frieden unter uns
und stelle dich nicht gegen ihn. Es gibt
so vielen Raum noch für dein Heiliges
Eutychia: Wohl außen, meinst du. Doch er drängt herbei,
dringt in der Götter Heiligtum und stört
den Frieden ihnen, unsern frommen Dienst.
Leonidas: In deiner Seele bleibt das Heilige
das was es war, wenn auch der Dienst sich ändert.
Eutychia: In deinem Herzen scheint’s zurückgedrängt.
Du glaubst, in ihm ein Mittel zu besitzen,
das dir den Rücken stärkt. Ich red nicht gern
von dem, was Pflicht und Liebe einst dir waren.
doch muss ich’s heute, muss mich gegenstellen,
im niedern Streite rechten, daß du siehst,
wie eines anderes verschlingt. O Götter!
Leonidas: Dir ist die Tat nicht an den Tag gegeben,
und deine Grenze ist so eng. Drum weite dich
und friedlich wahre seine Nachbarschaft.
Bemühe dich um Ausgleich, sei nicht hart,
nur weil du hart sein willst und eigensinnig.
Eutychia: Dir mag ich also scheinen, doch ist’s er,
der Brücke bauen will mit einer Stütze nur,
die andere nicht kennt und nie ergründet.
Du aber gehst im Lande hin und her,
dein Reich scheint größer als es vorher war,
dein Sinn ist, seine Grenzen einzufassen,
ein einem Sinne Mannigfaltiges
zu binden. Du bist ein Vermittler.
Doch stelle dich mit ihm nicht auf die Brücke,
du weißt nicht ob sie hält, ob sie dich trägt,
ob er dich tragen will, o weh.
Leonidas: Dir mangelt das Vertrauen auf den Mann.
Eutychia: Dir mangelt das Vertrauen auf die Götter.
Leonidas: Du weißt der Menschen Taten nicht zu wägen.,
ich schätze mir den Mann mit fester Hand,
doch bleiben mir die Götter drum nicht fern.
Eutychia: Leonidas, wie hohl sprichst du von unsern Göttern jetzt.
Der Mann, der aufsteht, seinen Gott zu täuschen,
vom Platz ihn drängt, sich selbst zum Gotte setzt,
wie bald wird er das Opfer seiner Tat,
und was ihn bislang menschlich hielt, der Weg,
das schöne Ziel voraus, es frisst sich zu ihm hin,
und frisst ihn auf und mehr, frisst mehr dazu,
das seins nicht ist, das andres ist: O weh!
Leonidas: Doch wenn der alte Glaube falsch ist?
Eutychia: Leonidas, o weh! Was fragt ihr da,
doch will ich selbst auf dieses nicht mehr schweigen.
Was macht es denn? Ist Glauben denn ein solches,
sich im Besitz des Richtigen zu glauben?
Schon das vertauscht den Glauben mit dem Wahne!
O Götter, seht, verzeiht mir! Auf der schwanken Woge
des Zweifels seht ihr die Verwegne turnen,
dass ihrer Worte Spitzen wieder träfen!
Die Götter sind’s, die unsern schwachen Glauben
wie er auch sein, in ihre Huld aufnehmen.
Leonidas: Wo nimmst du all das Feste her, mein Mädchen,
wenn dir das Sichre selbst nicht sicher ist?
Eutychia: Im Dienste ist’s auf Herrlichste geleistet!
Die Dienste darf ich kennen, Götter nicht.
Leonidas: Doch diese Dienste kommen von den Ahnen,
nicht Götter, Menschen haben sie gemacht.
Wo nimmst du die Gewissheit her, mein Mtädchen,
das Heilge zu verrichten, wie du’s tust?
Eutychia: Ihr quält mich so, Leonidas,
o lasst ihm Raum doch, unserm Heiligtum,
wollt ihr denn alles mit euch selber füllen?
Kurz ist eur Atem doch. Schickt ihr ihn aus,
sei’s nach den Sternen, nach den Göttern gar,
ihr müsst ihn drauf gleich wieder einziehn,
und Nahrung geben Pflanzen, Tiere euch…
Leonidas: Ich haben eine Frage nur gesetzt,
wer Kenntnis will, der fragt, so tut ihr’a auch.
unwissend bin ich, aber redlich doch.
Eutychia: Zudringlich ist die Frage allemal.
Sie drängt sich dir heraus und will ein weites
als Antwort dir zurück vors Auge locken.
In seiner Reinheit lässt sie nichts bestehn,
uns selber nicht und das nicht, was sie fragt.
Du machst dich selbst zum Richter, merkst du’s nicht?
Die Eitelkeit lockt dich auf ihre Wege.
Wie lang ist denn dein Arm! Und wie du
Empedokles zum Gotte machst…
Leonidas: Und Glaukos? Hat er ihn denn nicht gerettet?
Und hat er nicht den Segen hergesandt?
Eutychia: O freu dich seiner Rettung, doch nicht hefte
das alles diesem Manne an. Hast du
ein Festes sonst, brauchst du danach nicht greifen;
so geh zu ihm und dränge ihn, nicht mehr
in dieses Alt-Erhaltne einzudringen.
In seiner Freiheit will ich ihn allein
wohl lassen, seine Liebe zu den Dingen
soll auf uns alle schöner niederwirken.
Leonidas: lch habe mich zum Knechte ihm verdingt,
vermessen wär ich, ihm dies anzutragen.
Eutychia: O tu’s, ich bitte dich in unserer Götter Namen!

III, 5

(Eutychia; Glaukos)
Eutychia: Bist du so schweigsam, wie du mir erscheinst,
auch gegen Vater und Empedokles?
Glaukos: O gute Eutychia, lass mich hier
alleine meine stillen Wege gehn.
Es ist so vieles über mich gekommen
in kurzer Zeit. lch kann mich noch nicht fassen
und möchte in der Einsamkeit die Seele
zur schönsten Öffnung sauber vorbereiten.
Eutychia: Doch gegen mich erscheinst du desto mehr
verschlossen.
Glaukos: Quäl mich nicht, und fordre nicht,
dass ich von meiner Seele spreche. Wirr und wüst
befindet sich mein Geist, doch voller Ahnung,
wie er noch nie im Leben sich gefühlt,
drängt er hinaus aus seiner Grenze,
erhaben-schöne Klarheit bald zu kennen.
Doch jetzt ist noch die Zeit nicht, und du siehst
mich noch verschämt und hilflos vor dir stehen,
doch bald, bald werd ich kräftig sein und stark.
Eutychia: Das hoffst du, Glaukos, sag’s, verschweig es nicht!
Glaukos: O nein, dir kann ich’s dir jetzt noch nicht sagen,
lass mich allein, du wirst mich größer finden
in eingen Wochen, alle Gründe dann
der Schweigsamkeit will ich dir dann entdecken.
Eutychia: O Glaukos, dein Gefühl ist zart und fein,
so wie ich’s kenne, als es zu mir sprach,
wiewohl es ähnlich deine Seele nun,
so mein ich, fast beherrscht. Aber nun
bin ich die erste nicht, der du es anvertrauest,
soll nicht einmal die letzte sein. Was ist?
Glaukos: O du, gerade du musst es als erste
von selber wissen!
Eutychia: Plagt dich, was dein Vater
Empedokles, dem Fremden, zugewendet
und dir entzogen?
(Glaukos schweigt) Sieh, ich rede nicht für ihn,
für mich, für dich nicht, sondern für uns alle.
Glaukos: O schweig, schweig endlich, tu mir dies nicht an!
Jawohl, ich schäme mich vor dir. Soll ich noch mehr
dir eingestehn? Nichts in Händen hab ich
ich weiß mir selbst, dir keinen Grund zu nennen.
Mein Herz ist hier und da, dann wieder hier,
und zieht entschieden nach der andern Seite,
doch ist noch so viel Dunkel um mich, Licht
erwarte ich nach eingen wengen Schritten,
doch jetzt, jetzt ist es noch nicht da, versteh,
versteh das doch und quäle mich nicht mehr.
(will gehen)
Eutychia: O Glaukos, halte dich numehr und sammele,
den ganzen Mut, den du vom Vater erbtest
und gib mir Antwort. Freier wirst du sein
hernach, und pfleg nicht deine Schmerzen
im Stillen, bis sie schrecklich in dir wüten.
Brich aus, brich aus, und jetzt. Und schone nicht.
Glaukos: O Mädchen, Mädchen, ja! Du zwingst mich in das Joch
dass ich mein Herz, mich selber gar zerreiße!
Wie kannst du soviel von mir fordern wollen?
Ja, ja, nein, nein. So ist es, ja zu ihm und nein
zu dir! (wendet sich ab)
Eutychia: Ich kenn dich, Glaukos, kenne deinen Kampf,
wie tapfer dir es aus der Seele sprach,
ich schätz es sehr und werd es nie vergessen.
Glaukos: O schone mein nun endlich. Warum tat ich’s,
dass du mich schonst. Ich sagte, ich bekannte,
dass meine Seele vor dem Aufbruch liegt,
wohl von dir fort und hin, ja hin zu ihm.
Ich geb es zu, ich hab die zärtliche,
die Neigung in mir gegen dich getötet,
nicht weil es Vater von mir auch verlangte,
nein, nein, nur ganz alleine seinetwegen,
Empedokles. Ja, ja, ich schäme mich dafür.
Ihm schlägt mein Hierz nunmehr, ihm ganz allein
ist jeglicher Gedanke nun geweiht.
Er brachte Sonne ins verdunkelte Gehirn mir,
er zeigte auf der Erde mir die Pfade,
die mich aus Angst und Dunkelheit bald führen.
Wohl, wohl, ich seh, du musst mich hassen,
dass meine Liebe einer vagen Wolke gleich
nun von dir wich, an ihn sich hängt und noch
so gar und gar nichts in den Händen hält.
Eutychia: O Glaukos,
so rechne nicht die Liebe nach dem Wert,
der ihr entgegen oft zu stehen scheint. Besinne
auf diese Kräfte dich die in dir sind
und leg nicht alles in dem Äußern ab!
Du kränkst mich nicht, wenn du mich nicht mehr liebst -
O nein. Doch kränkt mich, daß du ihm entgegenglühst.
Glaukos: So spricht doch die gekränkte Liebe. Wenn
sie nicht mehr halten kann, was ihres war,
will sie es allem andern auch versagen!
Eutychia: Ich sagte dir. Für dich nicht, nicht für ihn und nicht für Vater
sag ich das alles, sondern für euch alle.
Hier hängt nicht einer waageschalengleich am andern,
und füllt sich eine, will die andre ebenso
gefüllet werden. Nein, es geht uns all an.
Gebt restlos doch nicht alles Alte auf
und tauscht es nicht für dieses Manns Gedanken.
Lasst sie an eurer äußern Schale stoßen
doch nehmt sie nicht hinein in eure Seelen.
O hör mich, hör mich doch.
Glaukos: Und du, hast du ihn
nicht zum Manne angenommen? Tatest nicht
aus Liebe? Sprichst du so von ihm,
der dir fortan der Liebste sein soll? Weh!
Eutychia: Ich tat’s, weil Vater mich drum bat.
Glaukos: O falsche Schlange! Bittet man dich drum,
du gibst dich hin und ohne eine Regung!
O daß ich mich noch schämte, dein Gefühl
für edel hielt und deine Schmerzen schonte.
Du hattest keine, hattest niemals welche.
Nur zu, nur zu, wie musst du selbst dich lieben.
wie hast du mich geliebt. Ah, jetzt erkenn ich’ s,
erkenne voll dich, ganz. Wie klein bist du,
wie rechnend. Ha, und dieser Mann dagegen,
wie groß wächst er aus diesem Sumpf heraus.
an ihn, an ihn allein will ich mich halten.
du machst mir die Entscheidung leicht, jawohl,
nun will ich’s dir bekennen, vorher war
ich schon entschieden, vorher, vorher!
Los sag ich mich, von allem, was mich band.
so groß ist dieser Mann, unendlich groß,
ein blühender Baum inmitten einer Wüste
steckt er uns alle an, wir werden blühend
gleich ihm! Der Ort ist jetzt wie umgewandelt.
Wie seh ich nun, woran es uns gefehlt:
dein dürrer Opferdienst, er half uns nicht,
die Götter höhnten uns, sie ließen brennen
erbarmungslos die Sonne auf uns nieder.
Wir waren in der Tat gelähmt, im Glauben groß,
den du mit tückschem Gifte ihnen sandtest.
Nur er, er ganz allein, er gibt uns
Glauben an uns und die Natur zurück.
Eutychia: Sieh zu, daß du dein Heilges nicht vertauschest.
und halt ihm Raum, auch wenn du’s nimmer pflegst,
ja, halt ihm Raum und laß nicht drüber wuchern.
Glaukos: O deine Worte treffen mich nicht mehr,
nur fort, nur fort zu besseren Gedanken.

5. Szene

Glaukos: Ich komme aus dem Garten, Vater, Feigen,
wie reifen sie, wie strotzen sie vor Kraft!
Schon ist es bald ein Dickicht, und es rankt
die Traube sich am Stabe hoch empor
und wölbt sich uns zum schönen Schattendach,
und lustig murmelt unser Quell dazu
und herrlich stehen die Olivenbäume.
Leonidas: Auch ich hab Neuigkeiten, Glaukos! Siedler,
die letzten, die uns ließen, kamen wieder.
Die Regenwolke haben sie gesehen,
und wandten ihre Schritte, heimzukehren.
Wie freut mich das, das schönere Geäder
des Dorfes nun wird straff und füllig schwellen,
man braucht uns wieder, Glaukos, hör, man braucht.
Doch sieh, da tritt der Mann zu uns, dem wir es danken.
Empedokles: Vom Berge hernieder steig ich zu euch,
allein nur findet doch der Mann sein Sein.
Leonidas: O tretet her und hört: Es sind die Siedler
zurückgekehrt, der Ort erwacht aufs Neu!
Glaukos: Und sagt, mein großer Lehrer, fandet ihr
in eurer Einsamkeit den Stoff
zu dem Gedichte, das ihr schreiben wolltet?
Empedokles: Immer da ist der Stoff, doch dem Manne,
dem redlichen, genügts nicht, stellt nicht der Verse Fügung
schön sich dagegen. Und es ist nicht gereinigt
als sein Bestes, darf es doch nicht hervor ans Licht.
Glaukos: Wovon es handelt, Herr, ich bitt es euch zu sagen!
Leonidas: O zähme dich, mit arger Hast nicht fordre,
was er dir zum Geschenke machen will.
Glaukos: Du schiltst mich, Vater, meiner offnen Liebe!
O nehmt es, großer Herr, als Zeichen der Verehrung.
Empedokles: Rasch ist die Jugend, dem Maße abhold,
gedenkt nicht der Mühe der großen Tat
ja denkt nur sie selber!
Glaukos: So vieles werd ich leisten, das ihr wünscht.
(Alle ab)

6. Szene

Eutychia: Sie liegen vor ihm nieder! In den Staub
sind ihre Knie gedrückt, und er steht aufrecht!
Und nichts ist ihnen aufrecht als nur er!
O Götter, Götter, welcher Frevel hier
und schwach die Worte, die ihn bäddgen sollten!
(Pause)
O Unreinheit, o zieh vorüber, zieh
an diesem Ort vorbei und schlinge nicht
dein grässlich Band um meine Seele. Nein,
im Busen wogt’s mir hin und wider, wider
und hin und drängst an alle Seiten
und findet immer einen Ausgang nur! O Götter!
So Schrechliches hat seine Wurzel in mir
und legt mir Dornen um die Seele. Ringe
mein junges Herz, dagegen, ringe!
Umsonst
Wie gern, so gern würd ich die Qualen dulden
die selbst mein Leben in den Orkus zögen.
Nein, nein, ich hab gerungen, doch es wächst
nur immer mehr und mehr das Untier auf.
O was wir dürfen und was nicht! Und was
wir wissen, wissen sollen, wissen dürfen!
Wie steil will dieses in die Höhe wachsen,
wie mächtig thront es, stürmt das Thronende,
sein Bild der Macht, der Herrschaft aufzurichten!
O dass der Himmel selber splittre
und diesen dreisten Pfeil in Stücke breche!
Erlange wieder Hichtung und Gestalt.
Hinaus, hinaus, du Frevel, schlinge nicht
das letzte, das noch heilig ist. O Grauen,
muss ich, ein Weib, die traurgen Plane wirklich
allein erfüllen. Ist denn niemand mehr,
ist keine starke Hand mehr, die ihm diene?
So wenig! Ist so wenig noch den Göttern
an Heimat hier gelassen, Ehrfurcht, Liebe?
Ein Weib, das Messer wetzt! O Gnade, Gnade
und dann, die ihr die Hand mir führet.
O süße Pflicht, die alles mir bedeutet,
hilf das zu tragen, was der Mensch aus sich
nicht tragen kann und darf, weil’s nicht das seine,
sein eigen nicht ist. Doch was heißt mich tun?
Was lässt mich sorgen um das Werkzeug, da ich selbst
doch Werkzeug bin? O wohl, o wohl, nur Werkzeug,
das will ich bleiben, will zerbrochen werden,
wenn’s dieses ist, das man mir ausersehen!
Nunan! Mein Dolch, vollenden wir die Tat,
dass dies Geschlecht nicht in den Himmel wachse,
dass nicht Volltrunkenheit des Wissenden
den letzten grausen Frevel noch vollende!
Ihn selbst, den Überheber, muss es treffen
und ach, den Bräutigam. O weh, weh, weh.
Die eine Pflicht wird herrisch, wälzt die andre,
sein Eheweib zu sein in zarter Liebe
fort aus dem Busen, tötet sie,
und ihn zugleich mit der befleckten Waffe.
O die befleckte Liebe duldet’s, kaum
den Rest an Reinheit, der noch unter uns
zu retten ist, den kümmerlichen Rest zu wahren!
Das Heilige liegt offen da der Welt,
dass sie es fasse und hinunter zwinge!
O nein! Die grässlich ekelnde Vermischung
die allem Untergang der erste Keim ist,
nie, niemals wird sie hier geduldet werden.
Darum! So geh denn fort, du grausam stolze Tat
in dunkler Rinne, die dir vorgezeichnet
und reiß mit dir, was nicht am Festen hält
und führ es heim zu deiner ersten Sühne. (ab)

7. Szene

Empedokles: (allein)
Aus welcher Fülle, welcher Seligkeit gestürzt weile ich nun
auf Erden. Und ach, ihr Enden meines Geistes,
ich halte euch nicht mehr zusammen. Wie floß ich
früher hin und wieder, vom oberen Teile in den unteren,
ein schöner starker Tieb, der aus heiligem Boden
alle seine Früchte speiste! Mein Geist, nun fülle
alle deine Blätter mit gleicher Kraft, wie du es einst getan!
Erhalte mir, erhalte das Verfügen!
Bewege mir die Dinge unter mir,
dass ich sie greife, in mir selber nähre!
O Götter, bin ich in mir selbst geteilt,
bin ich noch der ich war an allen Seiten?
O wie ein Baum, der seine Früchte treibt
in höhern Himmel, einem reinern Elemente
entgegen, Nahrung aus dem Boden ziehend,
muss ich mich mäßgen, nicht zu sehr zu ufern
in den Bereich, der der Natur entgegen,
dass ich nicht falle von errungner Höhe.
So bleibt mir endlich nur die Spanne über,
wo auszuhalten menschlich ist und gilt.
Wie gab ich mich an äußre Dinge ab, betrachtend
Gestirne, Meer und Formen auf der Erde:
Ein armer Fischer war ich mit zu großem Netz,
nur fangen wollt ich, kannt die Beute nicht
und kannt zuletzt mein Fanggerät, und dies
will mir noch nicht mal übrig bleiben, wenn nichts
mehr ist. Die Welt hälts für die Beute selbst.
(Pause)

Die Wellen spülen hoch, sie spülen nieder
und auf den Kämmen glänzt der weiße Schaum.
Der Sonne Strahlen lockten aus der Tiefe
viel schlanke Fische, Muscheln viel hervor.
Und eh sie Heimstatt suchen, hebt die Woge
sie auf die Spitze, an des Himmels Rand,
da glänzen über ihnen näher die Gestirne,
die heiligen, in erster ernster Nacht.
Doch bleibt die Flut doch immer über ihnen
und füllt sie mit des Meeres dunklen Samen.
Da wollen sie’s nicht dulden, und sie suchen
die Tiefen ab, die Weite drängt sich ihnen
herbei und spricht so seltsam schöne Worte.
Sie streben hin, und eh sie sich versehen,
wirft nachts die Flut sie an den fremden Strand.
sie wachen auf, sie sehen um sich, da
brennt heiß die Sonne, Lebendes ist fern,
und so verkommt, was seinen Ursprung ließ.
(Pause)

Wie eng doch kann der Mensch noch leben! Reich
ist alles um ihn her, warum sucht er den Reichtum,
Früchte, gleich welcher Art, warum wird er verlockt?
Der Frieden ist, das Nahe gut zu leisten.
In ihren Fesseln waren glücklich diese Menschen,
sie kannten nicht die schrecklich grause Öffnung.

8. Szene

(Glaukos und Leonidas kommen hinzu)
Glaukos: Heil, heil, Empedokles, mein großer Herr!
Leonidas: Heil, guter Herr.
Glaukos: Ihr seid zurück vom Hügel
so bald gekommen. O ich dank euch, Herr.
Wie haben eure Worte in der Zeit,
da fern ihr wart, die Seele mir bewegt.
Ein jedes rührt mich, und ich klammre mich
mit heilgem Eifer an den kleinsten Satz.
ja, was wird hier noch geleistet werden,
ich seh es vor mir, ich erwarte kaum,
der Lehre schöne Frucht im Geist zu bergen.
Empedokles: Im Geist beweget du nichts! Der Geist
selbst bewegt, der heilige unaussprechliche Geist,
der mit schnellen Gedanken die Erde durchstürmt.
Glaukos: Und er fand Hülle, so unsterbliche, in euch!
Empedokles: Aber das für all Wesen verbindliche Gesetz
ist durch den weiten Luftraum und durch
den unermeßlichen Bereich des Sonnenlichtes überall ausgespannt.
Glaukos: Und wer’s erkennt, wird selber Sonne sein.
O ja, ich will es kennen, eifrig will ich’e lernen,
will wissen, welchen Platz ein jedes Wesen
einnimmt. Die göttliche Natur soll mir
die Poren öffnen, daß ich in sie dringe.
Empedokles: Doch nur mit der Erde in uns sehn wir die Erde,
mit dem Wasser das Wasser, mit der Luft die göttliche Luft,
aber mit dem Feuer das vernichtende Feuer, mit der Liebe die Liebe,
den Streit mit dem traurigen Streite. So betrachte scharf mit jedem
Sinne, wie ein jegliches Ding offenbar ist, und glaub
den Augen nicht mehr als den Ohren, schätze auch nicht
das brausende Gehör höher als die Wahrnehmungen
des Gaumens und setze nicht die Glaubwürdigkeit
der andern Sinne zurück, soweit es einen Pfad der
Erkenntnis gibt, sondern suche jedes einzelne Ding
zu erkennen, soweit es offenbar ist, soweit nur.
Glaukos: Jetzt sprecht ihr so, mein Herr, wie es mein Herz
verlangt und sich ganz zu euch sehnt.
Wie schüttet ihr des Wissens bunte Steine
erneut und voller Pracht vorm Staunenden aus!
Empedokles: Doch nur das Gleiche erkennt das Gleiche, wenn
aber nichts an Äußern da ist, wird auch nichts erkannt.
Glaukos: O wüsstet ihr, wie sehr ihr mich jetzt sehen macht.
Auf solcher Höhe seid ihr, blicket nur herab.
freut euch doch an dem was ihr schon wißt,
O freut euch, wenn es brave Schüler gibt.
da seht ihr, wie die Lehre fruchtbar wird
und neu sich zeugt in herrlicher Verknüpfung!
Empedokles: Ach, die Natur, die die Seelen mit fremdartigem
Gewande von Fleisch umkleidet. Wohl fremd und immer fremd
wird es uns bleiben. Weh mir, der ich, vom Streite verführt,
einen Meineid schwörte, aufstehend gegen die himmlischen unsterblichen
Götter, ich muß dreimal zehntausend Jahre fern
von den Seligen umherirren, denn der Lüfte Gewalt
verjagt mich zu dem Meere, aber das Meer speit mich
aus auf das Land, das Land zu den Strahlen
der leuchtenden Sonne; die aber wirft sie in die Wirbel der Lüfte.
Einer empfängt mich vom andern, doch es hassen mich alle.
Ich bin es, vom Gott verworfen irre ich umher, weil ich dem rasenden Streite vertraute.
Glaukos: Wie sprecht ihr plötzlich, Herr, das ist die Red nicht,
die überschäumende, die eurem Geist entstieg.
Empedokles: Es war aber unter ihnen ein Mann,
der ein übermenschliches Wissen besaß
Glaukos: O ja, erklärt euch ganz!
Empedokles: …der den größten Reichtum des Geistes erworben
hatte und gar mancher über die Maßen weiser Werke mächtig war.
Glaukos: O so habt ihr das Gedicht beendet?
lch bitte euch auf Knien, zeigt es doch.
Empedokles: Denn wenn er sich nur reckte mit all
seinen Geisteskräften, dann schaute er mühelos
in seinen zehn oder zwanzig Menschenleben von allen Dingen ein jedes!
Glaukos: So will ich auch werden, großer Herr,
ich will nicht mehr gebeugt
wie Tiere gehen unter dieser Sonne.
Aufblicken will ich, will mit hellem Sinne
erkennen.
Empedokles: Ach, und dann wenite und jammerte er, wie er
den ungewohnten Ort erblickte. wo Mord und Groll
und Scharen anderer Unheilsgötter, ausdörrende
Krankheiten und Fäulnis und Werke der Verwesung
auf der Wiese des Unglücks im Dunkel umherschweiften.
Aus welcher Fülle und Seligkeit gestürzt!
Glaukos: So gebt das Lehrgedicht!
Empedoklee: O nein! Ich hab es nicht. Niemals werdet ihr
solches von mir verlangen können!
Denn das dürfte ein weiser Mann wohl nicht wähnen
in seinem Geiste, daß ihm die ganze Natur
die Arme reiche und zu Füßen liege. Zur rechten Zeit
muss Besinnung kommen, des Lebens kleinere Pfade
müssen ihn wieder einholen, daß er nicht
sündige gegen Erzeuger und Erzeugerin!
Glaukos: Was tut ihr mir, versagt das Schönste, weh,
es kocht in mir, ich halte mich nicht mehr!
Empedokles: Weh dir, du elendes Geschlecht der Sterblichen.
Aus solchem Hader, solchem Seufzer
seid ihr entsprossen! Ihr kennet die Sühne nicht,
die euch doch ansteht. Ihr wollet nur kennen um zu kennen,
nicht um zu lieben. O nein. Üben sollt ihr euch,
recht hier zu bestehen, klein die kleinen Werke
zu verrichten, recht zu der Götter Wohlgefallen.
O ich Unseliger, muss es austragen, bittere Früchte
muss ich büßen. Ja, Entsühnungen, das sei mein Werk fortan.
Weh mir, dass ich zu hoch griff, zu weit den Arm ausstreckte,
hoffend, es gebe sich mir, der weitausholende Liebe,
ein jeglichee Wesen zu eigen. Nein, dreimal nein:
Wie soll dies Geschlecht Macht über die Natur bekommen: nie (ab)

9. Szene

Leonidas, Glaukos:
Glaukos: Wie redet er auf einmal. Vater, Vater hilf mir,
woher hat er so viele Zungen?
Leonidas: Mit einer liebt er, schmerzt uns mit der andern!
Glaukos: Warum nur, Vater, tut er dies uns an?
Leonidas: Vielleicht…
Glaukos: O Vater, Vater, führe mich ins Haus.
(beide ab)

10. Szene

Eutychia, Empedokles

Eutychia: Ich suche euch! Ihr sollt mir Rede stehn.
Empedokles: Deine Züge sind hart, Weib, sie sprechen Zorn.
Wie kann es sein, dass du dem Bräutigam
dich so näherst?
Eutychia: Dem Bräutigam wohl nicht, doch dem Vermessenen!
Empedokles: Du scheinst, als plantest du Vermessenes.
Ich sehe flammengleich dein Auge blitzen.
Was ist in dich gefahren, Weib, so sprich
und gib mir deine Hand; vielleicht ist sie
von Krankheit gezeichnet.
Eutychia: (beiseite) O Götter, seht den Frevel an!
Er weiß, gibt vor zu wissen, heilen will er
die Hand besehen, die die Waffe deckt!
(zu ihm). Nein!
Empedokles: Was hat die Seele schrecklich dir bewegt,
wo alles ruhig ist, der Ort in Sicherheit
nun liegt.
Eutychia: Sie eben selbet, die Sicherheit, die dreist
in eurem Sinne diesen Ort beherrscht.
Empedokles: Was weißt du von meinem Sinn? Liegt er so offen?
Eutychia: An Taten, die uns all bewegen, kenn ich ihn,
an dem, was sich erhebt, sich selbst verlässt.
Empedokles: Du hast noch nicht geschaut. Bewahrt hast du,
und ach, du bist noch nicht zurückgekommen.
Von einer weiten Reise komm ich her
zu euch zurück, in eure stillen Hütten
da leg ich meine Glieder ab in Frieden.
Eutychia: Und bringt den Streit mit den ihr in euch tragt.
Empedokles: O nein. Ein Mann geht aus, sein Eigenes
zu suchen, Kraft, Wohlwollen, Liebe
bringt er dazu, besteigt die Gipfel, strebt
in Reinheit zu den Göttern zu gelangen.
Eutychia: Gelangen wolltet ihr? Ihr kämpftet, Fremder!
Empedokles: Des Menschen reinstes Streben ist der Kampf!
Eutychia: Wohl in der Welt und vor der Welt, mein Herr.
Empedokles: Doch ist’s ein Kampf ums Wissen reinrer Art
und zählt nicht vor der Welt.
Eutychia: Und fällt
doch dem anheim, die es für eigen richtet.
O nein, mein Herr, wer mit den Göttern ringt,
um eine Handbreit Wissen, Handbreit Boden,
der fällt. Wir haben stehen hier zu lernen.
Empedokles: Beengter Geist sucht die beengte Pflicht.
Eutychia: Empedokles! Nicht ist die Pflicht so hohl,
wie Ihr sie denkt, und wachsen kann der Mensch
nach außen schöner als nach innen je.
Empedokles: O wachsen, welcher Traum! Wer träumt ihn nicht?
den jungen Trieb zum starken Aste bilden,
wie’s uns ein jeder Grashalm, jeder Käfer lehrt,
wer nähm das Gleichnis willig nicht auch an?
Wohl, ich tat’s auch. Einst traf ich meine Auswahl
wo meine Seele reiche Nahrung fand. Das
zeichnete mich, das bracht mich vor die Welt.
Geschrumpft doch find ich mich auf einmal wieder,
ein Teil von dem nur der ich vorher schien
und bin doch ganz derselbe wie zuvor.
Eutychia: (abgewendet) Was redet dieser Mann auf einmal?
Ist seine Seele mir auf einmal nah?
Ist all der Trotz, der schrecklich sich gebäumt
den dreisten Arm noch in den Himmel streckte,
von ihm gewichen? Ist er nicht der Feind
des Lebens mehr, des Glaubens nicht, des Friedens?
(zu ihm)
Und was ihr wart, was eurer Lehre folgte
wie achtet ihr’s, wie richtet ihr es nun.
Empedokles: Durch meine eigne Lehre bin ich nun
belehrt, worein sie gründet, was sie fasst.
Nach außen wollt ich mich beizeiten dehnen,
das Innere zu füllen, das mir leer erschien.
doch viel ist von mir abgefallen, und es bleibt
der Mensch zurück, der seinen Kreis erkannt.
Eutychia: Und was sagt ihr zu unsern Opfer jetzt?
Empedokles: Dasselbe wie zuvor! Es ist nicht recht,
das Blut von Lebewesen zu vergießen!
Eutychia: Ha! Starrsinn, Starrsinn!
(Sie macht eine Handbewegung; der Dolch entfällt ihr)
Überheber ihr! Weh!
Empedokles: (sieht den Dolch liegen, hebt ihn auf)
Weib! Rasend Weib, was hast du, Furie, für Gedanken!
Eutychia: Nicht rasender als eure Dreistheit rast!
Empedokles: Mord! Mord! Geschändet Gastrecht!
Eutychia: O wärt ihr nur ein Gast geblieben!
Empedokles: Das Eheweib!
Eutychia: O Götter, helft, den Frevelnden zu töten.
Auch will ich nicht leben mehr. (Sie will von ihm)
Empedokles: Ha, nein, jetzt stehe du mir Red,
Ich werde lehren dich, wie man das Ganze schätzt,
was einer sagt, und nicht was man schon vorgedacht,
herausliest!
Eutychia: O ihr Lehrer! Wisst ihr nicht, daß so zu wissen,
das dieses wie ein laufend Feuer rennt,
ein Frevel ist?
Empedokles: Nein!
Eutychia: Um euch ist’s nicht, ums Wissen selbst noch nicht mal,
doch um die Richtung, ie es schon genommen hat.
Empedokles: (sicht besinnend) Was sagst du, Weib?
Doch seltsam wahr ist’s wiewohl du noch nicht
die Kehre kennst, die längst ich schon gemacht hab.
Und auch ist’ s wahr, ich liebt das Wissen rein,
weil es ein jedes Wesen offenbarte,
zum Mittel wird’s mir aus der Hand gebogen!
Eutychia: Und seid nicht hart und grimmig gegen Götter?
Empedokles: Ich war es nie.
Eutychia: O doch, ihr müsst es sühnen!
O geht in euch, und haltet bei euch Rat!
Empedokles: Der sündge Mensch braucht Lehrer zur Erweckung!
Denn wie er auch vermeint, es sei ein Ziel,
ein Weg ihm vorgespannt, er wird bald kehren
und läuft im halbem Bogen bald zurück!
Eutychia: In welchen fernen Zeiten leben wir! (beide ab)

11. Szene

Der Bote, Leonidas, Glaukos
Bote: O Götter, gebt dem Geiste Kraft, der Stimme,
das Schreckliche zu sagen, das ich hörte!
Leonidas: Was ist dir? Wo hast du die Schüler!
Bote: Die Nachricht, die ich überbringen sollte,
die freudige, von diesem Ort ausgehend,
an alle Wohner der bekannten Insel,
Empedokles, der Göttergleiche, schaffe
den jungen und begabtesten ein Heim,
ein Lehrgebäude, rufe alle zu sich,
zu ihm zu kommen, eins im Geist zu sein,
gemeinsam das Errungne zu bewahren,
und größer schöner, herrlicher zu leisten…
Wie wurd die Nachricht aufgenommen ?
Glaukos: Wo sind die Schüler, die Gefährten mir?
Bote: Niemand!
Glaukos: Niemand?
Bote: Es liebt ihn keiner mehr.
Ein Gegenteiliges ist ausgebreitet, seit
er fortging, ist viel Schlimmes dort geschehen.
Man hasst ihn, man bezichtigt ihn, verraten.
Leonidas: O nein!
Glaukos: Ha! Wohl, so kommt’s!
Fort, fort mit dir, es ist genug, wir wissen,
was uns gebührt, was ihm, wie wir verfahren!
(Bote und Leonidas ab)

12. Szene

Glaukos: O wohl, Verrat, ich dacht’s mir doch!
Ha, selbst hast du ausgehöhlt die volle Frucht!
Ein Berg schienst du vor mir im Sonnenlichte
und musst dich in die Ebne niedersenken!
So speist du deinen eigensten Verfall.
Du hast mir deine Größe vorgewisen,
mein Aug für tausend Schätze erst geweitet
und jetzt ziehst du zurück, was du mir zeigen wolltest.
So viel ich konnte, hab ich dir von Herzen
gegeben, was ich allem sonst entzogen,
all meine Liebe gab ich hin, und alles
an Ehrfurcht, Achtung, freundlichem Vertraun!
Du sogst mich leer, wie hohle Schale lieg ich
nun vor dir! Du wirst lächeln über mich!
Doch eins, ja, eins kannst du mir nicht versagen!
Wenn du dich selbst zerfleischst, wohlan, ich kann
auch diesen letzten Dienst dir bieten!
Ich schied mich von dem Leben ab, um nur,
bei dir, du großer Fremder, zu verweilen.
Du aber wendetest dich ab und kehrtest rück
ganz in dein Innres! Ha! Leer bleib ich hier
zuhause nicht im Leben, nicht im Geiste,
verstoßen und verraten, verraten, abgetan!
Des Lehrers Lehre zahlt der Schüler immer
mit Blut und Schweiß, mit nochmals Blut und Schweiß!
O nein, so schiebt man seinen Jünger nicht,
sein Liebstes weg nicht, wenn man’s erst gewonnen!
Ha! Müder Mann! Du hälst mich auch für müde!
Wohl gab ich vieles für die Hoffnung, einst
auf herrlich hoher Wolke mitzuschweben,
das ganze Blut. Nun findet sich noch ein Tropfen
an Leidenschaft, an glühend heißem - Haß.
O Eutychia! die ich liebe, weg hast du
sie mir genommen, führst sie in dein Haus!
Ach, Mädchen, Mädchen wie war unsre Zeit
doch schön… Nein, nein, du raubst sie mir nicht,
Ich werde sie deinen Klauen entreißen!
Mein sei sie, mein, wie sie es vorher war!
Ha! Diese Brust verlangt nach Tat!
Ha! dieses Herz ist des Lebendigen
noch voll genug, verleugnet nicht den Samen!
Es sehnt sich wieder nach Lebendigem!
Für oder gegen, so wird’s stets geleistet.
Schon lösen mir sich die gehemmten Glieder
des Lebens Pulse schlagen höher an,
inmitten! Wohl, so ist es recht, den Ausgleich will ich
wohl leisten, den Verrat an Menschen,
wie ich es bin, wie’s Vater, Eutychia sind.
Du holtest aus der Seligen Gefilde
zurück mich, tiefer mich hinabzustoßen!
O hättest du mich doch nur dort gelassen,
dir wüchse deine eigne Schlinge nicht!
O Schleicher du in unser einfach Herz, ha! im Schleichen
komm ich dir nach; daran soll es nicht fehlen!
Du weist’s genau, ich kann mich sonst nicht wehren,
die Kraft des Geistes hast du ganz allein…
So nicht! So nie! Mein geistges Aug ist schwach!
(Er blickt auf den Dolch auf der Erde)
Sieh da, so füllen sich die Plane aus.
Die Jugend siegt durch Taten, nicht durch Worte.
Was hör ich? Stimmen, Tritte! Gleich,
daß ich mir gründlich hier verstecke.
(geht hinter den Baum)

13. Szene

(Eutychia, Empedokles)
Eutychia: Mein edler Mann, wie freundlich gegen euch
verhält sich nun das Innerste der Seele!
Empedokles: Ich habe dich erkannt, Weib, wiewohl mir
es scheint, ganz von der andern Seite!
Denn wenn wir stärker uns zusammenfassen,
so sind die Götter uns doch fern und liebend.
Eutychia: Fern sind sie, doch sie lassen nicht allein
ihr arm Geschlecht auf dumpfer Erdesehnen.
Manchmal wird uns ein Herrliches zuteil
auch unter uns. Nur dürfen wirs nicht wenden
zu brauchen dieses gegen sie. O lassen wir
bestehen ihre Orte wie die unsren.
Und sie zu kennen, ist uns nicht vergönnt,
doch ihnen dienen, sei der Stein die Mitte.
(deutet auf den Stein)

Empedokles: Nur unter Schmerzen erobert des Glaubens
Ansturm die Seele. Die Mitte, den Stein wollte ich
überschreiten, jawohl ich gestehs. Doch nun leg ich
alles ab an ihm, und jenseits liege nur Vertraun.
Mein Lehrgedicht, ein Weihgeschenk.
So will ichs halten. Ich geb es dir, ein Opfer meines Geistes.
(Er übergibt eine Rolle). Das opfre du.
Eutychia: O herrlicher Wandel! Edler Mann, wie stolz
macht eure Demut gegen die Götter euch!
Da wird nichts aufgezeht mehr, nichts verschlungen,
was nur sich selber sein will groß und eitel!
Empedokles: Beruhige dich, Weib, und sprich nicht mehr.
Sonst lockt dich noch, was ich gerade ließ!
Eutychia: Wohl, guter Mann. So ist der Kampf zu Ende,
im Eingen liegt die Welt nun wieder da,
Bewegung wird das Tägliche uns geben.
Empedokles: Es sei! Der Mensch, er findet bald
die seinen wieder! Und Frieden kehret wieder ein zu ihnen.
Doch kann ich nun nicht stille sein, ich möchte
noch leisten für die schöne Dauer. Ein Gedicht,
Entsühnungen, solls heißen, will ich schaffen
und zeugen soll es vom gemäßen Leben.
Eutychia: O edler Mann! Wie nah seid ihr mir nun!
Empedokles: Der eine wandert, weil er keine Heimat hat
der andre hat sie, will hinaus ins Weite.
Und beide bauen sie am selbem Orte
ein einig Heilges zur Besinnung auf.
Und dort ists, wo der Wanderer sich ausruht.
Eutychia: So führet uns zurück noch auf uns selber
und laßt der Götter Wirken unberührt.
Empedokles: Doch was wir leisten können, soll ins Bild
mir fließen und in Maßen übers Ohr
die Herzen treffen, meine ganze Kraft
soll denen sein, die meine Wege leiteten.
Eutychia: So gebet mir die Hand! Ihr tatet’s schon,
doch stand so vieles Wirken zwischen uns,
doch heute soll uns das Symbol bedeuten,
was es im Tiefsten ist. Mein Bräutigam!
Empedokles: Ja, mein gutes Mädchen, so ists uns geschenkt:
öass dich umarmen von dem Freunde, von dem Mann
(Er umarmt sie, Glaukos schleicht hinter dem Busch hervor,
die Waffe in der Hand, sticht sie Empedokles in den Rücken)
Glaukos: Ha! Dieses nimm! Es ist der Lohn dem Lehrer!
Empedokles: O Götter, ist es doch zu spät. Nun gut!
Ich wollt es leisten, leist es mit dem Leben!
Ach, Eutychia! gutes Wesen, leite weiter. (Er stirbt)
Eutychia: Nein! Glaukos! Empedokles! (sie beugt sich über Empedokles)
Mein guter Mann? nimm mich mit zu dir!
(Sie weint) O Glaukos, Glaukos, was hast getan!
Glaukos: (sieht sich um, taumelt)
Der Boden schwankt! Wie ist mir! Steuermann!
Zu Hilfe! Niemand, der uns rette, Hilfe!
O Eutychia, nimm ihn an den Busen, pflege ihn!
Er weiß den Kurs! O rette ihn, Wir sind verloren. Wo ist er?
Eutychia: Über Bord, mein Glaukos. Weh, weh!
Birg dein Gesicht und meins. Irgendwo,
haltlos über dem brausenden Strudel
schiffen wir hin, und kein Gestade ist,
wo wir setzen können den Fuß, O Glaukos!
Glaukos: Ich warf ihn über Bord…
Und über die Fläche der sausende Wind
führt in der Hütten leere Höhlen,
keines Lebendigen Atem streifend.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Dienstag, 26. Mai 2009 14:43
Themengebiet: Bühnenwerke