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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Mein Gusszylinder, mein Über-Ich

Mein Gusszylinder, mein Über-Ich

ein Sammlertrauma oder: auch eine Weihnachtsgeschichte

© 1997/2010 Dirk Schindelbeck


Die "weinende Braut": Blechspielzeug um 1910:

Die "weinende Braut" (schwenkt ihr Taschen- tuch auf und ab...): Blechspielzeug um 1910

Die wunderlichsten Leute sind nicht immer die,
die ihren Spleen vorführen wie ein Accessoire,
sich selbst zur Eitelkeit, zum Gaudi für die Welt.
Ein Exemplar solch stillerer Sorte ist mein Freund,
ein unauffällig-netter Mensch. Der Erich steht
als Angestellter seinen braven Mann und sucht
Am Sonntag mit den Jungs, der resoluten Frau
Nicht einmal ungern seine Schwiegermutter auf,
bewältigt den Parcours aus Kuchen und Kaffee
und selbst den Asbach hinterher noch mühelos.
Dies ist das Regelmaß, das Erich kennt und lebt.
Niemals auch führt sein Urlaub ihn nach Übersee:
Komfort und Qualität Europas sind ihm lieb
und eine absehbare Rückkehr ebenso.
Wenn er sich informiert, so zeigt sich Erich voll
als der er ist. Die Zeitung, ausgelesen, liegt
bei ihresgleichen in Paketen stramm verzurrt
des Morgens ausgerichtet auf dem Altpapier.
Nie dachte ich, dass diesen Mann ein Furor quält
aus einer andern Welt, ein horror vacui, wie ihn
kein Angestellter je durchlitten haben kann.

Der Anlass war ein alter Schuhkarton. Darin
fand sich, vergessen lang, ein altes Blechspielzeug,
ein schmuddlig-graues Monstrum abgelebter Zeit.

Lehmanns Motorradfahrer (um 1910)

Lehmanns Motorradfahrer (um 1910)

Zum Vorschein kam dies eines Sonntagnachmittags,
der grau und regenschwer daherschlich, dass ich nur
die Langeweile abzumildern, in der Not
(der Erich war mit der Familie da) für seine Jungs
schnell auf den Speicher stieg und damit wiederkam.
Als nun der Deckel von dem staubigen Karton
gelüftet ward, winkt ich den beiden generös
und reichte ihnen dieses Dings. Erstaunen steht,
Entsetzen dann auf Erichs Miene. Rüde drückt
er seine Söhne weg und sich vor das Objekt:
„Ich hätte so was nicht bei dir vermutet,“ schmunzelt er
und lacht: „Das ist nichts für die rohe Kinderhand!
Ein Storchbein!“ – „Was?“ – „Von Bing. Für Spiritusbetrieb:
Ein Bodenläufer, ähnlich einer Dampflok, fährt
auf einem Spurkranz zwar, doch nicht auf einem Gleis.“

lok1904

„Erich!“ mahnt flehend seine Frau, „ich bitte dich!
(Es schien, was kommen sollte, ihr jetzt sonnenklar).
Er sammelt Blechspielzeug, und das recht intensiv,“
klärt sie mich auf, und Erich schiebt lakonisch nach:
„Nürnberger Stil, ich schätz, um neunzehnhundertvier,
zwar ziemlich abgeliebt, das Stück“, so sein Befund,
„doch nicht korrupt.“ – „Wie bitte?“ – „Keine Replika.
Es wurde nichts verfälscht, ersetzt. Ein feines Teil.“ –
„Aha.“ – „Nur Ferrihydroxyd: der rote Rost,
nicht weiter tragisch. Reparabel.“ Damit liegt
er schon am Boden, windet sich um sein Objekt
wie eine Schlange, welche ihre Eier schützt.
„Hast Du vielleicht ein wenig Spiritus im Haus?“
tönt es herauf, „nur keine Angst, nicht zum Betrieb,
zur Reinigung.“ Indes, sein Wunsch bleibt unerfüllt,
vom Kaffeetisch hinunter schüttl’ ich nur den Kopf.

Mir scheint, hier ist der Pädagoge angefragt:
„Lasst uns“, so führ ich scherzhaft-forsch ins Feld,
„die Sache philosophischer betrachten: Schau,
die Tugend der Besonnenheit, sagt Plato… Doch
indem ich dies nur sage, kommt’s mir albern vor.
Wie meinte doch der andere Erich, Erich Fromm:
Sein oder Haben, das ist die Frage. Und je mehr,
je mehr das Haben sich zum Sein verdickt wie hier.
Der Mensch noch immer Sammler, homo collectans?
Gleicht er dem Hamster, Geier, dem verschlagnem Fuchs?
O Erich-Menschenbild, was tust du mir? Da liegt
der alte Wolf in seinem Fernsehsessel, spielt
gelangweilt an der Fernbedienung. Doch ich seh’
das teuflische Gemisch aus Ordnungswut und Gier
in seinen Augen jetzt. Und schau, schon springt er auf,
verlässt mit einem Schlage Arbeit, Haus und Kind,
durchkämmt Bazare, Börsen auf der ganzen Welt,
nichts ist mehr vor ihm sicher, der ein Pilger scheint,
in Wahrheit aber ein Erobrungskrieger ist,
in seinem halt- und ruhelosen Trieb nach Blech:
Daheim trifft Päckchen bald auf Päckchen ein, es schiebt
Die Restfamilie Wache, sichert, registriert,
füllt die Regale auf, versiegelt Räume. Abgeschirmt
von aller Welt akkumuliert sich so sein Reich.
In solchen Schreckensphantasien lief der Tag
mir hin, als Erich blieb vom Storchbein absorbiert.

Er selbst hat über seinen Auftritt nachgedacht
(vermutlich), denn er lud mich ein zum Männertee:
er führt mich durch den Flur ins Schlafgemach, wo sich
der Kleiderschrank elektrisch öffnet. Jesus, nein!

vitrine

Blechspielzeug-Vitrine im ehemaligen Freiburger Spielzeugmuseum

Vitrinen voll mit schönem altem Blechspielzeug
Auf schwarzen Samt drapiert! Und wie das glänzt und blinkt!
Verschüchtert steh ich vor der Pracht: Dies also ist,
halb Wallfahrtskirche und halb Gruselkabinett,
des Erichs Innenwelt. Er registriert den Blick:
„Ingrid verbietet mir, das auszustellen. Recht
hat sie. Verflixt noch mal, da hat sie recht.“ Er lacht
und ringt nach Luft – und dreht an Knöpfen. Tür um Tür
der Kleiderschrankwand öffnet sich von Zauberhand
und präsentiert sein ganzes Blech-Panoptikum.
„Da möchtest Du wohl gern mal fassen? Ist nicht, Freund,
solang die Zugreifsperre wirkt. Im Sinne der Objekt-
Erhaltung regelt mein rotierendes System
die Stückentnahme: jeden Tag ein andres Teil,
ganz rigoros.“ Er schmunzelt: „Doch wir haben Glück,
denn freigegeben ist heut Nummer Eins!“ Er holt
aus der Vitrine eine herzige Blechfigur.

Der Wackelpeter

Der Wackelpeter (ca. 1904)

„Auf einem Flohmarkt fünfundsiebzig in Berlin
erstand ich diesen Wackel-Peter. Jahrelang
stand er auf meinem Bücherbrett nur so als Zier,
bis mir ein Freund davon erzählte: ein Produkt
von Lehmann, Brandenburg, um neunzehnhundertzehn.
Das war der Urgrund, war der Keim. Schnell kam dann Stück
um Stück hinzu, je mehr es Sammlung wurde, wuchs
natürlich auch das Platzproblem. Wohin mit all
dem Kleiderwust von vier Personen? Gott sei Dank
ist unser Keller trocken, wenn auch ziemlich kühl.“
Da greint er wie ein Schlitzohr und führt lächelnd aus:
„Die Schrankwand umzurüsten, das war ein Projekt!
Geeignete Vitrinen, Brandschutz, Sicherheit,
Beleuchtungsfragen und so fort. Den Ausschlag gab,
dass hier das Klima wesentlich konstanter ist
als in den andern Räumen dieser Wohnung. Klar,
die Unterbringung ist ein Dauer-Kompromiss
aus angemessner Lagerung des Sammelguts
und dem Bedürfnis, es zu präsentieren. Doch
im engen Rahmen meiner Möglichkeiten stellt
dies gleichwohl die mit Abstand beste Lösung dar.“
Die Perfektion, wie presst sie mir Bewundrung ab
Gleich der Beziehung, die sie schafft und konserviert!
Wie oft mag Erich nachts, wenn andre Baldrian
Und Schlaftabletten nötig haben, sich vom Bett
Erheben: ein vertrauter Gang zu seinem Schatz.
Nur leise stöhnt, die dieses Ritual wohl kennt,
dann seine Ehefrau im Schlaf und dreht sich um.
Er aber spiegelt stumm sich im Vitrinenglas,
grüßt seine Lieben, füllt sich an mit Lebensmut
und Zuversicht und schlummert froh und friedlich ein.

„Ist dieses Material denn nicht phantastisch, sag?
Prä-Plast-Epoche sozusagen. Wieviel Charme
vergangner Zeiten ist drin aufbewahrt? Zu Blech
die Welt zurechtgebogen, dann bedruckt, lackiert!
Wie oft steh ich davor, bestaune stundenlang
den Blechfisch hier: Wie ungelenk und primitiv
das eiert, quietscht und sein Spektakel macht. Es drängt
mich dann wohl auch, dies andern mitzuteilen, doch –
(mir scheint, dass die Gedanken ihm jetzt seitwärts ziehn)
Ingrid zu überzeugen war mein Meisterstück“,
gesteht er mir salopp. (Ich sehe wohl das Kreuz
ihm an). „Und ist es noch…“ ergänzt er (wusst ich’s doch):
„Du weißt ja selber wie das ist. Am Ende siegt
das rohste Argument, der Wertbesitz. Nun denn:
Im Keller steht seitdem der echte Kleiderschrank.
Dafür spiel ich auf Lebenszeit auch den Kurier
und hol, was immer man zum Anziehn braucht, herauf.
Wenn mich die Ingrid früher ärgern wollte (mal
war dies, mal das nicht richtig), schickte sie mich schon
auch fünf- und sechsmal in den Keller runter. Doch
seitdem ich im PC nicht nur die Blech-Artikel
verwalte, sondern jetzt auch den Gesamtbestand
an Kleidungsstücken überblicke, ist das längst
kein Thema mehr. Am Bildschirm wählt sie sich ihr Kleid,
die Strümpfe, Unterwäsche, was sie anzieht, aus:
Ich lass mir ihren Kleidungswunsch bestätigen
und liefere in drei Minuten – garantiert.“
Jetzt dreht er an den Schaltern – und verführerisch
taucht erst in rotes, dann in violettes Licht
die pralle Hülle einer Montgolfiere ein,
da funkelt eines roten Porsches Blechkleid auf,

porsche651

Distler-Porsche aus den 50er Jahren

ein Zeppelin trifft sanft aus seinem Schatten, jetzt
fällt auf die Hakenkreuze seines Leitwerks Licht.

zeppelin

„Er war der letzte seiner Art, der Zeppelin
von neununddreißig, schwere Tippco-Qualität.
Schau das mal an, das große Dollsche Riesenrad,
das Flugzeug hier von Günthermann, der Lehmann-Bus

Günthermann-Flugzeug

Günthermann-Flugzeug aus den 30er Jahren

(ich darf nicht sagen, was mich der gekostet hat,
es ist ja nicht einmal das Geld, die Mühen sind’s),
das ist schon was, ein solcher Doppelstöcker, nicht?
Und dennoch geben mir die Sahne-Stücke letztlich nie
den Kick. Hier schau, die Biller-Bahn, ein Loren-Zug
von zweiundfünfzig, das ist Nachkriegszeit ganz pur.

billerbahn
Wie billig war das damals, bringt heut so viel Flair –
enttrümmen war ja auch mein Lieblingsspiel…“ Er seufzt:
„Und doch bin ich als Sammler nur ein Zwerg. Dies muss
man immer wieder sagen. Laien sehn und meist
auch Frauen hier die Dimensionen nicht. Allein
in Eisenbahnen bin ich nicht so schlecht sortiert,
dafür in Schwimmobjekten äußerst schwach. Mein Traum“,
gesteht er, „wär ein großes Blechschiff noch.“ Ich nick
und steh mit ihm andächtig vor dem Arrangement.

„Hast du denn nichts gehört? Dies feine Knacken? Nichts?“
Ich schüttle nur den Kopf. Er lauscht. Da draußen streunt
vielleicht ein Hund, ein Vogel knistert im Gebüsch.
„Mit allerfeinsten Rissen fängt es an, dann biegt
das Blech sich langsam auf und platzt, und der Zerfall
des Stücks beginnt – ein Häufchen grauer Asche bleibt
am Ende davon übrig. Zinkpest ist wie Aids,
heimtückisch rafft sie ganze Sammlungen hinweg.
Kein Mittel gibt’s bislang, die Wissenschaft weiß nichts.“
Der Aufschrei sitzt. Nervös und völlig umgedreht
Zieht er die Nachttischlade auf, da liegen sie:
Zahnkränze, Druckzylinder, jämmerlich zerstört.
„Es steckt im Guss! Es steckt im Gus!“ so murmelt er,
läuft an der Schrankwand hin, horcht hier und dort: „Ich muss
das infizierte Stück in Quarantäne nehmen.“ Doch
er findet nichts; mit Mühe lässt er sich besänftigen,
wenngleich er ständig aufhorcht und verstört bekennt:
„Im Grunde sammle ich ja gar kein Blechspielzeug,
ich sammle Zeit, ich schaue Zeit durchs Blech mir an.“

guben_brief383

Die kühne Selbsterkenntnis hat mich tief berührt;
sie spielt in meinen Träumen ihren Part,
wenn Erichs Stimme an mein Ohr vernehmlich dringt:
„Wer aus dem Abgrund aller Unvollständigkeit
bleibt eingeschworen auf sein Ziel, nur der Idee
der Sammlung treu, doch ewig strebend im Bemühn,
bis dass er ihr dereinst das letzte Stück
erjagt und einverleibt, an diesem Tage, wenn
in lauter Glück er steht vor seinem Werk und ruft:
Komplett! - - “ …. als ob im Hintergrund das Morgenrot
des jüngsten Tags zugleich heraufzieht, Endzeit ist
mit großem Coming-Out, mit Showdown der Substanz
(und integriertem Kassensturz, versteht sich doch),
und – schau – aus aller Herren Länder angereist
schon die Fraktion der Sammler anhebt: So ein Tag…,
die es, aus dumpfen Kellern an das Tageslicht
hervorzukehren trieb, was bislang vor der Welt
versteckt lag, sie, die Hüter des verkannten Seins,
formiert und aufgereiht vor ihren Truhen stehn,
die Deckel fortzureißen (jeder sich noch schnell
ins Bild zu rücken strebt, als Glanzstück, Schlusspunkt, Sinn
des eignen, unvergänglich edlen Werks) und nun
die Schachteln sich eröffnen, in dem Augenblick,
wenn dann, o Schreck, das Sammelgut zerfallen ist,
als graues Häufchen Pulver nur zum Vorschein kommt,
nach riesigem Lamento Fassung wiederkehrt,
sind sie die wahrhaft Auferstandenem vom Wahn,
und, nun im Wissen, endlich frei zu sein,
macht sich homerisch-himmlisches Gelächter breit
und füllt den Himmel aus, es lacht der Dilettant,
es lacht der Auktionator, lacht die Ehefrau,
es lacht der allergrößte Sammler vor dem Herrn
über den Staub der Welt, den Haufen altes Blech.

Einige Hintergrundinformationen zum Sammelgebiet Blechspielzeug generell und zum im Text vorkommenden Phänomenen und Firmennamen:

Altes Blechspielzeug gehört seit Jahrzehnten zu den exquisitesten Sammelgebieten überhaupt. Schon 1983 registrierte Der Spiegel einen Boom auf diesem Sektor, als eine »für Laien eher unansehnliche Blechlok« vom Typ E 700 aus dem Jahre 1937 einen Auktionserlös von 150000DM erzielte. Noch größeres Aufsehen erregte die Versteigerung der berühmten Coluzzi Blechspielzeugsammlung im Jahr 1989.
In der süddeutschen Spielzeugindustrie bildete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben dem massiv soliden »Württemberger Stil«, vor allem durch die Firmen Lutz und Märklin (gegründet 1857) repräsentiert, der »Nürnberger Stil« heraus, der sich durch größere Verspieltheit bei oft etwas leichterer Bauweise charakterisieren läßt. Spiritusbetriebene Lokomobile und Einfachlokomotiven, sogenannte »Storchbeine«, verdankten ihren Namen ihrem hochbeinigen Fahrwerk mit großen Antriebs und davor angeordnetem kleinen Stützrad.
Die Firma Bing wurde durch die Brüder Adolf und Ignaz Bing als »Großhandelsunternehmen für Haushaltswaren und Spielzeug« 1866 in Nürnberg gegründet. 1879 stieg man auch in die Spielzeugproduktion ein. 1885 wurden bereits 500 Arbeiter beschäftigt, zehn Jahre später erfolgte die Umwandlung in eine AG. Jahre stürmischer Expansion setzten sich vorm Ersten Weltkrieg mit dem Aufbau von Zweigbetrieben und Verkaufsbüros im ganzen Deutschen Reich fort. Zu dieser Zeit waren bei Bing über 4000 Mitarbeiter beschäftigt, man nannte sich »die größte Spielwarenfabrik der Welt«. Die Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre traf die Spielzeugproduktion bei Bing besonders hart. Die damit ausgelasteten Betriebsbereiche wurden an andere Hersteller veräußert, die Produktion 1932 endgültig eingestellt.
Den vielleicht größten Charme im Sektor der mechanischen Figuren besaßen die Stücke der Firma Lehmann aus Brandenburg an der Havel. Ernst Paul Lehmann, der Patente zur Blechdosenherstellung besaß, begann 1881 zusammen mit dem Nürnberger Jean Eichner Blechspielzeug mit Schwungradantrieben zu fertigen. Als Mitte der dreißiger Jahre Lehmanns Vetter Johannes Richter die Firma der Gründer, die nun hauptsächlich Kleinspielzeug produzierte, übernahm, wurden bereits 800 Mitarbeiter beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, folgender Produktionsumstellung auf eine russische Rechenmaschine, Enteignung und schließlich Umwandlung in einen VEB floh Lehmann 1950 in den Westen und gründete mit seinen Söhnen ein neues Unternehmen, das noch heute als Hersteller der LGB Bahn (Lehmann Groß Bahn) bekannt ist.
Der Name des Spielwarenherstellers Tipp & Co, kurz Tippco, 1912 in Nürnberg gegründet, ging auf die Mitbegründerin Tipp zurück. Nachdem der jüdische Teilhaber Ullmann 1933 nach England emigiriert war, stand Tippco in den dreißer Jahren bald für ein breites Angebot von militärischem Blechspielzeug wie etwa den mit kleinen abwerfbaren Bomben bestückten Hochdecker »Olaf« oder die beliebten Fahrspiele »Reichsautobahn«. Die Katastrophe des D LZ 127 Graf Zeppelin beim Landeanflug in Lakehurst/ USA im Jahre 1937 bedeutete auch in der Spielzeugproduktion das Ende der großen Blechzeppeline. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Ullmann nach Nürnberg zurück und erreichte mit VW Kübelwagen und Blech Verkehrsflugzeugen einige Markterfolge.
Die Biller Bahn, von der Firma Hans Biller in Nürnberg zwischen 1949 und 1971 produziert, war eine reine Sandkasten Spielbahn mit Uhrwerks und später Batterie Betrieb »für den Knaben«.
Große Blechschiffe sind überaus seltene und entsprechend teure Sammelobjekte. Dass ihre große Produktionszeit schon Mitte der dreißiger Jahre vorüber war, ist dabei nur ein Grund. Warum sich so wenige dieser stolzen Objekte erhalten haben das Modell des Schnelldampfers »Kronprinzessin Cäcilie«, hergestellt von der Nürnberger Firma Fleischmann um 1907, maß immerhin 216 cm! - mag sicherlich auch, wie der Blechspielzeug Spezialist Botho Wagner mutmaßt, zum nicht geringen Teil daran gelegen
haben, daß solche Schiffe, sobald sie in einen Teich gesetzt wurden, den Neid der anderen Jungen provozierten und nicht selten durch deren Steinwürfe schlicht versenkt wurden.
Als »abgeliebt« werden in der Sammlerszene bespielte Objekte mit deutlichen »Nutzungskennzeichen« bezeichnet. Besonders die Partei der »Puristen« bevorzugt solche Stücke, wohingegen diejenige der »Pedanten« bestrebt ist, altes Blechspielzeug in möglichst neuwertigen Zustand zurückzuführen. Der rote Rost, Ferrihydroxyd, entsteht durch die Einwirkung von Sauerstoff und Feuchtigkeit auf eine Eisenoberfläche. Da es sich beim Blechspielzeug meist um gewalztes Weißblech (»tin plate«) handelt, stellt er das verbreitetste Alterungsmerkmal dar. Die sogenannte Zinkpest (es gibt auch eine Zinnpest mit allerdings anderen Ursachen), die »Geißel aller Sammler« (Botho Wagner) befällt aus Metalldruckguss (Zinkdruckguss) hergestellte massive Teile wie Fahrgestelle oder Lokomotivräder. Bis heute liegt ihre Entstehung im unklaren. Vermutet werden sowohl »unreine Gussmischungen«, aber auch unsachgemäße Lagerung der Objekte auf abwechselnd glühend heißen, dann wieder frostkalten Dachböden.

(aus: Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck: Jagd auf den Sarotti-Mohr, Fischer TB, Frankfurt 1997; mehr zum Thema Sammeln finden Sie hier.)

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 19. August 2009 11:40
Themengebiet: Sammelfieber