Der Grabschriften erster Teil

(Der Barockdichter, mit der Vergänglichkeit und Eitelkeit menschlicher Lebensäußerungen tief vertraut, verfertigt Gedenkverse für verschiedene Personen, deren Schicksal oder charakterliche Eigentümlichkeiten)

© 1990-2000 Dirk Schindelbeck

Grabschrift eines Angestellten

Hier war ich angestellt, gestellt ganz hinten an,
doch dient ich treu und brav, wie man nur dienen kann.
Den Abtritt stellt ich dar, ich war der letzte Dreck.
Dann stellte ich mich quer, dann stellten sie mich weg.

Grabschrift eines Beamten

Grabschrift eines Beamten

Grabschrift eines Beamten

Ich liege nicht korrekt. Es stimmt nicht mal die Tiefe
des Aushubs für den Sarg. Und dann: Dies Umfeld ist
beleidigend: Kein Arzt, nicht mal ein Prokurist
liegt neben mir. Ach Gott, der du den Dienstweg kennst,
es kann doch gar nicht sein, dass Du mir das missgönnst:
Auch du hast von Pension doch höhere Begriffe!

Vgl. auch das Projekt “Poetische Installationen/Lyrik als Skulptur”

Grabschrift eines Creativ-Direktors

Ich war wie Funkensprung, ich platzte vor Ideen,
ein Maul-Held meiner Zeit (= der Kommunikation).
Die Ware war mein Gott, und ich ihr tapfrer Sohn
Ich blies den Geist ihr ein und muss es doch einsehn:
Auch die kreativste Kreatur
geht den Pfad des Fleisches nur.

Grabschrift eines Flutlotsen

Der Herr war nicht mein Hirt. Ich war der Hirt der Herren,
die kreisten über mir. Sie spürten meine Power:
Ich öffnete die Bahn, ich konnte sie versperren -
Dann fiel ein Flügel-Zeug mir direkt auf den Tower.

Grabschrift eines Tennisspielers

Ich war die Nummer Eins, ein Gott der Tennis-Welt,
mein Aufschlag war so stark, geschickt die Fußarbeit,
groß meine Kondition. Jetzt hab ich reichlich Zeit,
denn ich schlug selber auf in einem kleinen Feld.

Grabschrift ein Dink-Paars

Wir nahmen doppelt ein und gaben doppelt aus,
großzügig war der Stil in dem zu großen Haus.
Die pekuniäre Kraft hat dennoch, wie es scheint,
nicht ausgereicht, dass auch ein Mensch nur um uns weint.

Grabschrift einer Fernsehansagerin

Ich sah in jedes Haus, mich sahn Millionen Menschen.
Ich sagte an und ab: den Musikanten-Stadl,
den Sport, die Politik. Ich war ein hübsches Madl -
Ach möchtet ihr wie ich mir noch Programme wünschen!

Grabschrift einer Friseuse

Sein Manta vor der Tür, mein Rudi in dem Herzen,
so fuhr ich mit ihm aus, verliebt, in Liebes-Scherzen.
Wir kamen auf der Bahn gewaltig in die Gänge
und ließen hinter uns der Blech-Karossen Menge.
Wir eilten wohl zu sehr, wir kamen vor der Zeit
nicht in der Zukunft an, in der Vergänglichkeit.

Grabschrift eines Maklers

Ich makelte mit Lust, ob Wohnungen, ob Kammern,
ob Villen im Tessin, ob schlichte Bau-Parzellen.
Mich scherte nicht die Not der Mieter, ließ sie jammern,
macht ihre Dümmlichkeit doch meinen Beutel schwellen.
Wer den Verstand nicht hat, der bringt es nie dahin:
Der Boden ist das Geld, umbauter Raum Gewinn.
Ich wusst dies, doch vergaß ein Grundstück mir zu makeln,
das war der Friedhofs-Grund: Jetzt wird der Tod nicht fackeln.

Grabschrift Suppenkaspers
(oder des Konsumterrors)

Niemals aß er seine Suppe,
nicht am ersten, nicht am zweiten,
dritten, vierten, fünften Tag nicht.
Immer schrie er auf: Ich mag nicht.
Diese Suppe ist mir schnuppe.
Was kann dies uns heut bedeuten? -
Die Produkt-Enttäuschung stahl
Kasper jede andre Wahl.
Durch rigiden Hunger-Streik
wies er auf das miese Zeug.
Also war es Heldentum
Kaspers gegen den Konsum,
also war der Terrorist
hier die Suppe: dass ihr’s wisst.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 29. Mai 2009 6:26
Themengebiet: Sag es perVers