Emilie mit dem Kännchen
(Dem Barockdichter ist als Freund gesunder Gewürze auf die leichteste Art eine neue Buhlschaft beschieden)
© 1978 Dirk Schindelbeck
Auf der schmalen Fensterbank
Sät’ ich Schnittlauch ein,
Topf um Topf in Reihe stand,
und ich goss darein.
Zwar noch erst kein Spitzchen schaut
aus dem Erdenpfropf,
doch der Same sich schon kraut,
dehnt sich schon im Topf.
Wie ich nun so täglich steh’,
Fenster öffne, Wind,
Sonne kommen lasse, seh’
ich ein schönes Kind.
In dem Fensterlein sie lehnt
grad mir überquer,
hat ein Kännchen in der Hand,
gießt das Kännchen leer.
Plötzlich hat sie mich erblickt,
und sie lächelt still,
zeichenredend frag ich sie,
was sie aufziehn will.
Doch sie deutet’s nicht, sie schaut
lieblich her zu mir,
und ich lächele und schau
lieblich hin zu ihr.
Tags drauf in der Straßenbahn
treff ich sie. Wie schön!
Wie doch wohl ihr Name sei,
hätt sie gießen sehn.
„Ach, ich sag es nicht so gern,
nun, ich heiß Emilie,
und was ich am Fenster zieh,
das ist Petersilie.”
Bald schon gab es zwischen uns
kaum noch einen Mangel.
Die Gemüse sprossten gut,
sprosst’ in ihr mein Stangel.