Cupido im Kindergarten
(Den Barockdichter, antiker Mythen voll, überkommt in einem Kindergarten geradezu ein inneres Video mit erotischen Phantasmagorien)
© 1996 Dirk Schindelbeck
Cupido, der neulich kam
aus dem Kindergarten,
konnt’ es kaum erwarten,
Venus, seiner Frau Mama,
zu berichten, was geschah:
Seinen schönen Flitzebogen
hatte man dort eingezogen,
und er weinte fast vor Gram.
„Du verzogner Bengel bist
mehr von Tag zu Tage
einer Mutter Plage.
Musst Du treffen mit dem Pfeil
andrer Menschen Zunderteil?
Weißt doch, wie die Spitzen wirken
in den tieferen Bezirken!
Immer wieder machst du Mist!
Puh, nun sag mir alles an:
Wen hast du getroffen?
Wessen Herz muss hoffen?” -
„Heimlich auf die Gärtnerin
hielt ich so den Bogen hin:
Da, als ob sie mir nicht traute,
sie pikiert herüber schaute,
wie sie nie zuvor getan.
War es Wollust, war es Scham,
was sie jetzt durchglühte,
in den Blicken sprühte? -
Und sie hob die Hand zum Streich,
hob sie, hob, und doch zugleich
ließ den Arm sie kraftlos baumeln,
und man sah das Mädchen taumeln
heißgespornt, doch lendenlahm.
Also fasst ich Mut und ging
artig wie ein lieber
Bub zu ihr hinüber,
gab mich still ans Basteln hin,
und gleich kam mir in den Sinn,
mit der Schere von Papiere
auszuschneiden netter Tiere
eine Reihe oder Ring.
Aber wie missrieten mir
Rehe, Schafe, Tauben!
Es war nicht zu glauben!
Schnitt ich besser nicht und bald
nach der menschlichen Gestalt?
So erstand aus runden netten
handverknüpften Amoretten
eine Krone von Papier.
Rötlich malt ich die noch aus,
schlich in ihren Rücken,
sie ihr aufzudrücken.
Tanzend um die Gärtnerin
jauchzten gleich die Kinder hin,
was dem Mädchen gar nicht schmeckte:
Und die Hefe der Affekte
trieb ihr Schrei um Schrei heraus:
‚Damit wird jetzt Schluss gemacht!
Was für dich zur Waffe,
ist für mich nur Strafe!
Bogen, Schere, alles ist
Werkzeug deiner Hinterlist.
Du sollst mich nicht länger schwächen:
Ich muss deine Mutter sprechen,
die dir dieses beigebracht.’”
Erst tat Venus voller Grimm,
doch aus ihren Zügen
lachte auch Vergnügen,
hob den Finger: „Jugendfrei
scheint mit kaum die Spielerei,
doch den kleinen Kameraden
war es wohl nicht sehr zum Schaden,
selbst nicht für das Mädchen schlimm.
Was sie mich zu sprechen treibt,
sind ja schönste Zeichen,
kann ich so erreichen,
dass der Brand, den du gelegt,
sich erhitzt und überschlägt:
Jünglinge ihr auszuspähen
werd ich ihr zur Seite gehen,
sorgen, dass die Glut auch bleibt.”
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