Zwei Blätter

© 1980 Dirk Schindelbeck

Die Nacht reißt in den Bäumen,
die Äste starren kahl.
Verstummt sind längst die Vögel
von Liebestreu und - qual.

Da taumeln herab zwei Blätter,
zwei Blätter in den Schnee,
die rühren einander ganz sachte.
Wie tut die Kälte weh.

Der Wind fährt über die Erde,
der Wind ergreift sie so rau,
und obgleich es so bitterkalt ist,
sagt das eine: „Werd’ meine Frau!”

Und sie fliegen weit über die Dächer
und stürzen woanders ab.
„- Du bleibst mein Mann! - Und du meine Frau! -
Wir folgen uns bis ins Grab.”

Und Frost und Eis sind hilfreich
und kleben sie Stiel an Stiel,
da danken sie sehr und frieren
und teilen ihr einzig Ziel.

Der Frühling kommt. Wie taut es!
So warm die Sonne scheint.
Ein Lüftchen trennt sie milde,
kaum Wasser hat keines geweint.

Der Saft treibt in die Bäume,
die Äste sind schön belaubt.
Da singt ein kleines Vöglein,
das an Lieb’ und Treue glaubt…

Die Eheschließungen sinken,
die Scheidungen nehmen zu,
auch hatten wir lang keinen Winter,
was meint denn ihr dazu?

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 1. Juni 2009 9:21
Themengebiet: Liebe et al