Joachim Rachel: Vierte Satyra: Die Kinder-Zucht

(zu dieser Satire Rachels vgl. meine Ausführungen in FORUM Schulstiftung 45)

Was wider Tugend lauft und die Vernunfft kann straffen,
das sehn die Jungen erst von ihren alten Affen.
Hat Fritz die Karten lieb, das Kind weis insgemein,
was Schuppen, Rauten, Klee, was Papst und König seyn.
Verkehret Polus gern, ist klug in allen Tükken,
und kneipt die Würffel wol, das Kind spielt mit den Brükken.
Welch Kind gewehnet sich hernach zum grünen Kraut,
das nichts als Nekkerwein und Wildgebratens schaut:
das von dem Vater sicht, wie er die Schnekken schlinget,
die Spargen halb abbeist, den Stoer zu Tische bringet,
Artschokken Blätter klaubt, das Straußenhirn zerbricht,
die Karpenzunge sucht, die rohen Austern sticht?
Wie kann doch Rutilus die Knaben Sanfftmut lehren,
der keinen Lautenklang noch Spiel so gern mag hören,
als der Karbatsche Streich: der für Sirenen preist,
so offt man auff den Knecht alß wie ein Henkker schmeist?
Recht ein Antiphates dem zitternden Gesinde,
der niemals frölich ist, als wenn er nur geschwinde
die Folter bringen sicht: der nie kein einzigs Wort
alß nur mit Hagel, Blitz und Donner bringet fort.
Solt aller Augen Luft, die Julian auß Meissen,
mit Recht seyn ungehaubt und so lang Jungfrau heissen,
die von zehn Jahren an, bei Tag und später Nacht,
dem Buhler einen Brieff von ihrer Mutter bracht?
So geht es von Natur. Das Böklein folgt dem Rammen,
der Apfel fällt nicht weit gemeinlich von dem Stammen.
Der Mutter Abriß ist die Tochter ins gemein:
Wie jetzo Thais ist, so wird ihr Kind auch seyn.
Nur wenigen hat das der högste Got gegeben
Auß sonderlicher Huld, dass sie vom bösen Leben
Der Eltern abwerts gehen, als wenn gemeine Pest
Von tausenden kaum zehn unangestekket läst.
Drum scheut und fürcvhtet euch, ihr Alten für den Jungen,
last kein unerbar Wort entfahren von der Zungen,
ein Kind hört gahr genau: es merkt das zarte Hertz
und denkt gar lange nach dem ungesaltznen Schertz.
Für Kinder sollen wir uns jederzeit entsehen
Mehr als für grossen Herrn, weil auch ihr Engel stehen
Dem högsten Got zu Dienst. Weg Flucher, Lästermund,
Nachtschwärmer, Lügener, Garsthammel, geiler Hund,
wo zarte Kinder seyn. Es sey in keiner Zechen
der Vater und der Sohn. Wie kann der Bach-Krebs sprechen:
Geh grade fürwerts hin, mein Kind, nicht hinter dich.
Möchte er nicht sprechen, du, mein Vater, lehre mich
Und geh mir grade vor. Wie kann ein alter schlagen
Und straffen seinen Sohn, ob er in vierzehn Tagen
Kaum einmal nüchtern ist, der selber sucht den Schmauß
Und saufft in floribus zwei Dutzent Gläser auß.
Wenn dir ein frembder Gast will kommen heim zu suchen,
da geht das Treiben an mit Schälten und mit Fluchen:
Magd, kehr die Stuben auß, räum alles von dem Tisch
Tuh weg das Spinngeweb mit einem Flederwisch,
spül alle Becher auß, vergiß der silbern Kannen
und großen Humpen nicht. Geh, Hurenkind, von dannen,
dass dich der Hagel schlag. Zünd etwas Mastich an
und fege bald hinweg, was dort der Hund gethan.
Du Narr, ist dir so viel und hoch daran gelegen,
dass einem frembden Gast nichts faules lieg inwegen,
warum lest du dir nicht die höchste Sorge seyn,
wie dass dein gantzes Haus sey aller Laster rein:
Wie alles ordentlig und richtig möge stehen,
damit dein zartes Kind nichts ärgerlichs mag sehen?
Es preiset dich die Stadt und helt dich ehrenwert,
dass du mit einem Sohn die Bürgerschaft verehrt,
jedoch, sofern du ihn mit Fleiß hast aufferzogen,
dem Lande Dienst zu thun, zum Handwerk oder Bogen,
zur Pflugschart oder Schwert, wo nit zu einem Mann,
der mit Verstand und Rath zum Besten dienen kann;
der klug und tüchtig ist, die Unschuld zu verfechten,
versteht der Kayser Satz, zu samt den Landes-Rechten,
der nicht bey tausenden zu Leipzig hat verzehrt,
und bringt Geschikligkeit kaum dreyer Heller werht.
Daran liegt mächtig viel, mit welcher Lehr und Leben,
zu welchen Sitten du pflegst Unterricht zu geben,
und leiten deinen Sohn. Der Storch fleugt an den Bach
und such die Schlangen auff und geht den Fröschen nach,
versorgt damit sein Nest. So bald die Jungen fliegen,
befleissen sie sich auch, dergleichen Raub zu kriegen.
Der Raben Mutter sucht am Galgen ihr Gewinn,
und trägt das blutig Aaß den kalen Jungen hinn.
So thut ihr Kleines auch, so bald es sich kann etzen,
und weiß auff einen Baum ein eignes Näst zu setzen.
Der Adler fängt ein Reh, das lernet auch sein Kind,
so bald die Fittig ihm nur recht gewachsen sind.
Petronius war tol mit Häuser aufzubauen,
möchte lieber nichts als Kalk, als Stein und Meissel schauen,
macht Häuser wie ein Schloß, nam gantze Strassen ein,
alß sollte mit Gewalt das Geld verschländert seyn.
Noch blieb den Erben gnug. Der Sohn riß alles nieder,
was kaum gemachet war, und baut es herrlich wieder.
Jetzund besitzet er nach vielem Ungemach
Ein Häußlein ohne Thür, und gleichfal ohne Dach.
Wie aber kommt doch diß? Nach allen bösen Dingen,
nach allen Lastern pflegt die Jugend selbst zu ringen,
darf keines Treibers nicht. Nur zu dem Geitz allein,
will sie gemächlich nur und fast gezwungen seyn.
Vielleicht betreuget sie das ernstlich sauer sehen,
weil er der Tugend gleich pflegt sittsam her zu gehen,
will häußlich seyn genant, nicht fröhlich oder wild,
der Arbeit zugethan, die leere Säkkel fült.
Drum wird dem Geitzigen der ruhm auch beygemessen,
dass er fein rathlich sey, dem Sauffen, Spielen, Fressen
und aller Hoffart feind, weil er so sorglich spaart
und jedes Gersten-Korn wie einen Schatz verwahrt.
Das lobet jedermann, insonderheit die Greisen,
die Jugend auf den Weg des Reichtums anzuweisen:
dem folge nach Mein Kind, alß wenn allein auf Gelt
die högste Säligkeit der Menschen sey gestelt.
Doch wie ein Anfang ist in allen andern Dingen,
so hat diß Laster auch den Anfang vom geringen,
und nimmt gemächlich zu. Denn wiltu Meister seyn,
so lerne wol zuvor der Knaben Einmal ein.
So bald ein tausend Mark zusammen ist geheget,
und tausend noch darzu, der Anfang ist geleget.
Zwey doppelt machen vier, und zweymal vier sind acht,
Freund, Kurtzweil, gute Tag und gut Bier gute Nacht.
Da fengt er ernstlich an zu schaben und zu kratzen,
er gibt die Graden nicht den Hunden oder Katzen.
Er schmälert dem Gesind ihr zugetheiltes Brot,
er selber leidet Durst und schwäre Hungersnot.
So viel das Geld ihm wächst, so wachsen auch die Sorgen,
er spaart den Heringsschwantz biß auf den andern Morgen.
Er frist das grüne Brot, und trinkt den besten Wein,
der in gantz Frankkenland den Hunden ist gemein.
Kosent ist viel zu theur. Er zeichnet alle Stükken,
er schleust den Knoblauch weg, samt einem halben Brükken,
er frist lebendig Spek, schön wie Arabisch Gold,
darauf kein Bettler ihm zu Gaste kommen wolt.
Ist der nicht doppelt tol? Ist der nicht gantz von Sinnen,
der andern spaaren will, und nicht für sich gewinnen:
der nimmer satt sich frist, hat keinen guten Tag,
alleine, dass er reich an Gelde sterben mag.
Indessen wächst der Schatz und nimmt bey grossen Hauffen
Durch Monat-Zinsen zu, da geht es an ein Kauffen,
ein Land-Gut ist zu schlecht, zu nehren solchen Mann,
der nächste Meyerhoff, der steht ihm trefflich an.
Und jener noch dazu, sambt so viel hundert Morgen:
Der Nachbar leidet Noht, du kanst so lange borgen,
biß dir das Pfand verbleibt: der Weinberg träget wol:
hey Schaden! Dass mir nicht die Mühle werden sol
und jener grüne Wald. Er handelt, kaufft und zwinget,
biß dass er diß und das, und alles an sich bringet.
Ist denn der Nachbar hart und will des Handels nicht,
so hat er Pferde, Küh und Ochsen abgericht,
die schickt er ihm ins Korn bey Nacht, zusamt den Ziegen,
die Schweine müssen ihm den gantzen Weinberg pflügen;
dergleichen Schelmenstück hat manches fruchtbar Land
dem rechten Erben ab, dem andern zugewand.
Und ob man gleich ihn schilt, ob gleich in allen Zechen
Die Leute rund herauß von diesem Schinder sprechen,
so achtet er’s doch nicht. Was, spricht er, liegt daran,
ob ich die Missgunst beist, die mehr nicht schaden kann
als eine magre Lauß. Ein Hülse von den Linsen
ist besser als das Lob der Tugend ohne Zinsen,
als dass ein jeder sagt: O welch ein frommer Mann,
der nur bey Käß und Brot so gnugsam leben kann!
So wirstu den, O Narr, angst, Schwermut, qual und leiden,
Gicht, Fieber, Zipperlein und alles Unglück meiden,
wen du nur pflügen magst mehr Akker an der Zahl,
als unter Tatius die Römer alzumahl?
Da, wie der Römer Heer in Afrika noch siegte,
als Pyrrus und sein Volk Italien bekriegte,
als der Molosser Fürst und seine große Macht
der Römer tapfres Volk in Furcht und Harnisch bracht:
wer dazumal getreu und redlich war erfunden
und zum Gezeugnis bracht die allermeiste wunden,
ein ehrlicher Soldat von etwa sechzig Jahr,
der bey dem Adler schon schneeweiß geworden wahr,
dem wurden endlich kaum zwey Morgen Land gegeben,
davon er seine Zeit geruhig möchte leben.
Und diß ward nicht verschmäht als gar zu schlechtes Lohn
Für solche Treu und Dienst. Es nehrte sich davon
Der Haußherr und sein Weib, samt etwa sieben Kleinen;
Es saß an einem Tisch der Knecht auch mit den Seinen.
Der grosse Breytopf stund und gab den heissen Rauch,
die Kanne war von Holtz, die silbern Löffel auch.
Jetzund ist soviel Land nicht gnug zu einem Garten,
und daher kommt, dass wir der Tugend abzuwarten
so träg und schläfrig seyn, dass kein Betrug noch List,
kein Raub und Schelmenstük uns alzugroß mehr ist,
darzu der Geitz uns treibt. Es pflag in alten Tagen
ein frommer Haussmann so zu seinem Völcklein sagen:
Kommt Kinder, dankket Got, der uns in Fried und Ruh
Mit dieser Hütten dekkt, und gibt das Brot dazu.
Laß jenen stattlich gehen von armer Leute Zähren:
Der Purpur ist für den, der sich vom Blut muß nehren:
Du weist nicht, welche Pracht ein grober Kittel sey,
der ein Gewissen dekkt von aller Bößheit frey.
Wer so lebt als wie ich, der wird sich nicht bemühen,
was schändlich ist zu thun, noch diebisch an sich ziehen,
was eines andern ist. Die allzu große Pracht
die ist es, die jetzund so manchen Schelmen macht.
Das war der Alten Lehr. Jetzt gibt es andre Sitten,
wenn noch der kühle Mond des Nachtes in der Mitten
des hohen Himmels steht, da rufft der Vater schon
und wekket mit Geschrey den schlafergebnen Sohn.
Auf Junger! Komm hervor. Der Haan hat schon gekrehet,
Bootes hat verlängst den Karren umgetrehet.
Du bist der Ratzen Art, du schnaubst die gantze Nacht,
die ich mit Schwermuth hab und Sorgen zugebracht.
Auf! Such das Buch hervor. Wie viel hat Kuntz bezahlet?
Wenn stellt sich Nikkel ein? Der gute Kerrel pralet
Als wie ein Grafen-Kind, und komm ich in sein Hauß,
so schleicht der feine Herr zur Hintertühr hinauß.
Der schwartze Teuffel hoel ein andermahl das Borgen,
ein ander lebet wol von meinen schwären Sorgen
und spottet mein dazu: helt täglich Martins Tag
und ich geniesse nichts als lauter Ungemach.
Herauß du Lümmel! fort! Was guts wil auß dir werden?
Wils ja nicht anders seyn, so lauf mit dreyen Pferden
Zum Teuffel in den Krieg, und schlag den Türken tod,
und jag die Bauern auß, und tuh die schwäre Noth
den feisten Gänsen an, den grossen wie den kleinen,
friß Hüner, Schaf und Lamm, die Ferkel samt den Schweinen.
Wenn diß die Mutter hört, da geht der Lermen an:
Was spricht sie, Dudendopf, was hat mein Kind gethan?
Sol mein Sohn in den Krieg? Dem Kalbesfel nachgehen?
Verkauffen Leib und Blut? Zwelf Jahr lang Schildwacht stehen
Umb eines Monats Solt. Dem Kauffman warten auf
Und hinter einen Busch verrennen seinen Lauf!
Und ob es glükken möchte, dass er in einem Streite
Sich wol und dapfer hielt, und machte frische Beute,
wie lange wehret das? Was durch Pistol und Schwert
im Huy erworben wird, das wird im Huy verzehrt.
Was hat er endlich mehr und bessers als zuvoren?
Vielleicht ein höltzern Bein und eben so viel Ohren,
der Augen nicht vielmehr. Es folget ihm gemach
ein gantzes Regiment auff seinem rükken nach.
Ist das nicht wol gethan? Was kommen euch für Possen
Jetzunder in den sinn? Kaum ist ein Jahr verflossen,
da solt er mit Gewalt in Bücherhaase seyn
und plagen sich zu tod mit Griechisch und Latein.
Ein schöner Anschlag traun? Was ist ein Dintenjunkker,
ein Reicher ohne Geld, ein kahler Strassenprunkker,
der etwa von Pariß zur Titel bringt zu hauß,
den Hut auff einem Ohr, im Beutel eine Lauß.
Vielleicht gedeihet er zu Ruten oder Stekken,
des Kadmus Halbgesell, die Kinder nur zu schrekken,
der niemals frölich ist alß wenn das Kirch-Spiel klingt,
das Weib den Mann beweint, und er si bona singt.
Wozu hat der studirt, er schimpflich alle Morgen
Vom Brauer muß das Bier, das Brot vom Bekker borgen?
So lange Hering seyn, Saltz, Butter, Pech und schmeer,
gewinnt er wol sein Brot ohn Bücher und Gewehr.
Das Geld ist eben gut und stinkt nach keinen Wahren
Und kunte mans von Koot und Harn zusammensparen,
wie jener Kayser that. Mein Sohn, auf dieser Welt,
(man sage, was man will) gilt nichtes mehr als Gelt.
Gelt macht die Narren klug, erhebt zu Ehrenständen,
es redet ohne Mund, gewinnt mit stillen Händen,
er steurt die Jungfern auß, gibt Adel und Geschlecht,
macht rechte Sachen krumm, und krumme Sachen recht.
Dem fällt der Vater bey; diß lernen alle Knaben,
so oft ein kleines Kind will einen Sechsling haben
zum weissen Morgen-Brot, dass er zur Schulen geh,
die Mägdlein lernens auch wol vor dem ABC.
Noch möchte ich einen wol von solchen Aeltern fraen:
Was eilestu du Narr? Vor Jahren und vor Tagen
Wird niemand völlig klug. Gib Zeit; du wirst es sehn,
wie weit der Schüler wird dem meister übergehn.
Gleichwie der Telamon dem Ajax musste weichen,
der Vater seinem Sohn, und wie in allen Streichen
Achilles übertraff des Peleus alten Ruhm,
so wird auch dir geschehn. Nur laß die zarte Blum
erst aus dem Kraut hervor. Laß ihn zu Jahren kommen,
sobald der Scheerer ihm den ersten Bart genommen,
da wirstu Wunder sehn. Er wird für aller Welt
ein falscher Zeuge seyn: umb ein geringes Geld
verfluchen Leib und Seel. Ja, kann es Geld eintragen,
er wird wol eine That auff Galg und Rad hin wagen.
Was dir bey Jahren lang miot grosser Müh gelung,
dasselbe glükket ihm villeicht in einem Sprung.
Behüte Got! Sprichstu, erschrocken und versehret.
Ein solches hab ich ihm mein Lebtag nicht gelehret.
Vielleicht hastu die Wort so gros nicht außgesagt,
doch ist die Schuld an dir, dass er ein solches wagt.
Wer seinem Sohn befiehlt, zu kratzen und zu schinden.
Wer einen Narren heist, der auf die harte Rinden
Dem krankken Freunde gibt: wer Armut schimpflich helt,
und in dem Hertzen nichts anbetet als das Gelt,
der leitet seinen Sohn gemach zu solchen Sachen:
bald lernt er frembde Schrifft und falsche Siegel machen,
verschwärt ein theures Pfand, sticht arme Waisen auß,
nimmt, was gestolen ist, umb halbes Geld ins Hauß.
Verfelscht ein Testament, beschneidet an den Kanten
Das allerbeste Gold, gibt Glaß für Diamanten,
für Pfeffer Mäusedreck, tuth einen guten Satz
der Silbermünze zu, besucht den Kirchenschatz
in stiller Gottesfurcht, geht zu gemeinen Säkken:
ein erbar Angesicht kann alle Possen dekken,
so lang es Gott gefält, so lange der noch schweigt,
der alles heimlich sicht und offenbarlich zeigt.
Siehstu wohin der Geitz ist endlich außgeschlagen?
Siehstu was deine Lehr für Früchtlein hat getragen?
Weiß er das Schuelrecht kaum, er will schon Meister seyn,
gibstu ein Handbreit nach, er nimmt bey Ruten ein.
Diß Feur hastu geschürt, nun schlagen alle Flammen
Auch über dich, du Narr, und deinen Kopf zusammen.
Gleich wie ein junger Leu die Zähne grimmig beist,
und wenn er wütend wird, den Meister selbst zerreißt.
Das Runtzeln des Gesichts, der Schnee der grauen Haare
Gibt reichlich zu verstehn, dass deines Lebens Jahre
Nicht schlechter Anzahl seyn, dass du schon Berg hinab
Mit schwachen Füßen gehst und eilest in das Grab.
Noch gleichwol kann dein Sohn des Endes nicht erharren,
begehrt dich lieber heut als morgen einzuscharren.
Und ob er sauer sicht, kein Trauren ist gemeint,
weist du nicht, dass man auch für Freuden offtmals weint?
Drum sich dich eben vor, dass in dem güldnen Becher
Der Tod nicht etwa sey, der bleiche Hertzensbrecher.
Ersuch Archigenes umb einen guten Rath
Und nimm bey zeiten ein, was etwa Mitridat
Verlängst hat zugericht, das laß zu vorne sinkken,
so du noch wilt den Most vom neuen Kälter trinkken.
Kein Schauspiel wird so bunt und seltzam vorgestelt,
das nicht in Wahrheit sich befindet auf der Welt.
Villeicht hat ein Gehirn auß Griechenland ertichtet,
wie Clytemnestra tobt und ihren Mann hinrichtet,
wie wiederum Orest der Mutter gibt den Lohn,
und Phedra voller Brunst ermordet ihren Sohn,
wie Atreus sich mit Luft in seinem Grimm ergetzet,
dem Bruder ein Gericht von seinen Kindern setzet,
wie kläglich der Thyest in seine Glieder beist,
wie Kolchis ihren Sohn in hundert Stükken reist.
Diß alles trägt sich zu, und noch wol ärger Sachen,
wo Gold- und Silber-Sucht die Menschen wilde machen,
ja sollte man das Spiel geheimer Orten sehn,
man liesse Cäsars Platz samt allen Marmorn stehn.
Du sihst verwundert an das wütende Beginnen,
wenn Ajax schaubend geht, beraubet aller Sinnen,
bald einen großen Stier, bald einen Hamel sticht
im Wahn, dass er den Halß dem Ithakus zerbricht.
Und dieser ist allein für rasend nicht zu schätzen!
Wer sich mit grossem Gut darf auf ein Höltzlein setzen
Und kennt zuvor die See und ihren tieffen Schlund.
Wie sie so manches Schiff versenkket in den Grund,
so manchen Ankker frist, so manchen Mast verschliget,
so mannig tausend Mann umb Leib und Leben bringet,
wer dieses alles weiß und in den Wind schlägt hinn,
und wagt gewisses Gut umb mäßigen Gewinn,
verblendet durch den Geitz: der hat den Witz verlohren,
der ist ein Narrenkopf, wie wol er an den Ohren
nicht etwa Schellen trägt. Lest sich Gewölke sehn,
verkreucht die Sonne sich, will gleichsam untergehn,
bey früher Tageszeit, erhebet sich ein Brausen,
Was? Spricht der Pfeffer-Sak, laß einmal übersausen,
es ist ein Sommerflug: den Ankker in die Höh:
Stel auf Besan und Fok, nur lustig in die See!
Und kann dieselbe Nacht vielleicht sich das begeben,
dass er von aller Pracht nichts übrig alß das Leben
und schwimmet ohne Schiff ganz nakkend in der Flut
und hat, dafern es glükt, von aller Hab und Gut
den Beutel in dem Mund: ja kann es ihm gelingen,
dass er den blossen Leib nur an das Land mag bringen,
er wird zufrieden seyn: da wird er Hauß bei Hauß
umb einen Heller gehen, und streichen weidlich auß,
wie groß die Noth gewest, wie viel er zugesetzet,
da wird ein jeglichs zehn auf tausend hingeschetzet,
und ob ihn gleich die See gantz kahl und bloß gemacht,
so führet er dennoch mit Lügen seine Pracht.
Nun, was mit solcher Angst und Sorgen wird erkauffet,
wo nach man mit Gefahr der Seelen rennt und lauffet,
was man so lange Zeit auf einen Haufen spahrt,
das wird noch sorglicher erhalten und verwahrt;
die Laden voller Gold, die reichen Silbertruhen,
die lassen ihren Herrn gar selten sicher ruhen.
Ist der Dukaten gleich geharnischt wie ein Held,
es wird ihm eben wol von Dieben nachgestelt.
Wie leichtlich kann ein Brand in einem Hauß entstehen?
Wie leichtlich kans der Knecht, wie bald die Magd versehen?
Wenn erst Ukalegon, dein Nachbar, steht im Rauch,
so gilt es deiner Wand und deinem Giebel auch.
Je mehr ein solches Hauß mit Reichtum ist beladen,
je schwärer ist die Noth, je grösser ist der Schaden.
Das Faß Diogenis wird niemals abgebracht,
zerbrich es! Morgen ist ein anders nachgemacht.
Diß hat der große Fürst von Pella wol erwogen,
der nur aus lautrem Geitz die Welt hat überzogen,
bezwungen, durchgeraubt und fliegend überreist,
darum er auch für sich den Bettler selig preist,
dieweil er nichtes hat, und da es ihm bescheret,
zu fordern, was er will, kein Stäublein hat begehret,
ein Herscher seiner selbst, in allem Mangel reich,
ein Spötter der Fortun, des Königes zugleich.
Wie ferne mag man denn mach Gütern endlich streben,
wie viel deucht dir gerecht, sprichstu, zu diesem Leben?
So viel dem Hunger, Durst und Blösse wehren mag,
wie ehrmals Sokrates sich durchzuhelffen pflag,
und Epikurus auch in seinem schmalen Garten,
nach welchem wenig jetzt der Epikurer arten,
(die Schwärmer sonst genant) die Weißheit und natur
sind immer eines Sinns und eines magens nur.
Ist dies zu schlecht gespeist? Ich will dir auch gewehren
Ein täglich Mittel-Kleid, ein bessers, eins zu Ehren.
Was mehr! Sprichstu: Ein Hauß von aller Notturft reich,
den Keller wol versorgt, den Boden eben gleich.
Was mehr? der Rinder zwey, Gäns, Hüner, Tauben, Enten.
Was mehr? Zehn tausend Mark auff gar gewisse Renten.
Was mehr noch? Wiltu mehr? Ich weiß noch einen Schatz,
den heimlich hat verscharrt des Nachbarn graue Katz.

zur fünften Satire “Vom Gebet”

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 5. Juni 2009 7:24
Themengebiet: Dokumentationen, Literarische Fundstücke