Wenn der Fruchtprinz ruft…

Novelle

© 1989 Dirk Schindelbeck

1

Der Abgehalfterte war Gentleman geblieben, fast Grandseigneur. Gescheitert nur an der Benutzeroberfläche… Der Trasimenosee ruhte still. Eine Terrasse in Passignano. Und der Herbst heiter, ohne die feuchtkalte Heimtücke wie zuhause. Campari, was sonst. Wie die Früchte hier um die Wette prahlten: dieses Licht machte alles so leicht. Licht und Luft, welch göttliche Produkte. Eigentlich gab es keine Einsamkeit in Italien, nur Lässigkeit, vielleicht gar Gelassen-heit. Auch die Zeit hatte ein anderes Maß. Wie bei Rilke: Vom Hang des Apennins tragen sie dir dein Sagen zu, das dann…

Manchmal kamen ihm jetzt solche Verse hoch, von ganz unten, ganz weit. Unwillkürlich befühlte er sich, vom Hals an aufwärts, der innen ganz trocken war. Campari, was sonst. Hier ließ sich herumwandern, Kraft tanken. Was bewegte die Menschen, was machte sie zögern, zugreifen, kaufen? Er wusste es nicht mehr, Otmar wusste nichts mehr. Er, der sich ortlos vorkam, fühlte, dass er gerade darum hierher gekommen war, an diesen sanften, hellen und starken Flecken. Natürlich hatte er von Franz von Assisi gehört, der einst hier gelebt und das Städtchen, aus dem er stammte, so berühmt gemacht hatte. Auch das größere Perugia war ja nicht weit mit seinen unterirdischen Gewölben, da war vielleicht sogar etwas los in den Cafés, auf den Straßen, abends. Auch auf der Isola Majore war er schon gewesen, mitten im See. Auf dem Inselhügel dieses alte Schloss, verwunschen wie in „Vom Winde verweht”, welch großartige Szenerie. Dann der Blick von oben über das Wasser, auf diese Friedenslandschaft, den Fischerhafen. Dagegen Frankfurt: Virtuelle Interface-Geschichten: was sie heute nicht alles machten. Irgendwie hohl, durchgedreht, ohne Sinn und Menschenbindung. Der Benutzer verändert den Markenkern, bastelt sich seine Werbung selbst, am PC: verrückt. Campari!

Die Statue des heiligen Franz, ein alter Leuchtturm. Noch war er gar nicht richtig hier, da wusste er schon, dass er diese Landschaft für immer liebte. Diese pralle Sinnlichkeit und die Unbedingtheit, mit der alles draußen war, öffentlich. Das Leben selbst in seine Farben vernarrt. Hier eine Agentur aufmachen? Oder nur ein ganz anderer sein? Sich selbst verwechseln? Doch er war ja an der Benutzeroberfläche gescheitert. Irrsinn! Schluss jetzt, endlich, basta. Campari.

Abgehalftert mit einer Abfindung! Er, der 59 als Drücker angefangen hatte, erfolgreich wie keiner damals. Sich früh ein Ziel definiert, wo ihm niemand hineinreden konnte. Sich zur Marke gemacht, fest und kompakt. Fast immer richtig geführt! Mit wachem Bewusstsein. Stufe für Stufe nach oben, damals, immer nah am Kunden. Schon 68 eine ganze Etage gemietet, für seine Agentur. Kampagnen vom Feinsten: „Hilft dem Vater auf das Fahrad.” Fahrad mit nur einem F. 2000 Studienräte hatten Briefe geschrieben, entrüstet: falsche Orthographie, Schande für Deutschland. Grandios die Borniertheit deutscher Beamter. So leicht auszurechnen. 1970 sogar im Spiegel zitiert: Die Avantgarde der Werber, die Creme der Branche, die kommenden Kreativen! O wie lange her. Sie hatten in den Agenturen heute doch gar keine Kraft des Durchhaltens mehr, machten sich selbst kaputt vor lauter Hektik.

Abgehalftert mit einer Abfindung. Was würde bleiben von ihm? Er hatte den Fruchtprinzen erfunden, diese wunderbare Figur. Voller Poesie. Die Kinder liebten ihn. Aber was hatten sie daraus gemacht! Wie lange würde die Abfindung reichen? Ein Jahr oder zwei? Hier wahrscheinlich noch länger. Und dann? Seinen Selbstmord planen, als einen ganz großen finalen Auftritt? Oder eine Frau umwerben? Das Werben üben, ganz von vorn, ein letztes Mal, ein einziges Mal vollendet werben. Augen, Haare und Lippen, alles charmant umwerben, und natürlich den Busen, die Beine, das schwarze Dreieck. Alles richtig erfassen, traumhaft richtig anfassen. Die Kultivierung der Gefühle, der generösen, der heißen, als Komposition wie bei einem großen Gemälde. Ein Maximum an Energie an eine Frau verschwenden… An der Benutzeroberfläche gescheitert: was für ein Irrsinn! Campari!

An guten Vorbildern wachsen. Am Werbewerk des Franz von Assisi. Sich hinter Klostermauern seinen Gläubigern entziehen, um dort zu einer ganz großen Nummer heranzureifen. Grandios. Franz, der frühe Meister des Marketing. Wie Jesus, der Menschenfischer. Warum verstand das keiner? Keiner mehr? Unglaubliche Zeiten. Natürlich hatte er den einen oder anderen Ferrari gefahren. Und Venus erobert mit ihren Hügeln und süßen Grübchen. Ach, Venus, die kurzen Wochen mit ihr, so dicht, so tief, so lange her. Immer ging alles zu schnell, sprang aus der rasenden Bahn. Fortgerissen vom Strudel, vom Sog, ab in den Zeit-Gulli. Weg vom Fenster, immer drückten sie sich alle weg von den Fenstern. Und er? Er fiel hinaus, ins Bodenlose, in die Tiefe. Auf die Wasserfläche des Sees sah er plötzlich Kinder einen Plastikbecher ins Wasser werfen. Unendliche Traurigkeit überkam ihn. Wie der Becher auf dem Wasser tanzte, wippte, langsam, unendlich langsam auf den See hinaustrieb, entschwand.

War er der Fruchtprinz - oder nur der Fruchtzwerg? Er wusste es nicht. Abgehalftert und mit einer Abfindung. Allein seine unbeholfenen Versuche, italienisch zu lernen. An der Benutzoberfläche gescheitert, auch hier. Schau, über ihm die Mama, leidenschaftlich aus dem Fenster die Söhne zum Essen rufend. Italien, die Riesentomate. Liebe ist, wenn es Landliebe ist… Enoteka, Enoteka… Elite und Masse, was war er, wo stand er? Beeinflusser, Beeinflusster? Beides? Was wusste er vom einen, vom andern? Einfach werden, primitiv, sich verwechseln, radikal, zum Massengehirn zusammenschrumpfen. „Aber ich bin ein anderer!” hatte er irgendwo gelesen. Rimbaud? Vielleicht. Campari, Campari. So träumte er hin…

2

Er trat aus der Halle, wortlos wie meistens. Draußen sank schwer der Himmel, drückte wie Blei nach unten. Hinter ihm lag die Arbeit, mechanisch verrichtet. Diese Ventile! Er fühlte sich wie befallen, als sei er unvollständig: Unten lief etwas und sein Kopf kam nicht nach. Auf einem Plakat sah er ein Produkt, an der Bushaltestelle, unter dem Schirm hervor, dann kam schon der Regen, mit nervenzerreibender Gleichförmigkeit. „Nein”, sagte er sich, „was für ein Mist!” Eine Weile noch blieb er am Haltepunkt stehen, dann verdross ihn das Warten, er ging. Diese Gleichförmigkeiten! Quatschnass glänzte die Straße unter den Spiegelungen des Himmels. Oder waren es die Funken der Stromabnehmer der Straßenbahntriebwagen, die hin und wieder an den Oberleitungen aufblitzten? Er wusste nicht, woher etwas kam. Es war ihm gleich, er wünschte sich nur angenehmere Bilder: schwereloses Wetter, Urlaub, Süden vielleicht, ein Himmel in stahlhartem Blau mit weißen Flecken, unmerklich die Sonne darin, ein fast randloses Loch.

Ihm kam die Idee, in ein Cafe zu gehen und den Regen abzuwarten. Setzte sich, griff sich eine Zeitschrift, blätterte ziellos vor und zurück. Wieder das Produkt, es war rund. Kaffee, den er bestellt hatte, wurde gebracht. Er drehte den Löffel in der Tasse. Elegante Stühle hatten sie hier. Die Bedienung hinter der Theke starrte versteint hinaus. Neben dem Eingang saß ein Pärchen wie verwachsen an einem kleineren Tisch. Eine Gleichförmigkeit erzeugte die andere. Es regte ihn auf, er ging, mit wenig angenehmen Erwartungen an sein Eintreffen daheim: „Warum kommst du erst jetzt?” würde es heißen. Immer sollte er alles erklären. Es würde gegessen und geschwiegen werden und der Fernseher laufen.

Als er die Wohnung betrat, war niemand da. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Ich hab’ s heut’ nicht mehr ausgehalten. Bin bei Mama!” Was sollte das heißen? Er sah, dass das ‚heut’ eingefügt war. Diese Müdigkeit in ihm! Er ging zum Gerät, schaltete es ein, ließ sich in den Sessel fallen: Ein Herz auf der Harzreise - es schlug so voll - beim herrlichen Sturmlied. Grau der steinige Weg bergan, Geröllhalden rechts, schreiender Karst, dann in den tiefen Tann, dies wüste Meer aus Stämmen und Zweigen, frei nur der Blick nach oben zum massigen Gipfel, einer nackten Kuppe mit harten, verkrüppelten Bäumen. Hinter dem Wald an der Kehre endlich: Befreiung, Abendsonne und prächtige Landschaft! Schwarzblau die Hügelketten im Hintergrund und davor in den Tälern die kleinen Seen, so rein, so kalt, so klar. Erlöst jetzt das Sturmlied des Herzens, so sangen Leid und Einsamkeit… Die Stuntshow hatte gerade begonnen. Monsterfahrzeuge mit pervers großen Reifen zermalmten Schrottautos. Scheiben platzten, Holme knickten. Stählern die Gesichter der Fahrer. Wer würde heute Champion werden? Die Zuschauer brüllten vor Lust… Langsam stieg die Fahne am Mast empor zu getragenen Hymnenklängen. Die Politiker aufgereiht, mit ernsten, bleichen Gesichtern. Lautlos glitt der Sarg vorüber, unendlich langsam und bedeutungsschwer, der Trauermarsch setzte sich in Bewegung und der Sprecher begann in ernstem Ton… Die ganze Welt der Stuntshow, never ending action, ja und guten Abend aus Las Vegas. Phantastisch dieser Auftritt der Bikeartisten, die ihre Maschinen fast wie Raketengeschosse durch die Luftjagen, sechs, sieben, acht Fahrzeuge auf einmal überspringen. Ja, heut purzeln wieder die Rekorde… Die Lesbensprecherin kam auf den Punkt. Die heterosexuelle Ausrichtung der Gesellschaft, die geheimen Praktiken der Ausgrenzung, die Diskriminierung von Randgruppen. Und immer mit Schwulen in einen Topf. Wo blieb denn da noch das Recht auf das eigene Sein?..

Er war erschöpft. Diese Wirklichkeiten, für die nicht genügend Raum in seinem Kopf war. Er konnte sie doch nur streifen, „Ja” hierhin nicken, „Ja” dorthin und nochmals „Ja”. Endlich das beruhigende Gefühl eines reifen Bausparvertrages, o wie die grünen Buchstaben winkten. Ein kesses kleines Mädchen rollte die Augen vor der längsten Praline der Welt. Diese Symphonie von Farben! Wieder erschien das Produkt: Erdbeeren tanzten, eine Banane sang „..mit echten Fruchtstückchen…” Es war zum Schreien. Trotzdem musste er leise lachen. Lange vor den Spätnachrichten schaltete er ab, wälzte sich aus dem Sessel, ging in die Küche, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Da sah er sie stehen, zwischen Käseecken und Wurst, im Sechserpack. Jetzt war er doch neugierig, erbrach die Banderole und stellte sie auf den Küchentisch. Im Grunde sahen sie sehr adrett aus, sowohl einzeln als auch in der Anhäufung. Es machte Spaß, sie zwischen den Händen zu drehen. Es war feines Plastikmaterial, sauber und gekonnt gepresst. Er hätte zu gern gewusst, wie das hergestellt wurde. Es ließ sich eindrücken bis zu einem gewissen Grad, ohne dass es brach. Ideal für seinen Zweck! Zweck: wie das passte! Seit Jahren hatte er das Wort nicht mehr gehört! Zweck, wie von früher, oder war das von einst? Ihm wurde eigenartig leicht zumut, vielleicht kam ja noch mehr. Er ordnete die Becher anders an. Eine kleine Joghurtkompanie! Jetzt musste er richtig schmunzeln. Er drehte sie um: die Unterseite bestand aus einem geriffelten Plastikrand, der einen angeschweißten Ring bildete. Dadurch sahen sie höher aus, gestreckter und ließen mehr Inhalt vermuten als in ihnen war. Es war belustigend, sie anzusehen in umgedrehter Stellung. Wie bunte Hüte im Karneval. Noch mal drücken? Er probierte es, doch das kannte er ja schon. Selbstverständlich konnte er es essen, aber dazu musste er ihnen erst die Deckel abziehen. Doch eigentlich hatte er keine andere Wahl. Riss den ersten auf und schlang den Inhalt in sich hinein. Beim dritten hatte er genug. Dass dafür so geworben wurde! War aber auch wieder klar: die würden das doch niemals loswerden! Die restlichen warf er ungeöffnet in den Mülleimer unter der Spüle. Da sah er eine Plastiktüte, mit Werbe-Aufdruck, zerknittert, aber unverkennbar Fruchti. Er lachte verdreht, ging zu Bett und wühlte sich tief in die Decke hinein.

Er erwachte aus einer tiefen Melancholie. Was nahm er schon wahr, was verstand er überhaupt? Und in welcher Sprache? Von wo ging das aus? Warum wurde das verteilt? Warum reichte es nicht, dass es verbraucht wurde, immer und immer wieder? Natürlich musste der Umsatz stimmen. Aber dahinter, da war doch viel mehr! Diese Magie! Warum fragte er warum? Er war doch kein Kind mehr! Kinder fragten warum. Er war doch stabiler, konnte sich wehren, antworten. Musik war in seinem Kopf, jetzt war auch Musik in seinem Kopf, wie von selbst, weich und fein. Eine Melodie baute sich auf, kam und ging, wie ein Wellenrücken, ein Wasserspiel. Er erhob sich und erkannte ein erstes Wort: frisch. Akrobatisch tanzte es auf der Welle; andere Wörter drängten herbei, wollten es ihm gleichtun, aber wurden zurückgeschleudert, waren nicht leicht, nicht behend genug. Darunter aber schwoll immerzu das Meer auf und ab und rauschte und raunte „Leben!” Natürlich: Wasser war Leben, und je mehr das floss und sich fügte, schwoll und verrann, desto mehr und wahrhaftiger war dies doch das Leben selbst! Nicht das beschwerliche, mühsame, sondern das Leben in seiner Reinheit und Ursprünglichkeit saftiges Grün, tiefreines Blau und gleißendes Weiß: Himmel und Wald und Meer. Wie gut das getroffen war und wie locker es sich fügte! Er ließ es wirken, dass es anwesend blieb.

Wann und wo immer die Stromdrähte erzitterten, war die Melodie darin. Aus den großen Werken drang sie hinaus, eroberte die Stadt, jagte durch ihre Kanäle, ihre Kabel und lief in die Wohnblocks bis hierher an seinen Tisch. Doch wer erkannte sie schon in ihren unendlich feinen Schwingungen? Und wenn, warum fühlte sie keiner und setzte sich ihr aus? Jetzt war er sehr zufrieden, summte vor sich hin. Im Wohnzimmer trieb es ihn auf und ab wie einen Tanzenden: Solche hatte er auf dem Bildschirm ja oft gesehen, bei diesen Balletts mit ihren automatenhaften Bewegungen. Doch nun war das ganz anders, war er selbst davon getragen. Plötzlich rutschten ihm die Gedanken ab: Es war ja nur ein Wort, das da sang, ein albernes Wort. Missmut überkam ihn, er empfand den Raum als viel zu groß: er konnte mindestens sechs Schritt von einer Wand zur anderen machen! Als wäre er kaum noch da! Er ärgerte sich über sich selbst. Er war es doch gewesen, der sich geöffnet hatte der Melodie, die sich ihm entzog.

Jetzt wollte er es wissen. Doch es kehrte partout nicht wieder, so angestrengt er sich bemühte. „Nun gut, ich kann auch anders!” sagte er sich und versteifte sich schon, da überfiel es ihn: Im Fernsehen war die Melodie gespielt worden. Gleich bauten sich die Bilder wieder auf, entschwundene Rhythmen, leis erst und klein, kehrten zurück. Wieder erhob sich die Welle, sein Gefühl verdichtete sich, doch diesmal hatte er sich besser im Griff: „Nein!” schnitt er dazwischen - noch einmal wollte er nicht betrogen werden, und sieh, es funktionierte. Die Bilder zerfielen, die Melodie verebbte. Die Ursache? Der Rhythmus und das Nichtwissen, sein Nichtwissen. Zufrieden sah er sich um. Wie einfach war alles mit einer Strategie! Lag es am Rhythmus, änderte er doch diesen! Sport treiben, das baute auf, schottete ab, und auch das Ich profitierte davon. Ein Fitnessstudio! Rasch holte er sich das Telefonbuch heran und blätterte. Zufällig - es konnte doch nur zufällig gewesen sein - schlug er eine Seite auf: „Fruchti macht fit, Fruchti muss mit!” Er würgte, wollte es nur weghaben aus seinem Leben, einfach weg. Hundeelend wie er war verkroch er sich tief ins Bett und schlief schnell und mit hastigen Atemzügen ein.

Er hörte den Schlaf nicht mehr über ihn kommen. Als ob er erneuert worden wäre, war er morgens verwandelt und stark, voller Antrieb, Plan und Hoffnung. So eilte er aus dem Haus, die Schritte zielsicher und fest. Mit Riesenkraft stieg draußen auf der Tag und schob die Formen der Welt ins gleißende Licht: Straßenbahnen, Autos, Geschäfte, und die vielen Menschen, das ganze wache Leben! Welch dummen Fehler hatte er doch gemacht, sich so in sich zurückzuziehen! Jetzt nahm er die Spur wieder auf: Irgendwo wurde dieses Fruchti produziert und spannte seine Botschaft wie ein unsichtbares Netz über das Land. Wenn er sich einfach alle Kenntnis davon verschaffte! Dann wüsste er doch, warum es so wirkte! Schau, da war ja eines jener Plakate. Listig ließ er sich zurückfallen, machte sich weit und nahm es ruhig in sich auf. Links an der Seite das Ufer des Meers, Sonne, Wellen, schneeweißer Strand, schlanke Palmen im Wind. Welche Sorglosigkeit abseits der Hektik der Zeit! Zur Mitte hin saftiges Grün, Ruhe und Kraft: Heimathügel, Bauernhöfe, deutsche Landschaft. Vorn ein Bach, eine lustige Wiese voll Sommerblumen, und wie ein Monument darin der Becher in seiner Pracht. Und alles überspannt von einem Regenbogen „…mit echten Fruchtstückchen” in zarten Farben!

Doch was war das? Welch aufgeweckte Blicke hinter dem Becher hervor? Ein Kindskopf, ein kleiner Kobold! Er war verblüfft. Den hatte er übersehen. Er schüttelte den Kopf, musste innerlich lachen. So ein Plakat war doch eine Komposition von Aussagekraft. Wenn er nur herausfand, wohin es zielte. Vielleicht gar nicht dorthin, wo der frontale Betrachter stand. Da kam ihm eine Idee. Er trat ein paar Schritte seitwärts wie ein Unbeteiligter. Das war natürlich nur gespielt. Wie gelangweilt kehrte er zurück. Und sieh, das Plakat war gar nicht flächig, wie es aus der frontalen Draufsicht geschienen hatte. Wölbte sich der Becher nicht aus der Pappwand heraus? Er hatte das deutlich aus dem Augenwinkel heraus gesehen! Zufrieden drehte er ihm den Rücken zu, er wollte allein sein mit seinem Wissen. Wo war der Punkt, auf den sich alles konzentrierte? Er sah hinüber auf die gegenüberliegende Straßenseite: ein grauer Bauzaun, ein Briefkasten auf einem dicken, gelben Stahlrohr! Die Straße überqueren? Warum nicht. Er tat’’s - und fuhr elektrisiert herum. Unfassbar: am Briefkasten die Wirkung! Er betrachtete ihn von allen Seiten. „Das ist unglaublich!” befand er. Wieder entfernte er sich scheinbar gleichgültig, kehrte zurück, als ob er gedankenlos einen Brief abwerfen wollte. Er wiederholte es von links, von rechts. Ein anderes Mal vergewisserte er sich der Leerungszeiten, wie manche Briefeinwerfer es tun. „Man denkt, man sendet eine Botschaft aus, und man bekommt eine viel größere Botschaft”, murmelte er in sich hinein. Wie ein beschenktes Kind ging er zum Plakat hinüber, dann wie einer, der einen anderen schon sehr lange kennt. Und die kleinen Augen hinter dem Becher hervor, schienen sie nicht zu strahlen, als gäben sie ihm recht? Er überquerte die Straße wie in Trance, befühlte die Wand, streichelte sie. Diese Schwingungen! Auf einmal antwortete es nicht mehr. „Ich versteh schon…” murmelte er nachsichtig, aber unruhig. Gab es nicht Laserstrahlen, Magnetfelder, mit denen beeinflusst wurde, Farben, die phosphoreszierten, Cadmium enthielten oder andere hochwirksame Stoffe? Er sah zerknirscht aus, wandte sich ab, da überkam ihn die Erleuchtung: „Das ist doch viel zu teuer!” Er hellte sich auf, empfand eine tiefe Lust an dieser Wahrheit.

Wie weitermachen? Er wusste nichts mehr. Diese qualvollen Minuten! ‚Intensiver erleben!’ rief er sich innerlich zu. Doch ihm glückte nichts, ihm fiel nichts mehr ein. Ein bleierne Leere stieg in ihm auf, er bearbeitete die Wand mit den Fäusten: „Antworte!” schrie er, „antworte doch” ganz sanft. Als ob er sich den Mund hätte verbrennen könnte, hielt er ihn zu mit der Hand. War da jemand? Gott sei dank, niemand. „Antworte doch”, wisperte er vertraulich, „es bleibt unter uns.” Auch drüben am Briefkasten blieb alles still. Ob Laserstrahlen hier wirkten, bei Bedarf? Nein, es musste eine eigene Kraft im Produkt wohnen. Er presste Lippen und Lider zusammen, jagte durch finstere Gänge, an verschlossenen Türen vorbei: endlich ließ es nach. „Schritt für Schritt”, sagte er sich, „muss ich es angehen. Ich frage nach dem Ursprung, suche den Weg. Es kann nicht alles zu Ende sein.”

Passanten, kopfschüttelnde, nahm er auf einmal wahr. Ein alter Herr sprach ihn, wie er so richtungslos dastand, an: „Fehlt Ihnen etwas? Ist Ihnen nicht wohl?”

„Ich weiß nicht, woher es kommt”, sagte er tonlos.

„Was soll woher kommen?”

„Das da.”

„Das? Ich denke doch, aus Bayern! Aber ob Ihnen das hilft?”

Er schreckte hoch. Dankbar sah er neben sich das Gesicht des Herrn freundlich nickend, immerzu nickend: Bayern! Er machte sich stark, eilte zum Bahnhof, drängte hastig zum Schalter um eine Fahrkarte.

„Würzburg, Passau, Augsburg?”

„Erst mal Bayern.”

„Ich muss den Ort wissen, die Stadt, the city, du verstehn, Bayern nix Bahnhof.”

„Irgendwo in Bayern”, antwortete er.

„Augsburg?”

Ihm war es gleich, er nickte.

Später saß er im Zug, genoss die Entspannung, lehnte sich zurück. Die erste Etappe, und mit welcher Zuversicht! Wie die Bäume, die Häuser vorbeirutschten als lustig-bunter Brei. Langsam verschob sich sein Gefühl. In ihm stieg die Befürchtung auf, er könnte wieder verlieren, was er schon herausgefunden hatte. Notizen machen! Irgendwo in seinen Taschen fand er einen Briefumschlag und einen Bleistift, mit dem sich noch schreiben ließ. Hastig fertigte er eine exakte Zeichnung von dem Plakat und der Wirkung des Produkts an, an jenem Briefkasten. Er gestattete sich eine Pause und übersah sein Werk. Jetzt war er herrlich leer und verfiel in eine weiße Müdigkeit. Er war in einem Haus, das ihm gehörte. Abend war’’s, ging in die Nacht. Draußen polterte Sturm, irgendwie hatte er das Bedürfnis, sein Heim bis auf die letzte Ritze abdichten zu müssen. Den Sturm, diesen Teufel, wollte er um keinen Preis hereinlassen. Denn der trug Keime mit sich, das hatten sie durchgesagt; schon der Wind war nicht ungefährlich in diesem Land. Das Abdichten kostete ihn viel Mühe, und er hatte sehr zu kämpfen mit den Fensterrahmen. Aber es gelang ihm, wenn auch mit großer Anstrengung. Er wollte sich eben zur Ruhe begeben, da fiel ihm ein, dass er die Dachluke noch nicht überprüft hatte. Er stieg auf den Speicher und sah, dass es weniger der Sturm war, der ihm so angst gemacht hatte als die vielen Papierfetzen, die Tüten und Anzeigenreste, die durch den Lukenspalt hereingedrückt worden waren. Er sammelte das Lumpenzeug ein und warf es hinaus, die Luke fest verschließend. Erleichtert ging er die Treppe hinunter, da sah er, dass der halbe Flur schon mit Zeitungen und Papier angefüllt worden war. Es war durch den Briefkastenschlitz ins Haus gedrückt worden. Erschöpft ließ er es geschehen und schlief danach wie ein Toter. Am nächsten Morgen waren alle Räume wie von unsichtbarer Hand mit Anzeigenstücken tapeziert worden. Wie entgeistert schwebte er durch sein Haus: Ja doch, jaja doch, sehr schön… So fuhr er dahin.

Eine freundliche Stimme durchzuckte ihn. „Hier ist doch sicherlich noch ein Plätzchen frei?” Eine von den netten, älteren Damen war ins Abteil getreten. Alles an ihr war Komposition: Ton in Ton durch bei aller Zurückhaltung doch kräftige Farben, die alle auf ein helles Grau zustrebten. Der große Rest an ihr aber war herzig, rosig und rund. Wie in einer einzigen Selbstbegegnung des Geschmacks antworteten ihre rundlichen Hände der runden Handtasche - selbst ihre Atemzüge schienen kugelrund, als ob sie sich fortwährend selbst zunicken wollte.

Das konnte er, der sich schlafend stellte, zwischen den Augenlidern hindurch beobachten. Nachdem sie sich gesetzt hatte, dauerte es einige Zeit, bis sie eingerichtet war. Sogleich erfolgte zielstrebige Geschäftigkeit: diese planmäßigen Handgriffe! Auf alles war sie vorbereitet. Aus ihrer Handtasche förderte sie eine Papierserviette zutage, entfaltete sie akkurat und entnahm ihr ein Plastiklöffelchen; ordentlich legte sie dies auf das kleine Klapptischchen. Jetzt musste es kommen - er öffnete die Augen und nickte ihr aufmunternd zu.

„Es ist das gute”, sagte die Dame wie von selbst, mit einem freundlichen Augenaufschlag.

Er nickte verständnisvoll, doch empfand sein Lächeln wie eine spannende Gummimaske.

Mit ihren kurzen Armen begann sie eifrig zu essen, und indem sie die rosa Masse in sich hineingleiten ließ, schien sie sich aufzuhellen, pastellfarbener zu werden.

„Es ist das gute,” wiederholte sie unter einem Gluckslaut des Wohlbehagens.

„Das gute”, wiederholte er mechanisch, doch blitzartig durchfuhr es ihn: „Ja, kann man das Gute denn essen?”

„Ich verstehe nicht?”

„Kann man das Gute essen?” wiederholte er.

„Gutes essen? Aber natürlich! Was sollte man sonst damit tun?” fragte die Dame erstaunt.

„Das hab ich nicht gewusst”, gab er kleinlaut zu.

Sie schüttelte den Kopf, ihm wurde unbehaglich, er schämte sich seiner Dummheit, schloss die Augen und stellte sich wieder schlafend.

Heimlich zwischen den Lidern beobachtete er ihren rosa Konsum.

„…das Gute…” hallte es nach in ihm.

„Allgäu!”, sagte die Dame unvermittelt. Sie wusste, dass er nicht schlief, „es kommt aus dem Allgäu.”

„Woher wissen Sie das?” schreckte er auf.

„Sie wissen es nicht? Jedes Kind weiß es! Das zeigt doch schon der Deckel an, damit es niemand verwechselt im Kühlregal. Und es besagt: Allgäu, denn der Deckel ist bläulich. Wäre er grünlich, so wäre es klar: es käme aus Niedersachsen. Und dazu die Prägung im Boden. Wenn Sie darüber fühlen, werden Sie es merken: Das Zeichen für Allgäu.”

Innerlich brachen seine Verstrebungen: „Das Zeichen für Allgäu!” wiederholte er entgeistert. „Ja, und beim Milchreis,” fuhr die Dame fort, „beim Milchreis ist es ähnlich.”

„Das wissen Sie auch?”

„Natürlich, das nimmt man doch so mit. Aber wann ich angefangen habe, es zu wissen… warten Sie mal, nein, da fragen Sie mich zuviel.”

Damit schwieg sie, er aber lehnte sich zurück mit einem wie abgestandenen Lächeln.

Alles lebte unter einem Zeichen! Er hämmerte irre Blicke hinaus. Anfangen etwas zu wissen! Was für ein Anfang! Er fasste es nicht, schwenkte den Kopf gewaltsam zurück. Seine Augen kamen ihm vor so empfindungslos, so kalt. Brückenträgerschatten feuerten ins Abteil. Dieses Flackern, er könnte vergehen!

Inzwischen hatte die Dame ihren Genuss eingestellt, die Mahlzeit beendet. Ordentlich legte sie das Plastiklöffelchen beiseite, wickelte es ein in das bereitliegende Papiertaschentuch, und machte Anstalten auszusteigen. Sie erhob sich, nestelte an ihren Knöpfen, und der Zug bremste schon an.

Ihn überkam eine namenlose Angst, sie könnte den Becher mitnehmen.

„Lassen Sie nur stehen, ich mach das schon!” bettelte er.

„Aber nicht doch. Das ist doch unappetitlich.”

„Nein, mir macht das nichts aus, nicht das geringste.”

„Ich bitte Sie, ich muss mich ja richtig schämen. Passen Sie auf: Ich geb Ihnen einen frischen.”

Da, wieder: Frische, er konnte doch wirklich nicht..

„Nein,” stieß er heftig aus, „ist wirklich nicht nötig, nicht wirklich…”

Der Zug war langsam geworden, schon tauchte der Bahnsteig neben dem Fenster auf. Die Dame setzte energisch ihren Hut auf, zuckte mit den Schultern und verließ wortlos das Abteil.

Jetzt besaß er ihn, drehte ihn zwischen den Fingern, wog ihn in der flachen Hand. Schneeweiß und sauber bedruckt! Und diese handliche Größe der puren Form! Es bestand ja die Möglichkeit, es sachte einzudrücken, und eine kleine Beule würde gleich wieder herausspringen. Er musste nur die Stelle treffen, und es machte ein kleines ‚Blobb’. Dieser Kontakt! Er drückte sanft hier und da und mit allem Gefühl und es antwortete mit einem feinen ‚Blobb’.

Er war auf der richtigen Spur.

3

Bald musste auch er aussteigen; in der Bahnhofshalle überkam ihn Unlust angesichts dieser großen Tafeln, lauten Töne, ungewohnten Botschaften. Mechanisch warf er den Becher in einen Abfalleimer, schaute sich um, nach hinten, nach vorn, verwirrt wie ein Kind. Auf dem Bahnhofsvorplatz war alle Erregung weg. Er fühlte sich auf einmal zerfasert wie morsch getretenes, lange gequältes Holz. Abgestorben sein Gefühl für die Fülle der Frucht, die anschwoll und sich herbog übers Meer, gereift unterm Rumbawind, ein Schlemmertraum aus Sonne und See. Erloschen die wilden Feuer, das Palmenlied und der Mädchen sanft wiegender Takt. So elektrisiert war er gewesen, und jetzt diese Schaufenster platt und blöd, von Waren berstend. Tot und wie Schaumblasen quollen Menschengesichter an ihm vorbei.

Eine kalte Unruhe ergriff ihn: wie waren ihm diese Zeichen fremd! Er mochte diese Straße nicht sehen, durch die barbarisch anschwellender Lärm sich presste wie durch ein schmutziges Rohr. Im Dunkel einer Toreinfahrt fror ihn. Er lauschte in sich hinein, wo sein Atem auf und ab ging wie ein Tier. Warf die Angel des Geistes aus in den dunklen Teich, der unter ihm lag, wo sich Gestalten hoben, dicht wurden und wieder zerstoben in Wasser und schwebenden Kalk.

Und wie er so angelte in sich, versunken, der einzige und letzte Gast am Ufer der Seele, lösten sich Töne, standen im Raum, in rhythmischen Folgen fester werdend und sich wiedererzeugend. Und auf einmal zuckte es an der Seelenangel, und er konnte ihn greifen, den vollen, den rhythmischen Sinn: aus Freiheit geboren aus Freude geschenkt…

Ein Liebender war er, ein Sternenkind. An einem Zebrastreifen half er einer Oma die Fahrbahn zu überqueren, kehrte um, trug einer Frau ihre Tüten, schau, und er neigte den Kopf galant. Dann aber kam Sturm über ihn, er warf alles hin, dass die Gurken auf der Straße zerplatzten, schob mit leichter Hand Passanten zur Seite, gewann Boden und war schon hinweg. Aus Freude geschenkt! Stark, ein Stein, kein Wort, Macht aus Musik. Aus einfachen, abgenutzten Wörtern das Sein. Traumhaft sicher bestieg er den Bus; Linien sausten vorbei von Fenstern, von Zäunen, davor die Köpfe der Menschen wie dicke, immerzu tanzende Noten. Irgendwo stieg er aus und ging auf der Landstraße, zwischen rechts und links geworfenen Gehöften, und er probierte es wieder und wieder und sein Schritt klang wie es klang: aus Freiheit geboren aus Freude geschenkt…

Warmer Wind bestrich die Flächen. Im Gehen bewegte er die Rhythmen, tönte sie auf, tönte sie ab. Es hatte feste Teile und variable; die Melodie nahm sie auf, verarbeitete sie: aus Deutschland geboren nach Bayern verschenkt. Wie heroisch! Lebendiger vielleicht? Aus Liebe geboren den Eltern geschenkt.. aus Zeiten geboren zu Taten gedrängt. Was für ein unterhaltsames Wortverschiebespiel! Auf einmal war die Zeit nicht mehr leer. Die Baumstämme schienen ihm Sprossen: Erinnerungen lagerten sich an. Er sah sich im vorausschauend zu groß gekauften Schlafanzug im weißen Schleiflackbettchen verloren die Augen rollen, über ihm die Tütenlampe wie Gottes müde geworden er Lautsprecher. Dieser frühe Glanz und die Verworrenheit der Welt, sein Staunen vor der unvermittelten Gewalt und der haltlosen Liebe der Eltern. Und später das Quieken der Mädchen, gleich getretenen Schweinen im Dunkeln, wenn er sie bösartig an den Haaren zog. Und schließlich die lange Gewöhnung, der öde Ablauf der Jahre, die Ventile, die Gummidichtringe, die Pflicht.

Die Baumkronen über ihm, langsam hinfließend, Kastanienhände mit Keulenfingern! Er baute innerlich ab. Was war gut, was schlecht? Er lief schneller, um nicht zu denken, hetzte sich selbst in Schweiß. Eine Bank gab ihm Ruhe, eröffnete den Blick in eine große Talsenke: einzelne Gehöfte, sich schlängelnde Wege, Felder in Wellen, drüben ein Wäldchen. Davor lief ein Menschlein auf ein Häuschen zu. Kühe wie Pumpen hoben und senkten den Kopf. Ein Auto kroch langsam einen Feldweg entlang. Natur vortäuschen, das hätten sie gern! „Heimat!” schrie er wie verwundet auf. Da war das Menschlein verschwunden, das unendlich langsam fahrende Auto auch. Nur die Kühe im Senkengrund waren noch da; immerzu pumpten sie Gras. Er lachte, wie er sie so stehen sah mit ihren Pumpenschwengelschwänzen.

Der Nachmittag verlief ruhiger, er nahm weniger wahr. Gegen Abend gelangte er in ein Dorf. Auf dem Anger war das Festzelt aufgeschlagen worden. Gerade formierte sich die umstehende Menge zu einer lockeren Schlange. Am Eingang stand der Bürgermeister und begrüßte die Einwohner. Ihn aber führte man im Zelt auf ein Podest. Der erste Fremde sollte, so der Brauch, zum Zeichen der Gastfreundschaft den Fassanstich vornehmen. Mit gewaltigem Schlag schlug er den Zapfhahn hinein, und wie von selbst entfuhr es ihm: „Aus Freiheit geboren aus Freude geschenkt!” Applaus brandete auf, blendende Helle umgab ihn. Wie auf dem Bildschirm der Liebling der Massen, dessen Gesicht ein Scheinwerfer so lange anstrahlte, bis es vor Freude glühte und sich nach allen Seiten umdrehte: I love you I love you so. Gesichter schwenkten vorbei, in denen die Augenkerzen freundlich flackerten. Er dachte an die Rübenlaternen, die er als Junge so gern geschnitzt hatte. Zungen wischten schnalzend über Humpenränder. Männer wie Bären in Anzügen traten auf ihn zu und verpassten ihm freundschaftliche Schläge. Verzehrender schauten die Frauen. Wie frische Äpfel glänzten ihre Wangen, und in ihrem Blick lagen saftige Wiesen, Tannenwälder und kleine barocke Kapellen. Zu ihnen setzte er sich gern, bis - schon kicherten die Frauen verdruckst - das Dorfrecht auf ihn zutrat. „Hallo, ihr Neuen,” entfuhr es ihm ungeschickt. „Was gloabst, wer”d bist?” Von Bärenmännern ausgedrückt fand er sich wieder vor dem Zelt.

Leer war es, hell und still. Die Hunde satt in ihren Hütten. In den Vorgärten neigten sich die Sonnenblumen. Am Dorfende, an einen Zaun gelehnt, fand er ein Fahrrad. Einige hundert Meter weit rollte er die Straße hinunter, bog ab und fuhr auf Feldwegen landein. Obstschwer roch das Land und nach frischer Erde und Blattwerk, wenngleich der Weizen schon überall mächtig schoss. Dann sah er die riesengroßen, abgeernteten Erdbeerfelder, die ihn benebelten mit letztem Geruch. Jede Aktion bis zur Sinnlosigkeit steigern, durchfuhr es ihn. Er betrachtete den einzelnen Stein auf dem Weg wie Gott, der ihn einst gemacht hatte, um ihn just hierhin zu legen. Scharenweise krochen die roten, hauslosen Schnecken über den lehmigen Weg: ein Gewitter hatte sich abgeregnet. Anfangs umfuhr er sie, bis er aus Versehen eine zerdrückte. Abrupt verkehrte sich seine Haltung: er überfuhr sie gewissenhaft. Traf sie gut, zertrennte sie exakt in zwei gleiche Hälften. Er verlangsamte die Fahrt, um die Schwierigkeiten beim Halten des Gleichgewichts zu erhöhen. Wieder präzise Schnitte. Aber er wurde das Gefühl nicht los, als wüchsen die Teile hinter seinem Rücken wieder zusammen, schwöllen die Körper an und lebten wieder auf. Später gelangte er an einen halbverfallenen Hochstand. Er stieg hinauf und bereitete sich auf den Sonnenuntergang vor. Noch schlugen Sonnen- und Herzball vollrund in den Tag. Dann langsamer. Die Quetschung begann. Ein glühendes Kreissägeblatt schnitt in den Horizont ein. Dies stille Fallen hinter den Berg! Die Wolken bestrahlte ein heller Lichtschein, faserte aus, fingerte zag, Schlagschatten fielen hier und da wie in einer Diskothek, die die Lichtorgel abbaut, mitnimmt, nach Westen hinüber, nach Frankreich hinein. Dann schlossen sich die Vorhänge aus Baum und Wolkenkronen über ihm, es war grauenhaft leer. Irrsinn, was die Augen ihm boten!

Im Morgentau dämmerten ihm die vergebenen Siege seiner Jugend. Diese große Frische! Er befühlte sein Kinn, es lag gut im Wind. Er radelte durch ein Dorf, kaufte sich Brot, Wurst, Apfelsaft. Von Glockengeläut angelockt trat er in eine Kirche. Neben ihm in der Bank murmelte ein Mütterlein Rosenkränze. Er musste an die Auspuffe von Oldtimern denken, aus denen die Fehlzündungen spotzten und purzelten, während der Gebetsmotor unablässig sein Drehmoment entfaltete. „Ein Rosenkranz kann nur ein Zwölfzylinder sein,” entfuhr es ihm. Klar, optimaler Rundlauf, zwölf Jünger, zwölf Apostel, Jesus der erste Ferrari-Fahrer. Die Vorstellung amüsierte ihn, aus ihm lachte es laut. Scharf und strafend fuhren Blicke herum. Mein Gott, er benahm sich ja schon. Der Pfarrer fing an, vom Tod zu sprechen. Sich diesen zum Freund machen. Sich geschickt an ihm vorbeiwinden, ihm am besten nur eine alte, verschrumpelte Hülle in die Hand drücken und sich auf leisen Sohlen in einen warmen Stall davonschleichen. Er wollte etwas dazu sagen, meldete sich, aber kam nicht dran. Da war es ihm egal, vom Neuen, vom Frischen kannte der nichts. Verärgert ging er und warf die große Eichentür hinter sich zu. Aus der außen angebauten Sakristei kam, aufgeschreckt vom Schlag, der Küster, wollte ihn zur Rede stellen. Zur Seite drückte er den Kerl, ging seines Weges. Hinter der Stadt standen die Felder in Wellen.

Er lief einige Zeit, sensibel, ein wanderndes Ohr. So also zitterten die Gräser, so also ragten die massigen Körper, aus denen die waschlappengroßen Zungen herausfuhren, sich das Gras in die Mäuler zu drehen. Das Grün auf dem Plakat war unheimlich echt. Das konnte er jetzt überprüfen. Er spürte einen inneren Freudendruck, dass er schwieg. Verglich sich mit gestern, als er gelaufen war: blass, klein, eine konturlose Figur. An der Hügelkuppe klebte das Werk. Er kam näher: wie mickrig! Ein Schiebetor war geöffnet, und er betrat den Hof, auf dem ein Lastzug stand. An der Rampe, vor einem aufgerollten Aluminiumtor, bewegten sich Gestalten. Unauffällig passierte er sie, erklomm eine Behelfstreppe und fand sich vor riesigen Palettenstapeln. Im Hintergrund schwirrten Leute, überall zischte und rauschte es von Druckluft. Endlich bemerkten sie ihn, winkten ihn vorbei ins Büro, da könne er seine Bestellung aufgeben. Er arbeitete sich zu ihnen heran: wegen Fruchti sei er gekommen. Sie hörten ihn nicht, er setzte erneut an. Er hatte es doch verstanden wie keiner, vielleicht könnten sie ihn gebrauchen, irgendwie für die Werbung oder so, dann würd man es sehen, sein Verständnis. „Gebt’s doch mal an Augenblick a Rua!”, hieß es von irgendwo: „Was willst?”, und das Zischen ließ nach: „Werbeaufnahmen? Bist deppert?” - Stimmen flogen: „Des is mia a schöna Spezi”.

„Schmarrn!”, und wieder zischte die Luft. Ihm sackten die Knie. Er drehte sich ab, doch unverhofft nahm sich eine Frau seiner an: „Lasst’s doch den Herrn!” und begleitete ihn quer durch die zischende Halle, bis vor die Abfüllmaschine. Wie das mulmte und schwang und die Masse bezwang und immer abteilte in gleicher Menge aus unendlichem Strome nie versiegender Qualität. Sie lachte, steckte ihren Finger in einen kreisenden Bottich, lutschte ihn ab: welche Bewegung! Er warf den Kopf herum. Draußen auf den Wiesen wurde es abgesaugt aus den Schenkeln der Tiere, um hier drinnen gleichmäßig gemacht zu werden, und so frisch, dass er es überall heraustropfen und herumschleudern sah. „Da, schaun’ s, bringen’ s uns grad die Becherle her, von Mannheim, glaub i, wir füllen’ s halt nei!” Er fasste es nicht: Ein lausiges Endprodukt, auf Sollstärke abgepackt! Sein Kopf wuchs bedrohlich. Das war doch nicht alles! Die taten ja bloß ihre Arbeit! Ihn packte der Hohn: „Servus!” Sollmenge abfüllfrisch!

Auf dem Hof fragte er den Lastwagenfahrer, der sich eben zur Abfahrt anschickte, ob er ihn mitnehmen könnte. Der Mann nickte gelangweilt, er stieg zu. In der Kabine waberten verrauchte Jahre aus der Plastikverkleidung. Sie befuhren die Landstraße. Unten brollerte der Motor, Äste peitschten das Dach. Wie groß diese Lenkräder waren. ‚Wie dieses Land doch verspannt ist durch die Autobahnen!’, dachte er souverän Wort für Wort. „Wie dieses Land doch verspannt ist durch die Autobahnen!” kam es aus ihm ganz gepresst. Wie ihm die Sprache raste! Der Fahrer nickte nur und strich sich übers schwarze Haar, das zurückgekämmt lag, ganz glatt und glänzend Rauchte stark. Seine Lippen waren sehr trocken, er trank immer wieder Mineralwasser aus der Flasche, die er sich zum Öffnen zwischen die Beine klemmte. Wenn er rülpste, entblößte sich sein rissiger Rothals, glich einem zerstörten Kanalsystem. Strich sich wieder übers Haar. Langte ein Comicheft unter dem Sitz heraus, legte es aufs Lenkrad, las, legte es beiseite, zog einen Porno heraus, drehte das Radio an und lenkte in Trance. Also verging die Zeit.

4

Vor der Stadt wurde er abgesetzt. Ein Gasthof fand sich, über Schnitzeln hinweg auch bald ein Gespräch. Die Helden, die man so kannte! Und der Alltagstrott in den Ehen, an den Abenden mittelmäßig und manchmal mit kleinen Lachern. Zu lustig, wie sich doch alles glich, und dieser hier, der nannte es offen und frei. Was war denn das Leben, wenn nicht die Jagd nach dem Guten und das Wissen von ihm und sein Besitz!

„Es hilft doch nichts”, begann der andere und wischte sich den Mund ab, „das beste setzt sich durch, und Kalopan ist Marktführer!”

Und er löste Gürtel und Krawattenknoten und lachte zufrieden: „Wirst” s auch bald erkennen, wetten?”

Er nickte artig.

„Siehst, falsch, das heißt: zu wenig. Von außen kriegst’ s nimmer erfasst: Kalopan, des is zentral. So wirkt’ s, geht’ s an die Wurzel, verstehst’, stabilisiert’ s dich wie ein Stück Kraft!”

Er fragte lieber nach: „Kalopan ist besser?”

„Völlig konkurrenzlos, ist halt anders.”

Er schaute fragend.

„Nicht so. Nicht: Was ist Kalopan? sondern: was brauchst du? Wenn ich dir sag: Kalopan ist dies oder das, ich könnt” s grad bleiben lassen. Kalopan kannst so nicht erklären, es ist mehr. Du musst zuerst sagen, was dir fehlt, und dann sag ich dir, was Kalopan ist. Noch mal von vorn: Ich sagte, Kalopan geht an die Wurzel und wirkt von da?”

„Ja”.

„Und du bist einer von denen, die sich nicht mit Äußerlichkeiten zufrieden geben, stimmt” s?” Er nickte.

„Siehst. Jeder ernsthafte Mensch denkt so. Und jetzt verrat ich dir was: Kalopan ist das beste gegen Unkenntnis.”

„So wie ein Lexikon?”

„Noch nicht, noch nicht jetzt, wart nur mal ab. Was hilft’ s denn ein Lexikon, wenn’ st keine Zeit hast, keine Konzentration aufbringst, he? Gerade da setzt Kalopan an, weil’ s vom Zentrum kommt, aus der Konzentration. Hier baut Kalopan dich auf, hier macht” s dich stark. Und da liegt der Schlüssel. Somit ist Kalopan das einzige, das dir helfen kann, selbst das nicht zu versäumen, was du sonst, ohne Kalopan, immer verpasst. Denk doch nur mal nach! Wenn Kalopan alles Lähmende abbaut, kann’ s doch für jeden, der positiv lebt und denkt, nur eins geben: Kalopan!”

„Ist das vielleicht so ähnlich wie Alkapon? Das nimmt meine Frau.”

Der andre lachte laut auf: „Dass die alten Kombiprodukte überhaupt noch am Markt sind!

Aber im Ernst, da hat Kalopan schon andere Dimensionen. Allein der Antiermüdungsfaktor. Das Frischereservoir! Die Universalanwendung! Die Wirkstoffkombination! Alles doch nur in Kalopan. Und der Anwendungsbereich ist doch heute entscheidend! Kalopan beruhigt dich, wenn’ st erregt bist, baut dich wieder auf, wenn’ st matt bist, dich eng fühlst. Kalopan wirkt auf dynamischer Basis, weil: Es hat den Biosensor, der fühlt, wie’ s dir geht. So hat Kalopan unendlich viele Qualitäten, weil’ s deine Qualitäten aktiviert, und trotzdem ist” s eben immer mehr als alle Qualitäten, eben weil’ s Kalopan ist. Kalopan ist Kalopan!”

Ihm drehte sich alles: „Jetzt weiß ich gar nichts mehr.” -

„Später,” sagte der andere, „wir müssen jetzt dranbleiben, gleich sind wir soweit. Mach dir nur eins klar: Jedes gute Produkt ist eine Zukunftsinvestition, wenn’ s aufbaut. Jedes gute Produkt wirkt aufs Zentrum, weil’ s Hoffnung macht. Also gibt jedes gute Produkt Sicherheit. Und das beste Produkt ist Kalopan, weil’ s unmittelbar aufs Zentrum wirkt. Kalopan ist Hoffnung. Deswegen ist’ s ja auch nichts, das man so einfach als gut befindet und damit fertig und ab! Kalopan wird ja erst in der Wirkung erkannt. Erst wenn du’ s nimmst, erkennst’ s. Denk ich zum Beispiel an meine Zeit vor Kalopan: O Gott, wie lief ich rum! Ein SchrumpfIch! Meine Erlebnisfähigkeit - null, meine Hoffnung - ein Trauersack! Ich wusste ja nicht mehr, was Zukunft bedeutet, Sicherheit, Selbständigkeit, Freiheit… Wortblasen für mich, die jetzt wieder da sind, voll, prall. Die Sicherheit, die trägt mich wie ein Stahlträger, die Selbständigkeit - meine Insel, die mir allein gehört. So sieht das aus…”

Der andere sprudelte sichtlich: „Hör zu, ich mach dir einen Vorschlag. Ich zeig dir den Wirkring von Kalopan. Es ist ganz einfach. Du kannst irgendwo einsteigen und kommst von dort immer zur Vollwirkung. Ich fang mal bei der Jugend an:

Jugend hat Kraft und Frische:

Kraft und Frische spenden Selbstsicherheit:

Selbstsicherheit plant Zukunft bewusst:

Bewusste Zukunftsplanung bringt Erfolg:

Erfolg schafft Überlegenheit:

Überlegenheit gewährt Wohlbehagen:

Wohlbehagen ist der Schlüssel zum Glück:

Glück gibt das Gefühl von Freiheit:

Freiheit - das höchste Erlebnis:

Erlebnisse haben nur Genießer:

Genießer sind Menschen mit Geschmack:

Geschmack hat, wer die Schönheit kennt:

Schön ist die Jugend:

Jugend hat Kraft und Frische…

Ihm drehte sich alles: „Das ist ja wie ‚Ein Loch ist im Eimer”!

„In der Tat!” Der andere schüttelte sich vor Lachen, „in der Tat. Nur dass dort der Kreislauf von Mangel, Versagen und Unfähigkeit herrscht, und sich hier der Wirkring aus Kraft, Genuss und Fülle entfaltet. Aber ich seh, du hast’ s Prinzip verstanden, die Idee. Und das ist’ s ja, was ich dir die ganze Zeit über erklären wollt’, und jetzt hast’ s selbst viel besser ausgedrückt als ich das jemals könnt”, in Rekordzeit, super!

Und weil das so ist mit dem Wirkring, weil eben eine Idee, eine ganze Welt dahinter steckt, kann Kalopan doch nicht ein einziges armseliges Produktchen sein: Kalopan muss das Multi-, das Universalprodukt sein. Und weil wir bei Kalopan wissen, dass die Zeit für Produkte, die nicht untereinander abgestimmt sind, endgültig passé ist, bieten wir mit und in Kalopan natürlich auch eine ganze Welt an! Logisch, nicht!”

Er nickte beflissen.

„Eben! Und deswegen kann es Kalopan ja auch nicht nur als Haut und Nacht-, sondern muss es auch als Pasteten-Gel und Gourmetcreme geben, nicht nur als Tranquilizer, auch als Stärkungsmittel, als Bausparvertrag und Autoversicherung, als Fluid und Pulver, als Tonic und Konzentrat, mild oder straight, mit vollem Korn oder mit bakterienzerfetzender Sofortwirkung. Was sagst nu?”

„Ich, ich kann mir das gar nicht vorstellen…”

„Ausgezeichnet, pass auf! Ich mein’ s so: Die phantastische Qualität von Kalopan nicht auf zehn oder zwanzig, sondern auf sag’ und schreib’ hundertsechsundachtzig Produkte übertragen, wie find’ st denn das?”

„Aber ist das nicht ziemlich teuer?”

„Für was hältst du Kalopan, willst’ s beleidigen?”

„Nein, nein, das wollte ich nicht!”

„So wahr ich hier sitze, ich schenk’ s dir, nimm mich beim Wort! Ich versprech’ s dir: Nie mehr in deinem Leben sollst noch Mangel an Kalopan leiden müssen. Hier, nimm mal, für den Anfang.”

Er drückte ihm eine Rolle Drops in die Hand.

„Hm, die schmecken wirklich gut”, befand er.

„Fraglos!” sagte der andere, „die entlasten den Magen. Aus unserer Gen-Forschung. Du könntest fünf Schnitzel hintereinander essen, danach nur ein, zwei Kalopanforte geschluckt, und’ s Völlegefühl ist weggeblasen. - Aber was ich sagen wollt: Du sollst ja nicht mein Käufer sein, wo denkst hin? Soviel Anstrengung dafür? Kalopan verkauft sich ja von selbst. Warum also mach ich’’s, warum? Du, ja du hast jetzt ja schon soviel verstanden, dass du diese Begeisterung auf andere übertragen kannst. So, und darum gehen wir beide jetzt nach oben, duschen uns fit, und dann, so wahr ich hier sitze: Ein kalopanstarker Nachmittag liegt vor uns. Ich wird’ s dir zeigen, du kommst mit. Wir drücken’ s ihnen auf die Nasen und Ohren, dass es nur so kracht!”

Ihm ging der Atem stockend, der andere bemerkte es wohl.

„He, du willst doch nicht das beste an dir verkommen lassen? Deine Superschwingung, auf der richtigen Welle wie der Blitz abrauschen zu können?”

„Nein.”

Der andere hielt inne: „Nun sag du mir doch mal, was du so verdienst!”

„So zweitausendachthundert Mark ungefähr.”

„Ja, da schau her. Soll ich dir sagen, was ich darüber denk? Lachhaft ist’ s, wenn’ s nicht so traurig wär. Im Grund gibt’ s dafür nur einen Namen: Ausbeutung. Verdienste unter Achttausend: bei Kalopan unbekannt. Als Einstieg. In den ersten zwei, drei Monaten. Danach kommst schnell und locker auf Zwölftausend. Du glaubst’ s nicht? Ich zeig dir meinen Kontoauszug: Im letzten Monat Achtzehntausenddreihundert. Mann, o Mann, ein Mensch wie du, der noch staunen kann, der… ach, was sag ich, ich seh’ s dir ja an: Du glaubst an das Gute, an die Qualität?”

„Ja”, stammelte er.

„Ich wusste, ich hatte recht: Dir ist Qualität heilig. Und du willst das beste an dir verkommen lassen? Deine Jugend? Deinen Charme? Ich sag dir nur eins: Gib dir den Stoß, wag den Sprung. Du musst einfach zu den Siegern gehören. Und ich sag dir: Du schaffst’ s. Der Markt liegt vor dir, und er ist sooo breit, du musst nur zuschlagen. Komm!”

Er zögerte, blieb stumm.

„Klar, am Anfang läufst ein wenig, aber dann, plötzlich, überholt’ s dich von hinten, und dann läuft der Laden von allein, verstehst?”

„Nicht ganz.”

„Pass auf, wie bei einem Flugzeug. Am Anfang strengst dich an, hoppelst auf dem Boden daher, kommst nicht hoch, aber auf einmal trägt’ s dich von allein, und schon kämpfst nicht mehr gegen die Schwerkraft, du bist frei, wirst locker, lässig lehnst dich raus und beglückst die Leute im Vorbeifliegen. Du besorgst’ s ihnen, Männern, Frauen, Omas, Tanten und Enkeln, weil du sie beglückst und dich damit beglückst, und du siehst auf deinen Höhenmesser und denkst: Hey, mein Umsatz ist stark.

Aber eine echte Entscheidung geht voraus: Und dann bist du der Supermann von nebenan. Einen Typ gibst du ab, wie ihn die Leute noch nicht gesehen haben in all der Beschränkung, in der sie hocken. Denen müssen die Kontaktlinsen und Hörmuscheln aus dem Gesicht fallen, wenn sie sehen, was es doch für nette, positive und vor allem ganz normale junge Burschen gibt: seriös, humorvoll, kinderlieb und phantastisch im Trend. Und schon merkst du: Gegen dich sind die Typen im Fernsehen doch müde Gurken. Weil du” s bist, der den Leuten das Mehr seiner Begeisterung schenkt. Hast ja den Wahnsinns-Vorteil: Du bist da, du bist nah, du gehörst ihnen. Du bist der Sog, der übers Land rauscht und sie hochzieht. Du bringst ihnen die Sonne und das Licht.”

Er war träumend weggesunken, der andere setzte neu an: „Jedenfalls muss ein Ruck durch die Leute gehen… verstehst, die müssen das Gefühl haben: Jetzt bewegt sich was in meinem Leben, die dunklen Zeiten liegen hinter mir. Und wenn du mal einen triffst, der einen besonders starken Ruck hat, dann gib ihm auch die Chance, die ich dir gebe…”

Und aufmunternd sah er ihn an.

„Eigentlich,” so begann er verdruckst, „bin ich auf der Reise”, und senkte den Kopf.

Der andere fiel in ein Loch: „Reisender? Du? In was?” - „Joghurt… Fruchti”, schob er verschämt nach.

Der andere atmete heftig, dann platzte er los, trommelte mit beiden Fäusten auf den Tisch: „Ich halt’ s nicht aus! Ich halt’ s nicht aus! Spitze! Der absolute Wahnsinn! Das hab ich noch nie erlebt! Du hättest Schauspieler werden sollen. Und das mit dem Eimer, grandios! Und das kam dir so als Einfall mittendrin?”

Er nickte.

„lm Ernst, ich hab wirklich nichts gemerkt, und mich kann man nicht leicht aufs Kreuz legen. Ich bin dir voll aufgelaufen. Unglaublich! Phantastisch! Und ich dacht, ich hätt’ so eine Knetfigur vor mir, die ich für mich hätt’ aufbauen können und eine Zeitlang laufen lassen. Die Dummen sind ja oft die besten… weißt du ja selbst Aber sag mal: Du wolltest mich testen, mal sehen, wie weit ich geh’, was? Gib’ s zu! Ist dir gelungen, einfach Spitze, gesteh ich dir neidlos zu!”

Wieder schüttelte der andere sich aus, dann ebbte er ab: „Wird gespeichert. Eine Spitzengeschichte für die lieben Kollegen. Ich mach dir einen Vorschlag, wie wir das am besten feiern. Kleine Kompensation: ideal für Meister wie uns!”

Er nickte zaghaft, obwohl er nicht wusste, was gemeint war.

„Also einmal Kalopan Grundausstattung! Und du bestellst immer nur über mich nach, okay, also Grundausstattung Nähr- und Genussmittel. Vielleicht noch ein Dutzend Hygiene-Sets drauf? Ist besser, so zum Nachschieben und Entsorgen, rundet außerdem ab, und die Leute fragen oft selbst danach, und wenn’ s mal nicht so läuft, drückst du’ s den Händlern immer mal rein. Mal wieder ”ne Schlechte-Gewissens-Aktion fürs doofe Muttchen. Also, ich hol dir Kataloge und Proben aus dem Wagen. Und dann nehm ich deins und lass es mitlaufen, wie heißt das? Frucht.. Frucht.. ?”

Er verstand den Handel nicht und blickte fragend auf: „Ich hab doch nichts dabei, ich such” s doch.”

Der andere entgegnete: „Ich denke, wir kompensieren?”

Er schüttelte den Kopf.

„Du Idiot!”, sagte der andere, stand auf und ging.

Er drehte sich ab, stierte aus dem Fenster: Dinge und Qualitäten durch einen Wirkring verknüpft! So vieles könnte klar werden. Er machte sich auf in die Stadt.

5

An Zäunen kam er vorbei, hinter denen sah er Gemüse und Früchte schon schwellen: dicke Zucchini, Tomaten. Wie weit war all das weggetaucht gewesen! Eine Hausfrau stand in einem Garten vor einer Wäschespinne. Wie sie aus dem Korb zu ihren Füßen die einzelnen Teile aufhob, glatt strich, auf die Leine hängte, mit einer unendlichen Sorgfalt und so ruhig und fest vor all der abbrechenden Zeit diese Arbeit verrichtete: ihm wurde so bang! Dieser kleine Kreis und die Ruhe darin! Und dagegen er, der beschleunigt war auf ein Ziel hin! Noch einmal sah er zurück auf diese Liebe, diese Gewissenhaftigkeit der Hausfrau in dem Garten, auf die weißen, gestärkten Teile. Unrhythmisch ging er weiter und beruhigte sich erst, als das brisante Duftgemisch aus Erde, Waschmitteln und Gemüse hinter ihm nachließ.

In seinem Rücken war ein Lautsprecherwagen herangekommen. Immer waren diese Lautsprecher so undeutlich! Woher sollte er wissen, welche Partei das war? Jetzt war der Wagen auf gleicher Höhe, kleine Fähnchen knatterten auf dem Dach. „Ein Herz für Deutschland!” erstrahlte auf den Türen. Volksmusik setzte ein, und der Wagen rollte langsam vorüber. Spannung lag in der Luft, Festlichkeit, aus frischgeputzten Fenstern atmete die Stadt wie erregt. Schon schrumpften die Abstände zwischen den Menschen, schon sah er Gruppen von Alten, von Jugendlichen, hier und da auch Knäuel springender Kinder und Hunde. Einzelne Fähnchen lagen zerrissen am Boden, zerplatzte oder aufgeschlitzte Luftballons: Zeichen für Deutschland. Immer mehr Leute drängten von allen Seiten herbei. Er bog noch um zwei, drei Ecken, trat auf den Marktplatz: Was für ein Menschengewühl, das sich an hölzernen Schankbuden vorbeischob, Platz suchte und fand unter weißen Riesenschirmen an einladenden Tischen und Bänken. Auf einmal machten alle die Hälse lang; hörte man nicht schon den Spielmannszug, der unter Trommeln und Pfeifen aus einer Seitenstraße herankam?

Da war das Podium, das Rednerpult. Soeben erschien der Kandidat: eine Frau! Leichtes Raunen, Respekt. Sie lächelte und winkte den Menschen zu. Einzelne Pfiffe mischten sich in gutmütigem Applaus. Sicher in die Zukunft! Deutschland erneuern! Ein Thema in seiner ganzen Wucht: die Arbeitsplätze, die Chancen für Frauen, die Renten, die Umwelt, der soziale Friede. Mutige Sätze, harte Fakten. Doch mit welcher Ruhe lief ihre Rede! Dazu ihr offener Blick, ihre klare Freundlichkeit, die Schonungslosigkeit ihrer Fragen. Ja, die Zukunft war zu gewinnen mit Vertrauen und Kraft. Hände streckten sich aus. „Humbug,” hörte er neben sich zischen. Er schaute irritiert, dann wieder hinauf zu ihr, sie meinte es gut, daran zweifelte er nicht. Eine Broschüre wurde ihm zugesteckt: Männer mit Helmen auf Riesenbaustellen, starke Frauen in Konferenzen, freundliche Rentner mit ihren Enkeln, Behinderte mit ihren Pflegern auf dem Sportplatz, ein lachender Türke vor seinem kleinen Laden in Deutschland.

Plötzlich überkamen ihn Düfte von Wurst und Kraut, bestrichen ihn von hinten, und von Senf, immerzu von diesem Senf. Er aber ging stolz und souverän zur Seite. Er war so froh, dass all diese Bilder in ihm auflebten. Er nahm jetzt so viel wahr, lachte ein wisperndes Lachen gegen all diese Hauskulissen, sah souverän zurück auf die Fabrik, aus der er gekommen war und wo es so viele gab, die ihre Erlebnisse einfingen und hielten mit Stoff. So viele füllten ihren Seelenbecher mit Horror und Pornos! Und nur die graue Spitzmaussekretärin naschte an der religiösen Paste. Er war so frei, so weich, so gelöst. Forttragen ließ er sich in die Außenbezirke der Stadt, in die Wohngebiete, noch den Hall dieser Meinungen im Ohr. Ein Wort war mit ihm gekommen: Technologie! Ja die Politikerin! Lasst doch die Maschinen arbeiten, nicht die Menschen! Welche Ströme! Energieströme, Innovationsströme, Produktströme, welche Ströme von Verheißung und Glück, die ständig anschwollen. Dieses Wissen, diese Kraft! Technologie-Melodie, Melodie-Technologie, dich vergess ich nie… Er summte einige Zeit, bis das Wort blasser wurde, abzweigte, verschwand.

Er bemerkte den Himmel, der grau war: darunter verwahrloste Hausfassaden, schmuddlige Kneipen an den Ecken, die Kioske und Autos älter und wie erblindet, die Kinder und Mülleimer klein und schäbig und in größeren Mengen als noch eben. Er aber ging sicherer hier, wo die Industriegebiete an die Wohnblocks grenzten und sich mit ihnen vermischten. Er kannte dieses Fett, diesen Benzindunst, dieses Gummi, das Quietschen dieser Kräne und die Pfiffe aus diesen Werkshallen, die harten Rufe der Arbeiter während der Schicht, ihre Sprachlosigkeit, wenn sie rauchten, in den Pausen, ins Weite starrten, verloren wie Kinder. Über all dem lag dieser Firniss aus längst erkaltetem Schweiß und wurde bestrahlt von Bogenlampen mit gelblichem Licht Abend- und Nachtjahre durch. Nie war Schlaf hier, aber immer schwelende Müdigkeit, die nicht wich, und immer tropfte irgendetwas dagegen an, ein Hahn, ein Ventil, zuckte ein Kabel und klopfte besessen im Takt. Und als ob ewig die Busse hier herausfuhren, voll und wieder leer und zu Zeiten, drei Mal die Stunde, taglang und die Wochen über, durch die Reihen der hellen und bitteren Jahre, von Jahrzehnten aus Aufstieg und Glanz hinüber in Jahrzehnte voller Härte, Zorn und Angst: all diese Menschen, dies Material geschunden, die Busfahrer alternd auf ihren Strecken, sichtbar zerfallend zu trockenen Häuten, immer und immer noch hinter den Lenkrädern sitzend, und immer abgegriffener auch, wie Papier fast, die Hände der Angestellten, wenn sie artig entlangglitten an den Stahlrohren hinein in die Busse. Soviel Leistung gepresst aus den Hirn- und Lagerschalen, soviel Öl- und Schmierstoff verbraucht, soviel Blut, das nicht kalt werden durfte. Und all das nicht aufzuhalten, denn der Wille dahinter war stark, der hervorpresste das Neue gegen den reißenden Abfluss der Zeit.

Das Licht stand wie tot im späten Nachmittag. Ein Maschendrahtzaun, übermannshoch, eine riesige Halle in Wärme und Dunst: die Kunststofffabrik. Nebenan aus dem kleinen Fensteroval des Pförtnerhäuschens quoll Gelbluft, vermischt mit dem Geruch fuselgetränkten Holzes. Stirnrunzeln hinter der Scheibe: Einen Betriebsausweis habe er nicht, sei auch kein Angehöriger, nicht einmal verwandt? Ungünstiger Zeitpunkt auch, zumal das Büro schon geschlossen sei. Deutlich nahm dieser Pförtner die Hände von den Schaltknöpfen für das große Tor und legte sie sauber woanders ab. Auch sei die Spätschicht noch nicht fertig, im Moment ließe sich gar nichts machen, morgen vielleicht. PVC produzierten sie schon, Becher auch, in zweiundzwanzig Größen und Formen, mit Aufdruck und ohne. Am Zaun gegenüber die Tafel zeige die ganze Palette. Einstellung allerdings: unmöglich, selbst nicht mit Fachqualifikation als Kunststoffformer, er müsse verstehen: die Zeit, der Absatz, die Krise. Der Auskunftsmund verschwand aus dem Oval, das Fenster wurde geschlossen. Die Produktpalette wies ihm den Weg, in einer Ecke, klein, die Formen der Becher, ein Hinweis: Design Team Köln. Er zuckte auf, fiel wie willenlos zurück in die Stadt. Ein Pensionsschild winkte ihm zu, eine behängte Wirtin duftete ihn an, er konnte eine Stiege bewältigen, eine Zimmertür öffnen. Ihn fror unsäglich: von der Deckenleute knallte erbarmungslos Licht. Warum immer dieser Austausch, diese Entleerung, das bisschen Fülle und wieder die Entleerung, die Traurigkeiten und Glücke wie Ebbe und Flut? Ein Stein sein, ein Atom, unzertrümmerbar, eine Ruhe hinter den Zeiten! Sein Herz war ganz leise und klein.

Als ob zum ersten Mal ein Köpfchen aus ihm herauslugte, das zuvor in der Halsversenkung seines Körpers geruht hatte, unschuldig, naiv, mit ungebrauchten Augen! Als ob erst jetzt der ausreichende Druck in ihm vorhanden sei, dies Köpfchen hinauszudrücken wie das Sehrohr eines U-Boots. War er ein Tauchboot gewesen, nie beteiligt an den Reichen des Lichts, nur lauschend auf den dumpfen Widerhall von Tönen und Klängen der Tiefsee, versunken im Schlaf seiner Eingezogenheit? Linien arbeiteten, reine Körper, Raumfiguren. Herden von Glocken erklangen, überlappten einander, Kelche tönten, Pokale schütteten sich aus, Füßchen huschten, Flutfische zappelten, Inseln und Eier jagten vorbei, tastende Schuppen, von Zungen verfolgt, wühlten und trieben hinaus. Da kurbelte er sich an, trat auf die Straße: die Leuchtreklamen tobten. Tauchte ab, nahm ein Taxi, geriet in einen Kontakthof. Extras wollte er keine, einen Gummi zog er schon über, versank in einer Scham. Stöhnen umfing ihn, Nasenflügel blähten sich wie die Nüstern eines Pferdes: „Ich zeig dir was, das dir gefällt, leg noch” n Hunni drauf. Schau nur meine Titten, wie prall!” Brüste nahm er wahr, in die Höhe gedrückt wie Türme - o die kleinen Mohrenköpfe seiner Jugend! Er aber stocherte blind nach Lust und Liebe und lallte entrückt: „Die Kurven ähneln sich so.” Eine Frauenstimme stieß wüste Beschimpfungen aus. Innerlich war er weit fort und bald zurückgetrabt zur Pension. Irgendwann schreckte er auf, verbarg sein Gesicht wie ertapptes Kind. All die verlorene Zeit, das abgelebte Glück. Wie mit Flügeln reiste er weiter durch Nacht und Tag und fand irgendwann später sein Gleichgewicht.

6

Die Kraft der großen Stadt, ihr Glanz, ihre blitzenden Passagen! Er machte ein paar Schritte in die Fußgängerzone; eine Kaufhaustür saugte ihn ab. Ein Duft nahm ihn gefangen, süßlich und schwer, zog ihn zwischen spiegelnden Vitrinen hindurch, zu Parfümständern hin: hier sah er Augen, die ihm sehr gefielen, dann wurde er abgetrieben und fand nicht mehr zurück. Unmerklich hob ihn ein Aufzug, drückte ihn aus auf einer anderen Etage. Ein flaumenweicher Teppich war ihm bereitet, angenehme Taktschritte trugen ihn weiter. Eine Glastür öffnete sich: Erfrischungsraum. Hinter ihm hallten Worte: „7. Abteilung, 7. Abteilung, Kasse 29, Kasse 29 dringend!” Quirlig fiel eine Stimme ein: „Besuchen Sie unseren Bücherbazar im Basement. Deutsche Klassiker, sortiert, 3,95, das große Lexikon der Erotik 29,95.” Er nahm einen Kaffee. Und über allem, wie viel auch unter ihm brauste, erfrischte sich doch der Mensch! Sein Gedanke freute ihn, er lachte in seine Tasse. Wenig später glitt er auf Rolltreppen wieder hinab, ebenso stolz und steif wie all die anderen vor und hinter ihm. Rechts und links schwebten Büstenhalter an ihm vorbei, wie Segel im Wind, Nachtkleider daneben wie bauschig leichte Wölkchen, weiß, schwarz und silbern, mit Durchbrechungen und Ausfransungen, von farbigen Lichtern bestrahlt. Doch hinten an der Wand, bedrohlich aufgetürmt, wölbte sich die Parade der dicken und dichten Bademäntel gleich einer nahen Gewitterfront in abgedunkelten Farben. Er war so gespannt, seine Augen schwirrten suchend umher, er bog sich nach vorn und stolperte am Ende der Rolltreppe in ein großes Bassin voller Bodies.

Aufschreie kreuzten sich über ihm. Er erhob sich erschrocken: „Verzeiht mir!” Doch es war egal, er wurde weitergepresst. Auf einem Schild las er „Weltneuheit”. Aber das war doch selbstverständlich, warum stand das denn hier? In einem Spiegel trieb unanständig groß sein Kopf. Er erinnerte sich seiner Kindheit, wie ihn die Mutter um die blinkenden Metallständer herumgeschoben hatte, auf der Jagd nach dem passenden Anorak, und dann das endlose Anprobieren und die Suche nach dem magischen Zettel, dem Preis. Mit Staunen hatte er immer die Frauen gesehen, die es verstanden, das Gute sicher herauszufinden und in prallen Tüten nach Hause zu tragen. Diese Kämpfe vor diesen Tischen! Wogende Busen in Pullovermassiven, sich vorarbeitende Hände! Zungen, die herausfuhren, trockne Lippen zu kühlen! Und er, der Kleine, verträumt und nutzlos irgendwo hinten, und immer so bleiern und weit unter dem Fächeln der gelben Wärme, und bei all seiner blinzelnden Lust und augenbetäubenden Wahl so müde, so müde in diesen Häusern.

An Monitoren kam er vorüber. Was für Diskussionen, kritisch und weltumspannend! Bedenken standen im Raum, lasteten schwer. Ein Professor runzelte die Stirn. Anlass zur Sorge? Freilich. Allein die Ministerin strahlte Zuversicht aus. Unverständnis beim Moderator: Befürchtungen waren doch da! Milde nickte die Hausfrau, da wurde die Punkerin sauer und schrie entnervt auf. Der Professor zuckte weltmännisch die Schultern. Süffisantes Schmunzeln beim Moderator, das Publikum kochte: an der Basis war doch alles ganz anders, und auch der Sozialarbeiter konnte jetzt nur noch heftig widersprechen. Auf dem Bildschirm daneben: das Match in Melbourne zerfahren, der Aufschlag kam nicht präzis, Passierbälle die Menge, unübersehbar die Schwächen am Netz. Abgehackte Dudeltöne zogen ihn an: Drei Jungen an einem Computer, die Augen im Bildschirm vergraben. Das Böse im Weltall lauernd, gierig und gnadenlos, und nur ein winziger Superzeus, in einem klapprigen Raumschiff, schleuderte Blitze dagegen. Nur sieben Leben hatte der Kleine, ganze sieben, und so begrenzt war sein Vorrat an Blitzen. Aber er machte sich auf, ein Kämpferherz, die Venus zu suchen und das All vom Bösen zu säubern. Doch dieses vermehrte sich rasend, wie sehr er auch kämpfte, sein Raumschiff selbst reparierte, er verlor ein Leben, ein zweites. Aber er gab nicht auf, floh am Saturn vorbei hinauf zum Uranus, nutzte die Sonnenstrahlen, Energie zu gewinnen, geriet unter Beschuss, verlor wieder ein Leben, und doch war sein Sieg noch möglich, das rettende schwarze Loch nicht weit. Plötzlich aber glühte Mars, von bösen Mächten befallen, rot auf, Zeus musste sich sputen, - verlor ein Leben - die Erde zu retten, da zerplatzte dieselbe, zerstob zu blauen Funken, Zeus hatte verloren, und Venus in Frauengestalt erschien und lächelte wieder: neues Spiel, neues Leben, neues Glück.

Ein zu stark eingestellter Lautsprecher ließ ihn zusammenfahren: „Und wieder melden wir uns aus dem Früchte-Paradies im Frische-Center. Wieder gibt es den goldenen Fruchti-Fitlöffel zu gewinnen. Denn wer kennt ihn nicht, den Fruchti-Hit: Ob zu zweit, zu dritt, Fruchti macht fit, Fruchti muss mit. Schreiben Sie ihre drei Lieblingssorten auf die Teilnahmekarte, und ab damit in die Glücks-Box.”

Jetzt erschien der Propagandist: „Ein superstarkes Hallöchen allen unsern Fruchti-Fans, Freaks und Genießern, willkommen zur großen Fruchti-Live-Show. Die goldene Fruchti-Fitlöffel-Idee ist ja seit einer ganzen Woche das Tagesgespräch in der Stadt, und auch heute, - ich ruf mal eben unseren Ted-Computer ab - tatsächlich, auch heute wieder gibt es einen neuen Besucherrekord der Fruchti-Fans. Ja, das ist doch wieder irrsinnig fruchtastisch!” Eine Fanfare erscholl!

„Da möcht ich doch gleich mal die junge Dame hier vorn fragen: Sie haben doch sicher schon mitgemacht bei der goldenen Fruchti-Fitlöffel-Verlosung?”

„Klar.”

„Und was sagen Sie zu Fruchti?”

„Echt gut.”

„Echt gut! sagt sie, knapp und kurz. Sie bringt es auf den Punkt. Ich bin platt. Sagen Sie mir doch bitte Ihren Namen.”

„Knoll.”

„Ja, Fräulein Knoll, was ist es denn ihrer Meinung nach, was an Fruchti eigentlich dran ist, dass es alle so gern mögen?” -

„Da ist nix dran, sondern drin. Und ich treib viel Sport, jogge, schwimm, spiel Tennis. Und da ist Fruchti Spitze, so zum Mitnehmen, wenn mein Body schnell unheimlich viel umsetzt!” -

„Ja, liebe Freunde, unsere junge, sportliche Dame spricht es aus, was so viele an Fruchti so schätzen: Es passt einfach ideal in unsere Zeit mit ihren aufgeklärten Essgewohnheiten. Bewusste Ernährung, diese Erkenntnis setzt sich jetzt immer mehr durch, ist einfach besser, weil sie gesünder ist, weil sie schont, weil sie Spannkraft gibt, weil sie reich ist an Proteinen, Vitaminen und Spurenelementen, weil sie ganz einfach natürlich ist. Und erst recht, wenn sie dann noch so gut schmeckt wie Fruchti. - Jetzt darf ich aber Sie hier vorn um Ihren Namen bitten.”

„Winterhalter. Also, das möcht ich Ihnen mal sagen…”

„Und was machen Sie, liebe Frau Winterhalter?” -

„Ich bin Hausfrau, Hausfrau und Mutter.” -

„Verraten Sie uns denn auch Ihre Lieblingssorte?” -

„Banane, immer nur Banane. Meine Familie lacht mich schon aus. Also, ich möchte Ihnen mal sagen, also, wenn ich so an früher denke, was wir da für Süßigkeiten gegessen haben… wo doch das Eiweiß viel gesünder ist und Kraft gibt und nicht dick macht, nicht! Ja, und jetzt wollen die Kinder schon gar nichts anderes mehr, vor allem zum Nachtisch. Also, ich bin ja so froh, dass wir von den ewigen Süßigkeiten runter sind. Ja, und dann, wenn ich das einmal sagen darf, Fruchti ersetzt bei uns manchmal sogar eine Hauptmahlzeit, im Sommer natürlich nur, wenn es so heiß ist. Dann mach ich oft einen kleinen Cocktail: Fruchti mit Saisonfrüchten, Mandeln und Kokossplittern drauf, fertig.” -

„Liebe Frau Winterhalter, Sie zeigen es wieder einmal: Unerschöpflich ist die Phantasie unserer Hausfrauen. Schreiben Sie doch einfach mal ans Fruchtifit-Studio. Vielleicht finden Sie Ihr Rezept ja schon im nächsten Fruchti-Frische-Kurier wieder? Herzlichen Dank, Frau Winterhalter.

Ja, und nun möchte ich aber noch Sie dort hinten fragen, den sympathischen reiferen Herrn, ja Sie.”

„Mein Name ist Hans Eisenmann. Ich bin Rentner. Ich versuche, dem Neuen gegenüber aufgeschlossen zu sein und trotz meines Alters mit der Zeit zu gehen. Denn so bleibt man ja jung, und stehen bleiben, das gibt’’s bei mir nicht. Grundsätzlich möchte ich dazu einmal sagen, dass ich mich freue, dass es heute so schöne Dinge gibt. Wir haben das ja früher in der schlechten Zeit gar nicht gekannt, vor allem nicht diese vielen verschiedenen Südfrüchte.

Trotzdem muss ich aber sagen: Mir schmeckt Joghurt mit einheimischen Früchten versetzt immer noch am besten.”

„Besten Dank an unsern quicklebendigen Rentner, Herrn Eisenmann, an Ihnen erleben wir es wieder leibhaftig: Fruchti gibt Schwung, Fruchti hält jung.

Ja, das waren wieder einmal drei von vielen Meinungen über Fruchti, aber ich weiß, dass es unzählige gibt, zumindest soviele, wie hier vor mir Fruchti-Freunde versammelt sind. Ja, und deswegen und weil Ihr Zuspruch so überwältigend und phantastisch ist, haben wir von Fruchti uns kurzerhand entschlossen, noch eins drauf zu setzen und verlosen außer dem goldenen Fruchtlöffel noch eine Traumreise. Ja, da bleibt mir selbst der Mund offen stehen, eine fruchtastische Reise in die Südsee für zwei Personen. Kennst du das Land, wo Maracujas blühn, Guave, Litschi… ewige Sonne, tiefblaues Meer, und die Palmen nicken im Wind. Ja, und deshalb für alle, die es noch nicht getan haben, nur eins: Nichts wie zum Info-Stand, Teilnahmekarte holen, ausfüllen und ab in die Glücks-Box. Vielleicht sind es ja Sie, Sie oder Sie, die bald schon die Koffer packen…

Aber jetzt wollen wir doch mal sehen, wie weit unser Objekt-Künstler Bob schon mit seiner Frische-Pyramide gekommen ist. Hallo Bob, du hast ja wieder ganz nett was aufgetürmt! Erzähl uns doch mal ein bisschen, wie kam” s zu dieser Idee?” -

Da zog sich Künstler Bob, bärtig, am Barett: „Och, das war eigentlich zuerst nur so ein Jux in der Kneipe, wurde erst später zu einer richtigen Idee. Meine Freunde und ich, wir stehen sowieso alle unheimlich auf Joghurt, und da dachte ich mir: Warum solltest du nicht mal die größte Joghurt-Pyramide der Welt aufschichten, aber immer unter der Bedingung: Der Joghurt soll später noch frisch und aromareich sein. Dafür kam dann natürlich nur Fruchti in Frage. Und da war es auch schon klar. Ich musste einfach ins Guinness-Buch der Rekorde, und so steh ich eben hier.”

„Und wie weit bist du? Wie stehen die Aussichten? Wo liegt der bisherige Rekord?” -

„Wird von einem Amerikaner gehalten. Werde ich morgen mittag spätestens einstellen, was die Becherzahl angeht. Aber das heißt noch längst nicht gewonnen. Erstens ist meine Konzeption zeitlich begrenzt, Freitag Abend, Ladenschluss. Und dann gibt mir ja die Bodenfläche die Pyramidengröße vor. Ich muss sie im Zeitlimit als geometrische Figur vollenden, ein Stumpf zählt nicht.” -

„Aber es ist doch vor allem ein Riesenspaß, eine wunderbare, einmalige Idee. Und jetzt ist es der wievielte Tag?”

„Der vierte.”

„Und wieviel Tonnen Fruchti hast du schon verbaut?”

„Genau weiß ich’’s natürlich nicht, ich dürfte so bei 2,8 bis 2,9 Tonnen liegen.”

„Fast drei Tonnen also, und wann, Bob, hebst du ab durch” s Dach?.. Da zuckt er die Schultern…. Und wann baust du Gizeh nach? Fruchti im Härtetest in der Wüste?” -

Da schmunzelte der Künstler.

„Eins noch, Bob, warum nimmst du nur Fruchti?”

„Erstens ist es der einzige mit der 14-Tage-Frische-Garantie. Das liegt am Spezialbecher.

Da kommt kein Keim rein und keiner raus. Und die enorme Stabilität brauche ich für die Statik der Pyramide. Ich habe Versuche mit anderen Marken gemacht, aber schon bei 1,2 Tonnen Gesamtgewicht war die Belastung für die zentral stehenden Becher zu groß. Wenn sie sich nicht auseinanderbogen, so platzten sie förmlich.” -

„Das war ja wohl eine schöne Schweinerei.” -

„Kann man wohl sagen…” -

„Wahnsinnig, Bob, ja, und wir drücken dir nun alle die Daumen, dass du es bis Freitag Abend schaffst, die größte Joghurt-Pyramide der Welt aufzubauen, mit Fruchti - Toi, toi, toi, Bob…

Jetzt muss ich aber doch ganz schnell hier herüber gehen, wo schon unsere kleinen Genießer sitzen. Na, euch scheint es ja wieder besonders gut zu schmecken. Da will ich doch mal gleich den kleinen großen Mann hier vom fragen: Wie heißt du denn?”

„Günter Thien.”

„Und das da, Günter, das sind wohl deine Freunde?”

Artig nickte das Kerlchen.

„Und, Günter, sag uns doch mal, warum hier noch einige von euch mit verbundenen Augen essen?”

„Wir sollen doch raten.”

„Raten was?”

„Ob es Banane ist oder Erdbeer oder Macuja.”

„Maracuja meinst du. Und, schmeckst du’’s raus?”

„Das ist doch ganz leicht.”

„Ganz leicht, sagt er! Ja, meine kleinen und großen Fruchti-Freunde, liebe Kinder, so fruchtig schmeckt er, dass unsere kleinen Geschmacks-Champions die wertvollen Früchte aller zweiundsechzig Sorten ohne Schwierigkeiten erkennen. Applaus für Günter Thien und seine Freunde!

Nun sag mir noch eins, Günter: Wär das nicht ein toller Beruf für dich später einmal, Geschmackstester?” -

Wieder nickte Günter.

„Also ich selbst, ich muss es ja ehrlich gestehen, als ich jung war, da gab es für mich nur eins: Ich wollte unbedingt Autotester werden. Aber wenn wir in absehbarer Zeit alle ja nur noch werden hundert fahren dürfen, so scheinen mir unsere kleinen Fruchti-Freunde einen viel weitsichtigeren Blick für die Zukunftsaussichten eines Berufs zu beweisen, wenn sie schon heute Joghurtester werden wollen.

So, und damit sind wir schon wieder am Ende unserer Fruchti-Show. Bleibt noch die Goldene Fruchtifit-Löffel-Verlosung. Ich drück allen ganz fest die Daumen: Toi, toi, toi. Und nicht vergessen: Unsere Fruchti-Sparpack-Sonderaktion im praktischen Combi-Safe: zwölf mal Fruchti in Bestform! Und - auch gleich probieren: Fruchti neu, jetzt auch mit Kokos und Rum, ein neues Riesensupersüdseefruchti…

Bis später, Tschühüs!”

Damit war die Schau zu Ende, der Propagandist verschwand hinter einem Vorhang. Man sah die essenden Kinder, jetzt ohne Augenbinde, und Mike, den Künstler, wie er von einem hohen Gestell aus einen Becher nach dem anderen mit großer Ruhe auf die Pyramide bugsierte. Eine letzte Fanfare verhallte, ein Scheinwerfer fixierte die Kinder, die auf einem großen, rosafarbigen Tablett saßen: ihre Schattenrisse bewegten sich riesenhaft auf der rückwärtigen Wand, die Händchen wie Baggerschaufeln, die Münder wie Containerklappen groß. Eine Lichtorgel flackerte auf, Tonfolgen erklangen, und die Menschenmasse setzte sich wieder in Bewegung.

Er taumelte hinaus in die Fußgängerzone. Einmal in diesen nie versiegenden Strom greifen - etwas herausretten! An einem Kübel hielt er sich krampfhaft, aus dem ein dürres Plastikbäumchen ragte. Diese Abfallkörbe! Hinter ihm drückte ein Strom von Keksen: „Im Dreierpack!” Eine Stimme tönte sonor: „Zuwachswert! Wer Wert schaffen will, muss früh anfangen. Mit Zuwachswert! So beginnt es, baut sich auf, baut Stein auf Stein, baut Sicherheit. Dank Zuwachswert. Fragen Sie Ihren Zuwachswertberater!” - „Platz da!”, prustete eine Gummistutzenfratze: „Sei ein Beutel wie ich. Saug dir alles hinein. Bist du aber ein zu schwacher Staubsauger mit veraltetem Saugrüssel oder ungenügender Saugleistung, dann müssen wir dich durch einen besseren ersetzen, ersetzen…”

Raster schossen vorbei, Koordinatenkreuze. Worauf zielen? Immer andere Ziele. Er kam nicht mehr nach… Irgendein Pfahl, er sank, doch da waren plötzlich Hände, die ihn hielten. „Fühlen Sie sich nicht wohl? Brauchen Sie einen Arzt?”

Nein, er kam doch zurecht! -Typischer Eiweißmangel, wissenschaftlich untersucht, eiweißreich essen, Joghurt zum Beispiel, hörte er nur.

Mühsam richtete er sich auf - die Eiweißhände waren schon fort.

Er irrte hinaus in die Randgebiete der Stadt, wo es zu finden war in den kleinen Läden, von älteren Damen geführt, die morgens früh noch die Anlieferung der Kartoffeln bewachten vom Bauern vor der Stadt. Wo Barzahlung galt und Handschlag. Hervorragend, wie sein Spürsinn arbeitete! Er fand alles so, wie er es vorgedacht hatte. Natürlich führten sie Fruchti, aber um neun Pfennig teurer als im Warenhaus. Dieses Aussuchen, dieses Bezahlen, die Übergabe beim Kauf, das Einpacken. „Schon diese Kühltruhe,” murmelte er vor sich hin und beugte sich wie gerührt darüber. Sie hatten ja nicht einmal alle Sorten! Wie bescheiden! Lange suchte er, bis er den richtigen gefunden hatte, promenierte zur Kasse, bat um Verpackung. Die Inhaberin reichte ihm eine Tüte.

„Als Geschenk,” bedeutete er.

„Das da?” fragte sie ungläubig. Er nickte, sie nahm es heiter: „Ostern, Weihnachten, Geburtstag, was soll” s denn sein?” -

„Angemessen.” -

Die Frau lächelte still vor sich hin, verpackte den Joghurt, band ihm ein Schleifchen um. Er bezahlte und winkte generös die Herausgebe von Wechselgeld ab: „Das ist es wert.” Die Frau kam aus dem Erstaunen nicht mehr heraus.

Er erregte sich wieder, er ging ganz leicht. Die Eleganz, mit der er sich befreit hatte! Und wenn er jetzt noch den Genuss verweigerte! Der Mensch setzte doch den Wert, der Mensch! Warm und heiter waren die Straßen, durch die er ging! Herrlich die offenen Hausflu-re, durch welche die hellen Stimmen der Kinder heranliefen, den klatschenden Bällen voraus. Leicht und kühn wogten die Balkons über ihm, verspielt in Düften von Hautcreme und wirbelndem Brot. Fetzen von Pfeifentabaksqualm nestelten an parkenden Autos, ein Motor drehte in Anlassversuchen, wieder und wieder, Werkzeug klimperte hell und irgendwo aus einem Radio schallten die frohen Hörner der Heimat. Und dann, wie von fern: ein Paar in lauter Händen schwebte vorüber. Er sah nach oben, wo Geschirrtücher und Arme aus Fenstern hingen: Frauenstimmen schwirrten. Er dachte an Briefmarken, die immer wertvoller wurden, weil es so wenige davon gab. Oh, er war auf der Fährte, und hinter ihm vibrierte nichts mehr, da war schon alles verwischt.

7

Er geriet auf einen Spielplatz, lehnte am Zaun. Junge Mädchen, kichernd in einer Gruppe, standen um eine Parkbank, die Köpfe zusammengesteckt. Gegenüber produzierten sich Burschen, bezwangen lässig ein Klettergerüst. Auf stieg ein Held in all seiner Pracht, stolperte, fiel, landete schief und doch leidlich elegant vor der Mädchentraube, erklomm zum zweiten Mal in drei, vier Zügen das Gerüst. Angestrengt schauten die Mädchen weg, rauchten hastig und pafften große Wolken heraus. Schüttelten ihre Haare, warfen die Köpfe nach hinten wie stolze junge Stuten.

Diese Fülle, diese strudelnden Keime der Erotik: er schaute brennend hinüber. Seine Hand raste, ein Mausetier, in der Tasche. Dann war eine Entscheidung gefallen, Bewegung kam in die Gruppe, die jungen Damen räumten geschlossen das Feld. Eine Dicke trottete mit Abstand hinterher.

Jetzt erst sah er die Kinder, die im Sandkasten schon länger gesessen haben mussten - merkwürdig still in einer Ecke löffelnd. Er kam näher: eine fremde Becherform! Und sie nahmen ihn nicht mal wahr, aßen mit Vergnügen! Ohne Qualitätsempfinden! Woher auch? Es waren ja Kinder. Er befühlte den Gegenbeweis in seiner Tasche. Er würde sie freudig überraschen. Mit blitzartiger Geschwindigkeit schritt er zur Tat: „Seht mal!” Stur löffelten die Kinder weiter. War es ihnen nicht beizubringen? Sein Gesicht verkrampfte.

„Probiert doch mal. Macht doch mal auf!”

Sie schüttelten den Kopf. Er müsste sie locken: „Wisst ihr eigentlich, wie viel das gekostet hat?”

„Wir nehmen nichts von fremden Leuten,” sagte ein Mädchen bestimmt.

„Was kann denn da schon drin sein?” fragte ein anderes forsch, „sieht ja aus wie ein Joghurtbecher, nur als Weihnachtsgeschenk!” Und sie kicherten. „Ja, richtig,” lächelte er, „da drin ist Joghurt, aber Fruchti!”

Er schaute entspannt.

„Uuörrh!” bedeutete ihm ein Frechdachs seinen Ekel: „Würg! Kotz!” und hielt triumphierend seinen Becher hoch: „Hier, Schaumi, von Schaumighurt. Wir mögen nichts anderes. Ist doch viel schaumiger!”

Und selbstbewusst streckte ihm das Kerlchen seinen Becher vor die Nase: „Sehen Sie doch nur mal hier die kleinen Schaumporen. Das sind die Aromaspeicher. Da ist Luft drin. Die hat nur Schaumighurt, der einzige mit dem Frischevorteil würziger Hochalpenluft im Schaumspeicher. Löffel für Löffel mehr Aroma!”

„Ist doch reine Werbung…”, warf ein anderer ein.

„Weiß ich doch selbst, Blödmann! Ich will’’s dem da doch nur erklären!”

Ein Mädchen ergänzte: „Wir mögen lieber Schaumighurt, weil das so schön prickelt.”

„Und die Früchte?” fragte er bohrend, „ich sehe überhaupt keine Fruchtstückchen!” Er war laut und triumphierend geworden.

Die Kinder grölten: „Ein Joghurt als Weihnachtsgeschenk!”

Und ein dünner, altkluger Brillenjunge belehrte ihn: „Die Früchte in Schaumighurt sind doch zentrifugiert, müssen sie ja auch wegen der Schaumbildung. Deswegen kann man natürlich nichts davon sehen.”

„Das kann doch nicht sein!” stammelte er.

„Ist aber so,” sagte der Junge knapp -

„Aber Fruchti gibt’ s jetzt auch mit Kokos und Rum,” warf er kraftlos nach.

Die Kinder hörten schon nicht mehr zu und schrieen vor Lachen.

„Ich werd” s euch zeigen!”, rief er entgeistert.

Jetzt ahnten sie, wie ernst es werden könnte und trollten sich. Erst in sicherer Entfernung vervielfachte sich ihr Kichern. Ihn packte die Wut, er wollte, dass das Gute siegte, nahm die Verfolgung auf. Doch die Biester waren unglaublich schnell, spritzten auseinander, wutschten zwischen geparkten Autos durch. Er nahm eins ins Visier, hetzte es über den Parkplatz. Zwischenein probierte er es noch einmal im Guten: „Es ist doch nur ein Spiel. Hört ihr!” Doch Lachen quoll aus Köpfen hinter Autos hervor. „Eben!” rief es da, rief es dort.

Grüner Zorn stieg in ihm auf - er jagte los und bekam eins von ihnen - schon im Park - zu fassen: es hatte noch den Becher in seinen Händchen, presste ihn an sich.

Wie hatte er einst doch diese Feutel ausgewrungen, bis der letzte Rest Dreckwasser ausgepresst war! Er drehte den Arm, es riss den Mund auf, schmerzverzerrt loszuschreien, doch blieb ganz stumm.

Da erbarmte er sich. Das Kind zitterte, sein Atem ging schnell und flach, sein Halsknöpfchen zuckte wild. Es konnte sein Gesicht nicht ertragen, vergrub sich. Streicheln wollte er es, aber es machte sich flach wie ein Tier, das sein Fell geben würde, käme es nur davon.

Mit weichen Knien schleppte er sich auf eine Bank. Glutrot die Wege, ein Weiher, ein Schwan, und er ein schlafender Kristall, so kalt, so steif. So verblieb er längere Zeit.

8

„Haste mal ”ne Mark?” Schemenhaft nahm er vier Gestalten wahr. Eine menschenferne Gleichgültigkeit stieg in ihm auf. Mechanisch fingerte er nach seinem Geldbeutel und zog ihn heraus, ließ die Penner ziehen: wie banal und gierig war doch das Leben! Langsam legte er den Kopf zurück und suchte die blaugraue Rohmasse des Himmels ab. Er wusste,

er würde nichts finden; aber sein Atem war plötzlich da, den er kommen und gehen fühlte wie einen fremden, starken Wind.

Irgendwann hörte er Glas in Tüten schaben: „Du, wir haben von deinem Geld was eingekauft. Komm, wir feiern.” Er hatte sich wieder gewonnen und nickte ihnen lächelnd zu. „Das sind Else und Karl, der hier ist Loddel aus Jena, und ich bin der Leo!”

Und sie halfen ihm auf und nahmen ihn mit hinter die Büsche zu einem feinen, von Bänken umsäumten Rasenstück.

„Unsere Gelagewiese,” erklärte Leo, „und der hier hinten ist unser Mann fürs Heldische - Herr Kaiser!”

Grünlich-golden blinkte das massige Reiterstandbild Kaiser Wilhelms in der Abendsonne; der Pickelhaube spitzer Schatten machte sich lang und fiel schon in die Hecke dahinter - welcher Glanz, welche Würde abgelebter Zeiten! Er war berührt, stand ganz ergriffen. Indessen öffnete Leo und verteilte die Flaschen.

„Wir möchten… ja wir danken dir,” brummelte Karl umständlich von hinten, und Else, runzlig und verwachsen, nickte wortlos, machte sich an ihren Decken zu schaffen und breitete sie vor den Büschen aus.

Leo und Loddel stießen mit ihm an: „Prost Kamerad! Prost Professor!” sagte Loddel.

„Immer soll ich der Professor sein,” wehrte der sich scherzhaft, „nun ja, hab ja auch länger studiert als mein Ossi-Freund hier: 27 Semester, aber nun sind wir zwei schon seit ein paar Jährchen Privatgelehrter, gell?” und er lachte: „Weißt du, wir vier hier sind recht urwüchsiges Menschenmaterial, genmäßig zwar nicht relevant, aber zuweilen - recht charmant.”

„Ekelhafte Quasselei,” befand Loddel, „Fakt ist: Saufen ma!” und sie setzten sich zu den Älteren auf die Decke. Else schaute ihn an, als ob sie ihn streicheln wollte, doch sie wagte es nicht. „Mein lieber Junge!” stammelte sie nur, „mein lieber Junge!” -

„Achtung!” raunte ihm Loddel zu, „Leo fängt an.”

Der hatte das Denkmal bestiegen und sich hinter den Kaiser auf das Pferd gesetzt. Jetzt trompetete er los: „Grüezi miteinand! Verehrtes Publiko. Itzo kömmt der heroische Akt!”

Und er umarmte die Bronzefigur und imitierte einen wilden Ritt über die Prärie. Es sah so komisch aus, dass sie alle lachen mussten.

„Kandidaten,” verkündete er strahlend, „wer reitet so spät durch Nacht und Wind? St. Martin ist es nicht. Wer ist es dann?”

„Der Zigaretten-Cowboy!” brummelte Karl halblaut.

„Nicht doch. Die Lichtgestalt der deutschen Geschichte - Herr Kaiser!” und er präsentierte die Figur und streichelte ihr zärtlich über die Pickelhaube: „Und was bringt uns Herr Kaiser? Das grüne Band der Sympathie?”

„Begrüßungsgeld!” platzte Loddel heraus und schüttelte sich.

„Einen Frische-Safe voll Verwöhn-Aroma?”

„Begrüßungsgeld!” schrie Loddel aus vollem Hals.

„Oder vielleicht das Beste im Mann?”

Erneut schrie Loddel: „Begrüßungsgeld!”

„Ihr wollt also Begrüßungsgeld, nichts als Begrüßungsgeld?” -

„Nicht immer, aber immer öfter!” prustete Loddel.

Leo tat verstört: „Kandidaten, Freunde, habt Mitleid mit mir! Ihr seht mich betroffen! Das kommt: ich bin verliebt. Sie, die Reine, die Musterhafte wohnt draußen am Rande der Stadt in einem Eigenheim. Schon wenn ich ihren Namen ausspreche, wird mir warm: es ist Frau Sommer. Ihr allein möchte ich diesen Frische-Safe voll Verwöhn-Aroma überreichen, mit ihr im Garten sitzen, und die Oma kommt zu Besuch, und vor der Terrasse spielen die Kinder im Garten, und die Tassen auf der rotweißkarierten Tischdecke transpirieren gnadenlos Verwöhn-Aroma… aber Frau Sommer und ich sind längst ins traute Gespräch vertieft, und die Oma schaut pikiert zur Seite, mir aber wird ganz heiß, denn wir reden über Lebensversicherungen, Kapitalversicherungen, Grundwert- und Vermögensfonds… Ach, meine Freunde, es wird nie mehr sein… Denn plötzlich wehte der Herbst in den Garten, Frost kam und die aromavollen Tassen zerplatzten. Wie ein mürbes Blatt welkte Frau Sommer dahin. Einsam reite ich seitdem in meinem schönen blauen Anzug über die Prärie, hinter mir das grüne Band der Sympathie, der Frische-Safe voll Verwöhn-Aroma und das Beste im Mann. Wo sind meine Kunden, wo sind sie geblieben? -

Itzo kömmt der elegische Akt.

Schau, was erspäht mein Auge im Dämmer der Nacht? Heda, Kunde, bist du” s? Ich bin” s, Herr Kaiser, ich zeig dir was, davon wird dein Herz erfreut. O Mensch, mein Kunde, mein Kunsch. Halt doch nur mal kurz an, es ist nämlich so leicht. Du ziehst deinen Geldbeutel und kaufst. Weißt du eigentlich, dass du das heute noch nicht getan hast. Denk mal nach. Na, wo bleibt dein Kunschenrecht? Nicht weggehn, lass dich einfach nur inspirieren. Komm, schau mit mir Bilder an. Sieh nur mal hier diesen Canyon, diese roten, bizarren Formationen. Natur als Skulptur! Was für ein Land! Welche Weiten, und hier die Lagerfeuer, die verwegen lodern in der weichen Abendluft! Du meinst, du kennst das nicht, weil du noch nicht da warst? Wahrlich, ich sage dir, du kennst es wohl: diese Bilder leben in dir seit unendlich langen Zeiten. Ich hol sie nur wieder heraus, ich strahl sie nur an, und schon kommt was auf, schon geht was ab! Hmm, wie das riecht, wie das schmeckt, welch irres Gefühl, inhalier mal! Warum sträubst du dich denn? So, du magst nicht, bist Nichtraucher, aus Prinzip… ?

Geschenkt, vergiss meine Rede. Pass auf, ich zeig dir was anderes, was neues, Achtung: ich präsentiere dir hier die - längste Praline der Welt. Die ist so wertvoll wie ein kleines Steak. Er läuft weg, Kunsch läuft einfach weg. O Kunsch, schau doch nur einmal zurück.. Stört dich Herr Kaiser? Weg mit ihm. Wir machen ihn platt, schmelzen ihn ein, wir streichen ihn lila, ja, das ist’ s: die schönsten Kaiser sind lila! Wir malen den Canyon auf eine Pappwand - und das stellen wir dahinter auf. Das wird dir gefallen!

Oder die Camargue. Ha, jetzt weiß ich” s, ich seh” s dir an, du willst die Camargue, den Mistral, das üppig quellende Meer aus Sumpfblumen und Kräutern, und dieses wilde Pferd darin mit seiner wehenden Mähne. Kunsch, das willst du haben, dann wirst du kaufen…

oh, warum wendest du dich so schnöde ab. Ich liebe dich, mich reizt deine Kunschengestalt..”

Und er sprang wie ein Irrer vom Denkmal, stürzte mit großen Sätzen auf Loddel zu und presste ihn mit beiden Händen zu Boden: „Du gönnst dir doch sonst nichts!” Der aber lachte schallend und wand sich unter ihm. Plötzlich ließ Leo von ihm ab und ringelte sich vor ihm wie ein Wurm: „Mein liebster Kunsch, ich bitte dich, ich flehe dich an: Erhalte meinen Arbeitsplatz auf diesem Pferd!” Und sie kicherten wie die Kinder und wälzten sich auf der Decke übereinander. Zuweilen nur zuckten ihre Arme über ihnen wie die Flügel verendender Vögel, und endlich riss sich Leo hoch: „Prost! Alles ist super!” und sank zurück, tauchte ab, als wenn er seine Wurzeln woanders hätte.

Eine Weile lang hörte man nichts mehr als ihren heftigen Atem. An einen Stamm gelehnt tranken Else, Karl und er in langen, tiefen Zügen. Phantastisch, wie sich die Räume bogen jetzt, wo alles still war. Unter ihnen lag Loddel wie in Trance und plapperte unverständlich in sich hinein.

Er sah, dass Karl sich ein kleines Brot gekauft hatte, von dem seine Hände, wie eigenständige Wesen, ungefähr gleich große Brocken abbrachen. Ihm kamen die Lehmklumpen in Erinnerung, die sie als Kinder aus den Baugruben geklaubt hatten, um einander damit zu bewerfen. Karl führte die Brocken zum Mund mit einer zeitvergessenen Langsamkeit. Dies Ertasten der Festigkeit, dies Erspüren der kleinen Luftbläschen - und dann begrüßten seine Lippen das Brotgewebe. Wie fest Karl vor ihm wurde, wie sich die Blätter hinter ihm zu einer grünen Fläche verwoben, vor der Karl saß und aß: ein Bild wie von alters her, wo einer das abnehmende Brot sich anverwandelte und immer mehr zu einem Stilleben erstarrte.

Tonlos fing Loddel an zu leiern: „Die Welt, ein eiternder Kloß, ein gährender Schoß, und manchmal der Himmel darüber blank und stramm. Wahrlich, ich sage euch: Unter anderem Himmel ergehen sich andere Wahrheiten,” doch auf einmal verwandelte sich seine Stimme zu einer unsäglichen Traurigkeit: „Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog traurigfroh wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, liebend unterzugehen, in die Fluten der Zeit sich wirft…”

„Aufwachen, Gegenwarts-Appell!” fuhr Leo ihn an, „kein Airbag, nicht mal als Sonderausstattung! Dieses Produkt der Firma Hölderlin ist mangelhaft.”

„Zu Befehl! Kunde ist König!” schnarrte Loddel zurück.

„Neue Losung, neues Glück!” ermunterte ihn Leo.

„Losung, na klar! Vorwärts zum zwölften Parteitag! Unter Führung der Partei der Arbeiterklasse…”

„Abgelehnt! Positiv, optimistisch! Neue Produkte für neue Märkte!”, und wieder fielen beide kichernd zurück auf die Decke.

Groß und ernst wandte sich Karl ihm zu: „Wenn ich dat seh, die Frauen, wat die kaufen, nur dieses Zeug, dieses verdammte Tiefkühlzeug. Dat is aber, die könn” doch nich mehr kochen, könn” die doch nich mehr. Is doch auch alles nix mehr, is doch nur Dreck, wat da produziert wird, nur der Schnaps noch nich, der nich, oder? Meine Mutter noch, die hat gekocht im Winter den Kohl, wo wa alle inne Küche saßen, wo” d warm war vom Herd, und überall dieser milchige Dunst anne Scheiben… mit welcher Ruhe die gekocht hat.. dat kann sich keiner heute mehr vorstellen. Wat die da alles reingemacht hat: Zwiebel, Lorbeer, Speck… ich krich dat gar nich mehr alles zusammen. Aber geschmeckt hat dat, geschmeckt. Und zum Nachtisch gabet ”n Apfel, nich wie heute dat ganze Zeug Eis und Joghurt und so. Und dann durft’ n wa in” n Keller runter, wo die Äpfel gelagert warn, so immer einer neben” n andern auf so Bretter, so lang und so breit, damitse ja nich faulig wurden, und dann durft’n wa uns ein” n holn. Aber schon wenne reinkams in” n Keller, der Duft vonne Äpfel, der sich da gestaut hatte, den riech ich wie heut. Nä, heute gibtet auch die Dankbarkeit nich mehr, gibtet nich mehr.”

Er lauschte noch Karls Worten aus der Vergangenheit seines Lebens heraufsteigen. Dann überfiel ihn überschießende Wärme, die aufquoll in ihm wie ein fetter Pilz: die Glut wegbringen, nur weg. Er erhob sich, brach durch Buschwerk, kotzte grün auf Wurzeln. Als er zurückkam, stand Leo vor ihm, seltsam gesammelt und klar.

„Prost, alter Freund! Wie heißt du eigentlich? Ich bin Leo Seelenschnitzel, also: Durchstarten durch den Konsum, halten wir den Geist, den verbissenen, lassen ihn nicht los, es wird durchgestartet, wir sind so frei!” Sie setzten sich, stießen an, tranken; Leos Stimme wurde feierlich: „Weißt du, der Geist: Sokrates, Rimbaud, Trakl: Freaks, aber die hatten” s drauf, dagegen bin ich nur ein armer Schlucker, die haben Tiefe gehabt, aber die andern hatten das System auf ihrer Seite. Der Geist muss ein Säufer sein, ein Outcast, und niemals wird er Bürger werden, du verstehst. Der Bürger aber, innerlich so leer wie Stroh, will scheinen als ob er selbst Geist hätte. Deswegen bringt er solche Leute um und bemächtigt sich ihrer Werke. Diese Verwaltungs-Geier, Technokraten, die bringen den Geist auf DIN-Format, damit er passt, passt, passt…

Weißt du, es gibt eine andere Welt, die ist gläsern und auf ihre Weise streng und bizarr, aber auch kühn und frei und dieser lauwarmen Scheiße überlegen. Du weißt, was ich meine?”

Er wusste es nicht.

„Egal. Ist vielleicht auch besser so.”

Leo trank leise und in riesigen Zügen: „Ich meine nur, wenn in dir ein Feuer ist, nein kein Stoff, ich bin auch kein Papagallo, nur ein armes Schwein, also: Wenn in dir ein Feuer ist, ich mein, dass du auf etwas stehst, uh, das ist schon wieder Scheiße, das ist Disco und Tekno oder so ein Mist… Pass auf: Hölderlin: ‚Nah ist und schwer zu fassen der Gott’; ‚Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.’ Da steckt doch was drin, oder? Gib” s zu! Sag was!”

Er wusste nichts, war wortlos und klein.

„He, antworte doch! Schon gut! Scheint, ich bin vollkommen neben der Kappe. Obwohl mein Hirn kocht wie eine hohl drehende Waschmaschine und seine Sätze gegen die Wände schleudert, es wringt mir einfach die richtige Sprache nicht raus…”

„Weißt du was das heißt, vor einem Berg zu sitzen, der fließt?” schaltete sich Loddel ein, „dessen Lava immer massiver auf dich drückt? Irgendwann wird alles zu Ware, und wie im Märchen von der goldenen Gans blieben die Menschen an ihr kleben und werden wie sie…”

Jetzt erwachte Leos großer Zorn: „Wenn ich mir diese Wichser ansehe mit ihren Konsumbeuteln, prall, bis obenhin gestopft, und sie latschen an mir vorbei und sie grüßen nicht, sie grüßen nicht, und ihr Gesichtsausdruck sagt mir: Du verkommenes Subjekt, und ich sehe diese absoluten Nulleiter, und ich weiß nicht mehr, ob ich schreien und rasen oder weinen und für sie beten soll vor Wut und Mitleid…”

Leo brach ab, bekam einen Weinkrampf, fiel in sich zusammen, zuckte und wellte sich wie ein Wurm am Boden hin. Ihn überkam unsägliches Mitleid, aber Loddel wehrte ab: „Lass ihn, das gehört dazu, kommt periodisch, dauert nicht lang…” und da war Leo auch schon wieder da: „Und ich geh durch die Passagen und seh diese Gesichter, die jeden Tag gefühlloser werden, und ich sehe diese Augen, die mich am liebsten wegbrennen wollen…” jetzt schlug seine Stimmung um, er wurde hart und knapp: „Liegt am negativen Denken… Wie sagte mein alter Herr immer: wer so negativ denkt wie du, der muss die Folgen selber tragen. Und: Wie du kommst gekrochen… Amen. Mann, keine Achtung vor der Selbstachtung. Und trotzdem: Wenn mein Alter wüsste, wie oft ich das versucht hab mit dem normalen Leben, gegen alle inneren Widerstände! Aber je öfter ich das tat, umso schwerer wurd’ s mir und umso mehr meinte ich, ein Stück von mir selbst abzuquetschen. Und dann, wenn ich so dalag und in mich selbst hineinhorchte auf die noch wahren Regungen in mir, da war etwas unendlich viel stärker und tickte frech seinen eigenen Rhythmus weiter und hörte nie auf und manchmal, da lachte es gellend über die Verkrampfungen, die ich außen vollführte, um so zu sein wie man es denn so gern von mir gehabt hätte. Und es hatte, verdammt noch mal, recht.

Trotzdem gab es ”ne Zeit, da war ich relativ stabil. Hab regelmäßig gearbeitet, in der Uni, in Jobs. Irgendwann brach ich ein, muss beim Taxifahren gewesen sein, wurde gedemütigt, sollte Uniform anziehen: Herr Unternehmer, zu Diensten, ihr Leibeigener steht bereit in voller Anzugsordnung, korrekt beschriftet mit ihrem Namen: nie!

Dann Beziehungsprobleme, volles Fieber monatelang, raste wie ein Tier durch die Stadt, Wut in den Adern, zog mir was rein, verpasste Termine, verlor den Anschluss, mein Alter stellte die Zahlungen ein, musste wieder arbeiten, hatte keine Lust mehr, hing durch, tat in immer größeren Abständen noch was fürs Studium, dann nichts mehr, und irgendwann gab’ s nur noch eins für mich: Durchstarten, einfach durchstarten. Prost!”

Loddel sinnierte: „Wenn das Zimmer erst weg ist, fallen unendlich viele Türen zu. Es beginnt dein beinhartes Leben, und du zählst dich nach überlebten Wintern, kriegst eine Rinde wie die Bäume, fängst an, anders zu riechen, anders zu schmecken, und du spürst, wie dich alles zerdrücken will, die Menschen, ihr Abgas, ihr ganzer Müll. Was die Natur aushält, ist unglaublich, geradezu unnatürlich.”

„Loddel,” rief Leo Seelenschnitzel scharf, „Recht hat der Mann, der Bürger hat recht. Auf den Bürger!” Und er setzte die Flasche an, doch niemand trank mit ihm. „Tschuldigung, ich kotz mich wieder mal aus, leg dir meinen Seelenschnitzel auf den Tisch. Scheiße, ich Arschloch. - Karl, wo bleibt der Nachschub! Kleine Pause, kleine Stärkung!” Und er stand auf, grüßte militärisch stramm: „Grüezi, ich bin Leo, Arschloch mit Seelenschnitzel, auf Wunsch geschnetzelt.”

Damit drehte er sich ab, strebte auf das Denkmal zu und wollte hinaufsteigen, doch Loddel trat ihm in den Weg: „Lass mich rauf. Jetzt kommt Seelenschnitzel, die zweite. Ich muss eine Rede halten, die Rede von der Befriedigung!” Taumelnd gegen den Zementsockel fasste ihn Loddel am Arm, zog ihn zurück: „Bleib hier. Du schaffst es doch nicht mehr!” Leo wand sich aus der Umklammerung: „Ich werde meinen Bildungsauftrag erfüllen, ich muss es diesen Analphabeten ins Gewissen brüllen…” Auf einmal kam Else, klein und leise, sagte nur: „Mein lieber Junge!”, und willenlos ließ sich Leo an seinen Platz führen wie ein Kind. Im Liegen deklamierte er tonlos vor sich hin: „Wahrlich, ich sage euch. Was immer auf dieser Erde kreucht und fleucht, was immer sein blödes Auge der brennenden Sonne entgegenstreckt, was immer des nachts sich vor Kälte zusammenkrümmt wie ein kraftloser Wurm und seinen muffigen kleinen Winkel aufsucht, es will seine Befriedigung, seinen Rausch. Unlust ist der Feind allen Daseins. Teilen wir diesen Rausch, meine Schwestern und Brüder, der uns eint. Freilich, er ist einfach und kommt von ganz weit her: Brot und Wein.” Damit fielen sie in Nacht und unruhigen Schlaf.

Irgendwann später wachte er auf, ihn stach sein Hals, der furchtbar stank. Wie schwer fiel das Blinzeln, bis endlich seine Augenlider aufplatzten wie eine rote, überreife Frucht: Große Sonne, stahlharter Tag. Die Gestankglocke, unter der er gelegen hatte, verursachte ihm Übelkeit, aber was Leo gesagt hatte, hing ihm nach: Durchstarten durch den Konsum. Er sammelte seine Sachen ein, sie schliefen wie Kinder, wie Säcke ließ er sie liegen, machte sich auf wie ein anderer, ein neuer, blähte die Nasenflügel im würzigen Morgenwind, füllte die Lungen wie nie, setzte vor Lust den Schritt hinaus in die Welt, kam an Schaltern vorüber, kaufte sich Kaugummi, erfrischte sich weiter, spuckte im Gehen in Körbe, schob nach was er brauchte, bediente sich lässig an Obstständen, zahlte und startete durch, sah mit Freude die Schaufenster blitzen, strebte zu Ständen, zu Kassen, ging fort wie ein Held im neuen Hemd, war auf der richtigen Spur, wer sollte ihn hindern, federnder war sein Schritt, er kaute und streckte sein prachtvolles Hemd ins Licht, wusste, es musste noch heute geschehn, nahm Hunderte von Schildern und Tafeln einzeln wahr, war frei und entschieden, souverän und groß, bestieg Busse und Bahnen, startete durch, immer noch kauend, wollte es wissen, sportlich und ausdauernd frisch, o welche Lust dieser Zeit, welcher Sinn dieser Welt!, kam an, kam endlich an die Fußgängerkreuzung, die Ampel, sah den Palast, ihn selbst, aufragen wie einen blauen Riesenkristall, kraftvoll und ernst, und die oberen Stockwerke badeten schon im gleißenden Licht.

Er hielt inne, schaute hinauf. Ein Gebäude wie ein Dom, mit dem Himmel verwachsen, ein gigantischer Finger der neuen Zeit… „Mensch, gehen Sie doch weiter! Sie versperren ja hier den Weg!”

9

In der Kristallnase der blauen Glasfassade blinkte das Sonnenlicht. Im Erker der obersten Etage standen die Trainees, schwitzten und rauchten. Als sich die Tür des Konferenzraums öffnete, glitten die Jalousien gerade herab. Otmar, Senior der Agentur, der Salbungsvolle, wie ihn die Kollegen nannten, stand neben dem Diaprojektor und winkte sie generös herein. Fast geräuschlos besetzten die Trainees die Plätze gegenüber der abgedunkelten Wand, auf der das Großbild eines antik anmutenden Gefäßes zu stehen kam:

„Na, sind wir denn auch alle da? Dann möcht ich euch herzlich begrüßen. Ich bin Otmar, der Elder Statesman hier. Lasst mich euch zu Anfang kurz erklären, was wir hier machen und vor allem, wie wir es machen. Wir müssen es ja immer wieder erleben, wie nötig das ist, denn in der Öffentlichkeit kursieren über unsere Branche ja die tollsten Gerüchte.”

So leicht wie sonst kamen Otmar die Worte nicht von den Lippen; irgendwo saß in ihm eine Spannung, die sich nicht auflösen wollte:

„Junge Leute, die in die Werbung wollen,” hörte er sich sagen, „denken natürlich zuerst an ihre Kreativität und meinen, das sei” s doch, was man hier braucht. Irrtum, liebe Leute: das erste und beste, was wir von uns allen verlangen ist Einsatz, Einsatz und noch mal Einsatz.”

Die Einleitung saß, die Trainees blickten gespannt Otmar machte es sich bequemer auf dem Rand eines der Tische:

„Ich möcht das auch mal gleich an einem Produkt darstellen. Dies da hinter mir ist ein Joghurtbecher. Lacht nicht, denn das ist kreativ. Zur Vorgeschichte: Unserem Kunden war der alte Becher auf einmal zu antiquiert und langweilig. Irgendwie war man eingeschlafen, und dann waren die Wettbewerber designmäßig auf und davon. Das war der Stand, als wir uns an die Arbeit machten.

Unter den ersten Designskizzen für einen neuen Becher fand sich nun auch dieser so extravagante Vorschlag eines Füllhorns. Lassen wir Kostenseite und Transportprobleme mal ganz beiseite: Welche Kommunikationschancen hat so ein Füllhorn? Welche Assoziationen bringt es mit?” -

„So was Schlaraffenlandmäßiges,” kam es zögerlich.

„Richtig, und ich garantiere euch, dieser Produktauftritt wird ein Hammer. ‚Sensationell’ tönt es hier, ‚überspannt’ aus der Gegenrichtung. Und unsere guten Freunde, die stehen fest zu uns, klopfen uns auf die Schulter und bekunden, sie finden das unheimlich stark.”

Otmar stand auf, betätigte den Schalter neben dem Fenster. Langsam glitten die Jalousien wieder nach oben.

„Ein halbes Jahr später ist der Rummel vorbei. Unsere guten Freunde können sich gar nicht mehr so recht erinnern. Wir aber schauen auf den Umsatz. Er tendiert gegen Null.

Was lernen wir daraus?”

Die Trainees schwiegen angestrengt.

„Was das Füllhorn niemals gewinnt, da viel zu kompliziert, zu hergeholt, zu abgedreht, ist das Vertrauen der Menschen.”

Otmar hielt inne, setzte neu ein:

„Beginnen wir also von vorn, diesmal nicht bei uns und unserer Kreativität, sondern bei Adam und Eva. Genauer: bei den Millionen Adams und Evas da draußen, denn das sind die, denen wir unser Produkt so nah bringen müssen, dass sie es gerne kaufen. So einfach ist das, so schwer.

Was immer wir tun, geschieht zwischen zwei Polen: Käuferpublikum und Produkt. Dieses Spannungsfeld ist unser Arbeitsfeld. Betreiben wir also zunächst Publikumskunde. Welche Kenntnisse haben wir von ihm, welche nicht? Wie beschaffen wir uns, was wir wissen wollen?” -

„Da gibt es doch Marktanalysen. “

Otmar lächelte; das kam immer:

„Natürlich. Wir können uns alles zusammenkaufen und daraus was Nettes mixen: Sozialdaten aus den U.S.A, Strategieknowhow aus England, Verkaufspsychologie aus Saarbrücken, und zum Schluss lesen wir drei kluge Bücher über Design und Zeitgeist, und fertig ist unsere Kampagne. Doch funktioniert das über den Tag hinaus? Lebt das? Kommuniziert das?”

Otmar erhob sich:

„Wenn ich eine Aufgabe habe, dann gehe ich ganz anders vor. Zuerst einmal höre ich lange zu, das heißt, ich schlendere auf den Markt, lass mich durch all die Geschäfte und Kaufhäuser treiben und schau mir dabei alles gut an: Was wird da angeboten? Wie wird das angeboten? Ich beobachte Händler und Käufer vor und nach ihren Kaufakten, registriere ihr Zögern, ihre versteckten und offenen Kämpfe, Verweigerungen und Triumphe, ich bin ein ganz großes Ohr für alles, was die Worte, die Gesichter, die Gesten sagen und wie sie es sagen.

Allmählich wächst mir sowas wie Klarheit zu. Es filtern sich die typischen Kaufvorgänge heraus. Genau die will ich haben, da steckt mein Material. Und wie von selbst sind dazu auch die passenden Menschen da. Die beiden Unscheinbaren dort, das sind sie, die Leute mittleren Einkommens und mittlerer Leidenschaft: Brigitte und Werner Nullmüller. Was könnte denen wohl gerne begegnen? Wie erfahre ich das?” -

„Man könnte sie nach ihren Wünschen befragen.”

Otmar lächelte:

„Ihr habt mich nicht richtig verstanden. Die beiden sind meine Fiktionen, die für meinen Anschauungsbedarf zu Testfiguren zusammengepresste Masse.”

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und begann vor den Trainees auf und ab zu wandern:

„Doch setzen wir ruhig den Fall, sie wären real. Ich gehe also auf die Straße und befrage tausend Weiblein, tausend Männlein. In dem Moment, wo die nach einer Antwort suchen, sind das schon gar nicht mehr meine Leute, denn nun haben die ihr Individuum eingeschaltet und reden klug. Doch die Reaktionsform des Unbewussten in ihnen, die ich ja haben will, kann niemals ihre ausformulierte Antwort sein, sondern immer nur Resonanz oder Stumpfheit - Vertrauen oder Ablehnung.”

Es war mäuschenstill:

„Es klingt paradox: Die größte Gewissheit über das Innenleben von Werner und Brigitte muss ich in mir selbst suchen. Meine ehrlich erarbeitete Fiktion ist die bessere Wahrheit.”

Otmar fing an, sich um die Gruppe herum zu bewegen:

„Nachdem ich ein großes Ohr gewesen bin, mutiere ich nun zur Nase. Ich nehme Witterung auf. Ich mach mich klein, ganz klein wie ein Spulwurm, schlüpfe in Brigittes und Werners Eingeweide und schnüffle in ihrer Psychostruktur herum.”

Otmar war hinter ihnen angelangt und spürte, wie sich ihm die Köpfe zudrehen wollten, es aber nicht wagten:

„All ihr Oberflächliches liegt nun hinter mir. Da mochten die beiden ja ganz ordentliche Zeitgenossen sein. Aber funktionieren die auch so in ihren Kaufentscheidungen? Je ausgiebiger ich in ihren Seelchen herumwühle, desto besser lern ich sie kennen. Brigitte und Werner sind eigentlich ganz schöne Schweinehunde: feige, neidisch, gierig, rücksichtslos, eitel, voller Angst und Unsicherheit, und immer wieder faul, bequem und träge. Was sie sind, ist Null, was sie für sich beanspruchen, ist ein Platz an der Sonne. Nur: auf diese meine kleinen Schweinehunde kann ich mich verlassen, auf das oberflächlich-ordentliche Durchschnittspärchen nicht.”

Kein Wort des Protestes. Otmar fuhr fort: „Brigitte und Werner kann ich nicht verändern, aber mein Produkt, wenigstens seinen Auftritt. Ich krieche also aus ihnen wieder heraus und auf der andern Seite wieder ins Produkt hinein. Die Kenntnis von Werners und Brigittes Unbewusstem aber, die nehm ich mit. Ich bringe mein Produkt so zum Sprechen und Schwingen, dass es im Geiste der Wünsche dieser beiden spricht. Hierhin montiere ich einen unsichtbaren Widerhaken des Vertrauens in Form einer aufgedruckten Qualitätsgarantie, dort verstecke ich den Anflug des befreienden Traums von Gesundheit und Kraft durch heiterruhige Bilder vom Lande, das Ganze aber durchziehe ich mit einem erlösenden Sog, der ihnen unaufhörlich zuflüstert: ‚Du darfst, du darfst!’, beispielsweise durch eine Kalorienangabe. Aber all meine Kunstgriffe dürfen nicht schrill oder schräg daherkommen, sie müssen den Geist der Natürlichkeit und Ungezwungenheit an sich tragen. Mein Produkt muss sich mit Brigitte und Werner unterhalten wie ihr guter Bekannter, ihr alter Freund.”

Erst jetzt fingen ihm seine Formulierungen an zu gefallen:

„Ein kluger Mann hat einmal gesagt: Eine Marke hat ein Gesicht wie ein Mensch! Behaltet meinetwegen nur diesen Satz, hängt ihn euch übers Bett, denkt ihn morgens, mittags, abends und nachts. Darin steckt das Geheimnis gelingender Massenkommunikation. Aus diesem Satz könnt ihr alles entwickeln. Wenn er dazu taugt, dass ihr euch rückstandslos ins Produkt vergrabt, bis ihr nichts anderes mehr im Sinn habt als seinen glaubwürdigen Auftritt, dann hat er seine Schuldigkeit getan. Fischt aus einem Meer möglicher Informationen und Emotionen die tragfähigen heraus, knüpft daraus ein Spinnennetz von Assoziationen. Prüft es zehnmal, zwanzigmal, hundertmal auf seine Reißfestigkeit und Glaubwürdigkeit. Hat dieses Netz auch nur den kleinsten Fehler, ist alle eure Mühe umsonst. Die Masse da draußen mag das Gehirn eines Dreijährigen haben, worüber sich gut spotten lässt, aber sie ist gesegnet mit einem unendlich feinen Organ des Misstrauens.

Und wenn dies erst mal Fuß gefasst hat, entsteht ein Flächenbrand, vor dem es keine Rettung gibt.”

Jetzt stand Otmar wieder vor ihnen:

„Hütet euch vor zu aufdringlichen Gags: je origineller sie sind, desto mehr Aufmerksamkeit ziehen die auf sich selbst und vom Produkt ab. Auch in allen Werbefiguren schlummert diese Krankheit. Als wir im Frühjahr den Fruchtprinzen einführten, hab ich unablässig gewarnt: Er ist so schön geworden, dass wir ihn um Himmels willen klein fahren müssen, sonst wird er eines Tages zum Vampir und frisst uns das Produkt auf.”

Er schob hinter sich eine Stellwand zur Seite; sichtbar wurde das Plakat:

„Schaut, hier lugt er noch ganz bescheiden zwischen den Grashalmen hinter dem Becher hervor, der kleine Kobold. Aber es kam, wie es kommen musste: Alle haben sich in ihn verliebt, und jetzt höre ich, dass sie schon einen Kinderstar aus ihm gemacht haben.”

Einen Augenblick lang war er abgetrieben, dann holte er sich wieder:

„Hier bei Fruchti haben wir die bekannte und vertraute Kelchblumenform weiterentwickelt, aber allen Ehrgeiz daran gesetzt, ihr mehr Aura zu verleihen.”

Er ging zum Wandschrank, holte das Display mit den Mustern und stellte es auf den Tisch: „Schaut den Becher mal genau an: Eigentlich ist das gar kein Becher mehr. Da steckt so vieles drin, was Absolutistisches, möcht ich fast sagen, was Prachtvolles jedenfalls. Das hat was vom Königspokal. Ja, mit Fruchti kann jeder Konsumkönig sein und am Tisch der bekrönten Häupter sitzen und tafeln wie diese. Seht auch mal hier diese wohlgeformte Lasche. Die meisten Wettbewerber haben noch die Aluminiumlasche, die zugleich eine Ecke des Deckels ist. Wir haben die Lasche verstärkt, fleischiger gemacht, zungiger möcht ich fast sagen. Und da steckt wieder eine Menge drin: das Vorspiel der joghurttollen Zunge vor dem Vernaschen, die Gourmet-Vorstellung des Kenners, der ganze Komplex französischer Genusskultur! Und selbst bei Leuten mit religiösen Restbeständen erinnert dieser Pokal noch irgendwie an das Abendmahl, die Lasche an die Oblate.

Und nun folgt die erste Berührung mit der Kundenhand. Sie greift ins Kühlregal, unsicher noch, schwankt hierhin, dorthin, jetzt berührt sie Fruchti - und in diesem Augenblick gibt unser Produkt all diese sorgfältig hineinkomponierten Botschaften ab. Diese Berührung o lala, die muss sein wie ein hingehauchter Kuss…”

Es rumorte im Gang, die Tür sprang auf, im Rahmen stand sein Compagnon Arthur, mit Springerstiefeln, einen Helm auf dem Kopf. Otmar war wie gelähmt: Aktion Stahlhelm!

Arthur stampfte in den Raum: „Raus!” schrie er, „raus… 4,8 Millionen, in Worten: vierkommaachtmillionen. Im Ausguss! Der Etat ist seit heute bei C, M und B!” und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Irritiert verließen die ersten Trainees den Raum und drückten die Knöpfe am Aufzug. „Ihr nehmt die Treppe!” schrie Arthur hinter ihnen her.

Mühsam gewann sich Otmar wieder: „Bleibt hier! Ich bring das zu Ende. Geh bitte, Arthur.” Der erhob sich gequält und schlurfte schlaff hinaus.

Otmar atmete heftig durch: „Wie bringt man so einen Tag zu Ende?” Er schwieg und fasste sich. Die Trainees schauten völlig entgeistert. Otmar war alles egal:

„Was hab ich mein Leben lang eigentlich gemacht? Gern redete ich mir ein, es gäbe neben der grausamen Welt der Nachrichten auch die Welt der guten Botschaften, in und an der ich arbeitete. Ja, woran sollten die Leute sich denn auch halten, an was glauben, worauf hinleben wenn nicht auf etwas Positives? Aber was ist das Gute, das Positive? Ist Gott vielleicht positiv? Wenn ich darüber nachdenke und mich selbst ansehe, wie ich das Positive aus einem Produkt heraus formuliere, ist Gott ein viel zu schwacher Kandidat…

Was ist das schönste und das beste auf der Erde? Das hat sich schon Sappho gefragt, die griechische Dichterin. Was dem einen die Schiffe, das waren dem andern die Kriegshelden! Einigkeit darüber gab es nicht. So ist’s noch heute. Der eine preist sein Bio-Müsli, der andere seinen Achtzylinder. Sappho aber fand eine kluge Antwort: Wonach ein jeder sich sehnt! Es geht also um die Sehn-Sucht. Wo das Suchen aufhört, ist” s um das Sehnen geschehn. Stabilisieren wir also die Sucht, meine Freunde, halten wir die Süchtigen auf Trab. Nur wo hinter dem erfüllten Wunsch ein zweiter und dritter herauslugt, schläft der Umsatz nicht ein.

Entschuldigt, ich kann nicht mehr sprechen. Wenn ihr meint, irgendetwas gefangen zu haben, dann kommt morgen wieder her.”

Otmar ließ die Trainees im Schulungsraum zurück. Er fühlte sich matt und wie taub.

Erst als er den Fahrstuhl betrat, durchzuckte sein Gesicht ein schräges Lachen. Sieben Stockwerke tiefer traf er im Gang auf Arthur, die Haare wüst und verschwitzt; der Stahlhelm lag auf dem Boden. Arthur stand am offenen Fenster, sah hinaus und ihn nicht an:

„Zu konservativ, sagt der Kunde, auf deutsch: zu mittelmäßig.”

„Auf den ersten Blick…” -

„Du kannst das nicht mehr rüberbringen. Kein Kunde geht darauf mehr ein.” -

„Die Mischung stimmt!” -

„Die Konkurrenz bietet Action, wir Langeweile.” -

„Mit Gags gewinnen wir das Vertrauen der Leute nicht!” -

„Bezahlen uns die Leute oder der Kunde?”

„Das ist doch kurzfristig gedacht! Wenn wir durchhalten, werden wir gewinnen.” -

„Otti, du merkst nicht, wie die Zeit galoppiert. Der Markt hat sich radikal geändert. Da muss Animation sein, Faszination, das muss knistern, funkeln, wirbeln! Eine ganz neue Ästhetik und Kommunikationskultur! Das will nicht nur der Kunde, auch das Publikum! Und wer da nicht mitmischt, ist gnadenlos verloren. Doch du wirst das nicht mehr begreifen. Ergebnis: Etat futsch.”

Erst jetzt fühlte Otmar den Becher in seiner Hand; langsam zerdrückte er ihn, dass der Kunststoff knisterte und knallend zersprang.

„Otti, wenn du dir selbst helfen willst, geh in den Osten. Vielleicht kommst du da ja noch an!”

Das saß.

„Einen goldenen Becher werf ich hinab,” sagte Otmar tonlos und ging.

Müde stierte Arthur hinaus, sah dem zerdrückten Kunststoffknäuel nach, wie es langsam an der Fassade hinuntertrudelte. Auf einmal stand ihm der komplette Spot vor Augen: Wie der greise König mit schlohweißem Haar den Becher von sich wirft, das Heer der Ritter und Knappen stumm dasteht und plötzlich der schöne Fruchtprinz hervortritt; schlank und kühn wie ein Gott fliegt er hinunter, fassungslos stehen die andern am Rand und sehen seinen Kopf unten im tosenden Strudel, behende erklimmt er die Felsen, kommt wieder herauf und steht ganz oben auf der Klippe und hält den Becher gegen die aufgehende Sonne! Ein Funkeln breitet sich aus vom Rande des Pokals, der überquillt von Früchten, und das Weiße des Joghurts strahlt gleißend im Morgenlicht… Welche Motive, was für ein Auftritt! Doch es war alles zu spät, der Etat bei C, M und B.

Müde sah Arthur auf die Straße zur roten Ampel hinunter, wo die Luft flirrte und der Menschenstrom sich gerade wieder zu einem Wulst zusammenkräuselte wie Eiweiß in einer erhitzten Pfanne. Wieder schaltete die Ampel auf grün, und der Schwall ergoss sich über die Straße, formierte sich zu einer unendlichen Kolonne, die zum Erlebnispark hinübertrabte, der sie ansaugte wie ein machtvoller Magnet.

10

Wie im Traum lief er weiter, kam an einem riesigen Parkplatz vorüber. Aus den Autos fluteten Massen, mit Liebe, mit Lust. Der Menschenstrom nahm ihn auf, vereinnahmte ihn, schob ihn weiter mit sanfter Gewalt. So viele Kinder, so viele Familien, die alle nach vorne strebten: ihm wurde so leicht, so jung. Eine große Tafel wuchs rechterhand herauf: „Willkommen im Wunderpark! Das Erlebnis für die ganze Familien”, las er noch und verdrehte den Hals. An einer Sperre zahlte er willig, erhielt ein Programm. Er trat auf einen wundervollen Platz, sah einen Brunnen sprühen in farbigem Wasser und Licht: riesige Amphoren quollen über, Fontänen spritzten aus betörend angelegten Blumenbeeten, Palmen standen ringsum und beschirmten die Szene. Eine große Mickeymaus wiegte sich an ihn heran und befingerte ihn mit samtenen Pfoten. Er aber wusste das richtige Wort zur Begrüßung nicht und stand ganz schief. Irgendwo blitzte es auf, Kinder lachten, da lachte er mit. Die Maus umtanzte ihn, einmal, zweimal, und schwenkte in ihren weißen Gummihänden auf einmal ein Foto: sie und er, ein unvergessliches Erlebnis.

Drüben pfiff eine Lokomotive; er machte sich auf, unter Juchzen und Lustkreischen ringsum, bestieg den Zug, ließ sich nieder auf einem Kinderbänkchen. Durch sanfte Kurven schlängelte sich die Reihe der Waggons. Nie zu enden, zogen traumhafte Landschaften vorbei. Hügel stellten Berge vor, und dort hinter dem See war fast das Meer zu erahnen. Liebliche Landzungen schoben sich ein und strotzten von exotischen Pflanzen und Blumenrabatten. Durch die Baumwipfel brach die Sonne, so dass die Hecken bläulich erglänzten und wie berauscht in ihren Blättern versinken wollten. Eine große Voliere pendelte vorbei und erfreute die Zugpassagiere mit unendlichem Gepieps und Gezwitscher: Papageien, Prachtfinken und Kolibris. In Farbe, Klang und Duft war die Welt so unausgeschöpft und neu wie vom Ursprung her! Jetzt kamen Teiche heran, schmiegten sich näher ans Gleis, zeigten ihre feinen, wohlgerundeten Inseln vor, auf denen zartrosa Pavillons standen, die sich unablässig drehten. Aus ihnen grüßten Tierfiguren, wiegten Kopf und Tatze, Schweif und Ohr. Ein prächtiges Schwein quiekte vor Lust, ein schwarzer Hengst wieherte als Tenor eine Arie, mächtig erhob ein Elefant seine Rüsseltrompete, Enten schnarrten am Boden und ein drolliger Esel stöhnte periodisch sein raues I-A dazu.

Nach dem Konzert der Tiere fuhr der Zug in ein Wäldchen ein. Zwischen den Bäumen sprossten, wie von Zauberstäben erweckt, urplötzlich große bunte Pilze. Jetzt klappten ihre Hüte herunter, ein Glockenspiel erklang, Zipfelmützen fuhren heraus, und die sieben Zwerge schwenkten grüßend die Ärmchen. An einem großen Glaskegel ging es vorbei, der magisch aufglühte wie ein geheimnisvoller Kristall. Die Spitze fiel ab, und Schneewittchen sprang heraus und huschte in einen Wald voller Spiegel Hundertfach war ihr weißes Brautkleid zu sehen, und hundertfach, aus verborgenen Lautsprechern, scholl es: „die schönste, die schönste, die schönste im Land”. Dann fuhren die Köpfe der Fahrgäste herum: „Willkommen, meine Freunde klein und groß! Willkommen, ihr alle!” tönte es von der anderen Seite. Von großäugigen Rehkitzen umgeben brummte ein freundlicher Waldschrat auf einer Lichtung sein Sprüchlein ab. Daneben drehten, von einem kleinen Karussell bewegt, Plüschhasen die tollsten Pirouetten und Purzelbäume.

Am nächsten Haltepunkt stieg er aus. Welch hutzliges Bahnhöfchen! ‚Wie in der Schweiz!’ dachte er noch, ‚wie in der Schweiz!’ An der Bank davor packte eine Lehrerfamilie die Rucksäcke aus. Doch die Brote fanden keinen Anklang, die Töchter verzogen das Gesicht und drängten immerzu in das Kirchlein gegenüber. Die Mutter aber blieb hart und bestand auf Selbstversorgung. In wortlosem Groll stapften alle davon. Wie putzig das Kirchlein war in seinen Zwiebeltürmen! Seine Tür war so niedrig, dass er sich buckeln musste, um überhaupt eindringen zu können. Drinnen tollten Kinder, ausgelassen und froh. Er schaute hinüber zum Chor, wo der Altar zu einer Eistheke umgebaut worden war; ein Schild zeigte an: ‚3,50 DM, eigene Herstellung, nur hier im Wunderland’: das wollte er sehen. Eben drückte die von Kinderhänden lustig bemalte Maschine eine weitere Batterie Eisfiguren aus den Hohlformen. Das Modell der Kirche als Eis am Stiel! Wie gerne lutschten die Kinder an diesem Motiv!

Fasziniert trat er wieder hinaus und sah einen Felsen ragen, vor dem ein Menschenauflauf entstanden war. Eine milde Neugier griff um sich, ergriff auch ihn. In froher Erwartung reckten alle die Hälse: eine Grotte mutete sie an. Welches Erlebnis mochte sie in sich bergen? Schon öffnete sich knarrend ein abenteuerlich geschwärztes Holztor, schubweise drückten die Menschen in die Felsöffnung hinein. Ein Tunnel, erfüllt von wohlduftend-süßlichem Rauch, umgab sie. Doch dann und als ob die Schwaden heimlich abgesaugt würden, gelangte die Schlange an einen düsteren Hafen. Hier begann die Verschiffung; Boote, von Helfern gerichtet, nahmen sie gruppenweise auf. Los ging die Fahrt, an einem Vorhang aus Wasser vorbei abwärts - unter irrsinnigem Kreischen. Dann war alles gespenstisch still. Lautlos und von versteckten Drahtseilen geführt glitten die Boote durch die verschlungenen Wasserarme der Unterwelt, vorbei an einem geheimnisvollen, fremdartigen Dasein. Dunkle, exotischsüße Harfenakkorde erklangen und hallten lange nach im Gewölbe. Die Vergangenheit trat aus ihren Schatten hervor, so begreifbar, so lebendig, so nah! Und ganz Asien mit all seinen Geheimnissen und Abenteuern! Die Figur einer javanischen Tempeltänzerin bewegte ihren feinen Körper wie schwerelos. Ihre grazilen Hände, ihre Wimpern klappten im Takt, und ihr Köpfchen, das nickte so süß.

Unruhige Zeiten kündigten sich an, auf bizarren Felsenklippen zeigten sich wüste Gesellen mit abgerissenen Kleidern und wilden Krausbärten; eindeutig die Gesten, die Absichten. Seeräuberlieder ertönten, rau und verrucht und doch voll lieblicher Schwermut. Da erschien eine große niederländische Handelskogge, beladen mit Tee, Gewürzen oder Tabak, heimkehrend von Batavias Faktoreien. Dumpfe Kanonenschüsse hallten, Splittern von Holz, brechende Masten, Säbelrasseln, Getrampel, Schreie und höhnischgellendes Lachen. In einer Bucht hatte das Seeräuberschiff gelauert und losgefeuert aus allen Rohren. Die schwarze Totenkopfflagge stieg auf und schwebte über den Köpfen, Siegesgeheul erscholl und Hilferufe, Truhen wurden gezerrt und mit Brecheisen geöffnet. Schlösser krachten und knallten, Diademe, Münzen und Goldketten sprangen hinaus und blinkten im Schein der zuckenden Pechfackeln ringsum.

Ein Sklavenmarkt glitt vorbei. Peitschenhiebe knallten, eine ganze Familie in Ketten, trostlos die Köpfe gesenkt. Marktschreier in abenteuerlichen Gewändern überschlugen sich in ihren Gesten, ein monströses Scheusal mit Augenbinde und Holzfuß befühlte gierig die schönste der Mulattinnen. Eine üble Spelunke mit zerbrochenen Fensterscheiben, ein fetter, triefäugiger Wirt schwenkte die Kannen, ein armes Mädchen tanzte. In unendlicher Trunkenheit wälzten sich zwei dort am Boden. Einer hatte den Korken im Mund, der andere schnarchte schon, das Rumfass an sich gedrückt wie sein Liebstes. Auf dem Tisch lagen noch ihre Spielkarten verstreut, eine krummbeinige Zigeunerin stand in der Ecke und lauerte schon zu stehlen, was die Piraten zuvor erbeutet haben mochten. Brennend ein pompöses Herrschaftshaus, und der Ortskommandant im Nachthemd stand auf dem Balkon, eine lächerliche Figur, dem nur blieb, in die Tiefe zu springen. Ein Bambuswald rückte heran, ein Dorf, mit ärmlichen Hütten am Ufer, Hühner- und Entenställen davor. Eine Buschfamilie, ganz in Tierfelle gekleidet, beim spärlichen Mahl. Sumpfig und fiebrig erschien der Strand, über den riesige Spinnen krochen. Ein armer Tropf in einem Bretterverschlag sprach, wohl irre geworden, mit einem Schwein als seinem besten Freund. Im Unterholz fletschte einjunger Tiger knurrend die Zähne. Pelikane schwätzten im Schilf und öffneten zuweilen die bauchigen Schnäbel, aus denen Fischköpfe hingen. Eine angeschwemmte Truhe öffnete sich wie von allein, Diademe und Dukaten glitzerten darin, und noch aus dem Gebüsch griff eine Hand gierig nach den herausrollenden Schätzen.

Dann umfing sie der dichte Urwald mit seiner Farbenpracht: das Krächzen und Krakeelen der Papageien, das Fauchen und Zischen der Schlangen wurde übertönt und langsam verdrängt vom Rauschen der sattgrünen Riesenfarne, vom Schmatzen, Säuseln und Gluckern des tiefschwarzen, moorigen Wassers. Endlich legte sich Nacht über den Dschungel. Melodisch erklangen, gleich kullernden Tropfen, die sich mehr und mehr zu einem Wasserschleier verdichteten, zauberhafte Tonfolgen wieder wie eine allmählich in der Ferne verhallende Symphonie. Leuchtwürmchen schwirrten noch hin und her, funkelten grün auf, um bald weniger zu werden und im raumlosen Gewölbe zu verglimmen.

Welche Vergangenheit, welches Abenteuer! Im Fackelschein war das Boot zur Anlegestelle gelangt. Er fühlte sich eigenartig inspiriert, wie aufgeladen und als ob fremde Saiten in ihm aufklangen. Wie all die anderen entstieg auch er benommen dem Boot, wurde in einen weiten Tunnel geschleust, an einem großen Ventilator vorbei und empfing, oh, einen Schwall angenehmer Kühle. Von Wohlbehagen erfüllt erreichte der Pulk wieder das Tageslicht und trieb auf einen mosaikartig gepflasterten Platz, wo er auf eine andere Gruppe traf, die amüsiert schien, einen Ring bildete. Er drängte sich in den Zuschauerkreis und sah einen Clown auf einem Einrad Kunststücke vollführen. Diese Pumphose, diese lustige Maske! Die strotzende Clownnase wie eine Erdbeere rot, die Wulstlippen zu schwarzen Banänchen ausgemalt und die Ohren mit riesigen Kunststoffkirschen behängt. Vor lauter Schabernack fiel der Tollpatsch jetzt vom Rad, kugelte sich am Boden und entrollte ein Transparent: „Die Rettung der Früchte! Nächste Vorstellung in zehn Minuten.” Flugs bestieg der Schelm sein Rad, bahnte sich durch die Menge den Weg und war urplötzlich verschwunden.

„Zum Theater!” hörte er um sich herum, „die Vorstellung fängt gleich an!” Wie von einem elektrischen Impuls erregt formierte sich die Menge, strebte energisch voran und drückte sich bald auf die Plätze. Zwischen unruhigen Kindern saß er gespannt. Der Vorhang glitt zur Seite, und die majestätische Szene der stillen Bergwelt erschien in ihrer Großartigkeit und Erhabenheit. Langanhaltend ertönten Alphörner in der Tiefe und zogen den Blick auf die schneebedeckten Gipfel im Hintergrund. Abgestuft zeigten sich dunkle Tannenwälder davor und eine herrliche Bergalm, prangend von Butterblumen und Enzian. Kuhglocken wurden lauter, und alle nahmen das Bild der braunbunten Herde auf, die friedlich dort graste. Rechts lagen die letzten Häuser des Dorfes, ein Berghof, ein Stadel, im Schein der steigenden Sonne.

„Jogi!” rief es auf einmal, und ein Lichtkegel bestrahlte die Figur eines munteren Knaben, die unversehens hereingeschwenkt worden war und vor der Viehtränke stand. „Hier bin ich, Großvater!” antwortete freundlich der Bub. An seiner Deckelpfeife saugend trat der Alte hinzu: „Weißt du eigentlich, Jogi,” begann er bedächtig, „dass viele Menschen in den großen Städten weit unterhalb unserer Berge das Gute und Echte oft gar nicht mehr erkennen?”

Doch ehe der Hirtenknabe noch antworten konnte, rief es von der anderen Seite aufgeregt: „Jogi!” und seine Mutter trat heran: „Deine Freundin Aromi hat geschrieben. Es ist etwas Furchtbares passiert: All ihre Erdbeeren sind letzte Nacht von den Feldern gestohlen worden. Gerade jetzt, wo so viele Kinder Vitamine und Frische brauchen! Jogi, du musst ihr helfen!” Die Figuren der Erwachsenen fuhren zurück, und versonnen stand der Knabe, den Brief in Händen, allein vor der Tränke. Gewissenhaft setzte er seine Milchkannen vor den Stadel, verabschiedete sich von seinen schönen Alpen mit einem sehnsüchtigen Blick und wanderte langsam aus dem Bild. Eine Weile noch tanzte traurig ein Kälbchen, eine Kuh brummte ein schwermütiges Lied, dann verdunkelte sich die Szene.

Schon meinte er das Schluchzen der zuschauenden Kinder um ihn herum zu hören, da erschien das geplünderte Erdbeerfeld. Die kluge Aromi hatte schon alles vorbereitet: Ein schneeweißer Hubschrauber, auf dessen Rumpf in leuchtenden Buchstaben ‚Fruchtrettungsdienst’ prangte, stand bereit. Auch ihre beiden Logo-Berater, die Roboter Mini-Max und Maxi-Mumm, waren bereits aktiviert und warteten nur noch auf Jogis Ankunft. Doch da senkte sich eine Riesenerdbeere langsam nieder. Eine wuchtige Banane, als Saxophonist, schwebte herein und spielte ein ergreifendes Solo. Die Erdbeere sang das Lied vom gestohlenen Aroma, und ein Himbeerpärchen tanzte dazu voll inbrünstiger Sehnsucht. Wie sie gekommen waren, verschwanden die Früchte, als Jogi erschien. Sehr erstaunt über die gründlichen Vorbereitungen riet er inständig, das Fruchtparlament um Hilfe anzurufen.

Hymnische Fanfaren ertönten, Jogi und Aromi erschraken. Eine durchsichtige Kuppel mit filigranen Glasspitzen schob sich heran. Noch nie in ihrem Leben hatten die Kinder das Parlamentsgebäude gesehen. Die Kuppel öffnete sich wie eine riesige Frucht, und beide starrten gespannt auf das Innere. Ein Rednerpodium wurde sichtbar, auf dem, in sich gekehrt, der greise Fruchtpräsident thronte. Artig verneigten sie sich vor dem weisen Mann. Herzergreifend begann Aromi zu erzählen vom Erdbeerdiebstahl, von der Not der Kinder und bat um seinen Beistand bei dei Verfolgung der Täter. Doch der Alte brummte nur unwillig vor sich hin. Jetzt erwuchs aus dem Dunkel der Halbkugeln das Plenum mit den dicht besetzten Reihen der Abgeordneten; rechts die mächtige Fraktion der grauen Blechkonserven, zur Linken die Opposition, der Block grünlich schimmernder Gläser und Flaschen. Nachdem Aromi geendet hatte, drehte sich, wie auf geheimen Wink, die Partei der Blechdosen ab und tat ihren Unwillen kund. Einen kurzen Augenblick lang wollte Bewegung in die Fraktion der Gläser kommen, doch dann wich alle Energie aus ihnen, und mit ihren gläsernen Blicken starrten sie trüb vor sich hin. „Der Fall kann heute nicht verhandelt werden! Macht eure Eingabe schriftlich. Ihr werdet Bescheid erhalten!” verkündete der Präsident. Zustimmendes Brummen durchfuhr die Reihen der Dosen und Flaschen, und das Plenum versank im Hintergrund. Fassungslos wollte Aromi aufschreien, doch der gute Jogi hielt sie zurück. Aus einem Lautsprecher schnarrte eine Stimme: „Die Sitzung ist beendet! Die Besucher haben das Haus zu verlassen!” und die Glashalbkugeln rückten wieder zusammen.

Jogi hatte Aromi am Ärmellängst fortgezogen. Mit einem Knopfdruck aktivierte er Mini-Max’ Energien; sogleich begann das Kerlchen vor Lust zu funkeln und zu sprühen: „Programmierung abgeschlossen. Kein echtes Parlament Kinder nicht vertreten. Gutachten folgt. Übergebe an Maxi-Mumm.” Auch Maxi-Mumm war von Erkenntnis geladen, seine Augendioden strahlten vor Wissen: „Personencheck Fruchtpräsident abgeschlossen. Ergebnis: Machenschaften bekannt, besitzt Apfelplantagen schlechtester Fruchtqualität. Mitglied im Versaftungstrust, beherrscht Fruchtparla ment völlig, ist Fruchtdiktator.” Den Kindern fiel es wie Schuppen von den Augen. „Wenn wir es nicht wagen und die Früchte finden und wiederbeschaffen, so wird es auch niemand anders tun!” riefen sie mit heller Stimme ins Publikum hinein: „Ihre lebensspendende Kraft und Frische, ihre gesunden Vitamine und Spurenelemente, ihren Wohlgeschmack. Das ist es, was den Kindern, was uns allen fehlt!” Wo aber konnten die gestohlenen Früchte sein? Verzweifelt schaute Aromi um sich. Wieder schalteten sich die klugen Roboter ein: „Am besten den Fruchtprinzen befragen!” Ein großes biegsames Fragezeichen schwebte herein und drehte vielsagende Kreise. Welche Geheimnisse würden sich ihnen noch offenbaren?

Im nächsten Bild glitten Jogi und Aromi mit ihrem weißen Einsatzhubschrauber herein. Auf einem fliegenden hellblauen Wolkenteppich folgten ihnen die Roboterzwillinge Mini-Max und Maxi-Mumm. Welch fremdartig-himmlische Landschaft! Überall hingen funkelnde Luftballons gleich glitschnassen Regentropfen, in denen schillerndes Sonnenlicht spielte. Erwartungsfroh sprangen Jogi und Aromi aus dem Hubschrauber auf eine Wolkenbank, doch konnten sie zunächst nichts entdecken außer einem zarten Nebelschleier. Zauberhafte Musik erklang von einem gläsernen Glockenspiel, der Schleier öffnete sich, und heraus trat der schöne Fruchtprinz mit seinem niedlichen Kindergesicht. Voller Freude umarmte er die beiden: „Willkommen im Land der Frucht-Ideen! Wie lange schon habe ich auf so mutige Kinder wie euch gewartet!” - „Bist du der Fruchtprinz?” wollte Aromi wissen. „Ich bin der Früchte himmlischer Freund und ihr guter Geist. Von hier oben beobachte und behüte ich sie, bewahre ich ihre Fruchtbarkeit, Reinheit und Frische, begleite ihr Werden von der Aussaat über das Keimen, Wachsen und Gedeihen bis hin zu ihrer Ernte.” Auf einmal aber verwandelte sich des Prinzen Stimme in ein dünnes Jammern: „Doch seit gestern wird ein Feld nach dem andern heimlich abgeerntet. Finstere Mächte haben begonnen, die Früchte der ganzen Welt an sich zu reißen! Wenn jetzt nichts geschieht, wird es bald zu spät sein!” Und er hielt inne und wurde sehr ernst: „Wenn ihr die Früchte retten wollt, gibt es nur einen Weg, und der führt direkt in die Unterwelt! Diese ist eine geräumige Höhle; sie liegt in einer kleinen Bucht direkt am Meer. Ein kleiner Pfad zwischen zwei Strandkiefern rührt euch dahin. Bald erblickt ihr einen großen Steinhügel. Schiebt den Block, der aussieht wie eine große Nase, zur Seite, und ihr gelangt hinein. Von dieser Höhle geht alle Gefahr für die Früchte aus! - Aber wisst, ihr werdet kämpfen müssen! Große Prüfungen stehen euch bevor und viele Gefahren!” und er schaute sie fragend an, „denn wenn ihr einmal in der Höhle seid, dann gibt es keinen Weg mehr zurück! Noch ist Zeit, euch anders zu besinnen!” Doch Jogi und Aromi nickten tapfer; da verneigte sich der Fruchtprinz und wünschten ihnen von Herzen Glück bei ihrer abenteuerlichen Reise und entschwebte der Szene.

Schon waren Jogi und Aromi in die düstere Höhle vorgedrungen! Es roch nach Pech und Schwefel; roter und blauer Dampf waberte in dicken Schwaden umher: ein wahres Teufelslaboratorium! Die beiden versteckten sich in einer Felsfalte und starrten von da auf das Gewirr der Kolben und Glaszylinder, in denen Flüssigkeiten blubberten und von Zeit zu Zeit übel aufschäumten. Zuweilen spotzte und knallte es wie vor einer nahenden Explosion. Mitten im Raum stand ein großer Drahtkäfig. Darin ächzten zusammengepfercht die bedauernswerten Gefangenen: überlebensgroße Bananen, Stachelbeeren und Kiwis mit ihren kurzen Beinchen. Da trat der Zauberer aus einem dampfenden Torbogen: „Auch euch hier werde ich gleich zerkochen und verrühren.” Und er schwenkte eine große Viole und hielt sie gegen das trübe Licht: „Ich verarbeite euch zu süßem, klebrigem Gelee. Meine bewährten Säuren und Farbstoffe und naturidentischen - und er lachte triumphierend auf - Aromastoffe werden mir dabei helfen!” Da erhob sich ohrenbetäubender Lärm. An einem Kranarm wurde ein neuer Käfig durch die Decke niedergelassen, vollgestopft mit frischen Erdbeeren. Aromi erschrak: Das waren ja Früchte von ihrem Feld! Wie kamen diese hierher? „Ah, da ist ja die Sendung, auf die ich schon so lange warte: süße, reife Erdbeeren. Euch stecke ich zuerst in den Clonofen, um euch zu verdoppeln. Und anschließend wandert ihr auf das Röstgitter; da wird euch Saft und Aroma entzogen, und ihr endet als Dörrobst!” Zitternd flüsterte Aromi: „Was können wir nur tun?” Doch auch der mutige Jogi wusste so schnell keinen Rat und schwieg. Doch da hatten die beiden Roboter Mini-Max und Maxi-Mumm einen Geistesblitz: als ob alle Birnchen in ihren metallenen Köpfen zerspringen wollten, funkten und funkelten sie los. Damit hatte der Zauberer nicht gerechnet. Geblendet hob er die Arme vor sein Gesicht, wich zurück und krachte durch eine Bodenluke aus dem Bild. Frei war der Weg, Jogi stürmte voran und löste die Riegel von den Fruchtkäfigen. Überglücklich tanzten die Früchte heraus und umarmten ihre Befreier. Jetzt öffnete sich das Höhlengewölbe nach oben in den hohen, weiten Nachthimmel und ließ seine Sternenpracht sehen, ein stilles, sanft blinkendes Feuerfunkeln im ewigen Raum.

Jetzt waren die Kinder Tausende von Kilometern weiter gereist, der weiße Einsatzhubschrauber in einer Mangoplantage gelandet. Aromi wandelte im Feld umher, trug ein Kleid aus paradiesischbunten Südseeblüten und sah aus wie eine zauberhafte Orchidee. Vorn auf der Bühne stand unübersehbar groß ihr Körbchen mit den geretteten Früchten. Südlich-süße Gitarrenakkorde ertönten, und aus der hölzernen Hütte am Rande der Plantage traten Mangolito und Banana. Gleich erkannten die Kinder einander als Freunde, auch wenn sie die Sprache des andern nicht verstanden. Mangolito machte deutliche Zeichen, und Aromi verstand, dass ein großes Fest beginnen würde. Ausgelassene Musik erklang, und von überall her strömten die unterschiedlichsten Früchte heran, bildeten ein Ballett und tanzten ausgelassen um eine riesige Ananas herum. Ein Gong ertönte, die Formation erstarrte und öffnete eine Gasse. Jogi, Aromi und ihre neuen Freunde traten hervor, innig umarmt, und beide Paare tanzten den Mango-Tango. Dann hieß es Abschied nehmen, mit nicht wenigen Tränen und dem gestenreichen Versprechen, einander immer das beste an Früchten zuzusenden, was die heimischen Felder hervorbrachten.

Das letzte Bild atmete die Erhabenheit eines Doms. In prachtvollbunten Bogenfenstern spielte das Licht, schlanke Säulen zogen die Blicke hinauf zu herrlichen Kreuzrippengewölben. Erwartungsvoll in den Bankreihen gedrängt saßen die Früchte der ganzen Welt und schauten hinüber zum Altar, wo Jogi und Aromi, als Kinderpriesterpaar gekleidet, zur Zeremonie antraten. Links und rechts von ihnen, gleich Messdienern, standen die Roboter Mini-Max und Maxi-Mumm. Die Fruchtweihe begann: alle erhoben sich und fielen reihenweise ein in den immer mächtiger anschwellenden Choral „Wir sind die reinen Früchte!” Unversehens verwandelte sich das Bild zu einem Schwimmbad mit Sprungturm und Zuschauertribüne. Traumhaftzarte Lampions in den phantastischsten Formen und Farben pendelten über der Szene. Aus dem Hintergrund drängten die Früchte heran. Jogi, der Hüter der Milchkanne, stand an der Seite und sah gebannt dem Schauspiel zu. Aromi gab ihm ein Zeichen, und er füllte das Becken mit frischem Joghurt. Die Früchte bestiegen den Sprungturm, stürzten sich unter Jubelschreien hinunter, um mit einem weißen Käppchen auf dem Kopf gleich wieder aufzutauchen, und schon bald sah das Schwimmbecken aus wie ein Fruchtbuffet auf frisch gefallenem Schnee. Jogi und Aromi traten zum vorderen Beckenrand, fassten sich an den Händen und stimmten das große Finale an: „Wo die Qualität zu Hause ist!”

Der Vorhang schloss sich, die Musik verklang, die Zuschauer saßen im Dunkeln. Diese traumhaften Minuten! Immer noch war er wie geblendet, immer noch tanzten ihm all die bunten Figuren vor Augen. Dann wurde es von hinten her langsam hell. Die Kinder schrien, sprangen auf und drückten mit Macht aus dem Theater. Wie gern hätte er sie zurückhalten mögen. Was für ein Erlebnis! dachte er noch und wiegte den Kopf. Er ordnete sich ein in den Strom, doch es ging kaum voran. Am Ausgang des Theaters winkte der helle Tag, aber eine lichtdurchflutete Gestalt stand am Eingang und schien jedem Kind erst noch etwas zu überreichen. Respektvoll stockte die Schlange, mochte es auch von hinten drücken und stoßen. Jetzt erkannte er sie: es war der Fruchtprinz, der gütig sein Bildnis verteilte, als kleine plastische Figur, als Tiefziehteil. Eine namenlose Sehnsucht ergriff ihn, er wollte ihm nah sein. Über die Köpfe der Kinder vor ihm streckte er die Arme aus, doch immer wieder quetschten sich andere Kinder dazwischen, er fiel zurück und konnte den Fruchtprinzen nicht erreichen. Da gab der Boden unter seinen Füßen nach, er taumelte, fiel, und es setzte es einen Schlag.

11

Die Zimmertür war zugefallen; vor ihm stand seine Wirtin, die Mama, die Riesentomate, mit freundlichen Augen: „La Cena, Signor…” Sätze schossen ihm durch den Kopf: „Kann man das Gute denn essen?” - „Die größte Gewissheit in sich selber suchen…” Dann fing er sich wieder.

In den nächsten Tagen unternahm Otmar, der Werbefachmann, noch mehrere Ausflüge in die Umgebung, nach Panicale am Südufer des Sees, auf die Insel Polvese. Natürlich umwarb er keine Frau mehr, es war alles zu spät. Dafür blieb der Campari sein intimer Freund. Tagsüber häuften sich seine innerlichen Zusammenbrüche in dieser so milden Landschaft. Ihr Friede überforderte ihn. Seine Erfahrung, seine paar Kunstgriffe, die Menschen über Marken beherrschen zu wollen, sie schmolzen ihm wie Butter dahin.

In den nächsten Tagen steigerte er seinen Campari-Konsum ins Maßlose. Eines nachts muss er dann in den See hinausgeschwommen sein. Wenige Tage darauf erschien in italienischen Regionalzeitungen in Nordumbrien und der Südtoskana eine kurze Notiz. Ein älterer Deutscher sei im See ertrunken, seine Leiche habe man morgens, an den Strand gespült, gefunden. Man gab der Verwunderung darüber Ausdruck, denn lange war in diesem flachen See niemand mehr zu Tode gekommen. Neben seiner persönlichen Habe wurde in der Pension, wo er sich einquartiert hatte, auf einem Block eine Notiz entziffert. „Ich bin nahe daran, das Massengehirn zu verstehen…” Nicht mehr. Man nahm es nicht wichtig und verstand es auch nicht, trotz eines beigezogenen Übersetzers.

Neben der Kurzmeldung über den Tod dieses älteren Deutschen stand in der Zeitung das Inserat einer Firma tutti frutti. Eine neue Joghurt-Kreation aus Deutschland verhieß ein prickelndes Geschmackserlebnis. Ein kleiner Kobold, eine herzige Werbefigur, pries das Produkt an…

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 4. März 2009 16:35
Themengebiet: Novelle