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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Propaganda mit Gummiballons und Pappraketen

Propaganda mit Gummiballons und Pappraketen

Zum deutsch-deutschen Flugblattkrieg nach dem Bau der Mauer

© 1995 Dirk Schindelbeck

Im Sommer 1959 fuhr ich - sieben Jahre alt - mit meinen Eltern nach West Berlin, um einen Onkel zu besuchen. So gründlich meine Erinnerungen an den Aufenthalt auch verblasst sind, die obligatorische Stadtrundfahrt, die natürlich auch in den damals noch nicht abgetrennten Ostteil der Stadt führte, ist mir noch heute präsent. Als wir die Sektorengrenze passiert hatten und an den ersten grauen Häuserblocks vorbeifuhren, platzte ich ungeduldig heraus: „Und wo sind die Russen?“ Die Erwachsenen im Bus lachten. Ihre unvermutete Reaktion erweckte in mir die Lust, das Spielchen zu wiederholen, und bald hieß es an jeder dritten Straßenecke: „Wann kommen denn endlich die Russen?“

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

Bundeswehr-Propaganda-Ballon wird mit Gas befüllt (Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

Selbst die naiven Äußerungen des Siebenjährigen sind ein beredter Verweis auf den „perversen Antikommunismus“ (Ralph Giordano) der späten Adenauerzeit. Gleichwohl dürfte kaum jemandem im Bus zu Bewusstsein gekommen sein, sie als Ergebnis auch propagandistischer Bemühungen der Bundesregierung zu interpretieren. Propaganda, das passte so gar nicht zum Kommunikationsstil eines demokratischen Gebildes, das ja gerade in der freien Meinungsäußerung der Bürger eine der tragenden Säulen seines Selbstverständnisses erblickte. Propaganda, das war schlechthin das Kennzeichen totalitärer Systeme, die, anstatt eine ausreichende Versorgung der eigenen Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigem zu leisten, lieber deren Meinung zu kanalisieren und zu kontrollieren trachteten.

Im kollektiven Gedächtnis der Bundesdeutschen finden sich keine Erinnerungen an Propagandaaktionen des eigenen Lagers, und auch die Flugblatt-Aktionen der Bundeswehr, die im folgenden Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Betrachtung werden, haben dort keine Spuren hinterlassen. Freilich war die Beförderung ihrer Publizität auch nicht eben das Anliegen der Hardthöhe - zumal man ja in den sechziger Jahren geradezu beflissen war, die Streitkräfte als die erste „demokratische“ Armee deutscher Geschichte zu präsentieren, was bekanntlich nicht ohne Schwierigkeiten vor sich ging: Spiegel- und Nagold-Affäre, Atomminendiskussion, Rüstungsskandale und Starfighterabstürze seien hier nur als Stichworte genannt. Grundlegende Kenntnisse über die Psychologische Kampfführung (PSK) der Bundeswehr müssen durch einen militärhistorischen Diskurs zunächst vermittelt werden, bevor an eine Analyse und Bewertung dieses Phänomens im Rahmen einer deutsch-deutschen Kommunikations- und Propagandageschichte zu denken ist. Freilich: gerade der politische Stellenwert der PSK und ihr brisantes Verhältnis zur Öffentlichkeit machen sie interessant und so soll denn ein erster kommunikationstheoretischer Befund diesen Beitrag beschließen.

Stunde der Wahrheit - merkwürdig folgenlos

Größere Teile der westdeutschen Bevölkerung erfuhren von den Flugblattaktionen der Bundeswehr erstmals am 13. März 1965 durch einen Film der Hessenschau. Kinder im nordhessischen Dorf Altenburschla nahe der Zonengrenze hatten Flugblätter gefunden aus beiden deutschen Staaten. Der Bürgermeister des Dorfes bestritt energisch zu wissen, welche Organisation von westdeutscher Seite aus dieses Material mithilfe schlauchähnlicher Plastikballone über die Demarkationslinie geschickt haben könnte. Schon im Herbst 1964 war ein Team des Magazins Report auf das Thema gestoßen und hatte einen Film gedreht , der jedoch, obwohl bereits in den Programmzeitungen ausgedruckt, niemals gezeigt wurde; seine Ausstrahlung wurde von höchster Stelle im Verteidigungsministerium unter Androhung eines Landesverratsverfahrens unterdrückt. Das wiederum brachte ein panorama-Team des NDR auf die Spur, welches trotz Drohgebärden und massiver Behinderungen durch den Bundesgrenzschutz den Mut hatte, in seinem Film den Urheber dieser Aktionen zu benennen: die Bundeswehr. Jetzt erst war, vorgetragen vom FDP-Abgeordneten Oswald Kohut, der Weg frei für eine parlamentarische Anfrage an den Verteidigungsminister, der nun kleinlaut seine Zuständigkeit einräumen musste. Befragt, ob er darin überhaupt einen Sinn sähe, antwortete von Hassel, die zum Hass erzogenen und ihrer Informationsmöglichkeiten beraubten Soldaten der NVA-Grenzkommandos bedürften dieser Botschaften, im übrigen würden diejenigen, die kritisierten, die Zusammenhänge nicht kennen: die Aktionen seien durch Tausende eingehender Briefe gerechtfertigt.

Bundeswehr-Flugblatt für DDR-Grenzer (ca. 1963)

Bundeswehr-Flugblatt für DDR-Grenzer (ca. 1963)

Doch trotz Diskussion im Bundestag und diversen Presseberichten wurde letztlich nicht ersichtlich, welche Ziele damit eigentlich verfolgt wurden, in welchem Ausmaß sie stattfanden, wie sie sich auf das Verhältnis zur DDR offiziell wie privat auswirkten, oder ob jene Briefe vielleicht sogar Einfluss auf die Deutschlandpolitik der Bundesregierung hatten. Immerhin führten Flugblatt-Einheiten der Bundeswehr bis zu diesem Zeitpunkt schon fast vier Jahre lang so gut wie unbemerkt an der innerdeutschen Grenze ihre Aktionen durch!

Rückseite des Flublatts oben

Rückseite des obigen Flublatts

Ein „aktionsfähiges Zentrum“ schaffen

Erste Überlegungen zur psychologischen Kampfführung wurden im Verteidigungsministerium bereits im Herbst 1957 angestellt. Im August 1958 trat denn Minister Franz Josef Strauß an die Öffentlichkeit: gegen das angewachsene Selbstbewusstsein des kommunistischen Machtblocks und dessen durch verstärkte Propagandaanstrengungen rasch zunehmende Reputation im Ausland müsse endlich ein „aktionsfähiges Zentrum“ aller demokratischen Kräfte eingerichtet werden. Im PSK-Komplex sah Strauß nicht weniger als den Schlüssel zur Lösung einer nationalen Aufgabe: so sollte die „Immunisierung“ der bundesdeutschen Bevölkerung gegenüber kommunistischem Gedankengut gewährleistet, aber auch die jungen, in die Bundeswehr eintretenden Soldaten durch eine im Rahmen des Konzepts der „Inneren Führung“ konsequent vermittelte „psychologische Rüstung“ gegenüber allen Propagandaeinflüssen des Ostens resistent gemacht werden. Im Führungsstab B VII des Bundesverteidigungsministeriums wurden zwei mit einem eigenen Haushaltstitel ausgestattete Referate geschaffen : „Spezielle Psychologische Kampfführung“ (PSK) unter Oberst Axel Mittelstaedt und “PSK im Frieden” unter Major Dr. Karl Christian Trentzsch. Von Anfang an spiegelte sich das Strauß Konzept mehrgleisig unkonventioneller Bekämpfung des „aggressiven Weltkommunismus“ auch in der Arbeitsweise der PSK wider - als ebenso effektive wie informelle Zusammenarbeit zwischen beamteten und ‚freien’ Mitarbeitern. Schon bald arbeiteten Trentzsch nicht nur einige zivile Sozialwissenschaftler zu, sondern auch ehemalige Offiziere, die privatwirtschaftliche Unternehmen aufgebaut hatten, Verleger waren wie Lothar Balluseck (Geschäftsführer des „Hohwacht Verlages“ in Bad Godesberg ) oder Public-Relations-Agenturen besaßen wie Bertram Otto (Geschäftsführer des „kontakt studio“ in Bonn ). Auch ein PSK-Spezialarchiv zur Beschaffung, Auswertung und Verarbeitung von Informationen erwies sich als unverzichtbar, bestand doch vitales Interesse an fundierten Personen und Sachinformationen, um den von Ost-Berlin oft spektakulär inszenierten „Enthüllungsaktionen“ gegen führende Bundeswehr-Generale wirksam entgegen treten zu können. Ergänzt wurde der PSK-Komplex durch die „Schule für psychologische Kampfführung”, die zunächst im Schloss Alfter bei Bonn untergebracht war, später im ehemaligen Franziskanerkloster in Euskirchen.

Von Ende 1959 bis in die siebziger Jahre hinein wurde nun, in diesem Führungsstab der Bundeswehr strategisch konzipiert und durch Spezialeinheiten ausgeführt, Propaganda gegen die DDR vor allem mit Ballons betrieben, bis sich die Unterhändler der beiden deutschen Staaten, Egon Bahr und Michael Kohl, im Frühsommer 1972 im Zuge ihrer Verhandlungen zum Grundlagenvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten darauf einigten, als Gegenleistung für das Verstummen des letzten DDR-Soldatensenders 935 die Flugblattaktionen der Bundeswehr einzustellen. Wenngleich das Referat Psychologische Verteidigung (PSV) im Führungsstab der Streitkräfte formal noch bis 1990 weiterbestand, sind doch nach dem 30. Juni 1972 keine Balloneinflüge auf DDR-Gebiet mehr erfolgt. Noch 1970 wurden von diesen Einheiten knapp zwanzig Tonnen Informationsmaterial per Ballon in die DDR verbracht. Aber nur noch einmal hatte die PSK für größeres Aufsehen in der westdeutschen Öffentlichkeit gesorgt: das war im Herbst 1969 die Rowohlt-Ballon-Affäre gewesen, die allerdings weniger als deutschdeutscher Propaganda-Zwischenfall denn als Problem des Reinbeker Verlages wahrgenommen wurde.

Truppeninspektion

Nun waren Propagandaballoneinflüge in die DDR auch vor dem Bau der Mauer nichts ungewöhnliches; seit 1951 wurden sie regelmäßig vom Ost-Büro der SPD von West-Berlin aus durchgeführt. Neben der US Armee, die Großballone einsetzte, waren in den fünfziger Jahren diverse Organisationen und Gruppierungen wie etwa die ZOPE in München (Zentralverband sowjetischer Emigranten) oder die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) in Berlin Zehlendorf auf solche Aktionen spezialisiert.

Allerdings operierten diese „Agenturen des Kalten Krieges“ kaum koordiniert und zunehmend aus einer gesellschaftlichen oder gar rechtlich bedenklichen Abseitsposition heraus. Wenngleich ihre Aktivitäten von Trentzsch aufmerksam beobachtet, ausgewertet und zum Teil auch kopiert wurden - die generalstabsmäßige Planung und Durchführung vergleichbarer Maßnahmen aus einem Bundesministerium heraus bedeutete doch eine neue Qualität im propagandistischen Schlagabtausch. Und obschon in den fünfziger Jahren von der Ostseite immer wieder einmal Pappraketen herübergeschossen wurden, Propagandaschriften auf dem Postweg oder per Interzonenzug in den Westen gelangten, Flaschen oder Gummibälle ihre Botschaften elbabwärts trugen, Initiator der Flugblattbombardements im großen Stil war die Bundesregierung: ja sie zählten zu ihren ganz wenigen aktiven Maßnahmen gegen den Bau der Mauer.

Durchgeführt wurden die Flugblatt Aktionen von drei Kompanien, die jeweils über einen Lautsprecherzug, einen Flugblatt-Raketenzug sowie einen Ballonzug verfügten. Nachdem sie den Heerestruppen ausgegliedert worden waren, wurden sie dem I. bis III. Heereskorps der Bundeswehr unterstellt, erhielten ihre Einsatzbefehle jedoch direkt aus dem Verteidigungsministerium über den Führungsstab B VII. Faktisch waren die PSK-Kompanien damit die einzigen Truppenteile, die im Frieden dasselbe taten wie im Ernstfall auch: Informationen, die Soldaten wie Zivilisten der anderen Seite beeinflussen sollten, gezielt auf Feindgebiet zu verbringen.

Aus der Retrospektive hingegen mutet das Treiben der PSK heute nur noch skurril an, stellt sich dar als eine Art Cowboy-und-Indianer-Spiel im regierungsamtlichen Auftrag. Man suchte sich ein verschwiegenes, gut abzusicherndes Waldstück in Zonenrandnähe, das die Belieferung durch zivile Lastkraftwagen problemlos zuließ. In der Regel wurden nachts innerhalb von sechs bis acht Stunden bis zu 300 Ballons aufgelassen.

Wetterballons werden mit Gas befüllt (1963; Quelle Bundesarchiv/Militärarchiv)

Wetterballons werden mit Gas befüllt (1963; Quelle Bundesarchiv/Militärarchiv)

Nicht selten mussten Zeltlager aufgeschlagen werden, wenn die Windverhältnisse, die die Bundeswehr keineswegs so eindeutig bevorteilten wie dies in Presseberichten gern dargestellt wurde, Ballonstarts unmöglich machten. Auch arbeiteten die kleinen Einheiten eng mit zivilen unter Führung von Reserveoffizieren operierenden Ballonstaffeln von zehn bis zwanzig Mann zusammen, tauschten Material oder den zum Aufblasen der Ballons erforderlichen Wasserstoff aus. Unverzichtbar war natürlich der ständige Kontakt mit den Wetterdiensten, aber auch die mittelbare Amtshilfe von Bundesgrenzschutz und Zoll sowie der Landespolizeidirektionen: die Fahrer ziviler Versorgungs-Fahrzeuge mussten mit Sonderpapieren ausgestattet werden, die sie gegen Kontrollen der Ortspolizeistreifen zu schützen vermochten. Entscheidend freilich war die politische Rückendeckung der PSK beim Bund und den Ländern, wie sie in den „Sitzungen des Arbeitskreises der Ständigen Konferenz der Innenminister der Länder“ hergestellt werden sollte, wo Ministerialdirektoren und Staatssekretäre der Innenministerien von Zonenanrainer-Bundesländern sowie des Berliner Senats mit Vertretern des Bundesgrenzschutzes, des Bundeskriminalamtes, des Bundesministeriums des Innern, des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen und natürlich des Verteidigungsministeriums zusammentrafen. Dennoch: der Hessische Innenminister Heinrich Schneider übte nicht nur massiv Kritik an den Aktionen, sondern intervenierte erfolgreich beim Bundesverteidigungsministerium, so dass die Ballon-Kompanien ab Juni 1965 nur noch nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und in den fränkisch bayerischen Raum beordert wurden. Wie unverzichtbar gerade für die PSK-Einheiten die politische Absicherung war, wird vollends klar, wenn man bedenkt, dass in den gut elf Jahren ihrer Aktivitäten vier Verteidigungsminister (Franz-Josef Strauss, Kai-Uwe von Hassel, Gerhard Schröder und Helmut Schmidt) und sechs Gesamtdeutsche Minister unterschiedlicher politischer Couleur in dieselben Verschlusssachen und Dienstgeheimnisse eingeweiht waren. Über alle Fraktionen und Ausschüsse des Bundestages hinweg, jenseits aller Parteipolitik und -raison musste ein Konsens der Verschwiegenheit und der Akzeptanz hergestellt und durchgehalten werden. Insofern konnten als öffentlich auftretende Kritiker der Ballonaktionen nur Persönlichkeiten wie Herbert Wehner, dessen Systemtreue ja überdies immer wieder in Zweifel gezogen wurde, übrigbleiben.

Abenteuerspielplatz Zonengrenze?

Um den Geist dieser Truppe, der von hoher Flexibilität, Phantasie, ja Witz geprägt war, zu dokumentieren, sei eine kleine Begebenheit aus ihrem Einsatzalltag erzählt. Anfang März 1963 stapften die vier Bundeswehr Gefreiten Plumenbohm, Otte, Rudolph und Flemes durch den Harz nach einer Marschrichtungszahl, die sie querfeldein in ihre Kaserne zurückführen sollte. Feste Straßen zu benutzen und Zivilpersonen nach dem Weg zu fragen, war ihnen verboten. Dicker Nebel kam auf, als sie ein Drahthindernis wahrnahmen, das ihnen im diffusen Licht als Viehzaun erschien. Bald tauchte ein Zivilist auf, den sie befehlswidrig fragten. Antwort: „Mensch, ihr seid hier in der DDR.” Der Rückweg durch Minengürtel und an schussbereiten Grenzposten vorbei dünkte die vier selbstmörderisch. Also ließen sie sich den Weg zur nächsten Unterkunft der Volksarmee weisen. In Feldmontur mit Helm und Nato-Gewehr betraten sie die Militärbaracke und fragten den erstbesten Volksarmisten: „Kumpel, wo sitzt dein Chef?“ Der Angeredete sah kaum auf: „Hau ab, ich hab was zu tun.” Ein Unteroffizier, gleichfalls ungerührt, zeigte auf eine Tür: „Da drin.“ Dem NVA-Kompaniechef verschlug der Anblick armierter Bundeswehrsoldaten zunächst die Sprache. Gefreiter Plumenbohm erläuterte das Missgeschick. Auf die Frage: „Wollt ihr hierbleiben?“ aber meinte er: „Nein, das geht nicht, ich bekomm übermorgen Urlaub. Ich will mit meiner Frau verreisen.“ Das Kommando der Grenzbrigade alarmierte einen Oberst der Staatssicherheit in Erfurt. Auch dessen Angebot, doch in der DDR zu bleiben, schlugen die vier Gefreiten obwohl reichlich mit Zigaretten gefüttert, aus. Nach zwei Tagen schickte der Oberst sie über die Grenze zurück. Kameraden der Volksarmee zeigten ihnen eine Minengasse. Letzter Kumpelrat: „Schmeißt unsere Zigaretten weg, sonst meinen die drüben, wir hätten euch bestechen wollen.“ –
Die Geschichte hatte ein Nachspiel: Auf der Westseite erhielt die in Borken stationierte LF Kompanie 981 unter Hauptmann Obst am 4. März 1963 den Einsatzbefehl zur Übung „Glaserkitt“. 57 Mann: 4 Offiziere, 9 Unteroffiziere und 44 Mannschaftsdienstgrade machten sich auf den Weg, ausgerüstet mit 18 Fahrzeugen und 5 to „PSK-Drucksachen“. Zwischen dem 5. und 15. März wurde „Glaserkitt“ im Raum „Kilian“ (d.i. Lüchow Dannenberg) absolviert - ergänzt durch drei Zusatz Aktionen unter den Code Namen „Hirtenhund“, „Handgepäck“ und „Igelfisch.“
Aufgelassen und verbraucht wurden in diesen zehn Tagen mehr als 900 Ballons, die insgesamt 717.000 Druckschriften mit einem Gesamtgewicht von über drei Tonnen in die DDR beförderten, unter anderem 7.000 Danksagungskarten mit anhängenden 1.000 Päckchen Zigaretten der Marke HB (Werbeslogan seinerzeit: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen?”) als Anerkennung für die „anständige Behandlung“ jener vier Bundeswehrgefreiten während ihres ungewollten DDR Abenteuers.

Wenngleich solche Aktionen heute wie ein überdimensioniertes Räuber- und Gendarmspiel anmuten, so kündigt sich darin doch auch der Vorschein der Entkrampfung im deutschdeutschen Verhältnis an, noch jenseits aller offiziellen Verlautbarungen. Als ob die Denk- und Verhaltensmuster des Kalten Krieges Mitte der sechziger Jahre schon nur noch als Groteske zu ertragen gewesen wären! Haltungen, die erst Jahre später politikmächtig werden sollten, waren plötzlich gefordert, und wenn es die Einübung einer partnerschaftliche Rolle im ‚kleinen’ Grenzverkehr war inklusive generösen Zigarettenreichens über den Zaun.

“Gute” Botschaft = bessere Propaganda

Auch die expedierten „PSK-Drucksachen“ zeugen nicht nur von den sich wandelnden Beeinflussungsstrategien der Senderseite, sondern erlauben Rückschlüsse auf die Entwicklung des deutsch-deutschen Verhältnisses selbst. Im Laufe der sechziger Jahre stieg ihre Qualität kontinuierlich an, so dass sie gegen Ende des Jahrzehnts kaum mehr wie Propaganda aussahen - was ihre propagandistische Wirkung eher gesteigert haben dürfte. Drei Phasen sind zu unterscheiden, mit einer, aufgrund der erwähnten Fernsehberichte verursachten, scharfen Zäsur im Frühsommer 1965. Wenn auch von Anfang an schon Zeitungen als Informationsmedium eingesetzt wurden, so bestand die Ballonfracht in den ersten Jahren doch noch häufig genug aus in gigantischen Stückzahlen produzierten Mini-Flugblättern.

Bundeswehr-Mini-Flugblatt in Postkartengröße (1964)

Bundeswehr-Flugblatt in Postkartengröße (1964)

Rückseite: Flucht eines DDR-Grenzers als Motivation ("Mein großer Sprung")

Rückseite: Gelungene Flucht eines DDR-Grenzers als Motivation ("Mein großer Sprung")

Gerade die sinnliche Erfahrung von Grenze und Stacheldraht hatte die Flugblattstrategen in der Anfangszeit zu einer emotional aufgeladenen Gegen-Propaganda provoziert, den NVA-Truppen die Grenzanlagen als ebenso papierenes, mithin leicht zu überwindendes Hindernis vorzuführen. Über mehr als drei Jahre hin bestand ein Großteil der einschwebenden „Informationen“ in der an die spektakuläre Flucht des NVA-Soldaten Conrad Schumann am Tag des Mauerbaus gemahnenden appellativen Losung “Mein großer Sprung”. Parallel zu den Ballonaktionen wurde aber auch der Postweg genutzt und so mancher „fromme“ Wunsch der Zivilbevölkerung der Zone zugestellt: 1961 waren es Weihnachtskarten, auf denen, von zwölf Studenten handschriftlich vervielfältigt, einer von etwa fünfzig vorformulierten Standardtexten zu lesen war wie dieser:

„Für Weihnachten und für 1962 alles Gute und Schöne, d.h. vor allem Freiheit von Ulbricht und seinem Regime. Frohe Feiertage! Euer…”

Angesichts dieses kaum verhohlenen Zynismus kann der durch die bundesdeutschen Medien verursachte Rückkoppelungseffekt nur als heilsam bezeichnet werden. Freilich veränderte auch die undurchlässiger werdende Grenze den Stil der West-Botschaften; jetzt kam man von den Fluchtaufforderungen im Bild-Zeitungs-Stil gänzlich ab und ersetzte sie durch defensive und seriösere Verhaltensempfehlungen wie die in großen Auflagen abgeworfenen (Daneben-) Schießlehren im Taschenformat. Beherrschendes Medium aber wurde nun die regelmäßig wiederkehrende, großformatige, doppel- oder vierseitige Zeitung wie die „Volksarmee“, die „Mitteldeutsche Arbeiterzeitung“, die „Presse-Rundschau“ oder die „Rote Fahne“. Mit dem Niveauanstieg des Materials verbesserte sich seine Glaubwürdigkeit, sein Wiederkennungs- und natürlich auch Aufbewahrungswert.

Die dritte und letzte Phase des innerdeutschen Flugblattkrieges setzte ab etwa 1967 ein; nun bedienten die Ballonladungen nicht allein das Bedürfnis der NVA-Truppen nach Informationen und Ansichten aus dem Westen, sondern „belohnten“ die Finder zunehmend auch mit kleinen, in PVC Folie eingeschweißten Büchern wie etwa Carola Sterns Ulbricht-Biographie oder den erwähnten Ginsburg-Memoiren. Zudem ergossen sich von Zeit zu Zeit auch Sonderdrucke wie etwa Kurt Georg Kiesingers Erklärung zum VII. Parteitag der SED (1967) oder Willy Brandts Erfurter Rede (1970) in Millionenauflagen über die DDR.

Konzedieren muss man den PSK-Strategen, dass sie an der Verfeinerung und Optimierung ihrer Botschaften kontinuierlich gearbeitet haben; sie kannten ihre Adressaten und stellten sich auf sie ein. Was hinüber geschickt wurde, schien sich zunehmender Akzeptanz zu erfreuen („Es gibt für die NVA Soldaten keine spannendere Lektüre!“) im Gegensatz zur immer hilfloser operierenden und weiterhin in Formeln verhafteten Parolensprache der Ostseite. Freilich ließ sich aus einem sich stets erneuernden Fundus an Informationen auch gut schöpfen. Denn durch die pro Jahr hundert bis zweihundert geflüchteten DDR Bürger, die nach ihrer geglückten Anlandung in den Zentralen Befragungsstellen Helmstedt oder Göttingen in bis zu 65 Seiten starken Protokollen meist bereitwillig Auskunft gaben und, sofern sie NVA-Angehörige waren, auch PSK-Sonderfragen über ihre Einheiten, deren Ausrüstung und Auftrag beantworteten, ja prospektive Fluchtkandidaten oft namentlich benannten und auch noch die neuesten Ulbricht Witze zum besten gaben, war der Informations-Vorsprung des Westens geradezu festgeschrieben.

Für die technisch-logistische Seite galt dies nicht minder. Bundeswehrintern wurde schon Mitte der sechziger Jahre - freilich hinter vorgehaltener Hand - immer wieder gern von gezielten Volltreffern berichtet. So sollen einmal pünktlich zur Eröffnung der Leipziger Messe Flugblätter auf den Marktplatz der Stadt niedergeregnet sein, Ballons ihre Fracht über einem Manövergebiet der Warschauer-Pakt-Staaten entladen haben, oder eine Flut schwimmender Propagandakissen wurde an einen überfüllten Badestrand an der Ostseeküste getrieben.

Umgekehrt kamen Experten des Bundesgrenzschutzes, welche die DDR-Aluminiumhülsen, -Kugeln und -Pappraketen untersuchten, zu dem Ergebnis: „billige, schlechte Feuerwerkskörper!”

DDR-Propagandarakete mit Ladung (vom Bundeskriminalamt aufgeschnitten)

DDR-Propagandarakete mit Ladung (vom Bundeskriminalamt aufgeschnitten)

Für sich selbst spricht ein Vorfall, der sich am 17. Juni 1967 auf der Elbe ereignete, als eine auf einem NVA Schnellboot installierte Mini-Raketenbasis ansetzte, den Ort Hitzacker unter Flugblattbeschuss zu nehmen:

„Auf einmal explodierte nicht nur die Zündung der Rakete, sondern die ganze Abschussvorrichtung. Brennend wurde das manövrierunfähige Boot auf bundesdeutsches Gewässer abgetrieben.“

DDR-Pappkugel mit Propagandainhalt (KPD-Fahne)

DDR-Pappkugel mit Propagandainhalt (KPD-Fahne)

Auch was das Entschärfen der gegnerischen Botschaften betraf, hatte der Westen im Laufe der Zeit gelernt. So fischten in den „Zentralen Briefaussonderungsstellen“ in Hof, Hamburg oder Hannover geschulte Spezialbeamte Propagandasendungen aus der DDR mit erstaunlicher Sicherheit aus dem Briefstrom. Allein in Hof sollen bei monatlich etwa 100.000 verdächtigen Sendungen im Schnitt nur 14 Fehlgriffe vorgekommen sein. Umgekehrt verblieben hinter der Demarkationslinie mindestens zehn Prozent der per Ballon versandten Informationen im Besitz von DDR-Bürgern. Gerade die „Methode des befohlenen Aufsammelns“ der Flugblätter durch NVA-Mannschaften stellte ihre gründliche Rezeption sicher, steckte sich doch fast jeder dabei Beteiligte heimlich ein Exemplar in die Tasche. Plastisch schilderte ein geflohener NVA-Polit-Offizier, dass selbst noch der DDR-Instanzenweg als Multiplikator der westlichen Botschaften gute Dienste tat:

„Ein Genossenschaftsbauer der Grenzgemeinde Schrampe fand bei Feldarbeiten in der Gemarkung seines Dorfes eine der besagten Flugschriften. Es muss mit Sicherheit angenommen werden, dass er die Schrift erst einmal gründlich gelesen hat. Er kennt die charakterliche Unzulänglichkeit des Bürgermeisters. Er lieferte diesem die Schrift ab, auch er hat sie mit Sicherheit gelesen. Das gleiche kann man von den Gemeindesekretären annehmen. Der Bürgermeister übergab sie dem Parteisekretär, der in der Kreisstadt zu tun hatte, mit der Bitte, sie mir abzugeben, obwohl die Flugschrift eigentlich zur Staatssicherheitsdienststelle oder zur Polizei gehört. Der Parteisekretär gab sie in meinem Vorzimmer ab und unterhielt sich darüber mit meinem persönlichen Referenten. Er machte abwertende Bemerkungen über den Inhalt der Schrift, woraus man schließen muss, dass auch er sie gründlich gelesen hat. Auch mein persönlicher Referent und meine Sekretärin lasen das Material. Dann erst kam es zu mir. Auch ich studierte es und leitete es dann an die Kreisdienststelle der Stasi weiter. Diese eine Schrift ist also von mindestens acht bis zehn Menschen gelesen worden, ohne dass jemand irgendeine Vorschrift verletzt hätte.“

Aus der Sicht des Führungsstabes der Bundeswehr verblieben als die einzigen ernstzunehmenden, da nicht unmittelbar auszuschaltenden Propagandaquellen der Ost-Seite die Soldatensender 904 und 935.

Ballon-Propaganda als deutsch-deutsches Kommunikationsphänomen

Wenngleich die Wahrnehmung der Flugblattaktionen im Westen wie im Osten in ähnlicher Unvollständigkeit und Verzerrung erfolgte, sie beruhte doch auf völlig verschiedenen, vom jeweiligen System generierten Begriffen und Strukturen von Öffentlichkeit. Im Westen war man gut beraten, seine so deutliche Überlegenheit in Sachen Beeinflussung angesichts der geltenden demokratisch parlamentarischen Gepflogenheiten nicht allzu publik werden zu lassen, im Osten verspürten die Verantwortlichen ebenfalls wenig Neigung, ihre Ohnmacht angesichts nachts lautlos und friedlich hereingleitender Ballongeschwader der Bevölkerung gegenüber voll einzugestehen. Was in der Bundesrepublik mithin möglichst heruntergespielt wurde, wurde in der DDR, wenn man schon um eine Meldung nicht umhin kam, gleich über Gebühr dramatisiert; da wurden die Ballons schnell zu gefährlichen Offensivwaffen des westdeutschen Militarismus, die mit ihren heimtückischen Sprengladungen schon Kindern die Arme abgerissen hätten.

Selbst also noch im Umgang bzw. Nicht-Umgang mit diesem Thema in der Öffentlichkeit zeigt sich ein Konstituens deutsch-deutscher Kommunikation. Hierhin gehören auch die geheimnisvollen Äußerungen Kai-Uwe von Hassels aus dem Jahr 1965: jene „Tausende von Briefen”, ein Kommunikationsergebnis, auf das man nicht verzichten wolle. Ihre Lektüre ist in der Tat beeindruckend, weniger, weil die Zuschriften derjenigen, die überhaupt antworteten, zu 97 bis 99 Prozent positiv ausfielen, sondern weil sich in ihnen eine rührende, mitunter beängstigende Offenheit kundtat, mit einem unbekannten Gegenüber eine persönliche Zwiesprache zu suchen, die weit über das hinausging, was Bundesbürger ihrer eigenen Administration an Vertrauensvorschuss jemals eingeräumt hätten. Als ein Beispiel für viele sei hier der im Auftrag der CDU durchgeführte PSK Einsatz „Ameise“ in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1962 genannt. Auf das dabei in die DDR verbrachte CDU-Flugblatt „Die Welt weiß vom Unrecht in der Zone!” trafen an die Deckadresse genau 199 Zuschriften ein:

„Am 21. 8. habe ich die Flugblätter im Sernoer Wald bei Dessau Roßlau gefunden. Sie werden gesammelt und den Funktionären in die Briefkästen geworfen. Sendet uns noch mehr, evtl. Illustrierte Zeitungen, die werden am begeistertsten gelesen. Mit Gruß Neptun.“

Von unmittelbar subversiven Wirkungen wusste ein anderer Schreiber zu berichten:

„Ich möchte Ihnen hiermit mitteilen, daß in Köthen und Umgebung Flugblätter niedergegangen sind. ( … ) In den Betrieben wird mit Ölfarbe geschrieben: ‚Ulbricht ist ein Mörder, Ulbricht ist ein Verbrecher!’ Bis jetzt wurde noch keiner erwischt. Ich habe 5 Flugblätter gefunden und habe sie in die Reklamekästen und an die Säulen geklept daß sie jeder lesen soll und die Unruhe gegen die Kommunisten größer wird. Ich verbleibe Ihnen als ein steter Helfer in diesen Sachen.” (Original-Orthographie)

Immer wurde aus den Briefen eine Forderung laut: „Schickt uns mehr Material!“ Als ob die Bundesrepublik durch diese Botschaften in personam präsent zu machen gewesen wäre und so musste es doch scheinen – „ihre“ Mitbürger im Osten nicht vergaß! Eine Zuschrift aus Greiz Dölau vom 15. Oktober 1963:

„Wenn die Russische Besatzung nicht wäre, wäre das Regime in 24 Stunden weggefegt und das KZ wäre offen, in dem wir seit Jahren leben müßten.“

Die Struktur dieser Kommunikation zwischen Privatpersonen im Osten und staatlichen Stellen im Westen vorbei an den DDR-Organen wie der westdeutschen Öffentlichkeit lässt sich als eine subkutane begreifen und beschreiben. In ihr steckt die eigentliche, noch längst nicht ausgelotete Qualität der Ballonpropaganda. Wer die Aufbewahrungskultur der Bürger und Bürgerinnen in der DDR kennt, mag überdies erahnen, welche Langzeitwirkungen von solchen Botschaften - nicht nur bei NVA Angehörigen ausgegangen sein dürften.

Anmerkung: die komplette Fassung inklusive großem Fußnotenapparat findet sich im Sammelband “Propaganda in Deutschland” (Hg. G. Diesener/ R.Gries), Darmstadt 1996, S. 213-234

Eine knappere, populärwissenschaftliche Fassung finden Sie hier.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 14. Dezember 2009 16:53
Themengebiet: PR & Propaganda