Zeiten der Seele - ein Spaziergang

© 2005 Dirk Schindelbeck

Sommers und winters die Fässer
über Bohlen und Rampen
vor den Gittern der Seele,
immer gestauter der Druck
an den Ventilen der Zeit.

Wenn die Kommandos erklingen, der feste Schritt der Soldaten
durch die Tulpenfelder
in den Frühling sich wagt, dann fragt sich der Einsame,
wohin er denn reisen solle.
Straßen und Bahnen sind da,
die vieles verbinden, und mancher Feldweg
leitet noch über ein Wasser
zu letzten Hütten, denn schön ist das Land, sind die Reihen
der Felder und Gärten am Abend, unter dem Licht,
schön sind die Farben des Marktes
noch immer.

Der Bedrohungen viele aber
sind ausgesprochen
und reißen nicht ab
und meinen es ernst, nur das Lied
drängt nach den reineren Orten.

Salzige Blicke aber
haben die Bilder zerfressen.
In den Rippengewölben
hämmert unablässig der Schmied…

Was willst du, Alter, in der vergessenen Werkstatt?
Was reinigst und schmiedest du dort in den Feuer?
Sind es die Waffen der Zukunft, die blitzenden Stähle,
ist es der Henkel vom Krug?
Horch! - Doch er antwortet nicht.
Nein, es erging sich kein Gott.

Im Fenster
wölkt sich der Staub ihrer Stiefel,
und kurz sind die Ränder der Sohlen zu sehn,
bevor er sich legt,
doch plötzlich schießen Vögel querüber;
sanft sind die runden Flügel der Tauben, da das Auge der Sonne
kurz aufblinkt,
wie ein Stahl ist es da, und ich denke,
jetzt eine Strecke zu gehen.

Ohne zu wissen setzt man zuweilen auf Leben,
setzt seinen Fuß.

Friede und gute Götter, wie lang
ist das her, oder auch Krieg, denn es war ja
immer die Sonne ein Gott, und das All war
behütet, bewohnt die Gestirne, die blauen,
auf ihren Bahnen, in goldenen Reifen,
und selbst noch im Untergang
gaben Meer und Erde jedem ein freundliches Grab,
war immer noch Zukunft und Ziel im Lied, war etwas
von den Ahnen im Enkel, noch die Sage
aus dem Rauch verbrannter Städte gewoben
in den Rauch des fernen Feuers
hinüber.

Unsre Geschlechter
sind taube Namen auf Holz oder Stein,
dampfend im Frühling
nach den Gewittern,
wenn an der Friedhofsmauer
die Buschwindröschen wehen.

Getränkt sind die Gräber, aber auch die Saat.
Sie schüttelt den Schlaf fort,
eilt durch den Keim und schwellt ihn ins wachsende Licht,
und die Himmel sehn zu, und es ruft
ungeduldig das Vieh in den Ställen, und Aufbruch
scheint doch so nah, wie immer um diese Zeit.
Rein ist doch alles, viel reiner als je, und wer staunt nicht?
Und wer schaut nicht?
So viel Gedanken lagen auf Eis. Ist da noch Zeit? Ja, es ist.

Sieh nur, da heben sie aus eine Grube fürs Haus,
und es klingen die Kellen so hell,
rattern die Bänder, verschiebt sich der Sand,
der Sand aus der Zeit,
der Sand, der ein Haus wird,
der mehr doch als Staub ist,
und ich seh es mit Freude wachsen und trete heran.

Aus den Fundamenten ragen die Eisenstangen, bald
werden hier Mauern stehn und Fenster umrahmen, die wieder hinausgehn,
und beim Bepflanzen des Gartens helfen die Kinder,
ganz wie einst mit wie heiligem Eifer
und die Großmutter wohnt vielleicht dann unter dem Dach:
Also wechseln die Bilder hinein.

Ein kleiner Wind ist
still geworden, und schon ist es Sommer, weiße Hitze
wellt sich über den Seen,
über den Burgen aus gefeuchtetem Sand,
darin die Kinder sitzen, und die Sonne,
sie liefert und liefert,
laut altem Vertrag
und sie wird es nicht müde.
Also wäre das Gute, das niemals wächst und vergeht,
das immer schon da war,
schon immer, doch wo.

Fremde Höhle, du unter gleichen, sag, was berührt dich?
Blutschleuse du, ertrinkst du im eigenen Strom?
Immer umkreisen die weißen Flotten das wabernde Land
Und sie schwärmen nie aus. Warum nicht?
Aber nur Rauschen und Selbstsein.
Nein, es erging sich kein Gott.

Ich aber, ich gehe und gehe
und unter den Schritten
verschiebt sich rastlos die Zeit.

Wo aber sind wir?
Die Zeit gibt den Halt nicht und nicht die Orte.
Glühend der Saft an der Tankstelle, weiß des Pächters Gesicht,
der blaue Sattelzug,
die grauenhaften, die riesigen Schläuche,
wenn plötzlich vom Druck
aufzuckend der Treibstoff in sie einschießt, doch da
unvermutet
erscheint
die bäuerliche Szene:
Eimer fromm unters Euter geschwenkt -
Das sanfte, geduldige Tier -
Doch schon der Tropfen am Eimer, auch er, unwissend,
steht zum Verkauf in einem großen System,
aber weiter, wieder weiter
hinaus auf das umdunkelte Meer
bis zu den Bohrinseln draußen, wo die Stangen schlagen
mit eigenem Klang, auf dem Deck,
wo das abgehende Gas brennt,
benannt nach dem Namen des Dichters.

Jedem ist sie gegeben, die faustgroße Bombe des Herzens,
und sie zündet zu Zeiten den Sternenschauer der Liebe.
Dies ist
die ungeheure Not und Last, das Wachstum der taumelnden Zeit.

Wer kann das ordnen und wer verstehn?
All der Bedarf, der Nutzen, der Druck,
gewendet ins siedende Licht,
wo Stecken und Stab schmelzen,
der Wandrer allein ist.

Gestern zogen sie noch vorbei, Plakatköpfe,
sangen sich Mut zu, die alten,
und sie lehnten aus vertrockneten Fenstern, wie falbes Laub,
und fielen heraus, verspätet, vom Traum und Krieg.

Ruht das Lebendige kurz, dann klingt im Steinbruch der Hämmer
helles Schlagen, und nachhallend irrlaufende Echos.
Zuweilen geschieht eine Sprengung, dumpf kollern die Massen.
Wird dort Sandstein gebrochen für eine Kirche, einen Brunnen?
Oder der weiße Marmor für Riesenfassaden?
Horch! Doch es antwortet nichts.
Nein. Es erging sich kein Gott.

Es liegt
die Tankstelle kurz vor der Autobahnbrücke,
wo am Sonntag manchmal die Kinder stehn und hinunterwinken,
oder auch sonst, auf noch immer und wieder
verspätetem Schulweg, wie einst, um dann
vor der Klasse, traumverloren und schuldhaft,
unterm Tadel des Lehrers die Demut zu lernen
für das ganze Leben.

Unbegreiflich ist oft, wie scheinbar
und ohne Motiv
die Anteilnahme des Menschen am Nächsten,
der sich verschließt und vorbeirast,
wächst und nur da ist.
Schön ist die Aufmerksamkeit der jungen Gesichter,
wahr die Bewegungen und die Gradheit des Blicks.

Wie kommt es, dass
die Zeichen der Macht so krank sind, wie
hilflose Schwimmer im zu kalten Wasser
trotz ihrer großen, herrischen Sprache
aus soviel Glas und Licht?

Die Seele aber sehnt sich
nach anderen Mächten,
Mächten, die langsamer sind
und die Gezeiten von Leben und Tod besser verbinden.

Die Uhren gehen langsam und zupfen am Fell dieses Jahres,
vor dem Fenster wogen die Bäume
im Windgesicht,
im gleichen, im andern.
Ja, heiß ist die Zeit und geschunden das Jahr, und der Traube
reißen sie bald die Schale vom Saft, es wird Zeit, dass ich hingeh,
aber ich kenn mich, ich gehe vorbei,
wie immer und je.

Dort sinds die Rufe, die hellen,
sie umkreisen den Ball, und des Vaters pfeifende Stimme
beruhigt sie wieder,
hier am Bahnhof erwachen die Rufe, in bunten Containern
ist ein anderes Obst über Grenzen getreten, noch träumend
unter den Kühlaggregaten,
von den Sternenbögen des Südens,
den singenden Röcken der Mädchen
aufbereitet für unseren Tag.

In die einfachen Dinge
ist große Fremdheit gekommen:
Die Säure des Brots und die Lieblichkeit
des Weins, sie kommen von weit her, und zu vieles
zerstört auch der Beischlaf.

Auch
die alten Rhythmen kehren nicht wieder,
denn was sie erzeugt hat,
war das Selbstische nicht und nicht
das Zweifelnde.

Die Lieder vom Gott in den Blüten
funkelnden Fischen im Meer,
Hirten mit Lämmern und Mythen,
erd- und ahnenschwer -
sie gehören uns nicht.

Hier regiert nur das Salz, das Salz in der Erde, den Fässern,
das unendlich viele Salz, das nicht nachlässt,
und es sitzt in den roten Kanälen und peitscht uns nach vorne,
ja, es treibt uns und peitscht.

Es sind
die bunten Lügen des Sommers und Herbstes
vergangen, nackt und kahl ragt die Wahrheit,
ich selber, der nackte und kahle
unter zu hellen Nächten und in verdunkelten Tagen
ohne den Rhythmus des Lebens, des geliebten
besseren
muss in mir graben, denn Wissen und eigener Plan
bestimmt der Menschheit gewaltiges Netzwerk
seit langem. So ist es.

Da aber liegt
der Herzstein am Grund, darüber
Fleischschutt, der weiche.

An manchen Fenstern
geht man trotzdem nicht leicht vorbei.
Drinnen ist der Rausch, der Menschen seit alters verbindet,
Gesichter, vom Wein so rund, und
schräg getrunken die Schultern,
von denen die Sorge abrutscht wie nichts,
endlich verwächst auch die Sprache
zu großen Brocken von alter
unbezwingbarer Gewalt.
Weit sind die Augen, und es scheint als falle
ein Strahl in die Seelen
und eine Helle von fern…

Einsam aber ich wie ein Sinngräber draußen,
ohne Versuch zur Gemeinschaft:
in kalter Kirche die alten Frauen,
in ihrem Gesang die so oft geschundenen Lieder
manchmal wie heil
und dann wieder wie von zerfurchter Schallplatte klingen.

Es gibt kein Prinzip mehr, das hält,
es gibt nur Opfer, die aber
sind ohne Wissen und bleiben ungenannt,
wie jener letzte Vertreter,
der fröstelnd im Nebel
mit schwerem glänzenden Aktenkoffer
auf den Augenblick lauert, ihn wieder zu öffnen.

Dies ist,
nicht aber noch ein Gespräch
wie im Sommer,
unter leichten Hüten
von Kindern, Enkeln, Aufstieg und Glanz.

Alles ist jetzt Kristall, gehäuft,
so weich sind die Formen im Winter, wenn allen gemein ist der Schnee.

Alles ist brüchig, so raunt das Alter, zerbrechlich,
wenn man die Menschen sieht, ihr Leben, das schmale, in gieriger Flamme,
und dies Gefühl hält an, nur selten durchbrochen von
Liebespaaren auf grauen Bänken, auch sie nur
letztlich wie Findlinge aus alter Zeit.

So verloren, blödes Geschlecht,
so verloren seid ihr doch frei, tönt es laut, so grabt doch
in euch selbst und holt es heraus, die Achtung, das Gute,
worauf ihr stolz ward einst, als eben erfasst ward
der großen Philosophen.
Jetzt aber, wo ihrs habt ists verloren.
Horcht: doch es antwortet nicht.

Hinten entfernt sich langsam
die Soldatenkolonne.
Von Zeiten zu Zeiten
wiederzukehren,
entfernt sie sich langsam
von mir,
die wissen wos hingeht, doch
sie wissen es nicht.

Ich aber gehe und gehe
und unter meinen Schritten
verschiebt sich die Zeit
langsam -
älter fühlt sich die Seele und stolpernd humpeln die Jahre
vorüber,
bis sie zusammenfallen einst als ein einziger Tag,
sieht die Bäume sich biegen in krausen Figuren, gewappnet
auf die je eigene Art,
ja, die Seele ist älter,
müde und wund und selbstbewusst.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 8. Juni 2009 19:14
Themengebiet: Deutschlandgedichte