Auf der richtigen Seite

© 1982 Dirk Schindelbeck

Die Bewerber sind im großen Foyer des Hauptgebäudes versammelt. In Fällen, wo sich - wie hier - Gruppen bilden, hat der Pförtner stille Anweisung, noch eine viertel Stunde hingehen zu lassen, damit auch die Verspäteten nicht ohne Chance wieder davongehen müssen. Doch das wäre unnötig gewesen, da sich niemand verspätet hat. Einige Sekretärinnen, einige Herren gehen durch das Foyer, den Pförtner grüßend, zu den Aufzügen hinüber. Manche der Damen lächelt die Bewerber an, die Herren ignorieren sie.

Der Pförtner ist etwas ungeduldig. Gern würde er sein zweites Frühstück einnehmen, doch das Raunen und Gemurmel der vielen Leute stört ihn. Da lässt er es lieber. Auch die Telefongespräche, die er annimmt und vermittelt, sind der Unruhe, die von den Leuten ausgeht, ausgesetzt. Dabei ist heute seltsamerweise wenig zu tun, und er könnte im Grunde gemütlich in seiner Loge sitzen bleiben und abwarten. Doch die Zeit vergeht, auch diese Zeit vergeht, und, da der Pförtner zur Uhr sieht, ist er schon etwas erleichterter, denn es sind nun kaum mehr fünf Minuten, bis er die Bewerber, wie in solchen Fällen üblich, in den 11. Stock, die Personalabteilung, schicken wird. Es fehlt nur noch der bestätigende Anruf von oben. Der Pförtner ist aufgestanden, er macht ein paar Schritte hin und her in seiner Loge. Zeitung mag er nicht lesen, rund so fällt sein Blick erst selten, bald unweigerlich öfter und intensiver auf die Bewerber. Auch sie alle tragen Anzüge, und sie haben, soweit er das sehen kann, ihre Haare gewaschen. Nein, ungepflegt wirken sie nicht, das könnte man nicht behaupten. Wenn sie nur andere Aktentaschen tragen würden, dann würde man sie ohne weiteres für Angestellte des Hauses halten können. Für was die sich wohl alle bewarben?

Er wird nachher doch mal in die Zeitung schauen, ob die Stelle dort ausgeschrieben war. Vielleicht waren ja sogar mehrere Stellen ausgeschrieben worden. Gewiss, es mussten mehrere sein, bei soviel Bewerbern. Wie hatte er sich eigentlich damals beworben? Hatte er überhaupt ein Zeugnis vorgelegt? Natürlich hatte er ein Zeugnis gehabt. Aber war das denn sein Abschlusszeugnis von der Schule gewesen? Das konnte doch nicht sein. Wahrscheinlich war es eine Empfehlung gewesen. Ja, Reverenzen, natürlich, er war auf Empfehlung gekommen und am nächsten Tag eingestellt worden. Aber was die jetzt alle für dicke Taschen dabeihatten! Wieviel Zeugnisse da wohl drin sein mochten! Ganze Zeugnismappen, ganze Aktentaschen für Zeugnismappen!

Langsam übersieht er die ganze Gruppe. Einige sprechen miteinander, ernst und intensiv, andere stehen schweigend und vereinzelt herum und schauen wie selbstvergessen durch die breite Fensterfront hinaus auf die Kreuzung, wo der Verkehr rauscht. Manch einer vertreibt sich die Zeit und blättert in den ausliegenden Prospekten oder steht vor den großen Schautafeln mit Firmenfotos, die an der Rückwand angebracht sind. Die anzubringen hatte er unlängst mitgeholfen. „Etwas höher als normal!” hatte der Abteilungsleiter gesagt, „damit die Leute nach oben schauen und die Hälse recken müssen. Dass sie einen Wert über sich erkennen. Das ist Psychologie!” Anfangs hatte er das eine großartige Idee befunden und sich oft daran gefreut, wenn er die Leute die Hälse recken sah. Aber mit der Zeit ist es ihm immer weniger lustig vorgekommen, und jetzt gar nicht mehr.

Einzelne der Bewerber haben angefangen zu rauchen, und das geht nun um, und es sind schon sichtbare Schwaden im Raum. Nervös geht mancher auf und ab, sieht nicht links, nicht rechts. Andere schleichen wie mit System um die Blumenkübel herum oder um Grüppchen, die sich gebildet haben. Kurz scheinen sie hinzuhorchen auf die Gespräche dort, aber gleich verfliegt ihr Interesse wieder. Da gibt es einen, der Lustiges zu erzählen scheint. Da ist es lauter, weil auch andere drum herum stehen und ab und zu auflachen. Ganz weit rechts sitzt einer in einem der großen schwarzen Ledersessel, aus denen sich die Sitzgruppe bildet. Wie eine lange, schwere Konzentration sieht das aus. Und dann gibt es welche, die ihre Taschen wie ängstliche Tiere umklammern.

Wie spät ist es eigentlich? Schon vier Minuten nach halb, noch kein Anruf von oben. Nun kann es wirklich nicht mehr lang dauern. Irgendwie weiß er nicht, ob er nicht eine kleine Genugtuung verspüren soll, mit seiner Erfahrung, nach all den Jahren. Ja, das Alte hat doch noch seinen Wert. Es hat sich bewährt. Und die da, diese jungen, die Studierten, die klugen Burschen, die so hoch hinaus wollten, mit 28 Chef spielen: endlich geschieht auch einmal den Alten, Erfahrenen ihr Recht. So konnte es doch auch nicht auf Dauer weitergehen. Gott sei Dank ist diese Zeit endgültig vorbei. Jetzt müssen auch diese mal kleinere Brötchen backen und sich hinten anstellen.

Wenn man die so alle sieht an den Straßenecken herumlungern, Punker, Aussteiger… ohne Sinn und Ziel… charakterlos. Was hatte sein Sohn gesagt? „Ich verstehe die irgendwie…” Und er hatte geantwortet: „Du siehst doch, die wollen nicht. Man muss sich nur immer klar sein, auf welcher Seite man steht.” - „Ja, wenn das man immer so einfach wäre,” hatte sein Sohn noch gesagt. Ach, wenn er jetzt an ihn denkt, so wünscht er doch, dass es auch hier bald vorwärts geht. Ja, sein Sohn hatte auch studiert, und er selbst hatte es ja gewollt, dass sein Sohn etwas Besseres wurde als er, der am Ende Pförtner geworden war. Und es war im guten Glauben an die Zukunft geschehen. Es war ja auch heute üblich, dass die Kinder studierten. Aber jetzt weiß keiner mehr, wohin das alles noch führen würde. Er jedenfalls nicht…

Da kommt einer von denen auf die Loge zu, macht Zeichen. Der Pförtner öffnet den Schalter. „Entschuldigen Sie. Aber könnten Sie nicht anrufen, dass man uns vorlässt.” - „Es tut mir leid, aber ich bekomme meinerseits Anweisung vom Personalchef.” Damit ist der Mensch zufrieden und stößt wieder zu den anderen. Wie gelassen er selbst doch ist, verglichen mit diesen nervösen Hemden. Das ist es ja: nur noch schnell alles hinter sich bringen wollen… aber Ausdauer, Durchhaltevermögen, wenn es mal nicht so läuft, wie man sich das vorstellt? Nein, davon ist bei diesen nichts mehr zu spüren. Wie manche doch da herumhampeln, ohne…, ja ohne Gelassenheit. Das ist’s: Gelassenheit! Unterdessen muss er wohl an seinem Ehering gedreht haben, jetzt merkt er es, sieht unter den Tisch, wo seine Thermosflasche steht: zwanzig vor.

Kommt denn immer noch nichts von oben, keine Order, keine Weisung? Pünktlichkeit und Präzision in allen Abläufen, das ist es doch, worum es immer geht. Das Telefon! Na also, wer sagt’s denn: „Ja, Herr Direktor, ja, ich verbinde Sie. Und die Bewerber? …Ah, Sie wissen davon nichts. Der Abteilungsleiter Personal… natürlich… Ihr Gespräch, sofort.” Er vermittelt schnell und ernst, wie immer. Er kennt seine Anlage so gut. Selbst im Schlaf hätte er vermitteln können, selbst im Schlaf. Doch jetzt, nach der unerfüllten Erwartung, ist plötzlich etwas wie abgeschnürt. Er weiß nicht, wie er sich geben soll. Dort die Bewerber, wartend. Vielleicht beobachten sie ihn schon, sehen ihm an, was passiert ist. Er schaut hinaus auf die Straße und unwillkürlich zurück auf den Tisch. Da liegt die Zeitung noch, unaufgeschlagen. Wann ist das das letzte Mal passiert? Er ertappt sich, wie er nach ihr fingern will, mechanisch, und trotzdem gehemmt ist. Er verschiebt sie nur etwas, sodass er die Groß-Überschriften lesen kann: „Arbeitslosenzahl jetzt bei 2, 4 Millionen. Vertreter der Industrie sehen Anzeichen….” Da ist er als kleiner Pförtner auch wieder froh, dass er seine gute Anstellung hat und nicht diesem brutalen Konkurrenzdruck ausgeliefert ist. Einfach und stetig bleiben, das ist’s…

Plötzlich haben sich von den Bewerbern drei formiert und treten auf ihn zu. Einer von ihnen, ein großer Kerl, sagt: „Es ist jetzt schon viertel vor durch. Um viertel nach waren wir zu Vorstellungsgesprächen einbestellt. Können Sie nicht in der Personalabteilung nachfragen, wann man uns vorlässt?” - „Haben Sie bitte noch ein paar Minuten Geduld. Man hat Sie nicht vergessen. Es ist bestimmt etwas Wichtiges dazwischen gekommen. Der Abteilungsleiter selbst wird mir Bescheid geben, wenn er bereit sein wird Sie zu empfangen!” Die drei Riesen sind zuerst etwas unschlüssig, dann nicken sie und gehen wieder zu den anderen zurück. Die Nachricht scheint dort zu kreisen. Hier und da sieht einer von ihnen zu ihm herüber, und es ist ihm etwas unangenehm. Nein, er muss jetzt fest auftreten, fest blicken. Die Kritik am Unternehmen, die bei ihnen latent da ist, ist unberechtigt. Das wird sich gleich herausstellen. Im Gegenteil, und da sie ihn fester beobachten, wird er sich wehren, er wird sie beobachten, scharf. Er sieht ihnen voll ins Gesicht wie einer, der nichts zu verbergen hat und den guten Ruf eines Großunternehmens nicht zu verteidigen braucht. Und wirklich hat er das Gefühl, dass er stärker ist mit seinem Blick und ihre Zweifel besiegt.

Doch die Zeit läuft weiter. Was geht in ihnen vor? Einzelne Gesichter werden ihm deutlicher. Deren Züge sind irgendwie gespannt, zwischen Hoffnung und Frustration. Alle wollen sie eine Anstellung, und wieviel Vorstellungsgespräche haben manche wohl schon hinter sich? Wie bringen sie es eigentlich nur fertig, so als Konkurrenten lachend beieinander zu stehen? Gewiss hat doch jeder einzelne seine eigene Taktik, sein spezielles Kalkül, seine besondere Hoffnung. Dort der eine, der große Blonde, scheint besonders selbstsicher und zuversichtlich. Die ganze Zeit über lacht er und flachst. Vielleicht hat er ein besonders gutes Zeugnis in der Tasche. Oder er weiß um sein gewinnendes Auftreten. Andere wirken dagegen zerknirschter, wie von schlechten Erfahrungen und vergeblichen Bemühungen sind ihre Gesichter gezeichnet. Ja, mache können im richtig leid tun. Es sind doch auch alles Menschen, und sicherlich ist die Belastung, der die jungen Leute heute ausgesetzt sind, besonders hoch. Wieder muss er an seinen Sohn denken.

Unterdessen ist er wieder aufgestanden und geht in seinem Glashäuschen hin und her. Mit der linken Hand drückt er wie mechanisch die Einschalttaste des Radios - aber nur Werbung, immer nur Werbung kommt aus dem Kasten, so schaltet er das Gerät gleich wieder aus. Wieder die Uhr. Die Zeiger laufen weiter und weiter, und jetzt ist es schon zehn vorbei, und noch immer ist keine Anweisung gekommen. Ob er seinerseits einmal anrufen soll? Nein, nein, es wird schon alles seine Richtigkeit haben, alles. Unvermutet jedoch hat sich einer der Bewerber aus der Gruppe losgerissen und stürmt hinaus. „Scheiß-Laden!” ruft er noch, wirft einen Prospekt auf den Boden und zertritt ihn wütend. „Halt, Sie können doch nicht…” setzt an, aber der Kandidat ist schon durch die Glastür verschwunden. Da liegt das Prospekt mitten im Gang. Die andern Bewerber kümmern sich nicht darum, sie haben dem Aussteiger nur kurz nachgesehen. Wenn jetzt jemand aus der Chefetage käme! Alles fiele auf ihn. Soll er das Prospekt entfernen, dann muss er seine Loge verlassen. Da liegt es, zertreten, die bunten Fotos und fetten Zahlen verdreckt. Wenn er jetzt aus der Loge kommt, dann werden sie ihn doch sicher umlagern und fragen. Aber er muss doch, er muss. Er nimmt seine Mütze, die immer griffbereit liegt, setzt sie auf und tritt ins Foyer: Sofort ist das Gemurmel unter den Bewerbern verändert, doch er tut so, als bemerke er das nicht. Gott sei Dank aber bleiben sie, wo sie sind und kommen ihm nicht nah. Wie gleichgültig hebt er das Prospekt auf und will es schon in den Papierkorb werfen, da besinnt er sich anders. Besser, er nimmt es aus der Gefahrenzone mit in die Loge und entsorgt es diskret. Wertvolle Informationsschriften einfach im Papierkorb, nein, das geht nicht. Er wartet, dass sich jeden Augenblick sich ein Kichern, ein Glucksen erhebt, so unsicher fühlt er sich gegenüber den Bewerbern. Aber eigenartiger Weise geschieht nichts dergleichen, ja sie kommen nicht einmal näher und umkreisen ihn. Trotzdem ist er erleichtert, als er wieder die Loge erreicht hat, hineintritt, die Mütze absetzt. Versöhnlich lächelt er hinüber, doch die Bewerber scheinen sich gar nicht für ihn zu interessieren. Viel mehr hat der Aussteiger auf sie gewirkt. Davon sind sie unruhig geworden. Was der Aussteiger getan hat, das scheint auch alle die andern zu berühren. Sie ringen mit sich, ob sie es dem ersten gleich tun sollen oder ob sie noch warten sollen. Jetzt wäre ja das Abspringen viel leichter als vorher, und der, der es tun würde, würde sich wohl nicht mehr so zu schämen brauchen wie der erste.

Aber nach wenigen Minuten scheinen sie sich doch fast alle durchgerungen zu haben, und sie bleiben. Und wenn sie gewinnen wollen, müssen sie es ja auch, und das Gemurmel ebbt ab. Dann aber kommen sie alle auf einmal, die ganze Gruppe, auf ihn zu. Als ob eine Entscheidung gefallen sei, schnürt der Pulk seine Pförtnerloge ein. Und wieder stellen sie die Frage, wann es denn endlich so weit sei, und wieder antwortet er ausweichend. Aber die Gesichter sehen ihn ungläubig an, und er weiß es, er weiß es sicher, dass seine Antwort sie höchstens zwei, drei Minuten zurückhält. Manche Augen sind noch geduldig, andere aber schon sehr argwöhnisch, und ihm als Pförtner ist es sehr peinlich. Er war immer ein freundlicher Mensch, und er möchte mit Blicken Mut zusprechen, aber es ist schon zuviel geschehen, zuviel Zeit vergangen. Eng wird es ihm in seiner Loge, und draußen herum dampfen jetzt dichte Qualmwolken der Zigaretten.

Und er sieht, immer dann, wenn die Glastür in seinem kleinen Spiegel schwingt, dass im Hintergrund mehrere Bewerber aufgeben und gehen. Meist paarweise, als ob sie sich abgesprochen hätten. Doch die, die bleiben, werden immer schärfer und hartnäckiger in ihren Fragen. O wie gern würde er jetzt auf die Toilette gehen. Das gäbe fünf Minuten. Aber nein, nein, er muss die Stellung halten, gerade jetzt, wenn das erlösende Wort von oben kommt. Und er fasst sich ein Herz und öffnet den Schalter wieder: „Bitte nehmen Sie doch wieder dort drüben Platz. Der Gang hier muss frei bleiben!” Doch die Bewerber drängen auf eine verbindliche Antwort: „Rufen Sie bei der zuständigen Stelle an!” Er versucht, sie wieder auf Distanz zu bekommen: „Bitte nehmen Sie doch wieder Platz. Der Gang hier muss frei bleiben. Ich werde anrufen, werde mein Möglichstes tun!” Damit gelingt es ihm. Die Bewerber ziehen sich etwas zurück, zwar nicht so weit wie er gehofft hatte, aber immerhin etwas. Nun kann er nicht mehr zurück. Er ruft an, obwohl er das bislang nur ein einziges Mal getan hat bisher, ein einziges Mal, und es hatte ihn damals fast seine Stellung gekostet. Doch er kommt nicht bis zum Personalchef durch, nur bis zur Sekretärin: „Der Abteilungsleiter Personal.. noch in Besprechung… kann nicht gestört werden. Wieviele es noch sind? Warum? „…Zwanzig etwa…”

„Wann ist er zu sprechen?” - „In zehn Minuten.. Ah, und sein Vertreter, Herr Glaser.. in Nürnberg, ah verstehe… Sie selbst? …können ohne Anordnung nichts machen…” Er lässt den Hörer sinken, kraftlos, öffnet die Klappe, steht auf: „Noch zehn Minuten”; sagt er mit deutlich vernehmbarer Stimme. „Aber dann”, tönt es von einem der Bewerber selbstgewusst zurück, „muss was passieren.” Der Pförtner trommelt auf den Tisch, nervös wie noch nie, geht hin und her, setzt sich, steht wieder auf; wie lang, er weiß es nicht. Irgendwo trägt er die gewisse Ahnung, dass alles auf einen gefährlichen Punkt zuläuft. Alles ist wie ein Kreisel, der sich immer schneller und schneller dreht. Die Minuten sind so vollgepackt mit Spannung, und wieder soll er anrufen, und er tut es, und wieder ist nur die Sekretärin am Apparat: „Die Sitzung - noch nicht beendet. Zuständig? Sie wissen nichts? Ah so…” Wo soll er es denn noch versuchen? Vielleicht bei einem der Manager, die haben ja doch auch damit zu tun. Ja,
das wird er machen. „Bewerber?” Was das solle… Leute vom Hals halten… wozu er eigentlich da sei….

Aufgelegt. Was tun? Dort die fragenden Gesichter. Noch mal anrufen, in die Sekretärin dringen: „Ich will den Abteilungsleiter. Unbedingt, ja, auch wenn Konferenz.” - Endlich, endlich. „Was fällt Ihnen ein! Wimmeln Sie ab. Erzählen Sie, erfinden Sie.” Schluss des Gesprächs.
Der Pförtner ist ratlos. Mechanisch fasst er sich an die Mütze, die er unbewusst aufgesetzt hat. Was tun? Er stiert. Die Lampen der Telefonanlage leuchten auf. Er kann nicht denken. Die Bewerber. Er atmet schwer. Die Verantwortung. Schweiß tritt ihm auf die Stirn. So ohne Klarheit ist er noch nie gewesen, noch niemals in 17 Jahren. Er kann doch die Leute nicht im Unklaren lassen. Auf welcher Seite steht er?

Der Pförtner verlässt seinen Arbeitsplatz. Es ist halb zwölf. Er will es wissen. Er tritt aus der Loge: „Kommen Sie mit!” Er strebt zum Aufzug. Oben im Gang gehen wie automatisch viele Türen auf. Auf einmal sind alle Manager und Abteilungsleiter dort versammelt. Sogar der Chef ist plötzlich da: „Was ist hier los? Was wollen all diese Leute hier?’” - „Wir haben eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekommen.” - „Klären Sie das!” sagt der Chef kurz zum Abteilungsleiter, und taucht schnell in seinem Zimmer ab. Auch die Manager fühlen sich nicht zuständig und verschwinden wortlos hinter Türen. Nur der Abteilungsleiter bleibt.

„Stellen Sie die Leute ein!” dringt der Pförtner ich in. Missbilligend sieht ihn der Mann an und stammelt: „Ein bedauerliches Missverständnis. Es sind leider einige Briefköpfe und Adressen verwechselt worden. Höhere Gewalt. Stromausfall im Datencomputer. Es tut mir wirklich sehr leid für Sie!” - Der Pförtner ist fassungslos.
„Und das erfahren wir erst jetzt?” - Die Bewerber sind aufgebracht. „Ich hatte bis jetzt leider keine Zeit. Sie müssen verstehen… eine äußerst wichtige Konferenz. Haben Sie den Herren das nicht gesagt?” Fragende Blicke auf den Pförtner wie auf einen Schuldigen. „Fast eineinhalb Stunden stehen wir unten im Foyer, um das zu erfahren.” - „Bedauerlich, dass Sie die Leidtragenden sind. Aber es gibt zur Zeit keine Stelle. Herr Ringwald, begleiten Sie die Herren hinaus. Ein anderes Mal vielleicht. Wir behalten Ihre Bewerbungen ja hier.” Und er lächelt versöhnlich und süßlich. „Das ist ungeheuerlich… das wird Folgen haben… unsere Auslagen…” rufen die Bewerber durcheinander.
Um viertel vor Zwölf verlassen die Bewerber, fluchend und erregt oder auch nur niedergeschlagen, das Gebäude.

Um zehn vor zwölf wird der Pförtner zum Abteilungsleiter bestellt: „Herr Ringwald, ich muss Sie leider mit sofortiger Wirkung beurlauben.” - „Und danach?” - „…werden wir uns nach einem neuen Pförtner umsehen müssen.” - „Aber warum?” - „Das fragen Sie noch? Sie haben Ihren Arbeitsplatz verlassen. Das ist das Faktum. Ein Pförtner, der seinen Arbeitsplatz verlässt, ist für uns nicht tragbar.” - „Aber die Leute mussten doch wissen…” - „Mein lieber Herr Ringwald. Glauben Sie nicht auch, dass es auch zu eines Pförtners Aufgaben gehört, die Leute ein wenig hinhalten zu können? Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder gleich zum Chef dürfte!” - „Aber ich wusste doch nicht…” - „Herr Ringwald! Ein wenig Vertrauen. Ich hätte den Leuten von mir aus schon alles erklärt. Außerdem: Selbst wenn Sie als Pförtner nicht alle Informationen haben, sollten auch Sie in der Lage sein, mitdenken zu können und in unserem Sinne zu handeln. Und nicht gegen uns!” - „Aber die Leute hatten doch das Schreiben…” - „Kein Grund für Sie, eigenmächtig Ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Das haben Sie getan. Das ist mehr als Grund genug für Ihre Kündigung!” - „Ich war immer zuverlässig, 17 Jahre lang…” - „Holen Sie sich die Kassenanweisung für das Urlaubsgeld.” - „Aber…” - „Es ist Mittagspause. Keine weitere Diskussion.”

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 10. Juni 2009 6:53
Themengebiet: Kurzgeschichten