Die schöne Stadt
© 1981 Dirk Schindelbeck
In einer Stadt, deren Name nicht überliefert ist, achteten die Bewohner ihre sensiblen Mitmenschen in einer besonderen Weise. Sie ließen sich Ausbildung und Qualifikation dieser Leute viel Geld kosten. Da gab es zum Beispiel diejenigen mit einem besonders feinen Gehör. Diese sah man ihre Ohren intensiv einsetzen und in den U-Bahnen, an Straßenkreuzungen oder an Orten, wo sie es für sinnvoll hielten, in den Parks, in Hauseinfahrten oder in der Nähe von Brücken, lauschen, um Schwingungen und Veränderungen der Umwelt zu registrieren. Andere gab es, die mit geschärftem Blick und großer Hingabe den Himmel beobachteten, die Veränderung der Wolkenbilder, die Formen, Farben und Entfärbungen der Natur im Frühling oder Herbst. Auch vergaßen sie nicht, ihre Mitmenschen, deren Gesten und Bewegungen, Lächeln und Trauermienen zu registrieren. Andere mit besonders empfindlichen Nasen gingen den Gerüchen und Düften nach, erspürten die Aromen der Gemüse und Kräuter auf dem Markt und in den Vorgärten ebenso wie die Konzentration von Schadstoffen und Abgasen: kein leichtes Amt! Wieder andere betasteten die Festigkeit und Dichte von Materialien, und wenn sie meinten, auch Tiere und Menschen befühlen müssen, so taten dies - immer freilich mit großer Zurückhaltung und gebotenem Takt. Auch sie zeichneten ihre Beobachtungen sorgfältig auf. Ein Mal im Monat wurden dann diese Ergebnisse zusammengefasst im Stadtrat vorgetragen und den anderen Einwohnern zugänglich gemacht. Immer wieder brachten die Beobachtungen für alle Stadtbewohner Neues. Es blieb nicht aus, dass mit den Jahren und Jahrzehnten der allgemeine Grad an Kultiviertheit und Sensibilität in der schönen Stadt sehr anstieg. Der Sinn für Kunst und Kultur hatte einen ganz anderen Stellenwert als andernorts, ebenso wie die Empfindlichkeit der Einwohner füreinander ungemein groß war, ihr Engagement für das Gemeinwesen, ihre Fähigkeit, Rücksicht zu nehmen. Es war, als ob die Entstehung eines allgemeinen seismographisch-empfindlichen Organs für alles Geschehen in der Stadt und um sie herum in greifbare Nähe rückte - allein weil man auf das Wissen um die Verflochtenheit aller Dinge miteinander in jedem Einwohner zählen konnte. Immer wieder hörte man sagen: „Die nützlichsten sind die, welche herumgehen und sensibel registrieren: Sie verhindern den Krieg!”