Tod der rechten Hand

© 1982 Dirk Schindelbeck

Der Schweiß. Weiß liegt die Hand, flach und warm auf dem Oberschenkel, dem Hosenstoff, einem braunen Cord. Liegt flach. Beginnt zu kreisen, rutscht abwärts, wird hohl, wird rund, umgreift das Knie, hebt einen Finger ab, den kleinen zuerst, dann Ring-, Mittel- und Zeigefinger, lässt sie wieder zurückfallen einzeln, beginnt von neuem eins, zwei, drei, vier, vier, drei, zwei, eins.

Auf die Haut treffen in unregelmäßigen Abständen Licht- und Schattenbänder von fern. Liegt wieder ruhig. Liegt und wartet, wie gespannt auf etwas, das kommt. Gibt sich hin den Schwingungen, dem Rollen und Rauschen des Blutes unter dem Stoff, dem Pochen dort, dem Pochen tief drinnen in ihr. Rutscht plötzlich nach vorn, hängt einen Augenblick frei, wird wieder zurückgezogen vom Arm, legt sich wieder hin wie ein aufgeschreckter Hund, um die Kniescheibe, rund, hohl, feucht von Schweiß.

Dann ein Luftzug, ein kleiner, der ihre Haare sträubt. Sie aufrichtet. Elektrisiert. Ein Luftzug, ein zweiter. Ein Kleid streift vorbei und ein schwerer Mantelstoff, ein Ledermantel. Wieder ein Luftzug, und wieder die Vibrationen des Motors im Knie, monoton wie zuvor. Beginnt zu suchen, die Hand. Was? Sich selbst? Vielleicht. Ein Gefühl? Es ist doch da, muss da sein. Ein Gefühlchen, nicht mehr. Nein, gefühllos, nur ein Fleischschwamm, aus welchem Schweiß tropft. Drückt sich Nägel ins Fleisch, fest, fester. Schmerz. Endlich: Gefühl. Legt sich wieder auf den Hosenstoff, den Oberschenkel, fängt an zu wippen, klappt, klappert einen Rhythmus dahin. Welchen Rhythmus? Besinnungslos. Den eignen? Weil sie nicht weiß wohin? Irrt. Sucht.

Wird kalt, fühlt sich kalt. Kalt und heiß. Heiß und kalt. Alles nur verschwitzt. Abwischen. Wischt sich ab, dreht sich nach links und rechts, wischt ihren Rücken ab, fährt zwischen die Knie. In die Hosentasche. Da ist ein Bleiben. Beginnt an Nähten zu nesteln. Ein Loch deutet sich an in der Tasche, ein langes Fädchen hängt herum, liegt quer. Störend. Befingert es. Findet einen Knopf, ein Geldstück, eine Automatenmünze. Gewonnen! Gewinnt sich. Hält wieder ein.

Aber immer der Schweiß. Der kommt auf, kommt mit Macht. Von innen tief, presst sich heraus, quillt, rinnt. Poren wie Schleusen. Raus aus der Tasche, raus. Da ist es, da ist es wieder, das andere, das Gefühl. Stürmt heran. Macht sich breit. Fährt heraus, die Hand, umfasst das Knie, rutscht. Wie Seife der Schweiß. Fühlt sich ganz schaumig außen. Ganz voller Schaum. Gleitet auf einem Schaumkissen, wischt sich wieder ab. Aber das Zittern kommt. Unweigerlich. Näher. Stärker. Den Schmerz wollen. Nägel ins Fleisch graben. Ein wenig muss es doch helfen, ein wenig. Zuckt. Ja, besser. Besser als zittern. Spreizt die Finger, die fast schon zusammenkleben, auseinander. Fährt ans Kinn, presst sich daran, findet Ruhe, ein wenig Ruhe. Ja. ja. Nein. Raus, raus aus der Schwüle des Raums. Immer quillt es von innen nach, immer von innen. Greift eine Stange - oh, eine fremde Hand - zuckt zurück ganz verschämt, greift noch einmal zu, fester, zieht einen Körper nach.

Dann ein Luftzug. Ah, tut das gut! Diese Luft, Luft. Fährt ein Geländer hinab, ist draußen, frei. Pendelt. Diese Luft bläst alles durch. Schlenkert. Aber kalt ist es, kalt. Klar, der Winter. Fährt in die Innentasche des Sackos, kontrolliert. Ist es noch da? Ja, liegt dort schön warm und bereit zum Einsatz. Fährt wieder heraus. Wird trocken vom Schweiß an der Luft. Gleitet wieder in die Hosentasche. Ruht ein wenig, fühlt sich wohl. Allein das leise Knistern der Nähte beim Gehen. Schön, schön.

Nur die Tasche könnte größer sein, nicht mal richtig ausstrecken ist möglich. Aber der Schweiß quillt nicht mehr, und das ist schon gut. Hat eine Münze, drückt sie fest. Auf einmal herausgerissen vom Arm! Schlenkert wild um den Leib. Macht eine Faust dazu, eine Faust durch die Kälte. Da! ein Geländer, auf springt die Faust, wie Stahlklammern greifen die Finger, ziehn heran, dann eine Stange, krallt sich fest, schwingt herum, dann die Türklinke, die, die, ja die. Hämmert darauf. Zerschlägt das Glas. Oh, das Blut, aber nur wenig. Wird langsam, streckt sich aus. Stille. Aber keine Berührung. Stemmt sich in die Taille, vergrößert den Körperumriss. Droht. Fährt, fuchtelt wild durch den Raum. Stürzt herab. Teilt eine Ohrfeige aus. Und noch eine. Und wieder. Oh, wie angenehm ist das Kitzeln, das leise Brennen der Nerven in der Handfläche! Schüttelt einen Körper, schüttelt ihn aus. Muss ein Schreien verhindern. Mit dem Ding! Dem Ding? Der Schweiß strömt, in ganzen Bächen, überflutend. Verhindert das Schreien. Hält einen Mund zu. Au, ein Biss. Oh, das stachelt das Blut. Würgt. Würgt nieder das Biest. Würgt röchelndes Fleisch. Das Biest. Mit dem weißen Hals. Wringt das Fleisch aus, spürt, fühlt, da ist der Knorpel, um den es geht, dieser, da ist das Zucken, das letzte, endlich.

Langsam entkrampft sich die Hand, die so stark war. Wie ein Bagger durchs Erdreich gefahren. Wird weich. Wird zart. Und ganz trocken und ruhig. Streichelt schönes Haar, umfährt einen weichen Hals, liebkost eine Nase, kuschelt sich an einer Wange, fährt an den Armen herab des schönen Leibs. Wird zornig auf den harten Stoff, reißt die rauhen Hüllen herunter von dem weichen zarten Leib. Oh, so weich, so schön weich.

Die Hose. Öffnet den Reißverschluss, holt heraus das Glied. Schüttelt es, zieht die Vorhaut zurück. Umschließt den Schaft. Aber das ist woanders und fern, ganz trocken und verträumt. Ermattet sinkt sie zu Boden und fällt bald in tiefen Schlaf. -

Wirft eine Decke weg. Dreht einen Wasserhahn auf. Oh, wie wunderbar das rollt. Wühlt sich in ein Handtuch hinein. Greift einen Griff, lässt Wasser in einen Topf fließen, stellt einen Schalter an, hält inne - will, muss Buße tun, beten. Will zu seinem Gegenstück. Aber vergebens. Immer der Schweiß: Ekel. Greift eine Tasse. Gießt Kaffee nach. Befühlt wieder das tote weiße Fleisch, das da liegt, zart, still und kühl. Ein letztes Mal. Wärmt sich an der Tasse. Wird unsicher, ekelt sich. Wird klein wie die eines Kindes, möchte weg, nur weg. Möchte nichts mehr zu tun haben damit. Fertig. Drückt die Türklinke nieder beim Verlassen der Wohnung. Wird von jetzt an versteckt. Will nichts mehr. Ist fertig mit allem, mit der Welt. Verkriecht sich in die Tasche. Ein Looser, aussätzig. Mag nicht mehr wissen, wo’s hingeht, spürt nur das Gehen, das Gehen, das Gehen. Gemieden, versteckt, entwertet, abgetaucht.

Später, an einem Stacheldrahtzaun, wird sie blutig geschlagen, vom Arm gegen den Zaun geschleudert. Zuckt im Schmerz gerissener Haut. Die hängt in Fetzen von ihr herab. Strafe, gerechte Strafe, noch immer zu mild. Später muss sie sich an einem vereisten Baum abstützen: o tut das weh! Kalt. Sehr kalt. Recht. S’ist Winter. Soll greifen in die Sackotasche nach dem Ding. Warm, am Herzen getragen, ist das Metall. Tut’s. Satt und schwer liegt es in ihr. Soll herausziehen. Schön ist es zu greifen. Soll überprüfen. Laden. Spannen, Richten. Abdrücken. - Verkrampft. Wird klein und wie Kinderhände schmal…

Schnee fällt, dessen Kristalle sehr sanft vergehen an der Wärme, die noch in ihr ist.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 10. Juni 2009 7:10
Themengebiet: Kurzgeschichten