Autan
© 2008 Dirk Schindelbeck
Lemma [lat. klingendes Kunstwort]
Definition: Markenname des auf dem deutschen und europäischen Markt verbreitetsten Mücken- und Insektenschutzmittels
Inhaltsverzeichnis
Vorläufer der Marke: Das Autanverfahren
Autan als Mücken- und Insektenschutz
Neue Wirkstoffe, neuer Besitzer
Weiterführende Literatur
Weblink
Vorläufer der Marke: Das Autanverfahren
Am 6. Juni 1906 meldete der bis 1908 bei der Bayer-AG in Wuppertal-Elberfeld (heute Leverkusen) angestellte Chemiker Arthur Eichengrün (1867 - 1949) das von ihm entwickelte Autanverfahren beim Kaiserlichen Patentamt an. Dabei handelte es sich um eine einfache Desinfektionsmethode für Wohnungen und Stallungen, die später auch in den Schützengräben und Unterständen des Ersten Weltkriegs zu weiter Verbreitung gelangte und dementsprechend bekannt wurde. Noch 1929 erklärte der Brockhaus unter dem Stichwort „Autan” dessen Wirkungsweise: „Formaldehyd entwickelndes Mittel zur Desinfektion von Räumen ohne Apparate, aus Metallperoxyden und Paraform bestehend, die bei Gebrauch gemischt und mit Wasser übergossen werden.” Eichengrün, der während seiner Zeit bei Bayer zahllose Patente anmeldete, verließ das Unternehmen 1908 im Unfrieden und gründete in Berlin seine eigene pharmazeutische Fabrik. Während der NS-Zeit wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und ins KZ Theresienstadt deportiert, das er aber überlebte. Eichengrün, der bei der Bayer AG eine Forschungsgruppe geleitet hatte und für sich in Anspruch nahm, das Aspirin erfunden zu haben, fühlte sich von Bayer zeitlebens um seine Verdienste gebracht.
Autan als Mücken- und Insektenschutz
Unter eben dem Namen Autan brachte die damalige Bayer-Tochter Drugofa 1958 erstmals ein freiverkäufliches Mittel gegen Zecken-, Mücken- und andere Insektenstiche auf den Markt. Es funktionierte auf der Basis von sogenannten Repellents - Duftstoffen, welche den Orientierungs- und Geruchssinn jener Ektoparasiten, deren bevorzugtes Ziel die menschliche Haut ist, verwirren, sodass diese für sie unattraktiv wird. Zunächst wurde das Mittel ausschließlich als Lotion in einer Glasflasche angeboten. Die Anwendung erfolgte durch Auftragen auf der gesamten Körperoberfläche, sodass ein möglichst geschlossener „Duftmantel” entstand. Im Gegensatz zum Desinfektionsmittel Autan tötete der Insektenschutz Autan die Parasiten nicht, sondern wehrte sie nur ab. Bei gründlicher Anwendung hielt die Schutzwirkung bis zu sieben Stunden an. Ab 1964 wurde Autan auch als Spray angeboten, im Jahr darauf kam es zudem als Stift auf den Markt. 1996 trat mit Autan akut ein Mittel zur Beruhigung nach Insektenstichen hinzu. Es war der Beginn der Weiterentwicklung zu einer ganzen Produktfamilie. Bereits in den 80er Jahren hatte sich Autan die Marktführerschaft in weiten Teilen Europas erobert; heute wird es in über 70 Ländern angeboten.
Neue Wirkstoffe, neuer Besitzer
Als Repellent stand in der Anfangszeit nur DEET (N, N-diethyl-m-tuloamid) zur Verfügung; dessen Konzentration wurde aber im Laufe der Jahre im Zuge gewandelten ökologischen und gesundheitspolitischen Bewusstseins von 33 auf 20 Prozent herabgesetzt. Seit 1998 wird als Repellent-Wirkstoff das von der WHO als hervorragend eingestufte Icardin eingesetzt und überdies auf Konservierungsstoffe verzichtet, die den Mückenschutz auch für Kleinkinder geeignet machen. 2003 trennte sich die Bayer-AG von Autan; seither gehört die Marke der Firma Johnson Wax in Haan bei Düsseldorf.
Weiterführende Literatur:
Eichengrün, Arthur: Ein neues Formaldehyd-Desinfektionsverfahren, das Autanverfahren, 6. Juni 1906
Löffler, Heinrich: Das Formaldehydpräparat „Autan” als Desinfektionsmittel für Stallungen, Tierkliniken usw., in: Zeitschrift für Veterinärkunde, 1. Heft, 1909
Sobernheim, Georg: Leitfaden für Desinfektoren, Halle 1913
Weblink: www.autan.de