Birkenstock
© 2008 Dirk Schindelbeck
Lemma [Familienname des Firmengründers]
Definition: Markenname der zum Synonym für Fußbett-Sandalen gewordenen Schuhe aus Naturkork nach orthopädischen Kriterien
Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Neue Bewusstseinsströmungen - neue Märkte
Politik einer Familiendynastie
Schonen oder abhärten
Weiterführende Literatur
Weblink
Die Erfindung der Marke
Die Wurzeln des Familienunternehmens Birkenstock reichen zurück bis ins Jahr 1774: in diesem Jahr tauchte in den Kirchenbüchern der hessischen Gemeinde Langen-Berkheim erstmals ein Schuster namens Johann Adam Birkenstock auf. Erst dessen Enkel Conrad Birkenstock aber erfand 1896 den Urtyp des dem menschlichen Fuß nachempfundenen Fußbetts, welches die später unter dem Familien-Namen vertriebenen Sandalen berühmt machen sollte - und eröffnete in Frankfurt zwei Schuhgeschäfte. Doch da sich kurz nach 1900 im Deutschen Reich eine große Schuhindustrie entwickelte, die mit billigen, innen jedoch flachen und nicht anatomisch durchgebildeten Massenschuhen den Markt bald beherrschte, verlegte sich Birkenstock auf die Produktion von Fußbett-Einlagen, die sich zur Nachrüstung solcher Fabrikschuhe eigneten. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb Birkenstock 1925 in Friedberg eine große Fabrik und entwickelte kurz darauf das sogenannte Blaue Fußbett, das sich den Fußbewegungen der Träger anpasste. Birkenstock ließ sich den Begriff „Fußbett” markenrechtlich schützen; noch vor dem Zweiten Weltkrieg exportierte die Firma ihre Produkte bereits in viele Länder Europas. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Verlegung des Firmensitzes nach Bad Honnef entwickelte Carl Birkenstock aus den Ideen seines Großvaters Conrad und seines Vaters Karl diese Fußbetteinlage zu einem vollwertigen Schuh weiter, indem er die flexible Korkeinlage zur festen Innensohle einer Sandale machte. 1964 kam der Urtyp dieser bis heute kaum veränderten Birkenstock-Fußbett-Sandale unter dem Namen „Madrid” auf den Markt.
Neue Bewusstseinströmungen - neue Märkte
Bis Ende der sechziger Jahre waren Birkenstock-Sandalen wenig verbreitet und wurden im normalen Schuhhandel kaum geführt, höchstens im Orthopädie-Fachhandel. Erst mit dem Aufkommen alternativer Lebensformen (Hippie-, und Öko-Bewegung) steigerte sich ihr Bekanntheitsgrad schnell. Hinzu kam, dass ganze Berufsgruppen, die viel laufen oder stehen mussten wie das Personal von Krankenhäusern oder im Hotellerie- und Gaststättengewerbe, ihre Bequemlichkeit bald zu schätzten lernten. Seither stehen Birkenstock-Sandalen zunehmend für ein bestimmtes Bewusstsein, werden ihre Träger zwar als bekennende Modemuffel, dafür aber als besonders gesundheits- und umweltbewusst und von der politisch Zuordnung als links oder der Alternativ- oder Friedensbewegung nahe stehend wahrgenommen. Da dieser Markt in den siebziger und achtziger Jahren außerordentliche Wachstumsraten verzeichnete, positionierte das Unternehmen seine Produkte entsprechend; bis heute wird wenig Werbung betrieben, ebenso werden Birkenstock-Sandalen und -Clogs nicht als Wegwerfartikel angeboten, sondern als leicht reparables, mithin „nachhaltig” konzipiertes, Schuhwerk aus Naturmaterialien von langer Lebensdauer.
Zum Aufwärtstrend auf dem deutschen Markt trat ab etwa 1970 ein außergewöhnlicher Erfolg in die USA. Während einer Deutschlandreise 1966 hatte die US-Amerikanerin Margot Fraser die Birkenstock-Sandalen kennen und schätzen gelernt. Nach ihrer Rückkehr in die USA baute sie in Santa Cruz, Californien, aus kleinsten Anfängen heraus eine Vertriebsorganisation für dieses Produkt auf, die bereits Mitte der neunziger Jahre über 3.500 Geschäfte in den USA belieferte und Umsätze von über 100 Millionen Dollar erzielte. Allein zwischen 1995 bis 1996 steigerte sich Absatz von Birkenstock USA um 26 Prozent.
Firmenpolitik einer Familiendynastie
Seine strikt gewerkschaftsfeindliche Linie offenbarte das Familien-Unternehmen in den frühen neunziger Jahren, als durch die Presse die Auseinandersetzung mit seinen gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern ging. Über einige Forderungen des Betriebsrats erbost schob Karl Birkenstock sukzessive die gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter seines Unternehmens in die ihm ebenfalls gehörende Firma „DeP” ab, wo diese nur einfachste Arbeiten verrichteten. Nach einiger Zeit löste Birkenstock die Zweigfirma auf und hatte sich so der Gewerkschafter in seinem Betrieb entledigt.
Seit den neunziger Jahren residiert das Unternehmen in Vettelschoß bei Linz am Rhein. Angesichts sich ausdifferenzierender Märkte wurden von Karl Birkenstock neue Firmen gegründet, die über Marken wie Alpro, Betula, Footprints das „Original-Birkenstock Fußbett” als Lizenznehmer nutzen durften und von seinen Söhnen Christian, Stephan und Alex geleitet werden. Über diese Strategie reicht Birkenstock seither auch in den Mode- und Komfort-Schuh-Sektor hinein. Mit etwa 2000 Mitarbeitern und geschätzten 500 Millionen Euro Umsatz gilt die Birkenstock Orthopädie GmbH & Co KG gilt als der viertgrößte Schuhhersteller mit Niederlassungen in etwa 80 Ländern der Welt.
Schonen oder abhärten
Das Fußbett der Birkenstock-Sandale aus Naturkork mit Fersenschale, Längs- und Quergewölbestützen sowie einen Zehenspreizer-Steg steht im Ruf besonders gesund zu sein. Da es Punktbelastungen vermeidet, schont es die Füße eher als dass es sie fordert. Da bei Birkenstock-Sandalen Zehen und Ferse auf gleicher Höhe liegen, gilt dies für die Abrollbewegung, die bei einem Absatzschuh automatisch gefördert wird, weniger. Über die Frage, ob die Füße durch entsprechend geformtes Schuhzeug eher gefordert oder geschont werden sollten, ist sich die Fachwelt bis heute uneins.
Weiterführende Literatur:
Birkenstock, Carl: Mit dem Arzt gegen Fußkrankheiten und Irrlehren, Steinhude 1935
Birkenstock, Carl: Fußorthopädie „System Carl Birkenstock”, Düsseldorf 1948
Birkenstock (Hg.): Fuß-Fibel, Bad Honnef 1983
Smikalla, Dr.: Das Buch der Fußgesundheit, Bad Honnef 1985
Lewis & Clark College (Hg.): Chasing Birkenstocks. Sociology of Work Leisure and Consumption. Lewis & Clark college 1997, 2007
Kahlweit, Cathrin: Ein langer Marsch im Sandalen-Krieg, in: Süddeutsche Zeitung vom 12. 08. 1996
Sternke, Helge: Alles über Herrenschuhe, Berlin 2006
Weblink: www.birkenstock.de