Gütermann
© 2008 Dirk Schindelbeck
Lemma [Familienname des Firmengründers]
Definition: Markenname der zum Synonym für Nähseide gewordenen Garnröllchen
Inhaltsverzeichnis
Erfindung und Aufstieg der Marke
Das Seidenröllchen als Markenartikel
Unternehmenspolitik in schwierigen Zeiten
Verwurzelungen eines Familienbetriebs
Gütermann in der globalisierten Welt
Weiterführende Literatur
Weblink
Erfindung und Aufstieg der Marke
Nach einer Kaufmannslehre in einem Seidenhandelshaus in Wien, dem Hauptumschlagplatz für Seide im 19. Jahrhundert, gründete Max Gütermann dortselbst sein eigenes Unternehmen, bezog Rohgarne, ließ sie färben und zu gebrauchsfertiger Nähseide ausrüsten. Schon 1867 verlegte er den Firmensitz nach Gutach im Elztal nördlich von Freiburg, wo er optimale Möglichkeiten zur Betriebsausdehnung vorfand. Hier gab es genügend Arbeitskräfte, die Elz lieferte die notwendige Energie für das Turbinenhaus und die Maschinen, und ihr weiches Wasser erwies sich zum Färben der Seide als ideal. Mit zunächst 30 Arbeitern nahm Gütermann die Produktion auf.
Der steigende Bedarf an Seide für das Schneider- und Schumacherhandwerk führte zur Suche nach neuen Rohstoffquellen, sodass immer mehr Nähgarn aus Schappe-Seide, den Resten des Seide-Kokons, erzeugt werden musste, wozu die Errichtung einer eigenen Zwirnerei notwendig war.
1884 wurde eine Seidenkämmerei in Perosa bei Turin übernommen, welche fortan die Versorgung der Produktionsstätte in Gutach sicherstellte. Da auch der Standort Wien beibehalten wurde, entwickelte sich Gütermann bis zum ersten Weltkrieg zu einem in mehreren Ländern tätigen Unternehmen, das (aus zolltechnischen Gründen) nicht nur Verkaufsniederlassungen errichtete, sondern - wie etwa in Frankreich - eigene Produktionsstätten. Bis zum ersten Weltkrieg stieg die Belegschaft auf 1800 Mitarbeiter.
Das Seidenröllchen als Markenartikel
Gütermann kommt das Verdienst zu, das Naturprodukt Seide zu einem industriell hergestellten Markenartikel gemacht zu haben - mit allen Konsequenzen, die der Markenartikelgedanke mit sich brachte im Hinblick auf Verfügbarkeit, Qualitätsstandard, Erscheinungsbild, Anbietform, Preisgarantie und Vertriebssystem. Zuvor war Seide in den unterschiedlichsten Formen am Markt: in Strängchen, auf Holzspulen oder Pappkärtchen. Hinzu kamen meist unverständliche und nicht normierte Anbietformen, was manche Wettbewerber dazu ausnutzten, das Gewicht durch die beim Färben zugesetzten Metallsalzlösungen künstlich zu erhöhen. Gütermann brach mit dem Brauch, Seide nach Gewicht zu verkaufen; er entwickelte ein System ehrlicher, für die Verbraucher nachvollziehbarer Längeneinheiten - auf in heute Allgemeingut gewordener gemusterter Kreuzwicklung auf Papphülsen. Jedes Röllchen trug neben der Angabe der metrischen Fadenstärke das Längenmaß in Metern (z.B. Nm 100: 100 m wiegen 1 g, Nm 100/3 bedeutet: 100 m dreifacher Faden wiegen 3 g). Sein Hauptartikel, die „Ideal-Seide”, wurde als Röllchen mit 50 m Schappe-Seide der Fadenstärke Nm 100/3 bald in über 100 Farbvarianten angeboten. Daneben wurde Industrieseide mit bis zu 10.000 m Fadenlänge sowie Reformseide produziert.
Für den Vertrieb wurde eine normierte Verkaufskommode aus Holz entwickelt, deren Grundtyp ein Fassungsvermögen von 180 x 12 (Dutzend) Nähseidenröllchen besaß.
Unternehmenspolitik in schwierigen Zeiten
Gütermanns schon früh ausgeprägte internationale Verflechtungen, sowohl was den Bezug von Rohstoffen betraf als auch als Markenartikelanbieter im Ausland trafen das Familienunternehmen in Kriegs- und Krisenzeiten besonders hart, wenn die Rohstoffe ausblieben (1914-1918), die eigenen Produkte von fremden Märkten aus politischen Gründen ferngehalten wurden (nach 1919) oder die Restriktionen der französischen Besatzungsmacht nur durch Kompensationsgeschäfte umgangen werden konnten (nach 1945). Die schwierigste Bewährungsprobe musste das Unternehmen nach Inflation und Währungsschnitt 1923/24 bestehen, als es galt, den sich eröffnenden Massenmarkt wieder zu gewinnen, in welchen während der Inflation viele Billiganbieter zulasten Gütermanns eingedrungen waren. Nur unter der Voraussetzung, dass eine Vervierfachung des Ausstoßes am Markt absetzbar war, konnte man rationell produzieren und das Seidenröllchen zum Preis von 10 Pf das Stück anbieten. Doch das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauenskapital der Verbraucher in die Qualität ließ sich wieder abrufen, sodass sich diese wagemutige Entscheidung der Geschäftsführung auszahlte und das Unternehmen schnell Marktanteile zurückgewann.
In den dreißiger Jahren mussten durch das Aufkommen der Kunstseide eine Reihe von Namensschutzprozessen aufgrund von Phantasie-Bezeichnungen der neuen Konkurrenz wie „Bemberg-Seide”, „Perlon-Seide” usw. durchgestanden werden.
Verwurzelungen eines Familienunternehmens
Bis heute ist Gütermann ein Familienunternehmen geblieben: Als der Seniorchef 1885 ausschied, übernahmen seine fünf Söhne das Unternehmen. Bodenständigkeit dokumentierte sich auch in starken über den reinen Produktionszweck hinausgehenden Engagements in Gutach. Schon früh wurden neben der Fabrik Werkswohnungen, später auch ein Ledigenheim errichtet, ebenso ein eigenes Krankenhaus sowie Sportanlagen bis hin zu einem Golfplatz (1926). Ein eigenes Wasserkraftwerk nutzte die vom Kandel herunterströmenden Zweribach-Wasserfälle und stellte die Energieversorgung sicher. Bereits in den dreißiger Jahren wurde die 40-Stunden-Woche eingeführt, was dem Unternehmen den Ruf eines „roten Arbeitergebers” bescherte.
Gütermann in der globalisierten Welt
Erst als die Entwicklung der synthetischen Fäden ausgereift war, stieg Gütermann in den sechziger Jahren in diesen Markt ein. Heute produziert die Gütermann AG hauptsächlich hochwertige Fäden in „Micro-Core-Technologie” für technische Zwecke, wie sie in der Automobilindustrie in Airbags oder Autohimmeln Verwendung finden, aber auch im Flugzeugbau (Airbus). Weltweit sind 1300 Menschen bei Gütermann beschäftigt, die 130 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften. Seit 1998 engagiert sich das Unternehmen auch im Bastel-Markt und erwarb dazu die Creative Hobbies GmbH sowie Bastel Müller in Bern. 2008 wurde ein neues Werk in Indien eröffnet. Seit dem 13. August des Jahres ist Gütermann eine europäische Aktiengesellschaft (SE), was Vorteile im Bestell-, Abrechnungswesen und der Logistik bringt.
Weiterführende Literatur:
Gütermann (Hg.): Das kleine Buch der Nähseide, Leipzig 1938
Gütermann (Hg.): Gütermann Näh-Lexikon - Selbstschneidern von A - Z, Hamburg 1963
Gütermann (Hg.): 100 Jahre Gütermann, Gutach 1964
Weblink: www.guetermann.de
