Pfaff
© 2008 Dirk Schindelbeck
Lemma [Familienname des Unternehmensgründers]
Definition: Markenname des einst traditionsreichsten deutschen Nähmaschinenherstellers
Inhaltsverzeichnis
Erfindung und Aufstieg der Marke
Familienunternehmen mit regionaler Verwurzelung
Wachstumsjahre im Wirtschaftswunder
Globalisierungsfolgen und Insolvenz
Weiterführende Literatur
Weblink
Erfindung und Aufstieg der Marke
1862 konstruierte Georg Michael Pfaff in Kaiserslautern seine erste Nähmaschine und gründete die Nähmaschinenfabrik G.M. Pfaff. Im Jahr darauf schon gab der gelernte Instrumentenmacher seine Fabrik für Blechblasinstrumente auf und verlegte sich ganz auf die Herstellung von Nähmaschinen für einen explosionsartig wachsenden Markt. Schon bald wurde von der Einzel- auf eine manufakturmäßig betriebene Serienfertigung umgestellt. Bereits 1872 produzierte Pfaff schon mehrere tausend Maschinen im Jahr, die Hälfte davon für den Export. 1885 wurde die erste Verkaufsniederlassung in London eröffnet. Anfang der 1890er-Jahre stellten inzwischen 400 Arbeitskräfte schon 25.000 Maschinen im Jahr her.
Als nach Pfaffs Tod 1893 dessen Sohn Georg die Firma übernahm, stieg man in die Großserienfertigung ein, indem nun auch Konstruktion und Bau eigener Werkzeugmaschinen für die Nähmaschinenproduktion aufgenommen wurde. Ständige Produktionsausweitungen führten zur Verlegung des Werks ab 1901 an den Stadtrand von Kaiserlautern. Mit inzwischen 1000 Mitarbeitern wurden ab 1907 auch Industrienähmaschinen, für die inzwischen Elektromotoren zur Verfügung standen, produziert. 1910 wurde die millionste Pfaff-Nähmaschine ausgeliefert. Im 50. Jahr ihres Bestehens 1912 exportierte die Firma Pfaff bereits in 64 Länder - bis hin nach Südamerika, Indien und Australien.
1926 führte Pfaff die Großserienproduktion am Fließband ein. In diesem Jahr wurde das Unternehmen, in welchen inzwischen 2600 Menschen 300 Maschinen pro Tag herstellten, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1935 konnte die dreimillionste Nähmaschine das Werk verlassen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs lähmte die verordnete Bewirtschaftung von Rohstoffen die Bekleidungsindustrie, sodass die Nähmaschinenproduktion bei Pfaff stark eingeschränkt wurde. Karl Pfaff, der Enkel des Unternehmensgründers, befasste sich ab 1940 mit der Entwicklung sowohl von Kunststoffschweißmaschinen als auch kurvengesteuerten Nähautomaten.
Familienunternehmen mit regionaler Verwurzelung
Nur wenige deutsche Unternehmen prägten das ökonomische und soziale Umfeld so sehr wie dies Pfaff in Kaiserslautern über Jahrzehnte hin tat. Über Generationen hin patriarchalische Unternehmungsführungen fühlten sich den Arbeitern ihres Betriebs, die sich selbst als „Pfaffianer” empfanden, verpflichtet. Schon 1874 wurde eine betriebliche Krankenunterstützung und eine Sterbegeldkasse eingeführt, in den zwanziger Jahren kam eine Pensionskasse hinzu und es wurde eine Arbeitersiedlung gebaut. In den fünfziger Jahren wurden Fortbildungskurse für die Belegschaft eingerichtet und die Möglichkeit, durch Belegschaftsaktien Anteile am Betrieb zu erwerben.
Wachstumsjahre im Wirtschaftswunder
Nach kriegsbedingter Zerstörung des Werks 1944 und dem raschen Wiederaufbau wurde die Produktion - vor allem für den Export - wieder aufgenommen. Die erste tragbare Koffer-Haushaltsmaschine mit variablem Freiarm kam 1951 auf den Markt. Konkurrenten und Zulieferer wie das Elte-Werk in Landstuhl (1956) oder die Gritzner-Kayser AG in Karlsruhe wurden von Pfaff übernommen. 1960 erfolgte der Börsengang als G.M. Pfaff AG. Trotz weiterer Innovationen auf dem Nähmaschinen-Sektor wie die Einführung von Haushalts-Modellen mit Fadenabschneider oder automatisch arbeitender Zickzack-Technik suchte Pfaff bereits 1964 die Kooperation mit dem japanischen Hersteller Janome.
Die serienmäßige Bestückung von Nähmaschinen mit elektronischen Bauteilen seit den späten siebziger Jahren markiert die letzte Wachstumsphase auf diesem durch die Fernost-Konkurrenz schwierig gewordenen Markt.
Globalisierungsfolgen und Insolvenz
Seit der Öffnung der Grenzen und der Märkte befindet sich das einstige deutsche Musterunternehmen in einer Phase kontinuierlichen Niedergangs, der im September 2008 zur Insolvenz führte. Alle Versuche, sich gegen die erdrückende Konkurrenz vor allem aus Fernost zu wehren, blieben letztlich erfolglos. Ob auf dem Wege der teilweisen Verlagerung lohnintensiver Fertigungsschritte in Billiglohnländer, ob in Kooperation mit dem einstigen Konkurrenten Singer 1997 (Singer/Paff-Konzern), ob als Joint Venture mit dem italienischen Nähmaschinenhersteller Rimoldi (2001/02) oder Bianchi Marè (bis 2005), ob über ein verstärktes Engagement in China in Zusammenarbeit mit der Zoje Sewing Machine Co. Ltd. in Shanghai, ob über die deutsche Investgesellschaft GCI BridgeCapital AG in München (ab 2006) und letztlich durch den Versuch der Gesundschrumpfung durch Betriebsverkleinerung samt Werksneubau und Konzentration auf das Kerngeschäft (Anfang 2008) - alle Bestrebungen konnten den Niedergang nicht aufhalten. Von der Insolvenz Anfang September 2008 sind 400 von einstmals 6000 (1987) Arbeitskräften betroffen.
Weiterführende Literatur:
Freitag, Willy: Die Entwicklung der Kaiserlautere Textilindustrie seit dem 18. Jahrhundert, Saarbrücken 1963
Handelsblatt vom 11. September 2008: Nähmaschinenhersteller Pfaff meldet Insolvenz an.
Weblink: www.pfaff.de
