Braun
© 2007 Dirk Schindelbeck
Lemma [Eigenname des Firmengründers]
Definition: Dachmarkenname des für das avantgardistische Design seiner Produkte bekannt gewordenen Herstellers von Rasierern, Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik
Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Die Düsseldorfer Funkausstellung 1955
Braun - Inbegriff modernen Designs
Gillette und die Marktforschung
Spektakulärer Abgang einer Markenlegende
Braun zwischen Mythos und Gegenwart
Weiterführende Literatur
Weblink
Die Erfindung der Marke
1921 gründete der Ingenieur Max Braun in Frankfurt eine Werkstatt für Apparatebau. Zwei Jahre später begann er als Zulieferer Bauteile für die sich rasch entwickelnde Rundfunkindustrie zu produzieren. 1929 kam er mit einem eigenen Radiogerät auf den Markt, in den dreißiger Jahren schließlich mit einer Radio-Plattenspieler-Kombination sowie recht erfolgreichen Koffergeräten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Wiederaufnahme der Produktion zunächst mit Radioempfängern und 1950 erstmals mit einem Trockenrasierer. Dieses Gerät verfügte bereits über den unter einer hauchdünnen Scherfolie hin und her schwingenden Messerkopf, wie er für die späteren Elektrorasierer der sixtant-Serie typisch werden sollte.
Als Max Braun 1951 starb, übernahmen seine Söhne Artur und Erwin die Geschäftsführung. Sie gingen fortan völlig neue Wege bei der Gestaltung von Produkten für den alltäglichen Gebrauch.
Die Düsseldorfer Funkausstellung 1955
Artur und Erwin Braun richteten ein eigenes Design-Studio („Abteilung für Formgestaltung”) ein und begannen ihre Produkte gemeinsam mit Künstlern der Ulmer Hochschule für Gestaltung wie Inge Aicher-Scholl, Hans Gugelot oder Herbert Hirche zu entwickeln. Später kam der Architekt Dieter Rams hinzu, der die Abteilung zwischen 1961 und 1995 leitete und bei den meisten Neuentwicklungen entscheidende Impulse gab.
Auf der Düsseldorfer Funkausstellung 1955 wurden der Öffentlichkeit erstmals eine Reihe von Braun-Erzeugnissen vorgestellt, z.B. die Tischradios SK 1 und SK 2. Von ihrem Design her unterschieden sich diese Rundfunkempfänger radikal von den damals üblichen Radiogeräten mit Nussbaumgehäuse und Messingbeschlägen. Noch rigoroser in der Formgebung wirkte die 1956 als „Schneewittchensarg” vorgestellte SK 4 Radio-Phono Kombination - ein weißlackierter Metallquader mit schmucklosen Lautsprecherschlitzen und einer großen Plexiglashaube. So ungewohnt wie das Erscheinungsbild der Braun-Geräte war auch deren Benamung nach technisch anmutenden Funktionskürzeln. Selbst das von Wolfgang Schmittel 1952 entwickelte Logo der Firma mitsamt dem hochgezogenen A in exakten Viertelkreisbögen wirkte kühl, sachlich und distanziert.
Braun - Inbegriff modernen Designs
Nach dem Prinzip „form follows function” hatte es Braun gewagt, Technik, die üblicherweise versteckt wurde, nach außen zu kehren und sich damit in die direkte Tradition der Bauhaus-Ästhetik der zwanziger Jahre zu stellen. Dieser avantgardistische Anspruch führte mit der Zeit zu Aktivitäten auf immer mehr Geschäftsfeldern: zu gestalterischen Engagements bei Haushaltsgeräten (Küchenmaschine KM 3; 1957), im Fotobereich (Super-8-Schmalfilmkamera S 8 M; 1965) oder beim Lehr- und Lernspielzeug (Elektronik-Experimentierkasten Braun Lectron; 1969). Leider führte das außergewöhnliche die Meinungen nach wie vor polarisierenden Braun-Design oft nicht zu entsprechenden Markterfolgen. Entweder waren die Absatzahlen für eine rentable Produktion zu gering, die Entwicklungskosten zu hoch oder die Qualität dem geforderten Preis nicht angemessen. Allein der 1962 als Sixtant SM 31 vorgestellte Trockenrasierer wurde ein riesiger Markterfolg. Mehr als 10 Millionen Rasierer der sixtant-Serie wurden weltweit abgesetzt.
Gillette und die Marktforschung
Beeindruckt von dessen Absatzzahlen kaufte sich der us-amerikanische Gillette-Konzern 1967 in das Kronberger Unternehmen ein. Der weltweit agierende Hersteller von Nassrasierern versprach sich dadurch eine ideale Ergänzung seiner Produktpalette. Die anderen Design-Aktivitäten von Braun in der Unterhaltungselektronik, im Foto- und super-8-Bereich oder beim technischen Spielzeug erschienen Gillette hingegen nicht lukrativ, sodass man sich nach und nach aus diesen Sparten zurückzog.
Mit den Übernahme durch Gillette wurde aber auch das jahrelang geltende Primat der Design-Philosophie selbst im Kernbereich gebrochen und Marketing-Strategien unterworfen. Dies beweist eine ganze Reihe von Untersuchungen, die Ernest Dichters (1907-1991) Institute for Motivational Research zwischen 1969 und 1973 für Braun-Produkte durchführte. Gemeinsames Ziel all dieser Image-Analysen, Packungsstudien (braun cassett), Namenstests (z.B. für einen farbigen Braun-Rasierer) und marktpsychologischen Gutachten war die Erhöhung der Marktchancen von Erzeugnissen der Marke Braun beim Verbraucher.
Spektakulärer Abgang einer Markenlegende
Schon 1981 hatte sich der Gillette-Konzern das Geschäftsfeld Unterhaltungselektronik aufgegeben. Fortan produzierte die Firma Analog und Digital Systems, unter Mithilfe von Dieter Rams das Braun-HiFi-System atelier weiter, allerdings ohne ausreichenden Erfolg. Nachdem 1991 das Produktionsende verkündet werden musste, wurde mithilfe von Gillette eine letzte Edition unter dem Titel „Last Edition” der nun bis zu 15.000 DM teuren Geräte aufgelegt. Es war der spektakuläre und endgültige Abgang des Design-Pioniers Braun aus dem Markt der Unterhaltungselektronik.
Braun zwischen Mythos und Gegenwart
Braun-Geräte haben auf Ausstellungen immer wieder Auszeichnungen für hervorragende Produktgestaltung erhalten. Etliche von ihnen stehen im Museum of Modern Art in New York. Auch bei Sammlern erfreuen sich Braun-Geräte der klassischen Periode großer Beliebtheit.
Heute gehören zum Produktionsprogramm der Marke Braun weiterhin Rasierapparate, Bartschneider, Epiliergeräte, Taschenrechner und Wecker, Toaster, Küchen- und Kaffeemaschinen sowie Produkte für die Mundhygiene wie die elektrische Zahnbürste Braun/Oral-B, der seit Jahren ein anhaltender Markterfolg beschieden ist.
Weiterführende Literatur:
Museum für Kunst und Gewerbe: Mehr oder weniger: Braun-Design im Vergleich, Hamburg 1990
HiFi: Die letzte Edition. Ein kleines Vermächtnis der Gegenwart an die Zukunft. Das Braun HiFi-Design, Kronberg 1990
Dirk Schindelbeck: Marken, Moden und Kampagnen. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte, Darmstadt 2003
Bernd Polster: Braun. 50 Jahre Produktinnovationen, Köln 2005
Dieter Rams: Weniger, aber besser, Hamburg 2005
Oliver Herwig: abstieg vom Olymp der Funktionalität, Goethe-Institut, September 2005
Weblink: www.braun.de
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