Ohropax

© 2008 Dirk Schindelbeck

Lemma [Dt. lat. Kunstwort = Ohrfriede]

Ohropax-Anzeige von 1925

Ohropax-Anzeige von 1925

Definition: Markenname der zum Gattungsbegriff gewordenen Lärmschutz-Ohrstöpsel

Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Der Erste Weltkrieg als Bewährungsprobe
Fortleben eines klassischen Markenartikels
Weiterführende Literatur
Weblink

Die Erfindung der Marke

Im Jahre 1901 gründete der aus Schlesien stammende Maximilian Negwer in Berlin eine „Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten”. Hergestellt bzw. als Handelsware vertrieben wurden zunächst Produkte wie Schönheitspuder, Frost- und Schnupfencremes oder Riechsäckchen. Als befreundete Künstler sich über Schlaflosigkeit aufgrund der ständigen Lärmentwicklung der Großstadt-Metropole beklagten, begann Negwer über wirksame Geräuschschutzmethoden nachzudenken. Das Grundprinzip für ein entsprechendes Produkt fand er in Anlehnung an Homers Heldenepos Odyssee. Im 12. Gesang (Vers 175ff.) bewahrt Odysseus seine Gefährten vor dem Verderben bringenden Sirenengesang, indem er ihnen „kleine Kugeln aus Wachs mit nervigen Händen knetete” und damit ihre Ohren verstopfte. Erste Versuche Negwers mit verschiedenen Wachsen, Talgen und Fetten in dieser Richtung waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt; immer wieder schmolz die klebenden Masse bei den Schlafenden und lief heraus. Erst nachdem Negwer die Kugeln mit Baumwollwatte vermischt hatte, besaßen sie die nötige Festigkeit. Auch vom Bienenwachs kam Negwer bald ab, da es bei vielen Anwendern zu Hautreizungen führte. 1907 fand er die optimale Konsistenz für seine Ohrstöpsel: Baumwollwatte, getränkt mit einer Mischung aus Vaseline und Paraffinwachs. Im Herbst 1908 erfolgte die Markteinführung von Ohropax im Sanitätsfachhandel zum Preis von 1 Goldmark für die Blechdose mit sechs Paar Wachskugeln. Diese Geräuschschützer passten sich jedem Gehörgang an, ließen kein Druckgefühl entstehen, waren ebenso leicht wieder zu entfernen, verursachten keine Hautreizungen und verminderten die Lärmbelästigung deutlich. Bis heute ist diese Zusammensetzung kaum verändert worden. Entscheidend zur schnell steigenden Popularität des Produkts trug mit Sicherheit auch der ebenso eingängige wie sprechende Name Ohropax (= Ohrfriede) bei, den jeder - auch der des Lateinischen Unkundige - auf Anhieb verstand und der dazu beitrug, dass Ohropax - wie Tempo oder Tesa-Film - zum Gattungsbegriff werden konnte.

Der Erste Weltkrieg als Bewährungsprobe

Im Gegensatz zu vielen Produkten, deren Produktion zwischen 1914 und 1918 bald zum Erliegen kam, sollte der Erste Weltkrieg zur Bewährungsprobe für Ohropax werden und für seine Alleinstellung als Lärmschutzmittel in der Wahrnehmung des Publikums sorgen. Negwer, dem es 1916 gelang, die Militärs davon zu überzeugen, den „Feldgrauen” Ohropax mit ins Marschgepäck zu geben, betonte die universelle Anwendbarkeit des Produkt auf den Packungen mit entsprechenden Hinweisen: „Gegen die Schallwirkung des Kanonendonners, für Verwundete und Kranke und Sanitätspersonal, beim Schwimmen gegen eindringendes Wasser, für Luftschiff, Flugzeug und Automobilbegleitung. Für Artillerie, Kriegsschiffe, im Biwak und Eisenbahnverkehr.”
Spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war Ohropax, das Tausende von Soldaten vor bleibenden Trommelschäden bewahrt hatte, zum Synonym für Lärmschutz-Ohrenstöpsel geworden.

Fortleben eines klassischen Markenartikels

Seit 1924 ist Ohropax das Hauptprodukt der Firma, auch wenn im Laufe der Jahre andere Artikel wie Ohropax Badewolle hinzukamen und Ende der zwanziger Jahre Konkurrenzprodukte am Markt erschienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Firmensitz nach Frankfurt am Main, kurz darauf nach Bad Homburg v. d. Höhe verlegt. Dort wurden die Kügelchen noch bis 1990 von Hand geformt. Erst nachdem die Firma 1991 in Wehrheim im Taunus ansässig wurde, übernahmen Spezialmaschinen das Kneten der Masse. Heute erwirtschaften 30 Mitarbeiter etwa vier Millionen Euro Umsatz im Jahr. Täglich verlassen etwa 70.000 Zwölferpackungen das Werk, 30 Millionen jährlich. Auch wenn inzwischen eine Reihe von Trendprodukten wie Ohrstöpsel aus PU-Schaum oder solche für Partys oder Rockkonzerte die Produktpalette abgerundet haben, Ohropax classic ist das Hauptprodukt geblieben.

Weiterführende Literatur:
Goldschmitt, Wolf. H.: Künstliche Ruhe, in: Die Welt vom 11. Februar 2006
Weblink: www.ohropax.de

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Donnerstag, 11. Juni 2009 9:39
Themengebiet: Konsum & Marken