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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » “Klassenkampf mit Inseraten!”

“Klassenkampf mit Inseraten!”

Politische Gegner der WA AGE

© 1999 Dirk Schindelbeck

Im Herbst 1951, als das WAAGE Projekt in seine entscheidende Realisierungsphase trat, war man auch auf Gewerkschaftsseite zum Entschluß gelangt: “Wir wollen uns (…) jetzt systematisch mit der Werbung beschäftigen.”‘ Zu lange sei den Unternehmern die Initiative überlassen worden mit ihrem Konzept der “menschlichen Beziehungen im Betrieb”. Im Juli 1952 lag ein Papier des Werbeausschusses mit “Vorschlägen zu einigen Grundsätzen für gewerkschaftliche Werbearbeit` dem Bundesvorstand des DGB zur Beratung vor. In der Bevölkerung, so wurde festgestellt, seien verschiedene Einstellungsmuster vorhanden, die es gleichermaßen zu berücksichtigen gelte: Neben der Gruppe der “Verantwortungsbereiten” gebe es die der “Verbitterten, Vorurteilsbelasteten”, ferner die “Bequemen” und “Resignierenden” und schließlich “Frauen und jugendliche ohne primitive Kenntnis sozialer und wirtschaftlicher Grundtatsachen und Beziehungen”. Es sei notwendig, “durch soziologische und sozialpsychologische Untersuchungen (Interviews, Beobachtungen, Tests, z. B. bei Arbeitsämtern) die Arbeitsgrundlage für eine rationelle Werbung zu gewinnen”. Weiter hieß es: “Wir brauchen eine Einrichtung, die sich zentral laufend alle gegnerischen Angriffe und ihre Argumente beschafft. Diese Institution muß eine Abwehrwerbung systematisch aufbauen und sie den einzelnen fachlichen und regionalen gewerkschaftlichen Werbeorganisationen zugänglich machen. Hierzu würde auch die Aufgabe gehören, die wissenschaftlich erarbeiteten Tatsachen in gemeinverständliche Darstellungen zu übersetzen.”

Vonnöten sei ein Werbeplan, um in der Beeinflussungsarbeit systematischer vorgehen zu können. So sei zwischen innerbetrieblicher Werbearbeit, die “aggressiv geführt werden” könne,’ und “defensiver überbetrieblicher” Arbeit zu unterscheiden. Hier gelte es “nicht nur den Arbeiter, Angestellten und Beamten, sondern auch seine Frau, seine Familie, seine Verwandten und Bekannten anzusprechen,” wobei man sich bei den einzusetzenden Werbemitteln durchaus auch mit Versuchen anfreunden müsse, etwa die Vorderseite von Prospekten “neutral” zu gestalten. Immer aber müßten “die Argumente, die wir in die Öffentlichkeit hineintragen, ( … ) so wirken, daß es kein Gegenargument gibt.” Es existierten also durchaus konzeptionelle Überlegungen, die einem modernen Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit nahekamen, sie wurden jedoch nicht umgesetzt.

Um so größer war das Erschrecken angesichts der Anfang Oktober 1952 massiv einsetzenden Anzeigenlawine der WAAGE: DGB wie SPD reagierten heftig und schnell. So geißelte der SPD Pressedienst unter dem Schlagwort “Erhards neueste Selbstreklame” das WAAGE Inserat “Wie schnell der Mensch vergißC als “ein seltenes Gemisch von primitiver Verfälschung wirtschaftlicher Tatbestände und aufreizendem Zynismus”.’ Die gesamte gewerkschafts und SPD nahe Presse zog nach und verwahrte sich gegen diesen “durchsichtigen Propagandafeldzug”. Sehr bald schälte sich bei diesen Gegenattacken ein Strukturmuster heraus, das den Umgang mit der WAAGE auf Jahre prägen sollte: Respekt vor ihren werbefachlichen Leistungen mischte sich mit Versuchen, die Anzeigen persiflierend zu depotenzieren. So eröffnete Ende November 1952 die Gewerkschaftszeitung Metall ihre Auseinandersetzung mit der WAAGE (vgl. Abb. 14) mit einem Gedicht:

Hier wird nachgewogen

Die Waage dient allein zum Wiegen,
nicht dazu, etwas umzu biegen …
Als Zeichen der Gerechtigkeit
brandmarkt sie jede Schlechtigkeit.
Drum wird, scheint etwas uns verbogen,
fortan hier fleißig nachgewogen!

Die eigentliche politische ‘Abrechnung’ wurde anschließend um so prosaischer vorgetragen: “Wer bezahlt die kostspielige Lobpreisung der freien Marktwirtschafts’ politik der Bundesregierung? Und wer die große Unternehmerlüge, wir alle arm und reich zögen am selben Strang? ( … ) Und dieser Betrug am Volke signalisiert die Größe der Gefahr unkontrollierter Geldquellen, die zu Korruptionsquellen und damit zu einer öffentlichen Gefahr geworden sind.”

Neben der Frage, wer hinter der WAAGE stünde, boten die offensichtlich dubiosen Finanzierungspraktiken den willkommenen Ansatzpunkt schonungsloser Kritik. Von bis zu 35 Millionen DM zur Unterstützung der die Unternehmerinteressen vertretenden bürgerlichen Parteien war in der Gewerkschaftspresse die Rede, von Umlageschlüsseln, nach denen pro Kopf der Belegschaft aus Gewerkschaftssicht “vorenthaltene Löhne” bestimmte Beträge in schwarze Wahlkampfkassen abgeführt würden. Unter der Überschrift “Dafür ist viel Geld vorhanden. Wahlfonds der Industrie” wurde dieser als ein Instrument gebrandmarkt, dazu bestimmt, “den sozialen Fortschritt zu verhindern und der Reaktion auf allen Gebieten den Weg zu ebnen”. Dies zeige einmal mehr, wofür Geld, viel Geld vorhanden ist! Viele Millionen für Parteien rechts von der SPD’, viele Millionen für die Waage’ Inserate in fast der gesamten Presse der Bundesrepublik; viele Millionen für Karnpffonds gegen die Gewerkschaften! Dafür ja! Aber nicht für Löhne, Renten, Wohnungsbau und Flüchtlingshilfe! Ein Skandal, der zum Himmel schreit.”

Trotz der lauthals vorgetragenen Entrüstung blieben publizistische Maßnahmen, welche die eigene Position überzeugend und souverän hätten vertreten können, bis zum Frühsommer 1953 so gut wie aus. Man schien wie gelähmt und verhielt sich parteipolltisch fast abstinent. Erst im Juni 1953, unter dem Eindruck der in Zeitungen und Kinos zunehmenden Präsenz der Figuren Fritz und Otto, wurde zaghaft dazu aufgefordert, “einen besseren Bundestag zu wählen”, wurden Flugblätter hergestellt, vorgefertigte Kurzmeldungen (Matern) an die Presse verteilt und Gegenanzeigen geschaltet.’ Gründe für diese ungelenk zu nennenden Auftritte in der Öffentlichkeit lagen sicherlich auch darin, daß man sich kaum auf eigene PR Erfahrungen stützen konnte, wogegen die in der WAAGE zusammengeschlossenen Markenartikelproduzenten es von Haus aus gewohnt waren, mit ihren Botschaften ein anonymes Publikum erreichen zu müssen. Traditionsgemäß hatten sich die werblichen Anstrengungen der Gewerkschaften auf die Mitglieder konzentriert, und auch noch Ende der fünfziger Jahre waren die Funktionäre weitaus mehr darauf erpicht, die magische Grenze von 7 Millionen Beitragszahlern zu erreichen als eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Erst Anfang der sechziger Jahre ließ sich die Notwendigkeit, für Öffentlichkeitsarbeit einen regulären Jahres Etat in angemessener Höhe (1 Million DM) bereitzustellen, nicht mehr aufschieben; doch erst ab 1963 gab der DGB umfangreichere Meinungsumfragen in Auftrag und beschäftigte einen ständigen Werbeberater. Angesichts dieser Verhältnisse mutet die wirksame und gelungene Kampagne “Samstags gehört Vati mir!” von 1956 eher wie ein Zufallstreffer an, der abseits der üblichen Wege gewerkschaftlicher Werbearbeit zustande kam.
Sowohl bei DGB wie SPD war der Weg zu moderner Öffentlichkeitsarbeit noch weit. Ein in dieser Hinsicht erster heilsamer Schock war die verlorene Bundestagswahl 1953. Fritz Erler vom Parteivorstand der SPD zog ein resignierendes Fazit: “Die SPD hat mit ihren handwerklichen Propagandamethoden gegenüber den wissenschaftlichen Methoden moderner Meinungsforschung, deren sich die Bundesregierung bedient hat, nicht vermocht, sich auf die Meinung vieler Wähler uns geht es gar nicht schlecht’ einzustellen.”Als dann im März 1954 ein Exemplar der WAAGE Studie von H.Ej. Kropff über “Die erste Public Relations Campagne in Deutschland” in die Hände Fritz Heines, des mit Werbung und Propaganda befaßten Mitglieds im Parteivorstand der SPD, gelangte, waren Erstaunen und Respekt vor dem bereits erreichten Professionalisierungsgrad der anderen groß, mußte doch kleinlaut eingestanden werden, “daß ( … ) auch unsere gesamte Werbung laufend von den Gegnern getestet wird”.

Wie groß der Handlungsbedarf war, wie dringend nötig es war, sich die einfachsten Grundkenntnisse werblicher Arbeit überhaupt erst zu verschaffen, dokumentiert auf schon fast peinliche Weise die unter maßgeblicher Beteiligung von Fritz Heine zustandegekommene Fibel “Das Einmaleins der politischen Werbung” aus dem Jahr 1954. Gedacht, “den politischen Vertrauensleuten der Sozialdemokratie ein immer bereites Handwerkszeug für die tägliche Arbeit” zu sein, beweist selbst dieses Lehrwerk, wie sehr man werbestrategisch wie technisch noch immer weit hinter dem Stand der Zeit zurück war. “Die moderne Propaganda in Industrie und Handel”, so hieß es, “ist schon vielfach gezielt’, das heißt auf denjenigen gerichtet, der für sie am empfänglichsten ist ( … ). Wir, mit unseren so begrenzten finanziellen, personellen und organisatorischen Mitteln können es uns weit weniger als Industrie und Handel leisten, ins Blaue hinein zu agitieren.” Doch wie schwer es selbst dem Werbesachverständigen Fritz Heine fiel, sich vom antiquierten Propaganda Denken zu lösen, offenbart nicht zuletzt seine eigene von sentimentalen Reminiszenzen getragene Ausarbeitung zum Thema ‘Tendenzanzeigen’ von 1960: “Der ältere, flugblattverbreitende Funktionär wird (leider) seltener.”
Die überlegene werbefachliche Qualität der Unternehmerpropaganda war auch Gegenstand des Grundsatzreferats “Die ideologische Offensive gegen die Gewerkschaften”, gehalten im Frühjahr 1954 vom DGB Vorstandsmitglied Werner Hansen. “In aller Stille”, so führte Hansen aus, sei auf der Gegenseite ein “stattlicher Apparat” aufgebaut worden mit dem Ziel, die alte, den Unternehmern so trefflich in die Hände spielende Jdeologie der Werksgemeinschaft” zu verbreiten. Hansen, der darin einen “Gesamtplan gegen die Gewerkschaften” erkennen wollte, verwies auf historische Vorläufermodelle, wie sie bereits in der Zentralarbeitsgemeinschaft (1918-1924), dem Deutschen Institut für technische Arbeitsschulung (DINTA) oder dem späteren Deutschen Institut für nationalsozialistische Arbeitsschulung in den zwanziger und dreißiger Jahren bestanden hätten. Auch benannte er die Vordenker der Werksgemeinschaftsideologie wie den einstigen Leiter des Instituts für Betriebssoziologie und nunmehrigen WAAGE Inspirator Götz Briefs und zitierte als abschreckendes Beispiel Karl Arnhold vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI):
“Letzten Endes soll die Erziehung der Belegschaften in unserer Industrie Ersatz für das alte Heer sein. Der Arbeiter muß begreifen lernen, daß im Produktionsprozeß mehr gedient als verdient werden muß. Wir sind der Überzeugung, daß uns der Herrgott an diese Stelle gesetzt hat, und werden versuchen, die uns gestellten Aufgaben zu lösen.”

Auf solche Sozialingenieur Konzepte aus Unternehmersicht, wie sie in exemplarischen DINTA-Broschüren unter Titeln wie “Der Kampf um die Seele des Arbeiters” schon seit Ende der zwanziger Jahre vorlagen, würde schon längst wieder munter zurückgegriffen. In den Kursen der Gesellschaft für Arbeitspädagogik (GEFA) etwa würden Betriebsleitern wieder Strategien und Techniken vermittelt, wie sie ihre Arbeiter anzusprechen hätten, um sie “mit Betriebsstolz zu erfüllen” und ihnen zu geben, wonach sie im Grunde ihrer Seele verlangten: eine “Arbeitsidee”. Regelmäßig teil an solchen Kursen nähmen Vertreter der Firmen Mannesmann, Siemens, BayerLeverkusen und Vereinigte Glanzstoff Fabriken. Auch eine zweite Einrichtung, welche dieselben Ziele verfolge, gebe es bereits: die Arbeitsgemeinschaft für soziale Betriebsgestaltung e.V. in Heidelberg mit ihrem Geschäftsführer Albrecht Weiss, der ehemals Sozialreferent bei der I.G. Farben Industrie gewesen sei. Mehr als 500 Unternehmen unterstützten sie, neben den bereits genannten auch die BASF, die Chemiefirma Merck oder die Reifenhersteller Continental und Phoenix. Hansen schloß seine profunde Analyse mit der deutlichen Aufforderung, Aas Gesetz des Handelns wieder in die Hand zu bekommen”.
Letzteres freilich sollte eine Illusion bleiben: die werbliche Praxis der DGB Auftritte in der Öffentlichkeit blieb bis in die sechziger Jahre hinein reaktiv, wie nicht nur die deutlich gegen die Erhardschen Maßhalteappelle gerichtete IG Metall Anzeige “Leben und leben lassen” vom November 1955″ zeigt, sondern auch der einzige Briefwechsel zwischen WAAGE und DGB. Mit Schreiben vom 23. Juli 1956 bezichtigte der DGB Vorsitzende Max Wönner den Verein, durch unwahre Äußerungen “zum Untergang Deutschlands und Europas beizutragen”. Von Gewerkschaftsseite wolle man der WAAGE nicht allzu lange mehr Gelegenheit geben, “ihr grausames Spiel ungestraft weiterhin fortzusetzen”. Seiner Sache sicher schloß Franz Greiss seinen Antwortbrief süffisant: “Als Dokument über Ihre Auffassung und Einstellung zu den wirtschafts und sozialpolitischen Tatsachen ist uns Ihr Brief sehr wertvoll.”

Ab Mitte der fünfziger Jahre hatte die WAAGE, von periodisch wieder kehrenden Attacken der Gewerkschaftspresse abgesehen, in der Bundesrepublik faktisch keine ideologischen Gegner mehr. Umgekehrt wurde in der DDR nicht nur die zu wenig klassenkämpferische, ja ‘versöhnlerische’ Haltung des DGB scharf kritisiert, sondern die WAAGE als “Propagandaverein der Monopolherren” und funktionaler Bestandteil im großen “Betrugsmanöver” der kapitalistisch Imperialistischen Regierung Adenauer gebrandmarkt. In der breiteren DDR Öffentlichkeit hingegen wurden die WAAGE Aktionen meist nur im Zusammenhang mit aktuellen Anlässen wie Wahlkämpfen erwähnt. Besonderer Aufmerksamkeit erfreute sich das WAAGE Inserat “Der Klassenkampf ist zu Ende!”, das am 22. Februar 1957 im Neuen Deutschland (ND) eine barsche Replik erfuhr. Andere jedoch als die aus der westdeutschen Gewerkschaftspresse schon seit Jahren bekannten Argumentionsmuster waren im ND auch nicht zu lesen, und so konnte man vor dem Hintergrund des Kalten Krieges vereinsintern getrost davon ausgehen, daß eine Anti-WAAGE Attacke wie der ND Artikel “Unternehmermillionen machen öffentliche Meinung” vom 16. August 1957 in der Bundesrepublik absolut wirkungslos bleiben würde.

Dessenungeachtet wurden Verlautbarungen über WAAGE Aktionen in der DDR Presse vom Vereinsvorstand aufmerksam verfolgt und als Test für die eigenen werbefachlichen Leistungen genutzt. So war z. B. schon im Herbst 1954 im Ostberliner Satiremagazin Eulenspiegel unter dem Titel “Der sanfte Heinrich” eine WAAGE Anzeige-karikiert worden, in der Stil und Sprachduktus satirisch überzeichnet worden waren: “Ist das noch ein Leben, beim Muckefuck zu sitzen?’ sagt Ernachen und streicht sich über das Wuschelköpfchen. Ottos Lohn langt nicht mehr hin und her, weil ständig alles teurer wird (…). Wenn ich wenigstens noch Arbeit als Aufwartefrau finden würde, aber nix is.’ Sie kreuzt die Arme über dem reizenden Nachmittagskleidchen und seufzt abermals.”

Wenn, wie in diesem Beispiel, nicht die Aussage, sondern die Präsentationsform der WAAGE Anzeigen als unzeitgemäß und kitschig vorgeführt wurde, stand nichts weniger als die Qualität der werblichen Arbeit selbst auf dem Prüfstand. Als beim vorweihnachtlichen Zusammentreffen 1954 über die Fortführung der WAAGE Aktionen debattiert wurde, nahm auch der ansonsten maßvolle Bundeswirtschaftsminister die im Raume stehende Kritik auf. Als ob er sich unmittelbar auf den Eulenspiegel beziehen wollte, mahnte Ludwig Erhard an, daß es doch das pädagogische Ziel der WAAGE sein müsse, dem Volk endlich wieder das Staunen bei(zu)bringen Fritz und Otto mögen weiterleben, aber sie mögen aktueller werden und sich energiegeladener unterhalten. Wo es um politische Entscheidungen geht, so sollten Fritz und Otto wissen, daß es nicht ausreicht, nur zu säuseln Jeder sollte sich bewußt sein, daß es um letzte Werte geht.”

In der Tat wurde in den Anzeigen der Folgezeit der so kritisierte Gartenlauben-Stil erheblich abgemildert. Umgekehrt gab es seitens der DDR Propagandisten natürlich auch den Versuch, die WAAGE Dialogtechnik zu kopieren. Am 11. November 1956 diskutierten z.B. im Neuen Deutschland unter dem Stichwort Das Allerwichtigste’ ein Richard und ein Franz über den Ungarn Aufstand:
Franz: Aber wir haben Gewalt angewandt, und das ist nicht gut.’
Richard: Vergiß nicht, daß sie zuerst Gewalt angewandt haben ( … ). Du mußt auf den Feind aufpassen und ihm auf die Finger hauen, wenn er sie bei uns dazwischenstecken will. Den Sozialismus aufzubauen, ist schon schwer genug. Der Weg ist manchmal ein bißchen holprig. Aber über die Einzelheiten kann man reden, und was sich als falsch erweist, wird geändert.’
Franz: ja, da hast du recht, das ist das allerwichtigste: die Macht müssen wir festhalten, und nicht bloß das, wir müssen sie weiter ausbauen. Mögen die da drüben sich ärgern und toben wie eine Affenversammlung.’

Auch in der Ostberliner Weltbühne, der selbsternannten Nachfolgerin von Carl von Ossietzkys legendärer Zeitschrift aus den zwanziger Jahren, wurden die WAAGE Helden zum Thema. Fritz und Otto, so hieß es, verkörperten “den reaktionären Idealtyp des Lohnempfängers im westdeutschen Neon Biedermeier”, eine “fleischgewordene Klassenbestechung”. Und man zog das Fazit: “Es scheint wohl so, als gäbe es tatsächlich eine solche durch Wohlstand auf Raten korrumpierte Arbeiterschaft, deren Repräsentanten dann Fritz und Otto wären, aber die Anzeichen der Zunahme proletatischen Bewußtseins in Westdeutschland haben sich gerade in diesem Jahr besonders bemerkbar gemacht.” Überaus bemerkenswert erscheint, wie sehr sich eine scharfsichtige Analyse der bundesdeutschen Verhältnisse mit einem parteiamtlich verordneten Wunschdenken paart.

Je mehr in der Bundesrepublik gegen Ende der fünfziger Jahre die Durchsetzung marktwirtschaftlicher Prinzipien voranschritt, desto mehr verwandelten sich die Attacken ihrer Gegner in Persiflagen wie beispielsweise bei einem Fritz und Otto Dialog im Simplicissismus, für den “Die Schraube. Gemeinschaft zur Förderung der sozialen Aufrichtigkeit. Bonn am Rhein, Schilda Gasse” verantwortlich zeichnete. Auch noch fünf Jahre später wurden die WAAGE Anzeigen in der Satire-Zeitschrift verulkt wie beispielsweise in der Anzeige “Er hat ein klares Ziel vor Augen” von Ende September 1960: “Wacker wagen! Windeln winken! Wiegen warten!”, hieß diesmal die Botschaft, für welche ein Verein Wiege e.V. geradestand.” In ihrer humoristischen Tendenz trafen sich also selbst die Gegner der WAAGE an der Schwelle der sechziger Jahre mit dem von ihr selbst im Loriot-Film gewählten Stil - mehr als nur ein Indiz dafür, daß die Idee der Sozialen Marktwirtschaft zu einem Markstein im bundesdeutschen (Selbst-) Bewußtsein geworden war.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 12. Juni 2009 14:05
Themengebiet: Soziale Marktwirtschaft