„Was ist Sachlichkeit?”

1962: Maßhalteappelle und Lohnkämpfe

© 1999 Dirk Schindelbeck

Mit Beginn der sechziger Jahre konnte der WAAGE Verein nicht mehr länger Propagandist jener Idee sein, für die er sich acht Jahre lang so stark gemacht hatte: zwangsläufig mußte seine Öffentlichkeitsarbeit einen anderen Charakter annehmen und auch zur Krisenbewältigung tauglich werden. Der Auftritt im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes 1961, erstmals konsequent ohne Bezug auf Ludwig Erhard geführt, war schon davon geprägt und wirkte vergleichsweise farblos. Zudem war er ganz auf Zeitungsinserate abgestellt, da zu Produktion und Einsatz weiterer Werbemittel wie Plakat, Film oder Broschüre das Geld fehlte. Im Unterschied zu 1957 wurde jedoch eine doppelgleisige Strategie verfolgt, um einerseits durch eine intellektuell aufgemachte Serie die Meinungsführer anzusprechen, zum anderen die Masse’ durch mit einfachen Texten unterlegte Alltagsszenen zu erreichen.’ So traten mit einem Rentnerpaar erstmals auch nicht (mehr) erwerbstätige Personen als Testimonials’ des Wirtschaftssysterns auf, oder es wurde mit dem Sujet jahresurlaub’ ein bislang bewußt ausgesparter Lebensbereich thematisiert .2 Hier schritt, unter der Schlagzeile “Wir leben nicht mehr hinterm Zaun!” (vgl. Abb. 41), eine Kleinfamilie, soeben ihrem Lloyd Alexander’ entstiegen, stolzgeschwellt ihrer Ferienunterkunft in Italien entgegen: “Der wirtschaftliche Aufschwung seit 1948, die stabile Währung sie haben die Grenzen geöffnet. Viereinhalb Millionen Deutsche reisten 1959 allein nach Italien. Die Soziale Marktwirtschaft und zäher Fleiß haben Leistungen ermöglicht, auf die jeder von uns stolz sein kann, vor allem: sie haben unser Leben wieder lebenswert gemacht. Nun etwas Neues’ probieren - Zu riskant!”

Im Gegensatz zu solch plakativen Wohlstandsbeschwörungen wurden in der parallel geschalteten Intellektuellen’ Serie volkswirtschaftliche Betrachtungen angestellt. Die erreichte Vollbeschäftigung, so hieß es dort, sei als Zwischenstation “zur nächsten Etappe” der “zweiten Phase der Sozialen Marktwirtschaft” anzusehen,’ die Antwort darauf, was mit letzterem konkret gemeint war, blieb die Anzeige freilich schuldig.
Am raschen Wandel der Lebensverhältnisse konnten indessen auch die WAAGE Inserate nicht vorübergehen, wie die Formeln “Neues riskieren” und “nächste Etappe” verrieten. Im Straßenbild waren die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, weitgehend verschwunden. Längst standen westdeutsche Städte vor neuen Aufgaben: der enorm anschwellende Kraftverkehr forderte nun die autogerechte Stadt. In der neuen, urban funktionalen Welt schien jedwede Zukunft plan und machbar aus dem gefestigten Bewußtsein heraus, daß der Motor des marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems wie der des VW Käfer auf unabsehbare Zeiten störungsfrei lief. Nach Wiederaufbau, zehnjährigen Demokatie Exerzitien und vom Ausland bestauntem Wirtschaftswunder wagten es die Westdeutschen, wieder die Grenzen zu überschreiten diesmal friedlich und devisenbringend. Kaum eine Vokabel beschwor das vorherrschende Gefühl treffender als die Werbung für eine Kopfschmerztablette: “für moderne menschen ein modernes schmerzmittel modern die wirkungsweise modern die zusammensetzung modern die taschenpackung in jeder hinsicht modern: temagin.”‘ Und kaum ein Produkt brachte die Sehnsucht nach Weltläufigkeit besser auf den Punkt als der einsame Zigarettenstar der frühen sechziger Jahre, die Peter StuYvesatit mit ihrem Versprechen vom “Duft der großen weiten Welt”.

Mit der Entstehung neuer Verbrauchergruppen’ begannen sich Märkte zu segmentieren. Eine jugendzeitschrift wie Bravo empfahl sich als Werbeträger, um die schnell wachsende Gruppe junger Konsumenten gezielt anzusprechen: “Klar und realistisch denken heute junge Menschen: Wir verdienen gutes Geld. Wer bietet uns was? ( … ) Als Käufer sind sie kritisch, als Verbraucher wählerisch. Bevor sie ihr selbstverdientes Geld ausgeben, wollen sie umfassend informiert sein.”

Auch das Gros der Arbeiter und Angestellten hatte gelernt, seinen Anteil am Wirtschaftswunder einzufordern, als lohnabhängig Beschäftigte ebenso wie als kritische Konsumenten. Vom deutlich veränderten Umgangsstil zwischen den gesellschaftlichen Gruppen kündete aber nicht nur die Produktwerbung (in der Glaubwürdigkeit zunehmend durch den Verweis auf Forschung und Wissenschaft gesucht wurde und “eine künstliche Nüchternheit, die überzeugte”,` eingekehrt war), sondern auch das Auftauchen einer Zeitschrift wie DM Test, die schon im ersten Jahr ihres Bestehens 1961 eine Auflage von fast 500.000 Exemplaren erreichte.` Als Anwalt ausschließlich der Verbraucher Interessen (”wirtschaftlich unabhängig, Anzeigen haben keinen Einfluß auf die Redaktion”) scheuten ihre Redakteure keinen Prozeß mit der Industrie: “Wir werden Autos so lange fahren, bis sie auseinanderfallen. Wir hoffen: Es werden die genauesten Auto Tests, die bisher in einer Zeitung zu lesen waren.”

Hier manifestierte sich nicht allein kritisches Konsumenten Bewußtsein”, es wurde auch eine moralische Autorität installiert, die den sich vollziehenden “Strukturwandel der Öffentlichkeit” (Jürgen Habermas) konkret mitbefördern sollte. Damit war die Wunderaura der Warenwelt und die kollektive Kindsfreude an den Meilensteinen des Aufstiegs unwiederbringlich dahin. Von nun an wurde bei der kritischen Produktbefragung auch immer stärker die Frage nach dem Selbstverständnis der Produzenten und implizit auch nach den Bedingungen des Produzierens gestellt.
In der Folge hatten die deutschen Unternehmer einen psychologischen Zwei Fronten Kampf auszufechten: Einerseits mußten sie sich durch vernichtende Test Urteile auf einen möglichen Verbraucher Boykott ihrer Waren einstellen, andererseits angesichts der Vollbeschäftigungssituation um jeden einzelnen Arbeitnehmer werben.` Da konnte selbst die gute Auftragslage kaum angetan sein, die Stimmung zu heben: Lohnrunde folgte auf Lohnrunde, und die Zuschläge lagen regelmäßig bei 7, 8 oder gar 10%.
Hinzu kamen Friktionen im eigenen Lager. Schon seit Ende der fünfziger Jahre war das Verhältnis zwischen Industrie und Bundeswirtschaftsminister nicht mehr ungetrübt.` Im Frühjahr 1961 hatte dieser den Forderungen der Amerikaner nachgegeben und einer Aufwertung der DM gegenüber dem Dollar um knapp 5% zugestimmt. Zwar ließ sich diese Maßnahme innenpolitisch mit dem Argument verkaufen, die Inflation bekämpft und den Wert der Sparguthaben der kleinen Leute erhalten zu haben. Aus Sicht der Unternehmer jedoch hatte es der Wirtschaftsminister einmal mehr an der notwendigen Standfestigkeit fehlen lassen. Zusätzlich verärgert und enttäuscht waren sie darüber, daß Erhard diesen Schritt entgegen der bislang geltenden Gepflogenheit, sich mit ihnen über solche, ihre Exportchancen direkt tangierenden Schritte zu besprechen, gewagt hatte. Die Strafe’ folgte auf dem Fuße: die Industrie sperrte der CDU die monatlichen Zuwendungen.

Daß der große Konsens der Vergangenheit angehörte, zeigte auch ein am 5. August 1961 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienener Artikel des WAAGE Vordenkers Götz Briefs: “Forderungen ohne Maß!” Der Sozialphilosoph brachte darin die larmoyante Stimmung der Unternehmerschaft auf den Punkt. Sein Befund “Demokratismus!” sah im Gewande demokratischer Parolen marxistische Ideologien auf dem Vormarsch, die “alle natürlichen, seinsgerechten Stufungen” negierten: Die Unternehmerfunktion für die Gesellschaft werde nicht mehr erkannt, geschweige denn anerkannt. Geradezu resignierend stellte Briefs fest: Js gibt kein Machtzentrum außerhalb des Demos und es gibt kein Recht mehr über ihm.”" Was die Sozialpsychologen Alexander und Margarete Mitscherlich als kollektive Ablösung von tradierten Werten und Moralvorstellungen ausmachten und zugleich als notwendigen Demokratisierungsprozeß begriffen,` konnte Briefs nur als Götterdämmerung des ordoliberalen, ständestaatlich verfaßten Systems patriarchalischer Unternehmerschaft begreifen.
Der Bau der Mauer quer durch Berlin wenige Tage nach Briefs’ Artikel stoppte schließlich auch den Zufluß gut ausgebildeter Facharbeiter aus der DDR.` Angesichts der fortgefallenen Konkurrenz stieg das Selbstwertgefühl der heimischen Arbeitnehmer rapide an, und in den folgenden zwei Jahren stand der Bundesrepublik eine noch nicht dagewesene Welle von Arbeitskämpfen und Streiks ins Haus. Schon im Spätsommer kündigte die IG Metall in drei von 14 Tarifbezirken die Verträge zum 31. Dezember 196 1: hier verlangte sie 10 % mehr Lohn, in zehn anderen sechs zusätzliche Urlaubstage.11 Angesichts der Höhe der Forderungen waren die Unternehmer zu keinerlei Verhandlungen bereit und kündigten zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ihrerseits alle Lohn und Gehaltstarife zum Jahresende.

Im Herbst und Winter 1961 verlautete aus Regierungskreisen immer wieder, wenn nicht bald zu einer “maßvollen und besonnenen Lohnpolitik” zurückgefunden werde, müsse man über “neue Formen der Zusammenarbeit” nachdenken. Am 21. März 1962 war Ludwig Erhard am Ende seiner Geduld. Kurz nach der Tagesschau richtete er seinen berühmt gewordenen Maßhalteappell über das Fernsehen an die Öffentlichkeit: “Noch ist es Zeit, aber es ist auch höchste Zeit, Besinnung zu üben und einem Irrwahn zu entfliehen, als ob es einem Volke möglich sein könnte, für alle öffentlichen und privaten Zwecke mehr verbrauchen’ zu wollen, als das gleiche Volk an realen Werten erzeugen kann.

Doch der altväterlich-pastorale Auftritt paßte nicht mehr ins kommunikative Selbstverständnis, wirkte in einer Gesellschaft, die im Begriff war, sich zu einer pluralen zu wandeln, wie ein Relikt aus abgelebten Zeiten. Nicht nur DGB Chef Ludwig Rosenberg äußerte Befremden, indem er erklärte, die Fernsehansprache sei ihm vorgekommen, als sei ein Krieg ausgebrochen, so sehr habe sich die Formel vom “Wohlstand für alle” in ein “Gruseln für alle” verkehrt. Dabei sei doch nichts weiter geschehen als das seit Jahren überfällige Abflachen der Konjunktur auf ein normales Maß. Auf die Frage, ob die nun überall zu hörende Parole “Nehmt, was ihr kriegen könnt!” moralisch vertretbar sei, antwortete der Gewerkschaftsführer kühl: “Diese Parole ist genau solange richtig, solange die andern auch nehmen, was sie kriegen können.

Drei Monate nach dem mißlungenen Erhard Auftritt lud Franz Greiss zum “Treffen der Einhundert” in die Redoute nach Bad Godesberg zur Krisensitzung` ein: “Sind Lohnkämpfe die Fortsetzung des Klassenkampfes mit anderen Mitteln?” Mit Bedacht war die Frage so provokant gestellt worden. Vielleicht konnten ja die WAAGE, ihre Förderer und Freunde leisten, woran der Wirtschaftsminister gescheitert war: Geduld, Vertrauen und Mäßigung einzuwerben. Um die Diskussion anzufachen, eröffnete Greiss die Versammlung mit einer Äußerung des IG Metall Chefs Otto Brenner: “Es geht darum, die gesellschaftliche Kontrolle über den Produktionsapparat zu erreichen. ( … ) Das Programm zur Gestaltung der neuen Ordnung hat vor allem drei Forderungen in den Mittelpunkt gestellt: die volkswirtschaftliche Gesamtplanung, die Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum, die Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Beschränkung der Unternehmergewinne, Hebung des Lebensstandards der breiten Massen, Erhöhung der Ausgaben für soziale Zwecke.”

Doch das vermeintliche Stimulans prallte wirkungslos an der Versammlung ab: Niemand der Anwesenden hielt es für notwendig, sich mit Brenners Forderung nach sozialistischer Umgestaltung der Gesellschaft auseinanderzusetzen, allen schien des Gewerkschaftsführers Utopie irrealem Wunschdenken entsprungen. Die anstehenden Probleme, darüber bestand Einmütigkeit, waren ausschließlich herrschaftstechnischer Natur. Franz Greiss legte darum, wiederum Otto Brenner zitierend, ein zweites Scheit nach: “Noch nie war die Gelegenheit so günstig, eine Umverteilung des Volksvermögens vorzunehmen, wie jetzt beim Nachlassen der Konjunktur und weiterhin angespanntem Arbeitsmarkt; denn nun können Lohnerhöhungen kaum im Preis weitergegeben werden, sondern müssen aus dem Gewinn bezahlt werden. Dieser Effekt ist beabsichtigt.”

Diese konkrete Forderung nach Schmälerung der Unternehmergewinne wirkte: Eine Gruppe der Anwesenden dachte laut über Maßnahmen nach, wie sich Arbeitsunlust’ und Anspruchsdenken’ wieder ins Gegenteil verkehren ließen, eine andere versuchte sich in Ursachenforschung. Vielsagend zitierte ein Vertreter des Oetker Konzerns einen hohen Beamten des Bundeswirtschaftsministeriums: ” Wir sind heute doch wohl der Ansicht, daß Überhitzungserscheinungen in der Konjunktur vom Staat nicht in den Griff zu bekommen sind, solange wir die Voll- oder die Volksbeschäftigung bei uns haben.”

Ein exportabhängiger Unternehmer, so der Oetker Mann weiter, müsse heute seine Leute, die auf dem Arbetsmarkt nicht zu bekommen seien, letztlich anderen Betrieben abjagen. Durch diese Situation sei eine sich immer schneller drehende Spirale aus Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung entstanden. Welche Wirkungen das aber auf einen 20jährigen Lohnempfänger habe, der inzwischen mit dem Auto zur Arbeit komme, bedenke niemand. Der müsse doch glauben, man könne erstens weniger arbeiten, zweitens mehr verdienen und drittens länger Urlaub machen.

WAAGE Schatzmeister Horten mochte sich dieser Meinung nicht anschließen. Immer noch gebe es “ein großes Kapital an gesundem Menschenverstand bei den einfachen Arbeitern”, das sich gegen die überzogenen Forderungen der Gewerkschaften wehre. Die Kunst sei nach wie vor, komplexe volkswirtschaftliche Zusammenhänge auf eine für Arbeiter verständliche Formel zu bringen. Er plädierte dafür, dies mit Hilfe der bewährten Fritz und Otto Kampagnen zu versuchen. Der Vertreter der ConcordiaLebensversicherung stimmte ihm zu und verwies auf eine emnid Umfrage. Danach würden, unter der Voraussetzung, die Preise blieben stabil, sogar 91% der Arbeitnehmer auf Lohnerhöhungen verzichten. Dies empfände er als ein besonders gutes Argument gegen die Forderungen der Gewerkschaft, die ja ihre Leute wie unmündige Knaben behandele. Warum käme nicht einfach jemand auf die Idee und sagte: “Den Arbeiter gibt es gar nicht mehr. Es gibt nur noch den Bürger, mit allen Rechten und Pflichten.”?

Franz Greiss dankte für die Anregungen und zog eine kurze Bilanz der WAAGE Arbeit. Daß man in der Vergangenheit neben der Werbung für “Erhards Soziale Marktwirtschaft” auch ein wenig Wahlpropaganda gemacht habe, sei ja nur allzu selbstverständlich. Stets habe er als das spezifische WAAGE Problem empfunden, daß sie mit ihren Anzeigen eigentlich auch immer die Unternehmerseite ansprechen mußte. Für ihn wäre es manchmal viel bequemer gewesen, im Sinne der Gewerkschaft zu argumentieren. Manche Argumente stellten sich nämlich in der Öffentlichkeit so dar, als ob sie gar nicht wahr seien. So hätten Unternehmer in der Vergangenheit stets beteuert, Lohnerhöhungen nicht verkraften zu können, um sie am Ende dann doch zu gewähren. Auf jeden Fall müsse ab jetzt klargemacht werden, daß Otto Brenners Forderung, den Unternehmern endlich die Gewinne “abzubaggern”, da die Betriebe nicht mehr über die Preise ausweichen könnten, der blanke Unsinn sei. Mit dem eindringlichen Appell um finanzielle Unterstützung mit “möglichst vielen Nullen dran” schloß Greiss die Versammlung.

Während das Unternehmerlager darum rang, seine Position in der Offentlichkeit zu finden, nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den Tarifparteien im Sommer und Herbst 1962 noch an Härte und Intensität zu. Im Juli erreichten die Arbeitsniederlegungen den Steinkohlebergbau: “Der Bergmann an die Lohnspitze! 1121 In einem Verzweiflungsschritt entschloß sich der BDI, “unter Zustimmung aller seiner Mitgliedsverbände, zur Sicherung von Kaufkraft und Währung das Preisniveau stabil zu halten” in der stillen Hoffnung, “daß auch die Gewerkschaften der gegenwärtigen Lage Rechnung tragen und sich zu einer Stabilisierung der Löhne bereit finden” . Verstärkt erschienen in der Presse nun Anzeigen wie die der Beiersdorf AG: “Bei Nivea ist die Mark noch 100 Pfennige werC (vgl. Abb. 42).” Doch die Maßnahmen bewirkten nichts: IG Metall Chef Brenner kündigte das Schlichtungsabkommen mit dem Arbeitgeberverband zum Jahresende und läutete im Frühjahr 1963 die neue Lohnrunde ein. Da die Arbeitgeber nur eine Erhöhung von 3,5 Prozent anstatt der geforderten 8% anboten, fand am 18. April 1963 in ausgewählten Schlüsselbetrieben der metallverarbeitenden Industrie Baden Württembergs die Urabstimmung statt: Fünf Tage später legten die Beschäftigten die Arbeit nieder, und noch am gleichen Tage erfolgte der erste Aussperrungsbeschluß in der Geschichte der Bundesrepublik.” Als sich die Streiks auf das Ruhrgebiet auszudehnen drohten, startete Ludwig Erhard einen letzten Vermittlungsversuch. In einer dramatischen Nachtsitzung Anfang Mai 1963 gelang es ihm, die Kontrahenten zu einem für beide Seiten tragbaren Kompromiß zu animieren.

Die WAAGE Kampagne 1962/63 ist sowohl Spiegel der geschilderten Ereignisdynamik als auch des Versuches, Einfluß aus einer reaktiven Position heraus zu nehmen: Ein “etwas aggressiverer Tenor”, so die Werbeagentur, war “zu unterlegen, als dies bislang zweckmäßig erschien”. Inhaltlich habe man ein “Haltet den Dieb!” und “Macht nur so weiter bis ans Ende aller Sicherheit!” umzusetzen versucht und sich darauf konzentriert, die “für das Gemeinwohl gefährliche Lohnkampfpolitik der Gewerkschafts Bosse, die sowohl um eine veraltete Ideologie als auch um ihre Macht kämpfen”, mit Hilfe des bewährten Figurenpaares Fritz und Otto bloßzustellen”: “Dies könnte ( … ) zu dem höchst erwünschten Effekt beitragen, daß man das neuerliche Auftauchen dieser beiden bewußt oder unbewußt mit jenen Zeiten assoziiert und ihren Äußerungen’ mehr oder weniger bewußt erhöhtes Gewicht beimißt in dem Gefühl, sie hätten vielleicht die Bedeutung eines Menetekels.”

Doch war das betagte Illusionstheater mit Fritz und Otto geeignet, ein Menetekel zur Aufführung zu bringen? Ende Oktober 1962 erschien das erste Motiv der neuen Staffel unter der Schlagzeile Jin gefährliches Spielchen”. Nach einer Pause von “fünf, sechs Jährchen”, so der Text erklärend, träten gute Bekannte wieder an die Öffentlichkeit. Einer kleinen zwischen die Dialogpartner plazierten Vignette sollte die Aufgabe zufallen, die Wiedererinnerung und noch abrufbaren Goodwill zu mobilisieren. Dagegen wirkte die aktuelle graphische Gestaltung der WAAGE Anzeigen schockierend: extremer Schwarz Weiß Kontrast, Brustbilder mit starker Betonung von Gesichtsausdruck und Handgestik, Verzicht auf szenische Darstellung, Raumlosigkeit. Hier stritten nur noch hartgewordene Männer, (ihre) muttchenhaften Frauen hatten da nichts mehr verloren.

Die Reinszenierung von Fritz und Otto erinnert stark an ein absurdes Theater. In solchen Stücken, die dem Zuschauer “so etwas wie Marionetten” vorstellen, hat man es mit “Spiegelbildern von Träumen und Angstvorstellungen”" zu tun. War es diesen Abgründen zuzuschreiben, wenn die beiden jetzt ihre Rollen getauscht hatten? Der einstige Heißsporn Otto (”die Reichen werden immer reicher… “) immer noch der ältere und der mit dem Hut’ sollte jetzt plötzlich den Pädagogen Part übernehmen und Fritz in die Rolle des zu Belehrenden schlüpfen? Den WAAGE Verantwortlichen war damit nicht ihr genuines dramaturgisches Muster entglitten, sondern das wichtigste: ihr alter Musterschüler Fritz. Dieser hier, der Angestellte der sechziger Jahre, war der paternalistischen Ideenwelt der alten EigentümerUnternehmer entwachsen und zum DM Test lesenden, seines Funktionswertes wohl bewußten, kühl kalkulierenden und urteilenden Zeitgenossen mutiert. Damit hatte, was einst als Erziehungsziel galt, die Umformung des widerspenstigen Arbeiters zum biegsamen Angestellten, seine Dialektik offenbart. Vor die Wahl zwischen ihren Kreaturen und deren Entwicklungsmöglichkeiten gestellt, hatten sich die WAAGE Verantwortlichen ebenso unbewußt wie unausweichlich für Otto entschieden, ihren ehemaligen Antipoden, aber immerhin Vertreter ihrer eigenen, guten alten Zeit.

Zu solchen Glaubwürdigkeitsproblemen trat die schon beim Treffen der Einhundert’ im Sommer 1962 ersichtliche Finanzmisere des Vereins. Seit Ende Mai 1961 hatte man an einem Defizit von mehr als 1,2 Millionen DM aus vorhergehenden Verpflichtungen zu tragen und alle Hände voll zu tun, wenigstens die Außenstände einzutreiben. Im Herbst 1962, vor dem Anlaufen der neuen Kampagne, zeigte sich nun, daß es mit der bei der Redoute Veranstaltung beschworenen Solidarität nicht weit her war”: Zahlungszusagen gingen nur zögerlich ein, Absagen häuften sich, viele der einstigen Förderer wanderten zu neuentstehenden Institutionen ab, die ihnen einen direkteren Weg der politischen Einflußnahme versprachen.` So teilte etwa Hans Coenen, Vorstandsmitglied der Karstadt AG, der WAAGE mit, daß man in Zukunft von jeglichen Zuwendungen absehen werde, “weil auf der anderen Seite (der Arbeitnehmerschaft) nicht nur kein guter Wille, sondern ( … ) gar eine offene Gegnerschaft vorhanden ist. ( … ) Wir sind Ihnen jahrelang gefolgt und haben insgesamt der WAAGE ca. DM 590.000 zur Verfügung gestellt. Daraus mögen Sie unsere Bereitwilligkeit und unseren guten Willen ersehen. Haben Sie aber bitte nunmehr auch Verständnis für unser jetziges Verhalten.”

Schon aufgrund ihrer geringen Streuung konnte von einer durchschlagenden Breitenwirkung der Inserate nicht ausgegangen werden. Beachtet wurden sie gleichwohl vom politischen Gegner. Mitte Februar 1963 wandte sich der DGB Vorsitzende Ludwig Rosenberg an die Öffentlichkeit und forderte “Sachlichkeit statt Propaganda” in der Auseinandersetzung ein.” Ohne sie namentlich zu nennen, zielte er auf die Aktionen der WAAGE. Dieser Verein verpulvere seit Jahren Millionen an Steuergeldern, “um Ihnen durch Anzeigen in vielen Zeitungen und durch Filme in den Kinos einzureden, die Ziele der Gewerkschaften seien eine Gefahr für die deutsche Wirtschaft und das Wohlergehen des Volkes. ( … ) Sie sind gemeint! In der Meinung dieser Propagandisten, die von den Unternehmern bezahlt werden, sind die deutschen Arbeitnehmer neuerdings Faulenzer, Drückeberger und unvernünftige Nimmersatte. Das sind doch die gleichen, ohne die ein Wirtschaftswunder’ niemals möglich gewesen wäre. Das sind Sie, die Sie glauben, Tag für Tag ihre Pflicht zu tun. ( … ) Wir verlangen vor allem Sauberkeit in den Mitteln, Interessen zu vertreten. Wenn wir also den Unternehmern glauben sollen, daß jede gewerkschaftliche Forderung den letzten Pfennig vom Gewinn koste, dann schulden sie dafür den Beweis.”

Mit dieser Philippika war es Rosenberg erstmals gelungen, das Gesetz des Handelns an sich zu ziehen. Nun waren es die WAAGE Verantwortlichen, die nur reagieren konnten und dies auch schleunigst tun mußten, zum einen, um vor der eigenen Klientel der Geldgeber nicht als Versager’ dazustehen, zum anderen, um bei ihren Adressaten in der Öffentlichkeit nicht als industrielobbyisten abgetan zu werden.

Ihre Antwort “Was ist Sachlichkeit?” ist zugleich Ausdruck verletzter Arbeitgeber Ehre als auch der verzweifelte Versuch, den eigenen Standpunkt unter schlechten Kommunikationsbedingungen zu verteidigen (vgl. Abb. 43). Franz Greiss, der sich in die Gestaltung der zum Druck kommenden Suiets in der Vergangenheit nie eingemischt hatte, drang diesmal energisch auf Anderungen. So fand der Satz, in welchem die Werbeleute ausführten, der Gedanke, sich einen neuen Wagen zu kaufen, sei ja für Fritz inzwischen ganz normal geworden, seine Zustimmung nicht. “Meist”, so bemerkte Greiss energisch, “kaufen die Arbeiter einen alten Wagen.”" Geradezu als Spiel mit dem Feuer mußte der WAAGE Vorsitzende den Rekurs auf das Volkseinkommen empfunden haben. Da wollten die Brose Mitarbeiter Otto doch tatsächlich sagen lassen: “Alle unselbständig Beschäftigten haben 1962 zusammen einen Anteil von 64% am Gesamteinkommen des Volkes gehabt. Das sind rund 10% mehr als 1961. Hast Du Dich mit Deinen Ansprüchen im Rahmen dieser 10 % gehalten?”

Abgesehen vom hier erhobenen moralischen Zeigefinger war es natürlich ein Unding, der Öffentlichkeit implizit mitzuteilen, daß mehr als ein Drittel des Volkseinkommens sich in den Händen einiger weniger (Unternehmer) konzentrierte` von der unglaublichen und falschen Unterstellung, an der ein Otto Brenner seine helle Freude gehabt hätte, dieser Teil des Volkseinkommens (die Lohnquote) lasse sich tatsächlich wie die Reallöhne der Arbeitnehmer innerhalb eines Jahres um 10 Prozentpunkte steigern, gar nicht zu reden. Greiss änderte folgerichtig den verräterischen Passus und richtete an Fritz den eher sanften Vorwurf: “Du hast ja 1962 10 % mehr Lohn bekommen. Aber wie Du Dir das vorstellst höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit, sinkende Preise, und das alle Jahre wieder…”

Da von einer Wirkung dieser Anzeige nichts bekannt ist, sei sie als Selbstaussage gedeutet. Der Versuch, Zahlen als Kronzeugen der eigenen Sache in Dienst zu stellen, die anderen Meinungen keine Chance der Artikulation lassen, da sie von vornherein alle Objektivität und Sachlichkeit’ für sich beanspruchen, zeigt das brüchig gewordene Fritz und Otto Konzept, zumal, wenn, wie hier, die so massiv vorgetragene Botschaft “Wir haben recht” auch den letzten Rest werblicher Bemühung unter sich begräbt. Die Folgen für die einst so respektheischende Strategie des Vertrauen einwerbenden Stellvertreter Gesprächs sind fatal. Zunächst entemotionalisierte, sachliche’ Inhalte lassen sich nicht durch die Protagonisten in emotional wirksarne Appelle zurückverwandeln: “Wenn der zwischenmenschliche Bezug schwindet, zerreißt der Dialog in Monologe!”" Zwangsläufig muß Fritz dadurch zu einer negativ besetzten Figur, gar zum personalisierten Feindbild werden: dies bedeutet nichts anderes als den völligen Dispens der einst zusammen mit den Demoskopen so filigran erarbeiteten und ausgewogenen Sympathie Verteilung der Protagonisten .4′ Aber vielleicht hatten sich die Unternehmer Patriarchen ja wirklich in nichts so sehr getäuscht wie in ihrem Homunkulus Fritz? Greiss’ Intervention jedenfalls zeigt exakt den Punkt an, wo die beschworene Sachlichkeit aufhört. Insofern gilt, was Hugo Müller Vogg schon 1979 feststellte: “Gleichwohl konnten und können sich die Unternehmer der Frage nach ihrer politischen Macht im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit nicht stellen. Schließlich lassen schon die angewendeten Methoden der politischen Beeinflussung auf Machtquellen schließen, deren Basis ( … ) auf alle Fälle Geld ist.”

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Samstag, 13. Juni 2009 8:17
Themengebiet: Soziale Marktwirtschaft