“Der kluge Ludwig”
Von Aktualität und Redundanz eines marktwirtschaftlichen Lernprogramms
© 1999 Dirk Schindelbeck
Mit dem Ende der WAAGE war fast alle unternehmerische Öffentlichkeitsarbeit’ an die Spitzenverbände der Wirtschaft gefallen,’ zumal die noch verbliebenen informellen Kreise wie die Wipog oder die ASM längst den Charakter von Studienzirkeln angenommen hatten. Gleichwohl bestand auf Seiten der für die Marktwirtschaft werbenden Kommunikatoren noch kein Anlass zur Panik trotz der durch die Studentenbewegung in Fragen der Ökonomie (”Vergesellschaftung der Produktionsmittel!”) und Öffentlichkeit (”Enteignet Springer!”) aufkeimenden Unruhe in der Gesellschaft. Neue Rahmenbedingungen ergaben sich erst mit dem endgültigen Abschied der Christdemokraten von der Macht 19692 So äußerte sich schon wenige Tage nach dem Regierungsantritt der sozial liberalen Koalition der ehemalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard in einem Zeitungsartikel unter der Überschrift “20 Jahre soziale Marktwirtschaft sind in Gefahr”: „Was als geplant erscheint, wird heute weitgehend toleriert, wenn nicht sogar gepriesen. ( … ) Das Ergebnis eines marktwirtschaftlichen Geschehens wird weil nicht so leicht erkennbar immer weniger akzeptiert. Der Kollektivismus, als ‚dein Freund und Helfer’ verkleidet, regiert die Stunde.”
Was Erhard als Bedrohung seines Lebenswerks empfand, wurde fortan auch für die Spitzenverbände zu einem echten Kommunikationsproblem, sahen sie sich doch zu einer ideologischen Stellungnahme herausgefordert, ohne sie leisten zu können oder zu wollen. Die Kaufhausbrandstiftung Andreas Baaders vom 2. April 1968 war ja ein Fanal, in dessen Folge ein breiter Strom bislang wenig bekannter Vokabeln wie “Bedürfnismanipulation” oder “Konsumterror” aus der sich formierenden Außerparlamentarischen Opposition’ (APO) in den öffentlichen Diskurs gelangte und zu einer fundamentalen Inspektion des Wirtschaftssystems als einem Relikt des “Spätkapitalismus” führte. Kritik am System formierte sich gleich aus vier Richtungen: “von traditionellen Marxisten’, Anarchisten’, liberalen Sozialisten’ ( … ) und von denjenigen, die der bestehenden Wirtschaftsordnung vorwerfen, sie sei nicht imstande, die großen Aufgaben der siebziger und achtziger Jahre zu lösen”. Hinzu kamen noch Dissidenten der Marktwirtschaft wie beispielsweise der Nationalökonom Hugo Ritter, welcher bekannte, ihr jahrelang „einen gesellschaftspolitischen Inhalt beigemessen” zu haben, den sie nicht besaß und, nach den Absichten der politisch und wirtschaftlich Mächtigen dieser Epoche, auch gar nicht haben sollte. Hier war unter einer Fabrikmarke „ein Produkt angeboten worden, das den Versprechungen auf der Verpackung nicht entsprach.” Vor allem mit dem sozialen Anspruch sei es nicht weit her: „Denn wenn es immer mehr Menschen gibt, die eine Verbesserung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung fordern, dann ist das eine politische Realität, die niemand negieren kann. Wenn schließlich ( … ) eine Kausalität zwischen praktizierter Marktwirtschaft, sozialer Ungerechtigkeit und gesellschaftlicher Spannung besteht, so versäumt der Politiker einfach seine Aufgabe, wenn er es unterläßt, die Reformierung dieses Systems zu versuchen.”
Was in solchen Formulierungen als individuelles Urteil erschien, war auch Reflex einer von der jungen Generation geforderten und praktizierten neuen Haltung zu Arbeit, Konsum und Lebenswelt. “Dem Jugendprotest lag ein Umbruch in privaten Lebensbereichen zugrunde, eine atemberaubende rasche, tiefgreifende Veränderung der Mentalitäten und Maßstäbe. Viele junge Leute erwarteten und erhofften eine Welt im Aufbruch.”‘ Von den etablierten Parteien schien allein die SPD willens und in der Lage, diesen Zeitströmungen nicht nur zu entsprechen, sondern sie auch politisch umzusetzen, um, so der Wahlkampfslogan von 1969, “das moderne Deutschland mündiger Bürger” und erhöhter „Lebensqualität” zu bauen.
Demgegenüber befanden sich die Befürworter der Marktwirtschaft in einer Verteidigungsposition, zumal ihre gebetsmühlenhaft vorgetragenen Verweise auf die Erfolgsbilanz reichlich antiquiert wirkten.” Zur wichtigsten Abwehrwaffe’ gegen Kritik wurde der ständige Hinweis auf die Gefährdung des bereits Erreichten, meist mit „demonstrativem Selbstmitleid”" über die eigene Situation gepaart. Weder Nah- noch Fernbild des Unternehmers boten noch Ansatzpunkte zu einer positiven Zeichnung, so daß selbst die in der Vergangenheit als Sympathieträger kommunizierte Figur des „guten Unternehmer Patriarchen” obsolet geworden war. Als letzte verbliebene Rolle erschien der Unternehmerschaft die des gesichtslosen Dienstleisters, welcher dem Gemeinwesen das zur Bewältigung seiner sozialen Großaufgaben notwendige Steueraufkommen zu beschaffen hatte, ohne auf entsprechende Anerkennung hoffen zu dürfen.
1972 schöpften die in der Opposition stehenden Kräfte Mut, gegenüber einer wenig souveränen Regierung wieder aus der Defensive zu treten. Politischer Hintergrund war die Abwanderung mehrerer Abgeordneter zur CDU, was zum sukzessiven Abbröckeln der Mehrheitsbasis der Koalition Brandt/Scheel führte und schließlich zum konstruktiven Misstrauensvotum Ende April. Innerhalb von Monaten erwuchsen den wirtschaftsnahen Parteien und Verbänden publizistische Helfershelfer, die hier eine Chance sahen, das in ihren Augen verheerende sozial liberale Experiment endgültig zu beenden.
Das plötzliche Wiederaufleben informeller Kreise führte in der Folge zu einem propagandistischen Schlagabtausch, wie ihn die Bundesrepublik in dieser Heftigkeit noch nicht erlebt hatte. Aus den vielen oft nur über ein Briefpostfach greifbaren Gruppierungen wie der Steuer Notgemeinschaft, der Bürgerinitiative Aktion der Mitte oder der Konzentration demokratischer Kräfte sei eine Organisation herausgegriffen, über die einige Erkenntnisse vorliegen: der „Arbeitskreis Soziale Marktwirtschaft” in München. Sein Initiator war der Hamburger Heinrich Bauer Verlag in Gestalt des Junior Chefs Heinz Bauer, sein “politisches” Fundament der nach seinem Tagungs und Versammlungsort im Schlosshotel Kronberg im Taunus so benannte Kronberger Kreis. Dabei handelte es sich um eine Reihe meist mittelständischer Eigentümer Unternehmer (Rudolf Asbach, Heinrich Gütermann, Carl Hengstenberg), die sich nach dem WAAGE Muster zusammengetan hatten, um mit Hilfe der Bauer Illustrierten Presse unter dem Motto „Wir werden dieser Regierung in die Unterhosen schießen!” ihren Hoffnungsträger Rainer Barzel an die Macht zu katapultieren.
Ab Mitte 1972 tauchten Anzeigen des Arbeitskreises vorwiegend in Bauer Titeln wie Quick, Neue Revue, Neues Blatt, Sexy oder Wochenend unter dem Slogan “Wohlstand für uns alle! Soziale Marktwirtschaft. Die Kraft für den Fortschritt” auf. Im Gegensatz zur zurückhaltenden und kultivierten Art der WAAGE, durch subtil arrangierte Text Bild Kompositionen Zustimmung zum Wirtschaftssystem zu erzeugen, blieben die Inserate dem Stammtisch Niveau kleinbürgerlicher Ressentiments und antiintellektueller Affekte verhaftet, etwa in der Anzeige „Tatort Deutschland: Radikale Sozialisten haben unser Land aufs Korn genommen. Sie wollen das sicherste und freieste Wirtschaftssystem der Welt vernichten: die Soziale Marktwirtschaft”. In anderen Anzeigen wurde gar suggeriert, das individuelle Wohlstandsniveau, wie es sich im Kraftfahrzeug oder Eigenheim symbolisierte, sei unmittelbar bedroht: „Wir Deutschen haben ein Verhältnis zum Auto. Wir lieben es heiß und innig. Und wenn es einmal nicht fährt, ist der ganze Tag verregnet. Das Auto ist ein Stück von unserem Leben. Ein Zeichen, wie gut es uns geht.” Jetzt aber wollten, so der stets wiederkehrende Refrain, “radikale Sozialisten” den allgemeinen und individuellen Wohlstand im Westen Deutschlands vernichten. Die Formel “Soziale Marktwirtschaft”, von der WAAGE ausschließlich integrativ verstanden und eingesetzt, war längst zu einem Kampfbegriff mutiert, der nur noch das Ziel verfolgte, auszugrenzen, zu polarisieren, Angst zu schüren.”
So uneigennützig Bauers Geste zur Unterstützung der Kampagne durch zum Teil kostenlos zur Verfügung gestellten Anzeigenraum zunächst erschien, so schnell entpuppte sie sich als rüder Vorstoß im eigenen Geschäftsinteresse, wurde doch auf einem der Kronberger Treffen den anwesenden Unternehmern unverhohlen geraten, nicht mehr im Spiegel zu inserieren, sondern verstärkt die Bauer Presse mit Anzeigen zu bedenken. Die geladenen Verbandsvertreter und CDU Politiker waren von Bauers Wahlkampfhilfe nur bedingt angetan; Spendengelder der Industrie hätten sie lieber direkt in der Parteikasse klingeln hören als auf dem Konto der Bauer Anzeigenleitung. Obwohl es dem Arbeitskreis mit seiner Anzeigenlawine nicht gelang, für die Bundestagswahl im November 1972 die erhofften Wählerstimmen zugunsten der CDU zu mobilisieren, dürfte die propagandistische Offensive in der Folgezeit dennoch zu einer latenten Verunsicherung vor allem im kleinbürgerlichen Milieu beigetragen haben.
Auch Anfang 1974 war der Arbeitskreis wieder mit einer großen Kampagne präsent, nun unter dem Slogan „Freiheit führt weiter!”. Wieder waren die Sujets mit ebenso plakativen Parolen versehen wie die aufgerufenen Feindbilder 21 eindeutig: “Wenn sie (die Studenten) nicht demonstrieren könnten, müßten wir Angst um unsere Freiheit haben 11,27 hieß es, mit gespielter Generosität, in einem Inserat, mit gleichem Duktus in einem anderen: “Dieser 2 CV des Mathematik Studenten Rainer P. hat mehr von der Welt gesehen, als ein 60 Jähriger Kultur Preisträger eines sozialistischen Staates”.21 Um die finanzielle und publizistische Basis zu verbreitern, wurde in einem an potentielle Förderer verschickten Werbeblatt vor “Systemüberwindern” gewarnt: „Es ist Zeit, aktiv zu werden! Wir brauchen Ihre Unterstützung. Lassen Sie eine oder mehrere Anzeigen in einer Zeitung Ihrer Wahl veröffentlichen. Sie zahlen nur die reinen Einschaltkosten! 1129
Doch das größte Problem der Unternehmer, Bundeskanzler Brandt mit seiner Person für Sozialstaat und Wirtschaftsferne stehend , sollte sich im Laufe des Jahres von selbst erledigen: Brandt, amtsmüde, geschwächt durch die Kanalarbeiter seiner Partei und angeschlagen durch die Guillaume Affäre, trat zurück. Mit sichtlicher Befriedigung konnte der BDA Ende des Jahres 1974 feststellen, dass die marktwirtschaftliche Ordnung während der zurückliegenden Zeit “im Kern” eigentlich nicht verändert worden sei.” Wie sehr sich die Diskussion um das Wirtschaftssystem in der Folgezeit entspannte, bezeugte 1978 Bundeskanzler Helmut Schmidt selbst, der vor dem Parlament und ohne auf großen Widerspruch zu stoßen von der Sozialen Marktwirtschaft als einem „erfolgreichen Schlagwort” sprechen konnte. Erst als die Arbeitslosenzahlen deutlich anstiegen und keine Trendwende abzusehen war, bildete sich ein stehendes, rückwärtsgewandtes Fragemuster des Typs „Was würde Erhard heute tun?”. Seither wird, je nach Intensität gerade empfundener Krisenstimmung, das Andenken an seine Person als heilendes Gegenbild bemüht. Seit Anfang der neunziger Jahre ist Erhard zunehmend zu einer modernen Ikone geworden.” Immer häufiger taucht sein Porträt in Inseraten der Markenartikelindustrie auf und dient als Chiffre für die „besseren Zeiten” schlechthin, von deren mythischem Glanz das jeweils werbende Unternehmen sich einen Imagezuwachs erhofft.
Selbstverständlich erschienen die Ereignisse vom Herbst 1989 in der DDR samt der sich schon bald abzeichnenden Wiedervereinigung wie gerufen, den Menschen im Osten ein speziell auf sie zugeschnittenes Lernprogramm Soziale Marktwirtschaft’ zu verabreichen. In der Tat fehlte es an entsprechenden Aktivitäten von Seiten des Bundespresseamts nicht. Kurz nach der Einführung der neuen Währung und vor der staatlichen Vereinigung im Oktober 1990 sollte eine 25 Millionen DM teure Kampagne helfen, den Noch DDR Bürgern die Vorteile des auf sie zukommenden Staats und Wirtschaftssystem nahezubringen. Doch die Regierung Lothar de Maizière verwahrte sich energisch gegen das Ausschwärmen von 16 mit Werbematerial bereits bepackten Infobussen’ auf das Staatsgebiet der DDR. Auch die in den elektronischen Medien vorgesehenen Filmspots zum Thema “Grundbegriffe und Techniken der Marktwirtschaft” stießen bei Probevorführungen auf einhellige Ablehnung.” So hatte das Bundespresseamt in Zusammenarbeit mit dem Cartoonisten Thilo Graf Rothkirch einen Zeichentrickfilm über “Unsere D Mark” herstellen lassen. Dessen Held, der “kluge Ludwig”, warf darin seinem Dackel statt eines Knochens listigerweise ein Markstück zu, womit (”jaul boo die ist aber hart”) die erwünschte pädagogische Ausgangslage gegeben war: “ja, richtig unsere DM ist eine harte Währung, für die man sich viel kaufen kann”, dozierte der kluge Ludwig und erteilte folgende Lektion: „Wenn Du und viele andere faul sind und weniger produzieren, oder wenn Staat, Unternehmen und Verbraucher mehr ausgeben als sie erarbeiten also zu viele Schulden machen dann stimmt das Verhältnis von Geld und Wirtschaftskraft nicht mehr. Dann wird die D Mark weniger wert ( … ) Und wenn Du genug gespart hast, kannst Du sogar mit der D Mark ins Ausland reisen. D Mark tauscht jeder gerne ein. Du bist angesehen und kannst Dich verwöhnen lassen.”
Ein anderes Dokument überzogener Einigungseuphorie bot der HörZu-Reprint von Ludwig Erhards und Alfred Müller Armacks Werk „Soziale Marktwirtschaft Manifest ‘72″, kurz nach Einführung der neuen Währung in der Noch DDR im September 1990 wiederaufgelegt. “Soziale Marktwirtschaft”, so verkündet das Vorwort, sei ein Begriff von höchster gesamtdeutscher Aktualität. Für die Menschen in der DDR ist die soziale Marktwirtschaft ein Schlüsselwort, mit dem Aufschwung, Erfolg und persönliches Wohlergehen assoziiert werden.” Zur Zeit seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1972 schien dem Professoren-Gespann der historische Sieg über den Sozialismus noch nicht einmal vorstellbar. Im Gegenteil empfanden sich Erhard und Müller Armack bis in die Titelwahl hinein veranlasst, die Diktion ihrer politischen Kontrahenten nachzuahmen: „Die Anziehungskraft des revolutionären Sozialismus auf einen Teil der politischen Jugend ist nicht zu verkennen. Der getarnte, raffinierte Versuch, die Schaltstellen der Wirtschaftspolitik mit revolutionären Utopisten zu besetzen, führt die Gefahr eines Umsturzes unserer gesellschaftlichen Ordnung herauf. Die Verwirrung der Geister wächst.”
Demgegenüber seien die Leistungen des marktwirtschaftlichen Systems, das ja die “Bewährungsprobe eines Vierteljahrhunderts” bestanden und “sozialen Fortschritt aus den Wurzeln einer freien Wirtschaft” ermöglicht habe, in der Vergangenheit kaum publik gemacht worden und infolgedessen zu wenig bewusst; auch habe man “ihre Ergebnisse nur zu selbstverständlich hingenommen und im rein Produktionellen lokalisiert”. Dabei könne dieses Wirtschaftssystem nachgerade zum Muster einer Wirtschafts und Gesellschaftsordnung für ganz Europa werden.” Mit Blick auf den feindlichen Bruder im Osten verstiegen sich die beiden dabei zu einer Vision: „Man stelle sich vor, daß über Nacht die Mauer der DDR fiele, so würde das Plebiszit der Füße, die innerdeutsche Wanderung in Richtung Bundesrepublik, deutlich zeigen, wie man in der Bevölkerung die Ordnungen sieht.`
1989/90 schien es, als bestätigte der Lauf der Geschichte Erhard und Müller Armack als gute Propheten: das Volk, welches die Mauer überwand, um sich, mit Begrüßungsgeld ausgestattet, anschließend in den “Kathedralen des Kapitalismus” kaufend zu berauschen, hatte über Wert und Unwert zweier Wirtschaftssysteme doch eindeutig abgestimmt. Freilich wurde in der grenzüberschreitenden Euphorie übersehen, dass die plötzliche Konfrontation mit dem riesigen Warenangebot des Westens notwendigerweise oberflächlich bleiben musste.` Insofern war das Begrüßungsgeld ein überaus kluger Schachzug Helmut Kohls, sich den größtmöglichen politischen Handlungsspielraum zur Herstellung der deutschen Einheit zu verschaffen, da ja die große Mehrheit der Noch DDR Bürger von nun an in einer von vagen Hoffnungen auf ihr persönliches Wirtschaftswunder erfüllten apolitischen Wartestellung ausharrte und die wenigen Amateurpolitiker des Ostens der Deutschland Konzeption des erfahrenen Bonner Polit Profis so gut wie nichts entgegenzusetzen hatten. “Nur eine Rechnungseinheit für alle Themen. Deutsche Interessen werden in Deutscher Mark gewogen und durchgesetzt”, befand Jürgen Habermas schon im März 1990 bitter.41 Mit der Einführung der DM, dem gepriesenen “Markenzeichen des Vereinigungsprozesses” (Bundesbank Präsident Karl Otto Pöhl), mussten auch negative Alltags Erfahrungen zwangsläufig Platz greifen: „Ein westfälischer Wurstverkäufer thronte auf seinem Verkaufs LKW und schrie pausenlos in ein Mikrofon. Dabei füllte er Plastiktüten mit fünf verschiedenen Würsten, riss jeweils einem seinen 20 DM Schein hochhaltenden Interessenten das Geld aus der Hand und warf die Plastiktüte hinterher. Abwechselnd wurden die Käufer gelobt: ‚Endlich gibt’s bei Muttern mal richtige Qualitätsware aus dem Westen!’ oder getadelt: ‚Da, Du Fettsack, bei Dir hilft ja doch keine Abmagerungskur mehr!’ Das herandrängende Publikum freute sich über die Kommentare und die Käufer verzogen sich schnell in der Menschentraube.
Plötzlich kam Bewegung in die Menge. Einige in Plastikfolien eingeschweißte Fische wurden zwischen die Menschen geworfen, die sich sogleich bückten, um ein Päckchen zu ergattern. Als die ersten sich wieder aufrichteten, um sich zu vergewissern, woher denn der Segen käme, warf der feixende Fischverkäufer vom Wagen nebenan noch ein paar Fische in die Menge. Auch er stopfte jeweils 5 Fische in einen Plastikbeutel und kassierte dafür 30 DM. Seine Zuschauer unterhielt er so: In eine Tüte steckte er demonstrativ nur zwei Fische und gab sie dem ungeduldig sein Geld hinstreckenden Mann mit den Worten: ‚Da, Du Trottel. Wenn Du nicht mehr für Dein Geld willst, bist Du selber schuld. Du mußt noch viel lernen!’ Verblüfft und beschämt suchte der Mann dem Gröhlen der Menge zu entkommen.”
Lektionen dieser Art, ohne Lehrbuch, aus der Alltagserfahrung mit Drückerkolonnen und Straßenhändlern gewonnen, waren nicht dazu angetan, das marktwirtschaftliche System als die Inkarnation der „sozialen Irenik” Alfred Müller Armarcks auch nur erahnen zu lassen. Hatten die Westdeutschen ihr’ Wirtschaftssystem, über dessen Leistungskraft sie einen großen Teil ihrer Identität über Jahrzehnte ausgebildet und kultiviert hatten, in dieser Aggressivität nie erleben können, so wurde im Osten das Rollenmuster von Herr (BRD) und Hund (DDR), im ‚Klugen Ludwig’ nur eine Comic Vision, von der Tagesrealität nicht selten übertroffen. Die Zahlen, die Elisabeth Noelle Neumann hinsichtlich der Akzeptanz der
,Sozialen Marktwirtschaft’ im Osten Deutschlands vorgelegt hat, sind dafür ein sprechender Beleg. Von im Frühjahr 1990 noch 77% Befürwortern dieser Wirtschaftsordnung sank die Akzeptanzkurve im Osten auf gerade einmal 26% Ende 1995 .
Die Arroganz der Sieger, die sich kongenial vom Bundespresseamt bis hinunter zum westfälischen Wurstverkäufer bekundete, war nicht dazu angetan, den neuen Mitbürgern glaubhaft zu machen, sie würden, ob als Menschen oder Kunden, in einem vereinten Deutschland so ernst genommen, dass man sie der Mühe für wert befand, ehrlich um sie zu werben und sie zu gewinnen. Anfangs der fünfziger Jahre hatte es diese Scheinsicherheit einer auf der Basis von privatem Kapital und privater Initiative beruhenden Marktwirtschaft anbieterseitig’ noch gar nicht geben können; dafür jedoch ein intensives Nachdenken über Begriff und Funktion des öffentlichen Vertrauens, um ein soziales System auch mental erst zu stabilisieren. In einer politisch noch unkalkulierbaren Situation konnten nur diejenigen solche konsensbildenden Maßnahmen ergreifen, die sich selbst in der Führungs- und Eliterolle sahen und Motivationen und Mittel zu einem solchen Beeinflussungswerk aufbringen konnten. Schon von daher war die Entstehung des WAAGE Vereins historischen Bedingungen geschuldet, die einzigartig und so nicht wiederholbar waren.