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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Sieger Marke Deutschland oder „Wie wir Weltmeister wurden”

Sieger Marke Deutschland oder „Wie wir Weltmeister wurden”

Helden-Stück in drei Akten

(aus: Dirk Schindelbeck/Andreas Weber (Hg.): Elf Freunde müsst ihr sein!” Einwürfe und Anstöße zur deutschen Fußballgeschichte <= Geschichtswerkstatt Nr. 28>, Freiburg 1995, S. 71-93, wiederabgedruckt in: Rainer Gries/Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck: „Ins Gehirn der Masse kriechen!” Werbung und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 1995, S. 74-92. Dort finden sich auch die hier weggelassenen Fußnoten und Quellenbelege)

© 1994 /2010 Dirk Schindelbeck

Dies dramatische Impromptu vom Kollektivleben deutscher Seele nimmt dank eines klugen Zeremonienmeisters einen glücklichen Ausgang, und selbst der „Böse” wird hier mit Nachsicht behandelt. Die Helden aber das sind neben den Akteuren auf der Bühne ja wir selbst, die Zuschauer wie wir wurden, was wir sind.

Vorspiel auf dem Theater und Einstimmung des Publikums

„Aus der Enklave, die da bei Konstanz liegt, ich weiß den Namen nicht mehr genau ( … ), die abgeschlossen ist von unserem deutschen Land, wurde die Bitte geäußert, daß der Wagen mit der heimkehrenden Fußballmannschaft auch dort halten sollte. (…) Ein Appell an die Bundesbahn, diese prachtvolle Institution, ( … ) hatte dann auch Erfolg, und so konnten wir das Zeichen der Treue dieser Deutschen in der Enklave, die nicht mit unserem Vaterland vereint sein dürfen, entgegennehmen.” Peco Bauwens, der erste Nachkriegspräsident des Deutschen Fußball Bundes, vergriff sich im Ton; doch als der Sondertriebwagen mit der Weltmeistermannschaft kurz vor Singen bundesrepublikanischen Boden erreichte, hatte sich die Welt der Deutschen verändert.

Fritz Walter und Frau Italia

Fritz Walter und Frau Italia

Die Zeitungen des benachbarten Auslands registrierten den Wandel genau was im Gegenzug den Unmut so manches westdeutschen Redakteurs hervorrief Da berichtet die in Düsseldorf erscheinende abz Illustrierte am 1. August 1954 auf einer ganzen Seite über einen Artikel der Pariser Zeitschrift „Noir et Blanc”. Dort finde sich doch eine Bilderfolge, die für die Art charakteristisch sei, mit der man Deutschland in gewissen Kreisen schon wieder betrachte. Unter der bezeichnenden Überschrift „Deutschland über alles!” seien folgende Fotos arrangiert: „Erstes Bild ist die Fotographie der in Vichy gewählten ‚Miß Europa’ mit der Überschrift: ‚Die schönste Frau Europas: Miß Deutschland.’ Das zweite Bild zeigt Fritz Walter mit dem Siegespokal der Fußball Weltmeisterschaft; Überschrift: ‚Die besten Fußballer Europas (und der Welt): Die deutsche Mannschaft.’ Das dritte Bild zeigt die siegreichen Mercedes Wagen in Reims. Überschrift: ‚Die schnellsten Wagen Europas: Mercedes, Sieger von Reims.’” Das vierte Bild dieser Fotoleiste schließlich offenbare das eigentliche Anliegen der Redakteure: „Man sieht zwei Männer des Grenzschutzes bei der Postenablösung in Bonn - und darüber steht gedruckt das, worauf es dem Monteur dieser Bildleiste ankam: ‚Und morgen, der beste Soldat Europas, der deutsche Soldat?’”

„Dürfen wir gewinnen, singen, reisen?” fragt der abz Schreiber erbost zurück. Schließlich handele es sich um ehrenhaft erbrachte Leistungen vor den Augen der Weltöffentlichkeit; das Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes seitens deutscher Schlachtenbummler bei der Siegerehrung im Wankdorf Stadion sei Ausdruck spontaner Freude, aber nicht bösen Willens gewesen: „Es war ganz erklärlich, wenn die Massen die erste Strophe sangen denn seit Generationen ist ihnen nur diese geläufig, weil sie immer gesungen wurde.” Selbst das Allensbacher Institut für Meinungsforschung beeilt sich, den statistischen Beweis der politischen Harmlosigkeit (nicht nur) des Fan Blocks nachzureichen: Die überwiegende Mehrheit der Westdeutschen wisse doch gar nicht, wo Maas und Memel, Etsch und Belt überhaupt lägen!

Die Bemühungen der Demoskopen entkräften nicht die Macht der Bilder. Der 4. Juli 1954, der Tag des Endspielsiegs, ist so sehr von nationalen Gefühlsaufwallungen geprägt, daß ihm nur ein einziges Datum der jüngsten deutschen Geschichte an die Seite gestellt werden kann: der Tag der Maueröffnung am 9. November 1989. Mit seinem Buch „Gefühlsstau” hat Hans Joachim Maaz versucht, das psychologische Erklärungsmodell für den kollektiven Gefühlsausbruch der DDR Bürger zu liefern, eine vergleichbare zeitgenössische Diagnose der Weltmeisterschaft und ihrer Nachwirkungen existiert hingegen nicht. Erst 1967, dreizehn Jahre nach der Weltmeisterschaft, haben Margarete und Alexander Mitscherlich mit ihrer berühmten Studie „Die Unfähigkeit zu trauern” den Versuch gewagt, kollektive Seelendynamiken über lange Zeiträume hinweg zu rekonstruieren. Wenngleich die Psychologen ihren Befund - fehlende Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit - auf die „erfolgreiche Abwehr einer Melancholie der Massen” zurückführen, die Fußballweltmeisterschaft nennen sie nicht einmal. Dabei wurde doch gerade dieses Ereignis als ein kaum mehr für möglich gehaltener makelloser Sieg empfunden. Eine psychologisch ausweglose Situation war gelöst: entweder die völlig zu Recht bestraften Verlierer oder die qua Unrechtssystem für alle Zeiten diskreditierten Sieger heißen zu müssen. Im gleichen Maße, wie es plötzlich möglich wurde, die düsteren Schatten der Vergangenheit durch die glanzvollen Bilder des guten Sieges zu überblenden, konnte ihre Abspeicherung im Gedächtnis der Massen geschehen.

In Studien über die Fußballweltmeisterschaft wird die Qualität der neuen Zeit immer wieder mit Begriffen wie „Wirtschaftswunder” und „Medienzeitalter” umschrieben. Beides freilich gehört in einen funktionalen Zusammenhang: Endlich darf zur Sprache kommen, was zuvor keinen Namen haben durfte, endlich darf ein seit der Währungsreform angewachsenes neudeutsches Selbstbewusstsein öffentlich präsentiert, zelebriert und genossen werden.
Von diesen mentalen Verschiebungs und Umwertungsprozessen erzählt das dramatische Gemälde jener Julitage. Figuren betreten die Bühne, die dem kollektiven Gefühlsereignis Ausdruck und Stimme leihen (möchten). In ihren Versuchen, den Triumph zu fassen, zu deuten und zu moderieren, werden mentale Strukturmuster virulent, formiert sich bundesrepublikanisches Selbstverständnis zwischen Vergangenheitsreflex und Zukunftsoption.

I. Akt: “Endsieg” mit leichter Verspätung?

„Deutschland über alles…”

(Deutschlandlied H. v. Fallerslebens, 1. Strophe)

Verfolgen wir den Wachstumsprozess des „Wir sind wieder wer” rückwärts, gehen wir seinen Komponenten nach, lassen wir seine Moderatoren und Akteure zu Wort kommen. Als Peco Bauwens, 1886 geboren, mit dem Fußball in Berührung kommt, kann von dessen Durchsetzung als Breitensport nicht die Rede sein. Den Hoffnungen des zeitgenössischen Beobachters kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird allerdings auch er beigepflichtet haben: „Die bunten Jacken der Stürmer werden noch über den Rasen fliegen, wenn mancher andere Sport schon lange vergessen ist, und das Vaterland wird dir dankbar sein, daß du von allen Spielen am meisten die Muskeln und Sehnen seiner Söhne zu Eisen und Stahl hast werden lassen ( … ). Es steht also fest: rote Backen, harte Muskeln, ein frischer Schritt und helle Augen, alles das stellt sich nach und nach bei dem ein, der Fußball spielt. Der Vater lächelt und die Mutter triumphiert. Weiter steht fest: Fußball ist heute schon mehr als ein Spiel, das Freude und Lust weckt; es beginnt, ein Teil deutscher Volkskultur zu werden.” 1910 spielt Bauwens das erste und einzige Mal für Deutschland, verliert mit der Mannschaft gegen Belgien 0:3. In den zwanziger und dreißiger Jahren tritt er als Schiedsrichter bei vielen nationalen und internationalen Begegnungen in Erscheinung und bringt es in dieser Funktion bis 1948 auf über 1000 Einsätze. 1949 beginnt seine dritte Karriere im Fußball, diesmal als Funktionär; im August des Jahres wählt ihn der wiedererstandene Deutsche Fußball Bund zum Präsidenten. „Wir spielen bald wieder im Ausland,” verkündeter voller Zuversicht, um sogleich bescheiden, aber doch bestimmt auszuführen: „Der Deutsche Fußball Bund sollte sich dem Dienst am Menschen widmen. Er will es mit besonderer Kraft tun, wenn seine Mannschaften wieder einmal über die deutschen Grenzen hinausgehen und mit anderen Nationen in Sportverkehr treten. Ich glaube, daß es bald geschehen wird. Das werdende Europa braucht den Sport als Mittler seiner Bestrebungen und der Sport braucht das werdende Europa. Wir haben draußen wieder viel gutzumachen. Die anderen aber auch einiges an uns. Wenn unsere Jugend in fremde Länder geht, soll und braucht sie es nicht mit niedergeschlagenen Augen zu tun. Sie hat die lautersten Absichten, denn wir wollen in die sportliche Völkerfamilie eintreten als Menschen, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, gute Deutsche sein zu dürfen, um gute Europäer und gute Weltbürger werden zu können.” Freilich stehen Bauwens’ ehrenwerte Absichtserklärungen unter den rigiden Gesetzen des Kalten Krieges, was sich natürlich auch auf seine Einschätzung des sowjetisch besetzten Teil Deutschlands auswirkt: „Hüben und drüben von dieser Grenze wohnen Menschen unserer Zunge und unseres Herzens, Menschen, welche die gleiche Liebe zum Fußballsport beseelt. (…) Und noch weniger als die Wirtschaft, noch weniger als die Politik können wir diese Grenzen anerkennen. (…) Deshalb weiß ich, was deutsche jungen empfinden, wenn sie dem braunen Lederball nachjagen. Der Fußball ist mit in die Gefangenenlager gezogen. Heimkehrer aus dem Ural, aus Afrika und Amerika haben uns mit leuchtenden Augen berichtet, wie ihnen das runde Leder neuen Lebensmut und eine gedankliche Verbindung mit der Heimat geschenkt hat. Und unsere jungen, die im deutschen Osten von Haus und Hof vertrieben worden sind, die nichts mehr zu eigen hatten als die zerschlissenen Kleider, die sie auf dem Leibe trugen, haben aus ihrer Heimat doch eines mitgenommen: die Liebe zum Fußball.” Schon hier deutet sich an, daß der DFB Funktionär den Fußballsport nicht ohne politische Aufladung denken will und kann. Vor allem erhofft sich Bauwens vom Fußball Impulse zur moralischen Wiedererstarkung Deutschlands. Schließlich hatte er die heilsamen Kräfte sportlicher Betätigung am eigenen Leibe schon als Knabe erfahren. 1961 teilt Willy Weyer anlässlich des 75. Geburtstags des DFB Vorsitzenden eine in dieser Hinsicht aufschlussreiche Geschichte mit: „Als er (Bauwens) 10 Jahre alt war, schenkten ihm belgische Freunde ein Fahrrad. Der junge, gewandte kleine ‚Dicke’, wie er damals zu Hause genannt wurde, machte davon den vielfältigsten Gebrauch, mit dem Erfolg, daß er bald überfahren auf dem Krankenbett lag mit der Diagnose. ‚Das gebrochene Bein müssen wir abnehmen.’ Den Eltern, die ihren Sohn nicht so leicht zu einem Krüppel werden lassen wollten, riet ein befreundeter, sportbegeisterter belgischer Arzt: eine Beinamputation ließe sich vielleicht noch vermeiden; der Junge wird zu diesem Zweck aber viel turnen und Sport treiben müssen.” Viel wichtiger noch als die wohltätigen Wirkungen auf das körperliche Befinden erscheinen Bauwens die charakterbildenden und kameradschaftsfördernden Einflüsse des Fußballsports. Dieses Glaubensbekenntnis wird er nie müde zu wiederholen, wobei sein ‚völkischer’ Ton mit der Zeit zunehmend politisch konkrete Programmatik durchscheinen lässt: „Die Regeneration der Volkskraft,” so verkündet er 1950, ist „durch kein Mittel wirksamer zu fördern als durch eine vernünftige und planmäßige sportliche Betätigung.” Sport kann zur Schule des Volkes werden und zur Festigung seiner charakterlichen Erstarkung entscheidend beitragen: „Die Geschichte des Sportes lehrt ( … ), daß der Sport auch fähig ist, den Geist der Zeit mitzuformen und das Gesamtverhalten eines Volkes zu beeinflussen.” Von der körperlichen Ertüchtigung zur geistigen Erziehung und Ausrichtung ist es da nur noch ein kleiner Schritt; die propagandistischen Möglichkeiten, die der Sport bietet, kann Bauwens befreundeten Funktionären anderer Institutionen nur empfehlen: „Nur dann, wenn sich die Vertreter der Kirchen mitten hinein in die moderne Massenbewegung des Sportes stellen, werden sie in der Lage sein, den Sport auch von sich aus mit den ethischen Werten anzureichern, die sie selbst zu verbreiten wünschen.”

Peco Bauwens, der Münchner OB Max Wimmer und F. Walter

Peco Bauwens, OB Max Wimmer und F. Walter im Münchner Rathaus

Doch solange der deutsche Fußball international noch ohne Bedeutung ist, bleiben solcherlei Auffassungen seiner politischen Mission ebenfalls bedeutungslos. Erst als sich in Bern die internationale Bühne auftut und die bundesdeutsche Mannschaft ihre Spiele gewinnt, wachsen jedem weiteren Sieg symbolische Qualitäten zu: als ob sich gleichsam Stück für Stück die von vielen als ungerecht empfundenen Kriegsniederlage ungeschehen machen ließe. Nicht nur dem DFB-Präsidenten, auch dem sonst so maßvollen Rundfunkreporter Herbert Zimmermann sind solche Gefühle nicht fremd. Schon im Gerangel um die Sprecherkabinen ergreift dieser die Gelegenheit, für manch erlittene Schmach der Vergangenheit wenigstens symbolisch Revanche zu nehmen: „Ein Königreich für eine gute Kabine, hieß es in unserem Lager. ( … ) Nun, für uns Deutsche wurde die Situation von Spiel zu Spiel besser, und bei der Vorschlussrunde bzw. dem Endspiel saßen Kurt Brumme und ich gewissermaßen in der Proszeniumsloge der Weltmeisterschaft. Entsprechend den Leistungen seiner Mannschaft hatte Englands bekanntester Rundfunksprecher Raymond Glendenning meist eine Kabine in der ‚zweiten Frontlinie’. Das dürfte dem Meistersprecher Englands auch noch nicht allzu oft vorgekommen sein. Aber in der Schweiz ging man eben absolut korrekt und neutral vor.”

Blenden wir uns nun ein ins Spiel der Spiele. Man schreibt die 18. Minute, noch steht es 2:1 für Ungarn. Herbert Zimmermann kommentiert: „Und wieder tritt Fritz Walter die Ecke. Über Schäfer und Groscis hinweg kommt das Leder zu Rahn. Der schießt. 2:2! Ein Jubelsturm braust von den Tribünen über das Spielfeld. Die Zuschauer empfinden ganz richtig: Das ist mehr als ein gewöhnliches Ausgleichstor. Das ist nicht die Wiederherstellung des Gleichstandes an Toren; das ist die Wiederherstellung des moralischen Gleichgewichts.”
Der Triumphzug der „moralischen” Sieger durch Singen, München, Nürnberg hinüber in die Pfalz, ins Rheinland und Ruhrgebiet, über Hamburg bis nach Berlin und schließlich zurück nach Bonn wird zu einem einzigen Katarakt lange aufgestauter Emotionen. immer suchen die Reporter und Journalisten vergeblich nach dem Wort, das dem Gefühlsausbruch angemessen ist, immer wieder wird „der Jubel zum Orkan”, so in Singen und München, so in Kaiserslautern, so in Berlin: „Frauen verloren ihre Schuhe, Kinder ihre Taschen, Männer ihre Stimme. Die Masse brach in einen einzigen Schrei aus, der gellend durch die Straßen brauste. Nie wurde ein König, ein Held, ein Diktator (!) stürmischer gefeiert als die Mannschaft, die über sich hinausgewachsen war.” Im Münchner Rathaus eingetroffen sieht Peco Bauwens endlich die Stunde gekommen, die politische Mission des Fußballs zu verkünden. Noch ganz im Rausch von Sieg und Zugfahrt intoniert er eine Rede auf dieses „deutsche Volk in seiner ganzen Breite ( … ): Und nicht nur die Jugend: auch die älteren Semester standen mit dem Dreschflegel auf dem Acker und winkten und die Mönche im Kloster und der Priester hob seinen Hut ab: es war wirklich etwas so Hinreißendes, das wirklich zeigt, daß es eine Volksbewegung geworden ist, die etwas gelenkt und gesteuert und gefördert werden muß von unserem Staat. ( … ) Das sind die Zeichen der Zeit, die müssen erkannt und gefördert werden, und darauf hoffen wir.”

Menschenmassen in Muenchen vot der Ankunft der WM_Mannschaft

Menschenmassen in Muenchen vor Ankunft der WM-Mannschaft

„Am Abend dann,” so verzeichnet die offizielle Festschrift, „gingen die Wogen des Frohsinns und der Gemütlichkeit hoch im Löwenbräukeller.” An seine „wackeren Knaben” gewandt („Ach darf euch doch so nennen?” ) ergeht sich der DFB Gewaltige in nationalistischen Phrasen: Was ein echter, seinem Lande ergebener Deutscher tun könne, hätte die Mannschaft vor aller Welt demonstriert : „Als in Bern unsere Fahne am Mast wehte”, seien sie „mit der deutschen Fahne im Herzen auf den Gegner” losgestürmt : »Dieser Sieg hat gezeigt, daß es Schlacken auf dem Sport und dem deutschen Volk nicht mehr geben kann, wenn es jemand ehrlich mit uns meint,” ruft er in den Saal. Sein Fazit: „Eine Repräsentanz besten Deutschtums im Ausland!”
Hier freilich greift eine kluge Regie ein und beendet den ersten Akt: “Der Rundfunk,” so die Münchner Illustrierte, „schaltete mitten in seiner Rede ab.”

II. Akt: Parade der Testimonials

Deutsche Frauen Volume 1: hier mit Fritz Walter

Deutsche Frauen Volume 1: hier mit Fritz Walter...

„Deutsche Frauen, deutsche Treue
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten stolzen Klang.
Uns zu edler That begeistern
Unser ganzes Leben lang
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!”

(Deutschlied H. v. Fallerslebens, 2. Strophe)

Deutsche Frauen, Volume 1: Toni Turek mit einer Schönheit...

Deutsche Frauen, Volume 2: hier mit Toni Turek..

In das kollektive Gedächtnis fanden die Ausfälle des Verbands Präsidenten keinen Einlass; umso nachhaltiger verfestigten sich die Erlebnisspuren millionenfacher Begeisterung in der Erinnerung anhand so typischer Szenen wie dieser: „Nein, bisher hat sich Großmutter durchaus nicht für Fußballspiele interessiert. Aberjetzt ist sie genau so lebhaft bei der Sache wie alle anderen Familienmitglieder. Und die jüngeren sehen es mit stillem Schmunzeln: während die eine Hand nervös das Taschentuch zerknüllt, unterstreicht die andere lebhaft gestikulierend das Miterleben, das sich in den Gesichtszügen der Greisin widerspiegelt.” Noch 25 Jahre später sind solche Bilder nicht nur allzeit abrufbar, sondern werden wie Dokumente der eigenen Erfolgsgeschichte behandelt und angeführt: „Vor allen Dingen war man stolz, daß man so kurz nach’m Krieg etwas geleistet hat.”
In einem ganz anderen Sinne als gedacht, bewahrheitete sich auf einmal der Satz Walter Benjamins, dass „in den großen Festaufzügen, den Monstreversammlungen, den Massenveranstaltungen sportlicher Art und im Krieg, die heute sämtlich der Aufnahmeapparatur zugeführt werden, ( … ) sich die Masse selbst ins Gesicht (sieht)”. Zum ersten Mal nach dem Krieg wagen die Westdeutschen den kollektiven Blick in den Spiegel und verschaffen sich - zwischen Selbsterkenntnis und Selbstgefallen - mit dem makellosen Sieg ihrer Mannschaft den Beweis ihrer Vollwertigkeit im Kreis der Nationen. Im gleichen Atemzug gelingt die massenhafte Umwidmung vagabundierender Glaubensenergien, kann das meist verkaufte Taschenbuch über die Weltmeisterschaft nur den einen Titel tragen:  „Wie w i r Weltmeister wurden”.

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Die Präsentation der Helden im öffentlichen Raum, in der Presse und in den Bildmedien dokumentiert dieses vitale Kommunikationsinteresse: die auf dem Fußballfeld gezeigten Tugenden und Wertvorstellungen stammen unmittelbar von den Arbeitsplätzen und aus den Betrieben. Dort, wo der Wiederaufstieg erarbeitet wird, werden sie verlangt, haben sie absolute Geltung, und jeder einzelne der Weltmeister ist einer ihrer mustergültigen Repräsentanten von Anständigkeit und Bescheidenheit, von Fleiß und Disziplin.
Toni Turek, der Mannschaftsälteste, ist „von stoischer Ruhe” beseelt. Den Hauptteil seiner Freizeit widmet der „kleine Angestellte” in der Registratur der Düsseldorfer Rheinbahnen den Kindern, sein Hobby: „Hausaufgaben mit der Tochter sowie Romane lesen”. Er bewohnt ein Häuschen, von einem Garten umgeben. „Jeden Morgen pünktlich zur Stelle” ist auch „der immer gut gelaunte Frühaufsteher” Werner Kohlmeyer, ein „ruhiger Pfälzer, Angestellter in einer Kammgarnspinnerei”. Auch er, der sich durch Gartenarbeit frisch hält, nennt ein Häuschen mit Garten sein eigen, Vater ist er „von drei Kindern, also natürlich verheiratet.” Stets wird versichert, dass auch Jupp Posipal trotz seines fremdländisch klingenden Namen Deutscher ist, genauer: Volksdeutscher aus Rumänien. Der „freundliche, aufgeschlossene Angestellte” in einem großen Hamburger Bettenhaus ist „harmonisch verheiratet”. Vorbildlich auch sein Freizeitverhalten: bescheiden fährt er „im Urlaub mit Frau und Töchterchen an die See”. Karl Mai, „Konditor in Fürth” hat eine „Spezialität: bayerische Krapfen”. Der Noch Junggeselle träumt von einer eigenen Existenz, einem Tabakwarengeschäft. „Unerhörte Ausdauer und Präzision” werden ihm zugeschrieben, aber: „In schwierigen Lagen ist er stets mit einem lustigen Wort bei der Hand.” Als „zurückhaltend und ruhig” wird dagegen Werner Liebrich beschrieben: „Postbeamter und Kinderfreund.” Er zeichnet sich durch „konsequente Härte auf dem Spielfeld aus.” „Immer guten Muts” und „ein feiner Kamerad” „erfüllt er Herbergers Stopper Soll”. Anmerkung: „Als Ehemann so zuverlässig wie als Mittelläufer.” Horst Eckel, der Benjamin, wird auch „das Küken” genannt, verfügt über „zwei Lungen”. Sein Spiel verrät das „geschulte Auge” des „Monteurs für Präzisionsinstrumente” bei der Nähmaschinenfirma Pfaff in Kaiserslautern. Zu Hans Schäfer, „Herrenfriseur in Köln”, sind Informationen aus dem Privatleben eher spärlich. Immerhin scheint auch er glücklich verheiratet. Und: „Frau Isis kennt sich im Fußball aus.” Ottmar, Fritz Walters Bruder, hat den Sprung vom Angestellten zum Selbständigen schon geschafft. Er findet als „Besitzer einer Tankstelle” sein Auskommen. Ansonsten fällt er durch „vorbildlich sportliche Lebensweise” und „peinlich genaues Zuspiel” auf. Auch er nimmt seine Vaterpflichten sehr ernst: „Frau und Junge sind sein alles.” Max Morlock ist ebenfalls schon selbständig, gehört ihm doch ein „Sportartikelgeschäft am Nürnberger Hauptbahnhof mit Totoannahme, wo sich auch Frau Inge betätigt.” Sein Talisman ist „Dackel Hexi, sein Liebling Tochter Ursel.” Seine „rauhe Schale” beherbergt einen „weichen Kern.”

Werner Kohlmeyer mit Töchterlein

Werner Kohlmeyer mit Töchterlein

Das merken alle, die seine „witzige Schlagfertigkeit, auf dem Spielfeld und privat” kennenlernen. Präzisionsarbeit liefert auch er, wie seine „gestochen scharfen Kopfbälle” beweisen. Allein: zum Sympathieträger der Massen hätte diese perfekte Arbeitsmaschine nie aufsteigen können ohne jenes Maß an Unkalkulierbarkeit, das sich gerade den Individuen, ja den Exzentrikern in ihr verdankt. Dass es - dank Bundestrainer Herberger - gelungen ist, eben auch so problematische Charaktere wie Fritz Walter und Helmut Rahn in die Riege der Handwerker einzubinden, dass die Arbeiter durch die Künstler motiviert, zugleich die Genialen durch die Angepassten diszipliniert werden, verleiht der Mannschaft erst den Nimbus der Einzigartigkeit. Wie in keinem anderen Spieler konzentrieren sich in Fritz Walter, dem melancholischen, oft depressiven Pfälzer, faustischer Abgrund und deutscher Tiefsinn. Doch gerade er, der „geistige Lenker”, bleibt „immer bescheiden” und trotz „gigantischer Angebote spanischer Manager” der pfälzischen Heimaterde treu. Gern schenkt ihm seine Heimatstadt Kaiserslautern einen Bauplatz vor der Stadt, der Verein das dazu passende Häuschen. Auch Helmut Rahn, das enfant terrible auf dem Spielfeld, ist - so wird versichert - im Privatleben ein durchaus solider Mensch; umgänglich und treu, ein „sieben Monate alter Vater” weiß er sehr wohl, Verantwortung zu tragen: „Als Chauffeur steuert er einen schwarzen Kapitän für einen Direktor aus dem Ruhrgebiet.” Auch er will beruflich weiter aufsteigen: Automechaniker, heißt es, will er noch werden?

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aus: Wir wir Weltmeister wurden, S. 40

Doch es ist nicht nur der Sieg der Facharbeiter und kleinen Angestellten, es ist ihr Sieg als korporierte Formation; im Bild ihrer kameradschaftlichen Geschlossenheit ersteht eine gleichsam kollektive Produktpersönlichkeit. In ihnen - Sinnbildern für Arbeitsmoral und Konsumstandard zugleich - verdichtet sich zu Meta Testimonials, was eine zeitgenössische Werbelehre noch unter dem Stichwort „Personenverwendung” in zwei getrennten Kategorien erfassen kann: „Er (der Werber) wird die Seelmacht von öffentlichen Personen dadurch zu stärken versuchen, daß er immer wieder in Zeitungen und Zeitschriften, in Film, Rundfunk und Fernsehen auf sie hinweist ( … ). Er wird in Bildern und Worten typische Personen darstellen: den Bauern, der sich einen neuen Trecker gekauft hat, die Frau, die im glücklichen Besitz einer Nähmaschine ist (…).” Als nur typische Personen in die Welt hinausgegangen sind sie als öffentliche Personen zurückgekehrt, indem sie im Gegenzug ‚typisch’ deutsche Leistungen in der Wehöffentlichkeit nicht nur salon-, sondern markenfähig gemacht haben. Es entspricht insofern nur innerer Konsequenz, wenn ihr Heimweg durch Spaliere von Markenartikeln wieder zurück an die Quellen der Wertarbeit führt: Brühwürfel, Unterwäsche, Kühlschränke, Lederkoffer, Fernsehapparate, Kronleuchter und Autos womit auch immer die Sieger von Bern begrüßt und beschenkt werden: sie hätten es selbst produziert haben können. Mitunter gerät die Überreichung der Sachpreise zu einem Reklamespektakel, wie etwa im Fußballstadion der niederbayerischen Kleinstadt Dingolfing: „Auf dem Podium standen zwölf grüne Goggomobil Motorroller der Luxus Ausführung, mit je einem Namensschild der künftigen Besitzer versehen. Die begeisterten Zuschauer stürmten in den Innenraum des Stadions. Sepp Herberger dankte für die Motorroller und sagte, dass ‚der große Wurf’ nur wegen des ‚eiserne(n) Training(s)’ jedes einzelnen Spielers und der ‚vorbildlichen Kameradschaft in der Mannschaft’ gelungen sei: ‚Glauben Sie uns, wir zwölf haben in harten und schlechten Tagen durchgehalten und werden es noch weiter tun, auch wenn Rückschläge kommen sollten.’ Dann drehten die Spieler eine Ehrenrunde auf dem Motorroller - jeder hatte einen weißgekleideten Fahrer vom Goggo Werk, Sepp Herberger eine Fahrerin gestellt bekommen. Anschließend begab sich die Weltmeisterelf in das Goggomobil Werk, wo die Arbeiter, bis die Mannschaft kam, durchgearbeitet hatten.” Sowohl die kollektive Herrenausstattung mit dem weiblichsten aller Fahrzeuge, dem Motorroller , als auch die symbolische Heimführung der Helden an die Stätte ihrer Produktion mag aus der Sicht des hemdsärmeligen Landmaschinen und Rollerfabrikanten Hans Glas eine willkommene Gelegenheit der Selbstdarstellung seines Betriebes nach innen und außen gewesen sein ; in der Inszenierung lag gleichwohl das strukturbildende Muster eines neuen deutschen Selbstverständnisses: die in Produktion und Konsumtion zugleich gründende korporierte Identität des endlich vom Kainsmal der perfekten Massenvernichtungslager befreiten „Made in Germany”.

Stilleben der besonderen Art: Stalin, adidas-Tasche und Helmut Rahn

Stilleben der besonderen Art: Stalin, air-france-Tasche und Helmut Rahn

III. Akt: Einübung der Rumpfhymne

„Einigkeit und Recht und Freiheit …”

(Deutschlandlied H. v. Fallerslebens, 3. Strophe)

Die Süddeutschen Zeitung vom 6. Juli 1954 druckte auf Seite 3 ein Gedicht ab: „Für künftige Länderspiele veröffentlichen wir den Text unserer Nationalhymne.” Es sollte nicht der letzte Versuch der Lerneinheit ‚Nationalhymne dritte Strophe’ bleiben. Dreißig Jahre später war man im DFB noch keinen Schritt weiter gekommen: „Als sich das deutsche Aufgebot im Oktober 1984 auf das Qualifikationsspiel gegen Schweden vorbereitete, verteilte ein Funktionär des DFB an die Spieler wieder einmal Handzettel mit dem Text der dritten Strophe des Deutschlandliedes. Aber die Sportler blieben auch diesmal stumm.”

Dass Bundespräsident Theodor Heuss auch ein Werbefachmann und Kommunikationsspezialist war , vermerken die meisten seiner Biographen nur am Rande. Die Würde des hohen Amtes, das er bekleidete, scheint ein näheres Eingehen auf diese Facette seiner Persönlichkeit zu verbieten. So findet sich auch der Schlussakt dieser Geschichte in Heuss Biographien nicht; und dennoch verrät der Auftritt des Bundespräsidenten neben staatsmännischer Noblesse und pädagogischer Finesse eine für deutsche Verhältnis seltene Leichtigkeit, die nicht zum kleinsten Teil den Erfahrungen zu danken war, die Heuss als Publizist und Public Relations Fachmann fast seit Beginn des 20. Jahrhunderts gemacht hatte. Der Chronist berichtet von der denkwürdigen Abschlussveranstaltung am 20. Juli 1954 im Berliner Olympiastadion: „Mit Würde und Herzlichkeit wandte sich Theodor Heuss ohne vorbereitetes Manuskript in einer kurzen Rede an die Berliner und die ‚lieben anderen Gäste aus Deutschland. Sport ist nicht Politik, das wollen wir nicht vergessen.’ Zu der Weltmeisterschaftsmannschaft gewandt sagte Heuss: ‚Aus ihrem erfreulichen Sieg haben manche Leute ein Politikum gemacht. Wir wollen die echten Werte nicht verschieben lassen. Der Sinn des Sports ist Fairneß, und sie alle haben fair gekämpft, ebenso wie ihre Gegner.’ Eine Welle der Heiterkeit erfaßte 80 000 Menschen, als Theodor Heuss in seinem anheimelnden Schwäbisch sagte: ‚Der gute Bauwens meint offenbar, gutes Kicken ist gute Politik. Und ich habe auch gelesen, Turek sei ein Fußballgott. Ich glaube, er ist ein guter, zuverlässiger Spieler und soll das auch bleiben.’ Deutlich war durch den Lautsprecher zu hören: ‚Nicht wahr, lieber Bauwens, Sie nehmen mir das nicht übel.’ Nur nach mehrmaligem Ansetzen konnte sich der Bundespräsident in dem Beifallsorkan wieder Gehör verschaffen. Er ermahnte seine Zuhörer, ‚in dieser alten und kommenden Hauptstadt Deutschlands alles unter dem großen vaterländischen Aspekt, der Zerrissenheit Deutschlands, zu sehen und dann wollen wir diese frohe Feierstunde beschließen mit den Worten: Einigkeit und Recht und Freiheit.’ Theodor Heuss sprach den Text der Nationalhymne, den ganzen dritten Vers des Deutschland Liedes laut ins Mikrophon, bevor die Menge stehend die Nationalhymne sang. Diesmal gab es keinen, der den Text verwechselte.”

Peco (der abgemahnte) Bauwens und Theodor Heuss

Peco (der abgemahnte) Bauwens und Theodor Heuss

Theodor Heuss’ zeremonienmeisterliche Vorstellung stellte nicht nur den Präsidenten des Deutschen Fußball Bundes auf die elegante Art ins Abseits, es war zugleich eine ins Überdimensionale gesteigerte Unterrichtsstunde für 80 000 Menschen, denen nach alter Schulmeistermanier ‚Lernen durch Wiederholen’ die richtige Strophe des Deutschlandliedes vorexerziert wurde. Und nicht zuletzt war die Berliner Inszenierung ein Musterbeispiel dafür, dass es sehr wohl Mittel und Wege gab, das eigene Gesellschaftssystem propagandistisch wirkungsvoll ins Licht zu setzen, ohne sich gleich den Vorwurf einzuhandeln, Propaganda zu machen. Denn auch »die lieben anderen Gäste aus Deutschland« nahmen ja sehr wohl wahr, was da der siegreichen Fußballmannschaft vom Bundespräsidenten mit warmen Worten überreicht wurde: neben dem Silberlorbeer die Nachbildung der Freiheitsglocke.

Musterhaft spiegelte die gekonnte und gleichwohl artige Handhabung der Freiheits Symbolik auch die Veränderungen im politischen Geschehen: Längst war die Bundesrepublik auf dem Weg zurück in den Kreis der westlichen Nationen, ihre NATO Mitgliedschaft stand kurz bevor. Insofern war der Gewinn der Weltmeistertitels mentalitätsgeschichtlich verstanden 1954 schon die vorweggenommene Souveränität der Bundesrepublik.

Dass das Ereignis zugleich zu einer Bewährungsprobe für die Nationalhymne wurde, geriet selbst für den Bundespräsidenten zu einem Lehrstück. Er selbst war es ja gewesen, der sich ja gegenüber Konrad Adenauer für eine ganz neue Nationalhymne eingesetzt hatte , „da die Deutschen in ihrer Mehrheit nicht davor gefeit seien, wieder nationalistischen Stimmungen zu verfallen.” Allerdings habe er „Traditionalismus und Beharrungsvermögen” unterschätzt - Heuss’ endgültige Entscheidung für das abgewandelte Deutschland Lied mag in dieser Feierstunde gefallen sein als der - auf unabsehbare Zukunft hin - einzig tragfähige Kompromiss.

Epilog des Quizmasters

Dennoch gehörte der ‚neue’ Text der alten Hymne noch längst nicht zum Bewusstseinsbestand. Ein gutes Jahr später, am 13. Juli 1955, „strahlte der NWDR das damals sehr beliebte Quiz ‚Wer gewinnt?’ aus. Der Quizmaster, Hans-Joachim Kulenkampff, stellte den drei Kandidaten aus drei Städten die Frage nach dem Text der dritten Strophe des Deutschland Liedes. Keiner wusste ihn; ein Kandidat, ein Lehrer, meinte: ‚Deutscher Wein und deutsche Frauen’”. Obwohl Kulenkampff die quittierende Lachsalve des Publikums nicht abdämpfte, sogar mitlachte, offenbarte die Antwort doch den Geist der Zeit. Nicht der Einheitsgedanke bestimmte das Alltagsbewusstsein, sondern der Glaube an das Markenprodukt Deutschland bei völliger Nichtwahrnehmung seines östlichen Teils.

Die wissenschaftliche Fassung inkl. aller Fußnoten und Zitatbelege finden Sie in dem Buch “Elf Freunde müsst Ihr sein!. Einwürfe und Anstöße zur deutschen Fußballgeschichte”, ebenso in Gries/Ilgen/Schindelbeck “Ins Gehirn der Masse kriechen!” Werbung und Mentalitätsgeschichte, S. 74-91.

Eine poetische Installation der Heimkunft der Weltmeister finden Sie hier.

Die Fußball-WM 1954 als integraler Bestandteil unserer großen Erzählung vom “Wie wir wurden, was wir sind” finden Sie hier  (insbes. S. 64ff.)

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Donnerstag, 13. Mai 2010 18:49
Themengebiet: Fußball-Ansichten