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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Zwischen Wirtschafts- und Raketenwunder (Teil 1)

Zwischen Wirtschafts- und Raketenwunder (Teil 1)

Vom Sängerstreit über den Stacheldraht

© 1994 Dirk Schindelbeck

1. Soviel Zukunft war nie

Am 1. Januar 1959 schreibt der Zukunftsforscher Robert Jungk: „Mir scheint, es ist nun an der Zeit, in ,Richtung 2000′ zu streben, worunter ich die Neuerweckung der sozialen Phantasie und eine Wiederkehr der sozialen Hoffnung verstehe. Ein erster Schritt in diese Richtung scheint mir die Ausarbeitung von Modellen zu sein, in denen die Wünsche unserer Generation sich mit dem neuen Wissen und dem neuen Können vereinen, um Leitbilder des Kommenden zu finden.”

Robert Jungk ist gewiss nicht der Zeitzeuge, dessen Urteile schon durch zu viele Euphemismen aufgefallen wären. Was veranlasst ausgerechnet ihn 1959 dazu, zum kühnen Zielpunkt seiner Zukunftsvision das noch weit entfernte Jahr 2000 zu machen und nicht etwa 1965 oder 1970? Woher nimmt er seinen Glauben, sein Jahrtausendgefühl? Offenbar ist er- und nicht nur er - zutiefst von Vertrauen und Zuversicht auf „das neue Wissen und das neue Können”, das die Zeit in sich trägt, erfüllt. Das Projekt der technischen Moderne schien Ende der fünfziger Jahre ja auch längst keine Utopie mehr, der Sieg des Menschen über die Natur eine unbestreitbare Tatsache und eine positive dazu. Das Gesicht der Epoche hatte sich als wissenschaftlich-technisches gezeigt - in ziemlich klaren Konturen. Zumindest dieses Fundament schien gelegt und Sicherheit zu geben. Unabsehbar zwar, aber doch in gewissem Sinn überschaubar schien die wissenschaftlich-technische Weiterentwicklung; große qualitative Sprünge waren vorerst kaum zu erwarten, eher graduelle Steigerungen. Umso mehr drängte sich da doch die Notwendigkeit auf, angesichts so gewaltig gestiegener Machtmittel der Menschheit, alle Energie unverzüglich auf das Jahrhundertprojekt der sozialen Umgestaltung zu lenken.

Nicht immer zeigt sich die Zukunft so zugänglich und verheißungsvoll wie Ende der fünfziger Jahre, nicht immer bietet die Gegenwart jene Sicherheit, ein Zukunftsvertrauen zu produzieren, auf dem sich so schwungvoll ,.Modelle” als „Leitbilder des Kommenden” entwerfen lassen. „Wenn aber die Zukunft thematisch wird,” so Günter Dux, „folgt sie auch der Logik, über die die Zeit gebildet ist.” Und er führt weiter aus: „Die Zukunft kann deshalb die Bedeutung einer Helferin bekommen: Man kann von ihr erwarten, dass sie eingeleitete Entwicklungen auch herbeiführt. Das führt umgekehrt auch dazu, dass man die Entwicklungen rechtzeitig zu erfassen suchen muss, um mit dem eigenen Handeln in die Entwicklung der Dinge einsteigen zu können.” (zur Funktion des Modells als Zukunftsentwurf)

Jede Ortsbestimmung einer Gegenwart entwickelt sich immer auch als Komposition aus Vergangenheitsbildern und Zukunftsvisionen. Im Zeithorizont des Jahres 1959, wo das ,Neue’ so eindeutig dominiert, sind die Gewichte freilich deutlich zugunsten der Zukunftserwartungen verschoben. Doch wohin wird die Fahrt gehen? Welche Visionen werden sich einlösen, und wessen? In welcher Form kündigt sich dieser Vorschein von Zukunft im deutsch-deutschen Alltag an - vor dem Hintergrund von Berlin-Krise und Kaltem Krieg? Wie sehen die „Leitbilder des Kommenden” in diesem Jahr aus, wie kommunizieren sie - oder besser: wie werden sie kommuniziert?

2. Wirtschaftswunderlyrik

,Modern’ und auf der Höhe der neuen Zeit lebt beispielsweise die westdeutsche Familie Leberecht. Ab 1958 tritt sie, für eine Reihe von Elektroprodukten der Firma Bosch werbend, in den Anzeigen der bundesdeutschen Tages- und Illustriertenpresse auf:

„Neues von Leberechts

Kinder, ist das eine Freude
unser Kühlschrank wird gebracht!
Leberechts sind aus dem Häuschen,
selbst klein Stups hilft mit und lacht.

Während Klaus, der naseweise,
gleich die Kostbarkeit enthüllt,
kann Mama es noch nicht fassen,
dass ihr Traum sich jetzt erfüllt.

Nur die Nachbarn stell’n sich neidisch
zu der Neuerwerbung ein:
gar ein Bosch, da sieht man ‘ s wieder -
stets muss es das beste sein.”

Der Kühlschrank kommt... Anzeige von 1958

Der Kühlschrank kommt... Anzeige von 1958

In seinem Buch „Die Entdeckung des Verbrauchers” geht Hanns W. Brose, Inhaber der mit dieser Anzeigenkampagne betrauten Werbe- und Public Relations-Agentur auch auf das dieser Kampagne zugrunde liegende Kommunikationskonzept ein. In dieser Familie repräsentierten sich „Typen (…), mit denen sich die Mehrzahl der Leser vorbehaltlos identifizieren kann - vielleicht gerade deshalb, weil sie ihre kleinen menschlichen Schwächen nicht verbergen. Die Leberechts sind stolz auf die Anschaffung ihres BOSCH- Kühlschranks, sie registrieren den Neid der Nachbarn… Es ist eben alles so, wie man es im Alltag erlebt.”

Doch dieser vom Wohlstand aufgehellte Alltag ist ebenso märchenhaft wie ,wundervoll’. Als Anwender der technischen Moderne haben auch Leberechts die Höhe der Zeit erreicht. Das bedeutet, dass sie auch sozial den Aufstieg geschafft haben. Doch nicht allein das Personenensemble bietet ein Identifikationsangebot, die Szene selbst ist es in ihrer zeitlichen Signatur nicht minder. Über Jahre hin eisern erspart und sprachlos geblieben, darf sich jetzt im Kühlschrankadvent etwas entladen: der Sieg über die Vergangenheit. Im Einzug des neuen Gerätes ins Haus wird er ganz zur Erzählung, stellt er sich noch einmal dar als die wunderbare Geschichte von der Einlösung des großen Konsumversprechens, das am Tage nach der Währungsreform mit dem Blick in die gefüllten Schaufenster gegeben worden war. Schon deswegen kann es gar nicht irgendein Kühlschrank sein, der hier geliefert wird, sondern „er”, „unser” Kühlschrank, ein Meilenstein des Aufstiegs, ein Anschaffungsdenkmal, fast schon ein neues Familienmitglied. Nie wieder - das steht fest - werden die Leberechts in die kühlschranklose Zeit zurückfallen.

Alle Register der ihnen zur Verfügung stehenden Kunstfertigkeithaben die Verfasser der Anzeige gezogen, dieses Lebensgefühl graphisch und textlich zu inszenieren. Offenbar schien ihnen dazu nur die exquisiteste Textsorte geeignet: Lyrik. Nur als Konsumhymne meinten sie die seelische Intensität des Augenblicks festhalten und nach Art eines Albumblatts ausmalen zu dürfen. Das Hohelied auf Leberechts Kühlschrank ist freilich kein Einzelfall; ab Mitte der fünfziger Jahre grassiert in den Anzeigenteilen der bundesrepublikanischen Tages- und Zeitschriftenpresse die Wohlstandslyrik. Ob Mopeds oder Autos, Fernsehgeräte oder Spülmittel, Zigaretten oder Haarwasser: es gibt kaum ein Produkt, das nicht besungen wird (ausführlich hierzu: Konsumhymnen).

3. Alltag wie Poesie: Brave new world?

Sowohl die historische als auch die literaturgeschichtliche Forschung hat sich bislang noch nicht darum gekümmert, was gebundene Rede aus der Sichteiner semiotisch orientierten Geschichtswissenschaft des Alltags bedeutet. Wann greifen Werbeleute und Propagandisten zur versifizierten Botschaft und warum? Welches sind die sozialpsychologischen und mentalitätshistorischen Entstehungs- und Akzeptanzbedingungen von Propagandalyrik? Erbringen lyrische Texte besondere Kommunikationsleistungen, obwohl (oder gerade weil) sie von den Rezipienten ein so hohes Maß an Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen verlangen? Und wie ist schließlich mit solch hochverdichteten Texten seitens einer Geschichtswissenschaft des Alltags, die Werbung als Quelle und Zeitsonde begreift, umzugehen?

Entstehungs- und Akzeptanzbedingungen für lyrisch-euphemistische Kommunikationskonzepte sind Ende der fünfziger Jahre besonders günstig. Nicht nur für die fiktiven Leberechts materialisiert sich ja auf einmal das Heil per Warenbesitz; auch für viele Arbeiter und kleine Angestellte zieht der bundesdeutsche Alltag zunehmend als phantastisches und gleichwohl oft schon erreichbares Konsumangebot vorbei. „Mach mal Pause”, „Genuss ohne Reue”, „Schöner leben”, „Keine Experimente”, „Haste was, biste was” lauten die Maximen, die den Mentalbestand der späten fünfziger Jahre ausdrücken. Waren sind es, die zu funkelnden Ästhetisierungs- und Kultivierungsmitteln der privaten Lebenssphäre aufsteigen und Millionen von Lebensplänen Ziel und Inhalt geben.

Da der Konsum noch weithin Ereignischarakter hat, scheint nüchterne Prosa überfordert, dieser Lebensqualität Ausdruck zu verleihen. Hochgefühle wollen als Sprachfest inszeniert sein. Als Lobeshymnen auf das Projekt eingelösten Versprechens vom besseren Leben sind Werbegedichte aber immer auch heimliche Lehrgedichte. ,Konsum ist Kultur’ lautet ihre Botschaft; so helfen sie, Scham vor so manch neuem Konsumwunsch abzubauen, Mut zum Konsum zuzusprechen und im Verbraucher ein Bewusstsein von Anschaffungskultur aufzubauen. Als sprachliche Wohlklangsysteme erzeugen sie Wohlgefühl und machen glauben, dass auch die in ihnen dargestellte Wirklichkeit eine stimmige sei oder werde: aufgerufen wird die Zeitgenossen- und Zeitzeugenschaft an der gerade stattfindenden Steigerung der Wirklichkeit in Richtung auf eine bessere und schönere Welt hin. Umgekehrt wird das Neue und Phantastische aus der Welt der Warenwunder kodiert und auf die Kommunikationsebene des Konventionellen und Traditionellen heruntertransformiert. Vorherrschend ist ja der rückwärtsgewandte, heimelig-idyllische Ton und die Regression im Formalen. Doch damit werden, aus der Alltagsperspektivik der späten fünfziger Jahre heraus, durchaus notwendige Kontrollleistungen erbracht: Werbeverse stellen die Welt der Warenwunder ,auratisch’ dar und bewältigen sie doch zugleich. In ihnen synthetisieren sich die Paradigmen des Zeitalters ,Konsum’ und ‚Disziplin’ zur bald „formierten Gesellschaft” Ludwig Erhards und eines „motorisierten Biedermeier” im Sinne Erich Kästners. (zum Begriff des Wirtschaftswunders)

4. Propagandistenlust

Doch nicht allein in Westdeutschland stehen die Menschen im Bann der Wunderaura der Warenwelt, erscheinen ihnen die Waren als Boten der neuen Zeit. Auch die offizielle Festschrift zum 10. Jahrestag der DDR konturiert den Inhalt des besseren als des moderneren Lebens und verleiht ihm sein materielles Gesicht: Kühlschrank, Fernseher und Kleinwagen gelten auch hier als die Indikatoren für die Bemessung des Lebensstandards. Denn man weiß auch in der DDR, dass letztlich nur eine geschlossene Warendecke die Bevölkerung auf Dauer zu gewinnen vermag.

Auch in der DDR trägt, spätestens seit der Abschaffung der Lebensmittelkarten im Mai 1958 und dem im Juli folgenden V. Parteitag, der Alltag zunehmend die Hoffnung auf ein - auch im materiellen Sinne - besseres Leben. Der „baldige ,Sieg des Sozialismus”‘ war keineswegs nur eine parteiamtliche Leerformel, sondern implizierte durchaus auch die Einlösung eines großen Versprechens. Innerhalb dieses Hoffnungsszenarios spielte neben der ideologischen Formierung der Bevölkerung die ständige Verbesserung der Beeinflussungsmethoden eine entscheidende Rolle. Am 20. Februar 1959 fand in Ost-Berlin eine zentrale Agitations- und Propagandakonferenz statt, auf der Erfahrungen ausgetauscht und neue Inhalte und Methoden diskutiert und abgestimmt wurden. Gefordert wurde gar ein „neuer Arbeitsstil in der politischen Massenarbeit.” In seinem Schlussvortrag zog Albert Norden, Vorsitzender der Kommission für Agitation beim ZK der SED, eine geradezu euphorische Bilanz. Wie die Volkswirtschaft selbst, so seien auch auf dem Gebiet der ideologischen Durchdringung der Bevölkerung gewaltige Fortschritte erzielt worden. „Man kann nicht emphatisch genug das Wort ,neu’ unterstreichen,” ruft er den Delegierten zu. Selbst die Basis sei jetzt ganz vom neuen Geist der sozialistischen Moral durchdrungen: „Das ist doch das besonders Gesunde unserer Entwicklung, dass es von unten kommt und dass dann die Dinge auf Bezirksebene oder auf der staatlichen Ebene weiter verbreitet und verallgemeinert werden.” Freilich komme es für den Agitator immer darauf an, den richtigen Ton in „herzlichen Gesprächen mit den Werktätigen” anzuschlagen. Die große epochale Umwälzung, wie sie zur Zeit in der DDR stattfände, beginne jetzt sogar schon in die Bundesrepublik hineinzuwirken, so dass „wir durch die Erfüllung der ökonomischen Hauptaufgabe die Menschen der Republik fest an die Partei und die Regierung scharen und gleichzeitig die Menschen Westdeutschlands von ihrer Regierung loslösen und diese Regierung dann isolieren, weil sie den Krieg will…” Selbstbewusst verweist Norden auf die ökonomische Grundlage des neuen und so erfolgreichen Gewinnungskonzeptes: „Wir begannen am 1. Januar mit der starken Reispreis-Reduzierung. Es folgte im Februar die Ermäßigung der Preise für Margarine und Zucker.” Diesem gewaltigen Wirtschaftsaufschwung stehe das täglich sich verschärfende Wirtschaftschaos in Westdeutschland gegenüber: „An der Ruhr liegen heute 15 Millionen Tonnen Kohle auf Halden. Jetzt steckt die Krise auch die Stahlindustrie an, und die Kurzarbeit, die Entlassungen greifen auch dort, ebenso wie in der Fahrzeugindustrie und der Textilindustrie um sich, während bei uns z. B. im Januar 1959 die Walzstahlproduktion das höchste aller Monatsergebnisse hatte, die wir jema1s gehabt haben… Was bedeutet das alles für unsere Agitation und Propaganda? …Wir haben in den letzten Jahren einen Sprung von Jahrtausenden getan und tun ihn noch. Wir haben es doch eigentlich leicht, Genossen, weil das Leben unsere Theorie auf der ganzen Linie bestätigt. Wir propagieren in der Tat die herrlichste Sache der Welt. Also ist es eine Lust, heute Agitator und Propagandist zu sein…”

Kohlekrise vs. Aufbaumythos

Kohlekrise vs. Aufbaumythos: Propagandaplakat von 1959

5. Singende Tonnenideologie

Albert Nordens Appell verhallte nicht ungehört. Eilfertig machte sich die Basis daran, im Vorfeld des ersten großen Staatsjubiläums der DDR, den neuen Stil in der Massenbeeinflussung an den ausgegebenen Parolen einzuüben und umzusetzen. Schon wenige Wochen später, im Frühjahr 1959, gehen auf den Höfen im Bezirk Leipzig Faltblätter in Form einer ausgestanzten Kuh um:

Die Papierkuh spricht...

Die Papierkuh spricht...

„Liebe Bäuerin, lieber Bauer!
Nicht viel mehr als achthundert Tage
verbleiben uns bis zur Lösung der ökonomischen Hauptaufgabe…

Die Westzone im Pro-Kopf-Verbrauch überhohl’n,
heißt: ständige Steigerung der Marktproduktion.
An Rindfleisch sind deshalb, so steht’s im Programm,
auf den Markt zu bringen je Hektar Nutzfläche 54,1 Kilogramm
und bis zum 10. Geburtstag der Republik
80 Prozent, für des Volkes Frieden, Wohlstand, Glück.

Herr Mais - Fräulein Rübe, das ist keine Frage,
bilden für’s Vieh die beste Futtergrundlage.
Sie brauchen aber gute Pflege,
dann steigern sich ihre Hektarerträge.
Noch eins, Bäuerin und Bauer: Vereint eure Kraft!
Durch gemeinsame Arbeit in der LPG wird alles geschafft.
Dann wiegt jeder Handschlag doppelt schwer für den Sozialismus.
So schlagen wir des Volkes Feind, den westdeutschen Militarismus.”

Die Botschaft der aufgeklappten Kuh...

Die Botschaft der aufgeklappten Kuh...

Angesichts des auch 1959 noch starken Widerstands vieler Einzelbauern gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft schien es den Propagandisten der Partei offensichtlich angebracht, eine mit so hohen Leistungsvorgaben einhergehende LPG-Werbung nicht nur sprachlich gefälliger zu verpacken - sondern die Botschaft hier noch einer psalmodierenden Papierkuh in den Mund zu legen.

Als funktionalem Teil innerhalb des propagandistischen Gewinnungskonzepts fällt dem Gedicht als Gedicht im Faltblatt eine spezifische Rolle und Aufgabe zu. Obwohl ganz „Verlautbarungslyrik” , ist es als ,Zukunftsmusik’ ausschließlich nach vorn auf das Soll und Werden gerichtet. Im Gegensatz dazu findet sich auf der gegenüberliegenden Seite unter der Rubrik „Der Landreporter berichtet” ein Stück Musterrealität von 1959: „Die LPG Güldengossa im Kreis Leipzig-Land hat einen 100-Hektarbesatz von 108 Rindern - davon 45 Kühe - erreicht, stop.” Dieser Nachrichten-Stil, der mit den Zeichen von Unbestechlichkeit und Wahrhaftigkeit arbeitet, impliziert: Wenn schon heute solch großartige (Produktions-) ,Siege’ möglich sind, wie erfolgreich wird dann erst die Zukunft sein? Mithin findet sich im gewählten Kontrast zwischen Prosa (= Gegenwart) und Lyrik (= Zukunft ) ein gestaltetes Verständnis von Zeit. Wie die Werbegedichte der kapitalistischen Privatwirtschaft des Westens als Konsumhymnen Gesänge vom sich einlösenden ,Aufstieg’ sein wollen, so sind die Propagandagedichte des Ostens stets der heraufziehenden Morgenröte des Sozialismus verpflichtet, dessen ,Sieg’ sie vorwegzunehmen suchen.

Freilich gestattet ein solches Propagandaprodukt auch Rückschlüsse auf Mentalität und Vorgehensweise der in den Parteiaktiven tätigen Propagandisten. Offensichtlich ermutigt vom Bitterfelder Weg zeigte jetzt auch ,die Basis’, dass sie in der Lage war, die ausgegebenen Losungen ,poetisch’ zu bearbeiten und so um „das Neue an Formen und Methoden der massenpolitischen Arbeit”, wie sich ein Kaderleiter äußerte, zu kämpfen verstand. Solange dem basalen Anforderungskriterium an alles Propaganda- und Agitationsmaterial, das in seinem „Inhalt konkret und anschaulich überzeugend” zu sein hatte, entsprochen wurde, schien sich die poetische Umsetzung zunächst ja sogar als reine Qualitätssteigerung zu empfehlen. Die absolute Autorität des unlängst (1958) verstorbenen obersten Propagandaverseschmiedes und Kultusministers der DDR, Johannes R. Becher, mag ein übriges dazu getan haben, um solche Verfahren zunächst zu sanktionieren.

Dass „Verlautbarungslyrik” aber die fatale Tendenz in sich barg, ernsthaft gemeinte Inhalte zu konterkarieren und ihrer werblichen Wirkung zu berauben, scheint im Laufe des Jahres 1959 auch in der Parteispitze zunehmend wahrgenommen worden zu sein. Im Frühjahr und so kurz nach Bitterfeld schien sich über solche Propagandainitiativen seitens der Propagandisten in den Parteiaktiven und Betrieben noch die Möglichkeit eines recht eleganten Arbeitsnachweises und einer großen Profilierungschance zu bieten. Und dem Argument, zu Merkversen gestaltete Parolen erregten doch bei der Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit und blieben in deren Köpfen doch auch viel besser haften, konnten übergeordnete Dienststellen -zunächst jedenfalls - nur schwerlich etwas entgegensetzen.

6 Von Raketen- und Retortenwunder

Anders als in der Bundesrepublik, wo die Konsumhymnen den Aufstieg des „Mittelstandes” vorabfeierten und immer nur heimliche Lehrgedichte im großen Anschaffungsplan waren, zerfällt die sozialistische Propagandalyrik in Belehrungsgedichte und Lobeshymnen. Dass dennoch trotz aller noch ausstehenden Produktionserfolge der sozialistische Alltag auch 1959 schon hymnenwürdig war, befand die Wochenzeitung ,Sonntag’, die im Sommer 1959 die „Ergebnisse der ersten Etappe unseres Preisausschreibens für Tanz und Unterhaltungsmusik” veröffentlichte. Die vorgestellten Beiträge hätten ,.alle Voraussetzungen, Schlager neuen Typs” zu werden. So zum Beispiel „Das ist das Tempo.”

Das ist das Tempo

Einst setzt’ man mühsam mit der Hand
beim Hausbau Stein auf Stein.
Heut schnappt der Kran sich Wand für Wand -
und morgen ziehst du ein.

Einst wurde mit Trompetenschall
die Dampfbahn eingeweiht -
Heut stehn zum Flug ins Weltenall
Raketen startbereit…

HO-Verkäufrin Helga stöhnt.
s’ist schwerer, als ihr denkt!
Hat man sich an den Preis gewöhnt,
Bums - wird er gleich gesenkt!

Refrain:
Das ist das Tempo der modernen Zeit,
ja, früher war man längst noch nicht soweit.
Heut geht’s im Siebenmeilenschritt,
und mancher kommt da nicht mehr mit.”

,Tempo’ ist Losung und Programm zugleich: es impliziert die mit dem Sputnik-Abschuss seit dem 4. Oktober 1957 mental angebrochene ,Raketenzeit’. Die die Erdanziehung elegant überwindende, steil aufsteigende und in das All zu neuen Ufern und Dimensionen vorstoßende Rakete leiht ihre Schubkraft auch dem Alltagsbewusstsein. Aufgehoben scheinen mit einem Mal die Grenzen von Raum und Zeit und einzig dem sozialistischen Weltbild zu dienen! Wie ein Alpdruck weicht die latent vermeinte Unterlegenheit gegenüber dem Westen, dem man jahrelang so aussichtslos hinterher gelaufen war - umso befreiender darf sich das Gefühl einer technologischen Überlegenheit ausleben, das westliche Wirtschaftswunder mithilfe des sowjetischen Raketenwunders so weit unter sich lassen zu können. So sieht es nicht nur die Zeitschrift ,Jugend und Technik’: „Die sowjetischen Raketentechniker bewiesen damit eindeutig ihre absolut führende Stellung auf diesem Gebiet. Unter Berücksichtigung der von ihnen für einen erfolgreichen Mondflug als notwendig erkannten Voraussetzungen ist es dann auch nicht mehr verwunderlich, dass die bisherigen amerikanischen Versuche in puncto Mondflug mit so niederschmetternden Ergebnissen endeten.”
Auch in Walter Ulbrichts berühmter Formel vom „Überholen ohne einzuholen!” der Bundesrepublik steckt die Vision von der aufsteigenden Rakete. In diese Mental-Logik fügt sich auch der bevorstehende Siebenjahresplan, immer wieder als „Sieben-Stufen-Rakete” mit der projektierten Zielankunft 1965 ausgegeben. Keineswegs war dies nur als Metapher gemeint, sondern unterstellte die völlig legitime Übertragbarkeit der in der Raketentechnologie verwirklichten naturwissenschaftlichen Exaktheit auf die ebenso „gesetzmäßig” voranschreitende Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung der sozialistischen Staaten schlechthin. Märchenhaft, aber wahr! - dieser Mentalbestand ist in den Äußerungen bis auf die Dorfebene hinunter immer wieder anzutreffen: „In Schönbrunn ziehen immer mehr Einwohner die Siebenmeilenstiefel des Sozialismus an.”

Schnell eroberten die Überlegenheitshymnen einen festen Platz in der Tages- und Illustriertenpresse der DDR. „Mit klarem Blick für die politische Situation haben unsere Schriftsteller, und mit ihnen, ganz spontan, auch Laien, das Sputnik-Thema aufgegriffen,” befand Manfred Häckel in der Zeitschrift „Junge Kunst” und erklärte die ,Sputnik-Literatur’ gleich zu einer neuen literarischen Gattung, deren Zweck es sei, der „Verherrlichung des kommenden kommunistischen Zeitalters” gebührenden Ausdruck zu verleihen! „Der Polemik gegen den Westen,” so konstatierte der Spiegel darauf, „der den Sowjet-Monden zunächst gar keine, später nur sehr viel leichtere Satelliten zugesellen konnte, haben sich die Lyriker mit besonderer Bravour angenommen.” Neben Johannes R. Bechers „Planetarischem Manifest” fanden sich etwa Kurt Barthels (Kuba) „Zwei stramme Sowjetsterne” oder Rudolf Bahros „Verse vom roten Stern”.

Wo aber fand sich der interplanetarische ,Sieg’ im DDR-Alltag wieder? Gab es eine Möglichkeit, das zum Überholen der Bundesrepublik notwendige Maß an Zukunftstechnologie DDR-intern zu erzeugen? Welcher volkseigene Industriezweig oder Betrieb konnte den Kunststücken der Sowjet-Raketen etwas ähnlich Spektakuläres entgegensetzen? Einzig im Zauberkasten der Chemie schienen sich jene Fortschrittswaffen finden zu lassen, die dem Raketen- mit einem hausgemachten Retortenwunder entgegentreten konnten. Nur die Chemie, so hieß es, könne der DDR-Volkswirtschaft die noch fehlenden Antriebskräfte geben, da sie mit dem geringstem Aufwand an Material und Mitteln ein maximales Produktionsergebnis einfahren könne. Und so heißt es in einem „Chemie-Lied”:

…”Der Faust hat seine Seel’ vermacht
für’n bißchen Hexerei. -
Wir hexen uns ein Kleid zur Nacht
aus Perlon - und sind frei! - …

Refrain:
Eins-zwei, eins-zwei und drei!
Ein Schwupp, ein Schwapp, ein Brei!
CO plus NH3 -
Wir alle sind dabei!…”

7 . Das große sozialistische Lehrgedicht

Selbstverständlich implizierten die Hymnen auf den technischen Fortschritt auch immer die Überlegenheit der fortschrittlicheren Gesellschaft, wenngleich deren Entwicklung erst am Anfang, in der „Endphase der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus” wie die offizielle, Geschichte der DDR vermerkt, zu stehen schien. Doch überall seien neue gesellschaftliche Kräfte erstanden, wie die Jugendkomplexbrigade ,Nikolai Mamai ‘ aus dem VEB Elektrotechnisches Kombinat Bitterfeld. Am 3. Januar 1959 rief sie dazu auf, „den sozialistischen Wettbewerb unter der Losung ,Sozialistisch arbeiten, lernen und leben’ zu führen.” Um sich den Impuls der Jugend zunutze machen, ihn aber auch frühzeitig kontrollieren und in eine von oben angeleitete Massenbewegung umbiegen zu können, hatte „das Zentralkomitee der SED …im Januar 1959 beschlossen, diese neue Bewegung nach Kräften zu unterstützen. Das verlangte von SED, FDGB und FDJ eine intensivere ideologische Arbeit bei der Erziehung zur sozialistischen Arbeitsmoral.” In den Betrieben und Parteiaktiven arbeiteten die Propagandaspezialisten Broschüren, Flugblätter und Sichtagitationsmaterial zum Thema aus. Eine solche Broschüre mit dem Titel „Nachmachen selbstverständlich” wurde - in einer Auflage von 50.000 Stück - im Juni 1959 an die Brigaden in den Betrieben im Bezirk Leipzig verteilt:

Nachmachen selbstverständlich

Unser Siebenjahresplan
fängt mit Raketentempo an.
Für unsren Sieg wir alles geben,
deshalb sozialistisch arbeiten, lernen. leben!

„Wie fange ich”, fragt Meier Krause,
„die Arbeit sozialistisch an?”
„Sehr einfach,” sagt zum Meier Krause,
„wir stell’n das ,Wir’ ganz vorne dran.”

Meier ging ein Lichtlein auf,
was nützt ihm Egoismus;
allein für sich baut er nicht auf,
Gemeinsamkeit schafft Sozialismus.

Und eines Tages war’s so weit
sie kämpfen um den Titel.
Nicht einer, alle sind bereit:
Sozialistisch arbeiten heißt das Mittel!

Krause sagt: „Kollegen, was wir brauchen,
ist ein gut durchdachter Plan.
Überlegt mit, wie man bis Oktober
80 Prozent erfüllen kann.

Das A und O zum Vorwärtsstürmen
ist die Steigerung der Arbeitsproduktivität.
Verlustzeiten werden bald verschwinden,
weil sie es machen, wie’s ihnen Seifert rät

Krause spricht: „Mit Pünktlichkeit
das Wirtschaftsrad sich schneller dreht.”
Meier, der kapiert und kommt
auch ohne Uhr nicht mehr zu spät.

Und die neue Arbeitsdisziplin
setzt sich durch, weil er begreift:
durch die Arbeiter-und-Bauern-Macht
werden Schlotbarone eingeseift…

Mit dem Paul will’s gar nicht klappen,
er hängt sehr am alten Zopf;
alles will allein er machen,
rennt sich fest mit sturem Kopf.

„Paule,” spricht das Kollektiv,
„wir woll’n nicht auf Dich verzichten!
Wir helfen Dir mit Rat und Tat,
woll’n unsre Arbeit besser noch verrichten.”

Die neue Technik voll zu meistem -
das merkten sie sehr bald -
das ist nur zu schaffen,
wenn sozialistisch lernen jung und alt.

Dreher Fritz, dem leuchtet’s ein,
und er studiert mit Energie,
was ihm morgen nützen kann:
die Grundbegriffe der Chemie.

Krause, stets bereit zu guten Taten,
meint zu Oberingenieur Fritz Lang:
„Kommen Sie in die Brigade, es geht schneller,
wenn wir ziehn an einem Strang!”

Jetzt wird gemeinsam die Produktion beraten:
Arbeiter und Intelligenz vereint.
So entstehen neue Taten,
und Hindernisse werden aus dem Weg geräumt.

Frau Meier kommt auf die Idee
(und von da aus zum Entschluss):
„Ich schaffe im Betrieb jetzt mit,
weil’s so noch schneller vorwärts gehen muss.”

In unsrem Staat geht’s gut voran,
in Stadt und Land wir besser leben.
Auch die Höhen der Kultur erstürmen
ist der Brigade ernstes Streben.

Meier, welcher bisher meist gelesen
den üblen Schmöker „Kunigundes Fluch”,
greift jetzt auf Empfehlung der Brigade
zu einem wirklich guten Buch.

Drum, vorwärts geht’s und nicht zurück,
wer länger wartet, bleibt zurück!
Für Wohlstand, Frieden, Glück
deckt alle mit den Tisch der Republik.

Dem Volke und dem Frieden nutzen,
das Neue fordern, nach ihm streben,
heißt: sozialistisch arbeiten, lernen, leben.”

Das große Lehrgedicht über den neuen Geist des Sozialismus hebt sich durch seine moderaten Töne angenehm von den oben zitierten Propagandaprodukten ab. Ganz auf die Binnenkommunikation der DDR zugeschnitten, verarbeitet der Text zwar pflichtgemäß alle Losungen im Vorfeld des 10. Jahrestages der Republik, doch ist er kaum von Polemik (abgesehen von den „Schlotbaronen”, Ulbrichts Lieblingsausdruck zur Bezeichnung des kapitalistischen Klassenfeindes) noch von geschwollenem Siegespathos durchsetzt.
Trotz der obligatorischen Referenzen an Raketen- und Chemiemythos regiert der neue, leichte Stil die Aussagen, und in durchaus humorvoll angelegten Strichfiguren wird das Thema zur sinnlichen Anschauung gebracht und personengebunden vorgeführt. Dabei fällt den Versen innerhalb des Text-Bild-Ensembles die pädagogische Aufgabe zu, sowohl die Einsichten des allwissenden Erzählers zu vertreten als auch die handelnden Strichfiguren zu den „richtigen Auffassungen” hinzuleiten. Dass die Broschüre so deutliche Anleihen bei der populären, ‚westlichen’ Comic-Literatur macht, darf für DDR-Verhältnisse durchaus als kühn bezeichnet werden und mag die Propagandisten als „Neuerer” auf ihrem Gebiet ausgewiesen haben.

Anhand einer Modellbrigade wird vorgeführt, wie der neue Geist des sozialistischen Arbeitens, Lernens und Lebens um sich greifen soll. Indem das Gedicht eine Brigade als Sozialkörper beschreibt, nimmt es gleichsam an deren Arbeitsalltag teil und versucht, über den Protagonisten und Aktivisten Krause („stets bereit zu guten Taten”) seine Botschaft lebendig zu gestalten und zur Resonanz zu bringen. Erste Adressaten sind die vielen Meiers in den Betrieben, leidlich gute Werktätige zwar, denen es aber noch häufig an der notwendigen Arbeitsmoral und -disziplin mangelt. Zuspätkommen und Schlendrian während der Arbeitszeit bestimmten auch 1959 in vielen Betrieben den Alltag. Die noch unausgeschöpfte Arbeitskraft volkswirtschaftlich erschließen zu können, stellte aber nur zum kleineren Teil eine organisatorische („gut durchdachter Plan”, „Seifert-Methode”), zum größeren Teil eine psychologische Aufgabe dar. Denn während der Musterbekehrungskandidat Meier die „Wir”- Ideologie schnell zu seiner persönlichen Sache macht und an sie glaubt („was nützt ihm Egoismus?”), zeigt sich der Eigenbrötler-Typ Paul mit Verbissenheit dagegen resistent. In dieser Figur konzentriert und symbolisiert sich der psychische Widerstand, den die Agitatoren und Propagandisten in den Betrieben nicht selten vorfanden, und der ohne die Mithilfe der Brigade selbst („Paule, spricht das Kollektiv…”) nicht zu überwinden war.

Der Bereich des sozialistischen Lernens und Lebens, wie er in der zweiten Hälfte des Gedichts vorgeführt wird, ist dagegen ein von solchen Auseinandersetzungen noch wenig belastetes Zukunftsprojekt. In der Tat lagen die Hoffnungen auf große Innovations- und Produktivitätsfortschritte auf den neu eingeführten Formen innerbetrieblicher Zusammenarbeit („Produktionsberatung”; „Arbeiter und Intelligenz vereint”), Weiterbildungsprogrammen sowie der verstärkten Mitarbeit der Frauen in den Betrieben. Das sozialistische Leben schließlich sollte ein ethisch höherwertiges, reicheres und erfüllteres Leben sein, das der Arbeiterklasse auch die Möglichkeit aktiver Teilnahme am Kulturleben („die Höhen der Kultur erstürmen”) ermöglichen sollte. Es ist aber bezeichnend, dass das Gedicht mit der Formel „für Wohlstand, Frieden, Glück” und dem - ganz materiellen - Blick in das HO-Schaufenster schließt.

In einer zentralistisch geführten Gesellschaft steht kein Propagandaprodukt für sich allein. Dieser Broschüre kam die Aufgabe zu, unmittelbar am Arbeitsplatz zu wirken und vor Ort die Diskussion zu führen. In ihrer Wirkung unterstützt wurde sie dabei von den Printmedien der DDR, die mit ihren Mitteln versuchten, die neue Losung massenwirksam zu verbreiten. Doch es zeigte sich schnell, dass „sozialistisch arbeiten, lernen und leben” große Kommunikationsprobleme in sich barg und so gut wie wirkungslos blieb, solange der Formel kein konkretes Beispiel an die Seite gegeben wurde. So stießen die Agitatoren in den Betrieben bei der Verkündigung des neuen sozialistischen Geistes nicht selten auf Schwierigkeiten: „Wir sind zu einer Jugendbrigade gegangen. Als wir den Mädeln dort die Frage vorgelegt haben, was sie sich unter sozialistisch leben vorstellen, war es sehr schwer, darüber eine Diskussion in Gang zu bringen. Das war bei dieser abstrakten Fragestellung auch gar nicht anders möglich.” Zuweilen schlug ihnen auch Unwillen, ja Widerstand entgegen. Genosse Genzen aus Meißen: „Die Schmelzerbrigade (…) war zwar bereit, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt anzuwenden, einen Planvorsprung herauszuholen, um die Seifert-Methode zu kämpfen und gegen Bummelstunden anzugehen. Dann kam jedoch das große Aber, um das die Kollegen herumdrucksten. ,Das ist alles ganz schön und gut,’ sagten sie, ,wenn das nicht so mit dem sozialistischen Leben wäre.’ Unter sozialistisch leben verstanden sie, dass nun keiner einen Tropfen Alkohol trinken, nicht mehr rauchen und auch nicht mehr tanzen gehen dürfe. Wir haben ihnen gesagt, dass eine solche Ansicht Unsinn sei und dass die Planerfüllung, die Seifert-Methode, der technische Fortschritt, der Kampf gegen Bummelstunden ja das neue sozialistische Leben sei. ,Dann sind wir ja schon ein sozialistisches Kollektiv’ war jetzt die Meinung der Brigade. Nun mussten wir ihnen erklären, dass das noch nicht der Fall sei, sondern dass sie erst im gegenseitigen Erziehungsprozess ein sozialistisches Kollektiv werden, d.h. wenn alle Mitglieder der Brigade bewusst nach den Gesetzen der sozialistischen Ethik und Moral handeln. Die Kollegen haben dann zu dem einen gesagt: ,Mein Lieber, wenn du jetzt noch weiter so trinkst, werden wir dir ganz schön was erzählen.’” In diesem Fall übernahmen die Kollegen - glaubt man den Propagandisten -, deren Aufgabe: den Unwilligen erfolgreich unter Druck zu setzen, indem seine „falsche” und „kleinbürgerliche” Lebensweise vor der ganzen Brigade an den Pranger gestellt wurde.

Das Propagandagedicht über die neue sozialistische Arbeits- und Lebensqualität ist aber nicht zuletzt auch ein Gedicht über beschleunigte und verdichtete Zeit, werden doch die jeweils mehrfach auftauchenden Signalwörter „vorwärts” und „schneller” so gebraucht, als seien sie selbst schon Qualitäten. Frau Meier, wie ihr Mann eine ideale Bekehrungskandidatin, akkumuliert sie noch zur Sentenz: „weil’s so noch schneller vorwärts gehen muß.” Dies freilich ist nichts als der Wunsch der Partei.

Doch aus den werktätigen Massen ließen sich nicht massenhaft Aktivisten rekrutieren. Das kühne Projekt des sozialistischen Arbeitens, Lernens und Lebens verlangte der Bevölkerung auf Dauer zu viel an Idealismus, Kreativität und wohl auch Willigkeit ab. Dem so euphorisch begonnenen Produktionswettlauf mit dem Westen folgten letztlich zu wenig und zu schlechter Ausstoß. Und schon ein halbes Jahr später machte die weitaus nüchterner gehaltene Formel von der „Sozialistischen Rekonstruktion” die Runde. „Sie besteht”, so erklärte Walter Ulbricht in umständlichem Parteideutsch, „in der Zusammenfassung der Herstellung gleicher oder gleichartiger Erzeugnisse oder wichtiger Bestandteile in einem Betrieb beziehungsweise in einer möglichst geringen Zahl von Betrieben, die den relativ geringsten Aufwand an Investitionen, Material und Arbeit, das heißt eine hohe Produktivität gewährleisten.”

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Montag, 15. Juni 2009 8:49
Themengebiet: DDR-Geschichten