Einübungen in die Gebrauchsgraphik
- Liebesgabenpakete für die Truppen im Felde 1870/71
© 2009 Dirk Schindelbeck
Als im Herbst 1870 abzusehen war, dass sich der deutsch-französische Krieg länger als vorgesehen hinziehen sollte und die Truppen in Frankreich würden Weihnachten feiern müssen, regte sich zuhause der Wunsch, den „Feldgrauen” durch Liebesgabensendungen Dankbarkeit und Verbundenheit zu bezeugen. Für Berlin organisierte der „Berliner Hülfsverein für die deutschen Armeen im Felde” unter General Karl Emil von Webern diese Transporte. Auch der „Verein Berliner Künstler” stellte sich in den Dienst der nationalen Sache, indem er - seinerzeit überaus ungewöhnlich - elf seiner Mitglieder zur Herstellung von 22 Packungen für die Hauptarten von Sachspenden aus der Bevölkerung veranlasste.
Wie die bildenden Künstler ihre Aufgabe lösten, geriet zu einem Dokument früher Einübung in Sprache und Technik der Gebrauchsgraphik, als es diese noch nicht einmal vom Namen her gab. Denn mit Ausnahme von Ludwig Burger (1825-1884), dem bekannten Fontane-Illustrator, der schon Aktien gestaltet hatte, war keiner von ihnen gebrauchsgraphisch tätig gewesen. Carl Scherres (1833-1923) und August Haun (1815-1897) etwa kamen von der Landschaftsmalerei her, Hermann Scherenberg (1826-1897) und Gustav Heil (1826-1897) waren von Haus aus Karikaturisten, Otto Brausewetter (1835-1904) galt seit seinem Kolossalgemälde „Yorcks Ansprache an die preußischen Stände” als ausgewiesener Militärmaler.
Nun sollten Pakete und Kartonagen künstlerisch aufgehübscht werden, deren Inhalt aus so profanen Gegenständen wie Hosenträgern und Kerzen, Seifen und Kämmen, Rum oder Branntwein, Feuerzeugen oder Tabak bestand. Die beteiligten Künstler begriffen das offenbar als Auftrag zur Ausschmückung.
Und für sie lag es nah, sich des gesamten Fundus der im 19. Jahrhundert in Geltung stehenden Formen bildender Kunst, vom Genrebild bis hin zu Bilderbögen- und Moritaten-Traditionen zu bedienen. Noch völlig unbekannt erscheint dagegen das Prinzip der später die Gebrauchsgraphik so dominierenden Reduktion; hier ist noch alles dekorativ, detailverliebt, bildhaft-realistisch und voller Allegorien. Immer wieder regiert derber, zuweilen an Wilhelm Busch erinnernder Humor, vermischt mit einer großen Portion Hurra-Patriotismus.
Da erscheint der Weihnachtsmann in Gestalt der Berliner Bären mit dem wenig christlichen Wunsch: „Na Jungens sauf qui peut! Nur immer feste dem Trochu auf die Weste!” Auf einer anderen Zeichnung gibt eine Kiste ihren Inhalt dadurch zu erkennen, dass ein große Maschinengewehr („Weihnachtsmitrailleuse”) den ersehnten „Branntewein” gleich flaschenweise und direkt zu den Empfängern hinüberschießt.
Es fällt auf, das keiner der Künstler glaubte, ohne erklärende und zugleich „heitere” Verse auszukommen. Auch das verweist auf Wilhelm Busch, die Neuruppiner oder „Deutschen Bilderbogen für Jung und Alt”, für die ja viele dieser Berliner Künstler zur selben Zeit gearbeitet haben und die zwischen 1867 und 1873 in über 250 Folgen willkommene Belustigungen für das Massenpublikum boten.
Carl E. Doepler etwa gestaltet seinen Entwurf für eine Tabak-Sendung als Dialog: „Riecht sakrisch guet, Kamrad, I bitt di sehr, wo habt’s denn nur den Praechtgen Knaster her? - Na, ob er jut und billig obendrein, es schickt ihn aus Berlin der Hülfsverein! Nur Muth, er roocht sich gut!”
Noch kühner verfährt Adolf Lüben (1837-1905), der seine überaus realistisch gezeichneten Hosenträger zu einer ebenso rahmenden wie hübschen Girlande verknotet, nicht ohne auf deren Gebrauchswert beim siegreichen Einmarsch der Truppen in Paris abzuheben:
„Damit beim Einzug die Hosen propper sitzen, sind diese Hosenträger zu benützen!”


