Sprechende Antike

Eine literarische Reise nach Alexandria und Ephesus ins Jahr 270 vor Christus

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© 2007 Dirk Schindelbeck

„Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert…

lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir./ Ich befolge den Rat, durchblättre die Werke der Alten/ mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuß…” Mit diesen Versen lässt der wohl berühmteste deutsche Italienreisende, Johann Wolfgang von Goethe, 1786 seine Römischen Elegien beginnen. Wer heute eine Bildungsreise in den Mittelraum unternimmt, um sich die Stätten des klassischen Altertums anzusehen, hat in der Regel andere Lektüre zur Hand: Reiseführer, die ihm den Zugang zu den klassischen Stätten eröffnen, Sprachführer, die ihm Land und Leuten näher bringen wollen. Das Mitführen klassischer Werke und deren lautes Rezitieren vor Ort ist dagegen etwas aus der Mode gekommen. Und doch könnte es - bei der Auswahl der „passenden” Texte - so ergiebig sein. Im Folgenden soll einmal die Probe aufs Exempel gemacht und versucht werden, mit dieser Methode die alten Steine und stummen Gemäuer zum Leben zu erwecken. Das Verfahren bietet sich umso mehr an, da ja gerade Gymnasiallehrer den Mittelmeerraum besonders gern als Reiseziel wählen.

Syrakus, Ephesos, Alexandria

Dichtgesäte Spuren der Antike finden sich außer in Griechenland selbst auf Sizilien, an der kleinasiatischen Küste der heutigen Türkei, aber auch an der Nordküste Afrikas. Nehmen wir drei Orte heraus, die vor mehr als 2.000 Jahren den Rang von Weltstädten innehatten: Ephesos, Syrakus und Alexandria. Alle drei Orte besaßen in vorchristlicher Zeit einen natürlichen Hafen, was ihren Aufstieg zu Zentren des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens vorprogrammierte. Wie wichtig dieser Umstand war, wird am Beispiel Ephesos’ deutlich, dessen Hafen schon in der Antike zu versanden begann. Der Ort, heute neun Kilometer landeinwärts gelegen, schrumpfte schon im 7. Jh. n. Chr. wieder zu einem unbedeutenden Dorf. Anders zu Blütenzeiten in der vorchristlichen Antike: Zeitgenössische Quellen berichten von bis zu 300.000, ja 500.000 (freien) Einwohnern in jeder der drei Städte. Noch heute lässt sich deren einstiger Glanz erahnen: Gewaltige Amphitheater, die größten Bibliotheken der Antike und andere Bauwerke wie der berühmte Leuchtturm von Alexandria haben ihren Ruhm bis auf die heutige Zeit bewahrt. All das soll hier nicht weiter ausgeführt werden, es wird in jedem Reiseführer zur Genüge beschrieben. Um die stummen Zeugen dieser Ruinen zum Leben zu erwecken und sich den Alltag der Menschen zwischen diesen Mauerresten vorzustellen, seien im Folgenden zwei Stücke der Weltliteratur zu Rate gezogen.

Die Dichter Theokrit und Herondas

Ephesus und Alexandria sind mit gutem Grund hervorgehoben worden: sie sind der Schauplatz dieser beiden literarischen Miniaturen, die zwischen 270 und 260 v. Chr. niedergeschrieben wurden. Exaktere Angaben lassen sich nicht machen, schon deswegen nicht, weil auch für die Dichter selbst nur angenäherte Lebensdaten gegeben werden können. Es handelt sich um Theokrit von Syrakus und Herondas (wohl von Ephesos). Beide waren - immerhin soviel ist gesichert - Zeitgenossen. Theokrit wurde um 305 v. Chr. vermutlich in Syrakus geboren - zumindest bezeichnete er sich in einem Epigramm als „einen unten vielen Syrakusern”. Auch Herondas’ (auch in anderen Schreibweisen wie Herodas oder Herodes) Geburt lässt sich ungefähr auf 305 v. Chr. ansetzen. Wie Theokrit lebte auch er bis etwa 240 vor Christi Geburt. Gesichert ist ebenfalls, dass beide Dichter enge Verbindungen zur Insel Kos pflegten und Theokrit in seinen späteren Lebensjahren nach Alexandria übersiedelte. Am dortigen Musenhof Ptolemäus II. (genannt Philadelphos) begegnete er wohl auch dem großen Kallimachos (ca. 320 - 240 v. Chr.) und seinem Kreis. Es ist möglich, dass Theokrit auch Herondas persönlich gekannt hat; immerhin sind in dessen Werken Einflüsse Theokrits deutlich erkennbar.

Angemerkt sei noch, dass von beiden Dichtern Theokrit der mit Abstand berühmtere geworden ist, weil er als Begründer einer literarischen Tradition gilt, die sich über die ganze Welt verbreitet hat: die bukolische oder Schäferdichtung. In ihr treten zwei (oder mehrere) Hirten auf, die in einem „amöbischen Wettgesang” das unschuldige Leben auf dem Lande preisen und dabei zugleich ihre Liebeslieder präsentieren. Aus der Bukolik entwickelte sich im deutschen Sprachraum zur Zeit des Barock und Rokoko die literarische Gattung der Idylle. Noch Johann Wolfgang von Goethe (z.B. Hermann und Dorothea, 1797), Eduard Mörike (z.B. Die Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin, 1846) oder Thomas Mann (z.B. Gesang vom Kindchen, 1916) haben sie gepflegt. Theokrits Gedichte, von ihm selbst als Eidyllia („kleine Gebilde”) bezeichnet und damit zum Begriff geworden, wirkten schon in der Antike vor allem auf Vergil (insbesondere dessen zehn Eklogen sowie die Georgia, das Lehrgedicht vom Landbau).

Hellenistisches Zeitalter: ein historischer Abriss

Theokrit und Herondas sind typische Vertreter des hellenistischen Zeitalters, wie es nach der Definition des deutschen Historikers Johann Gustav Droysen (1808 -1884) in die Altertumswissenschaft eingeführt wurde. Als die hellenistische resp. alexandrinische Epoche wird nach Droysen die Zeit vom Regierungsantritt Alexander des Großen von Makedonien im Jahr 336 v. Chr. bis zur Einverleibung des letzten hellenistischen Reiches in das Römische Reich im Jahre 30. v. Chr. bezeichnet. Nachdem Alexander bei seinem berühmten Feldzug bis nach Indien vorgedrungen war und ein Weltreich begründet hatte, erhoben sich nach seinem Tod im Jahr 323 v. Chr. seine führenden Generäle zu lokalen Machthabern - die sogenannten Diadochen Ptolemäus I., Lysimachos und Antigonos, die einander erbittert bekämpften. Nach insgesamt sechs Kriegen gegeneinander entstanden im östlichen Mittelmeerraum 281 v. Chr. schließlich drei hellenistische Großreiche, die etwa 200 Jahre lang Bestand haben sollten. Makedonien und Teile Griechenlands fielen an die Antigoniden, die Nachfahren Antigonos I., Mesopotamien und Persien gerieten unter die Herrschaft der Seleukiden, Ägypten und die Kyrenaika fielen an die Ptolemäer. Während dieser 200 Jahre nahm allerdings der Einfluss Roms im östlichen Mittelmeerraum kontinuierlich zu. Im Jahre 30. v. Chr. schließlich nahm Augustus Octavian Alexandria ein und gliederte das Ptolemäerreich, das zuvor schon kaum mehr als ein römisches Protektorat war, endgültig ins Römische Imperium ein. Damit hatten diese griechischen Staaten ihre Selbständigkeit verloren. Die kulturelle Ausstrahlung des Hellenismus hingegen blieb bis in Spätantike und darüber hinaus erhalten.

Ptolemäos II. (Philadelphos)

Bereits Alexander der Große hatte im Jahr 323 v. Chr. nach seinem Tod die eigene Vergöttlichung befohlen. Die Diadochen, vor allem aber deren Nachfolger setzten den Alexanderkult fort. Schon Ptolemäus I. (Soter) hatte zur Legitimierung der eigenen Herrschaft Alexanders Leichnam nach Alexandria bringen lassen und dessen Grab zum Zentrum einen Kultes gemacht. Ihm folgte Ptolemäos II (308 - 246 v. Ch.), in Geschwisterehe (deswegen der Beiname „Philadelphos”) mit Arsinoe II. verheiratet. Er, dessen Regierungszeit von 282 - 246 v. Chr. währte, baute den Herrscherkult der Ptolemäer aus, indem er die Vergöttlichung seiner verstorbenen Eltern als „rettende Götter” anordnete. Ebenso wurde nach ihrem Tode wurde seine Gemahlin und leibliche Schwester Arsinoë II. als „geschwisterliebende Göttin” verehrt.

Als König von Ägypten aber betrieb Ptolemäos II. eine Kulturpolitik, wie es sie in der Antike noch nicht gegeben hatte. Natürlich war sie auch ein probates Propagandainstrument, um den Hegemonieanspruch des Ptolemäischen Königshofs in der gesamten nachalexandrinischen Welt zu untermauern. Für die Stadt Alexandria hatte dies zur Folge, dass es dort über Generationen hin eine Zweiklassengesellschaft zementierte. Nur die (zugewanderten) Griechen stellten die tonangebende, die Oberschicht. So wurden beispielsweise selbst Unfreie, sofern sie Griechen waren, „nur” mit dem Stock, Ägypter hingegen mit der Peitsche gezüchtigt.

Das eigentliche Markenzeichen der Ptolemäischen Zeit sollte die enge Verbindung zwischen dem Königshof, dem Museion und der schon vom Vater Ptolemäus II. gegründeten berühmten Bibliothek von Alexandria werden. Über deren Anzahl von Papyrusrollen streiten sich die Gelehrten noch immer. Zehntausende werden es mit Sicherheit gewesen sein. Heerscharen von Abschreibern müssen allein damit beschäftigt gewesen sein, den Bestand zu erhalten, da Papyrus in diesem Klima keine besonders lange Lebensdauer beschieden ist. Welche Dimension dieser Kulturprotektionismus hatte, offenbart allein der immer wieder formulierte Anspruch, alle griechischen Bücher besitzen zu wollen.

Die Anziehungskraft dieser Konstellation muss für die Intellektuellenelite im gesamten Mittelmeerraum - wie den Syrakuser Theokrit - ungeheuer groß gewesen sein. Die Wertschätzung kultureller Leistungen und deren Integration in das politische Machtsystem schien ihnen ungeahnte Lebensperspektiven wie Wirkungsmöglichkeiten zu eröffnen. Viele von ihnen erhielten eine Art Festanstellung und wurden - bei einem Maximum an künstlerischer Freiheit - vom Königshof bezahlt.

Dieses Kulturengagement zahlten sich für die Ptolemäer aus. Die in Alexandria versammelten Wissenschaftler, Dichter und Denker machten sie durch ihre Werke unsterblich. Der Dichter Kallimachos etwa verfertigte, nach Sachgebieten geordnet, den ersten Bibliothekskatalog überhaupt. Für etwa 200 Jahre blieb Alexandria das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der (hellenistischen) Welt.

Kunst und Literatur: Hellenistische Markenzeichen

Kunst- und Literaturerzeugnisse dieser Epoche zeichnen sich durch eine Verschmelzung von griechischen und orientalischen Elementen aus. Dies bedeutete, im markanten Unterschied zu den klassischen Werken des 7. bis 4. Jahrhunderts vor Christus, eine völlig neue Qualität in Anschauung und Kunstpraxis. Getragen wurde sie von einer spezifischen Geisteshaltung. Die großen „nationalen” Themen wie etwa die Heldenepen waren längst „abgearbeitet”; die musterhaften Werke Homers oder der Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides waren nicht zu überbieten. Das Bewusstsein, in einer Spätzeit zu leben, durchzieht das künstlerische Selbstverständnis der Künstler im Zeitalter des Hellenismus. Die Gefahr des Epigonentums war ihnen allen höchst bewusst - ebenso wie eine gesteigerte Sensibilität für all das, was unter dem Eindruck der großen und geschätzten Tradition noch zu sagen oder zu gestalten möglich war.

Wollte man den geistesgeschichtlichen Ort hellenistischer Literatur durch einen Vergleich aus der neueren deutschen Literaturgeschichte sinnfällig machen, so stehen Kallimachos, Theokrit und Herondas zu Homer und den Tragikern etwa im selben Verhältnis wie Mörike zu Goethe (nicht von ungefähr hat Mörike Theokrit kongenial übersetzt!). Der Sinn für das Aparate und Seltene, das Preziöse und Raffinierte, künstlerisch virtuos umgesetzt und dargeboten, ist hoch ausgebildet. Qualitäten, wie sie bei Homer eher randständig geblieben waren wie etwa Humor, werden nun zu tragenden Momenten künstlerischer Strategie. Immer wieder treffen wir auch ein kalkuliertes Understatement an und eine Lust, Qualitäten und Bezüge vor der nur oberflächlichen Anschauung des Rezipienten zu verstecken, den Leser zu narren oder zu überraschen. Dementsprechend erschließt sich bei literarischen Werken vieles erst bei der dritten oder vierten Lektüre. Neu ist auch die Entdeckung des Alltags und der geschärfte psychologische Blick.

Dem entspricht die Bevorzugung der kleinen Form und des Kabinettstücks, verbunden mit einem Sinn für filigrane Feinheiten und Ziselierungen. Unter diesen Vorgaben ist es nicht übertrieben zu behaupten, dass Theokrit das Versmaß Homers, den klassischen Hexameter, sich für seine Zwecke gewissermaßen neu erfand. Das stehende Beiwort Homers etwa (z.B. der stets „listige” Odysseus) gibt es bei ihm nicht mehr. Umgekehrt war es bei Homer unvorstellbar, einen Vers auf drei Sprecher zu verteilen, wie dies in dem unten wiedergegebenen Gedicht mehrfach geschieht.

Der Mimus als literarische Gattung

Beide unten wiedergegebene Werke gehören zur Gattung des Mimus. Ursprünglich war der Mimus nichts Literarisches. Er bezeichnete kleine improvisierte mimische Darstellungen meist komischer Situationen oder Charaktere aus dem Alltagsleben des Volkes. Einzelne Stücke oder Szenen mit besonderer Publikumsresonanz bildeten aber bald den Grundstock eines Repertoires - vor allem, wenn sie gängige Typen oder menschliche Unzulänglichkeiten (z.B. den Schmarotzer, den Geizigen oder bestimmte Berufsgruppen wie den Koch) zum Gegenstand hatten. Später entwickelten sich daraus Kurzdramen, vor allem wenn sie auch vor vornehmerem Publikum bestehen sollten, in verschriftlichter Form. Um 540 v. Chr. hatte auf diese Weise am Hofe Hierons I. von Syrakus schon Epicharm gewirkt. Von ihm sind allerdings nur wenige Bruchstücke und eine Handvoll Stücktitel erhalten. Er soll etwa 35 Versspiele verfasst haben, von denen die Hälfte echte Mimen waren, also Alltagsszenen gestalteten, die andere Hälfte Götter- und Heldensagen zum Gegenstand hatten. Eine Weiterentwicklung hin zum naturalistischen Milieustück erlebte der Mimus dann durch Sophron, den sogar Platon hochschätzte und Aristoteles zu den Dichtern rechnete, obwohl dessen Stücke „nur” in Prosa verfasst waren. Die komischen Effekte, die das satirische Nachzeichnen bestimmter Charaktere hervorrief, bildeten auch die Keimzelle der sogenannten neuen Komödie (im Gegensatz zu der alten, mit Chören arbeitenden Komödie des Aristophanes), deren Hauptvertreter in hellenistischer Zeit schließlich Menander (343-293 v. Chr.) werden sollte. Fast alle dieser Mimen waren in dorisch-sizilischer Volkssprache gehalten - der Sprache Theokrits

Auch das unten wiedergegebene Gedicht „Die Syrakuserinnen am Adonisfest” ist ein Mimus. Es bietet uns das einen geradezu naturalistisch anmutenden, aber scharf begrenzten Wirklichkeitsausschnitt und zeigt uns, wie sich zwei Hausfrauen auf ein Fest im Königspalast des Ptolemäus II. vorbereiten. Auf ganz ähnliche Weise gestaltet Herondas danach eine Szene in einem Schuhgeschäft in Ephesos. Hier wie dort wird der Leser durch die Lebendigkeit der Darstellung des Menschlich-Allzumenschlichen in die Szene geradezu hineingezogen.

Zur Tradition des Adonisfests in Alexandria

Im Gegensatz zur Hauptmasse des Gedichts ist das Adonisfest, in den es ausläuft, für heutige Leser erklärungsbedürftig (Einzelheiten werden an entsprechender Stelle in Fußnoten erklärt). Es wurde alljährlich zu Ehren des Adonis gefeiert. Die einzige Bedeutung, die sich uns heute aus dieser der Mythologie entsprungenen Figur noch erschließt, ist ein Jüngling von sprichwörtlich gewordener Schönheit. Um die Gunst des Knaben warben nach dem Mythos Aphrodite, die Göttin der Liebe ebenso wie Persephone, die Göttin der Unterwelt. Adonis liebte die Freuden der Jagd in Wald und Gebirge; umsonst warnte ihn die Göttin. Ein Eber, von Artemis gesendet, verwundete ihn tödlich. Aphrodite konnte ihren Geliebten nicht vorm Tod bewahren, jedoch erlangte sie von Zeus, dass Adonis nur sechs Monate im Jahr im Schattenreich bei Persephone, die ihn ja ebenfalls liebte, verweilen sollte, die andre Hälfte des Jahrs dagegen bei ihr auf der Oberwelt.
Dem Adonis war ein zeremonienreicher Kultus gewidmet, der, ähnlich dem Osiriskult in Ägypten, den Jubel über die wieder steigende Sonne und die neuerwachende Schöpfung sowie die Klage über beide, wenn deren Lebenszyklus endete, zum Gegenstand hatte. Die glänzendsten Adonisfeste wurden in Alexandria gefeiert, wenn nach einem Freudentag das Bildnis des Gottes in einem prächtigen Katafalk, begleitet von Frauen mit aufgelösten Haaren und in gürtellosen Gewändern, umhergetragen und unter Klagegesängen (Adonidia) ins Meer versenkt wurde. An dieser Stelle entlässt uns Theokrit aus seinem Gedicht gestalteten Kulthandlung.

Schon von daher ist die ältere Lesart, die allein aus dem Titel „Syrakuserinnen” geschlossen hatte, die Handlung ebenfalls in Syrakus zu verorten, verfehlt. Längst hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der Schauplatz - wegen des so detailliert beschriebenen Kultus und dem deutlichen Bezug auf Ptolemäus II. Philadelphos (308 - 246 v. Chr.) Alexandria ist (auch der im Gedicht erwähnte Rückgang der Taschendiebstähle „fein auf ägyptisch beschleichend” V. 46-50 verweist darauf). Diese „Syrakuserinnen” gehören also zur Gruppe griechischer Einwanderer aus Sizilien.[1]

Aufregung vor dem großen Fest…

Der vor 2300 Jahren geschriebene Text mutet uns in vielerlei Hinsicht sehr modern an. Beim diesem großen Fest musste man einfach dabei gewesen sein. Wie stellen es zwei Ehefrauen an, sich trotz ihrer Alltagssorgen um Haus und Hof loszueisen? Da muss schon einiges organisiert werden, was die Kinderbetreuung angeht oder das Mittagsessen für den Ehemann. Wichtiger sind aber zunächst andere Fragen: Welche Garderobe ist angesagt, und mit welchen Tricks ergattert man sich einen Platz in der ersten Reihe?

An all dem lässt uns Theokrit teilhaben - in einer bis dahin nicht gekannten Anmut und Virtuosität der Darstellung. Seine Syrakuserinnen sind keine geschichtsträchtigen Helden wie diejenigen Homers, sondern Alltagsmenschen mit ihren kleinen Sorgen und Sehnsüchten. Dieser antike Dichter verfügt offenbar nicht nur über eine gute Beobachtungsgabe, sondern auch über die intime Kenntnis der weiblichen Psyche. Denn was immer diese Frauen tun, ob sie sich einer Katzenwäsche unterziehen, sich „aufbrezeln” oder durch die Menge kämpfen, sie können ihren Mund einfach nicht halten. Doch gerade ihr banales Gerede scheint Theokrit herausgefordert zu haben, es mit dem höchst denkbaren Kunstsinn zu verarbeiten. Einerseits erscheint an den Frauen alles übertrieben: vom maßlosen Lob („Einzig, Paxinoa, steht die faltige Spangengewand dir…”), über das „Ablästern” auf ihre Männer („Quälgeist”) bis hin zu rüden Flüchen („ Mein, was will doch der Mensch? Warte bis du uns kaufst”) - Theokrit weiß wohlaustarierte Gegengewichte zu setzen, die seine Figuren insgeheim wieder sehr sympathisch machen. Ihre Verantwortung für die Kinder verlieren die beiden Frauen nie aus den Augen, ebensowenig wie die Versorgung von Mann und Haus. Sie kennen sehr wohl ihr Maß und ihre Grenze.

Angaben in eckigen Klammern dienen dem besseren Verständnis; in den Originaltexten finden sie sich nicht.

Theokrit: Die Syrakuserinnen am Adonisfest[2]

(in der Übersetzung von Eduard Mörike 1846)

[Personen:
Gorgo und Praxinoa (zwei Freundinnen)
Eunoa und Phrygia (Mägde der Praxinoa)
Eutychis
Die Alte
Erster Fremder
Zweiter Fremder
Die Sängerin]

[In Praxínoas Haus]

Gorgo: Ist Praxinoa drin?

Eunoa: O Gorgo, wie spät! Sie ist drinnen. -
Praxinoa: Wirklich, du bist schon hier? - Nun, Eunoa, stell ihr den Sessel!
Leg auch ein Polster drauf.
Gorgo: Es ist gut so.
Praxinoa: Setze dich, Liebe.
Gorgo: Ach! Halbtot, Praxinoa, bin ich! Lebensgefahren
stand ich aus bei der Menge des Volks und der Menge der Wagen!
Stiefel und überall Stiefel und nichts als Krieger in Mänteln!
Dann der unendliche Weg! Du wohnst auch gar zu weit draußen.
Praxinoa: Ja, da hat nun der Querkopf ganz am Ende der Erde
solch ein Loch, nicht ein Haus, mir genommen, damit wir doch ja nicht
Nachbarn würden; nur mir zur Pein, mein ewiger Quälgeist!
Gorgo: Sprich doch, Beste, nicht so von deinem Dinon; der Kleine
ist ja dabei. Sieh, Weib, wie der Junge verwundert dich anguckt!
Lustig, Zopyrion, herziges Kind, sie meint den Papa nicht!
Praxinoa: Heilige du! ja, er merkt es, der Knirps. - Der liebe Papa der!
Jener Papa ging neulich (wir sprechen ja immer von neulich),
Soda und Schminke für mich aus dem Krämerladen zu holen,
und kam wieder und brachte mir Salz, der baumlange Dummkopf!
Gorgo: Grade so macht es der meine, der Geldabgrund Diokleidas!
Sieben Drachmen bezahlt er für fünf Schafsfelle noch gestern:
Hundshaar, schäbige Klatten! Nur Schmutz, nur Arbeit auf Arbeit!
Aber nun lege den Mantel doch an und das Kleid mit den Spangen!
Komm zur Burg Ptolemäus[3], des hochgesegneten Königs,
dort den Adonis zu sehn. Etwas Prachtmäßiges, hör ich,
gebe die Königin dort.
Praxinoa: Reich macht bei Reichen sich alles.
Gorgo: Wer was gesehn, kann dem und jenem erzählen, der nichts sah.
Komm, es ist Zeit, dass wir gehen.
Praxinoa: Sei’s! Stets hat der Müßige Festtag.
Eunoa, nimm mein Gespinst. So leg es doch, Träumerin, wieder
mitten im Zimmer da hin! Weich liegen die Katzen ja gerne.
Rühr dich! Wasser geschwind! - Nein, Wasser ja brauch ich zunächst doch!
Bringt sie mir Seife! Nun gib! - Halt ein! - Unmäßige! Gieß doch
nicht so viel! Heillose, was musst du den Rock mir begießen!
Jetzt hör auf! Wies den Göttern gefiel, so bin ich gewaschen.
Nun, wo steckt denn der Schlüssel zum großen Kasten? So hol ihn.
Gorgo: Einzig, Praxinoa, steht dies faltige Spangengewand dir.
Sage mir doch, wo hoch ist das Zeug vom Stuhl dir gekommen?
Praxinoa: Ach! Erinnre mich gar nicht dran! Zwei Minen[4] und drüber -
bar; und ich setzte beinah mein Leben noch zu bei der Arbeit.
Gorgo: Aber auch ganz nach Wunsch geriet sie dir:
Praxinoa: Wahrlich, du schmeichelst!
Gib den Mantel nur her und setze den schattenden Hut mir
auf nach der Art. Nicht mitgehn, Kind! Bubu da! Das Pferd beißt!
Weine, solange du willst. Zum Krüppel mir sollst du nicht werden. -
Gehen wir denn. - Phrygia, spiel indes mit dem Kleinen ein wenig;
locke den Hund in das Haus und verschließ die Türe des Hofes. -

[unterwegs auf der Straße]
Götter! O welch ein Gewühl! Durch dieses Gedränge zu kommen,
wie und wann wird das gehen? Ameisen, unendlich und zahllos!
Viel Preiswürdiges doch, Ptolemäus, danket man dir schon,
seit bei den Himmlischen ist dein Vater. Es plündert kein schlauer
Dieb den Wandelnden mehr, ihn fein auf ägyptisch beschleichend,
wie vordem aus Betrug zusammengelötete Kerle,
all einander sich gleich, durchtriebnes, freches Gesindel!
Süßeste Gorgo, wie wird es uns gehen! Da kommen des Königs
Prunkpferde, siehst du? - Mein Freund, mich nicht übergeritten, das bitt ich! -
Ha, der unbändige Fuchs, wie er bäumt! Du verwegenes Mädchen
Eunoa, wirst du nicht weichen? Die bricht dem Reiter den Hals noch!
O nun segn’ ich mich erst, dass mir der Junge daheim blieb!
Gorgo: Fass dich, Praxinoa, Mut! Wir sind schon hinter den Pferden;
Jene reiten zum Platze.
Praxinoa: Bereits erhol ich mich wieder.
Pferde und eisige Schlangen, die scheute ich immer am meisten
von Kind an. O geschwind! Was dort ein Haufen uns zuströmt!
Gorgo: Mütterchen, wohl aus der Burg?
Die Alte: Ja, Kinderchen.
Gorgo:                                                                  Kommt man denn auch noch
leichtlich hinein?
Die Alte: Durch Versuche gelangten die Griechen nach Troja,
schönstes Kind; durch Versuch ist alles und jedes zu machen.
Gorgo: Fort ist die Alte, die nur mit Orakelsprüchen uns abspeist!
Alles weiß doch ein Weib, auch Zeus’ Hochzeit mit der Hera. -

Sieh, Praxinoa, sieh, was dort ein Gewühl um die Tür ist!
Praxinoa: Ach, ein erschreckliches! - Gib mir die Hand! Du, Eunoa, fasse
Eutychis an und lass sie nicht los, sonst gehst du verloren.
Alle mit einmal hinein! Fest, Eunoa, an uns gehalten! -
Wehe mir Unglückskind! Da riss mein Sommergewand schon
mitten entzwei, o Gorgo! - Beim Zeus[5], und soll es dir jemals
glücklich ergehen, mein Freund, so hilf mir und rette den Mantel!
Erster Fremder: Ja, wer’s könnte! Doch sei es versucht.
Praxinoa: Ein greulich Gedränge!
Stoßen sie nicht wie die Schweine?
Erster Fremder: Getrost! Nun haben wir Ruhe.
Praxinoa: Jetzt und künftig sei Ruhe dein Los, du bester der Männer,
dass du für uns so gesorgt! - Der gute, mitleidige Mann der! -
Eunoa steckt in der Klemme! Du Tröpfin! frisch! Mit Gewalt durch!
Schön! Wir alle sind drin! So sagt zur Braut, wer sie einschloss.

[im Königspalast]
Gorgo: Hier, Praxinoa, komm: sieh erst den künstlichen Teppich!
Schau, wie lieblich und zart! Du nähmst es für Arbeit der Götter!
Praxinoa: Heilige Palles Athene[6], wer hat die Tapeten gewoben?
Welcher Maler dazu so herrlich die Bilder gezeichnet?
Wie natürlich sie stehn, in jeder Bewegung natürlich!
Wahrlich beseelt, nicht gewebt! Ein kluges Geschöpf ist der Mensch doch!
Aber er selber, wie reizend er dort auf dem silbernen Ruhbett
liegt, und die Schläfe herab ihm keimt das früheste Milchhaar!
Dreimal geliebter Adonis, der selbst noch im Hades geliebt wird!
Zweiter Fremder:
Schweigt doch, ihr Klatschen, einmal! Könnt ihr kein Ende noch finden?
Schnattergänse! Wie breit und wie platt sie die Wörter verhunzen!
Gorgo: Mein! Was will doch der Mensch? Was geht dich unser Geschwätz an?
Warte, bis du uns kaufst! Syrakuserinnen befiehlst du?
Wisse auch dies noch dazu: wir sind von korinthischer Abkunft,
gleichwie Bellerophon[7] war; wir reden ja peloponnesisch;
Doriern wird’s doch, denk ich, erlaub sein, dorisch[8] zu sprechen?
Praxinoa: O so bewahr uns vor einem zweiten Gebieter, du liebe
Melitodes![9] Nur zu! Du streichst mir den leidigen Scheffel!
Gorgo: Still, Praxinoa! Gleich nun fängt sie das Lied von Adonis
an, die Sängerin dort, der Argeierin[10] kundige Tochter,
die den Trauergesang auf Sperchis so trefflich gesungen.
Sicherlich macht dies fein. Schon richtet sie schmachtend ihr Köpfchen.

Die Sängerin: Herrscherin! Die du Golgos[11] erkorst und Idalions Haine,[12]
auch des Eryx Gebirg[13], goldspielende du, Aphrodite![14]
Sage, wie kam dir Adonis von Acherons[15] ewigen Fluten
nach zwölf Monden zurück, im Geleit sanftwedelnder Horen?[16]
Langsam gehen die Horen vor anderen seligen Göttern;
aber sie kommen mit Gaben auch stets und von allen ersehnet.
Kypris[17], Dionas Kind, du erhobst, so meldet die Sage,
in der Unsterblichen Kreis, die sterblich war, Berenika,[18]
hold Ambrosiasaft[19] in die Brust der Königin träufelnd.
Dir zum Dank, vielnamige, tempelgefeierte Göttin,
ehrt Berenikas Tochter, an Liebreiz Helenen ähnlich,
ehrt Arsinoa heut mit allerlei Gaben Adonis.
Neben ihm liegt anmutig, was hoch auf dem Baume gereift ist;
neben ihm auch Lustgärtchen, umhegt von silbergeflochtnen
Körben, auch goldene Krüglein, gefüllt mit syrischen Düften;
auch des Gebackenen viel, was Frauen in Formen bereitet,
mischend das weißeste Mehl mit mancherlei Würze der Blumen,
was sie mit lieblichem Öle getränkt und der Süße des Honigs.
Alles ist hier, das Geflügel der Luft und die Tiere der Erde.
Grünende Laubgewölbe, von zartestem Dillkraut beschattet,
baute man: und oben als Kinderchen fliegen Eroten,[20]
gleichwie der Nachtigall Brut, von üppigen Bäumen umdunkelt,
flattert umher von Zweig zu Zweige, die Fittige prüfend.
Sehet das Ebenholz! Und das Gold! Und den reizenden Schenken
herrlich aus Elfenbein, vom Adler entführt zu Kronion![21]
Auf den purpurnen Teppichen hier (noch sanfter wie Schlummer
würde Milet[22] sie nennen und wer da wohnet in Samos)
ist ein Lager bereitet, zugleich dem schönen Adonis.
Hier ruht Kypris und dort mit rosigen Armen Adonis.
Achtzehn Jahre nur zählt ihr Geliebtester oder auch neunzehn;
Kaum schon sticht sein Kuss, noch säumet die Lippen ihm Goldhaar.
Jetzo mag sich Kypris erfreun des schönen Gemahles.
Morgen tragen wir ihn, mit der tauenden Frühe versammelt,
alle hinaus in die Flut, die heraufschäumt an die Gestade:
Und mit fliegendem Haare, den Schoß tief bis auf die Knöchel,
offen die Brust, so stimmen wir hell den Feiergesang an:
Holder Adonis, du nahst bald uns, bald Acherons Ufern,
wie kein anderer Halbgott, sagen sie. Nicht Agamemnon
traf dies Los, noch Aias[23], der schrecklich zürnende Heros,
Hektor[24] auch nicht, von Hekabes[25] zwanzig Söhnen der erste,
nicht Patroklos[26], noch Pyrrhos, der wiederkehrte von Troja,
nicht die alten Lapithen[27] und nicht die Deukalionen,[28]
noch die Pelasger[29], die grauen, in Pelops[30] Insel und Argos.[31]
Schenk uns Heil, o Adonis, und bring ein fröhliches Neujahr!
Freundlich kamst du, Adonis, o komm, wenn du kehrest, auch freundlich!

Gorgo: Unvergleichlich! Dies Weib, Praxinoa! Was sie nicht alles
weiß, das glückliche Weib! Und wie süß der Göttlichen Stimme!
Doch es ist Zeit, dass ich geh; Diokleidas erwartet das Essen.
Bös ist er immer, und hungert ihn erst, dann bleib ihm vom Leibe!
- Freue dich, lieber Adonis, und kehre zu Freudigen wieder!

Papyrusfunde oder der späte Ruhm des Herondas

Im Gegensatz zu weltweiten Rezeption Theokrits kannte man bis zum Jahre 1890 vom Dichter Herondas nur den Namen. Seine Werke waren dagegen unbekannt. Erst ein in diesem Jahr in Ägypten gefundener Papyrus überlieferte acht kleine Stücke sowie einige Fragmente. Es handelt sich wie bei Theokrit um literarische Miniaturen mit verteilten Rollen. Es sind Mimen in Jamben, sogenannte Mimiamben, da Herondas sie im Versmaß des Hinkjambus verfasste. Schon Hipponax (um 540 v. Chr.), der als dessen Erfinder gilt, soll auf diese Weise Stücke beißenden Spotts auf Zeitgenossen gedichtet haben. Auch Herondas empfand diesen Vers offenbar als besonders geeignet für seine Alltagsszenen, in denen immer wieder auch grobe Straßenausdrücke vorkommen. Im Gegensatz zum griechischen Hexameter, dessen Struktur und Melodie sich im Deutschen angemessen wiedergeben („nachdichten”) lassen, erscheint dies beim Hinkjambus kaum möglich, vor allem nicht über längere Sequenzen hin. Schon fünf hintereinander gelesene Verse zeigen die Problematik des sogenannten Schleppfußes im fünften/sechsten Wortakzent deutlich auf:

v     -     v    -    v     -     v      -      v     -  /  -    v

Nun bist du, lieber Helmut, auch noch Bartträger,

lässt wuchern aus dir fort und findest kein Ende!

Wo früher glatt und kantig dir das Kinn ragte,

sprießt nun ein krauses Wollgras, wo sich stark abhob

der Lippe breiter Bogen, wuchert jetzt Wollgras…..

Es hat dennoch Versuche gegeben, Herondas’ Mimiamben vollständig in deutsche Hinkjamben zu übertragen (Oskar Werner, 1968). Der Versuch muss als gescheitert angesehen werden. Im folgenden wird auf die ältere Übersetzung von Rudolf Herzog aus dem Jahr 1926 zurückgegriffen, die auf der Grundlage einer Blankversübersetzung nur gelegentlich den typischen Schleppfuß des Hinkjambus wiedergeben.

Alltagsmenschen und Lebensalltag 270 v. Chr.

Wie bei Theokrit treten auch in Herondas Mimiamben Menschen aus dem Volk auf, eine alte Kupplerin, ein Schulmeister, sogar ein Bordellwirt und überraschend viele (Ehe-)Frauen. Es sind fein gezeichnete Sittengemälde, die sich um alltägliche Sorgen und Nöte der Menschen drehen, immer wieder deren kleine Schwächen und Durchtriebenheiten karikieren, aber auch unvermutete humane Qualitäten offenbaren - beispielsweise in der standhaften Ehefrau, die sich von der zudringlichen Kupplerin nicht beschwatzen lässt, ihren Mann während dessen Abwesenheit zu betrügen. Es fällt allerdings auf, dass Sklaven durchgängig nicht mit Milde behandelt werden.

In seinem siebten Mimiambus entführt uns Herondas in das Geschäftsviertel des antiken Ephesos. Vor unserem geistigen Auge öffnet sich eine Schuhmacherwerkstatt. Wir werden Zeuge eines Verkaufsgesprächs und erleben in Kerdon, dem glatzköpfigen Schuhmachermeister und Ladeninhaber, das besonders gerissene Exemplar eines antiken Handwerkers. Doch auch wenn Kerdon alle Register seiner Verkaufskunst zieht, so ist doch keineswegs er der Handlungsmächtige. Dazu sind die drei Frauen, die als Kundinnen seinen Laden betreten haben, zu sehr auf der Hut vor seinen Schmeicheleien und seinen Verkäufertricks. Offenbar sind sie von Metro, einer Stammkundin des Kerdon, vorgewarnt worden, denn zwei von ihnen bleiben stumm und überlassen dieser die Verhandlungsführung völlig. Die Figur der Metro ist die interessanteste in dem Dramolett, steht sie doch zwischen den Parteien und versucht die Situation zu ihren Gunsten ausnutzen. Einerseits kennt sie Kerdons Schlichen bis ins Detail und weiß, wie sie ihn zu nehmen hat. So zeigt sie ihm seine Grenzen angesichts übertriebener Preisforderungen auf und bezieht so eindeutig die Partei der Neukundinnen. Andererseits darf sie Kerdon auch nicht verprellen; schließlich spekuliert sie auf eine Provision, wenn sie ihm erfolgreich die beiden neuen Kundinnen zuführt. Offenbar ist im Vorfeld zwischen Kerdon und ihr eine Abmachung getroffen worden. Denn Metro hat es schon lange auf ein Paar „krebsrote” Schuhe abgesehen. An diesem Tag kommt das Verkaufsgespräch zu keinem Abschluss. Metro erringt gleichwohl einen „Etappensieg”, sie hat Kerdons Versprechen, sich die „Krebsroten” bald abholen zu dürfen. Doch auch er wird bald sein Geschäft machen; schließlich kennt sich der alte Fuchs in der Psyche der Frauen aus, wenn er sie, nach einem alten Sprichwort, mit Hunden vergleicht, die, wenn sie einmal am Leder gekaut haben, davon nicht mehr lassen können.

In der Figur des Kerdon ist uns eine der köstlichsten Charakterschilderungen eines antiken Handwerkers überliefert. Sein wortreiches Gejammer über die faulen Gesellen, die er durchfüttern muss und die hohen Einkaufspreise für das vom profitgierigen Gerber bezogene Leder kommen uns seltsam bekannt vor. Alles an ihm ist Selbstinszenierung: die ostentative Art und Weise, wie er seine Gesellen coram publico in den Senkel stellt, das geschickte Anpreisen und Ins-Licht-setzen seiner Ware, das beiläufige Niedermachen der Konkurrenz, das fast schon anzügliche Umschmeicheln der Kundinnen - all das lässt uns ihn als leibhaftigen Vertreter seines Standes vor Augen erstehen. All das kann noch heute hautnah erleben, wer sich etwa in eine türkische Teppichknüpferei begibt. Auch nach fast 2300 Jahren dürfte sich die Grundsituation kaum verändert haben.

Herondas (ca. 305-240 v. Chr.): Der Schuster

(geschrieben zwischen 270 und 260 v.Chr.

übersetzt von Rudolf Herzog 1926)

[Personen:

Kerdon, Schumachermeister

Metro, alte Kundin

Zwei neue Kundinnen (stumm)

Drimylos, Kerdons Geselle (stumm)

Pistos, Ladengehilfe (stumm)

Schauplatz: Schumacherladen in Ephesos]

Metro: Kerdon, ich bring dir hier zwei junge Damen:

Zeig ihnen doch, ob du was Feines hast,

das Ehre macht dem Handwerk.

Kerdon: Sehr schön, Metro!

Ich küss die Hand.

(zu Drimylos) Schieb doch den Damen gleich

die größre Bank raus! Drimylos, ja dich mein ich!                                                   5

Du schläfst wohl wieder?

(zu Pistos) Klopf ihm den Rüssel, Pistos,

bis er den Schlaf sich gründlich ausschüttelt!

Nein, gib ihm eine feste in die Anke,

dass ihm der Hals nicht abbricht! - Heda, Schlingel,

schnell reg die Kniee! Stärkre Denkzettel                                                                    10

sollst du in Zukunft klirrend nachschleppen.[32]

Jetzt wischst du sie erst sauber, Fettsack? Warte,

ich will dir dafür das Gesäß wischen!

Nehmt Platz doch, Metro! Pistos, öffne du

den Doppelschrank - nicht diesen, den da droben!                                                             15

Bring schnell die Meisterwerke deines Brotherrn

Kerdon herunter! Ah, glückselige Metro,

was gibt es da zu schauen! Den Schuhkasten

nur sacht geöffnet, Tolpatsch! - Sieh dir, Metro,

zunächst mal dieses an! Die Sohle passt                                                                  20

perfekt in jedem Teil! Beguckt sie euch

doch auch, ihr Damen: Seht, wie die Kappe sitzt

und ganz mit Riemchen sauber aufgeputzt ist!

Und da ist nicht etwa nur das eine schön,

das andere nicht, nein, alles gleiche Arbeit.                                                              25

Und dann die Farbe - möge Paphos’[33] Herrin

euch, was ihr immer wünscht, genießen lassen! -,

Saht ihr je sonst schon eine solche Farbe?

Wo glänzt so Gold, wo Wachs? Drei Goldstatere[34]

gab Kerdon dem Kandas, um diese Farbe                                                                        30

herauszukriegen und noch eine andre.

Ihr lacht? Ich schwör’s bei allem, was, ihr Damen

mir hoch und heilig ist, ich sag die Wahrheit.

Noch nie hab ich gelogen, auch nur so viel!

Sonst soll der arme Kerdon nimmer Freude                                                             35

am Leben haben noch an seinen Kindern!

Ja, noch bedanken musst ich mich bei ihm.

Die Gerber streben leider Gottes jetzt

von Tag zu Tag nach größerem Profit

und schaffen weniger; sie stecken ein,                                                                  40

was unsre Kunst trägt, und dem Meister Pechdraht[35]

bleibt Kreuz und Elend; Nacht und Tag wärm ich

die Blase mir und plag mich. Denn wo nimmt

sich unsereins vor Abend einen Bissen?

Nachwachen bis zum Morgengrauen! So lang                                                            45

reicht, glaub ich, Mikions[36] Kerzenlicht nicht aus!

Und dazu kommt noch - dreizehn Burschen hab ich,

ihr Fraun, zu füttern, weil sie alle faul sind

und auch, wenn’s regnet, nichts zu tun wissen

als nur dies eine Lied zu singen: „Her da,                                                                       50

wenn du was bringst!” und dabei still sitzen

wie junge Gockel und sich ihr Gesäß wärmen. -

Doch nicht nach Worten verlangt der Markt, sagt man,

vielmehr nach Kleingeld. Wenn dies Paar, Metro,

euch nicht gefällt, soll er nur immer andre                                                               55

herholen, bis ihr willig glaubt, dass Kerdon

nicht schwindelt. - Pistos, hol mir die sämtlichen

Schuhkästchen her! Ihr müsst doch wenigstens,

ihr Fraun, noch eine Freude haben, eh ihr

nach Hause geht.[37] Zu sehen kriegt ihr jetzt                                                                 60

an Spezialitäten alle Marken:

Sikyonier[38], Ambrakidien, Nossis, Chier,

Papageiengrün, Hanfriem, Baukis, Pantoffeln,

Ionische Ringsverschnürte, Nachthüpfer,

Hochknöchel, Krebsrote, Argossandalen,                                                                         65

Scharlach, Epheben, Laufschuhe - kurz, wonach

einer jeden steht das Herz, das sagt mir nur:

Ihr werdet dann schon merken, warum Frauen

wie Hunde, sagt man, gern am Leder kauen.[39]

Metro: Was soll das Paar denn kosten, das du vorhin                                       70

uns vorgeführt hast? Aber donnre nicht

zu stark, sonst jagst du selber uns davon!

Kerdon: Schätz Du es bitte selbst und stelle fest,

wie viel es wert ist. Wer das zugesteht,

der wird dich nicht leicht übers Ohr hauen.                                                              75

Willst du, Verehrte, ein wahres Schusterkunstwerk,

so bietest du was - bei dieser grauen Schläfe,

auf der ein Fuchs sein Nest gebaut[40] -, wovon

es Brot für uns gibt, die das Werkzeug rühren.

(beiseite)

Hermes und Peitho[41], ihr Profitpatrone,                                                               80

steht ihr uns bei, denn wenn uns diesmal nichts

in Garn läuft, ja dann weiß ich wirklich nicht,

wie unser Kochtopf besser fahren soll.

Metro: Was brummst du da, statt frank und frei den Preis

zu nennen, wie du ihn berechnet hast?                                                                        85

Kerdon: Verehrte, eine Mine[42] ist dies Paar wert,

du magst hinaufsehn oder auf den Boden.

Und wenn’s Athene selber kaufte, ließ ich

nicht soviel wie ein Spänchen Kupfer abgehn.

Metro: Es ist ganz klar, warum dein Laden, Kerdon,                                               90

so ganz von schönen Kostbarkeiten voll ist.

Dörr sie nur ein und hüt sie für die Hochzeit,

die Hekate der Arkatane richtet

am zwanzigsten des Stiermonds[43]: da braucht’s Schuhwerk!

Die werden also, wenn du Glück hast, Böser,                                                  95

dir wohl den Laden stürmen - nein, sicher!

Drum näh dir einen Sack, dass dir die Wiesel[44]

die schönen Minen nicht im Haus verschleppen!

Kerdon: Ob Hekate kommt, unter einer Mine

tut sie es nicht, noch Artakane. Merk dirs!                                                                   100

Metro: Beschert dir, Kerdon, nicht das gute Glück,

an Füßchen Hand zu legen, die umschwebt sind

von allen Liebesgöttern? Aber du

bist schäbig wie die Krätze. Drum verlangst du

von uns ganz unverschämten Preis, doch dér da                                                        105

willst du’s dann geben. - Nun das andre Paar,

was soll es kosten? Lass jetzt wieder hören

ein Wort, das deiner wert ist!

Kerdon: Fünf Statere[45]

will Eueteris, bei den Göttern, mir

das Harfenmädchen, dafür zahlen, täglich                                                              110

läuft sie das Haus mir ein. Doch hass ich sie,

und wenn sie gleich mir vier Dareiken[46] böte,

weil sie mir meine Frau mit schlimmen Schimpfreden

verspottet. Ich will es dir für die drei geben.

Und die und die zusammen geb ich euch                                                                       115

für sieben Dareiken wegen der Metro hier.

Sag nichts dagegen, dass du mich, Verehrte,

den Pechdraht, der ich sonst von Stein, bezauberst

und gradwegs in den Himmel fliegen ließest!

Du hast ja keine Zunge, nein, ein Sieb                                                                120

der Wollust![47] Ah, wie nah ist der den Göttern,

dem du bei Tag und Nacht die Lippen öffnest!

Dein Füßchen her![48] Ich stell es auf die Sohle! -

schwapp! sitzt es, nichts dazu und nichts davon.

Was schön ist, passt den Schönen allzumal!                                                                       125

Athene selber, wirst du sagen, schnitt

die Sohle zu!

(zur einen der neuen Kundinnen)

He, gib mir nun auch du

den Fuß her! Räudig ist der Huf, in dem

er steckt; ein Ochs wars, der euch hat versohlt! -[49]

Hätt man am Fußrand selbst den Kneif gewetzt,                                                           130

bei Kerdons Herd, die Arbeit hätte nicht

so tadellos gesessen, wie sie sitzt! -

(zur andern neuen Kundin)

He da, willst du mir sieben Stück Dareiken,

für dies Paar geben, die du wie ein Ross

so laut an meiner Türe lachst und wieherst?[50] 135

(zu beiden)

Ihr Damen, habt ihr sonst was nötig: Sandälchen

vielleicht, oder was ihr sonst so im Haus

zu tragen pflegt, so schickt mir nur die Magd her.

(die Frauen gehen ab, Metro bleibt etwas zurück)

Du aber, Metro, stell dich jedenfalls

am neunten bei mir ein, die Krebsroten                                                                  140

zu holen! - denn den Mantel, wenn er warm macht,

muss ein verständiger Mann auch brav flicken![51]

Mimen in der Schule - ein Experiment

Es stellt sich die Frage, ob sich Mimen zur Aufführung in der Schule eignen. Beide Stücke sind sicherlich als reine Lesedramen gedacht gewesen. Herondas’ Schuster scheint sich zur szenischen Aufführung eher anzubieten, schon deshalb, weil es sich in der Mischung von mimisch strukturiertem Dialog der handelnden und einfließenden pantomimischen Elemente der stummen Personen unterhaltsame Effekte erzielen lassen. Auch der mehrfache Ortswechsel in den Syrakuserinnen lässt dieses Stück eher weniger für eine Aufführung geeignet erscheinen. In der Tat wurde der Schuster schon in Paestum aufgeführt - mit einigem Erfolg. Auch Studentenbühnen haben sich des öfteren daran versucht. Es wäre zumindest einen Versuch wert. Der Gewinn nicht für die Komplettierung der Allgemeinbildung in Sachen Antike als auch im Hinblick auf die nächste Urlaubsreise, wenn es in einem türkischen Bazar ans Feilschen geht, wäre beträchtlich.


[1] So z.B. Wolfgang Christian Schneider: Vermitteln, verkuppeln und soziales Spiel. Informelle Geschäftstätigkeit von Frauen in hellenistischer Zeit, in: Thomas Späth/Beate Wagner-Hasel: Frauenwelten in der Antike, Darmstadt 2005, S.335-349.

[2] Adonis: jugendlicher Geliebter der Aphrodite, auf der Jagd nach einem Eber getötet; kehrt jedes Jahr zu neuer Vermählung mit der Göttin aus der Unterwelt zurück. Dieser Rückkehr gelten sommerliche Feste, wie Theokrit dies hier schildert.

[3] Ptolemäus Philadelphos (308 - 246 v. Chr.), ab 283/82 Herrscher über Ägypten, vermählt mit seiner Schwester Arsinoe II. Er begründete den Herrscherkult der Ptolemäer durch Vergöttlichung seiner verstorbenen Eltern als „rettende Götter”. Er förderte Wissenschaft und Dichtkunst im Museion von Alexandria und soll Mäzen von Theokrit gewesen sein.

[4] Währungseinheit. Eine Mine betrug als Rechnungseinheit den 60. Teil eines Talents, d.h. 100 Drachmen. Der Wert einer Silbermine schwankte zwischen 40 und 50 Euro.

[5] Zeus/Hera: Das oberste Götterpaar, von dem alle anderen Götter abstammen.

[6] Pallas Athene: Schutzgöttin der weiblichen Handarbeiten. Der Raub der schönen Helena war auch Grund für den Trojanischen Krieg.

[7] Bellerophon: Sohn des Glaukos, eines Königs von Korinth.

[8] Dorer: griechischer Volksstamm (Westgriechenand).

[9] Melitodes: Beiname der Persephone, Göttin der Unterwelt, aber auch Schutzgöttin von Syrakus.

[10] Argeier: Der Name dieser Sängerin und Dichterin ist nicht bekannt.

[11] Golgo: Heiligtum der Liebesgöttin Aphrodite auf Zypern.

[12] Idalion: Heiligtum der Liebesgöttin Aphrodite auf Zypern.

[13] Eryx Gebirge: Berg auf Sizilien mit einem Tempel der Aphrodite.

[14] Aphrodite: Liebesgöttin.

[15] Acheron: Fluß in der Unterwelt.

[16] Horen: griechische Göttinnen der Jahreszeiten und der sittlichen Ordnung.

[17] Kypris: Beiname der Aphrodite.

[18] Berenika: die gottgleich verehrte Mutter des Ptolemäus Philadelphos.

[19] Ambrosiaduft: Ambrosia ist die Unsterblichkeit verleihende Speise der Götter.

[20] Eroten: Liebesgötter, Putten

[21] Kronion: Beiname des Zeus.

[22] Milet: ionische Handelsstadt an der Westküste Kleinasiens (heute Türkei), berühmt in der Antike als Zentrum für Schafzucht.

[23] Aias: nächst Achilleus der stärkste griechische Held vor Troja.

[24] Hektor: Sohn des trojanischen Königs Priamos und der Hekabe, tapferster Verteidiger Trojas.

[25] Hekabe: Gattin des Priamos

[26] Patroklos: Freund des Achilleus, der im Kampfe gegen Hektor durch Eingreifen Apollons fiel.

[27] Lapithen: thessalischer Volksstamm, berühmt durch seinen Kampf gegen die Centauren.

[28] Deukalionen: Deukalion, Sohn des Prometheus und der Pyrrha, der Tochter des Epimeteus, des Bruder des Prometeus: als einziges Menschenpaar überlebten sie die Sintflut. Ihre Söhne Hellen und Amphiktyon wurden als Deukalionen bezeichnet. Der Sage nach warfen sie Steine hinter sich, aus denen das Geschlecht der Menschen entstand.

[29] Pelasger: Ureinwohner Griechenlands, zuweilen auch in Argos (Peloponnes) ansässig.

[30] Pelops Insel: Pelops, der Sohn des Tantalos, gewann die Herrschaft über Elis und dehnte sie über die ganze nach ihm benannte Halbinsel Peloponnes aus.

[31] Argos: Stadt auf der Peloponnes, südlich von Korinth.

[32] Drimylos wird angedroht, zur Strafe die Mühle zu drehen.

[33] Paphos: Tempel der Aphrodite auf Kypros. Kerdon will damit sagen: Aphrodite soll die Frauen mit Liebesglück belohnen, wenn sie der Wahrheit, sprich der Qualität seiner Waren, die Ehre geben.

[34] Das Währungswirrwarr in diesem Text erklärt sich aus den Münzverhältnissen während der Ptolemäischen Herrschaft im östlichen Mittelmeerraum, zu dem in der ersten Hälfte des dritten Jh. v. Chr. Milet und Ephesus gehörten. Der Name der persischen Dareiken (8,4 g Gold) war auf die sogar noch etwas höher (8,6 g) taxierten makedonischen Philipps- und Alexanderstatere, die hellenistische Goldkurantmünze, übergegangen und zäh festgehalten worden. Gegen diese konnten die von Ptolemäus II. Philadelphos seit 270 geprägten leichten Goldmünzen (der sogenannte Stater: 6,9  g Gold) nicht recht aufkommen, weshalb er 259/8 alle älteren Goldmünzen im Reich zugunsten seiner neuen leichten einziehen ließ. Der Dareikos entsprach 25 attischen Drachmen bzw. 20 leichten ptolemäische Statern. Vier Dareiken bzw. fünf Statere ergaben eine attische Mine.

[35] Pechdraht, mit Pech getränktes Hanfgarn, Schusterdraht.

[36] Mikion: Kerzenfabrikant

[37] Damit will Kerdon zu verstehen geben: Kein Kaufzwang!

[38] Kerdon schnurrt sein großes Schuhsortiment in einem Atemzug herunter. Die Namen sind wie die heutigen Schuhmarken teils von Personen (wie Nossis oder Baukis) entlehnt, teils von ihrer Herkunft (Schuhe aus Sikyon <Sikyonier> auf dem Peloponnes westlich von Korinth etwa galten als besonders luxuriös), teils von ihrer Form, Farbe oder dem Verwendungszweck.

[39] Kerdon bedient sich hier des altgriechischen Sprichworts: „Hat der Hund einmal Leder kauen gelernt, so lässt er nicht mehr davon ab.”

[40] Fuchs: Haarausfall wird im Griechischen als Fuchskrankheit bezeichnet. Das Volk glaubte, dass Fuchsurin alles kahl fresse.

[41] Hermes: Gott des Handels; Peitho: Göttin der Überredungskunst

[42] vgl. Anm. 3

[43] Stiermond: enthalten im ionischen Kalender, der für Ephesus bezeugt ist.

[44] Wiesel: bei den Griechen Haustier entsprechend unserer Katze.

[45] Vgl. Anm. 3.

[46] Vgl. Anm. 3.

[47] Mit diesem schon fast anzüglichen Kompliment spielt Kerdon auf den καταγλώττισμα (Zungenkuss) an.

[48] Aus dem Anmessen ist nicht unbedingt zu schließen, dass der Kauf perfekt wäre. Dazu wäre ein weiteres Herabhandeln und eine Willensäußerung der Frauen notwendig. Es bleibt also beim Geplänkel.

[49] Diesen rüden Hieb auf den bäuerischen und ungeschickten Schuster, bei welchem die Neukundinnen bislang ihre Schuhe anfertigen ließen, kann sich Kerdon nicht verkneifen.

[50] Die zweite Frau ist offenbar mit blödem Lachen schon auf dem Rückzug aus dem Geschäft, da wirft Kerdon ihr noch einen unverschämten Preis an den Kopf, um sie postwendend wiederum ganz ruhig einzuladen, sie könnte ja auch preiswertere Ware bei ihm kaufen.

[51] Die Metro, die als letzte geht, bestellt Kerdon, ohne dass es die anderen hören, zu einem bestimmten Termin ein, damit sie sich ihre Provision holen kann. Er muss sie sich - wie die letzten Verse es mithilfe des Bildes vom Mantel umschreiben - warm halten.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Donnerstag, 18. Juni 2009 18:15
Themengebiet: Antike Literatur