Weimar 2000
(mehrfach abgedruckt seit 1990, hier die Fassung aus dem Eulenspiegel, Oktober 1992)
© 1990 Dirk Schindelbeck
Vorbemerkung zehn Jahre nachdem Weimar 1999 Kulturhauptstadt Europas wurde: Die Wirkung dieses Textes auf die Kulturpolitik vor Ort und an höherer Stelle war durchschlagend. In dieser und anderen Varianten kursierte er ab dem Sommer 1990 sowohl in Weimar selbst als auch andernorts. Es sind mindestens 15 Abdrucke belegt bis hin zur Zitation im Spiegel. Die Idee zur marketingmäßig gestylten Klassiker-Marketing, hier satirisch überzeichnet, wurde 1999 schließlich absurd-komische Realität. Selten hat Satire kulturpolitisches Handeln so sehr präfiguriert wie in diesem Fall.
„Siebter November 1999. In Frankfurt besteigt eine Gruppe von Werbefachleuten einen Helikopter und fliegt längs der E4 Richtung Osten. Längst zieht sich die Autobahn achtspurig durch das Hessische Bergland gegen Berlin zu, der wiedererstandenen Hauptstadt des neuen Großkanzlerreiches. Über Gotha und Erfurt nähern sie sich dem Tal der Ilm, dem Ziel ihrer Reise: Weimar.
Die Ortsbesichtigung heute ist mehr als eine der turnusmäßig durchgeführten Mythos-Inspektionen, seit Weimar konsequent zur gesamtdeutschen Classic-Metropole ausgebaut wurde. Die Werbeleute gehören zum Team der Weimar-Creativ-Productions, einer Frankfurter Agentur, die vorwiegend auf den Markt des immateriellen Konsums und auf Orts- und Kulturträgermarketing spezialisiert ist. 1997 kam der große Durchbruch mit der Einrichtung des Satellitenprogramms ‚Weimar-Inside’, das Klassik-Animationsprogramme und darauf abgestimmte Produktwerbung ausstrahlt.
So konnte dieses Jahr erstmalig zusammengezogen werden zu einem zweijährigen Mega-Festival. Was fällt heuer auch nicht alles zusammen? Ende August war der 250-jährige Goethe-Geburtstag. Und schon beginnen die 50-Jahre-Deutschland-Feiern mit dem Höhepunkt übermorgen, der 10-jährigen Maueröffnung. In einer medialen Zusammenschaltung werden dann die bekanntesten word-designer (Dichter) der Welt ihre Hymnen auf die Freiheit anstimmen. Dann werden alle Weimarer Einwohner, längst als Dauerstatisten geübt, in tosenden Beifall ausbrechen. Gut betuchte Nostalgiker können noch die letzten Stasi-Windjacken oder Ortsschilder aus Karl-Marx-Stadt ersteigern. Für den kleineren Geldbeutel bieten eigens eingerichtete Souvernirstände Replikate der Leipziger Demonstrations-Kerzen im VEB-Karton-Imitat feil.
All dies wäre natürlich nicht ohne ein entsprechendes Marketing des Ortes möglich gewesen. Als Glücksfall erwies sich, dass Weimar über so dichte DDR-Heimat-Rohmasse verfügte, die mithilfe des BRD-Marketing-Knowhow zu einer hochglaubwürdigen Ortsanmutung synthetisiert worden ist. Anfangs der neunziger Jahre wurde ja noch lange der Plan einer totalen Weimar-Simulation an neutraler Stelle heftig befürwortet. Wie die Entwicklung wohl verlaufen wäre, wenn damals beim Probelauf des Goethe-Androiden nicht dessen eklatante Reimschwächen zutage getreten wären?
Was sich hier alles getan hat, kann nur derjenige ermessen, der sich der Zeit vor der Deutschen Revolution noch erinnert. Weimar, das war ein schmutzig-grauer Provinzflecken, über den sich im Winter eine bräunliche Schicht aus Zweitakt-Abgasen und verkokeltem Braunkohlehausbrand legte. Johann Wolfgang Goethe hatte diesen Verfall lange vorausgesehen und sich schon 1796 energisch gegen kommunistische SED-Misswirtschaft gewandt:
„Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,
wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue
Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.” (Hermann und Dorothea)
Nachdrücklich hatte er dagegen eine Stadtqualität gefordert, professionell möbliert wie die damals führenden Metropolen Mannheim oder Frankfurt!
Mit seinen geringen Marketing-Kenntnissen sorgte er 1775, eben hier eingetroffen, in seiner gelb-blauen Werther-Tracht immerhin für die Akzente der Mode-Saison. Trat dann bald als ‚Pater Dekorator’ auf und animierte die Hofgesellschaft mit Theaterstücken, sorgte für Illuminationen und künstliche Wasserfälle. Es dauerte noch bis 1818, ehe die Erzherzogin erkannte, dass die „einheimischen Erzeugnisse der Einbildungskraft und des Nachdenkens” die premium position im Ortsmarketing einnehmen mussten.
Heute haben die Ambiente- und Patina-Directors diese guten Ansätze ins Gesamt-Konzept der Classic-City integriert. Alle hier käuflichen Produkte entsprechen der Weimar-Design-Linie. So z.B. die edel geschnittenen DOB-Modelle der ‚Iphigenie-Collection’ des Hauses ‚Charlotte von S.’ für die reifere Dame. ‚Vulpius-Dessous’ wiederum befriedigt den verwöhnten, auf erotische Raffinesse ansprechenden Geschmack. Zu einem Multivisions-Zentrum mit integriertem Liebhaberkino ist das alte Hoftheater umgebaut worden. Hier darf sich der Gourmet beim Soft-Porno ‚Tausend Figuren. Ein Deutscher in Rom’ entspannen, einem Film in Goethocolor nach der Farbenlehre gedreht.
Selbst völlig amusische Menschen empfangen beim Gang durch die Stadt Kauf- und Konsumimpulse von bislang ungeahnter Dimension. In den Cafés, die ein breites Sortiment an Dichterköpfen aus Marzipan, Schokolade oder Schaumbaiser anbieten, sitzen Wissenschaftler und Gelehrte, die im Goethe-Schiller-Research-Center arbeiten und vergnügen sich an den süßen Kreationen, während sie den Stand ihrer Werkausgaben und Tantiemen diskutieren. Vor ihnen über die Plätze der Stadt und durch die Ladenpassagen bis hinunter zu den Ilmauen flanieren die Dichter-Trainees aus aller Welt, den Walkman im Ohr, der sie mit klassischem Gedankengut lädt.
Ein neuer Besucherrekord zeichnet sich jetzt schon ab. Vor allem im Marktbereich der Ganz-Animationen werden die Wachstumsraten kräftig zulegen, wie De-Stael-Tours, der führende Weimar-Anbieter, verlauten lässt. Wer zur Weltbildgenesung hier reisen will, bucht für die nächste Saison möglichst jetzt schon seine Suite im Sheraton-Hotel ‚Herzog Karl August’. Nach langen, äußerst zähen Verhandlungen ist es den Hotel-Managern gelungen, erfahrene Weltbild-Animateure der Rudolf-Steiner-Schulen vertraglich zu binden. In wohligen Regressionserkern des Hauses oder verschwiegenen Mooshütten im Ilmtal wird die gehetzte Bilderseele massiert und wieder an Sprache gewöhnt. Die Erfolge sind einzigartig: Neunzig Prozent der Befragten geben an, dass sie nun neben Bildern und Videos wieder Worte schätzen und in Zukunft verstärkt benutzen wollen.
Apropos Worte: Lange wurde ja ein passender Slogan aus echter Goethe-Substanz gesucht. Schließlich gelang die kommunikationstechnisch optimale Reduktion eines seiner Gedichte. Aus dem Textrohling
Alles geben die Götter, die unendlichen,
ihren Lieblingen ganz,
alle Freuden, die unendlichen,
alle Schmerzen, die unendlichen, ganz
wurde die fetzige Head: ‚Weimar. Alles ganz’”.