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Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Mein Gusszylinder, mein Über-Ich (Kurzfassung)

Mein Gusszylinder, mein Über-Ich (Kurzfassung)

Ein Sammlertraum(a)
© 1997 Dirk Schindelbeck

Die wunderlichsten Leute sind nicht immer die,
die ihren Spleen vorführen wie ein Accessoire,
sich selbst zur Eitelkeit, zum Gaudi für die Welt.
Ein Exemplar solch stillerer Sorte ist mein Freund,
ein unauffällig-netter Mensch. Der Erich steht
als Angestellter seinen braven Mann und sucht
am Sonntag mit den Jungs, der resoluten Frau
nicht einmal ungern seine Schwiegermutter auf,
bewältigt den Parcours aus Kuchen und Kaffee
und selbst den Asbach hinterher noch mühelos.
Wenn er sich informiert, so zeigt sich Erich voll
als der er ist. Die Zeitung, ausgelesen, liegt
bei ihresgleichen in Paketen stramm verzurrt
des Morgens ausgerichtet auf dem Altpapier.
Nie dachte ich, dass diesen Mann ein Furor quält
aus einer andern Welt, ein horror vacui, wie ihn
kein Angestellter je durchlitten haben kann.

Der Anlass war ein alter Schuhkarton. Darin
fand sich, vergessen lang, ein altes Blechspielzeug.
Zum Vorschein kam dies eines Sonntagnachmittags,
der grau und regenschwer daherschlich, dass ich bald
- der Erich war mit der Familie da - für seine Jungs
schnell auf den Speicher stieg und damit wiederkam.
Als nun der Deckel von dem staubigen Karton
gelüftet ward, winkt ich den beiden generös
und reichte ihnen dieses Dings. Erstaunen steht,
Entsetzen dann auf Erichs Miene. Rüde drückt
er seine Söhne weg und sich vor das Objekt:
„Ich hätte so was nicht bei dir vermutet,” schmunzelt er
und lacht: „Das ist nichts für die rohe Kinderhand!
Ein Storchbein!” - „Was?” - „Von Bing. Für Spiritusbetrieb:
Ein Bodenläufer, ähnlich einer Dampflok, fährt
auf einem Spurkranz zwar, doch nicht auf einem Gleis:
Nürnberger Stil, ich schätz, um neunzehnhundertvier,
doch nicht korrupt.” - „Wie bitte?” - „Keine Replika.
Es wurde nichts verfälscht, ersetzt. Ein feines Teil.” -
„Aha.” - „Nur Ferrihydroxyd: der rote Rost,
nicht weiter tragisch. Reparabel.” Damit liegt
er schon am Boden, windet sich um sein Objekt
wie eine Schlange, welche ihre Eier schützt.
„Hast Du vielleicht ein wenig Spiritus im Haus?”
tönt es herauf, „nur keine Angst, nicht zum Betrieb,
zur Reinigung.” Indes, sein Wunsch bleibt unerfüllt,
vom Kaffeetisch hinunter schüttl’ ich nur den Kopf.

O Erich-Menschenbild, was tust du mir? Der Mensch
noch immer Sammler, homo collectans? Gleicht er
dem Hamster, Geier, dem verschlagnen Fuchs? Da liegt
der alte Wolf in seinem Fernsehsessel, spielt
gelangweilt an der Fernbedienung. Doch ich seh’
das teuflische Gemisch aus Ordnungswut und Gier
in seinen Augen jetzt. Und schau, schon springt er auf,
durchkämmt Bazare, Börsen auf der ganzen Welt
in seinem halt- und ruhelosen Trieb nach Blech:
Daheim trifft Päckchen bald auf Päckchen ein, es schiebt
die Restfamilie Wache, sichert, registriert,
füllt die Regale auf, versiegelt Räume. Abgeschirmt
von aller Welt akkumuliert sich so sein Reich.
In solchen Schreckensphantasien lief der Tag
mir hin, als Erich blieb vom Storchbein absorbiert.

Er selbst hat über seinen Auftritt nachgedacht
(vermutlich), denn er lud mich ein zum Männertee:
Er führt mich durch den Flur ins Schlafgemach, wo sich
der Kleiderschrank elektrisch öffnet. Jesus, nein!
Vitrinen voll mit schönem altem Blechspielzeug.
Verschüchtert steh ich vor der Pracht: Dies also ist,
halb Wallfahrtskirche und halb Gruselkabinett,
des Erichs Innenwelt. Er registriert den Blick:
„Ingrid verbietet mir, das auszustellen. Recht
hat sie. Verflixt noch mal, da hat sie recht.” Er ringt
nach Luft - und lacht und dreht an Knöpfen. Tür um Tür
der Kleiderschrankwand öffnet sich von Zauberhand
und präsentiert sein ganzes Blech-Panoptikum.
„Da möchtest Du wohl gern mal fassen? Ist nicht, Freund,
solang die Zugreifsperre wirkt. Im Sinne der Objekt-
Erhaltung regelt mein rotierendes System
die Stückentnahme: jeden Tag ein andres Teil,
ganz rigoros.” Er schmunzelt: „Doch wir haben Glück,
denn freigegeben ist heut Nummer Eins!” Er holt
aus der Vitrine eine herzige Blechfigur.
„Auf einem Flohmarkt fünfundsiebzig in Berlin
erstand ich diesen Auto-Onkel. Jahrelang
stand er auf meinem Bücherbrett nur so als Zier,
bis mir ein Freund davon erzählte: ein Produkt
von Lehmann, Brandenburg, um neunzehnhundertzehn.
Das war der Urgrund, war der Keim. Schnell kam dann Stück
um Stück hinzu, je mehr es Sammlung wurde, wuchs
natürlich auch das Platzproblem. Wohin mit all
dem Kleiderwust von vier Personen? Gott sei Dank
ist unser Keller trocken, wenn auch ziemlich kühl.”

Da greint er wie ein Schlitzohr und führt lächelnd aus:
„Die Schrankwand umzurüsten, das war ein Projekt!
Geeignete Vitrinen, Brandschutz, Sicherheit,
Beleuchtungsfragen und so fort. Den Ausschlag gab,
dass hier das Klima wesentlich konstanter ist
als in den andern Räumen dieser Wohnung. Klar,
die Unterbringung ist ein Dauer-Kompromiss
aus angemessner Lagerung des Sammelguts
und dem Bedürfnis, es zu präsentieren. Doch
im engen Rahmen meiner Möglichkeiten stellt
dies gleichwohl die mit Abstand beste Lösung dar.”
Die Perfektion, wie presst sie mir Bewundrung ab
Gleich der Beziehung, die sie schafft und konserviert!
Wie oft mag Erich nachts, wenn andre Baldrian
Und Schlaftabletten nötig haben, sich vom Bett
Erheben: ein vertrauter Gang zu seinem Schatz.

„Ist dieses Material denn nicht phantastisch, sag?
Prä-Plast-Epoche sozusagen. Wieviel Charme
vergangner Zeiten ist drin aufbewahrt? Zu Blech
die Welt zurechtgebogen, dann bedruckt, lackiert!
Wie oft steh ich davor, bestaune stundenlang
den Blechfisch hier: Wie ungelenk und primitiv
das eiert, quietscht und sein Spektakel macht. Es drängt
mich dann wohl auch, dies andern mitzuteilen, doch -
Ingrid zu überzeugen war mein Meisterstück.
Du weißt ja selber wie das ist. Am Ende siegt
das rohste Argument, der Wertbesitz. Nun denn:
Im Keller steht seitdem der echte Kleiderschrank.
Dafür spiel ich auf Lebenszeit auch den Kurier
und hol, was immer man zum Anziehn braucht, herauf.
Wenn mich die Ingrid früher ärgern wollte - mal
war dies, mal das nicht richtig -, schickte sie mich schon
auch fünf- und sechsmal in den Keller runter. Doch
seitdem ich im PC nicht nur die Blech-Artikel
verwalte, sondern jetzt auch den Gesamtbestand
an Kleidungsstücken überblicke, ist das längst
kein Thema mehr. Am Bildschirm wählt sie sich ihr Kleid,
die Strümpfe, Unterwäsche, was sie anzieht, aus:
Ich lass mir ihren Kleidungswunsch bestätigen
und liefere in drei Minuten - garantiert.”

Jetzt dreht er an den Schaltern - und verführerisch
taucht erst in rotes, dann in violettes Licht
die pralle Hülle einer Montgolfiere ein,
ein Zeppelin trifft sanft aus seinem Schatten, jetzt
fällt auf die Hakenkreuze seines Leitwerks Licht.
„Er war der letzte seiner Art, der Zeppelin
von neununddreißig, schwere Tippco-Qualität.
Schau das mal an, das dampfbetriebne Karussell -
und dennoch geben mir die Sahne-Stücke letztlich nie
den Kick. Hier schau, die Biller-Bahn, ein Loren-Zug
von zweiundfünfzig, das ist Nachkriegszeit ganz pur.
enttrümmen war ja auch mein Lieblingsspiel…” Er seufzt:
„Und doch bin ich als Sammler nur ein Zwerg. Dies muss
man immer wieder sagen. Laien sehn und meist
auch Frauen hier die Dimensionen nicht. Mein Traum”,
gesteht er, „wär ein großes Blechschiff noch.” Ich nick
und steh mit ihm andächtig vor dem Arrangement.
„Hast du denn nichts gehört? Dies feine Knacken? Nichts?”
Ich schüttle nur den Kopf. Er lauscht. - Da draußen streunt
vielleicht ein Hund, ein Vogel knistert im Gebüsch.
„Mit allerfeinsten Rissen fängt es an, dann biegt
das Blech sich langsam auf und platzt, und der Zerfall
des Stücks beginnt - ein Häufchen grauer Asche bleibt
am Ende davon übrig. Zinkpest ist wie Aids,
heimtückisch rafft sie ganze Sammlungen hinweg.
Kein Mittel gibt’s bislang, die Wissenschaft weiß nichts.”
Der Aufschrei sitzt. Nervös und völlig umgedreht
zieht er die Nachttischlade auf, da liegen sie:
Zahnkränze, Druckzylinder, jämmerlich zerstört.
„Es steckt im Guss! Es steckt im Gus!” so murmelt er,
läuft an der Schrankwand hin, horcht hier und dort: „Ich muss
das infizierte Stück in Quarantäne nehmen.” Doch
er findet nichts; mit Mühe lässt er sich besänftigen,
wenngleich er ständig aufhorcht und verstört bekennt:
„Im Grunde sammle ich ja gar kein Blechspielzeug,
ich sammle Zeit, ich schaue Zeit durchs Blech mir an.”

Die kühne Selbsterkenntnis hat mich tief berührt;
sie spielt in meinen Träumen ihren Part,
wenn Erichs Stimme an mein Ohr vernehmlich dringt:
„Wer aus dem Abgrund aller Unvollständigkeit
bleibt eingeschworen auf sein Ziel, nur der Idee
der Sammlung treu, doch ewig strebend im Bemühn,
bis dass er ihr dereinst das letzte Stück
erjagt und einverleibt, an diesem Tage, wenn
in lauter Glück er steht vor seinem Werk und ruft:
‚Komplett! - - ‚ …. als ob im Hintergrund das Morgenrot
des jüngsten Tags zugleich heraufzieht, Endzeit ist
mit großem Coming-Out, mit Showdown der Substanz
und - schau - aus aller Herren Länder angereist
schon die Fraktion der Sammler anhebt: ‚So ein Tag…’,
die es, aus dumpfen Kellern an das Tageslicht
hervorzukehren trieb, was bislang vor der Welt
versteckt lag, sie, die Hüter des verkannten Seins,
formiert und aufgereiht vor ihren Truhen stehn,
die Deckel fortzureißen (jeder sich noch schnell
ins Bild zu rücken strebt, als Glanzstück, Schlusspunkt, Sinn
des eignen, unvergänglich edlen Werks) und nun
die Schachteln sich eröffnen, in dem Augenblick,
wenn dann, o Schreck, das Sammelgut zerfallen ist,
als Häufchen grauen Pulvers nur zum Vorschein kommt,
nach riesigem Lamento Fassung wiederkehrt,
sind sie die wahrhaft Auferstandenem vom Wahn,
und, nun im Wissen, endlich frei zu sein,
macht sich homerisch-himmlisches Gelächter breit
und füllt den Himmel aus, es lacht der Dilettant,
es lacht der Auktionator, lacht die Ehefrau,
es lacht der allergrößte Sammler vor dem Herrn
über den Staub der Welt, den Haufen altes Blech.”

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 19. Juni 2009 6:31
Themengebiet: Satiren