Vom Überholen ohne einzuholen oder: Realsatire wie sie leibt und lebt
Die Mutter aller Weimar-Satiren
© 2003 Dirk Schindelbeck
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Das Unausweichliche - wird’s so Ereignis?
Es war im Januar 1990 - gerade hatte man begriffen, dass die Mauer nun wohl für immer gefallen war, noch waren die Gesichter der Ost-Menschen hell vom Segen des Begrüßungsgeldes und die Silvesterraketen noch kaum über dem Brandenburger Tor verzischt - da war auch ich froher Erwartungen voll. Denn noch kaum lief der Frühlingswind durch die kahlen Alleen, da sah ich sie schon vor mir, die Landschaften dieses neuen, größeren Deutschlands, blühend zwar noch nicht, aber irgendwie einig und eins, Geschichte wie Zukunft, Orte und Menschen, Erlebnisse oder Symbole. In dieser Stimmung wagte ich mich an ein Stückchen Zukunftsmusik:
„Siebter November 1999. In Frankfurt besteigt eine Gruppe von Werbefachleuten einen Helikopter und fliegt längs der E4 Richtung Osten. Längst zieht sich die Autobahn achtspurig durch das Hessische Bergland gegen Berlin zu, der wiedererstandenen Hauptstadt des neuen Großkanzlerreiches. Über Gotha und Erfurt nähern sie sich dem Tal der Ilm, dem Ziel ihrer Reise: Weimar.
Die Ortsbesichtigung heute ist mehr als eine der turnusmäßig durchgeführten Mythos-Inspektionen, seit Weimar konsequent zur gesamtdeutschen Classic-Metropole ausgebaut wurde. Die Werbeleute gehören zum Team der Weimar-Creativ-Productions, einer Frankfurter Agentur, die vorwiegend auf den Markt des immateriellen Konsums und auf Orts- und Kulturträgermarketing spezialisiert ist. 1997 kam der große Durchbruch mit der Einrichtung des Satellitenprogramms ‚Weimar-Inside’, das Klassik-Animationsprogramme und darauf abgestimmte Produktwerbung ausstrahlt.
So konnte dieses Jahr erstmalig zusammengezogen werden zu einem zweijährigen Mega-Festival. Was fällt heuer auch nicht alles zusammen? Ende August war der 250-jährige Goethe-Geburtstag. Und schon beginnen die 50-Jahre-Deutschland-Feiern mit dem Höhepunkt übermorgen, der 10-jährigen Maueröffnung. In einer medialen Zusammenschaltung werden dann die bekanntesten word-designer (Dichter) der Welt ihre Hymnen auf die Freiheit anstimmen. Dann werden alle Weimarer Einwohner, längst als Dauerstatisten geübt, in tosenden Beifall ausbrechen. Gut betuchte Nostalgiker können noch die letzten Stasi-Windjacken oder Ortsschilder aus Karl-Marx-Stadt ersteigern. Für den kleineren Geldbeutel bieten eigens eingerichtete Souvernirstände Replikate der Leipziger Demonstrations-Kerzen im VEB-Karton-Imitat feil.
All dies wäre natürlich nicht ohne ein entsprechendes Marketing des Ortes möglich gewesen. Als Glücksfall erwies sich, dass Weimar über so dichte DDR-Heimat-Rohmasse verfügte, die mithilfe des BRD-Marketing-Knowhow zu einer hochglaubwürdigen Ortsanmutung synthetisiert worden ist. Anfangs der neunziger Jahre wurde ja noch lange der Plan einer totalen Weimar-Simulation an neutraler Stelle heftig befürwortet. Wie die Entwicklung wohl verlaufen wäre, wenn damals beim Probelauf des Goethe-Androiden nicht dessen eklatante Reimschwächen zutage getreten wären?
Was sich hier alles getan hat, kann nur derjenige ermessen, der sich der Zeit vor der Deutschen Revolution noch erinnert. Weimar, das war ein schmutzig-grauer Provinzflecken, über den sich im Winter eine bräunliche Schicht aus Zweitakt-Abgasen und verkokeltem Braunkohlehausbrand legte. Johann Wolfgang Goethe hatte diesen Verfall lange vorausgesehen und sich schon 1796 energisch gegen kommunistische SED-Misswirtschaft gewandt:
„Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,
wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue
Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.” (Hermann und Dorothea)
Nachdrücklich hatte er dagegen eine Stadtqualität gefordert, professionell möbliert wie die damals führenden Metropolen Mannheim oder Frankfurt!
Mit seinen geringen Marketing-Kenntnissen sorgte er 1775, eben hier eingetroffen, in seiner gelb-blauen Werther-Tracht immerhin für die Akzente der Mode-Saison. Trat dann bald als ‚Pater Dekorator’ auf und animierte die Hofgesellschaft mit Theaterstücken, sorgte für Illuminationen und künstliche Wasserfälle. Es dauerte noch bis 1818, ehe die Erzherzogin erkannte, dass die „einheimischen Erzeugnisse der Einbildungskraft und des Nachdenkens” die premium position im Ortsmarketing einnehmen mussten.
Heute haben die Ambiente- und Patina-Directors diese guten Ansätze ins Gesamt-Konzept der Classic-City integriert. Alle hier käuflichen Produkte entsprechen der Weimar-Design-Linie. So z.B. die edel geschnittenen DOB-Modelle der ‚Iphigenie-Collection’ des Hauses ‚Charlotte von S.’ für die reifere Dame. ‚Vulpius-Dessous’ wiederum befriedigt den verwöhnten, auf erotische Raffinesse ansprechenden Geschmack. Zu einem Multivisions-Zentrum mit integriertem Liebhaberkino ist das alte Hoftheater umgebaut worden. Hier darf sich der Gourmet beim Soft-Porno ‚Tausend Figuren. Ein Deutscher in Rom’ entspannen, einem Film in Goethocolor nach der Farbenlehre gedreht.
Selbst völlig amusische Menschen empfangen beim Gang durch die Stadt Kauf- und Konsumimpulse von bislang ungeahnter Dimension. In den Cafés, die ein breites Sortiment an Dichterköpfen aus Marzipan, Schokolade oder Schaumbaiser anbieten, sitzen Wissenschaftler und Gelehrte, die im Goethe-Schiller-Research-Center arbeiten und vergnügen sich an den süßen Kreationen, während sie den Stand ihrer Werkausgaben und Tantiemen diskutieren. Vor ihnen über die Plätze der Stadt und durch die Ladenpassagen bis hinunter zu den Ilmauen flanieren die Dichter-Trainees aus aller Welt, den Walkman im Ohr, der sie mit klassischem Gedankengut lädt.
Ein neuer Besucherrekord zeichnet sich jetzt schon ab. Vor allem im Marktbereich der Ganz-Animationen werden die Wachstumsraten kräftig zulegen, wie De-Stael-Tours, der führende Weimar-Anbieter, verlauten lässt. Wer zur Weltbildgenesung hier reisen will, bucht für die nächste Saison möglichst jetzt schon seine Suite im Sheraton-Hotel ‚Herzog Karl August’. Nach langen, äußerst zähen Verhandlungen ist es den Hotel-Managern gelungen, erfahrene Weltbild-Animateure der Rudolf-Steiner-Schulen vertraglich zu binden. In wohligen Regressionserkern des Hauses oder verschwiegenen Mooshütten im Ilmtal wird die gehetzte Bilderseele massiert und wieder an Sprache gewöhnt. Die Erfolge sind einzigartig: Neunzig Prozent der Befragten geben an, dass sie nun neben Bildern und Videos wieder Worte schätzen und in Zukunft verstärkt benutzen wollen.
Apropos Worte: Lange wurde ja ein passender Slogan aus echter Goethe-Substanz gesucht. Schließlich gelang die kommunikationstechnisch optimale Reduktion eines seiner Gedichte. Aus dem Textrohling:
Alles geben die Götter, die unendlichen,
ihren Lieblingen ganz,
alle Freuden, die unendlichen,
alle Schmerzen, die unendlichen, ganz
wurde die fetzige Head:
‚Weimar. Alles ganz’”.
So meine kleine Satire vom Januar 1990. Wie erging es dem Text? Vielleicht weil er sich zu diesem frühen Zeitpunkt noch so abenteuerlich anhörte, hatte er das Glück, mehrfach gedruckt zu werden, an die 15 mal, in Kurz- und Langfassung, in der taz, in „Horizont”, einem Marketing-Blatt, in der Badischen und der Thüringer Zeitung, in der „Geschichtswerkstatt”, in „Die aus Weimar”, einer jener vielen kurzlebigen lokalen Zeitungsgründungen der Wendezeit, in „Mir gruselt, Charlotte. Weimarer Spätlese”, zuletzt noch im Oktober 1992 in der Satirezeitschrift „Eulenspiegel”. Auch der nicht immer nur satirische Spiegel hat in einem längeren Weimar-Essay daraus zitiert. Das Unausweichliche stand also frühzeitig im öffentlichen Raum - als literarische Fiktion. Aber dann kam die Wirklichkeit, dicke deutsche, ja deutsch-deutsche Wirklichkeit…
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1999: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein” (Slogan der DM-Drogeriemarktkette)
Seit dem 1. Juli 1990 gibt es eine handfeste gesamtdeutsche Realität: die DM. Sie ist wahrhaftig kein Spaß und keine Satire (welch unvorstellbares Unglück wäre das auch). Sie kam, mit Marianne Rosenberg zu sprechen, „wie ein Sturm übers Land”, verteilte sich, wenn auch sehr ungleich, über seine hellen wie dunklen Gegenden. Sie einte die Nation und schied zugleich die Menschen, wurde Maß und Maßstab für alle, bestimmte ihre Selbst- und Fremdbilder. Die DM war es, die von nun an auch den Rahmen der Goethe-Wahrnehmung abzustecken begann, nach und nach zum Moderator seines 250. Geburtstags wurde, umso mehr und umso konkreter, je näher dieser heranrückte, man sich in Weimar anschickte, zur „Kulturstadt Europas” zu werden und in Frankfurt eine „Geschäftsstelle Goethejahr” einrichtete. Im Zeichen ihrer Verschmelzung mit dem Genie entstanden Organisationen, nein, ihr adäquat, GmbHs.: in Frankfurt etwa die Goethe-Gesellschaft GmbH des Herrn Hänsel-Hohenhausen (als Geschäftsführer mehrerer Druckkostenzuschussverlage kein Unbekannter), in Weimar die Salve-Merchandising GmbH oder die Goethe international Marketingvertriebs GmbH. Klar, dass man sich auf die Fahne schrieb: „Goethe ist Superspitzenqualität. Also machen auch wir Superspitzenqualität” (bekanntlich ist nichts einfacher als das). Aber sprechen wir zunächst kurz von der DM.
Solange wir sie kennen, gibt die DM Zeugnis ab, Zeugnis von einem System: es heißt Marktwirtschaft, Konkurrenz und Wettbewerb, heute meist Verdrängungswettbewerb. Und schon hier muss sich meine Satire entschuldigen. Sie hat diese Realität in großen Teilen verkannt, allzu naiv ging sie von einem Goethe für alle aus, der als hübscher Marzipankopf allen gleichermaßen ausgeteilt wird. Sie hat die ungleiche Verteilung der DM übersehen, sowohl auf der Seite der Anbieter, Investoren und Sponsoren als auch auf der Seite der Käufer, Kunden und User. Sie hat übersehen, dass viele den ganzen Goethe für sich beanspruchen und mit ihm Umsatz machen, aber keiner die ganze Haftung übernehmen wollte: GmbH eben. Sie hat übersehen, dass die Datei Goethe (um es in der Sprache der Computerleute zu sagen) heute nur im Betriebssystem DM, Wettbewerb, Event und Konsum aufgerufen werden kann.
Und also geschah, was kommen musste: Goethe als DM-Phänomen wurde zum Grabenkrieg zwischen West und Ost. Goethe-Produkte konkurrierten mit Goethe-Produkten. Aus Weimar kam beispielsweise ein Natur-Kautschuk-Schnuller mit der Kopfform des Genies auf der Innenseite (11,90 DM), aus Frankfurt ein smartes Goethe-Mouse-Pad (7,50 DM), aus Weimar beglückte uns die Feinstrumpfhose „Gretchens Masche” (12,00 DM), Frankfurt hatte dagegen ein T-Shirt mit dem Spruch „Sei ganz ein Weib und gib dich hin dem Triebe” (12,95 DM, wie man hörte, als Nachthemd ein Renner) im Angebot.
Weit interessanter jedoch die Darstellung des Genies als Werbeträger: hier gebührt Goethe in Wessi-Gestalt, in Form eines comicartigen Logos nämlich, das seine Vorlage, das bekannte Tischbein-Gemälde, geschickt aufzunehmen wusste, der Sonderpreis. Man brauchte indessen nur etwas schärfer hinzusehen, um zu bemerken: Dieses Goetchen hatte natürlich nur eine Funktion: ein Anti-Weimarer zu sein, eine Art HB-Männchen, das eben nicht für eine Zigarette, sondern für das Produkt Frankfurt warb, von Haus aus eben ein Frankfurter und niemals ein Thüringer Würstchen: „Weltbürger Goethe. Weltoffenes Frankfurt”. Freilich hatte man’s am Main einfacher als an der Ilm. Banken standen dahinter, Werbeagenturen, DM. Und hier konnte zudem aus dem Vollen geschöpft werden, ohne dass wie in Weimar damit gerechnet werden musste, dass irgendein Besserwisser (nicht Besserwessi!) aus der hinteren Reihe die Buchenwald-Frage stellte und die historische Hypothek des Grauens so ihren Schatten auf den Glanz dieses begnadeten Lebens werfen konnte. Ja, nach den Frankfurter Event-Planern hatte das „Weltkind” eigentlich so ziemlich alles erfunden, was an Frankfurt immer noch groß ist und schön und in der Welt draußen zählt: den Flughafen, die Banken, die Messe, die Börse… Und dass Amerikanern, die ihren Germany-Trip von jeher am Frankfurter Airport beginnen, das Frankfurter Würstchen schon immer näher stand als das Thüringer, wen wundert’s? „Meisterwerke der Wurstmacherkunst aus der Kulturstadt Europas”, wie es dagegen eine plumpe Gemeinschaftswerbung Weimarer Fleischer unter Zuhilfenahme des Klassikerdenkmals verhieß, drang an deren Ohren sowieso nicht. Warum auch beschwerlich in Deutschlands dunkle Ecken reisen, wenn sich das Geld auch in Frankfurt und vermutlich viel besser ausgeben ließ? Und wer’s nicht lassen konnte, sich zu bewegen, mochte dies tun. Im Rheingau etwa. So empfahl es etwa der Prospekt „Goethe and Hesse”: „I came into the world in Frankfurt am Main. The constellation was favorable”. Artig nickte Ex-Ministerpräsident Eichel dazu: „Today, culture is highly valued in Hesse”. Und diejenigen, die sich unbedingt bewegen wollten, waren freundlich eingeladen, ausgesuchte Goethe-Städte wie Zürich oder Verona aufzusuchen, aber nach Süden bitteschön, immer nach Süden, nie nach Osten ins dunkle Deutschland schwenken! Goethe ist eben Frankfurt und Frankfurt ist Goethe. Punktum.
All dies hatte meine kleine Satire nicht vorausgesehen, jenen deutsch-deutschen Grabenkrieg um den größeren Anteil an Goethes Geburtstags-Kuchen. Man möchte fast ausrufen: Erlöse uns, Wolfgang, von diesem Bimbes! Doch nein! Hier sei der Platz für eine sentimentale Erinnerung, ein Gegenbild aus einer Zeit, wo die Datei Goethe - auch in Weimar - noch nicht zwangsläufig vom Betriebssystem DM geöffnet wurde. Diese Geschichte aus der Endphase der DDR zeigt nämlich ein ganz anderes An-den-Mann bzw. An-die-Frau-Bringen, subkutan und voller Raffinement, wie es heute niemand mehr kennt. 1986 war’s, zu einer Zeit, als von den bundesdeutschen Reisekadern höchstens mal Oberstudienräte in geschlossenen Formationen nach Weimar zu pilgern pflegten. Freilich gab es auch seinerzeit schon Goethe-Souvernirs der Marke sozialistisch, preiswert, gut, Papierenes, Bücher und so. Aber auch ein schönes Plakat, das ich in der örtlichen Fremdenverkehrs-Zentrale mit großer Freude erblickte. Es zeigte das Gartenhaus, stimmungsvoll im goldbraun-herbstlichen Blätterfall. Just ins Laub hineingedruckt ein Schriftzug in stechend hartem Weiß ‚Schöne Heimat DDR’, für westdeutsche Augen die nackte Katastrophe. Halb verzweifelt, halb entsetzt musterte ich die Dame hinter der Kasse, denn wie so viele Westoberstudienräte hätte auch ich das Plakat gern erstanden, aber so… Sie lächelte verständnisvoll und mild, beileibe keine steinerne Charlotte, und wusste mir süße Hoffnung zu machen: Beim aushängenden Plakat handele es sich noch um die alte Auflage. Bei der neuen, nunmehr vorrätigen, habe man den Spruch ‚Schöne Heimat DDR’ nicht mehr in weißen, sondern in braungoldnen Lettern auf das goldbraune Laub gedruckt; jetzt könne die Losung nur noch erkennen, wer sich mit einer Lupe ausgestattet dem Plakat nähere. Ich war beeindruckt und kaufte drei: den Ideologen der Partei Genüge zu tun und zugleich westdeutschen Lehrern Geld aus der Tasche zu ziehen und damit den Sturköpfen von Staat und Partei auch noch Devisen zu bescheren. Realsatire der Spitzenklasse! Gegen diese Schweijkiade kam kein literarischer Text mehr an.
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Das Nie-Wahrscheinliche - hier wird es wahr
Was heißt das nun alles für die Satire? Seit jeher gilt sie als diejenige Literaturform, die der Wirklichkeit am meisten nachstellt. Weil sie sie wie keine andere liebt. Weil sie wie keine andere an ihr leidet. Immerfort will sie sie ja verbessern, ihr eine Alternative zeigen, ihr ein Vor-Bild geben. Doch wenn ihr dies fortwährend misslingt, ja wenn die Wirklichkeit sie überholt, sich an ihre Stelle setzt, selbst schon die bessere, die Realsatire ist? Dann hätte sie gar keinen Ort mehr und müsste bitterlich weinen. Welcher Kunstgriff bleibt ihr noch übrig? Am besten, sie nimmt fiktive Verhältnisse aufs Korn, Verhältnisse, die es so nie und nimmer gibt, beispielsweise einen Staat, wo die DM nichts gilt und die Manager und Merchandiser mit ihren riesigen Goethe-Produkt-Sortimenten ebenso wenig zu sagen haben. Vielleicht ist dies nicht vorstellbar, aber nehmen wir es einfach mal an, nehmen wir weiterhin an, dieser Staat begehe heuer seinen ersten Geburtstag im neuen Jahrtausend. Natürlich hat sich ein so dauerhafter Staat längst ein Pantheon errichtet, eine Walhalla sozusagen, worin er die Bildnisse seiner großen Söhne und Töchter zwecks allgemeiner Identitätsstiftung aufgereiht hat. In diesem Fall ließe sich die Wirklichkeit von der Satire „überholen ohne einzuholen” (Walter Ulbricht). Was für ein Glück. Sie (die Satire) hat ein Thema gefunden:
„Es ist ein klarer Herbsttag an diesem siebten Oktober 2000; noch einmal steht die Sonne über Sachsen leicht und warm. Auf einer Anhöhe des Elbsandsteingebirges gelegen, grüßt uns die Ruhmeshalle des Volkes schon von weitem: ein mächtiger grauer Bau. Wir nähern uns rasch und erblicken auf den Flügeln des Eingangsportals die Worte: ‚Der Kommunismus hat gesiegt, weil er wahr ist!’ Dass die stützenden Pilaster unter dem Tübke-Fries wegen anhaltender Materialknappheit aus wetterbeständigem Duroplast hergestellt wurden, hat bis heute noch keine Besuchergruppe gestört, da geschickte Absperrungsmaßnahmen von vorn herein jegliches Berühren zu verhindern wissen. Hingegen sind die ebenso bewährten wie praktischen WBS-70 Magerbetonelemente (im Volksmund ‚Platte’ genannt), aus denen der Baukörper errichtet wurde, eine bewusste Reverenz an das Material der werktätigen Massen.
Die Berichterstattung der Aktuellen Kamera läuft. Egon Krenz, der in die Jahre gekommene Nachfolger des legendären Erich Honecker, schreitet mit ausgewählten Vertretern des Politbüros, unter ihnen Außenminister Bisky und die junge Kulturministerin Sahra Wagenknecht, die Stufen hinauf zum Portal. Schon der Aufgang erinnert an eine große Tribüne, unterhalb derer die Aufmarsch-Magistrale verläuft, auch Straße des Volkes genannt. Hier werden in einer Stunde die Jungen Pioniere vorbeidefilieren und die Wachbataillone der Volksarmee mit ihren zum Dauerstechschritt ausgebildeten Eliteeinheiten.
Folgen darf heute ins Innere der Halle dem Ministerpräsidenten und seiner Politbürocrew niemand - außer dem wachsamen Kameraauge. Drinnen verharrt die Gruppe zunächst vor den Büsten von Karl Marx und Friedrich Engels, vor Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - dann heben sie alle leicht den Kopf, denn etwas erhöht findet sich Lenin, von seiner Geisteshaltung schon immer ein deutscher Revolutionär (zumindest während seiner Zugfahrt nach Saßnitz). Neben ihm figuriert Martin Luther, der dem ausgebeuteten Volk die Sprache brachte und so dessen gerechte Sache vertrat. Kurz nickt Egon Krenz den andern zu, und weiter schreitet die Gruppe zu den Büsten der historischen Klassenkämpfer: Da stehen Spartakus, der Organisator der Sklavenunruhen in Rom; Jürg Ratgeb, der Führer des Bauernaufstands; Savonarola, der sich so kühn gegen den Papst stellte; Klaus Störtebecker und Godecke Michels, die die frühkapitalistischen Monopole der Hanse das Fürchten lehrten. An der Reihe der toten Helden geht es vorbei, die für die Befreiung vom Hitlerfaschismus ihr Leben gaben: Hans Beimler und Ernst ‚Teddy’ Thälmann mit überaus realistisch gewordener Marmor-Mütze. Es folgen, Kopf an Kopf gereiht, die Arbeiter der Stirn: Goethe und Schiller, die unverzichtbaren; Ernst Moritz Arndt, der Dichter der Freiheitsbriefe, Lenz und Büchner, Herwegh und Freiligrath, natürlich Bert Brecht und schließlich, auf einem vorspringenden Büstenhalter Johannes R. Becher und Anna Seghers, ihnen zur Linken Kurt Bartel (Kuba genannt) und Max Zimmering, die Dichter des Liedguts der Arbeiterklasse. Freundlich grüßt aus der hellen Ecke August Bebel, neben ihm die Matadore des Aufbaus Frieda Hockauf und Adolf Henneke. Zuversicht und Stolz beleben die Züge des Präsidenten und seines Politbüros, als sie neben ihren Büsten auch noch deren beste Arbeitsergebnisse auf einer Ehrentafel erblicken. Abgerundet wird die Gruppe der Produktivhelden durch die Bildnisse der Neuerer, Seifert mit seiner Methode, die Fehlzeiten im Betrieb zu senken und Makarowsky, welcher durch eine operative Rechenfigur die Standzeiten leerer Güterwaggons auf den Verschiebebahnhöfen entscheidend herabzudrücken wusste.
Am Ende des Rundgangs im Pantheon findet sch die Ahnenreihe der Repräsentanten des demokratischen Deutschlands, in dem das Volk, vertreten durch die Partei der Arbeiterklasse, der legitime Souverän ist. Vor ihnen verharrt, ernst und still, Egon Krenz lange. Doch was niemand ahnt: Die Größe des Ulbricht-Kopfes war seine Idee gewesen, inklusive ihres Ersatz-Materials (Gießharz, marmoriert bemalt). Welch harte Kämpfe es darum gegeben hatte! Gegen die Kulturkommission hatte er sich durchzusetzen gewusst. Doch auf einmal umspielt ein leises Lächeln die Züge des Ministerpräsidenten. Denn stand nicht auch Pieck, den er mochte, wohlproportioniert neben dem schlampig herausgehauenen Schädel Schabowskis? Aber das Schrumpfköpfchen Ulbrichts, gnomenhaft, Spitzbart übertrieben, das war schon Klasse! Ach, er selbst musste ja morgen schon wieder Modell stehen im Atelier, eine anstrengende Stunde in strammer Haltung, beschwerlich, beschwerlich, doch leider unausweichlich, denn die ansteigende Reihe in der Größe der Präsidentenbüsten hatte er selbst ja verfügt…