Hänschen und Gänschen
(Kinder-Lehrgedicht über gesellschaftliche Machtverhältnisse)
© 1991 Dirk Schindelbeck
Hänschen hüt’t Gänschen
und führt es zum Stall.
Spricht Gänschen zu Hänschen:
„Ich hüt dich auch ein ander Mal.
Sieh nur, mein Schnabel
reicht dir fast bis zum Nabel.”
„Ich muss dich hüten, bewachen,
der Vater hat’s gesagt,
den Stall zumachen,
bis Morgen, wenn es wieder tagt.”
Spricht Gänschen: „Ach, verloren
bin ich! O wär ich nie geboren!”
„Was ist denn, liebs Gänschen,
hungert dich denn?” -
„Ach nein, mein liebs Hänschen,
ich wollt fast, dass mir Hunger brennt,
denn wenn ich rund und stramm bin,
zum Sterben ich verdammt bin!”
Spricht Hänschen: „O nimmer!
S’ist Weihnachten bald.
Sind warm unsre Zimmer,
im neuen Stroh wird auch dir nicht kalt.
Uns brennen die Kerzen wie Sterne,
und dir hol ich die Stalllaterne.”
Spricht Gänschen zu Hänschen:
„Reiß aus mit mir, reiß aus,
hol Jacke und Ränzchen,
wir fliehn aus Stall und Haus,
wir gehen andre Wege,
wir brauchen nicht der Pflege.”
Sagt Hänschen: „Der Vater
zu mir immer spricht:
Du schließ mir das Gatter! -
Nein, in die Welt laufen kann ich nicht,
wüsst auch nichts darin anzufangen,
wüsst auch nicht wo mich anzuhangen.”
Spricht Gänschen: „Doch Morgen,
da tauschen wir fein.
Mach dir keine Sorgen,
wird uns ein lustig Spielchen sein,
sieh nur, vom Schwanz bis zum Kopfe
bin ich nicht größer als ein Tropfe.”
Hänschen hüt’t Gänschen
Und führt’s hinaus aufs Feld.
Spricht Gänschen zu Hänschen:
„Jetzt reiß ich aus in die Welt!”,
schnappt mit dem Schnabel den Zippel
von Hänschens Knotenknüppel.
Und beißt das Hänschen
- o wie das schreit! -
fortläuft das Gänschen
und ruft und ruft von weit:
„Nun setz ich meine gelben Füße
nur noch auf feie Wiese!”
Der Vater ist böse
und brüllt sehr laut,
er greift nach dem Besen,
womit er Hänschen arg verhaut.
Er schlägt ihn fast weich wie Butter
(zum Glück kommt grad die gute Mutter):
„Die Gans wollt ich schlachten
zum Weihnachtsfest,
nun lerne du schmachtend,
dass man die Gans nicht laufen lässt!” -
Und Hans tat noch kräftig weinen:
„Leb wohl, Gänschen, hinter den Zäunen!”