4711 (echt kölnisch Wasser)

Lemma [Ziffernfolge einer Kölner Hausnummer aus dem 18. Jahrhundert]

Definition: Markenname des lediglich durch diese Zahlenkombination bekannten „Kölnischen Wassers”

Zeitungsannonce vom April 1928

Zeitungsannonce vom April 1928

Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Verlorene Kriege und Markenrechte
Tradition und Globalisierung
Weiterführende Literatur
Weblink

Die Erfindung der Marke

Wenige deutsche Markenartikel haben ihre Traditionswerte von jeher so deutlich nach außen vermittelt wie das Haus 4711; bei diesem „Aqua mirabilis” verschmolzen ja auch historisch verbürgte Elemente mit Legenden zu einer dichten und kaum mehr zu entwirrenden Verbindung. Das Produkt selbst, ein typisches Geheimmittel zur vermeintlichen Erlangung rascher Heilung, ewiger Jugend und erotischer Ausstrahlung, war für die Mysterienbildung auch wie geschaffen. Es bestand aus ätherischen Ölen von Zitrusfrüchten, Rosmarin und in reinem Alkohol gelösten Lavendelauszügen.
Wilhelm Mülhens wollte das Rezept für das Wunderwasser von einem Kartäusermönch namens Farina geschenkt bekommen haben. Um es unter diesem wohlklingenden italienischen Namen besser absetzen zu können, sicherte er sich 1803 die Rechte daran. Das hinderte ihn nicht, den Namen Farina etwa 30 Mal weiterzuverkaufen - schließlich gab es in Köln zahllose Erzeuger von Wunderwassern.

Anzeige für ein "Wunderwasser" aus Köln (ca. 1820)

Anzeige für ein "Wunderwasser" aus Köln (ca. 1820)

Es blieb nicht aus, dass es im Laufe des 19. Jahrhunderts angesichts der Inflation von Farinas zu etlichen Prozessen um „das erste und wahrhafte Rezept” kam. 1881 wurde Mülhens Enkel endgültig untersagt, den Namen Farina weiterhin führen zu dürfen. Der Bedarf nach einer zugkräftigen neuen Gründungslegende war also groß. Gefunden wurde sie in einer schlichten Adresse bzw. Hausnummer: die Firma wurde eingetragen als „Eau de Cologne & Parfümerie Fabrik Glockengasse Nr. 4711 gegenüber der Pferdepost von Ferd. Mülhens in Köln am Rhein.”
Seit dieser Zeit ist der französische Offizier, der 1794 bei der Zählung der Häuser der Stadt Köln, auf seinem Pferd sitzend, die Zahl 4711 mitsamt dem schwungsvollen Glockenornament auf die Hauswand geschrieben haben soll, unverzichtbarer Bestandteil des legendenhaften Produktauftritts.
Selbst nach dem erweiterten Markenschutzgesetz von 1894 war aber eine Zahl allein nicht eintragungsfähig, da die Verwechselungsgefahr zu groß sei. Doch Mülhens gelang der Nachweis, dass 4711 inzwischen Verkehrsgeltung erlangt hatte und eine feste Gedankenverbindung mit „Kölnisch Wasser” und anderen Parfümartikeln seines Hauses eingegangen war.

Verlorene Kriege und Markenrechte

Nach der Beendigung des Ersten Weltkriegs mit durch den Versailler Vertrag für Deutschland fatalen Folgen wurde der Rechtsschutz für die Marke 4711 auf Antrag eines Wettbewerbers 1921 wieder gelöscht. Doch die Rechtsbeschwerde der Hausjuristen von 4711 hatte Erfolg, wonach Inländer nicht schlechter zu stellen seien als Ausländer. In der Folge wurde auch gleich Schutz für Defensivzeichen wie 1147, 4 + 7 + 11 usw. beantragt. Als nach dem Zweiten Weltkrieg einige ähnlich gelagerte Fälle auftauchten, erhielt 4711 von anderen deutschen Markenartiklern das Patronat über die Schutzgemeinschaft für Herkunftsbezeichnungen wie „Aachener Printen”, „Frankfurter Würstchen” usw.

Tradition und Globalisierung

Die Traditionswerte, auf welche „4711 Echt kölnisch Wasser” durch seine barock anmutende grün-goldene Flasche bis heute abhebt, wurden spätestens in den sechziger Jahren zum Innovations-Problem der Marke. In der Wahrnehmung der Verbraucher war 4711 längst zum am Bahnhofskiosk erhältlichen Duftwasser für die Oma abgesunken. Im Hochpreissegment französischer Parfums konnte man sich, trotz vieler innovativer Versuche mit neuen Marken wie Tosca, Amun, Gabriela Sabatini usw., letztlich nicht mehr etablieren.
Im Zeitalter der Globalisierung wurde die Muelhens GmbH & Co KG 1994 an die Firma Wella AG in Darmstadt verkauft, die ihrerseits 2003 von Procter & Gamble übernommen wurde. Da dieses Unternehmen den alten 4711-Marken kein Wachstumspotenzial im globalen Markt zutraute, wurde 4711 weiterveräußert und wird heute vom Aachener Parfüm-Unternehmen Mäurer + Wirz hergestellt und vertrieben.

Weiterführende Literatur:
Ernst Rosenbohm: Kölnisch Wasser. Ein Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte, Köln 1951.
160 Jahre 4711. Festschrift zum 160 jährigen Jubiläum des Hauses 4711, in dem das berühmte kölnisch Wasser 4711 hergestellt wurde, Köln 1952
Sinz, Herbert: Kölnisch Wasser. Geschichte und Geheimnis, Köln 1965
Werner Schäfke (Hg.): Oh! De Cologne. Die Geschichte des Kölnisch Wasser. Köln 1985
Rainer Gries, Volker Ilgen, Dirk Schindelbeck: Der Duft des Goldes. Parfum Amun. Das Museum auf dem Frisiertisch. Ein Markenartikel als Geschichts- und Kulturträger, in: dieselben: „Ins Gehirn der Masse kriechen! Werbung und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 1995, S. 152-172.
Cosmopolitan Cosmetics (Hg.): 210 Jahre 4711. Echt kölnisch Wasser. Schöne Geschichten über die Zahl mit Geschichte, Köln 2002
Weblink: www.4711.com

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 24. Juni 2009 5:49
Themengebiet: Konsum & Marken