Michelin

Lemma [Eigenname der Firmengründer-Brüder Édouard und André]

Definition: Markenname der unter dieser Bezeichnung vertriebenen Autoreifen, Straßenkarten und Restaurant-Führer

Trinkfester Ur-Bibendum toastend mit Horaz...

Trinkfester Ur-Bibendum von 1899 toastend mit Horaz-Versen...


Inhaltsverzeichnis
Erfindung und Aufstieg der Marke
Die Werbefigur Bibendum
Restaurant-Führer und Straßenkarten
Weiterführende Literatur
Weblink

Erfindung und Aufstieg der Marke

Im Jahre 1889 gründeten die Gebrüder Édouard (1859-1940) und André (1853-1931) Michelin in Clermont Ferrand in der Auvergne die Manufacture Francaise des Pneumatiques Michelin. Von Anfang stand das Unternehmen in scharfer Konkurrenz zum englischen Hersteller Dunlop, was sich vor allem im Wettlauf um Patente im Bereich luftgefederter Fahrrad- und Autobereifungen zeigte. Hatte Dunlop 1888 den luftgefederten Fahrradreifen erfunden, so ermöglichte ein Michelin-Patent 1891 die Trennung von Felge und Reifen und damit das rasche Auswechseln ganzer Räder. 1895 rüstete Michelin erstmals ein Automobil mit Luftreifen aus, was deutlich mehr Komfort und höhere Geschwindigkeiten ermöglichte. 1908 folgte die Einführung der Zwillingsbereifung für Busse und LKWs. Parallel mit dem wachsenden Automobilmarkt wuchs die Nachfrage nach Reifen, sodass Michelin 1925 in Indochina eine eigene Kautschukplantage anlegte. Steigende Motorleistungen führten zu ständig neuen Entwicklungen wie dem Reifen mit einvulkanisiertem Schlauch (1930), dem Niederquerschnitts- (1934) und dem Stahlgürtelreifen (1938). Im Zuge der Massenmotorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich der schlauchlose Radialreifen ab Mitte der fünfziger Jahre auf breiter Front durch und wurde 1979 auch in der Formel 1 eingesetzt. Weiterentwicklungen, welche Straßenlage, Haftung oder Laufruhe bei hohen Geschwindigkeiten verbesserten, folgten. Die Gesellschaft hat heute etwa 127.000 Beschäftigte, davon etwa 8.500 in deutschen Zweigwerken.
Schon früh verstanden es die Gebrüder Michelin, sich in die Situation des autofahrenden Reisenden hineinzuversetzen und ihre Marke mit entsprechenden Nebenprodukten im Gedächtnis zu verankern. Hierzu gehörten die ersten schon im Jahre 1900 unter dem Namen Michelin herausgegebenen Straßenkarten und die ab 1926 aufgelegten Restaurant-Führer. Längst sind die Nebenprodukte von einst zu eigenständigen Markenartikeln herangereift.

Die Werbefigur Bibendum

Nur für sehr wenige technische Artikel ist es gelungen, eine Werbefigur mit derart menschlichen Zügen zu entwickeln, wie sie Michelins Reifenmann Bibendum glaubhaft vermittelt. Anlässlich einer Ausstellung in Lyon 1894 hatte ein Mitarbeiter des Unternehmens den Stand mit Reifenstapeln geschmückt. Darauf sagte Édouard zu seinem Bruder André: „Schau, zwei Arme dran - und schon wäre das ein Männchen!” Wenig später brachte der Werbezeichner des Hauses O’Galop die von einer Münchner Brauerei abgelehnte Reklame-Karikatur mit. Sie stellte die Figur des Gambrinus dar, dem die Erfindung der Bierbraukunst zugeschrieben wird. Auf der Zeichnung stieß dieser, glasschwenkend an einem Tisch, die berühmten Horaz-Worte aus: „Nunc est bibendum!” (Jetzt muss getrunken werden). Gambrinus wurde durch das Reifenmännchen ersetzt - und das Bierglas durch eine Trinkschale voller Nägel und Glasscherben, „Nunc est bibendum” uminterpretiert in „Der Luftreifen schluckt das Hindernis!” Als im April 1898 die erste Plakatserie erschien, waren Bibendums Trinkgenossen eindeutig als Konkurrenten im Reifenmarkt auszumachen: links von ihm John Boyd Dunlop, rechts der Chef von Continental. Der einzige aber, der genügend Trinkfestigkeit zeigte, um das Scherbengericht problemlos zu schlucken, war Bibendum, der fortan den Spitznamen „der Straßensäufer” erhielt. Schon 1906 konstatierte Édouard Michelin: „Dank Bibendum ist unsere Werbung effizienter geworden, dafür haben wir Beweise!” Bis heute, wenngleich immer wieder zeitgemäß überarbeitet, ist Bibendum oder kurz: Bib Werbefigur und Sympathieträger der Marke geblieben.

Restaurant-Führer und Straßenkarten

Vor allem die zunehmende Konkurrenz zu Dunlop und Goodyear bewogen die Firma Michelin Ende der zwanziger Jahre, aus ihrer so beliebten Werbefigur die Strategie einer Bibendisierung der Welt zu entwickeln. Der Reifenmann sollte den Lebensalltag der Kunden vollständig beherrschen, sein Bildnis auf Kaffeetassen, Butterdosen oder Parfümflacons prangen. Doch als ein Schokolade-Bibendum zum großen kommerziellen Erfolg wurde, beklagten sich viele Kaufleute über unlauteren Wettbewerb, sodass sich die Brüder Michelin ab 1930 wieder auf die Herausgabe von Landkarten und Restaurant-Führern beschränkten. Beide Produkte genießen seit Jahrzehnten einen hervorragenden Ruf, die Straßenkarten im Hinblick auf Zuverlässigkeit und Genauigkeit, die Restaurant-Führer aufgrund ihrer legendär gewordenen Empfehlungen für herausragende Gastronomie (Michelin-Sterne).

Weiterführende Literatur:
Michelin: Verdun-Argonnen (1914-1918). Michelins illustrierter Führer durch die Schlachtfelder, o.O. 1929
Olivier Darmon: Bibendum. Ein Jahrhundert Geschichte, Paris 1997
Michelin Reifenwerke: Michelin in Deutschland. 100 Jahre Bewegung. 1906-2006. Die Geschichte eines Erfolges, Karlsruhe 2006
Weblink. www.michelin.de

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 24. Juni 2009 6:54
Themengebiet: Konsum & Marken