Odol
Lemma [Kunstwort, gebildet aus griechisch Odous = Zahn, lateinisch Oleum = Öl] das, -s / -
Definition: Markenname des ersten in Drogerien frei verkäuflichen Mundwassers, das antiseptische mit kosmetischen Wirkungen vereinte
Inhaltsverzeichnis
Die Entstehung der Marke
Musterbeispiel frühen Marketings
Volkshygiene als pädagogische Aufgabe
Stationen der Firmengeschichte
Weiterführende Literatur
Weblinks
Die Entstehung der Marke
Im Jahr 1892 gründete Karl August Lingner (* 1861, t 1916) in Dresden das Chemische Laboratorium Lingner GmbH. 1893 erschien als erstes Produkt des Unternehmens am Markt das antiseptische Mundwasser Odol. Zuvor hatte Lingner einen Wasch-Frottierapparat, einen Stiefelzieher und ein biegsames Stahllineal produziert und vertrieben. Nachdem Lingner die Bekanntschaft des Chemiker Dr. Richard Seifert gemacht hatte, der 1885 das Desinfektionsmittel Salol entwickelt hatte, widmete er sich nur noch der Herstellung von Produkten für die Körperhygiene. Mehrere Faktoren begünstigten den raschen Aufstieg von Odol zum weltweit anerkannten Markenartikel. Die Fortschritte in der Chemie machten die Herstellung großer Menge einer Substanz bei konstanter Qualität möglich. Die Propagierung der Individualhygiene wurde als gesellschaftliche Aufgabe angesehen. Angesichts einer explodierenden Bevölkerungszahlen wiesen Mediziner und Bakteriologen auf die Bedeutung hygienischer Mindeststandards hin. Neue Gesellschaftsschichten wie die Angestellten entstanden, zu deren Selbstverständnis gepflegtes Aussehen gehörte. Nicht zuletzt war der Erfolg von Odol das Verdienst August Lingners, der instinktiv ein Bündel strategisch richtiger Maßnahmen ergriff, um dieses Produkt innerhalb weniger Jahre zum Synonym für Mundwasser werden zu lassen. Zwanzig Jahre nach seiner Einführung konnte man Odol in über sechzig Ländern kaufen.
Musterbeispiel frühen Marketings
Schon früh galt Lingner als „Reklamekönig”. Ohne dass es den Begriff schon gab, betrieb er aber schon Marketing im heutigen Verständnis des Wortes. Untrennbar mit dem Begriff Odol verbunden ist sein „Warenkleid”, die milchige Flasche mit dem gekröpften Hals. Einerseits fungiert sie als Tropfenzähler, andererseits sorgt die Form für eine Unverwechselbarkeit, die so nur die Coca Cola- oder die Maggi-Flasche besitzen. Ebenso einprägsam ist der lateinisch und formelhaft anmutende Produktname, der in allen Sprachen gleich klingt und immer im selben Schriftbild gedruckt wird.
Von Anfang an verfolgte Karl August Lingner eine zweigleisige Kommunikationsstrategie. Einerseits machte er sein Produkt durch gewaltige Werbekampagnen in Zeitschriften populär, die bis zu 14 Prozent des Umsatzes verschlangen. Andererseits suchte er stets die Unterstützung von Bakteriologen und Medizinern, da sein frei verkäufliches medizinisches Mundwasser bei Apothekern und Ärzten auf Kritik und Widerstand stieß. Nötig war diese Rückendeckung schon wegen der auf der Flasche aufgedruckten Behauptung „Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft ist Odol nachweislich das beste Mittel zur Pflege der Zähne und des Mundes”.
Volkshygiene als pädagogische Aufgabe
Der Gedanke der Volkshygiene führte Lingner aus 1897 zur Entwicklung eines Desinfektionsapparates. Als Mitglied im Verein „Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt” gründete er die Säuglingsklinik Dresden sowie die Zentralstelle für Zahnhygiene. 1901 folgte die Eröffnung der öffentlichen Zentralstelle für Desinfektion, 1902 die Desinfektorenschule. 1903 entwickelte er im Rahmen der Städteausstellung eine Lehrschau „Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung”, 1911 folgte die große von fünf Millionen Menschen besuchte Hygiene-Ausstellung. Mit dem Erlös seines Odol legte er den Grundstock für das Nationale Hygiene-Museum, das noch heute besteht. Lingner starb 1916 in seiner Heimatstadt Dresden hochgeehrt.
Stationen der Firmengeschichte
Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Unternehmen in den Inflationsjahren 1922 an eine internationale Aktionärsgruppe um Martin Sternberg. Um 1930 umfasste die Produktpalette neben Mundwassern und Zahnpasten auch Präservative und Rasierklingen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Firma kriegswichtiger Betrieb, da mit Sepso ein dringend benötigter Jodersatz produziert wurde. Beim Bombenangriff auf Dresden am 12. Februar 1945 wurden die Firmengebäude völlig zerstört. Schon im Herbst 1945 erfolgte die Wiederaufnahme der Produktion in Düsseldorf-Holthausen. Seit 1974 wird Odol von der Firma Lingner + Fischer hergestellt und vertrieben, heute von GlaxoSmithKline. Sein Anteil am Mundwassermarkt beträgt 70 Prozent.
Weiterführende Literatur:
H. Väth-Hinz: Odol. Reklame-Kunst um 1900, Werkbund-Archiv 14, Gießen 1985
N. Roth u.a. (Hg.): In aller Munde. Einhunert Jahre Odol, Deutsche Hygiene-Museum, Dresden 1993
Deutsche Standards. Marken des Jahrhunderts, Köln 2007
Weblinks
www.odol.de (offizielle Webpräsenz des Odol heute herstellenden und vertreibenden Unternehmens GlaxoSmithKline Consumer Healthcare)
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