Dr. Oetker

Lemma [Nachname und akademischer Grad des Firmengründers August Oetker]

3 Reklamemarken für Dr. Oetker's

3 Reklamemarken für Dr. Oetker's (ca. 1912)

Definition: Markenname (Dachmarke) des im Lebensmittel-, Getränke- und Reedereisektor international tätigen Familienkonzerns

Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung des Backpulvers „Backin”
Musterbeispiel eines Markenartikels
Aufstieg zum Großunternehmen
Diversifikation zur Oetker-Gruppe
Weiterführende Literatur
Weblink

Die Erfindung des Backpulvers „Backin”

1891 hatte August Oetker (1862-1918) die Aschhoffsche Apotheke im Zentrum Bielefelds erworben. Aus der eigenen Familie waren ihm die Probleme und die Mühe des Backens vertraut. Als Triebmittel wurde gemeinhin Hirschhornsalz verwendet, wie es auch in seiner Apotheke zu haben war. Zwar gab es auch schon ein Backpulver - Justius Liebig hatte es schon 60 Jahre zuvor erfunden -, es war allerdings relativ teuer, nicht geschmacksneutral und zudem nicht lagerfähig. Im Hinterzimmer der Apotheke führte Oetker zwei Jahre lang Experimente durch, um ein Backpulver zu erfinden, das „ohne Fehlzündung” funktionierte. 1893 gelang ihm die richtige Mischung: er gab ihr den Namen Backin.

Musterbeispiel eines Markenartikels

Den Umstand, dass ein Pulver nicht ohne Verpackung zum Verbraucher kommen konnte, nutzte August Oetker markentechnisch optimal aus. Er bot sein Backin zum Preis von 10 Pfennig in kleinen Tütchen an. Deren Inhalt war für jeweils exakt ein Pfund Mehl berechnet. Aufgrund des Mischungsverhältnisses und der Qualität der eingesetzten Rohstoffe war auf diese Weise garantiert, dass jeder Kuchen gelang. Schon um die Jahrhundertwende ließ Oetker das Warenzeichen für seine Produkte eintragen - den rot-weißen „Hellkopf”, der noch heute auf allen Dr. Oetker Produkten prangt. Mit den Tütchen wurden zudem neue Wege der Werbung beschritten: die auf der Rückseite abgedruckten Rezepte machten Mut für weitere Backversuche. In der Summe all dieser Maßnahmen erwies sich Backin als Musterbeispiel eines frühen Markenartikels.

Sicherlich hatte August Oetker bei der Gestaltung seines Produkts auch seinen akademischen Titel bewusst eingesetzt. Welche tiefenpsychologischen Wirkungen damit verbunden waren, dürfte er aber noch kaum geahnt haben. Nach den Erkenntnissen des Motivforscher Ernest Dichter (1907-1991) stellt der Kuchen, den die Hausfrau bäckt, ein symbolisches Baby dar, mit dem sie ihre Familie beschenkt. Umgekehrt ist der missratene Kuchen eine psychologische Katastrophe. Hier spendet die fachliche Autorität des Kuchen-Doktors Sicherheit - wenn er als symbolischer Geburtshelfer beim Backprozess hilft.

Aufstieg zum Groß-Unternehmen

1908 wurde bei Wien die erste Auslandsfertigung aufgenommen. 1912 setzte die „Grösste Backpulverfabrik des Continents” schon 99 Millionen Päckchen ab - neben dem Backpulver auch Gustin, Rote Grütze, Dibona-Creme-Pulver oder Vanillin-Zucker. 1920 übernahm Dr. Richard Kaselowsky die Führung des Unternehmens, das nun schon über 600 Mitarbeiter zählte. Schwesterfirmen in Frankreich, Polen, Belgien, Dänemark und Italien kamen hinzu. Technischer Fortschritt führte in den zwanziger Jahren zu neuen Werbemethoden. So rollte ein Werbeomnibus durch die Landschaft, der eine komplett eingerichtete Versuchsküche enthielt und den Hausfrauen ganze Kochseminare anbot.

Diversifikation zur Oetker-Gruppe

Nach dem Zweiten Weltkrieg weitete der Enkel des Firmengründers, Rudolf-August Oetker (1916-2007), die Aktivitäten des Unternehmens auf andere Lebensmittelteilmärkte wie Eiskrem (1962) oder Tiefkühlpizza (1970) aus. Noch heute liegt das Kerngeschäft der Dr. August Oetker KG im Nahrungsmittelmarkt. Um durch Diversifikation zur Risikoreduzierung für das Gesamtunternehmen zu kommen, entstand die Oetker-Gruppe. Außer im Nahrungsmittelsegment engagiert sie sich im nationalen Biermarkt (Radeberger, Jever, Schöfferhofer Weizen), im Geschäftsbereich Sekt, Wein und Spirituosen (Henkell; Söhnlein, Deinhard, Wodka Gorbatschow) sowie im Finanzdienstleistungs- und Reedereigeschäft. Hinzu kommen Engagements im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich.

Weiterführende Literatur:
Rüdiger Jungbluth: Die Oetkers, Frankfurt 2004
Nahrungsmittel KG, Hauptabteilung Öffentlichkeitsarbeit: Die Marke Dr. Oetker, in: Der Minden-Ravensberger, 64. Jg., 1992, S. 69-70.
Volker Ilgen/Dirk Schindelbeck: Am Anfang war die Litfasssäule. Illustrierte deutsche Reklamegeschichte, Darmstadt 2006
Rainer Gries/Stefan Schwarzkopf (Hg.): Ernest Dichter. Doyen der Verführer. Zum 100. Geburtstag des Vaters der Motivforschung, Wien 2007
Weblink: www.dr.oetker.de

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 24. Juni 2009 7:11
Themengebiet: Konsum & Marken