Rama
Lemma [Kunstwort mit bewusst semantisch-phonetischer Ähnlichkeit zu Rahm]
Definition: Markenname der bekanntesten deutschen Kunstbutter aus dem Unilever-Konzern
Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Gesetzliche Beschränkungen und Mangeljahre
Wiedereinführung und Neupositionierung
Von der Arbeiterbutter zum wertvollen Vitaminspender
Weiterführende Literatur
Weblink
Die Erfindung der Marke
1866 hatte Kaiser Napoleon III. ein Preisgeld von 100.000 Goldfrancs ausgeschrieben, um sowohl die Ernährungsgrundlage ärmerer Bevölkerungsgruppen als auch die seines Heeres zu verbessern: Gesucht war ein preiswerter, gleichwohl nahrhafter und wohlschmeckender Ersatz für Butter. Sieger des Wettbewerbs wurde Hippolyte Mège-Mouriés, dessen streichfähige Emulsion aus Magermilch, Wasser und Rindertalg 1869 den Preis erhielt und als Oleomargarin (lat. oleum = Öl; gr. Margaros = Perlmuschel) patentiert wurde.
Dass sich aus dem Fettersatz vor allem bei der schnell wachsenden Arbeiterschaft ein Geschäft machen ließ, erkannten die niederländischen Butterhändler Jurgens und van den Bergh. 1871 erwarben sie das Patent zur Herstellung dieser „französischen Butter”, begannen sie industriell herzustellen und unter verschiedenen Bezeichnungen in Deutschland zu vertreiben.
Schon früh wurde dabei immer wieder gern die Butterähnlichkeit des Produkts betont, sodass Kaiser Wilhelm II. bereits 1897 ein Margarinegesetz erließ, wonach die Unterschiede zwischen den beiden Speisefetten fortan mit allen Mitteln deutlich zu machen seien. Margarine durfte nur noch als abgestumpfter Kegel im Becher oder als Würfel angeboten werden, und die Verpackungen mussten einen sichtbaren roten Streifen mit der Aufschrift „Margarine” tragen.
Um dennoch vom Butterimage profitieren zu können, entwickelten die Jurgens und van den Bergh raffiniertere Werbeauftritte. 1924 brachten beide Konkurrenten ihre Speisefette mit neuen Markenbezeichnungen und unter Verwendung weiblicher Sympathie-Figuren, die den Idealtyp der gut wirtschaftenden Hausfrau symbolisierten, auf den Markt: van den Bergh die Marke Schwan mit dem Blauband-Mädchen und Jurgens die Marke Rahma mit dem Rahma-Mädchen, wobei die Assoziation zum Rahm - durch den Zusatz „butterfein” noch unterstrichen - mit Kalkül gewählt war. Dagegen wehrten sich die Butterhändler und setzten 1927 durch, dass wenigstens das „h” aus dem Markennamen wieder verschwand. In diesem Jahr kam es auch zur Einigung zwischen den sich erbittert bekämpfenden Konkurrenten Jurgens und van den Bergh. Es entstand die Margarine-Union als Hersteller der „vereinten” Marke Rama mit dem Blauband-Mädchen.
Gesetzliche Beschränkungen und Mangeljahre
1932 wurde das Margarinegesetz noch einmal verschärft, um auch die entferntesten Assoziationen an „Milch, Butter, andere Milcherzeugnisse oder Schweineschmalz oder deren Gewinnung” auszuschließen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im Herbst 1939 wurde die Produktion von Margarine gänzlich eingestellt, da Fette und Öle jetzt zu den kriegswichtigen Rohstoffen zählten.
Wiedereinführung und Neupositionierung
Im Gegensatz zu den meisten Markenartikeln, die in der Bundesrepublik schon kurz nach der Währungsreform „wieder da” waren, entschied man sich bei Unilever erst 1954 zur Wiedereinführung der Rama. Unter bewusster Hintanstellung der bereits seit 1904 am Markt vorhandenen Sanella aus dem eigenen Sortiment erfolgte der Rama-Neustart unter Einbeziehung mit seinerzeit modernsten Methoden der Markt- und Werbewirkungsforschung. Tests ergaben, dass „Rama im Blauband” als auch das Mädchen mit dem markanten Hut bei den Hausfrauen selbst nach 15 Jahren Abwesenheit noch ein Begriff waren; allerdings konnte es nun nicht mehr als Holländerin auftreten, da für eine solche Figur inzwischen anderweitig Rechtschutz beantragt worden war. Kurzerhand wurde aus dem Rama-Mädchen eine „Vierländerin”, die dann bis 1967 die Werbung prägen sollte. In den achtziger und neunziger Jahren wurde sie schließlich durch eine gesundheitsbewusste Frühstücksfrau ersetzt. Das Rama-Mädchen findet sich heute noch in einer modernisierten Variante auf dem Kunststoff-Deckel.
Von der Arbeiterbutter zum wertvollen Vitaminspender
Noch bis weit in die sechziger Jahre stand die Margarine im Ruf, ein Nahrungsmittel für arme Leute zu sein. Dies änderte sich erst mit dem aufkommenden Gesundheitsbewusstsein ab den siebziger Jahren. Damit konnte auch auf den jahrzehntelangen Vergleich mit der „guten” Butter verzichtet werden. Heute kann das Produkt selbstbewusst auftreten als rein pflanzlich erzeugtes, cholesterinfreies und vitaminreiches Lebensmittel, das der Butter in vielerlei Belangen überlegen ist.
Weiterführende Literatur:
Die Rama-Story. Die 75-jährige Erfolgsgeschichte von Deutschlands beliebtester Margarine, Hamburg 2000
Deutsche Union Lebensmittelwerke GmbH: 111 Jahre Fett nach Maß. Zeitdokumente von Napoleon bis heute erzählen die Geschichte der Margarine am Beispiel Rama, Sanella, Palmin, Hamburg 1980
Willi Bongard: Fetische des Konsums, Hamburg 1964
Birgit Pelzer/Reinhold Reith: Margarine. Die Karriere der Kunstbutter, Berlin 2001
Wolfgang Hars: Lurchi, Klementine & Co. Unsere Reklamehelden und ihre Geschichte, Frankfurt 2001
Weblink: www.rama.de
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