Rotkäppchen

Lemma [bildhafter, dem Märchen der Gebrüder Grimm bewusst nachempfundener Eigenname]

Definition: Markenname des mit einer roten Verschlusskappe produzierten Sekts der Kellerei Kloß & Förster in Freyburg an der Saale/Unstrut

Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Niedergang und Neuanfang nach dem Krieg
Rotkäppchen als DDR-Produkt
Ein gesamtdeutscher Sekt nach der Wende
Weiterführende Literatur
Weblink

Die Erfindung der Marke

1856 gründeten die Gebrüder Moritz und Julius Kloß gemeinsam mit Carl Foerster die Weinhandlung ‚Kloß & Foerster‘, die bald darauf zur „Freyburger Champagner Fabrik-Gesellschaft” umfirmierte. Spitzenprodukt des Hauses war die Marke Monopol. Mit Inkrafttreten des „Gesetzes zum Schutz der Warenbezeichnungen” von 1894 war diese Marke nicht mehr zu gebrauchen, da die Rechte bei der französischen Champagnerkellerei Heidsieck & Co. Monopole S.A. aus Reims lagen, die sich das Wortzeichen „Monopole” schon 1875 hatte schützen lassen. Vordergründig leitete sich der neue Name „Rotkäppchen” von dem bekannten deutschen Märchen her, zielte aber insgeheim auf den ‚Red Top Champagne‘ des Konkurrenten Heidsieck, der ebenfalls eine rote Verschlusskappe hatte. Schon 1893 zählten ‚Kloß & Foerster‘ zu den fünfzehn deutschen Kellereien, die auf der Weltausstellung in Chicago ausstellten und in der Folgezeit zahlreiche Auszeichnungen für die Qualität ihrer Schaumweine erhielten. Ein Grund für den steilen Aufstieg der Marke resultierte aber auch aus politischer Protektion: Von Kaiser Wilhelm II. mehrfach wärmstens empfohlen, wurde Rotkäppchen zum „Offiziersgetränk”.

Niedergang und Neuanfang nach dem Krieg

Nach weiterhin hervorragenden Absätzen während des Ersten Weltkriegs - vor allem aufgrund der Beliebtheit beim Offizierscorps - folgte der kontinuierliche Niedergang von ‚Kloß & Foerster‘ während der Zeit der Inflation und der Weltwirtschaftskrise. Der Wiederaufstieg begann 1936 und setzte sich bis in den Zweiten Weltkrieg hinein fort. 1946 wurde die Sektkellerei zugunsten der Provinz Sachsen zwangsenteignet. Der geschäftsführende Gesellschafter Günther Kloß setzte sich noch im selben Jahr nach dem Westen ab. 1952/53 gelang es ihm, die Sektkellerei ‚Kloß & Foerster‘ wieder zu begründen - in Rüdesheim am Rhein.

Rotkäppchen im DDR-Alltag

Im Juli 1948 wurde das Unternehmen zum „VEB Rotkäppchen-Sektkellerei Freyburg/Unstrut” umgewandelt. Von da an erfolgte die kontinuierliche Steigerung der Produktion. Im planwirtschaftlichen Wirtschaftssystem der DDR hatte sie jedoch mit vielen Hemmnissen zu kämpfen, angefangen von oft fehlenden Grundweinen bis hin zu Beschaffungs- und Qualitätsproblemen bei Flaschen oder Korken. Quantitativ wie qualitativ konnte der Bedarf nie gedeckt werden; dennoch war Rotkäppchen bald der bekannteste und beliebteste Sekt in der DDR. Im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo sich Schauweine seit Ende der fünfziger Jahre einen festen Platz im Lebensalltag erobern konnten, blieb Sekt in der DDR aber ein ausgesprochenes Festtagsgetränk. Hinzu kam, dass die Marke Rotkäppchen wie keine andere geeignet war, Repräsentationsbedürfnissen zu entsprechen - im privaten Bereich bei der Bewirtung westdeutscher Gäste ebenso wie bei Staatsempfängen.

Ein gesamtdeutscher Sekt nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung brach der Absatz deutlich ein; 1990 wurde das Unternehmen in eine GmbH unter Führung der Treuhand umgewandelt, 1993 im Rahmen eines Management-Buy-Out privatisiert. Fünf Mitglieder der Geschäftsführung halten seitdem knapp 60 Prozent der Anteile an der Sektkellerei Rotkäppchen GmbH, Harald Eckes-Chantré wurde als externer Gesellschafter von der Treuhand einbezogen. In den neunziger Jahren folgte ein erstaunlicher Wiederaufstieg auch im den westlichen Bundesländern. Offenbar mobilisiert der Name latent vorhandene Sympathien in ganz Deutschland. Heute gehört Rotkäppchen zu den erfolgreichsten ostdeutschen Unternehmen und ist nach der Übernahme von Mumm, MM und Geldermann Marktführer seiner Branche in Gesamtdeutschland.

Weiterführende Literatur:
Helmut Arntz: Die Geschichte der Sektkellerei Kloss & Foerster 1856-1948 Rotkäppchen 1948-1994. Festschrift zum 100-jährigen Markenjubiläum, Wiesbaden 1994
Horst Scharfenberg: Sekt. Perlendes Deutschland, Bern/Stuttgart 1993
Rainer Gries: Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR, Leipzig 2003
Ralf Rahmann: Eine prickelnde Geschichte: die Rotkäppchen-Sektkellerei 1856-2006, Freyburg/Unstrut 2006
Weblink: www.rotkaeppchen.de

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 24. Juni 2009 7:25
Themengebiet: Konsum & Marken