Tempo
Lemma [ital. Zeitmaß, Geschwindigkeit, hier assoziativ]
Definition: Markenname des im deutschen Sprachraum verbreitetsten Papiertaschentuchs
Inhaltsverzeichnis
Die Erfindung der Marke
Aufstieg zum Marktführer in Deutschland
Gebrauchswertversprechen und Verpackungsfragen
Wegwerfmentalität und ökologische Verträglichkeit
Weiterführende Literatur
Weblink
Die Erfindung der Marke
Schon 1894 hatte sich die Göppinger Papierfabrik G. Krum beim kaiserlichen Patentamt ein glyzeringetränktes Papiertaschentuch schützen lassen. 35 Jahre später, am 29. Januar 1929, meldeten die Vereinigten Papierwerke in Heroldsberg bei Nürnberg ebenfalls ein Papiertaschentuch unter dem Markennamen Tempo an. Hergestellt aus reinem Zellstoff, wurde es anfangs in Heimarbeit zugeschnitten, gefaltet, im Werk dann zu jeweils 18 Stück in Pergamin-Folie verpackt. Schon 1933 konnten ca. 35 Millionen Stück abgesetzt werden.
Nachdem der Fürther Unternehmer Gustav Schickedanz 1935 die Firma sowie die Markenrechte am Produkt erworben hatte, konnte durch Einsatz von Verpackungsmaschinen der Ausstoß erhöht und der Absatz rasant gesteigert werden. 1937 hatte er sich mit 150 Millionen Stück vervierfacht, 1939 wurden schon 400 Millionen Tempos verkauft. Entscheidend für den Markterfolg war die Verfügbarkeit nach Schickedanz’ Prinzip: „Der Verbraucher muss die Ware dort erhalten, wo er sie sucht. Ein Markenartikel unserer Art ist dazu bestimmt, in möglichst vielen Verkaufsstellen feilgehalten zu werden.” Bevorzugte Plätze des Verkaufs waren also nicht Apotheken oder Drogerien, sondern der Lebensmitteleinzelhandel oder der Bahnhofskiosk. Noch heute gelangen 70 Prozent der Tempotaschentücher auf diese Weise zum Kunden.
Aufstieg zum Marktführer in Deutschland
Nachdem die Produktion gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen gekommen war, stand Tempo ab 1947 wieder zur Verfügung. Schon 1955 wurden mehr als 1 Milliarde Taschentücher abgesetzt. Die Nachfrage erforderte die Errichtung neuer Produktionsstandorte (Neuss; Glückstadt), die wiederum den Absatz von 10 Milliarden Stück 1977 möglich machten. Nach der Umwandlung der Gesellschaft in eine AG 1986, dem Verkauf an Procter& Gamble 1994 wurde die 20-Milliarden-Marke übersprungen.
Dieser von keinem Konkurrenten erreichten Präsenz im Lebensalltag verdankt die Marke ihren Status, der ihr 44 Prozent Marktanteil beschert und sie zum Synonym für das Papiertaschentuch im deutschen Sprachraum werden ließ - ähnlich wie kleenex in den USA.
Gebrauchswertversprechen und Verpackungsfragen
Kein Produkt ist in den halbintimen Lebensalltag stärker eingedrungen als das Tempo-Taschentuch. Sein Erfolg beruhte nicht zuletzt auf massiver Werbung, die neben dem Hygiene-Argument („Bazillen fahren Straßenbahn, ich schaff mir Tempo-Taschentücher an”) stets auch das Verhüten von „wunden Nasen” versprach. Beide Argumente trugen dazu bei, das Stofftaschentuch geradezu zu desavouieren. Ständig wurde an der Optimierung des Produkts gearbeitet, das möglichst weich und zugleich „durchschneuzsicher” sein sollte, was angesichts der Struktur der Zellstofffasern immer einen Kompromiss bedingt.
Ein hohen Stellenwert hat auch die Verpackung, die „notfallsicher” Zugriff und blitzschnelles Entfalten (Z-Faltung) ermöglichen muss. Schon 1953 kam mit der „Brechpackung” eine entsprechende Anbietform auf den Markt, die wiederverschließbare Packung erst 1988, nachdem einige Konkurrenten sie bereits eingeführt hatten.
Wegwerfmentalität und ökologische Verträglichkeit
Das Papiertaschentuch hat der Entwicklung der Wegwerfmentalität beim deutschen Verbraucher zwangsläufig Vorschub geleistet, ja ihn geradezu dahingehend erzogen. In der Bundesrepublik müssen inzwischen jährlich weit über 100.000 Tonnen gebrauchter Papiertaschentüchern entsorgt werden. Immerhin wird seit 1990 bei der Herstellung an das Umweltbewusstsein eine Konzession gemacht, indem nur noch chlorfrei gebleichter Zellstoff verwendet wird.
Weiterführende Literatur:
Eigen Roth: das kleine Buch vom Taschentuch, Nürnberg 1954
Reinhold Kraus (Hg.). Tempo 60 Jahre. Die Geschichte einer bahnbrechenden Idee, Nürnberg 1989
Markus Kuchler: Der Siegeszug des Papiertaschentuchs, in: Gabriele Donder-Langer, H.M. Zwergel; Menschen, Nasen, Taschentücher, Kassel 1998
Weblink: www.tempo.de
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