„Elite” Rundfahrten - die neueste Berlin-Attraktion (1929)
Ausschnitt aus der Berliner Illustrierten Zeitung vom 31. März 1929
Jeden Dienstag und jeden Freitag wurden die Dichterberühmtheiten als Touristen-Attraktion im Frühjahr und Sommer 1929 durch Berlin gefahren. Es ist erstaunlich, dass Autoren, deren Werke von Ironie nur so troffen, sich diese öffentliche Zuschaustellung im Dienste der Fremdenverkehrswerbung gefallen und sich wie Delinquenten auch noch Nummern umhängen ließen. Zum intensiveren Studium Bild groß klicken!
© 2009 Dirk Schindelbeck
Da lacht Berlin, es schmunzelt der Tourist,
und zückt die Leica, falls er eine hat:
Ein offner Autobus rollt durch die Stadt,
und zeigt, was groß und deutsch und geistvoll ist.
Zwei mal die Woche zwischen zehn und zwölf
sehn wir die Brüder aus dem Hause Mann,
den Heinrich mit der zwölf, den Thomas mit der elf,
und hinten, ganz verdrückt, den Wassermann.
Die Attraktion der Attraktionen! Ganz Berlin
steht Schlange, wenn, wie zum Schaffott gekarrt
aus dem „Elite”-Wagen winkt das der Pack der Dichter.
Und mancher, der auf den Erklärungszettel starrt,
sucht hinter Nummern Namen und Gesichter
und fragt sich: wo ist Tucho? Wieder fährt man ohne ihn.
Anmerkung:
Mit “Tucho” ist natürlich Kurt Tucholsky gemeint.
Einen umfangreichen Essay zum Sonett finden Sie hier.

