Eine Handvoll Aphorismen, 2. Teil

© 1976/1979 Dirk Schindelbeck

Alle Bibelauslegungen sind Bibeleinschränkungen. Aus dem ungeheuren Bibelstoff wird ein Maximen-Salat hergestellt, der für spezielle Bedürfnisse herhalten muss. Bei alten Menschen Linderung der Todesfurcht, bei jungen, wenn ein nur dürres Leben vorliegt, dieses zu rechtfertigen oder zu strukturieren.

Gemeinsam können wir zudringlicher sein: Machen wir also Partei!

Der arme Jesus Christus; er ist mittlerweile so abgegriffen von tausenderlei Sekten und Auslegern, dass von ihm nicht mehr als ein Skelett übrig blieb. Und damit fraternisieren sie!

Goethe erscheint mir oft wie ein großer geistiger Muskel, ein phantastischer Verdauungsapparat, Gewebeverträglichkeit a priori.

Erkenntnis ist nur die andere Seite von Entfremdung. Erkenntnis ist kein Sieg, (den wir als Techniker unseres Jahrhunderts leider aus dem Machbarkeitsgedanken auf die Philosophie übertragen haben), sie ist vielmehr eine Wunde, denn alle echten Dinge bewahren sich vor unanständigen Zugriffen durch ein zumindest Doppeltes, wenn nicht Entgegengesetztes in ihnen selbst.

Ein Aphorismenbuch
Weite Pumphosen mit hundert aufgesetzten Flickentaschen, glänzt und beulst dich hohl im Wind, ein Clown ließ dich liegen.

Wir sind die Trainer unsrer Götter geworden: Leider geben wir zu oft eine veränderte Mannschaftsaufstellung.

Freud: Die Folge einer Frustration ist eine Aggression. Der moderne Softy: Die Folge einer Aggression ist eine Frustration.

Wird mit dem Unterton der Beschwörung von Sinn und Wert geredet, wird oft übersehen, dass es nicht darum geht, was die Begriffe selbst sagen, noch um ihre Fähigkeit „hinan zu ziehen”, sondern sie dürfen nicht bloß Begriff sein, müssen Heimat haben, wo sie lebendig sind. Sonst geht ein vorgetragener Wert an der Gestik des Vortragenden zugrunde.

Jeder Anspruch schlägt von einer ziehenden fördernden Wirkung um in eine schale, zersetzende und abgeschmackte, d.h. nur sein Verhältnis zum Leben selbst gibt auch ihm sein Leben.

Die schlimmste Art von Arroganz ist die freundliche. Sie stellt gleich und zerreißt, beide Standflächen besetzend.

Bevor er anfing zu schreiben, massierte er immer seine Archetypen.

Goethe sprach: Allem ist nur symbolisch gemeint. Heute scheint nur noch das Symbol gemeint. Aus der Polivalenz ist eine Monovalenz geworden.

Einen Gedanken kann man strecken und biegen, eine Tat nicht. Man kann ihn wohl um die Tat herumbiegen. So machen es die Juristen, sie machen geistige Kohlrouladen.

Vor jemandem, der große Gegensätze stilvoll in sich vereinigt, habe ich große Achtung, z.B. einem frommen würdigen Menschen.

Hat man schon mal gehört, dass jemand als intelligenzlastig bezeichnet wurde. Ich meine, wir sollten es einführen. Es sei die erste Last, leicht zu tragen.

Woran man sich lange geübt, das wird bald als überdrüssig empfunden, da man sich immer noch in seinem Besitze glaubt. Schreitet die Zeit nun vor, sieht man bald schon, dass man’s verloren hat, und bald setzt eine freundliche Bemühung ein, das Verlorne wiederzugewinnen. Nun sollte man versuchen, das Lernen für Wert zu halten und nicht dam Gelernte. Leider aber ist uns das Gelernte nicht mehr als Werkzeug, und damit kommt, nach unserem Glauben, ein gewaltiges Verfügen. So wie Rechenwerke speichern können und Computer, so sollen wir’s auch. Damit beginnt aber eine große Zerstörung des geistigen Menschen, wenn er solche Forderung in sich fühlt.

Die Phantasie fühlt sich unbequem, an einem Gedanken zu bleiben. Sie streunt und holt lustige Gesellen herbei: Und nun fühlt sich der Hausherr unbequem.

Man finde hier vom Reinschieber bis zum Zergehling ein Panorama dem Geistes in Bildern.

Nur die Frauen können uns lehren, männliche Eitelkeit der Gesellschaft erträglich vorzustellen, da wo sie sie nicht brechen, schwächen sie sie zumindest: Die Entstehung der Galanterie…

Sehr unglaubwürdig ist ein, wenn jemand, der an langem Zeigefinger seine Idee beschwört, auch noch am Finger lutschen will. Diener braucht nicht eben jung zu sein. Doch das Zurückfließen des als weisend Gedachten zeigt, dass es ihm nicht um die Sache ernst, doch ernst um ihn ist.

Heute Epigramme zu schreiben mag mir immer vorkommen wie Gemüse auszeichnen mit der Etikettiermaschine.

Frauen sind nicht so vergesslich mit ihren Werten. Sie verlegen sie nicht so oft. Einmal gefasste Be- und Entschlüsse schlüsseln nicht beständig wieder auf und haben so den Vorteil, sich ihrer Wahrheiten direkter bedienen zu können.

Hochmut ist nie schaffend. Er ist immer ein Anhängsel an etwas wie Vergleich, Verglichen haben und kommt aus dem Stillestand. Nur der eigentlich Tätige dürfte hochmütig mein, doch der ist ja tätig.

Auf eine gewisse Art ist jeder Mensch primitiv. Eine Ziege tanzt er artig um seinen Pflock der Leidenschaft, ob er nun Disteln frisst oder zartem Wollgras.

Religiositäten.
Nonnen haben ihre eingeklemmten Leidenschaften. Juden, Ägypter und Chinesen schnallen halt den Riemen ihrer Bekanntschaften enger.

Personen, die lange miteinander leben, mögen wohl voreinander ihren Charakter vertauschen. Später wird einer zur leeren Charakterhülse des anderen.

Zuerst macht der Charakter die Gewohnheiten, und dann läuft er ihnen hinterher.

Manche Menschen leben nur von ihren Ahnungen, es sind Seelen wie Batterien gebaut, stetig mit Ahnungen nachzuladen.

Sein Unterleib war stets schneller als er selbst.

Wenn Frauen fruchtbar sind, tragen sie Kopf im Unterleib, fruchtbare Männer tragen Unterleib im Kopf. (es geht hier nicht um Männerwitze).

Unreife Geister, mit Gegenständen berührt, entwickeln oft einen übermäßigen hang zur Verneinung (wir lassen hier das übliche Identitätsproblem!), doch es geht ihnen durchaus um etwas Ideelles. Anspruch und Selbst sind nämlich bei ihnen noch nicht zusammengefallen. Sie verwechseln ihren Anspruch mit den Gegenständen, sind übergreifend.. Mittlere, psychologisch gebadete Geister, intellektuelle, bringen bei Urteilen sich (oder ihre Fragwürdigkeit) mit ins Spiel, wissend, dass der, der urteilt, nie zu Ende urteilen kann. Sie loben und, tadeln in einem. Von solchen leben wir augenblicklich beherrscht. Sie sehen die „Realitäten” der Außenwelt. Weisere Geister haben solch Geplänkel, solchen Kurzstreckenverkehr der Eitelkeit satt und greifen wieder mehr aus. Ihr Ja oder Nein ist kein lahmes, keine Kugel auf der Bahn, mit der man anderes trifft und „heimholt”, ihr Ja und Nein ist die Bahn selbst. Ersteres wird in den Schulen gelehrt, zweites ist Professoren-Gebaren, drittes soll es, wie Bücher berichten, schon gegeben haben.

Warum lacht der Mensch nicht angesichts des Todes? Das wäre endlich mal eine redliche Hybris. Oder soll denn immer nur der, der sich mächtig glaubt, lachen können, lachen dürfen?

Alles Große drückt sich nie selbst aus, sondern nur in der Spannung zu dem, was es meint.

An manchen Sachen bewundert man nicht die Sache, sondern den Schweiß, der aus den Semikolon tropft. Die Intellektuellen sind so schamhaft.

Ich beobachtete an mir, dass ich nach einer gewissen Zeit beim Schreiben den Worts „intellektuell” die l s zählen musste (Hitler schrieb ich nie mit zwei t), denn ich war immer in Gefahr, angesichts so vieler lulli l’s einzuschlafen.

Mit einem gebundenen Grass könnte man wohl einen Menschen erschlagen, mit einer gebundenen Sappho dürfte dies sehr schwer fallen (höchstens mit Apparat).

Das Bekannte fremd zu denken und das Fremde bekannt ist wohl das, was die Philosophie am Leben erhält.

Der Mensch verliert seine Bildung wie wunderlich sobald er anfängt, sie zu brauchen.

Der Mensch am Scheitelpunkt
Der Jüngling - speedy - ist sich vorweg, der Alte - relaxy - ist sich (oder Plato) hinterher. Der Mensch am Scheitelpunkt des Daseins: Ein Mann in den besten Jahren.

Wie liebevoll Goethe den Irrtum nährt und pflegt, davon kann sich mancher, der seine Person mit (seiner!) Sache eiligst verschwistert sehen will, lernen. Es ist dies ein Lernen, das Nicht Lernbare zu ehren, es ist religiöse Erziehung, nichts als redlich, nichts als tüchtig.

Wir haben in allen Dingen nur noch den Willen zur Spitze, nicht mehr zur breiten Kraft (Perfektionismus)

Den Druck des Daseins auszuhalten, erfand der Mensch Institutionen den Geistes. Und fortan gab es ein Vor Gedachtes und ein Nach-Gehandeltes. Und als zwischen diesen die Brücke ganz riss, trat, wie billig, Entfremdung ein, wenn sich das frisch Denkende in das Noch schal Handelnde fügen sollte. Daher unsere Grausamkeit. Nun ist der sich bäumende Mensch fast nur noch in der Perversion denkbar.

Ich habe mich oft gefragt, ob das Delikatere, Feinere auf Seiten des Bewahrenden anzutreffen sein muss, des sogenannten Konservativen. Muss der Revolutionär derb und drastisch sein? Wird die Kraft, die Lust zum Spiel schon verschlissen, indem man den Ernst der Tat angeht? Es fragt sich dann, wer überhaupt der Aufgeklärte ist: Der der mit seinen Gedanken noch zu spielen vermag oder der alle Leidenschaft in den Ernst der Sache wirft, um in Bewegung zu kommen und oftmals alle Distanz, alle Reflexion vorher abgeschlossen zu haben scheint.
So waren auch die Humanisten delikater als Luther!
Denn wer die Leidenschaft und den ganzen Ernst in das Gewicht der zu verhandelnden Sache legt, will etwas gewinnen: Jede Leidenschaft will gewinnen! Doch dem, der etwas gewinnen will, geht es dann nicht mehr um die Sache! Der Spieler hingegen will nicht recht haben, will nicht „dazwischensein (= „hat kein Interesse!”) Er verfällt dem Sog der Sache nicht, wei1 er allem freier gegenüber steht. Seine Leidenschaft kreist und ist
nicht zielgerichtet.

Die Anziehungskraft der Gedanken untereinander…

Es gibt kaum noch Religiosität. Was man dagegen häufig vorfindet, ist ein unangenehmer Kleister aus Meinung und Partei (für oder gegen Gott). Seit die Kirche anfing, Gott parteiisch zu machen, ging es mit ihr abwärts.

Die antike Eitelkeit bleibt mir doch immer wieder angenehmer als die moderne. Sie kommt aus einer schönen amor fati Gewißheit und kehrt immer wieder liebend auf ein Weltliches zurück. Die neuere Eitelkeit ist dagegen erfüllt von Bitterkeit an und um die Welt. Die antike Eitelkeit vermag nämlich etwas, was die moderne nicht kann: Versöhnlich stimmen. Die neuere Eitelkeit legt es dagegen auf absolute Parteilichkeit an: Ätzen des gegnerischen Fleisches, Wollust erzeugen bei den Anhängern, wenn man den Gegner geistig vor ihren Augen schlachtet. Die neuere Eitelkeit entbehrt des Schiedsrichters, sie entbehrt des Göttlichen, welches Beziehung und Einkehr auf es herunter streuen könnte. Der neue Schriftsteller nämlich will nicht nur gegen seine Zeitgenossen eitel sein, er will gegen alle eitel sein, während der antike sich noch als Teil begriff, und dies machte ihn liebenswürdig: Naso hat dieses gelehrt!

Die Avantgarde ist tot, es lebe der frische Klassiker!

Eine poetische Zwischenfassung würde manchen Prosastücken wirklich gut tun: Man hätte ihnen nicht nur die ausschweifende Kraft ihrer Jugend, sondern auch das Maß und die gebundene Zucht ihrer mittleren Jahre hinzuzurechnen haben.

„Du sollst nicht lügen”: Wieviel Lüge steckt schon im „Du sollst!”‘

Solange wir uns noch irgendwie zwischen Gott und Welt befinden und denken müssen, ist jedes Bekenntnis, jede Stellungnahme zu ihm, vor ihm, von ihm weg eitel, denn es birgt immer die Möglichkeit der Rezeption und geschieht oft in Hoffnung auf sie (vor allem seitens des religiösen „Erziehers”).

Von seinen eigenen Argumenten frei sein können: Mein Typus!

Einem Wanderer auf der Landstraße klangen seine Schritte immer wie wenn dann, wenn dann, einem anderen, der wahrscheinlich höhere Absätze trug, immer wie ntweder oder, ntweder oder. Was soll’s, dachte ein Dritter, gesetzt, ich hätte zwölf Beine, ich könnte auch nicht mehr als laufen.

Mancher Große schreibt nur in der Hoffnung, dass irgendwann ein größerer komme, der ihn gerecht zu richten versteht.

Manche glauben, allein dadurch, dass sie von einer Sache reden, sich von ihr freikaufen zu können.

Ein schmaler Schleicher, Nichtraucher mit spitzem Arsch…

Viele haben so viel damit zu tun, ihr Negatives in den Griff zu bekommen; wie wäre es erst, wenn sie Zeit hätten, ihr Positives auszubilden.

Zur Verwechselung von Gier und Bedürfnis: Die Gier ist immer lastig, der Gierige läuft gewellt und gebeugt, sie zieht ihn hinan, ist spitz: Das Bedürfnis ist immer rund.

An unseren Geschmack: Natürlich sind die Kranken interessanter als die Gesunden, aber nur als die bloß Gesunden!

Für Deutsche gesagt: Rückgrat kann niemals durch Funktion ersetzt werden: Der sich bäumende Mensch!

Er war zu vornehm gegen sich selbst: Seine gewaltige Potenz spielte er nie aus.

Warum kann der moderne Mensch nichts mehr schaffen? Es ist nicht, dass er zweifelt; es ist nur, dass er zu schnell seine Kehre in den Zweifel findet! Er bleibt der Gehetzte mit den wilden Zuckungen, er bleibt gut für Extase!

Wie unerträglich ist es doch, wenn der Schreiber eines Buches uns die Mühe und den Genuss bei dessen Verfertigung vorsetzt, wenn er das Buch selber als eine Leiter für sich selbst, für seinen Weg gebraucht wissen möchte, und wie egoistisch ist es: Er delektiert sich an seinem Werke. Wenn er doch nur wüsste, was uns delektiert: So kam es, dass gute Autoren schlechte Bücher schrieben.

Der Unproduktive empfindet das Geschlossene als Gefahr. Dem Produktiven geht es gerade anders! Man muss sich als Künstler heute eine gewisse Schamlosigkeit gegen die Intellektuellen erkämpfen, einen Mut zum frischen Setzen gegen das müde Zweifeln!

In einem Kunstwerk ist meist das Tendenzielle, Politische das, was sich am schnellsten, mit drei Handgriffen, verändern lässt. Ja, das Kunstwerk hat gewisse Hohlräume, Zellen, in denen ein Politisches anwesend sein kann, irgendein solches sogar sein muss: Doch welchen Wert es seinerseits dem Ganzen zu geben hat? Man sehe die Fabel: Lehre und Gegenlehre, wie schnell sind sie auszutauschen!

Philosophie als Nescafé: In heißem Wasser sofort löslich, erwärmt den Magen, erwärmt das Herz! Wer erwärmt? Das heiße Wasser!

Wenn man nicht mehr, weiß, was man Goethe vorwerfen soll, findet man noch seine Urteile zu maßvoll!

Daß man es kennt, zehrt es nicht auf, nur wenn wir wieder und wieder hingetrieben werden, macht seinen Wert und seine Freiheit, nicht aber unsre!

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Mittwoch, 27. Mai 2009 20:25
Themengebiet: Aphorismen