Retro-Design und Geschichtsinszenierung

Überlegungen zum Phänomen der Epochenwahrnehmung

(Text als PDF mit Bildern)

© 2004 Dirk Schindelbeck

Plötzlich war Opas Kino wieder da. Im September 1980 saßen 19 Millionen Bundesdeutsche vor den Fernsehschirmen und schauten sich „Grün ist die Heide” mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack an. Über das kitschige Melodram von 1951 lachte jetzt kaum einer, die meisten waren auf eigentümliche Art berührt, ja fasziniert. Der harmlose Fernsehabend deutete gleichwohl an, was erst zwei Jahre später „richtige” Politik werden sollte - mit der Regierungsübernahme durch Helmut Kohl 1982. Nun erschien auf der politischen Bühne diese Figur, die sich als „Enkel des Alten” gerierte, sich selbst die „Gnade der späten Geburt” zumaß und antrat, die „geistig-moralische Wende” zu leisten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik bestimmte jetzt also ein Historiker und nicht ein Jurist oder Ökonom (wie es zuvor üblich gewesen war) den politischen Kurs. Alles, was dieser Mann fortan tat, geschah unter dem Primat, ein vorzeigbares Stück Geschichte zu produzieren, so als ob er eine geradezu heilsgeschichtliche Mission nach dem Motto „Erbe und Auftrag” zu erfüllen habe. Schon in seiner Regierungserklärung machte dieser Kanzler deutlich, wie er sich dieses Projekt vorstellte: zuallererst mit der Errichtung eines Hauses der Geschichte der Bundesrepublik, das bereits 1984 in die Realisierungsphase treten sollte (eröffnet 1994). Dass darin nichts anderes als deren Erfolgsweg - mit ihm selbst in einer Paraderolle - zur Ausstellung kommen sollte, stand außer Frage.

„Weiter so Deutschland…”? - High-tech-Standort als Heimatmuseum

Doch der „Wille zur Geschichte” war kein isoliertes Phänomen. Wie noch niemals zuvor werden in der Bundesrepublik so viele Museen - vor allem im alltagskulturellen Bereich - gegründet wie in den 80er-Jahren. Landauf, landab kommt diese neue Empfindlichkeit für Vergangenheit und Heimat in Mode, deutlich wahrzunehmen an den nun überall abgehaltenen Flohmärkten (die es in den 50er und 60er-Jahren nicht mehr gegeben hatte!), der kollektiven Aufhübschung ganzer Eigenheimsiedlungen mit Blendgiebeln und Dachhutzen, der allwöchentlichen „Schwarzwaldklinik” oder dem rasanten Aufblühen privater Sammelkulturen. Das Alte und Verstaubte, bei Großmutter noch Alltagsgegenstand, jahrzehntelang vergessen und unbeachtet, es hat nicht nur Hochkonjunktur, sondern plötzlich eine neue Dignität, einen neuen Wert. Offenbar aus einem Bewusstsein heraus, dass etwas verloren gegangen war oder eben im Begriff stand verloren zu gehen.

Dies ist die eine Seite der achtziger Jahre, sattsam bekannt unter dem Begriff, der als „Postmoderne” seither die Runde macht. Die andere Seite war von unverhohlener Goldgräberstimmung geprägt: neue Technologien produzieren Verheißungsszenarien, greifbar z.B. in den Äußerungen Lothar Späths, der bereits Mitte der Achtziger den Normal-Arbeitnehmer vor seinem (vernetzten) Computerterminal sitzen sah. In der Tat wachsen vom SDI-Programm Ronald Reagans bis hinunter zum Videorekorder Otto Normalverbrauchers in diesem Jahrzehnt auf allen Ebenen die Möglichkeiten, Informationen - und das heißt in der Folge bald nur noch: Daten - zu speichern und zu bearbeiten. Schon 1980 geht in die Geschichte der Bundesrepublik ein als das Jahr des Videorekorders, als anstatt erwarteter 600.000 sogar 800.000 Stück solcher Geräte verkauft werden. Auch das Angebot an speicherfähigem „Content” steigt rapide an. Schon kurz nach Kohls Regierungsantritt nimmt das Privatfernsehen seinen Betrieb auf (1983), und am Ende des Jahrzehnts haben Kabel- bzw. Satellitenanlagen weite Verbreitung gefunden. Aus drei Programmen sind innerhalb weniger Jahre über zwanzig geworden. Parallel dazu schreitet die Ausstattung auch der privaten Haushalte mit Heimcomputern zügig voran; zwar speichert Westdeutschland vorerst meist nur im MS-DOS-Modus, ist noch längst nicht geschlossen online, aber das digitale Zeitalter marschiert. Selbst dem weniger Eingeweihten dämmert es, was mir ein Computer-Freak schon Ende der achtziger Jahre als letzte Weisheit kundtat: „Ich kaufe mir keinen PC, ich kaufe mir Speicherplatz… und Peripheriegeräte nach Bedarf.”

Von Daten generiert, zu Bildern mutiert: Geschichte als Designprodukt

Wo der Mensch in seiner Kernkompetenz zum Daten produzierenden, speichernden (und manipulierenden!) Wesen wird, kann das für die Geschichte nur eins bedeuten: Sie wird zum Versatzstück, zur Verfügemasse, bereichert, als Zeichenmenge, den Sinnentwurf einer Gegenwart, die ihre neuen, computergestützten Simulationsprogramme an ihr ausprobiert. Was historisch verloren ist, wird auf ästhetischem Wege wo nicht wiederhergestellt, so doch derart perfekt simuliert, dass es den Vergleich mit dem „Original” nicht zu scheuen braucht.

In der Reagan-Administration weiß man sehr wohl, welche Potenziale sich aus dem endgültigen Paradigmenwechsel von der Gutenberg- zur Bill-Gates-Galaxis ergeben: die Chance auf den endgültigen Sieg im Kalten Krieg (Ende des Jahrzehntes denn auch faktisch erfolgt). Getreu dieser Maxime wird gegenüber dem sozialistischen Lager eine rigorose Embargopolitik hinsichtlich aller Computer- und Software-Technologie betrieben.

Was heißt all dies für die conditio humana in ihrer bundesdeutschen Variante? Bevorzugtes Objekt des Aneignungswahns der Achtziger werden - wie schon eingangs angedeutet - die Fünfziger. Für diesen „content” scheinen die Rahmenbedingungen in der Tat besonders günstig. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist einer ihrer Zeitabschnitte zitierfähig geworden, an der die weit überwiegende Zahl der Menschen im Lande noch lebensgeschichtliche Erinnerungen (Kindheit, Jugend, persönlicher Aufstieg) hat. Insofern besteht Konsens, dass diese abgelebte Epoche grundsätzlich aneignungsfähig ist (im Gegensatz zur NS-Zeit). Einerseits sind die Rahmenbedingungen seit 1949 dieselben geblieben (parlamentarische Demokratie + soziale Marktwirtschaft), andererseits hat sich innerhalb dieses Rahmens inzwischen vieles verändert, erscheinen die Zeiten nun ungleich härter und schwieriger, bieten vielerlei Anlass zum Unbehagen: Arbeitslosigkeit, Terrorismus, Rüstungswettlauf, Waldsterben, Tschernobyl, um nur die herausragenden Problemfelder der „Risikogesellschaft” zu nennen. Das meiste davon hatte es im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik - im verklärenden Kollektivrückblick - noch nicht gegeben, weshalb gerade dieses Stück Vergangenheit jetzt umso rosiger, einfacher, überschaubarer erscheint und damit geradezu wie eine Heilsbotschaft. In der Folge entsteht erstmals so etwas wie ein historischer Markenartikel unter dem Branding „die goldenen Fünfziger”. Der Zugriff darauf erscheint umso leichter, da ja hier nicht „Bewältigung” (wie bei der NS-Zeit) eingefordert ist, sondern sich eine breite Projektionsfläche für die verschiedensten Weisen kollektiver wie individueller Aneignungen anbietet.

Die „Erlebnisgesellschaft” schlägt zurück: Geschichte als Design-Produkt

Nehmen wir zwei typische Produkte aus den achtziger Jahren und befragen sie hinsichtlich ihres postmodernen „Contents”.

Da ist zum einen die swatch-Uhr, die - ziemlich exakt mit dem Amtsantritt Helmut Kohls - auf den Markt kommt. Es kommt nicht von Ungefähr, dass sich ausgerechnet an einem Instrument zur Zeitmessung das Design-Primat der 80er-Jahre so prachtvoll und zeitgemäß-exzentrisch materialisiert. Grandios die Antwort des Produkts auf die ewige Frage, wie der Mensch auf der Suche nach der verlorenen Zeit verfährt: Er sammelt sie einfach, wenn auch wie besessen, stellt sie aus und erfährt sie als Design in seiner „private Collection”.

Das andere Produktbeispiel stammt aus einem vermeintlich eher randständigen Bereich: das Modellauto der Baugröße HO (1:87). Auch in diesem Produkt feiert des Kanzler Heilsbotschaft „alte Werte + neue Technik” fröhliche Urständ. Computergesteuerte CNC-Fräsen machen im Formenbau jetzt möglich, was zuvor eher Manufakturcharakter trug. Das Ergebnis: Schon strömten alte Haubenlaster der Wirtschaftswunderzeit in Massen auf den Markt, in einer noch bis dahin nicht für möglich gehaltenen Detailliertheit der Fahrgestelle und Auspuffanlagen.

Retro als generelle Animationsoption der postmodernen Gegenwart

Machen wir - unter diesen Vorüberlegungen - den Sprung zurück in unsere Tage. Feststellen lässt sich, dass die Retro-Sucht seither nicht nur ungebrochen fortbesteht, sondern eher angeschwollen ist. Es gibt inzwischen eine ganze Bandbreite historischer Markenartikel, von den oft unausgesprochenen Defiziten unserer Gegenwart generiert. Freilich ist festzustellen, dass die besonderen „Renner” unter ihnen sich generationenspezifischen Erlebnissen und Wahrnehmungen verdanken. Waren in den Achtzigern die Fünfziger en vogue, so verschob sich in der Folgezeit die Attraktivität der Jahrzehnte parallel zum Erfahrungshorizont nachwachsender Generationen.

Ungeniert werden heutzutage vergangenen Jahrzehnte wie Supermarktartikel feilgeboten (Videos, CDs, Fernsehshows), reduziert auf ihre massenwirksamen Hyperzeichen („die” Achtziger = Rubik-Würfel, Stirnschweißbänder, BMX-Fahrräder und Nena). Neu an der Retro-Welle mag höchstens die Intensität der Rückwendung sein, mit welcher heuer selbst schon die 30-Jährigen sich wehmütig an die Tapeten ihrer Kinderzimmern erinnern, andererseits entsprechend energisch ihre „Epochenerlebnisse” als „Generation Golf” postulieren. Für sie, die mit dem Computer groß wurden, ist es eine blanke Selbstverständlichkeit, dass Zeit und Vergangenheit nichts als willkommenes Material zur Reinszenierungen bereitstellen.

Zum Beispiel ein Eis der frühen Jahre - dank online-Petition „wieder da”

Da erinnerte sich in Österreich ein gewisser Johannes Breit gern an ein bestimmtes Eis seiner Jugendzeit - für ihn der Inbegriff dichter Kindheitserlebnisse an Sommer, Ferien und Schwimmbad in den Siebzigern. Paiper hatte das Produkt geheißen - mittels eines Stäbchens musste man es aus einem durchsichtigen Kunststoff-Kolben schubweise herausdrücken. Dabei quietschte es und es klebte wie kein anderes an der Zunge. Breit hörte sich um und stellte fest, dass sein Produkterlebnis offensichtlich zum Sozialisationsmuster seiner Generation gehörte! Ebenso intensiv freilich wie die Erinnerung an dies Konsumerlebnis war das Bedauern, dass es dieses Eis seit zwanzig Jahren nicht mehr zu kaufen gab. Für Breit war klar: Paiper musste wieder her. Aber wie anstellen? Mit den Möglichkeiten natürlich, welche die moderne Kommunikationsgesellschaft bot. Breit ging in die Offensive, trat eine Welle los, war bald als „Mister Paiper” in Fernsehtalkshows zu sehen oder bei Open-Air-Festivals. Und das Volk, sein Volk, es schrie vor Begeisterung, Tausende Gleichgesinnter unterzeichneten seine Online-Petitionen an den Hersteller, dieses mit so viel Lebensgeschichte(n) aufgeladene Konsumprodukt gefälligst wieder auf den Markt zu bringen - was selbstverständlich geschah. Über das Mittel digitaler Technik hatte die Erlebnisgesellschaft anscheinend reanimiert, wonach sie gierte: sich ein Stück Vergangenheit und Heimat konsumierbar gemacht, als Geschichtserlebnis zum Abschlecken und „ganz wie früher”.

War dem wirklich so? Man stelle sich vor, wie der Umgang mit Geschichte erst beschaffen sein wird, sollte es wirklich einst möglich sein, auch Gerüche und Geschmack als Datensätze zu generieren…

Anmerkung: Der Essay schöpft aus diversen Untersuchungen des Autors zum Phänomen der Geschichtsinszenierung:
„R. Gries, V. Ilgen, D. Schindelbeck: Gestylte Geschichte. Vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern, Münster 1989;
„V. Ilgen, D. Schindelbeck: Jagd auf den Sarotti-Mohr. Von der Leidenschaften des Sammelns, Frankfurt 1997;
D. Schindelbeck: Marken, Moden und Kampagnen. Illustrierte deutsche Konsumgeschichte, Darmstaft 2003;
D. Schindelbeck: Marken, wollt ihr ewig leben? In: F. Langenscheidt (Hg.): Deutsche Standards, Marken des Jahrhunderts. Die Königklasse dt. Markenartikel, Köln 2004.

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Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Freitag, 29. Mai 2009 6:03
Themengebiet: Theorie/Philosophie