Markentechnik vs. „Kukirolen Sie!”
Als sich (in den 20er Jahren) Werbung von Reklame schied
für Alexander Rosner
und mit einem besonderen Dank an Ruth Michelbach vom Stadtarchiv Füssen
(Das Bildmaterial, sofern es sich um Prospekte oder Werbeblätter handelt, stammt aus dem Kultur- und werbegeschichtlichen Archiv kwaf Freiburg, die Anzeigenmotive der 20er Jahre aus der Berliner Illustrierten Zeitung)
© 2009 Dirk Schindelbeck
Vorbemerkung
Der folgende Artikel entfaltet auf gleich mehreren Ebenen ein Stück deutscher Werbegeschichte. Es geht darin
1.) um den Begriff der Reklame - im Gegensatz zu unserem heute geläufigen Terminus “Werbung” - und die Herausarbeitung des Reklamestils jener Zeitepoche;
2.) im Zusammenhang damit um den wohl ältesten deutschen Werbeberater und -texter, dessen Person von dieser Reklame nicht zu trennen ist: Johannes Iversen (1865-1941);
3.) um eine der spektakulärsten Reklamekampagnen Iversens der zwanziger Jahre: die für das Hühneraugenbeseitigungsmittel Kukirol;
4.) um die mit dieser Kampagne untrennbar verbundene berühmt-berüchtigte Werbefigur jener Zeit: den sagenumwobenen Dr. Unblutig.
Alle vier Erzählstränge sind in diesem Artikel miteinander verwoben.
Viel Spaß beim Lesen!
Dirk Schindelbeck, September 2009
1. Effekt, Effekt
„Im Jahre 1920 wurden die Besucher der Frankfurter Messe durch ein seltsames Reklameverfahren überrascht. Jeden Tag zur bestimmten Stunde kamen einzelne Gruppen von Sandwichmännern in Form aufrecht wandelnder Zigarettenmodelle aus den verschiedensten Richtungen zum Mittelpunkt der Stadt, um sich dort zu einem langen Zug zu vereinigen. Nach einigen Schwierigkeiten mit den Oberleitungen der Straßenbahn zogen die etwa 4 m hohen Reklameträger auf dem Wege über den Bahnhof zum Messegelände. Gleichzeitig beunruhigte eine sonderbare Streckenreklame die Reisenden der mitteldeutschen Hauptbahnen. Kein Mensch wusste anfangs, was das schwarze Zeichen auf weißem Grund mit dem roten Punkt bedeuten sollte. Die meisten Leute rieten auf eine Art Schraubenschlüssel oder Büchsenöffner (gemeint ist das von Prof. Deffke entwickelte Reemtsma-Markenzeichen eines abstrahierten Wikinger-Stevens: Anm. des Verfassers). Das Zeichen besaß keinerlei Sinnfälligkeit, und erst allmählich wurde ein Zusammenhang mit den ungewöhnlich sperrigen Zigarettenpackungen entdeckt, die in einzelnen Läden das gleiche Zeichen den Blicken der Passanten aufdrängten.
In der damals ziemlich reklamearmen Zeit erzeugte dieses energische Vorgehen eine starke Sensation. Man konnte in keinem Zuge auf den plakatierten Strecken fahren, ohne dass die hochmoderne Reklame mit unterschiedlichsten Deutungsversuchen ausführlich von allen Insassen eines Abteils besprochen wurde. Wenn der Kreis der Betroffenen sich auch nur auf die Reisenden und auf wenige interessierte Einwohner der mitteldeutschen Städte beschränkte, so war doch das Ziel einer schnellen Aufmerksamkeitserregung geglückt. Bis zum heutigen Tage gilt dieser Reklamefeldzug in den Augen der Laien als eine propagandistische Meisterleistung. In Wirklichkeit trägt er alle Kennzeichen des verhängnisvollen Jahrmarktstiles.”
