Geschichtsdesign im Dienst der Politik
Norbert Blüm ‑ das ambulante Kleintheater
(aus: Gries/Ilgen/Schindelbeck: Gestylte Geschichte. Vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern, Münster 1988, S.228-249)
© 1988 Dirk Schindelbeck
Anmerkung 2009:
Obwohl dieser Text - schon mehr als 20 Jahre alt - aus dem Zeithorizont der späten 80er Jahre geschrieben wurde, erscheint mir auch noch heute im Hinblick auf die Strategien personaler Selbstdarstellung und Inszenierung auf der politischen Bühne aussagekräftig zu sein.
“…ein Glücksfall für die Union…”[1]
Niemand von den Konservativen geht öfter rnit seiner Vergangenheit hausieren, niemand tut dies gekonnter und niemand tut es wirkungsvoller als Blüm. „Eine Empfindlichkeit aus geschichtlicher Erfahrung”[2], so der Minister über sich selbst, zeichne ihn aus. Die geschichtliche Empfindlichkeit meint Alltagsgeschichte, Geschichte der kleinen Leute, unbestechliche Basis‑Kenntnis. Davon aus sinnlicher Anschauung, eigenem Erleben, ursprünglichem Kontakt mehr zu kennen und zu wissen als viele seiner Parteifreunde, dieses Markenzeichen hat Norbert Blüm behaxrlich und zielbewußt selbst aufgebaut: „Ich werde nie vergessen, woher ich komme… ich bin der Repräsentant der kleinen Leute”[3]. „Ich bin geborener Arbeiter, komme aus einer Arbeiterfamilie. Wo zieht’s einen immer wieder hin? In sein Milieu… Die Leute im Revier, der Typ Kumpel: trocken, unkompliziert, direkt, der liegt mir eigentlich.”[4]
Der Hesse Norbert Blüm, so Klaus‑Dieter Bamberg, „läßt das Arbeitermilieu für sich wirken, wie es Schauspieler und Spitzenmanager mit Frauen und init Männerparfüms tun.”[5] Blüm, so Sybille Krause‑Burger, „ist nicht trotz, sondern wegen und mit seiner Herkunft so gut vorangekommen”[6]. Und Blüm selbst: „Den Stallgeruch des Gewerkschafters kann mir niemand nehmen.”[7] In der Tat kommt der sich selbst so Auszeichnende aus den Reihen der CDU bei den Arbeitern, denen er sich gleichzustellen versucht, noch am besten an. Im personalen Spektrum der Union ist er mehr als der Farbtupfer mit Alibi‑Funktion, ist er die unverzichtbare Figur, denn allein mit den Dreggers und den Stoltenbergs wird sich keine Mehrheit erreichen noch halten lassen. Der Kanzler wußte das immer: „Laßt den mal. Der bringt uns die Arbeiter.”[8] Norbert Sebastian Blüm: Einer, der sich traut „nachgerade schamlos volkstümlich zu sein”[9] leistet für die Regierenden einen Großteil überlebenswichtiger Legitimation: „Ganz der Aufsteiger, der doch unten bei allen andern geblieben ist!”[10]
“Aber jetzt muß ich unmittelbar zu den Arbeitern“[11]
In ihrer Analyse der „neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland” kommen Roland Roth und Dieter Rucht 1987[12] zu folgendem Befund: „Ein neuer Kult der Unmittelbarkeit entsteht, der auch das Verständnis des Politischen verändert. Der unmittelbaxe Bedürfnisbezug (‚Politik in der Person’, ‚persönliche Betroffenheit’) stellt nunmehr den Maßstab authentischer Politiktypen dar.”[13] Authentizität, Unmittelbarkeit: unter den Bedingungen der Mediengesellschaft wird Politik zum Showgeschäft[14], der Politiker, um ein Maximum an Nutzen aus den Medien zu ziehen, zur populären Showgröße: Persönliche ‚Tugenden’ überlagern zunehmend politische. Telegenität, die Beherrschung des spezifischen journalistischen Zeichensystems, Kontaktfähigkeit, Publiksamkeit gelten als erfolgversprechende Persönlichkeitseigenschaften. Keine von ihnen verrät primär politische Talente.”[15] Medienpopularit, das ist das Geschäft sich ubiquitär präsentierender Unmittelbarkeit, ist zunehmend „mehr Journalismus mit ‚human touch’”[16], sind Politiker ‚zum Anfassen’. Anerkennend berichtet Blüms Schriftenherausgeber Iserlohe: „Wenn er einen Streifzug durch Dortmund macht, um seinen Bundestagswahlkreis zu pflegen, kann es sein, daß der Minister in eine einfache Arbeiterkneipe geht, sich an den Tresen stellt und ein Bier trinkt. Er wird immer schnell erkannt, die Kumpel und die Stahlkocher, die von der Schicht kommen, suchen das Gespräch mit ihm. So erfährt Norbert Blürn unmittelbar und vor Ort, wo der Schuh drückt.”[17] Blüm an der Basis: Das ist seine Lieblingspose. Aber auch als sich selbst darstellender Privatmann liegt der Minister voll im Trend: „Blüm im grünen Trainingsanzug beim Waldlauf, Blüm unrasiert beim Rudern auf finnischen Seen, Blüm schwitzend beim Holzhacken, Blüm im Parka beim Spaziergang durch heimische Weinberge”.[18] Ob Jogger, Einweiher, Schauspieler, Schlagzeuger, Vater, Boxer, Gewichtheber, Musikant, Pfeifenraucher des Jahres, Blüm macht alles, Blüm kann alles. Er mag sein, wo er will, ob als Bergsteiger am Kilimandscharo (Eintragung im Gipfelbuchbuch: ‚Blüm, Deutschland’) im Paddelboot auf dem Amazonas oder in feuerländischen Gewässern, als fußballbegeisterter Begleiter des Kanzlers bei der Weltmeisterschaft 1986, Blüm, mediengerecht und medienvernüttelt, ist immer da, Blüm ist immer nah: „Blüm gehört einfach jedem”[19]. An jedem Ort „vor Ort”, unverdrossen ein Bote des Echten, Hemdsärmeligen und Heimatlichen in Person und Wort ist „‚der liebe Norbert’, wie er sich selbst gern nennt”[20], überall im Einsatz und verbreitet dennoch überall gleich intensiv Volkstümlichkeit.
Im Gegensatz etwa zu bayerischen Politikern, die ihre Volksverbundenheit aus lokalem Zungenschlag und regionalem Kraftausdruck gewinnen und gerade wegen dieser Begrenztheiten auf Bundesebene immer wieder scheitern, bringt der liebe Norbert überallhin schon mit, worauf es ankommt: „Ich brauche immer Heimat in Sichtweite”[21]. Solche „Immer‑Heimat”, wie sie Blüm mit sich im Gepäck führt, ist eben nicht der räumlich oder regional begrenzte Ort, sondern der zeitliche, inithin geschichtliche Ort, in dem Nord und Süd, Ost und West der Republik gleichermaßen aufgehen, ein Ort der Einfachheit, der Bescheidenheit und vor allem: der Arbeit. Man stelle sich nur einmal vor, die Konservativen ließen einen Bayern zur Bundestagswahl im Wahlkreis Dortmund antreten![22] Blüm, dem Hessen hingegen traut die CDU‑Strategie dies zu. „Der liebe Norbert”, das ist ja einer der wenigen Politiker, die die Dinge (noch) beim richtigen Namen nennen, ein Mann aus Fleisch und Blut, der mit unverstelltem Blick die Auswüchse entlarvt und mit unverzagter Energie den gesunden Menschenverstand wieder in das ihm angestammte und von den papierenen Paragraphenpolitikern immer wieder streitig gemachte Recht einsetzt. „Ich bin ohne Zögern vor Ort gegangen und habe mir auch kein gemachtes Bett ausgesucht. Mein Wahlkreis Dortmund III zählt für die CDU zu den schwierigsten. Hier ballt sich die ganze Strukturproblematik von Kohle und Stahl zusammen.”[23] Blüm, so scheint es, ist immer zur Stelle, wenn Not am Mann ist, „Blüm bringt die Dinge ins Lot”[24], zieht die Karre aus dem Dreck, ganz „der Inbegriff eines Mannes, der Dreckarbeit leistet und dabei doch sauber bleibt, der das düstere Geschäft vielfältiger ‚Sanierungen’ und ‚Konsolidierungen’ mit schier ansteckender Fröhlichkeit betreibt”[25]. Und immer wird Blüm zum Mann der Tat, zum unmittelbar Zupackenden: „Die einen betreiben sonntags die Grundsatzpolitik in feierlichen Reden, und die anderen erledigen dann werktags die handfesten Aufgaben”.[26] Vorzugsweise als Aufräumkommando[27], Rettungssanitäter[28], Feuerwehr[29] oder Deichwächter[30] präsentiert er sich und die Seinen. Handeln, Aktivität als solche, das ist in Blüms Verständnis fragloser Wert an sich. „Statt als Intellektueller die Feder nachdenklich zu führen, fühlt er sich wohl, von Image und Erwartungen gedrängt, gezwungen, Schreibtisch und Rednerpult mit der legendären Werkbank zu verwechseln. Und dann Weisheiten zu allem und zu jedem zu stanzen und, als wenn Arbeiter so wären, ununterbrochen tatkräftig zu erscheinen?”[31] Aber nicht nur er ist unmittelbar bei den Menschen draußen und ihrer Welt, diese Welt und ihre Menschen, so macht er glauben, sind auch unmittelbar bei ihm: „Politik ist viel eher der Arbeit der Maurer vergleichbar. Man kann nicht das zweite Stockwerk bauen, bevor das erste fertiggestellt ist…”[32]
Norbert Blüm ist ein wirkungsästhetisches Phänomen. Bei ihm besticht die perfekt inszenierte Einheit von Person und Aussage, er scheint leibhaftig und wahrhaft das zu sein, was er sagt, er wirkt echt. „Seine Brillanz”, so Barnberg, liege darin, „daß viele Menschen sogar entgegen ihren eigensten Erfahrungen und Überzeugungen das anzunehmen und zu glauben bereit sind, ‚wenn so einer wie Blürn das sagt’”[33]. Daß Blüm indessen längst nicht so naiv und unschuldig vor Kameras und Zuhörer tritt, wie es scheint, sondern daß er auch als Persönlichkeit, als Politikertyp sich seiner selbst höchst bewußt ist und seine Wirkungs‑ (und Karriere‑)möglichkeiten reflektiert, blitzt nur manchmal auf. Gefragt, wo denn hinter all seinen Masken der richtige Norbert Blüm zu finden sei, bekennt er: „Man kann ja nur das überzeugend spielen, was man auch ein bißchen ist. In jeder Rolle scheint was Wahres durch.”[34]
Sein visuelles Markenzeichen ist seit der Wende in Bonn die Brille. Die publikumswirksame Anekdote berichtet, sie sei das Ergebnis seines „Demokratieverständnisses und ausgeprägten Fainiliensinns…” (”die Sprößlinge sollten entscheiden…”): “Die Wahl fiel auf eine Art Schusterbrille, die im Bundestag und auf dem Fernsehschirm zunächst etwas überraschte, an die man sich inzwischen aber gewöhnt hat. Sie steht ihm gut. Die Interessenvertretung der deutschen Optiker hat ihm ausdrücklich Phantasie und Mut bei der Wahl seiner Brille attestiert”.[35] Franz Joseph Degenhardt hingegen sah sich „das Outfit des Mannes” genauer an: „Die Franz‑Schubert‑Brille auf der naseweis‑Nase, die bauschigen Koteletten - jener Backenbart‑Rest, den man damals trug, um an wilde Freikorpszeiten zu erinnern -, ganz der Hauslehrer oder Stadtschreiber, wie ihn Jean Paul beschrieben und Spitzweg gemalt haben. Bestimmt ist das alles überlegt und durchgestylt. Der Mann ist ja ein Profi und weiß um die Sehnsucht nach biedermeierlicher Idylle in diesem unserem Lande…. aus dem Mißgunst und Quengelei und anderes Politisches verbannt sind, wo Meister & Gesell’ einträchtig‑fröhlich im Wirtshaus beisamm’ hocken, der mobile Handwerksbursche auf der Such’ nach Arbeit, Kost und Logis vorbeizieht, den singenden Hausfrauen & Mädchen unter der Linde zuwinkt.”[36]
Der Traum vom großen Konsens
Wo Norbert Blüm zu öffentlicher Rede anhebt, feiert der gesunde Menschenverstand fröhliche Urständ’, werden die Experten aller Lager nicht nur in Frage, sondern barsch in die Ecke gestellt.[37] Alles wird einfach und alle werden eins. „Wir brauchen eine Politik, in der klar ist, daß alt und jung in einem Boot sitzen!”[38] Blüm, so Bamberg, macht „an die prinzipielle Einfachheit der Dinge glauben: Wenn nur die Menschen sich mit genügend gutem Willen an einen Tisch setzen, dann ist alles lösbar, was überhaupt menschlich machbar ist.[39] „Wir müssen an Stelle der Es‑Systeme Wir-Gemeinschaften setzen und die Betroffenen (müssen) den Lastenausgleich selber bewerkstelligen”[40]. Was wie hier im Sozialbereich gelten soll, mögen sich auch die Tarifpaxtner zu eigen machen: „Tarifverhandlungen sind Phasen, in denen die Solidaxität der Arbeitnehmer noch etwas zählt. Das WirGefühl sitzt dann nicht im Kopf, sondern im Herzen.”[41]
Es ist wohl weniger das Herz, eher der Bauch, für den sich Blüm zum Sprachrohr macht. Die rhetorischen Kniffe und Schablonen belegen dies. Klaus‑Dieter Bamberg hat sich den Spaß erlaubt und immer nach dem Blümschen Standardsatzanfang „Wir müssen” (resp. „Wir brauchen”) ein Ausrufezeichen eingefügt: eine beeindruckende Häufung. Ein anderes ständig wiederkehrendes Satzmuster beginnt mit: „Laßt uns doch…” Zuweilen mischt sich der Rhetorik des kleinbürgerlich‑katholisch geprägten Ministers der Ton religiöser Traktätchen unter: „Und laßt uns über den ganzen Rentenstreit nicht vergessen eine Armut, die möglicherweise schlimmer ist als Geldmangel: das ist nämlich die Armut einer Gesellschaft, die die Alten in die Ecke stellt.”[42] In fast jedem Satz Blüms findet sich ein „aggressiv-abgrenzendes und zugleich werbend‑integratives”[43] rhetorisches Strukturmuster. Alles, was im Blümschen Verständnis positiv ist, läßt sich unter ‘Wir’ subsumieren. ‚Wir’ ist das semiotische Schlüsselwort, ist „die emotionale Wärme der Solidarität”[44], ist „die Truppe, aus der ich komme.”[45]: Nähe, Heimat, Arbeit, Überschaubarkeit und Wärme, Gemeinschaft, Familie, Mutter: die Strickmusterfäden des Blümschen Wir‑Gefühls entstammen allesamt dem Organischen, Heimeligen und Gestrigen, die heute als Chiffren der Sehnsucht nach gesundem, ursprünglichem Leben und heiler Welt so große mentale Kraft entfalten. So ist Blüm einer der wenigen Unionspolitiker, der ‚grüne Themen’ ohne Verrenkung aus dem Bauch heraus besetzen und zugleich umwerten kann. Zuweilen erheben sich Blüms idyllische Bilder zu wahrhaft kühnen Utopien: „Vielleicht sind die Arbeitszeiten der Zukunft sehr viel phantasievoller und nur zu regeln im Jahreszeitenrhythmus. Laßt tausend Blumen blühn!”[46]
Die Ethik der Heimat des Norbert Blüm
Kleine Einheiten, Überschaubarkeit und Familie. „Je weniger es uns gelingt, dem Leben in überschaubaxen Lebensbereichen wieder Heimat und Selbstbestätigung zu geben, umso mehr werden die Bürger in die Spurenlosigkeit einer zentral verwalteten Massengesellschaft flüchten. ‑ Eine neue Renaissance der Familie könnte jene notwendigen Inseln der Geborgenheit und des Widerstands gegen eine totalitäre Verfügbarkeit schaffen”[47]: In immerwährender Variation verbreitet Blüm als politische Leitlinie, was er mit Wir‑Gefühl so gut anzufüllen versteht: „Vorfahrt für die jeweils kleinere Gemeinschaft könnte die politische Spielregel werden, die auch von der Jugend begriffen wird.”[48]; “Die elementare Gesellschaft, in der Freiheit in Mitverantwortung eingeübt wird, ist die Familie. Ihr Stellenwert ist der Schlüssel der Zukunft.”[49]
Theoretische Grundlagen solcher Sätze finden sich in der katholischen Soziallehre, wie sie von Oswald Nell‑Breuning dargelegt wurde: Damach kann ein ethisches Prinzip wie das christliche Gebot zur Nächstenliebe als eine Moral, die Ansprüche stellt, nur in der kleinen Einheit, am besten in der Familie greifen: ‚Heimat’ als konkrete Verortung in „kleinen Einheiten” ist unbedingte Voraussetzung für das Entstehen eines solidarischen Ethos. Nur in überschaubaren Verhältnissen können Gemeinschaften entstehen, die selbstverantwortlich sind und ihre Mitglieder zugleich schützen und in die Pflicht nehmen ‑ und dadurch den Staat, woran dem Minister für Arbeit und Soziales besonders gelegen ist, entlasten. Nell‑Breuning formuliert: „An erster Stelle steht das Solidaritätsprinzip, nach dem viele auch die christliche Soziallehre selbst als ‚Solidarismus’ bezeichnen…: Wohl und Wehe der Einzelnen ist unlösbar verknüpft oder ‚verstrickt’ mit dem Wohl und Wehe des Ganzen und genauso umgekehrt…” Daneben ist es das Subsidiaritätsprinzip, das Gebot zur richtigen Hilfe, das die Zuständigkeit der Hilfeleistung und Hilfenahme innerhalb einer Gesellschaft regeln soll. Auch hier gilt das Vorrecht der kleineren Einheit: „Erstzuständig ist die Familie mit ihrer Erziehungskraft”[50]. Nicht nur die Inhalte, auch wie sie an den Mann zu bringen sind, schaute sich Blüm von Nell‑Breuning ab: „Es gehört… zu seiner (Nell‑ Breunings) pädagogischen Methode, daß er… seine Zuhörer und Leser in die Entwicklung seiner Gedanken einspannt. Vielleicht sind auch deshalb seine Abhandlungen von einer oft verblüffenden Schlichtheit. Der hohe Gedankenflug wissenschaftlicher Abstraktion ist in die Trivialität der Alltagssprache übersetzt.”[51] Vor allem der Einsatz sprachlicher Bilder in Vorträgen Nell‑Breunings und deren Wirkung auf die zuhörende Arbeiterschaft hat Blüm tief und nachhaltig beeindruckt: „Bilder, wie ‚Strohfeuer’ und ‚den Hund hinter’m Ofen hervorlocken’ oder ‚den schwarzen Peter zuschieben’ sind in exzellent wissenschaftliche Arbeiten eingebaut. Aber das sind keine pointenheischenden sprachlichen Gags, sondern es ist vor allem der Ausdruck erzieherischer Liebe. Verstanden zu werden von den Arbeitnehmern, zu denen er spricht, das ist das Ziel der Übung…”[52] Vor allem solche Wirkungsmöglichkeiten durch Sprache dürften den Politiker beeindrucken, der doch weiß: „Wer sich an der Macht halten will, muß dafür sorgen, daß er bei der Masse etwas gilt.”[53]
Auch Blüms Erfolg beruht darauf, daß er es versteht, die seinen Aussagen zugrunde liegende Soziallehre nie als Theorie, sondern immer als anschauliches Bild zu präsentieren; so empfiehlt er sich als elementarer Praktiker, als lebenserfahrener Kämpfer für eine warme, eine natürliche, eine menschlichere Welt. Alles, was dagegen den Ruch von Lehrsatz und Abstraktion mit sich bringt, was nicht zum (Be‑)Greifen nah präsentiert werden kann, muß folglich die Funktion des Feindbildes übernehmen: „Der Samariter hat geholfen und nicht den Bericht einer Enquete-Kommission abgewartet, welche die Unfallursachen auf der Strecke Jericho-Jerusalem analysierte”[54]. Auf dem rhetorisch‑semiotischen Grundmuster ‚lebensnah‑anonym’, ‚warm‑kalt’ laufen die unterschiedlichsten Inhalte fast wie von selbst zu effektvollen Pointen ab: „Ob in einer Gesellschaft, wie die Technokraten der Austauschbarkeit sie bewerkstelligen, Kinder sich noch wohlfühlen? Was wäre uns passiert, wenn die Mutter am Kinderbett nicht gesungen hätte ‚Schlaf, Kindchen, schlaf, Deine Mutter hütet die Schaf’, sondern ‚Schlaf, Kindchen, schlaf, Deine Bezugsperson hütet die Schaf?’”[55] oder: „Die kommunale Straßenkehrmaschine ist eine energieaufwendige Zerstörung nachbarschaftlicher Kommunikation. Denn beim Straßenfegen sind sich früher die Nachbarn begegnet.”[56] Der Verlust an Nähe, an Heimat, an Verortung ist, sieht man Blüm agieren, das Grundübel der Zeit schlechthin, ja sogar Ursache des Terrorismus: „Wenn der technische Fortschritt an Stelle von mitmenschlicher Zuwendung maschinelle Bearbeitung und bürokratische Betreuung an die der Nächstenliebe setzt, leiden nicht nur die Alten Not. Es schwinden aus unserer Welt Gemütlichkeit und Geborgenheit. Die Welt wird kälter. Die Gewaltsamkeit nimmt zu. Der Terrorismus ist nur die Spitze der Gewalt. Die Gewalt wächst in einer kalten Welt der Apparate.”[57] Für Wärme, Geborgenheit und Heimat aber gibt es in Blüms Gedankenwelt eine absolute, eine mythische Instanz: die Mutter. Mit ihrem Ansehen stehe und falle die sittliche Höhe der Gesellschaft selbst, so daß der Minister energisch fordert: „Die neue Zeit muß im Gewand der Mütterlichkeit kommen.”[58] Blüms kultische Überhöhung des Mutterbildes zum Symbol für alles Gute, Gerechte, ja Rettung schlechthin hat seine mentalen Wurzeln wohl auch in eigenen Kindheitserlebnissen. Der früh zum Erwachsenen und Familienernährer rekrutierte Norbert sah die Mutter weitsichtig und tapfer agieren: „Mutter räumte die Panzersperren, aber Freßfahrten. waren mein Monopol… Das Nachbardorf… wurde kurz und klein geschossen… Mutter konnte nicht überall sein.”[59] Solch intensive und zugleich von gegenseitigem Respekt getragene Mutter‑Sohn-Beziehungen waren in der Kriegs‑ und Nachkriegszeit durchaus typisch.[60]
Besonders von einer Gruppe wittert Blüm Gefahren. Es handelt sich dabei um die linkslastig‑hochschulgebildeten „Technokraten der Austauschbarkeit”, denen „die egale Gesellschaft” vorschwebt, in Blüms Verständnis „die Erfüllung der Belanglosigkeit … die Zertrümmerung jeder Gliederung und Gemeinschaft ist ihre Voraussetzung. Das Instrument der Auflösung jeglichen Zusammenhangs ist die egoistische Selbstverwirklichung.”[61]
Der Mutter als Urzelle der Familie und der letzten Gebenden inmitten einer Gesellschaft kalter Ichsüchtigkeit („Es nehmen die Männer, und es geben die Mütter”[62]) bringt diese Generation nur Verachtung und Hohn entgegen, das Ziel sei gar die radikale Abschaffung der biologischen Unterschiede: „Eine Koalition zwischen Emanzen und Biochemikern könnte uns schon bald den Menschen ohne Mutter bescheren.”[63] In ihre Ideologie verbohrt, Bürokraten eines anonymen Verwaltungs‑ und Versorgungsstaates, bevormunden sie die Bürger bis in den privaten Bereich hinein: „Die amtliche Pädagogik wird nicht eher ruhen, bis sie auch die Babys im Griff hat.”[64]
„Ja, so kommt es, daß die dreißigjährige Mutter zur zwanzigjährigen Sozialarbeiterin geht und fragt, wie sie ihr sechstes Kind erziehen soll.”[65] Dagegen empfiehlt Blüm: „Wir brauchen nicht für alle Probleme der Welt einen beamteten Spezialisten. Können wir nicht wieder den Amateuren, d.h. dem Ehrenamt eine neue Chance geben? Vielleicht ist das die Gelegenheit, Nachbarschaft wieder zu restaurieren und Heimat wieder neu entstehen zu lassen?”[66] Der Entwertung der Mutter entspreche schließlich auch die Entwertung und Abschiebung der Alten: “Mit der Verdrängung der Alten verzichtet die Gesellschaft auf Erfahrung, Erinnerung und Geschichte. Sie muß das Defizit an Lebenserfahrung durch die Bereitstellung von Experten ausgleichen.”[67] Dabei wäre doch alles so einfach: “Wenn Oma und Opa wieder mehr zu sagen haben, brauchen wir vielleicht weniger Sozialarbeiter.”[68]
Die Ästhetik der Arbeit dei Norbert Blüm
Werkbänke, Schraubstöcke, Lohntüten. Nicht nur die Familie und die Mutter als deren Zentrum sind für Blüm religiöse Offenbarungen, auch die Arbeit ist ihm eine Art Sakrament, eine mythische Kategorie. „Ich sehe im Schöpfungsbericht das erste Arbeitsprogramm… ‚Machet euch die Erde untertan!’ Das ist der erste Arbeitsvertrag auf dieser Welt.”[69] Die stets wirkungsvolle, Blüm eigene Zeichensprache des Raumes verengt selbst größte Dimensionen auf handliches Format: „Der Globus ist unsere Werkstatt”[70], „Die Welt (ist) dem Menschen als Werkstatt der nie endenden Veränderung in die Hand gegeben.”[71] In der Werkstatt kennt er sich aus: an der Wand oder in einer Ecke steht sie leibhaftig, die sagenumwobene, magische Werkbank, die Heimat in der Arbeit. Selbst in seiner Büttenrede zur Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst beschwört Blüm (fiktive) „Kumpels, die vor Jahren mit mir an einer Werkbank waren.”[72]
Wie auf einem Altar liegen hier griffbereit die Werkzeuge zur Erfüllung des Schöpfungsauftrags: Feilen, Gewindeschneider, Schraubenschlüssel. Von ihr aber ragt ein Instrument empor, die zentrale Chiffre für Wochen und Jahre der Mühsal, des Durchhaltens, aber auch belohnender Auszeichnung und Weihe: der Schraubstock. Wer an ihm gearbeitet hat, hat den Initiationsritus hinter sich gebracht: „Ich war Werkzeugmacher. Eisen erzieht.”[73]
Metallstaub, Maschinenöl und das Wabern des Menschlichen: „Ich weiß, wie Arbeit riecht.”[74] Im Schraubstock bündelt sich der Erfahrungsschatz der harten, aber ehrlichen Schule des Lebens, die doch manch einer von jenen, die heute mitreden, nur von außen kennt: „Der Prototyp eines sozialdemokratischen Vorstandsmitglieds ist ein Soziologiestudent im 20. Semester mit einem Onkel, der eine Kusine hat, die jemand kennt, der schon einmal einen Schraubstock gesehen hat.”[75] Das sinnlich vorgestellte Ergebnis politischer Schraubstockarbeit sind denn auch keine Grundsatzerklärungen, sondern „Werkstücke” (wie auch der Titel seines erfolgreichsten Buches heißt): „Meine alten Schlossererfahrungen lehren mich, daß ich nicht zwei Werkstücke gleichzeitig im Schraubstock haben kann. Das erste Werkstück ist, die Rentenversicherung so zu gestalten, daß die Finanzierungsdiskussion endgültig beendet ist. Das zweite Werkstück ist, das Unrecht bei der Rentenberechnung der Mütter zu beseitigen?”[76] Wer in der Welt der Werkstücke lebt, hat natürlich auch keine abstrakten Zahlen auf dem Gehaltskonto, sondern empfängt eine richtige ‚Lohntüte’, die allwöchentlich von der Heimatzweigstelle ‚Arbeitsplatz’ zur Heimathauptstelle ‚Familie’ getragen wird. In ihr ist noch sinnlich anwesend der Tausch Arbeit für Geld, somit verweist sie noch auf den Arbeitsprozeß selbst zurück. Wie die Werkbank Sinnbild gemeinsamer Arbeit ist die Lohntüte Sinnbild für den Zugang „zu jenen Gütern, die zur gemeinsamen Nutznießung bestimmt sind”[77]. Wer so fraglos wie Blüm die päpstliche Enzyklika „Laborem exercens” als eigenes politisches Programm verkündet, kann sich der Rückendeckung und Sympathie des Papstes sicher sein. Überdies ist der heilige Vater ja wie der deutsche Arbeitsminister ein Medienriese, da ebenfalls ständig ‚vor Ort’. Blüms Urteil nimmt da nicht wunder: „Hier spricht ein Papst, der weiß, was eine Lohntüte ist.”[78]
Die Bilder, die Blüm von der Arbeitswelt zeichnet, lassen die kleinstädtisch‑wohlgeordnete Welt des Handwerks (wieder‑)erstehen. Neben dem Wort ‚Werk’ hat denn auch das Wort ‚Hand’ in Blüms semiotischer Sprache eine tragende Bedeutung: „Was wir brauchen, …ist eine höhere Wertschätzung der Hand. Die Welt wird nicht allein durch den Kopf begriffen… Die Überschätzung der Theorie ist ein Verstoß gegen die Chancengleichheit.”[79] Aus dem Hand/Kopf‑Gegensatz hat Blüm einige seiner effektvollsten Bilder gezaubert: „Ein Lehrling ist genausoviel wert wie ein Student… Es nützt nichts, wenn wir alle die Einsteinsche Relativitätstheorie erklären können, niemand aber mehr einen Wasserhahn abdichten kann. Das kann doch nicht die Zukunft unserer Nation sein: Mondbahnen berechnen, aber keine Dachrinnen reparieren können?”[80] Daß die Zukunft einer Industriegesellschaft doch eher mit Mondbahnen und Computern zu tun hat als mit der Reparatur der Dachrinne zwei Straßenzüge weiter, daß die Zeitzeichen auf Hoch‑ und Großtechnologie stehen und nicht auf Werkbank und Schraubstock, das weiß auch Blüm, wenn er angesichts der modernen Computertechnologie beunruhigt feststellt: „Die Unüberschaubarkeit, Undurchschaubarkeit, die Schnelligkeit der Entwicklung, das Wissen, nie mehr alles begreifen oder gar steuern zu können ‑ alles addiert sich zu einer Universalangst, zu Verunsicherung und Entwurzelung?”[81]
Das Problem für einen konservativen Politiker vom Schlage Blüms indessen ist, daß diese, um es in seiner Sprache zu sagen, durchaus handfesten Visionen weder eine Ethik der Heimat noch eine Ästhetik der Arbeit abgeben. Der Organisator des großen Wir‑Gefühls, der weiß, daß „mit Statistiken keine Herzen bewegt (werden)”, kann die wenig sinnlichen Hightech‑Visionen (ganz im Gegensatz etwa zum Angestellten‑Image des Lothar Späth) nicht in sein politisches Profil einbauen. ‚Arbeit’ muß für ihn stets ein Bild von gestern bleiben. Am eigenen Leibe allerdings machte Norbert Blüm in jenen Jahren ganz andere Erfahrungen im Arbeitsalltag. 1977 erinnerte er sich an Rationalisierungsmaßnahmen „vor über 20 Jahren bei Opel in Rüsselsheim. An die Stelle der vielen Fräser, Schleifer und Bohrer waren drei Kontrolleure getreten. Sie beobachteten bunte Lämpchen auf einem großen Schaltbrett. Uns fiel auf, daß sie graue Kittel trugen statt des traditionellen ‘Blauen’. Automatische Selbstkontrolle und Kittel statt ‚Blauer’ ‑ das sind die Erinnerungen, die ich mit der Transferstraße verbinde. Die technische Perfektion imponierte.”[82] Obwohl er also als direkt Betroffener schon Mitte der fünfziger Jahre die Ablösung von Blaumann und Werkbank durch Kittel und Transferstraße erfuhr, zeichnet er noch heute unausgesetzt Bilder einer Arbeitswelt, die davor, also in den frühen fünfziger Jahren liegen: „Die Diskriminierung des ‘Blaumanns’ und die arrogante Platzanweisermentalität der weißen Kittel und Kragen hat bis heute alle Entwicklungen und Krisen überdauert.”[83] In einem andern Artikel mit dem bezeichnenden Titel „Mach mal Pause” malt er den Einstieg in die Arbeitswelt heute (!) mit seinem Standard‑Bild: „Der 15-jährige landet … mit einem Kopfsprung in der Welt der Erwachsenen: eben noch die Schulbank ‑ morgen Werkbank.”[84] Was Blüm als gewiefter Politiker, der sein Profil kennt, immer wieder unterschlägt, ist der historische Wechsel von der Arbeits‑ zur Dienstleistungs‑ und Freizeitgesellschaft Mitte der fünfziger Jahre. Bilder der Arbeit, wie er sie malt, sind Bilder des Aufstiegs durch harte Handarbeit, haben ihren soziokulturellen Ort allenfalls in den frühen fünfziger Jahren.
Das Zwei‑Welten‑Modell des Norbert Blüm
Die guten und die schlechten Zeiten. „Das nostalgische Schlagwort” von den fünfziger Jahren, so Dieter Bänsch, „appelliert an Vorstellungen von der Einfachheit der Anfänge, der Selbstverständlichkeit von Wachstum, dem gediegenen Aufgehen von Kalkulation. Es verströmt Biedersinn, tüchtig hat es die Ärmel aufgekrempelt, stolz klopft es sich noch in der Erinnerung an die Brust. Es verspricht Zukunft in unserer Vergangenheit.”[85] Die neue Zukunft begann für die CDU in Nordrheinwestfalen Ende Mai 1987 in Essen. Norbert Blüm, „mit der überwältigenden Mehrheit von 95 Prozent der Delegierten” zum Landesvorsitzenden gewählt, stellte sein ‚Programm’ in drei ganz einfachen Sätzen” vor: „Wir fangen neu an. Wir müssen zusammenstehen. Wir wollen gewinnen” und: „Wer quertreibt, den brauchen wir nicht?”[86] Einer der so Ausgegrenzten (Kurt Biedenkopf) bot zwar scharfsichtige Analysen dagegen auf („Die Zukunft wird nicht gewonnen, wenn wir das auf Plakaten aussagen”) und verlangte Konzepte sowohl zur Sanierung der Wirtschaft als auch der Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und stellte gar die allheilenden Kräfte des Marktes in Frage. Doch es war nicht die Stunde der Konzepte und Gedanken, es war die Stunde der Stimmungen und der Bilder: Im Vergleich mit seinem erfolglosen Antipoden, dem basisfernen Professor wurde deutlich, wie sehr Blüm im Zeittrend liegt.
Die Reduktion hochkomplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge auf drei „einfache Sätze” impliziert auch den mentalen Rekurs auf die zwar schweren, aber in besonderem Sinne doch guten Zeiten, wo Gemeinschaft noch etwas galt, wo Fleiß und Bescheidenheit zu Hause waren, man zueinanderstand in Wort und Tat, kurz, wo Tugend kein leeres Wort war. Zutiefst ist Blüms Menschenbild vom Bild der Menschen während der Nachkriegszeit geprägt. Da er der Arbeitsgesellschaft der frühen fünfziger Jahre selbst angehörte (bis 1957 war er Werkzeugmacher bei Opel), ist sein Verständnis für die Generation der heute Älteren und Alten besonders groß: „Ihre Generation hat Erstaunliches geleistet. Ein zerstörtes Deutschland aufgebaut, Schutt und Asche unter Hunger und Kälte weggeräumt. Die Trümmerfrauen des Jahres 1945 waren emanzipierter als manche ihrer Enkelinnen, obwohl sie im Gegensatz zu diesen das Wort nicht kannten…”[87] Das bereits analysierte werbend‑integrative und zugleich aggressiv‑abgrenzende rhetorisch‑semiotische Grundmuster kommt dem Minister bei der Bewertung von Zeiten und Menschen besonders gelegen: „Richtig ist, daß eine Nachkriegsgeneration schon erlebt hat, was Elend bedeutet, und daß die nachwachsende Generation Armut nur aus Erzählungen kennt. Aber es ist ebenso richtig, daß es Gruppen gibt, deren Lebensstil unbeeindruckt ist von der Gefahr des Zusammenbruchs. Es ist eine Art Titanic‑Stimmung: Die Kapelle spielt, die Passagiere tanzen, aber das Schiff liegt längst auf dem Eisberg.”[88] So erscheint Blüm das härtere Leben während der Nachkriegszeit in vieler Hinsicht musterhaft und ein idealer Kontrast zur Verirrtheit und der Verweichlichung einer jüngeren Generation: „Unsere Eltern haben die Nachkriegstrümmer nicht mit Jammern und Selbstmitleid beseitigt, sie haben die Ärmel hochgekrempelt, neue Arbeitsplätze geschaffen und das vollbracht, was die Welt ein Wirtschaftswunder genannt hat. Warum sollen die Nachgeborenen es nicht schaffen, ein Vollbeschäftigungswunder zustande zu bringen? Wir müssen es nur wollen. Selbstmitleid weg! Laßt uns Optimismus verbreiten, laßt uns verbreiten, daß wir es schaffen können, wenn wir nur wollen!”[89] Um die Krise zu bewältigen empfiehlt er der Unternehmerseite die Rückkehr zu alter Frische im klassischen Fünfziger‑Jahre‑Topos: „Ich erwarte, daß die Unternehmer wie alle andern die Ärmel hochkrempeln und endlich mehr Mut zeigen!”[90] Den kleinen Leuten wird die Wiederbelebung der ihnen adäquaten Tugenden verordnet: „Es wird eine neue Musik gespielt, und die heißt Bescheidenheit.”[91] Musterbeispiele hält die Geschichte bereit: „Die Arbeiterfamilie hat nie auf Pump gelebt. Sie hat immer gewußt: Man kann nicht mehr essen als auf dem Tisch steht ‑ und ein Staat kann nicht mehr Geld ausgeben, als er einnimmt. Das entspricht dem Lebensgefühl der Arbeitnehmer.”[92]
Norbert Blüm, 1935 geboren, hat die prägende Phase seines Lebens (Neotoniephase) in den frühen fünfziger Jahren durchlebt. Wie sehr er mental dieser Zeit heute noch verhaftet ist, das zeigt sich sogar an einer für den sonst doch so kühnen Bildproduzenten ungewöhnlich anmutenden Wortklauberei: „Ich wähle… nicht den Begriff ‚Aufschwung’. Das erinnert mich zu sehr an Reckturnen. Ich wähle dafür den Begriff ‚Aufstieg.’”[93] Klaus-Dieter Bamberg konstatiert: „Blüms Orientierung ist im Sinne des Wortes rückschrittlich, weil er oft genug jeweils schlechtere Bedingungen als Norm annimmt und diejenigen, die bessere haben, sozusagen als parasitäre Hedonisten kritisiert.”[94] Die schlechtere Bedingung, die Bedingung von gestern, impliziert für Blüm zwangsläufig ein höheres Tugendniveau. Wein es zu gut geht wie der heutigen jungen Generation, der verirrt sich nicht nur, sondern wird darüber arrogant und ausgesprochen unheroisch; von handfester Arbeit und echten gewerkschaftlichen Kameradschaftsgefühlen beispielsweise hat diese Generation nicht die mindeste Ahnung: „Denen wurde doch noch der Popo mit Penatenereme eingeschmiert, als ich schon Streikposten stand.” Welch großartiger Zusammenhalt der kleinen Leute, sprich Arbeiter, damals vorhanden war, versucht der Minister mit einer weiteren Streikszene aus den fünfziger Jahren zu illustrieren: „Als der Generaldirektor mit seinem großen Cadillac kam, haben wir ihn am Hauptportal mitsamt dem Wagen hochgehoben, umgedreht und abfahren lassen.”[95] Welche Bedeutung dem Cadillac im Geschichtsbild der fünfziger Jahre zukommt, wurde oben im Coca‑Cola‑Kapitel aufgezeigt. Auch Blüm nutzt das Bild, um dagegen das deutsche Arbeits‑ und Gemeinschaftsethos der frühen Jahre effektvoll zu inszenieren. In Wahrheit hat der Lehrling Blüm an keinem Streik teilgenommnen. Ein damaliger Kollege entlarvte des Ministers schönes Bild als eine „von Jugenderinnerungen vergoldete rhetorische Übertreibung”.[96]
Kennzeichen für die heutige Generation ist vor allem ihr überzogenes Anspruchsdenken; schon die Schüler sind infiziert: „Über die Beseitigung von Härten kann man mit mir immer reden, auch beim Schüler‑BAFÖG, wobei es keine Härte ist, wenn der Schüler sich mit Hilfe des staatlichen Geldes kein Moped mehr kaufen kann und nicht mit seiner Freundin zusammen ein Zimmer bezieht, das der Staat bezahlt.”[97]
Ihnen vorgemacht haben es die BAFÖG‑verwöhnten Studenten, deswegen mußte das Ausbildungsförderungsgesetz geändert werden: „Wenn das Darlehen auch dazu beiträgt, daß manche Studenten die Universität nicht mit einem Sanatorium verwechseln oder mit einem Rastplatz, auf dem man überwintern kann, ist das sogar hilfreich.”[98] Die Ausbeuter des Staates sind nach Blüms Verständnis die “Cleveren und Trickreichen”, vornehmlich unter den Studierten, der Lehrer‑ und Beamtenschaft zu finden. Sie haben sich in den Verwaltungs‑ und Staatspositionen festgesetzt, lassen für sich arbeiten und kokettieren noch darüber hinaus mit alternativen Ideen: „Null‑Wachstum ist das Programm der Saturierten, die ihre Wohlstandslangeweile auf Kosten der Maloche der Arbeiter feiern.”[99] Zu den nicht mehr Leistungswilligen, denen es zu gut geht, gesellen sich die Aussteiger: „Ist es nicht eine moderne Form der Ausbeutung, sich unter den Palmen Balis in der Hängematte zu sonnen, alternativ vor sich hinzuleben in dem Wissen, daß eine Sozialhilfe, von Arbeitergroschen finanziert, im Notfall für Lebensunterhalt zur Verfügung steht? Kommunenhaft gepflegte Einigelung junger gesunder Menschen ist nichts anderes als Egoismus, weil sie der Frage aus dem Weg geht, wer denn für die Alten, Kranken und Behinderten arbeitet. Und sie ist Ausbeutung, weil sie den Nachbarn ausnutzt, indem man sich darauf verläßt, daß er seinen Beitrag zur Sozialversicherung bezahlt, den man selber zu zahlen verweigert.”[100]
Neben dem Urlaub will die Aussteiger‑Generation natürlich keineswegs auf das Protestieren verzichten: „Diejenigen, die da um acht Uhr sich den Protestzügen anschließen gegen den Zusammenbruch des Jugendarbeitsschutzes, die haben schon um sieben Uhr frische Brötchen gegessen, wie ich die kenne.”[101] Üppige konsumtive Ausstattung bei gleichzeitiger Leistungsverweigerung und Besserwisserei ist indessen nicht nur hervorstechendes Kennzeichen der Grünen: „Die porschefahrenden Jungsozialisten versuchen der Arbeiterbewegung eine neue Armut aufzuschwatzen.”[102] Was Blüm am Herzen liegt, ist „die alte Leistungsordnung.” Sie „kippt noch nicht, wenn vereinzelte Unternehmersöhne ausflippen oder auch nur zum Playboy degenerieren. Solange die Alternativbewegung eine bürgerliche Mittelschichtenangelegenheit ist, so lange passiert dem System nichts. Erst wenn die Leistungsträger der ‚Oberen’ nicht mehr die Vorbilder der ‚Unteren’ sind, setzt sich Veränderung in Gang. Die Düne kommt in Bewegung.”[103]
Im „hemmungslosen Individualismus” führen die Jungen heutzutage ihren „Generationenegoismus” vor. Generell steht für den Minister außer Frage, daß der kleine Mann, von ihm selbst vorzugsweise konstruiert als der ältere Malocher, Kumpel und Stahlkocher (somit als sein nicht aufgestiegenes alter ego), solidarisch denkt und seine „Groschen” zum Bestand des Gemeinwesens abführt. Dieser Sozialschicht und deren geschichtlichem Ort gilt seine Sympathie, nicht hingegen jenen, die seit der ‚Bildungsrevolution’ Ende der sechziger Jahre die Universitäten besuchten; zunehmend Arbeiterkinder übrigens, die, ausgestattet mit Stipendien, über den zweiten Bildungsweg berufliche Chancen nutzen und gesellschaftliche Positionen erreichen konnten ‑ ganz wie er selbst. Davon freilich will der ehemalige Stipendiat der Stiftung Volkswagenwerk nichts mehr wissen. Wenn es heute in der Dienstleistungs‑ und Freizeitgesellschaft wieder möglich ist, den Mythos von Arbeit und Aufbau politisch so effektvoll zu nutzen, dann bedingt dies zugleich auch immer eine kategorische Entwertung der historisch folgenden Epoche, dem sozialliberalen Jahrzehnt, und die sie repräsentierenden Träger. Blüms Urteil kann deshalb nicht anders ausfallen als: „Die larmoyante Generation hat ausgespielt.”[104]
Blüm bei den Geistern des 19. Jahrhunderts
Genrebilder und Diminutive. Die literarische Empfänglichkeit Blüms ist schon manchem aufgefallen. Franz‑Josef Strauß hat vorgeschlagen, ihn „in den Verein für deutsche Aussprache aufzunehmen”.[105] Als eines seiner Muster(werk)stücke lyrischer und verstechnischer Eleganz gilt seine Büttenrede - sie hat selbst bei seinen härtesten Kritikern rückhaltlose Bewunderung hervorgerufen.[106] Dennoch bleibt die Frage offen: Wo ist die Blümsche Sprache verortet? Wie sind die sprachlichen Bilder strukturiert, die er fortwährend malt? Einen brauchbaren Hinweis gab schon Franz Joseph Degenhardt, der „falsche Töne” vernahm: Blüms Sprache sei eine geplante, sie tue so, als sei sie vom einfachen Mann, ihr Stil sei der „des Biedermeier, einer eingebildeten Epoche, die es so nicht gab. ‚Es ist die Sprache der Philister, die vom Mittelalter träumen und ein knorriges, pfiffiges, biederes deutsches Volk darstellen.’”[107] Blüm selbst hat schon 1973 programmatisch in seinem Aufsatz „Literatur und Politik” über eine literarische Sprache in der Politik nachgedacht. Da heißt es, die „Sterilität der Politik” beruhe „auch auf ihrer Sprache, die gegen Überraschungen immun ist. So könnte eine dogmatische Politik am leichtesten aufgebrochen werden durch eine literarische Sprache.”[108] Besonders eine Handlungsanweisung für seine späteren politischen Großauftritte scheint der Germanist Blüm aus der genauen Beobachtung literarischer Darstellungstechnik gewonnen zu haben: „…der liebevoll sich ins Einzelschicksal versenkende Schriftsteller gewinnt die Zuneigung der Leser.”[109] Auch der Minister packt seine Zuhörer, indem er Menschen gern als singuläre Figuren in Naheinstellung präsentiert: Da ist „die doppelverdienende Lehrerin”, aber auch „die Witwe mit ihren 800 Mark Rente” und ganz besonders der „ehrbare Handwerksmeister”. Hinter der naturalistisch anmutenden Skizzierung versteckt sich eine zutiefst idealische, ja moralische Dimension. Es sind Prototypen der Gesellschaft, oder, übersetzt in das Ausdrucksmedium des 19. Jahrhunderts, Genrebilder, von denen gilt: „Alles Persönliche, Individuelle wird zum Typischen umgestaltet.”[110]
Wie gut Blüm als Politiker, ja als Figur selbst in ein Genrebild des 19. Jahrhundert paßt, bestätigen die Untersuchungen der Kunsthistorikern Ute Immel: „Im Biedermeier wurde geradezu ein Kult mit der Familie getrieben. In ihr sah man die seelische Basis des Daseins, die Möglichkeit zur Verwirklichung von Harmonie, Friede und Güte.”[111] Wir lassen Genrekünstler Blüm eine rührende Szene malen: “Der Familientisch, auf den die Mutter ihr Sonntagsmenü zaubert oder der Vater das Gegrillte serviert, meinetwegen auch die stereotypen Spiegeleier ‑ er ist ein Mittelpunkt unserer Kultur.”[112] Der höchste Begriff familiärer Behaglichkeit, Harmonie und Idylle konnte für die Genrekünstler des 19. Jahrhunderts natürlich vor dem Hintergrund generationenvereinender Anlässe wie Taufen, Hochzeiten, Geburtstagen zur Darstellung gelangen. Blüm: „Ich finde es ein Stück Familie und Menschlichkeit, wenn die Enkelchen ab und zu mal sich bei der Oma etwas abholen und die Oma an Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag auch den Enkeln etwas zukommen läßt. Das ist ein Stück Familienbande, und diese Freude wollen wir beiden nicht nehmen.”[113] Ute Immel geht auch auf die Funktion des Kindes ein: „Vor allem das Kindergenre war beliebt. Für das Biedermeier hatte das Kind… noch einen urbildlichen Sinn. Man sah in ihm das anmutig Naive im Menschen verkörpert. Auch der Kult der Naivität gehörte zum Kennzeichen der Zeit.”[114] Blüms ‚Oma mit Enkelchen’ zeigt indessen schon die der Gattung innewohnende künstlerische Grundproblematik, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer evidenter wird: das Abgleiten in den Kitsch. „Die Genremaler wandten sich zwar dem Alltagstreiben der Menschen zu, aber sie gaben kein Abbild der geschauten Wirklichkeit, sondern sie korrigierten die Natur so, daß die Erscheinung der Welt sentimentalisiert oder verniedlicht wurde”[115] Auch wenn Genremaler Blüm Berufe vorstellt, ist das 19. Jahrhundert, ist die Idylle nah, ersteht wie von Zauberhand eine Dorfgemeinschaft wie bei Max und Moritz[116]:
„Und vielleicht war der alte Ortsbürgermeister nicht nur billiger, sondern auch ‚basisnäher’ als ganze Kompanien von Sozialarbeitern, die jetzt Heimatlosigkeit professionell kompensieren.”[117] Jedermann im Dorfe kannte auch diesen freundlichen älteren Herrn: „Wir müssen den alten Hausarzt aufwerten. Ich glaube, daß er nicht nur Körper repariert, sondern daß er Partner des kranken Menschen ist.”[118] Zu den beiden gesellt sich ein dritter, den der Knabe Norbert schätzen lernte: „Ich kann noch heute gut abschalten und die Welt um mich herum vergessen. In der Zwergschule habe ich es gelernt. Ich nehme an, daß der Dorfschullehrer nie etwas von Didaktik und Curricula gehört hat. Aber er liebte uns: ein Nachfahre des guten alten Pestalozzi.”[119]
Blüms seelischer Verortung im Biedermeier entspricht auch sein Lieblingsdichter, ein lyrischer Genrebildner par excellence: Eduard Mörike.[120] „Immer wieder”, so resumiert Birgit Mayer, „wurden aus seinem (Mörikes) Werk Episoden hervorgehoben, die wie gemalt wirkten oder sich ohne weiteres malen ließen.”[121] Wie sehr Norbert Blüm in Mörikes Sprache und Geist zu leben vermag, zeigt ein Manuskript von 1980: „Es war einmal… auf dem Abstieg vom Kilimandscharo. Drei Tage Aufstieg lagen hinter uns. Nur kurz war das Gipfelglück. Kaum zehn Minuten Aufenthalt. Abwärtsschreitend verschwand der Mond hinter dem Mavesi, rechts ein Afrika von lautloser Weite… Alles lag jetzt wie im Traum hinter uns. Im ‚Vollgefühl der Existenz’ höre ich hinter mir im schwäbischen Tonfall Eduard Mörike. ‚O flaumenleichte Zeit der dunklen Frühe!’”[122] Der sonst so wortreiche Politiker findet seine ureigensten Gipfelglücksgefühle von einem Manne gültig ins Wort gesetzt, der vor mehr als hundert Jahren gelebt hat: „..wie ich in sanfter Wollust meines Daseins glühe”! Und wie der von ihm verehrte Eduard Mörike als Kunstdichter sich programmatisch Naivität (und Vergangenheit) auferlegte, um in einer rauhen Wirklichkeit psychisch überleben zu können, so verordnet sich auch Blüm dieselbe Medizin: „Jüngst morgens auf der Autobahn, nach ermüdender langweiliger Strecke, graute der Morgen belanglos eintönig. Aber indem Mörikes Gedicht mir durch den Kopf schoß, veränderte sich die Welt…”[123] Und als ob Mörike selber spräche, beschreibt der Minister sein „Kräutergärtlein am Vorderhaus”, es enthalte „eine bewußt gewählte Symbolik irdischer Vergänglichkeit, die zu verdrängen mir unschicklich schiene.”[124] Bezeichnend auch, in welchen Bildern er angesichts neuer Technologien und Bildschirmarbeitsplätzen Zuflucht sucht: „Das Auge, wohl das schönste menschliche Organ und vom Dichter als ‚Fenster der Seele’ gepriesen, wird am Bildschirmarbeitsplatz zum zentralen Funktionsträger… Ermüdungen und Überforderungen nach bestimmten Zeiten (sind) unvermeidlich… Der alte Bauer, der blinzelnd vor sein Haus trat, mal gegen und mal mit der Sonne pflügte und abends noch am Kienspan einige Hieroglyphen der Bibel zu entziffern suchte, ließ seinen Augen in allen Phasen genügend Zeit zur Anpassung und Umstellung. Auch der Reiter, der durch einen lichtdurchfluteten Wald galoppiert, mutet seinen Augen vergleichsweise Harmloses zu.”[125] Wie tief müssen die Wurzeln dieses Mannes im 19. Jahrhundert liegen, der da mutmaßt: „Ich habe den Eindruck, daß die Leute vor hundert Jahren mit 35 Jahren zufrieden gestorben sind, während sie sich heute dem achtzigsten Geburtstag entgegenjammern.”[126] Wie sein Souffleur Mörike ist Norbert Blüm ein sentimentalischer Dichter, für beide gilt die Schillersche Definition: „Der Zweck (des sentimentalisch‑idyllischen Dichters) ist überall nur der, den Menschen im Stand der Unschuld, d.h. in einem Zustand der Harmonie und des Friedens mit sich selbst und von draußen darzustellen… Weil diese Unschuld und dieses Glück mit den künstlichen Verhältnissen der größeren Sozietät und mit einem gewissen Grad von Ausbildung und Verfeinerung unverträglich scheinen, so haben die Dichter den Schauplatz der Idylle aus dem Gedränge des bürgerlichen Lebens heraus in den einfachen Hirtenstand verlegt.”[127]
Der sentimentalische Dichter lebt durch Nach‑, durch Anempfindung, er poetisiert eine ihm längst entglittene Wirklichkeit. Für die Genrernalerei gilt ein Gleiches: „Die festgegründete Ordnung früherer Epochen war verloren gegangen. Harmonie und Schönheit der Welt waren fraglich geworden. Als Reaktion auf Materialismus, Vermassung, Industrialisierung und Primat der Naturwissenschaft flüchtete man sich in die erträumten Bereiche der Idylle.”[128]
Die Bedingungen sentimentalisch‑idyllischer Dichtung des Dr. phil. Norbert Sebastian Blüm sind im zwanzigsten Jahrhundert natürlich ganz andere als im Biedermeier. „Du bist Orplid, mein Land”, so hieß es einst bei Mörike und bezeichnete eine märchenhaft‑arkadische Wunschlandschaft - Blüms Orplid, das sind sowohl die noch von Metallstaub und Schweiß gezeichneten Werkstücke der frühen Jahre unserer Republik als auch die scheinbar zeitlosen in Genrebildern dargestellten ewigen Typen und Werte. „Im Medium der Dichtung”, so Christiaan Lucas Hart Nibbrig, „versucht er (Mörike ebenso wie Blüm) ästhetisch zu konstruieren, was ihm im Leben nicht mehr ohne weiteres gegeben ist: eine unmittelbare Begegnung mit Welt, die Erfahrung erfüllter Gegenwart.”[129] Nur so ist es zu verstehen, wenn Blüm heute eine literarische Fiktion wie die Jean Paulsche Hyperidylle vorn Schulmeisterlein Wuz als praktikables Musterbeispiel in Sachen Glückssuche und Genußfähigkeit vorführen kann: Des Schulmeisterleins „Lebensklugheit verschaffte ihm selbst dann schon Glück, wenn es noch bevorstand und selbst dann noch, als es vorbei war, denn in der schlimmen Kälte freute er sich aufs abendliche warme Bett, und in den traurigen Augenblicken erinnerte er sich an die Idylle seiner Kindheit.”[130]
Was zunächst wie einzelne, voneinander getrennte Facetten dieses Mannes erscheint, entpuppt sich schließlich als ein in sich geschlossenes Prisma. In Blüm schwingt immer alles zugleich, verweist eins auf das andere. Darin mag das Geheimnis seiner Wirkung liegen. Schaut man in das Prisma von der Seite ‚Unmittelbarkeit’, so glänzt aus der Tiefe schon ‚Praxis’, ‚Arbeit’, also ‚Handwerk’ herauf. Wendet man es auf die Seite ‚Handwerk’, so schimmern die fünfziger Jahre im Hintergrund; diese wiederum verklären den Vorstellungskomplex des ‚Wir‑Gefühls’, das ‚Wir‑Gefühl’ bringt ‚Heimat’ ins Spiel, ‚Heimat’ wiederum ist zuerst bei der ‚Mutter’ und der ‚Familie’, das Familienbild wiederum ist biedermeierliches Idyll. Zudem verkörpert Blüm regelrecht ein wirkungsvolles ambulantes Kleintheater, indem er selbst in den entworfenen fiktiven Szenen als Hauptakteur auftritt und sie so auf geniale Weise beglaubigt.
Blüm ist für die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine hochaktuelle Mischung: Ästhetik und Weltanschauung des 19. Jahrhunderts gepaart mit der Sozialisation in den fünfziger Jahren. Erich Kästner hatte seinerzeit aus der Perspektive des Zeitgenossen den Geist der fünfziger Jahre in seiner berühmten Formel vom „motorisierten Biedermeier” auf den Punkt gebracht. Es scheint, daß im Opel‑Arbeiter mit der Mörike‑Brille dieses Kästner‑Wort heute erst in voller Leibhaftigkeit faßbar wird.
[1] So Helmut Kohl über Norbert Blüm zu dessen 50. Geburtstag 1985 in: Der Spiegel, Jg. 39, 1985, Nr. 37 vom 9.9.1985, S.17
[2] J. Leinemann: Alles mit ganzem Herzen, aber nichts ganz, in: Der Spiegel, J g. 40, 1986, Nr. 4 vom 20.1.1986, S. 24‑27, S. 24
[3] ebda.
[4] N. Iserlohe (Hrsg.): Unverblümtes von Norbert Blüm, Bergisch Gladbach 1985, S. 210
[5] K.‑D. Bamberg: Der Muntermacher. Aufstieg und Aussichten, Aktivitäten und Ansichten des Norbert Blüm, Marburg 1987, S. 12
[6] S. Krause‑Burger: Norbert Blüm ist Opium für Norbert Blüm, in: Stuttgarter Zeitung vom 5. 12. 1983
[7] zit. Bamberg (1987), S. 21
[8] zit. G. Strack: Norbert Blüms Dilemma, in: Frankfurter Rundschau vom 16.4.1983
[9] Krause‑Burger (1983)
[10] ebda.
[11] Bamberg (1987), S. 13
[12] Roth/D. Rucht (Hrsg.): Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1987, S. 34
[13] ebda.
[14] J. Meyrowitz: Die Fernsehgesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter. Weinheim/ Basel 1987, S. 181ff.
[15] H. Oberreuter: Stimmungsdemokratie. Strömungen im politischen Bewußtsein. Zürich 1987,S. 98
[16] ebda., S. 77
[17] Iserlohe (1985), S. 90
[18] Bamberg (1987), S. 29
[19] Krause‑Burger, zit. Bamberg (1987), S. 29
[20] in: Der Spiegel, Jg. 40,1986, Nr. 4 vom 20.1.1986, S. 24‑27, S. 25
[21] ebda., S. 26
[22] Von Juni 1981 bis Oktober 1982 war Blüm Senator für Bundesangelegenheiten in Berlin.
[23] Iserlohe (1985), S. 210
[24] so Heiner Geißler, in: Der Spiegel, Jg. 40, 1986, Nr. 25 vom 11.5.1987, S. 20
[25] D. Piel: Der fröhliche Sanierer, in: Die Zeit vom 3.6.1983
[26] Iserlohe (1985), S. 22
[27] „Wir sind ein Aufräumkommando, das unter den Bedingungen von Einsturzgefahr arbeiten muß?’ (zit. Iserlohe (1985), S. 11)
[28] „Ich bin der Rettungssanitäter des Sozialstaats und nicht sein Verhinderer”. (Blüm, zit. Frankfurter Rundschau vom 28.10.1985)
[29] „Schließlich war die Feuerwehr Blüm zur Stelle, als der Brand in Rheinhausen losging. Ich habe sofort init den Betriebsräten gesprochen, gleich danach mit den Arbeitgebern,” (Blüm‑Interview, in: Die Zeit vom 4.12.1987)
[30] „…wir standen vor einem Dammbruch, und bei einem Dammbruch kann man nicht kunstvolle Planspiele machen. Da müssen Sandsäcke her und auf die Bruchstelle gelegt werden”. (zit. Bamberg (1987), S. 150)
[31] Bamberg (1987), S. 31
[32] IserIohe (1985), S. 14
[33] Bamberg (1987), S. 297
[34] in: Der Spiegel, Jg. 40, 1986, Nr.4 vom 20.1.1986, S. 24‑27, S. 27
[35] Iserlohe (1985), S. 176. Blüm wurde “Brillenmann des Jahres 1985…
[36] F.J. Degenhardt: Falsche Töne, in: Deutsche Volkszeitung/Die Tat vom 5.7.1985
[37] „Ich brauche keine Wissenschaftler… Mir reicht mein gesunder Menschenverstand”. (zit. Bamberg, (1987), S. 21)
[38] Iserlohe (1985), S. 198
[39] Bamberg (1987), S. 39. Vgl. auch: “Ich rufe Arbeitnehmer und Unternehmer auf‑. Kommt raus aus den Schützengräben der Polemik und setzt euch mit mir an den runden Tisch der Vernunft!’ (zit. Iserlohe (1985), S. 169)
[40] Blüm‑Interview, in: Stern vom 29.7.1982
[41] zit. Bamberg (1987), S. 209
[42] Blüm im ZDF, zit. J. Steffen: Das Blüm‑Buch. Der Sanierer und seine Methoden, Hamburg 1986, S. 111f.
[43] Bamberg (1987), S. 33
[44] in: Der Spiegel, Jg. 40, 1986 vom 20.1.1986, S. 24‑27, S. 25
[45] ebda.
[46] Iserlohe (1985), S. 170. Abgewandelt und auf Investitoren und Unternehmer zugeschnitten heißt der Satz dann: „Laßt tausend mittelständische Blumen blühn!”
[47] in: Der Tagesspiegel vom 7.7.1984
[48] Blüm‑Interview, in: Der Spiegel, 34. Jg. 1980 Nr. 52 vom 22.12.1980, S. 83f.
[49] Blüm‑Interview, in: Die Welt vom 14.9.1979
[50] 0. v. Nell‑Bräuning: Grundsätzliches zur Politik, München 1975, S.27ff.
[51] N. Blüm: Auf einen Fingernagel. Zum 90. Geburtstag von Oswald von Nell‑Breuning SJ am 8. März 1980, in: N. Blüm: Werkstücke. Aufsätze, Essays, Reden, Köln 1980, S. 31‑37,S. 35
[52] ebda.
[53] N. Blüm: Die Braven bewegen nichts, in: Blüm (1980), S. 71‑80, S.75
[54] Iserlohe (1985), S.28
[55] N. Blüm: Der gemachte Mensch, in: Blüm (1980), S. 271
[56] zit. Bamberg (1987), S. 45f.
[57] Blüm: Bleibt dem Alter treu, in: Blüm (1980), S. 196
[58] Iserlohe (1985), S. 179
[59] N. Blüm: Tri‑tra‑traHala ‑ dem Wolf brechen die Zähne aus, in: R. Pörtner (Hrsg.): Mein Elternhaus. Ein deutsches Familienalbum, Düsseldorf/ Wien 1984, S. 324‑329, S. 324
[60] Eine psychoanalytische Untersuchung Norbert Blüms steht noch aus: So vorbildlich das Mutterbild bei Norbert Blüm ausfällt, so sehr schrumpft der Vater zum tri‑tra‑trallalaSpielgenossen unter der Bettdecke.
[61] N. Blüm: Die Arbeit geht weiter. Zur Krise der Erwerbsgesellschaft, München 1983, S. 125
[62] Iserlohe (1985), S. 182
[63] ebda., S. 183
[64] ebda., S. 180
[65] ebda., S. 198
[66] Blüm (1983), S. 13
[67] Iserlohe (1985), S. 199
[68] ebda., S. 198
[69] Blüm (1983), S. 7f.
[70] Iserlohe (1985), S. 37
[71] ebda., S. 33
[72] N. Blüm: Präsidenten, Exzellenzen… in: Iserlohe (1985), S. 216‑ 211. Die weniger humorvollen Passagen gegen die Ärzte und die IG Metall hat Blüms Schriftenherausgeber taktvoll unterdrückt.
[73] zit. Bamberg (1987), S. 11
[74] in: Der Spiegel, Jg. 40, 1986, Nr. 4 vom 20.1.1986, S. 24‑27
[75] Iserlohe (1985), S. 125: “Die Ideologen arbeiten am Reißbrett, wir am Schraubstock”: Gemeint ist in diesem Fall die Wende in Bonn, ebenfalls “ein mühsames Geschäft. Dazu gehört Ausdauer,» Daß ein Typen‑Bild wie “Der Student im 20. Semester” nicht nur eine rhetorische “Figur” bleibt, zeigt die politische Umsetzung im Rahmen der Blürnschen “Gesundheitsreform 1989″: Yer länger als 14 Fachsemester studiert oder 30 Jahre alt geworden ist, kann sich in der Krankenversicherung nicht mehr nach dem günstigen Studententarif ( … ) versichern lassen, sondern muß seine Krankheitskosten künftig selber tragen…” (Badische Zeitung Nr. 289/1988 vom 14.12.88, S. 7)
[76] ebda., S. 116
[77] N. Blüm (1983), S. 84
[78] Ebda.
[79] Blüm beim 10. ordentlichen Gewerkschaftstag der IG Bau, Steine, Erden in Berlin 1979. (zit. Bamberg (1987), S. 22)
[80] ebda, S. 100
[81] ebda. S. 37
[82] N. Blüm: Knappe Arbeit ‑ aber für alle, in: Blüm (1980), S. 223‑ 229, S. 223
[83] Blüm (1983), S. 116
[84] N. Blüm: Mach mal Pause. in: Blüm (1980), S. 260/61
[85] Bänsch (1985), S. 8
[86] zit. Badische Zeitung vom 23. 5. 1987
[87] N. Blüm: Bleibt dem Alter treu. Referat auf dem Deutschen Katholikentag in Berlin, 6. Juni, im Rahmen einer Kundgebung mit Mutter Theresa, Friedensnobelpreisträgerin 1980, in: Blüm (1980), S. 192‑ 200.
[88] Iserlohe (1985), S. 47
[89] ebda, S. 22
[90] ebda, S. 16
[91] in: Der Spiegel, Jg. 40,1986, Nr. 4 vom 20.1.1986, S. 24‑27
[92] Bamberg (1987), S. 12
[93] Iserlohe (1985), S. 18
[94] Bamberg (1987), S. 295
[95] ebda., S. 20
[96] H. Zschiesche, in: Der Spiegel, Jg. 40, 1986, Nr. 15 vom 7.4.1986, S. 133
[97] Iserlohe (1985), S. 20; vgl. auch: “Das Liebesnest des 18‑jährigen kann nicht mit den Knochen des Stahlkochers finanziert werden?’ (zit. Bamberg (1987), S. 177)
[98] Iserlohe (1985), S. 21
[99] ebda., S. 94
[100] ebda., S. 52. Weiche Gruppierung Blüm im Auge hat, ist natürlich klar: “Laumänner, auch wenn sie grün angezogen sind, die sich alternativ entfernen in der Hoffnung auf die von den Proleten bezahlte Sozialhilfe?’ (zit. Bamberg (1987), S. 140)
[101] Iserlohe (1985), S. 87
[102] zit. Bamberg (1987), S. 176
[103] N. Blüm: Aussteigen ‑ aber wohin? in: Besser’s Gourmet Journal, Februar 1980 zit. als Blüm (1980), S. 43‑46
[104] zit. Bamberg (1987), S. 140
[105] Iserlohe (1985), Klappentext
[106] vgl. Barnberg (1987), S. 33f
[107] zit. Barnberg (1987), S. 32
[108] N. Blüm: Literatur und Politik, in: Blüm (1980), S. 207‑213, S. 208
[109] ebda., S. 211
[110] U. Immel: Die deutsche GenremaJerei im 19. Jahrhundert, (Diss.) Heidelberg 1967, S. 53
[111] ebda., S. 24
[112] Blüm (1983), S. 65
[113] Iserlohe (1985), S. 202
[114] Immel (1967), S. 26
[115] ebda., S. 313
[116] Wilhelm Busch scheint auch das Drehbuch für Blürris Weihrauch‑ und.Schwarzpulvergeschichte geschrieben zu haben: Wie die bösen Buben Lehrer Lämpels Pfeife mittels Schwarzpulver zur Explosion brachten, so verfuhr Ministrant Blüm mit dem Weihrauchfäßchen.
[117] Blüm (1980), S. 114
[118] zit. Bamberg (1987), S. 142
[119] in: Pörtner (1984), S. 326
[120] ‚Fragebogen’, in: Magazin der FAZ vom 29. 5. 1987
[121] B. Mayer: Eduard Mörike, Stuttgart 1987, S. 72 (Das Idyllische bei Mörike)
[122] „An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang”. Gedanken zu einem Gedicht von Eduard Mörike, in: Blüm (1980), S. 214‑217, S. 216
[123] ebda, S. 217
[124] Brief Blüms an W. Berning, zit. Der Spiegel, Jg. 42,1987, Nr 30 vom 25.7.1987, S. 155
[125] Blüm (1983), S. 44. Blüm meint Gottfried Kellers ‘Abendlied’, das mit den Versen beginnt: “Augen, meine kleinen Fensterlein/ Schenkt mir schon so lange goldnen Schein…”
[126] Bamberg (1987), S. 198
[127] F. Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung, Stuttgart 1973, S. 76
[128] Immel (1967), S. 313
[129] C. L. H. Nibbrig: Verlorene Unmittelbarkeit. Studien zur Zeiterfahrung und Zeitgestaltung bei Eduard Mörike, Bonn 1973, S. 5
[130] Blüm (1980), S. 46

