Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 520

Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 535

Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 542

Deprecated: Assigning the return value of new by reference is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 578

Deprecated: Function set_magic_quotes_runtime() is deprecated in /www/htdocs/w00af2a0/wp-settings.php on line 18

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::start_lvl() should be compatible with Walker::start_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::end_lvl() should be compatible with Walker::end_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_Page::end_el() should be compatible with Walker::end_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1199

Strict Standards: Declaration of Walker_PageDropdown::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1244

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::start_lvl() should be compatible with Walker::start_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::end_lvl() should be compatible with Walker::end_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_Category::end_el() should be compatible with Walker::end_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1391

Strict Standards: Declaration of Walker_CategoryDropdown::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/classes.php on line 1442

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class wpdb in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/wp-db.php on line 306

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Object_Cache in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/cache.php on line 431

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::start_lvl() should be compatible with Walker::start_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::end_lvl() should be compatible with Walker::end_lvl(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::start_el() should be compatible with Walker::start_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Declaration of Walker_Comment::end_el() should be compatible with Walker::end_el(&$output) in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/comment-template.php on line 1266

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Dependencies in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/class.wp-dependencies.php on line 31

Strict Standards: Redefining already defined constructor for class WP_Http in /www/htdocs/w00af2a0/wp-includes/http.php on line 61
Dirk Schindelbeck » Blog Archiv » Kukirol: Fortsetzung Teil 1

Kukirol: Fortsetzung Teil 1

Was Hans Domizlaff (1892 - 1971) hier im 2. Band seiner “Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Ein Lehrbuch der Markentechnik” (Hamburg 1941) beschreibt, charakterisiert das Erscheinungsbild der Reklame in den zwanziger Jahren treffend. Nicht allein ihre Präsenz im öffentlichen Raum, ob durch Leuchtreklamen, Litfasssäulen oder Verkehrsmittelwerbung nahm in atemberaubenden Tempo zu, auch völlig neue Techniken wir Radiowerbung, farbige Kinofilme, Werbemobile oder Himmelsschrift-Flugnummern wurden nun wie selbstverständlich in ihren Dienst gestellt. Es waren Jahre außerordentlich heftig explodierenden Reklamerummels.

2. Werbefachleute nachgefragt

Natürlich waren nun auch Werbefachleute und -berater gefragt, nicht nur Gebrauchsgrafiker wie vor dem Ersten Weltkrieg. Der erste, der ein entsprechendes Nachschlagewerk auf den Markt brachte, das zugleich als Selbstdarstellungsforum einer ganzen Berufssparte diente, war der Wiener Verleger J. J. Kaindl. Ab 1919 brachte er mehrere Bände zu diversen Facetten der Reklame heraus, 1921 auch „Biographien von verschiedenen Werbefachleuten”, 1928 Bücher und Schriften über Reklame, Plakatkunst, Zeitungswesen, Geschäftsorganisation. Darin trat auch ein gewisser Johannes Iversen auf, der sich mit folgenden Sätzen empfahl:

„Geb. 31. März 1865 in Sommeritz S.-A. (Familie stammt aus Nordschleswig), sechsklassige Volksschule, 1 Jahr Lehrzeit beim Vater als Gärtner, 3 Jahre Lehrzeit als Fleischer, als Handwerksbursche kreuz und quer durch Deutschland. 1885 erste schriftstellerische Versuche, im Jahre 1887/88 Militärzeit, dann Redakteur einer Fachzeitung in Leipzig, später Verleger einer solchen in Hamburg. Schrieb seine Artikel mit Vitriol, infolgedessen Konflikte mit der irdischen Gerechtigkeit. Entzog sich den Huldigungen der Staatsanwaltschaft durch Abreise nach Schweden, hauste dort ein halbes Jahr unter Fischern, dann nach Kopenhagen.
Begründete kleinen Handel mit Gasglühlicht, dann Geschäftsführer der Anzeigenabteilung vom Illustrierten Familien-Journal. Erhöhte dem Umsatz auf das achtzehnfache ohne Vergrößerung des Anzeigenteils. 1901 Begnadigung durch den Hamburger Senat infolge Fürsprache des Kaisers. Rückkehr nach Deutschland. Zunächst bei Scherl, dann bei Anhalt in Kolberg tätig, später im Huckschen Zeitungskonzern usw. Danziger Neueste Nachrichten und Bayrische Zeitung. Seit 1908 freier Werbeberater, half große interessante Konkurrenzkämpfe durchfechten. Wohnsitz abwechselnd München und Jagdhaus in Tirol. 1913 Reise nach Marokko, wo ältester Sohn im Dienste der Mannesmann-Kompagnie verstorben war. 1914 Kriegsfreiwilliger, von der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes für besondere Aufgaben reklamiert, Tätigkeit in Berlin, Bukarest, Brüssel, Bern, Kopenhagen, Stockholm usw., als politischer Agent für Deutschland und Österreich, diplomatischer Kurier und Verbindungsmann mit der ausländischen Presse. Nebenbei ein bisschen freiwillige Arbeit für den Generalstab. 1917 Austritt aus diesem ehrenamtlichen Dienste (wegen Überfluss an Geldmangel), Vorarbeiten für den „Deutschen Werbeunterricht”, dessen Gründung 1919 mit 10.000 gepumpten Papiermark erfolgte. Gleichzeitig Wiederaufnahme der Werbeberatung. 1922 Angliederung des Athenäums, später Umwandlung des Unternehmens in „Vereinigte Füssener Lehranstalten für brieflichen Unterricht G.m.b.H”. Außerdem Erwerb größeren Grundbesitzes (5 Häuser, Wald, Torfmoore usw.). Ständiger Berater einer Reihe großer Firmen, Spezialkenntnisse in Medizin, Zeitungswesen, Landwirtschaft, Lebensmittelbranchen u.a.m. Liebhabereien: Jagd, Politik, alpines Wandern.”

Johannes Iversen 1928

Johannes Iversen 1928


Was ist von jemandem zu halten, der schon weit in seinen Fünfzigern stehend es für nötig erachtete, sich so zu präsentieren? Dass der Mann herumgekommen war und über reichliche Lebenserfahrung verfügte, konnte man ihm abnehmen, andere Angaben, zumal wenn sie vielsagend im Halbdunkel blieben („Konflikte mit der irdischen Gerechtigkeit…”; „ entzog sich den Huldigungen der Staatsanwaltschaft”; „politischer Agent für Deutschland…”; „freiwillige Arbeit für Generalstab”), ließen ihn eher als schillernde Figur, als Hasardeur und Großsprecher erscheinen. Konnte so einer vertrauenswürdig sein?

Die Vermutung, dass Iversens Ausführungen einer näheren Überprüfung nicht standhalten können, erhärtet sich schnell, wenn man Gegenüberlieferungen befragt. Es verdichtet sich der Eindruck, dass er seinen Mund nicht nur gern voll nahm, sondern sich sogar mit fremden Federn schmückte, wenn es ihm geboten erschien. So werden auf der Homepage des noch heute bestehenden Iversen-Instituts in München die Großtaten des Namensgebers  gepriesen:  „Typisch Iversen - immer eine besondere Idee. 1914 ging er als Freiwilliger in den ersten Weltkrieg und bekam schon bald - wohl aufgrund seines Rufes - ein Telegramm des Außenministeriums: Darin rief man ihn nach Berlin, damit er auf dem Balkan die Gegenpropaganda gegen England übernehme. Als er sah, mit welcher Macht die Engländer gegen Deutschland agierten, hatte er eine geniale Idee: Er kaufte - zu Höchstpreisen, versteht sich - die gesamte Druckerschwärze auf dem Balkan auf!” Und weiter heißt es: „Ludwig Roselius, Kommerzialrat, Gründer und Inhaber der Kaffee Hag AG, bewegte Johannes Iversen, den er als hervorragenden Texter für seinen Kaffee schätzte, 1918 zur Gründung eines Fernunterrichts….”

Dass in diesem Zusammenhang der Name des Kaffee-Hag-Erfinders Ludwig Roselius fällt, kommt nicht von ungefähr. Im Jahre 1924 widmete Alfred Faust, ein enger Freund von Roselius, diesem anlässlich seines 50. Geburtstags eine kleine, in nur 150 Exemplaren gedruckte Schrift. Darin heißt es (S. 19) über Roselius, dem vom Auswärtigen Amt aufgrund seines Rufes, ein PR-Talents zu sein, die prodeutsche und antienglische Propaganda auf dem Balkan, insbesondere in Bulgarien, übertragen worden war: „Um die bulgarische Öffentlichkeit durch die Presse deutschfreundlich zu stimmen, entwickelte Roselius eine ungewöhnliche Taktik: Im Gegensatz zu der üblichen Vorgehensweise von Diplomaten, die Presse durch Bestechung oder Lancierung von kostspieligen Artikeln in ihren Dienst zu stellen, kaufte Roselius ‚die gesamte Druckerschwärze des Landes auf und gab das unentbehrliche Schwarz nur an die Zeitungen ab, die deutschfreundlich schrieben oder zu schreiben sich verpflichteten’”. Nicht Iversen also, sondern Roselius hatte die “geniale” Idee…

3. Mit „Wissenschaft” an die Fleischtöpfe

Gleichviel, wenn einer in Iversens Alter (53 Jahre) nach dem verlorenen Krieg 1918 noch zu etwas kommen wollte, dann musste es sehr schnell und mit durchschlagenden Erfolg geschehen. Seit eh und je werben Werbefachleute und solche, die es werden wollen, zuerst und zunächst einmal für sich selbst. Es versteht sich ebenfalls von selbst, dass sie sich als diejenigen anpreisen, welche die Kunst zu werben nachgerade erfunden haben wollen. Auch Iversen machte hier keine Ausnahme. Das probateste Mittel sich als Spezialist zu positionieren, ist eine möglichst Aufsehen erregende Publikation unter eigenem Namen. In Iversens Fall war es der von ihm selbst so benannte „Deutsche Werbe-Unterricht”. Diesen Fernlehrgang in zwölf Lektionen verschickte er unter anderem auch an Kurt Tucholsky. „In seinen Grundzügen” so ließ er im Begleitbrief an den Schriftsteller verlauten, habe er seinen Werbe-Unterricht bereits „im April 1919 während der Räterepublik in München ausgearbeitet, täglich der Verhaftung durch das damals herrschende Heldengesindel gewärtig”.

Der „deutsche Werbe-Unterricht” sollte jedermann in kürzester Zeit zu einem tüchtigen Reklamefachmann ausbilden. In seinen zwölf Heften vermittelte er praktische Unterweisung zu Anzeigensatz, Satztechnik und Wirkungsbeurteilung von Schriftgrößen (1. Buch), Verfassen wirksamer Anzeigentexte (2. Buch), Übungen zur Beurteilung des Insertionswerts von Zeitungen, Reklamebroschüren, Katalogen, Briefbögen usw. (3. Buch), Anleitung zum Abfassen von Werbebriefen, Plakaten, Affichen (4. Buch), Einführung in die „Propaganda” des Lokal- (5. Buch) und Versandgeschäftes (6. Buch), dem werbestrategischen Aufbau eines Markenartikels  (7. Buch) bis hin zur Eigenwerbung („Propaganda”) der Zeitungs- und Zeitschriftenkonzerne (12. Buch).

Bescheidenerer Auftritt der 2. Auflage - Abschied von den allzu großspurigen "vereinigten Füssener Lehranstalten" (s.o.)

Iversens Deutscher-Werbeunterricht (1919/20)

Selbstverständlich suggerierte Iversen, sein Werk sei eine absolute Novität - was so natürlich keinerlei Prüfung standhielt. Bereits 1908 hatte Richard Kropeit seine deutsche Reklame-Schule in zwei Bänden (und 50 Lektionen) herausgebracht.

Schmutztitel von Richard Kropeits Reklameschule

Schmutztitel von Richard Kropeits Reklameschule 1908

Auch Johannes Weidenmüller (1881-1936), der an der Leipziger Handelshochschule unterrichtete, hatte von 1908 ab nicht nur seine monatlich erscheinenden “Monatshefte für den Kaufmann”

Weidenmüllers Schulungshefte zur Kundenwerbung

Weidenmüllers Hefte zur Werbeschulung "für den Kaufmann"

vorgelegt, sondern ab 1916 - unter dem Titel “Weidenmüllers Werbe-Unterricht” auch ein siebenteiliges Lehrwerk zum Selbststudium:

Weidenmüllers Werbe-Unterricht (1916-1919)

Weidenmüllers Werbe-Unterricht (1916-1919)

Neu war - mit Einschränkungen - Iversens „Methode” eines Werbefernlehrgangs. In der Tat hat sich diese Idee bis heute erhalten (vgl. Homepage des noch heute bestehenden Iversen-Instituts in Fürstenzell).

Auf der Homepage des Instituts wird ausgeführt, ihr spiritus rector habe sich seinerzeit mit seinem “deutschen Werbe-Unterricht” gegenüber dem “Lehr-Kursus für Reklame” des Dr. Kurt Friedländer durchgesetzt. Auch das scheint eher das Ergebnis Iversenscher Eigenpropaganda zu sein als der Wahrheit zu entsprechen - schon deshalb, weil seine zwölf Hefte bereits 1919/1920 erschienen, die 13 Lektionen Friedländers aber erst zehn Jahre später.

Kurt Friedländers Reklame-Kursus (1929)

Kurt Friedländers Lehr-Kursus für Reklame (1929 ff.)

Von einer unmittelbaren Konkurrenzsituation kann also nicht die Rede sein. Legt man beide Lehrwerke nebeneinander, springt die deutlich modernere Anmutung des Friedländer-Lehrwerks schon optisch in die Augen. Auf fast jeder Seite finden sich Foto-Illustrationen und –beispiele, wogegen Iversens primitiv daherkommende Heftchen – was freilich den ökonomischen Verhältnissen der Inflationsjahre geschuldet war – höchstens Strichzeichnungen boten und schon Mitte der zwanziger Jahre den gestiegenen Ansprüchen bald nicht mehr genügen konnten. Ähnliches galt dies für die dargestellten Inhalte und Themen.

Die mindestens doppelt so seitenstarken Hefte Friedländers beschäftigten sich ausgiebig mit neuen Werbemitteln und –methoden wie farbigen Kinofilmen, Leuchtreklamen, Radio- und Verkehrsmittelwerbungen, Luftbuchstaben usw. – was bei Iversen noch nicht einmal im Ansatz ein Thema war. So blieb ihm nur, dagegen zu polemisieren und zu behaupten, Friedländer habe sich an “amerikanischen Vorbildern” orientiert. Auch diese Unterstellung hält keiner Überprüfung stand (Es gilt höchstens für Friedländers Buch “Verkäufer. Firma. Kunde. Wie Amerika Verkaufskunst lehrt”, Berlin 1926, aber nicht für seinen Reklame-Kursus). Immer wieder zitiert Friedländer Kupferberg, und über 90 % seiner Arbeitsbeispiele sind der zeitgenössischen deutschen Werbung entnommen. Dass sein “deutscher Werbe-Unterricht” spätestens Ende der zwanziger Jahre nicht mehr konkurrenzfähig war, konnte Iversen selbst nicht verborgen bleiben – und so verlegte er sich in den dreißiger Jahren auf die Erstellung und Zusendung der sogenannten „Iversen-Drucksachen”.

Iversens (links) und Friedländers Lehrwerk

Aus Iversens (links) und Friedländers (rechts) Lehrwerk

Dessenungeachtet sollte auch Friedländers Lehrwerk kein dauerhafter Erfolg beschieden sein. In den Jahren der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise bestand dafür jahrelang kaum Bedarf, und mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war ein von einem Juden verfasster Reklame-Kursus unerwünscht. Schon 1935 wurde er vom nunmehr stromlinienförmig der NS-Ideologie angepassten Fernlehrgang „Erfolgreiche Werbung!“ (in 14 Lektionen) der Siemens-Studien-Gesellschaft für praktische Psychologie eines Dr. Reis/Dr. Mönkemöller ersetzt: „Was hier gelehrt werden soll, ist ehrliche deutsche Werbung – eine Werbung, die bei unbedingtem Erfolgsstreben die Verantwortung dem Volksganzen gegenüber wahrt.“ (S. 9)

Werbe-Lehrwerk nach NS-Prinzipien (1935)

Werbe-Lehrwerk nach NS-Prinzipien (1935)

4. Tucholsky amüsiert sich sehr

Zurück in die frühen zwanziger Jahre: Da ihm Iversen seine Hefte nun schon einmal zugeschickt hatte, wagte Kurt Tucholsky damit einen Selbstversuch. Das Ergebnis ist in der Weltbühne vom 14. Oktober 1920 unter dem Titel „Ich als Reklamefachmann” nachzulesen. Natürlich fiel es satirisch aus. Besonders angetan war Tucholsky von der Aufgabe Nr. 23 aus dem Zweiten Heft: „Machen Sie ein möglichst vollständiges Verzeichnis solcher Eigenschaften und Stichworte über eine Ware, die Sie kennen, bzw. auf einem Gebiete, welches Sie voll beherrschen. Dieses Verzeichnis ist sehr wertvoll und sollte möglichst vervollständigt werden, denn es dient dazu, die Anzeigen gewissermaßen auszupolstern, sie so zu gestalten, daß sie auf die Phantasie wirken.” Tucholskys Kommentar: „Dazu hat Herr Iversen eine Schlagworttabelle abgedruckt mit vielen anpreisenden Bezeichnungen für Tabak, Zigarren, Tinte, Gemüsepflanzen und Möbel. Ich habe gelernt. Jetzt gehts los.

Politik
Feinste Mischung
Statt tägliches Brot
Saubere reine Züge
Aus feinsten Fetten
Tiefschwarz
Alles auf Nut und Feder gearbeitet…

Theater
Überfettet
Weiche Rundungen
Auf der Zunge zerfließend
Nicht an Kleinigkeiten gespart
Ungeahnte Farbenpracht
Mit Liebe gearbeitet

Das Leben
Havanna braun

Wenn ich so weitermache, werde ich schon nach kurzer Zeit in der Lage sein, Herrn Iversen, Füssen in Bayern, ein schönes Anerkennungsschreiben zu schicken: Ich lese die Hefte, die ich besitze, immer wieder durch und komme erst allmählich hinter all die Feinheiten, die mir beim ersten und zweiten Lesen entgangen sind. Da ist kein Wort zuviel oder zuwenig; jedes hat seine Bedeutung. Die Ankunft eines neuen Heftes erwarte ich mit Ungeduld, und kann ich dasselbe jedermann nur sehr empfehlen.

Hochachtend
Peter Panter,
Schriftstellereibesitzer
mit elektrischem Betrieb.”

5. Werbetexten mit Vitriol

„Vitriol ist die veraltete Bezeichnung für die Salze der Schwefelsäure von zweiwertigen Metallen in der Chemie wie Zink-, Eisen- oder Kupfersulfat. Wegen seiner ätzenden Wirkung wurde es zum Färben und Beizen, zur Holzimprägnierung oder zur Unkrautbekämpfung und Desinfektion verwendet.” (aus: wikipedia)

Besonders stolz und überzeugt war Johannes Iversen von seiner Fähigkeit (nach eigenem Bekunden schrieb er ja „mit Vitriol”, also “ätzend”), einen Werbetext so spannend zu gestalten, dass sich niemand seiner Wirkung entziehen konnte. Indessen: Dass Iversen so viel auf das Medium Anzeige gab, belegt, wie sehr er, der immerhin 35 Jahre seines Lebens noch im 19. Jahrhundert zugebracht hatte, dem zu dieser Zeit alles beherrschenden Print-Medium verpflichtet war. Damit blieb der Anzeigenmann Iversen Kind seiner Epoche, nämlich der Annoncenexpeditionen. Für die mit Macht sich jetzt hervordrängenden neuen Medien wie Werbefilm oder Radio hatte er noch keinen Sinn.

Welchen Erfolg hatte Iversen mit seinem Deutschen Werbe-Unterricht? Welche und wie viele Kunden er damit gewann, ist nur noch unvollständig zu rekonstruieren. Wenn er bestimmte Anzeigen in seinem Lehrwerk als musterhaft und nachahmenswert lobte, so stammten sie selbstverständlich aus seiner eigenen Werbepraxis. Aus Rücksicht auf diese Geschäftsbeziehung nannte er freilich etliche seiner Kunden nicht mit ihren wahren Namen, sondern setzte in diesen Fällen in das jeweilige Anzeigenbeispiel einen der üblichen Allerweltsnamen wie Schmidt, Meyer oder Müller ein. Dass Iversen intensiv Werbung für Zigarren und für den Tabakversandhandel gemacht hat, muss - bei einem so starken Raucher - als sicher gelten. Zu oft sind solche Produkte Gegenstand in seinen Lehrheften. Auch für ein Schirmgeschäft muss er intensiv geworben haben. Ob dessen Inhaber ein Robert Schmidt in Leipzig gewesen war, wie in den Anzeigenbeispielen seines Lehrwerks genannt, muss dahingestellt bleiben. Einige seiner Kunden nennt er jedoch beim echten Namen: z.B. die Orthozentrische Kneifergesellschaft Berlin, das Atelier für photographische Bildniskunst Erich Tschentscher in Cöthen sowie die von ihm über alles gelobte Bayerische Zeitung (Münchner Extrablatt, Abendzeitung).

6. Iversen - ein Werbeberater als Zeitgenosse

Johannes Iversen muss ein sehr unangenehmer und streitsüchtiger Zeitgenosse gewesen sein, der die Behörden durch seine ständigen Eingaben und Anträge - z.B. an den Stadtrat seines

Ein typischer Beschwerdebrief Iversens

Ein typischer Beschwerdebrief Iversens (Quelle: Stadtarchiv Füssen)

Wahlwohnorts Füssen - in Atem hielt und bald als notorischer Querulant galt. Ob es um den Besitz eines Berechtigungsausweises zum Fischen ging oder um politische Parolen an öffentlichen Aushangtafeln - der kleinste Anlass reichte aus, um Iversen in Wallung zu bringen, einen im Ton meist unverschämt einherkommenden Beschwerdebrief mit massiven Forderungen an die Behörden zu richten - in der Regel freilich ohne Erfolg. Selbst im fortgeschrittenen Alter mit fast 75 Jahren verlor Iversen von seiner Streitsucht nichts - wie Waltraud Sennebogen in ihrem Buch “Zwischen Kommerz und Ideologie. Berührungspunkte von Wirtschaftswerbung und Propaganda im Nationalsozialismus” schreibt. Noch 1938 beantragte Iversen ein Ehrengerichtsverfahren gegen den stellvertretenden Reichsfachschaftsleiter der NSRDW (Nationalsozialistische Reichsfachschaft deutscher Werbefachleute) Richard Künzler, den er, der ehemals sein Schüler gewesen war, für unfähig und zudem bestechlich hielt. In einem persönlichen Brief an Propagandaminister Joseph Goebbels beschwerte sich Iversen in seiner typischen Vitriol-Manier im Juli 1938 über Künzler: “Wir Werbefachleute sollen doch eine geistige Auslese der Kaufmannschaft sein uns müssen uns als Führer einen Mann gefallen lassen, dessen Allgemeinbildung äußerst mangelhaft ist, wie mir bei einer Firma, bei der er früher angestellt war, und von einem seiner ehemaligen Schulkameraden bestätigt wurde. Solche Missgriffe in der Auswahl der verantwortlichen Personen belasten aber die ganze Sache.” (zit. Sennebogen, S. 170). Doch dieses Mal wurde Iversens Attacke ihm selbst zum Verhängnis. Nicht der Parteigenosse Künzler, sondern er selbst sollte den Schaden davontragen. Am 13. September 1938 wurde er, “dem Werberat seit langem als übler Querulant und Denunziant bekannt”, aus der Reichsfachschaft ausgeschlossen - womit seine Karriere als Werbefachmann endgültig beendet war.

Gleichwohl genoss Iversen in Kollegenkreisen einen geradezu legendären Ruf. Johannes Schmiedchen, der wie auch Iversen 1924 zu den Mitbegründern des Deutschen Werbeklubs gehört hatte, setzte ihm in seinem „Kurzen Beitrag zur Geschichte der deutschen Wirtschaftswerbung, ihrer Männer, ihrer Organisationen, ihrer Presse“1953 ein Denkmal, indem er schrieb, Iversen sei „Deutschlands ältester Werbeberater, vielleicht Deutschlands bester Werbestilist“ gewesen. Ähnlich äußerte sich Hans Wündrich-Meißen (Wuendrich PDF) in der Werbe-Rundschau Heft 1, 1953 und bezeichnet Iversen, dessen besondere Vorliebe ebenso den Frauen (vier Ehen) wie dem Schwarzwälder Kirschwasser und starken Virgina-Zigarren (20 pro Tag) gegolten habe, als „Vater der neuen deutschen Werbung” und “den Mann, der uns die neue Werbeargumentation lehrte. Seine klare, urwüchsige, volkstümlichfrisch zupackende Sprache, seine erstaunliche Fähigkeit, die Leser in jedem Fall zum Lesen und Zuhören zu zwingen, seine drastischen Vergleiche, seine schlagende Argumentation, seine zwingende Überzeugung,  all das ist noch heute unerreicht.  40 bis 50 Jahre sind seine Texte alt,  aber ihre frische Ursprünglichkeit, Prägnanz und Beeinflussungskraft triumphiert heute noch über die Masse anderer Texte. Wir haben heute noch keinen Texter wieder wie Iversen. Ja, seit Iversen haben wir sogar vieles wieder verlernt, vor allem die Technik der prägnanten und suggestiven Argumentation für eine Ware.“

Sicherlich hat es nach Iversen aber auch kaum einen anderen Werbeberater gegeben, der seine Prägung, sein Temperament und auch all seine Ressentiments so ungehemmt in die von ihm gestalteten Texte einbrachte wie dies Iversen zu seiner Zeit noch tun konnte und durfte. Aus seiner deutsch-nationalen Gesinnung machte er nie einen Hehl, wie das Design seiner in den alten Reichsfarben Schwarz-weiß-rot gehaltenen Briefbögen (s. oben) zeigt. Wie viele seiner Werber-Kollegen repräsentiert er in seiner Person als einer der ersten den Typ des gescheiterten Künstlers oder Schriftstellers, der den Bereich der Reklame als lukratives Betätigungsfeld für sein Talent entdeckt. Unter seinesgleichen erregte er damit einhellige Bewunderung, bei „echten“ Dichtern hingegen eher Kopfschütteln oder Schmunzeln.

Weiter zu Fortsetzung 2

Zurück zum Eingangstext

Schlagworte: »

Autor: Dirk Schindelbeck
Datum: Sonntag, 16. August 2009 15:15
Themengebiet: Reklame & Werbung